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Calvin, Jean – Hiob 5, 11-16

Calvin, Jean – Hiob 5, 11-16

11) Bei ihm steht es, die Verachteten zu erhöhen und denen, die betrübten Herzens sind, zu helfen. 12) Er macht zunichte die Gedanken der Boshaften, so dass ihre Hände nicht ausrichten, was sie vornehmen. 13) Er fängt die Weisen in ihrer List, und der Rat der Schlauen wird zerstört, 14) so dass sie am Mittag im Finstern wandeln und sich am hellen Tag wie in der Nacht einher tasten. 15) Den Bedrängten rettet er vom Schwert, vom Mund und der Hand derer, die ihm zu stark sind. 16) Also ist noch eine Hoffnung übrig für den Bedrängten, und die Bosheit wird den Mund schließen.

Das ist ein denkwürdiger Spruch: Gott erhöhet die Verachteten. Wenn die Hoffärtigen uns unterdrücken und uns scheinbar ganz in den Abgrund stürzen, so dürfen wir zu Gott unsere Zuflucht nehmen. Er hilft denen, die betrübten Herzens sind. So lasst uns denn unsern Gott anrufen, weil er sich selbst das Amt beilegt, die zu retten, die in solchen Ängsten sind, dass sie sich nicht mehr zu helfen wissen. Gewiss, Gott könnte den Seinen wohl ein solches Glück bescheren, dass sie nicht mehr angefochten würden; aber er hat guten Grund, das nicht zu tun. Denn der Mensch ist von Natur voller Hoffart, und wenn sie nicht zutage tritt, so liegt doch ihr Same im Herzen versteckt. Dagegen muss Gott ein Mittel gebrauchen, und das Mittel besteht darin, dass er uns durch Trübsal zähmt. Gewiss, es gibt Menschen genug, die Widerwärtigkeit leiden, ohne sich doch deshalb zu demütigen. Denn wie ein wildes Pferd sich lieber schlagen und mit Sporen blutig reißen lässt, als dass es gehorchte, so ist es auch mit den völlig Verstockten. Aber wenn Gott die Menschen bändigen will, so schickt er ihnen so harte Trübsale, dass sie ihnen zur Arznei werden, die sie von solchem Stolz und solcher Vermessenheit reinigt, wovon sie sonst nie frei würden.

Wenn uns also die Menschen mit Füßen treten, so dass es aussieht, als sollten wir gänzlich zugrunde gehen, so lasst uns doch nicht daran zweifeln, er werde seine Verheißung erfüllen! Denn er hat doch seine Natur nicht vergessen, und er wird sich uns erzeigen als der, der er von Anfang war. Darum pflegt er auch zu erniedrigen, die irgendwie zu Würden und Ehren erhoben sind. Wenn man solche Veränderungen sieht, möchte man denken: Das macht das Glücksrad, das sich also drehet. Und die Gottlosen murren: Gott spielt mit den Menschen wie mit einem Ball. Aber es kommt nur auf Rechnung des Undanks derer, die so zu Würden gelangt sind, denn sie wollen nichts davon wissen, woher ihnen ihr Glück gekommen ist, und sie sind von ihrer Größe so berauscht, dass sie Gott trotzen und über die Stränge schlagen; darum muss Gott solchen Trotz zerbrechen. Er muss ihnen zeigen, dass sie nichts sind und dass er über ihre Hoffart lacht. Darum müssen die, die zu hohen Ehren gekommen sind, in Vorsicht und in der Furcht Gottes wandeln.

Die Geringen und Verachteten aber haben genug, womit sie sich trösten können: sie haben ja die Verheißung, dass es bei Gott steht, denen zu helfen, die in Ängsten sind. Und ist das auch nicht immer mit Augen zu sehen, so ist es doch so: wer wirklich traurigen Herzens ist, wer so zerschlagen ist, dass er sich zu Gott flüchtet und nur noch Erleichterung von ihm sich wünscht, der wird merken, wie wahr dies Wort ist. Das lehrt uns alle doch die Erfahrung, wie Gott die Verachteten erhöht; denn wer sind wir von Natur? In welchem Zustand findet Gott uns vor, wenn er uns zu seinen Kindern macht? Stecken wir nicht bis über die Ohren in Schmutz und Unrat? Muss er uns nicht geradezu aus dem Abgrund der Hölle ziehen? Denn man mag sagen, was man will: von Natur sind wir verflucht; wir tragen nichts an uns, als das Bild des Todes; nichts als Sünde ist in uns, und wir sind wie ein Kind, das von seiner Mutter Leibe kommt, von einer Mutter, die selbst voll Verderbens ist (nach Ezech. 16, 4). So sieht es mit uns aus, ehe Gott uns gereinigt hat. Wie hoch hat uns also Gott erhoben! Er beruft uns zur Hoffnung des Himmelreichs und des ewigen Lebens, er reißt uns aus dem Abgrund des Todes, er reinigt uns von unserem Schmutz – sollte er das nicht auch in Zukunft tun?

Er macht zunichte die Gedanken der Boshaftigen, so dass ihre Hände nicht ausrichten, was sie vornehmen. Das ist ein zweiter Trost. Gewiss, Gott führt nicht immer einen offenen Krieg gegen uns, aber unmöglich können die Kinder Gottes in dieser Welt jemals ohne vielerlei Gefahr leben. Warum? Weil sie in Einfalt wandeln sollen. Gewiss, auch klug müssen sie sein, und der Herr gibt ihnen auch, was sie an Klugheit bedürfen, aber mit List und Trug und bösen Anschlägen dürfen sie nicht umgehen. Sind sie unter den Wölfen, so müssen sie Lämmer und Schafe sein; sind sie unter den Füchsen, müssen sie sein wie Tauben, so einfältig, wie Gott sie haben will. Nun aber ist die Welt voller Bosheit, und brave Menschen sind dünne gesät. Gäbe sich nun Gott keine Mühe, die Ratschläge der Bösen zu durchkreuzen, wie würde es uns wohl ergehen? Würden wir nicht alle Tage hundertmal zugrunde gehen? Gott im Himmel ist wachsam darauf bedacht, die Anschläge der Gottlosen gegen uns zu zerstreuen. Es wäre für uns eine schwere Anfechtung, sehen zu müssen, wie man auf uns lauert, wie man uns ausspioniert, wie man uns nur immer überfallen und hintergehen will – das wäre für uns ein Anreiz, Gleiches mit Gleichem zu vergelten: Ich habe es mit einem Fuchs zu tun, ich muss also gut aufpassen! Gegen einen solchen Fuchs muss ich ein doppelter Fuchs sein! So geneigt sind wir zum Bösen, so geneigt, aus einem Teufel zwei zu machen, wenn die Bosheit der Menschen uns so zusetzt! Das einzige, was uns dann im Gehorsam Gottes erhält und uns in seiner Furcht einfältig wandeln lehrt, ist die Gewissheit, dass Gott unser Schild ist und allen Bosheiten, die man uns antut, begegnen wird.

Das bestätigt die alltägliche Erfahrung. Hielte Gott seine Kinder nicht in seinem Schutz, um sie zu retten aus den Stricken und Listen derer, die sie hintergehen wollen, so würden sie jeden Augenblick betrogen. Wenn ein jeder an sich selber denkt, so mag man wohl sagen: Die Welt ist voller Bosheit, man weiß nicht, wem man noch trauen soll; wohin man sich wendet, überall ist man in Gefahr, betrogen zu werden, es gibt nicht Treu noch Glauben mehr, weder bei Verwandten noch bei Freunden. Wenn wir so klagen müssen, so lasst uns bedenken: Gott ist unser Hüter. Betrogen werden wir alle Tage – was würde denn aus uns werden, wenn Gott uns nicht beistünde?

Er fängt die Weisen in ihrer List. Bisweilen blendet Gott die, die sich für sehr klug und geschickt halten, so dass sie nackt und bloß dastehen. Aber wenn er ihnen auch den Zügel schießen lässt, so sieht man am Ende doch, dass es mit all ihren Anschlägen nichts ist, dass ihnen alles unter den Händen zerrinnt. Gewiss, wir wissen nicht, wie das zugeht; Gott wirkt eben auf wunderbare Art, und umso heller tritt seine Gnade hervor. Gott kann der Gottlosen Hände binden, dass sie nichts mehr können.

So dass sie am Mittag im Finstern wandeln und sich am hellen Tag wie in der Nacht einher tasten müssen. Wenn Gott unsere Feinde nicht daran hindert, klug zu sein, es uns aber an Klugheit mangeln lässt, so geraten wir in Verzweiflung, und es dünkt uns: Wollte Gott uns wirklich helfen, so würde er jetzt hervortreten und nicht so lange warten. Aber er wird schon zu rechter Zeit kommen, uns aus ihren Händen zu retten. Bisweilen aber wartet er nicht so lange, sondern erbarmt sich unserer Not, und wenn er sieht, dass uns auch das Geringste bange macht, so kommt er dem zuvor und eilt zu unserer Hilfe herbei. Unsere Feinde sind klug und gescheit, ja noch mehr, sie sind in allen Ränken geübt, so dass man denken sollte, alle listigen Anschläge der Welt seien durch ihr Gehirn hindurchgegangen. Ja, da mag man wohl bange werden, wenn man sieht, dass sie alle Listen und Ränke aus Erfahrung kennen. Gott aber kann sie dermaßen betören, dass sie werden wie das unvernünftige Vieh; in Dingen, worin man sie für überaus geschickt hielt, benehmen sie sich wie kleine Kinder, so dass man sich wundern muss, sie Dinge reden zu hören, in denen weder Sinn noch Verstand ist. Und wie kommt das? Gott schickt ihnen einen Schwindelgeist, so dass sie taumeln, ohne dass sie Wein getrunken hätten.

Wenn wir also unsere Feinde alles, was sie können, gegen uns ins Werk setzen sehen, so können wir ihnen trotzig entgegentreten in der Gewissheit: Gott wird all ihr Vorhaben zunichte machen. Es war auch eine große Heeresmacht aufgeboten wider die Stadt Jerusalem, und der arme König Hiskia kam in große Not, ja, er machte gar nicht den Versuch, seinem Feinde entgegenzutreten, weil er ihm doch nicht gewachsen war, sondern er wollte den Frieden erkaufen, er beraubte sich seines ganzen Schatzes, er ließ es sich gefallen, dass der Tempel ausgeplündert ward, dass nicht eines Pfennigs Wert in Jerusalem blieb und sein eigener Palast all seines Reichtums beraubt wurde. Nichts anderes wollte der arme König, als die geforderten Kriegskosten bezahlen, nur um dem Rachen des Löwen zu entgehen. So schien es, als müssten sie alle zugrunde gehen. Überdem aber schickt Gott seinen Propheten, und der spottet der Feinde: „Beschließet einen Rat, und es werde nichts daraus! Beredet euch, und es bestehe nicht!“ (Jes 8, 10). Denn der Herr widersetzt sich all euren Anschlägen, um sein Volk und seine Kirche zu erhalten!

Vor allem aber, wenn die Gottlosen uns des Evangeliums wegen verfolgen – nur getrost: in diesem Falle wird Gott einen besonderen Beweis seiner Stärke geben! So ist es heute: die Feinde Gottes sind voller List, ihr Meister, der Teufel, hat in ihnen seine wohl gerüstete Werkstätte; wenn der Papst und die Seinen nicht schon selbst über viel List verfügten, so würde der Teufel ihnen genug Ränke schmieden. Was sollen wir da anders tun, als geduldig warten? Gott kann ihre Hände wohl gebunden halten; wenn ihr Gehirn alle möglichen Listen ausgeheckt hat und sie den ganzen Erdkreis durchziehen, ja über die Wolken hinaufsteigen, so wird doch Gott nicht zulassen, dass sie auch nur den geringsten Erfolg haben; und die sich für so weise halten, kann er leicht dumm und stumpf machen, so dass die kleinen Kinder sich über ihre Dummheit lustig machen können. Und so ist es doch heute! Wenn man bedenkt, wie doch heute die Wahrheit Gottes von den Helfershelfern des Papstes bekämpft wird, so sehen wir ja: sie sind so stumpf, dass man nicht begreift, wie vernünftige Menschen so töricht sein können. Ja, es sieht aus, als hätten die Allergeschicktesten mit uns ein heimliches Komplott geschmiedet und als hätten wir ihnen Geld gegeben, wenn sie sich über den Antichristen lustig machten. Ihm, ihrem Meister, wollen sie zu Gefallen sein – und dabei beschmutzen sie ihn nur umso mehr! Ja, liest man ihre Bücher. so sollte man meinen, sie redeten uns zu Gefallen, und von mir weiß ich es gewiss. Woher kommt das? Ohne Zweifel erfüllt Gott an ihnen, was hier gesagt ist, ja, ich weiß es ganz bestimmt. Weil uns also Gott in Wirklichkeit zeigt, dass er mit diesem Wort nichts Unnützes sagt, so wollen wir davor stillstehen und keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass er alle Schliche und Machenschaften derer, die sich als die Allergeschicktesten ausgeben, zu Schanden machen kann, ja dass sie am hellen Mittag umhertappen müssen, als tappten sie mit blinden Augen in der Finsternis. Wenn Eliphas das Wort „Weisheit“ braucht, so macht er es im Sinne der Menschen, die sich der Weisheit rühmen. Die Weisheit ist ein sonderliches Gottesgeschenk, es ist um sie etwas Gutes und Löbliches; denn woher kommt sie anders als aus dem Heiligen Geist, der ihr Quell und Ursprung ist, wie es auch die Heilige Schrift uns zeigt? Wenn aber die Weisheit eine so vortreffliche Sache ist, wie kann man sie denn verdammen? O das ist sicher: Was wir an Geist und Scharfsinn bei den schlechten Menschen und Gottesfeinden sehen, das verdient den Namen Weisheit nicht! Ein Mensch braucht gar nicht ehrenhaft zu sein, er braucht gar kein rechtschaffener Mensch zu sein, um als „weise“ zu gelten – er braucht sich nur über die ganze Welt lustig zu machen, er braucht nur vorwärts zu kommen, er braucht nur Schönfärberei zu verstehen, um die Leute zu täuschen und zu blenden. „O, das ist ein kluger Mann!“ – und dabei ist er nichts anderes als ein Heuchler und Betrüger. Und will einer in Einfalt und Redlichkeit wandeln und niemandem Unrecht tun, dann muss er für einen Einfaltspinsel gelten, für einen Idioten, wenn er auch klug genug ist und selbst die Bösen bekennen müssen: Wenn der sich vorwärts bringen wollte, klug genug wäre er dazu, aber er ist zu lässig, er ist zufrieden, wenn er faulenzen kann, er setzt nichts aufs Spiel! Und warum urteilt die Welt so? Gerade weil er sich in keine Betrügereien einlässt wie die andern. Weil also die Welt das Wort Weisheit im Munde führt und es entweiht, deshalb will Eliphas sagen: Gut, setzen wir den Fall, diese schlauen Leute wären weise, wie sie sich selber nennen und wie auch die andern sie dafür halten – gewiss, sie sind es nicht, aber ich lasse ihnen die Bezeichnung: Gott wird sie zu finden wissen in ihrer Bosheit. So will er uns zeigen, dass diese Weisheit, auf die die Bösen so stolz sind, solch eine ehrenwerte Bezeichnung gar nicht verdient. Denn es ist ja, mit einem Wort, nur Schlauheit.

Vor allen Dingen wenn es sich darum handelt, wie wir vor Gott wandeln sollen, müssen wir alle Arglist ablegen; denn die schlimmste Arglist, die es in der Welt geben kann, besteht darin, dass die Menschen Gott betrügen wollen – nicht dass sie das mit dürren Worten sagten, aber es steht in ihrem Herzen geschrieben. Auch der Prophet Jesaja sagt nicht ohne Grund: „Weh, die verborgen sein wollen vor dem Herrn, ihr Vornehmen zu verhehlen, und ihr Tun im Finstern halten und sprechen: Wer siehet uns? Und wer kennet uns?“ (Jes 29, 15). So ist es heute überall: man möchte sich vor Gott verstecken. Wie denkt man an Gott? Jeder denkt, er sei schlau genug, um seinen Händen zu entwischen. Darum springen die gottlosen Verächter Gottes ausgelassen umher und wollen sich glauben machen, es sei nur Dummheit von uns, wenn wir das künftige Gericht fürchten. Und wenn sie sehen, dass wir dabei bleiben, das Volk zu ermahnen, es solle Gottes Zorn und Rache fürchten, so machen sie sich darüber lustig: „Ach, die Leute quälen sich unnütz, wir aber wollen lustig und guter Dinge sein; müssen wir einmal vor Gott kommen, so ist der Termin des Geldes wohl wert!“ Solche teuflischen Gotteslästerungen kann man heute hören. Kurzum, die Gottlosigkeit hebt heute ihr Haupt so frech empor, dass man wohl sagen kann: Die Menschen rechnen darauf, dass Gott sich spotten lässt. Lasst uns nur in solcher Einfalt wandeln, dass Gott nicht seine Hand gegen uns erheben muss!

Nun heißt es weiter: Den Bedrängten rettet er vom Schwert und vom Mund und der Hand derer, die ihm zu stark sind. Das ist zum Trost der Kinder Gottes beigefügt. Wir leben in einem beständigen Kampf. Gewiss, bisweilen schont Gott unser auch, wenn er sieht, wie schwach wir sind und dass es sofort mit uns aus wäre, wenn er dem Satan und seinen Helfershelfern den Zügel gegen uns locker ließe. So hält uns Gott denn unter seinen Flügeln verborgen; gleichwohl aber leidet er es, dass man uns belästigt und betrübt und uns viel Beschwernis macht. Und warum? Wir sollen zum Beten getrieben werden, damit wir lernen, auf der Hut zu sein und uns nicht vom Satan überraschen lassen. Das ist das einzige, was uns ins Verderben stürzt: diese Unachtsamkeit, wenn wir nicht unsere Zuflucht zu Gott nehmen und uns nicht ins Gebet treiben lassen. So muss es uns allen in der Welt gehen: wir müssen Trübsal haben; wenn die Schrift von „Armen“ und „Betrübten“ redet, so hat das Wort auch die Bedeutung „demütig“. Die Armut ist die rechte Meisterin, die die Menschen zur Bescheidenheit führt, damit sie sich nicht zu sehr erheben, sondern in ihren Grenzen bleiben. Gottes Kinder müssen in dieser Welt in viele Anfechtungen hinein, wenn sie darnach des Reiches Gottes teilhaftig werden wollen. Aber wie wenig sind ihrer! Die Reichen sind insgemein aufgeblasen von Anmaßung; sie lassen sich durch ihre Pracht und Wollust so verblenden, dass es schwer ist, sie demütig zu machen. Gewiss, Gott kann die reichen und vornehmen Leute ebenso gut selig machen, wie die Ärmsten und Verachtetsten, aber nur, wenn er sie fest im Zügel hält und wenn sie solche Trübsal haben, dass sie mitten in ihrem Reichtum arm sind, damit sie erkennen: Es steht jämmerlich mit ihnen, sie sind gezwungen, Gott zu suchen, und sie hängen völlig von ihm ab.

Gott erlöst uns vom Schwert und dem Rachen der Mächtigen. Er will seine Gläubigen nicht durch gewöhnliche Mittel erhalten, nicht mit großen Heeresmassen sollen sie sich gegen ihre Feinde wehren, nicht große Festungen und viel Verbündete sollen sie haben oder sonst etwas Ähnliches. Nein, an allen diesen Dingen wird es ihnen mangeln, und wenn sie es schon haben, so werden gleichwohl ihre Feinde viel mächtiger sein, so dass solche Mittel ihnen gegen sie nichts helfen. Das sehen wir heute deutlich im Spiegel der Gegenwart. Denn wie steht es um uns? Allem Anschein nach sollen die Feinde Gottes, die gegen seine Kirche wüten, uns verschlingen. Vergleicht man auf beiden Seiten die Macht, ach, was haben wir dann auf der unsern? Wir sind wie eine kleine Herde Schafe, sie aber nicht nur ein Rudel Wölfe, nein, ein unzählbarer Haufe. Die Welt ist voll von solchen, die nichts anderes begehren, als uns mit Haut und Haaren zu verschlingen, ja, sie begnügen sich nicht damit, uns einfach umzubringen, nein, sie tun das mit einer Grausamkeit, die nur aus der Hölle stammen kann. Wenn nun ihre Macht so groß ist und wir auch nur einen einzigen Tag am Leben bleiben, so sieht man doch genau: Gott übt sein Amt aus, er rettet den Bedrängten aus dem Rachen des Mächtigen. An Mitteln fehlt´s ihm nicht – wenn wir sie auch nicht kennen -; deshalb lasst uns geduldig auf ihn warten!

Also ist noch eine Hoffnung übrig für den Bedrängten. Das alles also wird uns vorgehalten, damit wir auf Gott hoffen lernen. Und das ist schwer genug. Wohl beteuert ein jeder, er wolle auf Gott hoffen; aber das bedeutet wahrlich mehr, als wir sagen können, und wer diese Lektion zeit seines Lebens studiert hat, der hat viel gelernt, auch wenn er nur die Hälfte erfasst hat, nämlich, dass er sicher und gewiss sein kann: Sein Gott wird ihn nicht verlassen. Ist uns das ins Herz geschrieben, so haben wir unser ganzes Leben lang den Segen davon. Es ist noch eine Hoffnung übrig. Abraham „hat geglaubt auf Hoffnung, da nichts zu hoffen war“ (Röm 4, 18). Gegen Hoffnung müssen wir hoffen; wollen wir wirklich auf Gott hoffen, so muss das vor der Welt nicht so aussehen, als hätten wir Grund zur Hoffnung, sondern der Tod muss uns an allen Orten umringen, wir müssen in Finsternis stecken, nicht ein Fünklein Glanzes darf uns erquicken, kurz, wir dürfen nur das Wort haben, das Gott uns gibt: Ich will euer Heiland sein! Und gleichwohl sieht es aus, als kehrte er uns den Rücken, als hätte er uns verworfen, als halte er es mit unsern Feinden und gebe ihnen den Stab in die Hand, womit sie uns schlagen. Wenn das alles so ist, müssen wir nichtsdestoweniger allezeit auf ihn hoffen. Das ist die Hoffnung, die für die Bedrängten noch übrig ist; sie müssen sich nur auf die Verheißungen stützen und, wenn sie gleich den Tod vor Augen haben, nicht aufhören, auf das Leben zu blicken, das ihnen bereitet ist.

Werden jedoch unsere Feinde nicht sofort zu Schanden, so wird Gott doch dafür Sorge tragen, dass sie in Wirrnis geraten, sie mögen wollen oder nicht. Das ist mit dem Worte gemeint: Die Bosheit wird den Mund schließen. Die Gottlosen können sich nicht entschuldigen oder verteidigen vor Gottes Gericht. Wir aber müssen den Mund offen haben zum Preise Gottes; denn wir dürfen uns den Gottlosen nicht gleichstellen, die , auch wenn sie in Schmach und Schanden liegen, gleichwohl nicht aufhören, Gott zu lästern und mit den Zähnen zu knirschen, wiewohl sie nichts haben, was sie zu ihrer Entschuldigung sagen könnten. Diese Bedeutung hat auch das Schlusswort des 107. Psalms, wo von der Vorsehung Gottes die Rede ist. Dort heißt es: Gott straft die Bewohner eines Landes um ihre Sünden, die einen werden von Krieg und Krankheit heimgesucht, die andern haben zu Lande und zu Wasser viel zu leiden; kommt er aber, sie zu erlösen von all ihrem Übel, so haben die Frommen Ursache, ihn zu preisen, während die Boshaften den Mund geschlossen halten müssen. Die Gottlosen möchten immer nur Gottes spotten und ihn verhöhnen, aber sie sind wie eingesperrt, so dass sie nicht wissen, was sie sagen sollen; nur das eine können sie sagen, dass sie in Schmach und Schanden sind. „Solches werden die Frommen sehen und sich freuen, und aller Bosheit wird das Maul gestopfet werden“ (Ps 107, 42). So ist es mit der Vorsehung Gottes, die die Dinge in der Welt regiert. Bei so offenbaren Gottesgerichten aber lasst uns seinen heiligen Namen preisen und dabei in allen unsern Nöten unsere Zuflucht zu ihm nehmen und nach empfangener Hilfe ihm danksagen nach Gebühr!

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