Carnotensis, Arnoldus - Auf Laetare.

Carnotensis, Arnoldus - Auf Laetare.

Sieben Worte.

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Christus ruft: „Eli, Eli, lama asabthani?“ Darin soll kein Vorwurf gegen den Vater liegen, daß er spricht, er sei verlassen, soll nicht den Schein erwecken, als ob ihm wider seinen Willen die Schmach des Kreuzes auferlegt worden wäre. Hat er doch freiwillig seine Arme dem Schandpfahl, seine Hände den Nägeln dargeboten. Sondern diese Frage sollte die Höhe und Tiefe seines Gehorsams gerade in der Stunde klar legen, wo er im Verhältniß zum Vater zugleich als kleiner und gleich sich erwies.

Schon beginnt das Ende der Erniedrigung und der Anfang der Erhöhung. Was Juden und Griechen an Christo für thöricht und schwach halten, das ist stärker und weiter, als alle Stärke und Weisheit der Menschen.

Nach seiner Knechtsgestalt schämt er sich nicht des Dienstes, zu dem er gesandt war, verhehlt er nicht, daß die Natur seines Fleisches dem Leiden und Tode unterworfen ist. Gerade dadurch erregt der treue Mittler das Wohlgefallen des Vaters, daß er weder eine Niedrigkeit verleugnet, noch es für einen Raub hält, ein Machtwort zu sprechen, und den Vater als seines Gleichen anzureden. So nennt er ihn denn seinen Gott, damit Niemand denke, das Eigenthümliche, was dem einen gegenüber dem andern zukommt, sei dem andern fremd, damit Niemand das, was beiden gemeinsam scheint, aus einander zu reißen wage, als sei es nur einem von beiden zugetheilt. Die Gemeinsamkeit der göttlichen Natur zwischen Vater und Sohn läßt keine Scheidung zu. Obschon hier ein Unterschied der Personen. Statt hat, so ist doch die Göttlichkeit und natürliche Wesensbeschaffenheit ein und dieselbe. Er nennt ihn den Seinen, um dadurch kund zu geben, daß er, der sein ist, in keinem Dinge ihm entgegen sein kann. Er nennt ihn seinen Gott, um uns anzudeuten, daß wir vor einem Richter, auf den er, weil er sein ist, Einfluß zu üben vermag, gar keine Furcht zu haben brauchen, und daß wir zu dem einen freien offenen Zugang haben, den er nicht als einen Fremden, sondern als den Seinen anredet. Nicht minder verlangt das größte Vertrauen seine innige Verbrüderung mit uns, die dem Vater gegenüber die Angst der Verlassenen in dem Grade auf sich nimmt, daß er hiebei, und zwar in vollkommener Freiwilligkeit, nicht ansteht auch sich selber einen Verlassenen zu nennen. Es ist vollständig unmöglich, daß er um seiner guten Absicht willen bei seinem gütigen Vater in Ungnade fallen, und nicht vielmehr die überaus gnadenreiche Bruderliebe seines lieben Sohnes des Vaters Wohlgefallen erwecken sollte. Daß aber der Sohn seine Verlassenheit ausdrücklich erwähnt, scheint auf die Nothwendigkeit eines Lohnes für seinen Gehorsam hinzudeuten. Es läßt auch die Belohnung nicht lange auf sich warten, von der er, der im Gehorsam dem Tode entgegengeht, so zuversichtlich behauptet, daß sie ihm gebühre. Er spricht: „Warum hast du mich verlassen?“ Die Tiefen dieses Geheimnisses konnte die Welt noch nicht begreifen, es war die Wirkung des so wunderbaren Vorganges damals noch nicht ans Licht getreten.

Darum war es nothwendig, daß sowohl Werth als Kraft dieses vollkommenen Opfers näher erklärt und den Hörern des Evangeliums aus dem vorliegenden vorbildlichen Falle die Lehre einge prägt würde, daß hinfort ein. Jeder durch sein eigenes Blut in das Allerheiligste eingehen müsse, und daß nun das Ende herbei gekommen sei jener bis dahin gültigen Versöhnung, die durch fremdes Blut geschah. Es müßte ja alles Ansehen der Religion zu Grunde und zu Nichte gehen, wenn sie noch einmal nur auf die Vorbilder und Schatten der Wahrheit verweisen, und nicht vielmehr die Wahrheit selber geben, der Böcke und der Kälber Blut abthun, auf dem inwendigen Altare des Herzens die Flamme reiner Gottesverehrung anzünden und statt der Turteltauben und jungen Tauben fromme und heilige Gefühle darbringen wollte. Christus wird verlassen gleichwie Jonas der Prophet, der ins Meer geworfen und vom Bauche des Fisches aufgenommen ward. Aber nahe war die „frühe Errettung“, von der zu vor der Vater zum Sohne gesprochen: „Erhebe dich, meine Ehre!“ und der Sohn zum Vater: „Frühe will ich auf wachen!“ Das Schiff war entmastet, das Steuer zerbrochen, aber mit Hülfe der Trümmer weiß der große Steuermann das Schiffsgeräthe zur Fahrt wiederum zuzurüsten. Seine Sache schien verloren, als er im Grabe verschlossen lag; aber nach Ueberwindung des Todes trat er als Sieger hervor und bedrohete den Wind und das Meer. Auch der höllische Feind ward starr vor Schrecken seinem Richter gegenüber, in dessen Fleisch er seine Krallen geschlagen und den er gleichsam als eine sonderliche Beute zu sich hinabgezogen hatte, weil er gewohnt ist, keinen Unterschied zu machen. Freilich der Psalm, der die Ueberschrift trägt: „Von der Hindin, die frühe gejagt wird“, läßt in seinen ersten Worten Christum also reden: „Mein Gott, mein Gott, wende dich zu mir, warum hast du mich verlassen?“ Aber das sind die Worte der Verlassenen, d. h. sie sind aus der Person derer herausgeredet, mit denen er sich vereinigt hatte, denen er gleich geworden war in allen Stücken, jedoch ohne Sünde. Die Sünder, um deren willen er gekommen, deren Haupt er war, nennt er die Seinen; er hielt es für unangemessen, daß seine Glieder von ihm abgetrennt würden. Verlangst du allerdings einen Leib, der ohne Flecken und Makel ist, so mußt du das Haupt ohne Leib hinstellen; es wird aber seine Güte. Niemand nütze sein, wenn nicht unterhalb desselben das Schwache ist, das der Leitung bedarf. So führt denn das Haupt die Sache seines Leibes. Es leidet der um seine Kranken besorgte Arzt in dem Grade mit, daß er sogar nicht verschmäht an seinem Theile selbst mit zu erkranken; ja, um es noch stärker auszudrücken, daß der zum Sünder wird, der die Sünde ausrottete. Der Theil, der da leidet, wird verlassen. Seiner leidenslosen göttlichen Natur aber ist es durchaus unmöglich Unbill und Leiden zu empfinden. Seine Gottheit entzieht sich den Leiden; es ist das allein die Sache seines Fleisches. Nur dem Fleische nach ward er verlassen, wie das der Sohn selbst andeutet, damit in allen Stücken klar wäre, was der gesunde Glaube für Wahrheit zu halten hat, damit offenbar wäre, daß er, soweit er Gott ist, in keiner Weise dem Tode verfällt, und soweit er Mensch ist, zum Zwecke der Versöhnung eine Zeit lang dem Tode und der Verlassenheit hingegeben wird. Er wird also mit den Verlassenen verlassen, und für die Natur, die er an sich genommen hatte, zahlt er den Tribut. Er wollte mit sich sein Geschlecht über das Meer dieser Welt hinüberführen, und bot darum den räuberischen Piraten sein Fleisch zum Lohne für unbelästigte Fahrt an. Er täuschte ihren gefräßigen Rachen mit einem Köder, der ihnen im Schlunde stecken blieb, und rettete und barg sowohl sich, als seine Beute. Für die Schuldner trat er als Schuldner ein. Er nahm freiwillig die Schuld auf sich, die er nicht selber gemacht hatte. Darum hat auch der Gläubiger die ganze Summe der Schuld von dem eingetrieben, der sich für Alle zum Bürgen stellte. Er sieht sich eine kleine Zeit verlassen und meint ganz vergehen zu müssen; aber eine freiwillige tiefe Erniedrigung war voll der stärksten Machterweisungen. Jener bittere Kelch war das wirksamste Gegenmittel gegen das Gift der bösen Begier, das von Alters dem menschlichen Geschlechte eingeflößt war, und mit einem Male ward die Befleckung mit dem alten Sauerteige völlig hinweggethan. So hat denn Christus mit seinen am Kreuze ausgebreiteten Armen seinen ganzen Leib umfaßt, der unter ihm war. Unter den Flügeln des Kreuzes hat er unser ganzes Geschlecht versammelt, geschirmt und gewärmt, gerade damals, als er nichts zu vermögen schien. Gerade damals, als man ihn für besiegt hielt, hat er das Panier des größten Sieges emporgehoben. Denn weder vermochte der Tod ihn für immer in seiner Gewalt zu behalten, noch konnte der Vater dem Sohne irgendwie das Recht der Sündenvergebung verweigern, das die zu seinen Füßen liegende Liebe begehrte. Darum erhielt ein geneigtes Haupt die Erlaubniß dem Leibe Sünde zu vergeben, und kraft seines durchstochenen Scheitels ging den Gliedern neue Kraft zu. Auf diesem Wege sollte erreicht werden, daß die Menschen die Versöhnung nicht gleichgültig hinnehmen könnten, sondern immer bedenken und erwägen müßten, wie viel sie Christo schuldig seien, der für sie starb. Wir sollten unsere Augen fest auf diesen Beweis seiner Liebe richten, es sollte uns das ein lebengebendes Zeugniß, ein lautredendes Vorbild bleiben. Aber auch für uns, die wir so oft verlassen dastehen, als Versuchung uns ernstlich heimsucht, ist es kein überflüssiges Beginnen, den Gründen unserer Verlassenheit nachzuspüren und, wenn wir sie erkannt haben, Gegenmittel aufzusuchen. Denn in einem Geiste, der sich mit vorsichtiger Wachsamkeit zu schirmen sucht, kann heimlich einschleichende Sünde sich nicht auf die Länge halten. Bisweilen werden wir verlassen, weil wir diese Sorge hintansetzen. Dann mahnt uns die Schmach, die uns von der Sünde hinweg scheuchen will, größere Sorgfalt anzuwenden; es heilt uns die Verwirrung, die dann und wann unsere Nachlässigkeit anrichtet; Manche drängt auch das spöttische Spiel, das die Versuchung mit ihnen treibt, zum Bekenntniß, als zu einem wirksamen Gegenmittel der Sünde, Zuflucht zu nehmen. Hochmuth wird oft durch Fall, Vermessenheit durch Niederlage gestraft. Die Frömmigkeit erleidet Angriffe, damit sie nicht stolz, Versuchung, damit sie geübt werde; sie wird eine kleine Zeit verlassen, und dann wird sie wieder mit Ehre und Schmuck gekrönet. Sie strauchelt und wird wieder aufgerichtet; die Kraft entgeht ihr, sie ist sich selbst zu helfen unvermögend, damit sie wieder zum Arzte ihre Zuflucht nehme. Zu solchen in unser Innerstes eingreifenden Gedanken soll jene Frage Christi am Kreuz uns anregen, so oft fleischliche Versuchung uns verschont oder geistlicher Hochmuth uns eine wunderbar erhabene Stellung zuweist. Doch ist anderseits das immer wieder erneute Erwachen sündlicher Lust nicht für unbedingt todbringend zu halten. Es stellt sich ihm ja die Vernunft entgegen und hält dem schlangengleich vorwärts kriechenden Aussatze ein glühendes Eisen vor.

Und sollten auch schon die angefachten Kohlen mächtige Rauchwolken ausstoßen, und die gefräßigen Flammen über das Dach des Hauses hinaus schlagen, ein einiges Tröpflein der Gnade, ein schneller Blick der Erbarmung läßt sie mit. Einem Male in Asche zusammensinken; und der durch Gottes Macht gestillte Sturm, der für so verderblich erachtet wurde, muß zum Troste gereichen; und was verlassen und vergessen schien, steht da in Gnaden und Ehren. Amen.

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