Dinter, Gustav Friedrich - Am zwanzigsten Sonntage nach Trinitatis.

Dinter, Gustav Friedrich - Am zwanzigsten Sonntage nach Trinitatis.

Der Ausdruck: Strafe der Gottheit, verdient um des Gebrauchs, auch wohl um des Mißbrauchs willen, der häufig von demselben gemacht wird, unsere vorzügliche Aufmerksamkeit; verdient sie um desto mehr, je bedeutender der Einfluß ist, den er richtig verstanden auf die Veredlung, mißverstanden auf die Erniedrigung unserer Gesinnungen haben kann. So Viel ist nun wohl dabei allgemein bekannt, und darf in einer Versammlung vernünftiger Christen höchstens mit einem Worte erwähnt werden, daß Gott nie straft, wie ihr, o Menschen, mit Leidenschaft, aus Rache, weil ihm die Sünden der Menschen ein unangenehmes Gefühl verursachen, das er durch strenge Behandlung des Sünders gleichsam erwidern wolle. Ein Gott, bei dem ein solcher Wechsel der Empfindungen, eine solche Heftigkeit der Aufwallungen Statt finden könnte - er wäre kein Gott, wäre nicht einmal ein Mensch, wie er seyn soll. Aber wenn wir auch bei dem Ausdrucke: Strafen Gottes, an solche Menschlichkeiten, fast mochte ich sagen, Unmenschlichkeiten nicht denken, so muß es uns doch auffallen, wie man im gemeinen Leben oft fast alle außerordentliche Unglücksfälle, sie mögen entweder ganzen Ländern, oder einzelnen Gemeinden, oder auch nur Personen widerfahren, mit demselben bezeichnet. Der Krieg hat mit eisernem Fuße das Wohl eines Landes zertreten. Die Fluren stehen verwüstet; die Gewerbe stocken; die kräftigsten Jünglinge fielen erschlagen durch das Schwert. Das ist eine Strafe von Gotte, tönt das gewöhnliche Urtheil. Eine Gemeinde ist mehrmals nach einander von Feuersbrünsten heimgesucht worden. Die Wohnungen sanken in Schutt und Asche dahin. Der Wohlstand der Bewohner verwandelte sich in Dürftigkeit, ihre Freude in Trauern. Das sind Strafen eines gerechten Gottes, ruft man aus. Und wenn selbst irgend eine Art der schädlichen Thiere sich zu sehr vermehrt, so, daß sie unsere Feldfrüchte verderben, die Hoffnungen unserer Aernte entweder vernichten, oder doch um ein Beträchtliches vermindern, so nennet ihr diese Thiere Strafen von Gotte. Selbst das, was einzelnen Familien oder Personen Unangenehmes begegnet, sobald es nur einigermaßen vom ganz alltäglichen Gange der Dinge abweicht, als Strafen pflegt man es anzusehen, und mit diesem hart tönenden Worte zu bezeichnen. Einen tödtete der Blitz mitten in seinen Geschäften. Einen Andern ergriff der Tod auf irgend eine andere gewaltsame Weise; und seine Feinde, bisweilen auch Solche, die bloß aus Mangel an Einsicht zu strengern Urtheilen geneigt sind, sie glauben in seiner plötzlichen Dahinraffung das Strafgericht einer ernsten Gerechtigkeit zu sehen. Haben sie Recht, wenn sie so urtheilen?- Die Bibel scheint sich selbst in ihren Aeußerungen nicht ganz gleich zu seyn. Auf der einen Seite werden die Unfälle, denen Sodom unterlag, als Strafen Gottes verkündigt, und die heiligen Schriftsteller selbst behaupten, Feuer, Schloßen, verderbliche Thiere habe Gott zur Rache geschaffen, das heißt doch wohl den Bösen zur Strafe. Auf der andern warnt uns dieselbe Schrift: wir sollen nicht unbesonnen urtheilen, nicht richten vor der Zeit, bis der Herr komme; nicht verdammen, um nicht uns der Verdammung würdig zu zeigen. Und Jesus im Evangelium will das, was einigen seiner Zeitgenossen Schreckliches begegnete, durchaus nicht mit dem Namen göttlicher Strafgerichte gebranntmarkt wissen. Sollte es nicht der Mühe werth seyn, ein Mal sorgfältig darüber nachzudenken, in wiefern ähnliche Ausdrücke, deren sich das alltägliche Leben so oft bedient, zu billigen, oder zu mißbilligen sind? Wir flehen zum Geiste der Weisheit, daß er uns erleuchte, damit jedes unserer Urtheile, von Wahrheit und Liebe geleitet, bestehen könne vor seinem Throne.

Evangel. Luk. 13, 1-9.
Einige Zuhörer Jesu verkündigten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihrem Opfer vermischt hatte. Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meinet ihr, daß diese Galiläer vor allen Galiläern Sünder gewesen sind, dieweil sie das erlitten haben? Ich sage nein, sondern, so ihr euch nicht bessert, werdet ihr Alle auch also umkommen. Oder meinet ihr, daß die achtzehen, auf welche der Thurm in Siloah fiel, und erschlug sie, seien schuldig gewesen vor allen Menschen, die zu Jerusalem wohnen? Ich sage nein, sondern, so ihr euch nicht bessert, werdet ihr Alle auch also umkommen. Er sagte ihnen aber dieß Gleichniß: Es hatte Einer einen Feigenbaum, der war gepflanzet in seinem Weinberge, und kam, und suchte Frucht darauf und fand sie nicht. Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang alle Jahre gekommen, und habe Frucht gesucht auf diesem Feigenbaume, und finde sie nicht; haue ihn ab, was hindert er das Land? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, laß ihn noch dieß Jahr, bis daß ich um ihn grabe, und bedünge ihn, ob er wollte Frucht bringen; wo nicht, so haue ihn darnach ab.

Eine Anzahl Galiläer hatten sich bei dem römischen Statthalter verdächtig gemacht, als hielten sie sich nur in Jerusalem auf, um die jüdische Nation von den Römern abwendig zu machen, und sie zu bewegen, daß sie sich dem Fürsten von Galiläa, dem Herodes, unterwerfen möchten. Pilatus glaubte, in einer so wichtigen, so bedenklichen Sache nicht zaudern zu dürfen. Ohne eine weitläufige Untersuchung anzustellen, ließ er die Verdächtigen im Tempel, als sie eben im Begriffe waren zu opfern, umbringen, und ihr Blut floß in das Blut der für sie geschlachteten Thiere hin. Man schien geneigt zu glauben, daß diese Galiläer, gesetzt auch, was ihnen Pilatus Schuld gab, sei ungegründet gewesen, doch durch andere vielleicht nur unbekannte Laster sich das Mißfallen der Gottheit, und diese Strafe zugezogen haben müßten. Jesus mißbilligt ein solches Urtheil über sie, und will, daß man in ähnlichen Fällen eben so wenig an göttliche Strafgerichte denken solle. Und doch erklärt er selbst die Zerstörung Jerusalems, die er voraussagt, für Strafe dafür, daß seine Zeitgenossen die Zeit nicht erkannt, nicht benutzt hätten, die ihnen Gott zu ihrer Besserung gegeben hatte. Was sollen wir nun bei dergleichen Ereignissen sagen? Dürfen wir (dieß sei die Frage, mit der sich unser heutiges Nachdenken beschäftiget,)

Dürfen wir außerordentliche Unglücksfälle für göttliche Strafen ansehen?

Er ist schwer, diese Frage im Allgemeinen zu beantworten. Alles kommt darauf an, in welchem Sinne man das Wort Strafe nimmt.

Heißt Strafe so viel als ein Beweis, daß Gott in hohem Grade unzufrieden mit dem Menschen sei, dann ist die Antwort auf jene Frage: Nein.

Bezeichnet aber das Wort Strafe jedes schmerzlich auffallende Besserungsmittel, so ist die Antwort: Ja.

Von den natürlichen Folgen, die mit der gesetzwidrigen Handlung in nothwendigem Zusammenhange stehen, ist heute die Rede nicht. Diese hat Gott selbst unausbleiblich in die Ordnung der Körper- und Geisterwelt verwebt; und wenn Strafe im Allgemeinen jedes Uebel bezeichnet, das vom Gesetzgeber dem Uebertreter des Gesetzes deßwegen zugefügt wird, weil er Uebertreter ist, so müssen auch jene natürliche Folgen - Gott selbst verband sie mit der Sünde, um abzuschrecken, um zu warnen - sie müssen den Namen der Strafen verdienen. Wenn jener Jüngling kraftlos verwelkt in den Jahren, wo er erstarken sollte, weil Uebermaß im Genusse seine Natur zerstört; wenn der verlorene Sohn zu den entehrendsten Geschäften seine Zuflucht nehmen muß, um sich des drückendsten Mangels zu erwehren, weil er Statt des Gehorsams Zügellosigkeit, und Statt der gewissenhaften Verwaltung seiner Güter Verschwendung wählte; wenn jener Müßiggänger seine Felder verwildern sieht, indeß die Fluren des Fleißigen reichliche Früchte tragen; wenn jener gewissenlose Vater von seinen Kindern verachtet wird, weil er selbst es war, der sie Verachtung des Heiligen lehrte; wer wollte das nicht Strafe der Sünde nennen? Es ist die vergiftete Frucht einer schädlichen Wurzel. Eben so ist es mit den Verwüstungen, die die Sünde im Innern des Menschen anrichtet. Daß der Geizige seines Lebens nicht froh wird, weil ihm der Sinn für das Höhere fehlt, daß der Unbarmherzige unzufrieden ist mit sich und der Welt, daß der Sklave seiner eigenen Lüste durch jede Sättigung nur Oel in das Feuer gießt, nur die Begierden heftiger entflammt, und seines Elends Schöpfer wird, - dieß sind ohne Widerrede von Gotte geordnete traurige Folgen gesetzwidriger Gesinnungen und Handlungen; also Strafen. Doch von diesen nothwendigen und alltäglichen Wirkungen der Sünde sei heute die Rede nicht. Auch unser Text redet nur von außerordentlichen Unglücksfällen, von Ermordungen an dem Orte, der der Religion geweiht, und also Zufluchtsort vor Gewaltthätigkeiten seyn sollte; vom Einstürzen eines Gebäudes, das achtzehn Menschen tödtet, denen man bei diesem Unglücke auf keine Weise Etwas, als höchstens eine sehr verzeihliche Unvorsichtigkeit zur Last legen konnte.

Und wie entscheidet Jesus über diese und ähnliche Fälle? Meinet ihr, spricht er, daß diese Menschen vor Andern Sünder, Gotte in höherem Grade als andere Menschen mißfällig gewesen seyn müssen, weil er sie dieses schrecklichen Todes sterben ließ? Schließet nicht also. Sie waren vielleicht nicht schlimmer als ihr. Ihr verdientet vielleicht ein ähnliches Schicksal so gut, als sie. Ihr seid nicht sicher davor, daß euch nicht etwas Aehnliches widerfahre. So urtheilte Jesus in mehrern Fällen. Seine Jünger sahen einen Blindgeborenen. Ein so außerordentliches Ereigniß muß Strafe seyn; das schien ihnen ausgemacht. Aber für wen? Das war nur die Frage. Für die Aeltern? So war es hart, daß das Uebel den Sohn traf. Für den Sohn? Wie konnte er es verschuldet haben? Aber was spricht Jesus? Wenn ihr denket, ein solches Uebel sei Zeichen des göttlichen Mißfallens, so irret ihr. Weder für ihn noch für die Aeltern sollte die Beraubung des Gesichts als Strafe gelten. Gott hatte höhere Absichten voll Liebe dabei, als er dieß über ihn verhängte. Lasset uns von Jesu hier Weisheit im Urtheilen lernen. Wer außerordentliche Widerwärtigkeiten für Zeichen des göttlichen Zornes, oder, daß wir einen mildern Ausdruck brauchen, für Beweise ansieht, daß die Betroffenen vor Andern Sündern gewesen sind, sich das Mißfallen Gottes in höherem Grade zugezogen haben, der irrt; und schon die gesunde Vernunft, schon die Erfahrung überzeugt uns, daß er irrt. Denn wenn die Flamme des Krieges allenthalben wüthet, trifft sie etwa nur die Völker, die sich durch Sittenlosigkeit oder Verachtung des Heiligen vor andern als Sünder bewiesen? Siegen nicht oft die verwildertsten, die rohesten Barbaren, indeß der Jammer der Verheerung gerade die Schuldloser niederdrückt? Waren die Israeliten in den Tagen des Königs Antiochus, dessen Verfolgungswuth die Makkabäer erweckte, verdorbener, als zu Jesu Zeiten, wo langer Friede sie segnete? Lasset uns die Trübsale betrachten, die nur einzelne Gemeinden betreffen. Wenn der Hagelschlag wie ein verderbender Engel über die Fluren hinzieht, macht denn die Wolke einen Unterschied zwischen den Feldern des Guten und des Bösen? Des Wohlthätigen und des Geizigen? Des Gottesfürchtigen und des Gottesverächters? Sie macht ihn nicht. Ihn macht nicht die Flamme, die die Wohnungen der Reihe nach verzehrt, ohne zu fragen: Hauset hier die Liebe oder der Haß? Ihn macht nicht die giftige Seuche, die oft den Gemeinnützigen würgt, indeß Der, welcher zum Schaden Anderer lebt, ihr entweder ganz entgeht, oder sich, wenn er schon ergriffen war, kräftig dem Arme des Todes entreißt. In einer Welt, in welcher es Gerechte gibt, denen es geht, als hätten sie Werke der Gottlosen, und Gottlose gibt, denen es geht, als hätten sie Werke der Gerechten, kann uns kein noch so erschütternder Unfall berechtigen, von Dem, den das Schicksal hart und gewaltsam zu Boden wirft, zu sagen: „Er hat es verdient. Er muß geheime Verbrechen begangen haben. Wäre das nicht der Fall, so würde ihn Gott selbst nicht mit so vieler Strenge behandeln.“

Lieblosigkeit im Urtheile, Stolz im Glücke, Verzweiflung im Unglück? sind die traurigen Folgen jenes Mißbrauches, den das gemeine Leben so oft von dem Ausdrucke: Strafen der Gottheit, macht. Lieblosigkeit im Urtheile. Hiob ist reich, gesund, glücklich - von Gotte gesegnet. Er muß ein guter Mensch seyn, sonst thäte Gott das nicht an ihm. Hiob wird unglücklich. Das Feuer vom Himmel, die Räuberhorden, die wilden Krieger machen ihn arm. Ein Ungewitter beraubt ihn seiner Kinder. Eine schmerzhafte Krankheit vollendet fein Elend. Und die Freunde? Er muß doch nicht so fromm gewesen seyn, als man gedacht hat. Würde ein gerechter Gott ihn sonst haben so tief fallen lassen? „Bekenne es nur, Unglücklicher, du mußt geheime Verbrechen auf dem Gewissen haben.“ So urtheilen die Menschen, die des Glaubens leben, jeder ungewöhnliche Unfall sei Strafe von Gotte, sei sprechender Beweis, daß Gott mit dem Ergriffenen in hohem Grade unzufrieden sei. Und lassen sie es nun bloß bei dem lieblosen Urtheile bewenden? Nein! Sie handeln auch lieblos gegen Den, den sie erst hart gerichtet haben. Hiobs Freunde kommen, ihn zu besuchen. Was bringen sie mit? Vorwürfe genug, immer einen bitterer, als den andern; aber kein Schaaf, kein Rind, kein Kameel, um nur einigermaßen sein Elend zu lindern, oder einen Anfang zur Wiederherstellung seines Wohlstandes zu machen. Wie sollten sie auch? Gott hat ihn ja gezeichnet. Sie dürfen also Dem nicht aufhelfen, den Gott gewiß um seiner Sünden willen so tief erniedrigt hat. Und solcher Hiobs - Freunde gibt es auch in unseren Tagen eine Menge. Dem, Jenem ist ein Unglück begegnet. Hilf ihm! „Das muthe mir Niemand zu. Er muß es doch verdient haben! Hätte er sich besser zu Gotte gehalten, so hätte ihn Gott auch kräftiger unterstützt.„ Menschen, die ihr so denket, wie weit seid ihr von Jesu sanftem, liebevollem Sinne entfernt! Richtet nicht, spricht euer Herr, daß ihr nicht gerichtet werdet! Verdammet nicht, daß euer Gott euch nicht verdamme! Glaubet nicht, daß jene Niedergeschmetterten vor Anderen Sünder gewesen sind, dieweil sie dieß erlitten haben. Die Hand auf euer Herz! den Blick auf euer Leben! Wo ihr euch nicht bessert, so! verdienet ihr Alle also umzukommen. Ihr wäret des Schicksals eben so gut werth, ihr, die des himmlischen Waters Langmuth bisher verschonte. Und wer weiß, was euch noch trifft? Wollet ihr dann, wenn ihr einst unglücklich seid, daß Andere euch verurtheilen, wie ihr jetzt sie? Wer den Menschen nach dem Schicksale richten will, zu welchen Ungerechtigkeiten wird er hingerissen werden! Er wird zum frommen Isaak sprechen: Du bist ein Bösewicht, sonst ließe dich Gott nicht zwanzig Jahre in Blindheit schmachten. Und was wird er von den Aposteln, was von Jesu selbst urtheilen? An euch, ihr heiligen Dulder, an euch will ich denken, wenn mir es je einfallen sollte, außerordentliche Leiden für Strafen der Gottheit anzusehen. Sie sind es nicht, so wahr als Jesus am Kreuze starb, sie sind es nicht! Wer sie dafür halt, wird leicht stolz im Glücke. Gott muß doch mit mir zufrieden seyn. Andere traf Dieß und Das! mich nicht. Jene wurden beraubt von wilder Krieger Hand. Ich nicht. Jene verloren durch Feuer Hab und Gut. Bei meinem Hause ging das Verderben vorüber. Jener lag lange an gefährlicher Seuche. Mich durfte ihr Hauch nicht vergiften. Gewiß, Gott ist mit mir zufrieden. Ich habe zwar wohl noch den und jenen Fehler. Aber - es muß doch nicht so Viel damit zu bedeuten haben; sonst würde ja Gott nicht meiner so schonen! Andere müssen doch noch viel schlimmer seyn als ich; sonst würde mir es nicht besser gehen als ihnen. Das Wort: So ihr euch nicht bessert, werdet ihr Alle also umkommen, ist an solchen Menschen verloren! Das Wort: Wenn er nicht Frucht bringt, so haue ihn ab - sie verstehen es nicht, und wollen es nicht verstehen, daß sie die Warnung nicht in ihren Fehlern irremache!

Verzweiflung im Unglücke ist die natürliche Folge derselben Art zu urtheilen. Denn hast du die Unfälle Anderer als Strafen einer zürnenden Gottheit angesehen, so entsinkt auch dir leicht das Vertrauen, wenn dich nun trifft, wodurch du dich berechtigt glaubtest, Andere zu verdammen. Du siehst in den Tagen der Noth nicht den liebenden Vater, der das Kind züchtigt zu seinem Vortheile, sondern den rächenden König, der deine geheimen Sünden gesunden hat. Du wagest nicht zu ihm zu beten, denn du meinst, er habe dich verstoßen. Du versinkst in deinem Elende, unthätig, weil du nicht glaubst, daß Gott mit dir sei; unzufrieden, weil du wähnst, er habe dich zu hart behandelt; furchtsam, weil dir das Schlimme nur ein trauriger Vorbote des Schlimmern und des Schlimmsten scheint. Nein, Brüder, das Schicksal des Menschen auf Erden gibt uns keinen Grund, sein Inneres zu beurtheilen. Ein Land kann alle Schrecknisse der allgemeinen Landplagen erfahren, und doch der Wohnsitz eines Gotte gefälligen Volkes seyn. Ein Ort kann von allen Arten des Jammers heimgesucht werden, - und doch mehr gute Menschen unter seinen Bewohnern zählen, als mancher verschonte. Ein Mensch kann Jesu ähnlich seyn an Leiden, und ähnlich seyn an Wohlgefallen seines Gottes. Außerordentliche Unglücksfälle sind schlechterdings nicht Strafen zu nennen, sobald Strafe so Viel heißt, als Beweis, daß der Mensch, der sie erfährt, vor Andern ein Sünder gewesen sei.

Aber freilich nimmt die Bibel, freilich nimmt der Gebrauch des alltäglichen Lebens das Wort Strafe auch oft in einem andern, weit milderen Sinne und jedes schmerzliche Besserungsmittel wird zuweilen so genannt, sei es nun, daß dadurch ein Sittlichböser erst zur Aenderung seiner ganzen Sinnesart erweckt, oder auch ein Solcher, der im Ganzen genommen schon unter die Bessern gehört, zu kräftigerem Vorwärtsstreben ermuntert, auf die Notwendigkeit, den und jenen Fehler vollends zu vertilgen, hingewiesen werden solle. Die Bibel selbst, sagt einst der Apostel, solle dem Menschen zur Straft dienen, solle ihm auf eine kräftige, dem Fehlerhaften empfindliche Weise sagen, wie sehr er noch Ursache habe, an sich selbst zu arbeiten, auf den Ueberrest seiner Fehler aufmerksam zu seyn. Der Geist soll (so drückt sich Jesus in einem bekannten Evangelium aus) die Welt strafen um die Sünde, daß sie nicht an Jesum geglaubet haben. Er werde sie (heißt das) dahin bringen, daß sie mit tiefer Betrübniß empfinden, wie unrecht sie an Jesu gehandelt haben. In diesem Sinne des Worts ist jedes Uebel, es treffe den Bösen oder den Guten, Strafe, ernstes, unangenehm auffallendes Besserungsmittel.

Denn Erziehungsmittel in der Hand einer weisen und liebenden Fürsehung ist Alles, was uns widerfährt. Die ganze Erde, die uns Gott zu bewohnen gab, ist ein großes Erziehungshaus, wo der Mensch in allem Wahren und Guten bald durch leichte und angenehme, bald durch schmerzliche Mittel weiter gebracht werden soll. Der Friede im Vaterlande soll uns zur Dankbarkeit gegen Den erwecken, der ihm uns schenkt, und zum weisen Gebrauche der Güter, die er uns darbietet. Der Krieg soll den Sichern aus seinem Schlummer erwecken, im Trägen die Thätigkeit anregen, soll uns vor dem allzuleicht überhandnehmenden Vertrauen auf das Irdische warnen, soll Den, der bisher bei kleinen Uebeln fast verzagt, durch Erfahrung belehren, daß auch aus großen Gefahren Gott mächtig zu erretten vermag. Er ist schmerzliches, aber immer segensreiches Besserungsmittel in der Hand eines liebenden Vaters; Arznei, bittere, aber heilsame Arznei für den Schlaffen, Irdischgesinnten, Muthlosen. Willst du ihn in sofern Strafe nennen, so thue es. Nur denke nichts Falsches, nichts Hartes dabei. Lieber enthalten wir uns jedoch des oft mißverstandenen Wortes, und nennen ihn mit dem allgemeinen Namen: Erziehungsmittel. Erziehungsmittel ist Alles, was uns begegnet, Gesundheit und Krankheit, Ueberfluß und Mangel, fruchtbare Witterung und Mißärnte, veranlaßt durch Schloßen oder schädliche Thiere. Wenn Gottes Güte uns zur Buße leiten soll, so hat das Trauern dieselbe Absicht. Das Herz soll durch die Leiden gebessert werden. Zu unserem Nutzen züchtiget uns die Hand des himmlischen Vaters. Heiligung, Vorwärtsbringen im Guten ist die Absicht, die er dadurch an uns erreichen will. Gerechtigkeit, erhöhete Rechtschaffenheit, ist die friedsame Frucht, die gedeihen soll auf dem Acker der Trübsale.

Wenn wir in diesem Sinne das Wort Strafe nehmen, wenn wir aus diesem Gesichtspuncte alle die Unannehmlichkeiten betrachten, die uns und Anderen widerfahren, so wird uns das vorsichtig im Urtheile, bescheiden im Glücke, gewissenhaft in Benutzung des Unglücks machen.

Vorsichtig im Urtheile. Ist es nicht eben diese Vorsicht, die uns Jesus im Evangelium empfiehlt? Urtheilet nicht lieblos über Die, welche auf eine außerordentliche Weise hinweggerafft wurden aus der Welt. Andern zur Warnung sollte ihr Unfall dienen. So schnell kann das Verderben über euch auch kommen. Wachet, daß ein plötzlicher Tod euch nicht in endloses Verderben hinstürze. Jener Bekannte - vielleicht jener als fehlerhafte Bekannte, nahm ein trauriges Ende. Nein, ich richte dich nicht, du Unglücklicher, daß Gott mich nicht richte. Mich und Andere wollte Gott durch seinen Unfall ergreifen, erschüttern, der Sorglosigkeit entreißen. Das Land, das durch den Krieg furchtbar zerrüttet, die Gemeine, die durch Feuer oder Schloßen schrecklich heimgesucht, die Menschen, die durch ungewöhnliche Unglücksfälle härter zu Boden geworfen wurden; nein, du hassest sie nicht, Vater im Himmel. Sie für das Gute gewinnen, das willst du durch jedes Schicksal, vielleicht auch mich für das Gute gewinnen durch das, was ihnen begegnet. Sollte ich Die hassen, an denen deine bessernde Gnade arbeitet? Die niederdrücken, die Gott durch Demüthigung nur erheben und groß machen will? Das sei ferne. Euch, die ich dulden sehe auf Erden, euch sehe ich vielleicht einst desto herrlicher strahlen im Himmel. Dann Heil euch und Heil mir, wenn ich mich nicht vor euch zu schämen habe, weil ich im Urtheile über euch behutsam war.

Bescheiden im Glücke muß diese Ansicht der Dinge mich machen. Mir geht es wohl, indeß es Anderen übel gehet. Mich verschonen Unfälle, denen Andere unterliegen. Ist dieß mein Verdienst? Gerechter Lohn für meine bessern Thaten? Nicht so, mein Herz. Was Jene traf, konnte mich auch treffen, und mit demselben Rechte. Wo ich mich nicht bessere, kann ich auch also umkommen. Es ist noch alle Tage Zeit, daß es mir gehe wie ihnen. Vielleicht bin auch ich noch ein unfruchtbarer Baum, mit dem der Gärtner nur Geduld hat, weil er immer noch hofft, er solle etwa noch anfangen Früchte zu tragen. Vielleicht sind diese bessern Schicksale nur eine von den Bemühungen des Schonenden, durch die er dem Trägern noch abgewinnen will die Frucht, deren Darreichung ihn dem längst verdienten Untergange entreißt. Jede gewaltsame Erschütterung im Schicksale meiner Brüder soll mich bewegen, die Hand auf das Herz zu legen und zu fragen: Sind etwa auch mir, auch mir dergleichen strengere Besserungsmittel nöthig? Ich habe die Fehler nicht an mir, durch die mein Bruder siel; aber andere, vielleicht nicht kleinere? Ich will sie benutzen, diese Tage der Schonung, daß, wenn solch mir begegnet, was Böse trifft und Gute, daß dann wenigstens kein schlechter Mensch von des Schicksals Hand ergriffen sei.

Ja, wenn sie mich betreffen, die Uebel, die man oft Strafe nennt, weil sie Heilmittel von geistigen Gebrechen sind, so will ich mich selbst nicht nach meinem Schicksale beurtheilen, sondern nach meinem prüfenden Gewissen. Auf welche Fehler will mich Gott aufmerksam machen durch sie? Auf welche Tugenden soll ich durch diese Gefahren, diese Entbehrungen, diese Leiden hingewiesen werden? Was habe ich zu thun und zu lassen, daß Gott seine großen Absichten an mir auch dann, wenn er mich züchtigt, erreiche? War ich zu kalt in meinem Gebete, weil ich kaum fühlte, daß ein Gott mir nöthig sei? Er ließ mich fürchten, leiden, daß ich es fühlen lernte. War ich zu sicher im Besitze? zu sorglos im Genusse? zu träge im Gebrauche? - Hervorgehen will ich aus meinen Leiden ein veredeltes Geschöpf, ein weiserer Mensch, ein besserer Christ. Und dann nennet es Strafe, wenn ihr wollet, das, was mich traf, ihr Menschen. Ich will um das Wort nicht rechten, wenn ich mit der Sache nur im Klaren bin. Auf jeden Fall meinst du es so gut mit mir, mein Vater droben, o so gut! - wie es einst mein irdischer Vater mit mir meinte, wenn er durch Ernst und Liebe mich zur Tugend zog! Ich bin in deiner Hand - in Vaterhand! Wenn ich nur weiser ward durch Glück und Unglück, wenn aus den. Elende selbst ich neue Kraft zum bessern Seyn und bessern Wirken schöpfte, dann - dann reiße mich ein Sturm der Erde weg aus meiner Brüder Mitte, daß sie erbeben über meinen Fall, daß lieblos mich der Harte richtet und mild der Sanfte mich bejammert - was kümmert es mich? Ich bin in deiner Hand! in Vaterhand! Gott! Amen.

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autoren/d/dinter/dinter-20_nach_trinitatis.txt · Zuletzt geändert: von aj