Calvin, Jean - Apostelgeschichte – Kapitel 3.

Calvin, Jean - Apostelgeschichte – Kapitel 3.

1 Petrus aber und Johannes gingen miteinander hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, da man pflegt zu beten. 2 Und es war ein Mann, lahm von Mutterleibe, der ließ sich tragen; und sie setzten ihn täglich vor des Tempels Tür, die da heißet die schöne, dass er bettelte das Almosen von denen, die in den Tempel gingen. 3 Da er nun sah Petrus und Johannes, dass sie wollten zum Tempel hineingehen, bat er um ein Almosen. 4 Petrus aber sah ihn an mit Johannes und sprach: Siehe uns an! 5 Und er sah ihn an, wartete, dass er etwas von ihnen empfinge. 6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: im Namen Jesu Christi von Nazareth stehe auf und wandle! 7 Und griff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Alsbald standen seine Schenkel und Knöchel fest; 8 sprang auf, konnte gehen und stehen, und ging mit ihnen in den Tempel, wandelte und sprang und lobete Gott. 9 Und es sah ihn alles Volk wandeln und Gott loben. 10 Sie kannten ihn auch, dass er's war, der um das Almosen gesessen hatte vor der schönen Tür des Tempels; und sie wurden voll Wunderns und Entsetzens über dem, das ihm widerfahren war. 11 Als aber dieser Lahme, der nun gesund war, sich zu Petrus und Johannes hielt, lief alles Volk zu ihnen in die Halle, die da heißet Salomos, und wunderten sich.

Zuerst hörten wir, dass durch die Hand der Apostel viele Zeichen geschahen; jetzt erzählt Lukas nach seiner Weise ein Beispiel aus vielen, dass ein Lahmer, der von Mutterleibe an seiner Füße nicht mächtig war, völlig gesund wurde. Alle Umstände, die zur Erläuterung des Wunders dienen konnten, werden dabei genau verzeichnet. Hätte es sich um eine Verletzung oder eine später entstandene Krankheit gehandelt, so wäre eine Heilung leichter gewesen. Ein angeborener Fehler lässt sich aber nicht so leicht heilen. Und wenn der Mensch sich tragen ließ, so wird deutlich, dass er nicht bloß leicht hinkte, sondern gleichsam mit erstorbenen Schenkeln dalag. Dem ganzen Volk war er noch besonders dadurch bekannt, dass er täglich an der Tür des Tempels bettelte. Dass er nun zur Stunde des Gebets gesund im Tempel umhergeht, musste den Ruhm der Wundertat erheblich ausbreiten. Auch dies trug nicht wenig zur Erhöhung bei, dass der Mensch plötzlich auf seine Füße sprang und munter gehen konnte. Die neunte Stunde, da der Tag sich zum Abend zu neigen beginnt, ist die Stunde des Gebets. Übrigens glaube ich nicht, dass die Apostel in den Tempel gingen, um nach der Ordnung des Gesetzes zu beten, sondern um die günstige Gelegenheit zur Ausbreitung des Evangeliums zu benutzen. Gott hatte verordnet, dass die Juden am Morgen und am Abend ein Opfer darbringen sollten (4. Mos. 28, 4). Durch diese Übung wurde ihnen eingeprägt, dass man den Tag mit Anrufung und Verehrung Gottes anheben und schließen müsse. Gewiss verunreinigten sich also Petrus und Johannes nicht, wenn sie sich mit Israel zusammenschlossen, den Herrn in seinem ihm geweihten Tempel anzurufen. Und aus der Festsetzung bestimmter Stunden sehen wir, dass die Gemeinde eine bestimmte äußere Ordnung nicht entbehren kann. Wenn nicht die gar zu große Gleichgültigkeit entgegenstände, so wäre es sogar heute nützlich, täglich solche Zusammenkünfte zu halten. Immerhin war die Hauptsache, dass die Apostel nicht unterließen, das Evangelium zu fördern.

V. 3. Bat er um ein Almosen. Der unheilbar Kranke verschaffte sich durch Betteln seinen Lebensunterhalt. Nun wird ihm etwas gegeben, was er nie zu erbitten gewagt hätte. So kommt Gott auch uns oft zuvor, ohne zu warten, bis wir ihn anreden. Daraus sollen wir freilich keinen Vorwand zur Lässigkeit machen, als ob uns Gott darum mit seinen Wohltaten zuvorkäme, damit wir müßig und träge dasitzen. Wir haben den Befehl zu beten, dürfen also diese Pflicht nicht versäumen. In der Person des Lahmen wird uns nun erstlich das Beispiel eines noch nicht durch den Glauben erleuchteten Menschen vor Augen gestellt. Solchen Leuten kommt Gottes Gnade zuvor, wie sie es bedürfen. Wenn also der Herr unseren Seelen nicht bloß Gesundheit, sondern auch Leben wiedergibt, so liegt der Grund lediglich in ihm selbst. Denn dies ist der Anfang unserer Berufung, dass er ins Leben ruft, was nicht ist, dass er denen sich zeigt, die ihn nicht suchen (Röm. 4, 17; Jes. 65, 1). Hat uns dann aber der Glaube schon beten gelehrt, so fühlen wir doch oft unser Übel nicht hinreichend und vergessen, um Heilung zu flehen. So schenkt uns der Herr dieselbe unverdient und unverhofft. Und selbst wenn wir eifrig beten, gibt er doch in seiner Güte über Hoffen und Wünschen.

V. 4. Siehe uns an! So kann Petrus nur reden, weil er der Absicht Gottes gewiss ist. Und sicherlich heißt er damit den Lahmen auf eine einzigartige und unerhörte Wohltat hoffen. Indessen könnte man fragen, ob die Apostel immer Wunder tun konnten, so oft es ihnen beliebte. Ich antworte, dass sie als Diener der göttlichen Kraft nichts nach Gutdünken und eigenem Antrieb unternahmen, sondern dass der Herr durch sie wirkte, da er es für nützlich hielt. So kam es, dass sie den einen heilten und nicht unterschiedslos alle. Wie sie also in anderen Dingen durch Gottes Geist sich lenken und führen ließen, so auch in diesem Stück. Ehe also Petrus den Lahmen aufstehen heißt, wendet und heftet er die Augen auf ihn. Dieser Blick ruht auf einem besonderen Antrieb des Geistes. So kann er mit völliger Sicherheit das Wunder ankündigen. Und er will mit seinem Wort den Lahmen zur Aufnahme der Gnade Gottes erwecken; jener indes erwartet lediglich ein Almosen.

V. 6. Silber und Gold habe ich nicht. Petrus entschuldigt sich, dass er über die Hilfe nicht verfügt, welche der Lahme erbittet. Er bezeugt, dass er gern seinen Mangel heben würde, wenn er es vermöchte, wie ja ein jeder von uns, was er vom Herrn empfangen hat, aufwenden muss, den Nächsten zu unterstützen. Die Fähigkeiten, die Gott jedem Menschen verlieh, sollen nach seinem Willen Mittel und Hilfen der Liebesübung sein. Darum sagt Petrus: Was ich habe, das gebe ich dir. Zuerst freilich scheint es wie ein Spott, dass der Apostel die Seele des Lahmen zu seltener Hoffnung stimmte und dann von seinem eigenen Mangel sprach, - gleich als wenn jemand einen Raben betrügt, der schon den Schnabel aufsperrt. Aber alsbald fügt Petrus den Trost hinzu, um den Wert des Wunders gerade durch den Vergleich zu steigern.

Im Namen Jesu Christi usw. Er schickt voran, dass es das Werk und die Wohltat Christi seien, welche dem Lahmen den Gebrauch seiner Füße wiedergeben. Denn Christi Name bedeutet seine Herrschaft und Kraft. Davon nämlich darf man nicht träumen, dass eine magische Kraft in dem Schall dieses Wortes liege. Alles in allem wollte Petrus bezeugen, dass er nur der Diener sei, Christus aber der Urheber des Wunders. Denn es musste ihm am Herzen liegen, dass Christus in der Welt bekannt gemacht und sein Name geheiligt werde. Warum aber sagt Petrus ausdrücklich: Jesus von Nazareth? Da man auf diese Herkunft Christi verächtlich hinzuweisen pflegte, so scheint er absichtlich einprägen zu wollen, dass jener gekreuzigte Jesus, dessen Name den Juden verächtlich und unrühmlich, den meisten sogar abscheulich dünkte, dennoch der von Gott verheißene Messias sei, dem alle Gewalt vom Vater gegeben ward, wie auch Paulus sagt, dass er Christus predige, und zwar den Gekreuzigten (1. Kor. 2, 2).

Stehe auf und wandle! Dies konnte überaus lächerlich erscheinen. Denn dem Lahmen musste die Antwort nahe liegen: Warum hast du mir nicht zuvor Schenkel und Füße gegeben? Es ist doch ein Spott, wenn man einen Menschen, der des Gebrauchs seiner Füße beraubt ist, gehen heißt. Aber der Mensch schenkt den Worten des Petrus Glauben. Und er, der zunächst so träge war, ergreift jetzt mit aufgerichtetem und frischem Geist Gottes Gabe. Man erkennt daraus die Kraft des Wortes und die Frucht des Glaubens. Die Kraft des Wortes ist eine doppelte: erstlich ergreift es den Lahmen derartig, dass er sofort ohne Schwierigkeit gehorcht; zum andern flößt es seinen erstorbenen Gliedern Leben ein und schafft den Menschen gleichsam um.

Der Glaube aber empfängt seinen Lohn; der Gehorsam gegen den Befehl, aufzustehen, ist nicht vergeblich. Wir sehen also, in welcher Weise Gott durch das Wort wirkt: er gibt der Predigt desselben Erfolg, dass sie in die Menschenseele dringt; zum andern schenkt seine Hand, was er darin verspricht. Zudem lässt er den Glauben nicht vergeblich bleiben; er bemächtigt sich in Wahrheit all der Güter, die er auf Grund des Angebots im Wort erwarten darf. Wir wollen uns dabei erinnern, dass diese Geschichte uns gleichsam ein umfassendes Bild unserer geistlichen Erneuerung vor Augen stellt; wie das im Glauben ergriffene Wort dem Lahmen die Gesundheit schenkte, so dringt der Herr durch das Wort in die Seelen, um sie wiederherzustellen. Zuerst spricht er durch Menschenmund und treibt uns zu dem Gehorsam des Glaubens an; sodann bewegt er innerlich die Herzen durch seinen Geist, damit das Wort in uns lebendige Wurzeln schlage; endlich streckt er die Hand aus und erfüllt auf alle Weise in uns sein Werk. Dass man die Wunder so behandeln muss, haben wir aus dem Matthäusevangelium gelernt.

V. 9. Und es sah ihn alles Volk usw. Jetzt wird uns die Frucht des Wunders beschrieben; der Lahme bezeugte seinen Dank, indem er Gott lobte, und das ganze Volk wurde zur Bewunderung hingerissen. Dass die Leute (V. 10) voll Wunderns und Entsetzens wurden, beschreibt nur die Vorbereitung. Der völlige Erfolg kam darnach. Denn man musste weiter fortschreiten; die Verwunderung an sich hätte nicht viel geholfen, sie hätte die Menschen mehr starr gemacht als zu Gott geführt. Dass das Volk sich verwunderte, was also gleichsam das Fundament des künftigen Gebäudes. Denn wenn wir achtlos an Gottes Werken vorübergehen, so werden sie uns niemals einen Nutzen schaffen können. Übrigens zeigt diese Stelle auch, was die Wunder an sich in den Menschen wirken; sie erzeugen ein verworrenes Staunen. Denn obgleich der Herr uns geradeswegs zu sich ruft, wenn er in den Wundern seine Macht und Güte offensichtlich zeigt, so bleibt unser schwacher Geist doch hängen und macht nur den halben Weg mit, bis die Lehre unterstützend hinzutritt. Wir wollen also lernen, Gottes Werke mit Ehrfurcht zu betrachten, damit die Bewunderung derselben unser Herz für die Lehre erschließt. Wir sind nicht so scharfsichtig, an den Werken Gottes hinreichende Erkenntnis zu gewinnen; wollen wir zum Ziel gelangen, so müssen wir uns durch die Lehre weiterhelfen lassen. Alles in allem darf man das eine Stück vom andern nicht trennen, wie die Erfahrung reichlich beweist. Durch diese Trennung kam es, dass die Welt die Welt die Wunder so übel missbrauchte. So berufen sich die Papisten fortwährend auf Wunder. Nehme ich einmal an, dass ihre Prahlereien wahr seien, so irren sie doch jedenfalls gewaltig, wenn sie die Wunder für einen fremden Zweck verwenden, nämlich um Gottes Namen zu verdunkeln und die reine Lehre des Evangeliums mit ihren Lügen verunreinigen. Entspringt nicht soviel abergläubische und gottlose Verehrung der Heiligen allein aus dem Missbrauch der Wunder?

Satans Trug leitet uns aus dem Staunen zum Aberglauben. Ein Beispiel: Ich soll göttliche Macht in dem Wunder erkennen. Wenn nun Petrus das Wunder tat, raunt mir der Satan alsbald zu: Siehst du nicht, dass hier ein göttlicher Mensch ist, dem du also Verehrung schuldest wie einem Gott? So würde es den Juden ergangen sein, wenn nicht die Predigt des Petrus sie aus ihrem Staunen auf den rechten Weg geleitet hätte. Im Papsttum dagegen, wo niemand dem Aberglauben wehrte, griff leicht ein verkehrtes Anstaunen von Menschen Platz. Umso eifriger sollten wir darauf bedacht sein, aus dem Wort das Heilmittel zu nehmen; nachdem die Wunder die Aufmerksamkeit erweckt haben, soll die Lehre zum rechten Ziel leiten.

V. 11. In die Halle, die da heißet Salomos. Dieselbe hatte wohl ihren Namen daher erhalten, dass sie an der Stelle errichtet war, wo sich einst ein Säulengang Salomos befand. Denn der alte Tempel war zerstört, aber seine Gestalt hatten Serubabel und Esra möglichst nachgeahmt. Später hatte Herodes ihn mit größerem Glanz erneuert, aber auch sein hohler Aufwand hatte in dem Herzen des Volks die Erinnerung an Salomo nicht ausgelöscht. Lukas nennt nun eine besonders berühmte Stelle, an welcher der Zusammenlauf des Volkes stattfand.

12 Als Petrus das sah, antwortete er dem Volk: Ihr Männer von Israel, was wundert ihr euch darüber? oder was sehet ihr auf uns, als hätten wir diesen wandeln gemacht durch unsere eigene Kraft oder Verdienst? 13 Der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, der Gott unsrer Väter, hat seinen Knecht Jesum verkläret, welchen ihr überantwortet und verleugnet habt vor Pilatus, da derselbige urteilte, ihn loszulassen. 14 Ihr aber verleugnetet den Heiligen und Gerechten und batet, dass man euch den Mörder schenkte; 15 aber den Fürsten des Lebens habt ihr getötet, den hat Gott auferwecket von den Toten; des sind wir Zeugen. 16 Und durch den Glauben an seinen Namen hat diesen, den ihr sehet und kennet, sein Name stark gemacht, und der Glaube durch ihn hat diesem gegeben diese Gesundheit vor euren Augen.

V. 12. Ihr Männer von Israel, was wundert ihr euch darüber? Petrus hebt seine Predigt mit einem Tadel an. Er tadelt aber das Volk nicht einfach darum, dass es sich wunderte, was ja durchaus nützlich und lobenswert war, sondern dass es den Preis des göttlichen Werkes fälschlich auf Menschen übertrug. Er will etwa sagen: es ist verkehrt, dass ihr an uns hängen bleibt, während ihr vielmehr eure Augen auf Gott und Christus richten müsstet. Der Irrtum und die Sünde liegen darin, dass man der Frömmigkeit und Kraft von Menschen zuschreibt, was allein Gott und Christus eignet, wie Petrus sagt: als hätten wir es gemacht durch unsre eigene Kraft oder Verdienst. Dass die Kraft allein von Gott ausgehen kann, gibt freilich jedermann zu. Nachdem man dies aber obenhin anerkannt, raubt man dem Herrn sein Recht, um damit Geschöpfe zu schmücken. So suchen die Papisten Gottes Kraft in den Heiligen, ja sie schließen das gottheitliche Wirken in Stein und Holz ein, sobald nur einmal eine Statue der Barbara oder dem Chrysogonus geweiht ist. So lassen sie Gott die Macht, den Vollzug des Wunders aber schreiben sie der Frömmigkeit der Heiligen zu. Denn warum fliehen sie zu ihnen, wenn sie Regen oder Sonnenschein oder Befreiung von einer Krankheit begehren? Doch nur, weil sie wähnen, dass die Heiligen mit ihrer Frömmigkeit er verdienten, dass Gott ihnen solchen Vorzug gab.

Gegenüber allen Vorwänden ist festzuhalten, dass Petrus ganz allgemein jedem das Urteil spricht, der bei den Wundern auf Menschen schaut und den Grund davon in ihrer Heiligkeit sucht. So ist es bemerkenswert, dass die Predigt mit einem Tadel des Aberglaubens anhebt; denn nichts liegt näher, als dass man von Gott auf die Geschöpfe hinüber gleitet. Sollte nun das Volk schon nicht auf die Apostel sehen, so will es der Geist uns noch viel gewisser wehren, irgendeinen kleinen Heiligen anzurufen.

V. 13. Der Gott Abrahams usw. Jetzt fügt der Apostel das Heilmittel hinzu, indem er die Leute zu Christus ruft. Er erklärt es als Gottes hauptsächliche Absicht, durch die Wunder, welche er die Apostel tun lässt, die Herrlichkeit seines Christus zu verklären. Es ist verkehrt, den Petrus oder irgendeinen andern zu erheben, denn alle müssen abnehmen, Christus aber allein wachsen (Joh. 3, 30). Hier sieht man deutlich den Unterschied zwischen Christus und den Aposteln. Erstlich ist er der Urheber, sie sind lediglich Handlanger. Zum andern ist das rechte Ziel, dass er allein und völlig die Ehre behalte, dass aber für diese Ehre kein anderer in Betracht komme. Wer durch die Wunder einen anderen als Christus ehren will, widerstrebt offensichtlich dem Rat Gottes. Petrus spricht von dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, um dem Volk zu bezeugen, dass er es durchaus nicht von der altüberkommenen Verehrung des wahren Gottes abführen wolle. Diesen Titel aber hatte sich Gott beigelegt, um sich durch solches Kennzeichen von den Götzen zu unterscheiden. Denn Gott in seinem unsichtbaren und unendlichen Wesen begreifen wir nicht. So schafft er eine für uns angemessene Offenbarungsweise, um uns zu seiner Erkenntnis zu leiten. Die Türken freilich rühmen sich, dass sie den Schöpfer Himmels und der Erde verehren; aber ihre Gedanken verflattern, ehe sie zum Himmel gelangen. Um also sein Volk nicht in Irrwege geraten zu lassen, hielt Gott es in seinem Bunde fest. Und seine Selbstbezeichnung als Gott Abrahams prägt in Kürze ein, was Mose ausführlicher darlegt (5. Mos. 30, 12 ff.): Sage nicht, wer will uns in den Himmel steigen? wer will in den Abgrund fahren? wer will über das Meer fahren? Das Wort ist gar nahe usw. Wie nun weiter bei den Juden der heilige Name der Väter beliebt war, so gibt Petrus hier andeutend zu verstehen, dass sie ohne den eingeborenen Sohn Gottes doch nicht besser sind als andere.

Heute aber will sich Gott an einem noch deutlicheren Zeichen erkennen lassen, indem er sich den Vater Jesu Christi nennt. Kehren wir jetzt zu Petrus zurück. Er sagt, dass er keine neue Religion aufbringen, noch das Volk vom Gesetz und den Propheten abführen wolle. Denn Gott hatte verboten, auf einen Menschen zu hören, der dies versuchen würde (5. Mos. 13, 4). So mahnt auch Paulus, man solle in dem geistlichen Gebäude den einigen Grund festhalten (1. Kor. 3, 11): denn wo man auch nur im Geringsten von Christus sich entfernt, ist die notwendige Folge der Zusammenbruch. So können wir unterscheiden, in welchem Sinne Petrus von dem Gott der Väter spricht. Er will nicht etwa, wie die Papisten in ihrem hohlen Rühmen der väterlichen Überlieferung, den allgemeinen Grundsatz aufstellen, dass man unter allen Umständen bei der Gottesverehrung verharren müsse, welche die Väter pflegten. Denn er nennt Abraham und Isaak und Jakob mit Namen, von welchen die wahre, göttlich überlieferte Religion ihren Ursprung nahm. Man soll also nicht an jegliche, auch nicht an die aus der Art geschlagenen Vorfahren sich hängen. Allein den Kindern Gottes gebührt diese Ehre; andere muss man verschmähen; so betonen auch die Propheten immer wieder (Hes. 20, 18): „Ihr sollt nach eurer Väter Gebot nicht leben.“

Welchen ihr überantwortet habt usw. Unter die Lehre mischt Petrus, wie es die Sache erforderte, einen strengen Tadel. Denn seine Zuhörer konnten nicht in Wahrheit zu Gott geführt werden, wenn sie nicht ihre Sünde erkannten. Und er trifft sie nicht bloß oberflächlich, sondern beweist mit Ernst, wie schwer das von ihnen begangene Verbrechen war. Darauf zielt der Vergleich, dass sie den dem Tode übergaben, von welchem Pilatus urteilte, ihn loszulassen. Weiter (V. 14), dass sie den Mörder geschont, den Lebensfürsten getötet, den Gerechten und Heiligen verworfen haben. So müssen die Menschen getroffen werden, damit sie ihre Sünde erkennen und ernstlich die Hilfe in der Vergebung suchen. Solch wuchtige Rede hat auch Petrus in seiner ersten Predigt geführt. Sodann fügt er hinzu (V. 15): den hat Gott auferwecket. So müssen die Juden erkennen, dass sie mit Gott Krieg führten, als sie Christus töteten. Doch Petrus will noch mehr sagen: ihr grausames Wüten konnte der Herrlichkeit Christi keinen Abbruch tun, weil Gott ihn trotz allem wieder ins Leben führte. Dies bezeugen die Apostel mit der Autorität von Augenzeugen.

V. 16. Und durch den Glauben an seinen Namen usw. Die umständliche Ausdrucksweise fließt aus brennendem Herzen. Der Apostel kann nicht oft genug wiederholen, was zur Ehre Christi dient. So kann auch ein Paulus sich niemals genug tun, wenn er von Christi Gnade predigt. Wenn es nun heißt: sein Name hat durch den Glauben an seinen Namen den Lahmen stark gemacht, so werden damit die letzte Ursache und die Weise der Ausführung angegeben. Christi Kraft hatte den Lahmen geheilt, aber durch Vermittlung des Glaubens. Die Bezeichnung „der Glaube durch ihn“ will besagen, dass unser Glaube zu Gott nur aufsteigt, wenn er sich auf Christus gründet. Auf Christus also muss der Glaube schauen und auf ihn sich stützen; wo man an ihm vorbeigeht, ist kein rechter Glaube an Gott. Wie nun Petrus zuvor sich und die andern Apostel als Zeugen des Lebens Christi vorstellte, so erinnert er jetzt daran, dass den Juden dies sein Leben durch das Zeichen und durch seine Wirkung bewiesen war: Christus hat diesem gegeben diese Gesundheit vor euren Augen. Daran hatten sie einen leuchtenden Beweis von Christi göttlicher Macht. Indem aber als Grund der Gesundung der Glaube genannt wird, empfängt die Undankbarkeit, welche dem Glauben nicht die schuldige Anerkennung zollt, einen versteckten Tadel. Es ist nun nicht sicher, ob wir an den Glauben des geheilten Menschen oder der Apostel zu denken haben. Wir brauchen aber darnach nicht peinlich zu fragen, weil ja der Glaube nur wie ein Deckwort ist, unter welchem die Kraft des Evangeliums angepriesen wird.

17 Nun, lieben Brüder, ich weiß, dass ihr's durch Unwissenheit getan habt, wie auch eure Obersten. 18 Gott aber, was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündiget hat, wie Christus leiden sollte, hat's also erfüllet. 19 So tut nun Buße und bekehret euch, dass eure Sünden vertilget werden; 20 auf dass da komme die Zeit der Erquickung von dem Angesichte des Herrn, wenn er senden wird den, der euch jetzt zuvor gepredigt wird, Jesum Christ, 21 welcher muss den Himmel einnehmen bis auf die Zeit, da wiederhergestellt werde alles, was Gott geredet hat durch den Mund aller seiner heiligen Propheten von der Welt an.

V. 17. Ich weiß, dass ihr's durch Unwissenheit getan habt. Weil Gefahr bestand, die Zuhörer möchten sich in der Verzweiflung ablehnend gegen die Lehre verhalten, so wird ihnen nun etwas Erleichterung geboten. So muss unsere Predigt Maß halten, soll sie anders Nutzen schaffen. Denn wenn nicht die Hoffnung auf Vergebung bleibt, so macht die Furcht vor Strafe die Herzen widerspenstig und verstockt. David sagt mit Recht, dass die wahre Gottesfurcht sich darauf gründet, dass man seine gnädige Vergebung erfährt (Ps. 130, 4). Unter diesem Gesichtspunkt lässt Petrus die Sünde seines Volkes wegen der Unwissenheit in milderem Lichte erscheinen. Das Bewusstsein, den Sohn Gottes mit Wissen und Willen verleugnet und in den Tod geliefert zu haben, wäre ja unerträglich gewesen. Immerhin will er ihnen nicht schmeicheln, wenn er ihre Tat auf Unwissenheit zurückführt, sondern seine Rede nur in soweit mildern, dass er sie nicht mit Verzweiflung überschüttet und erdrückt. Weiter dürfen wir die Worte nicht so verstehen, als wäre die Sünde des Volkes aus reiner Unwissenheit entsprungen, da ja unter derselben auch Heuchelei verborgen war. Aber die Benennung des Verhaltens wird gewählt, je nachdem die Bosheit oder die Unwissenheit überwiegt. Die Meinung des Petrus ist also, dass sie mehr in Irrtum und blindem Eifer gehandelt haben als in entschlossener Bosheit. Hier lässt sich die Frage aufwerfen: Muss denn jemand, der mit Wissen und Wollen gesündigt hat, notwendig in Verzweiflung geraten? Es diene zur Antwort, dass hier nicht von jeder beliebigen Sünde die Rede ist, sondern von der Verleugnung Christi und davon, dass die Menschen, soviel an ihnen ist, Gottes Gnade ersticken. Genaueres kann man aus 1. Tim. 1, 13 ersehen.

Wie auch eure Obersten. Auf den ersten Blick erscheint der Vergleich unzutreffend. Denn die Schriftgelehrten und Priester ließen sich durch eine wunderbare Wut treiben und waren von verbrecherischer Treulosigkeit erfüllt. Das Volk dagegen wurde von verkehrtem Gesetzeseifer geleitet. Außerdem lag es doch nur an dem Anreiz der Obersten, wenn das Volk gegen Christus entbrannte. Ich antworte, dass nicht in allen der gleiche Sinn war. Viele glichen ohne Zweifel dem Paulus, auf welche zutrifft, was derselbe anderwärts von den Obersten dieser Welt schreibt (1. Kor. 2, 8): „Wenn sie die Weisheit Gottes erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.“ Also spricht Petrus nicht von den Obersten insgemein, sondern lädt diejenigen zur Buße ein, die etwa heilbar sind.

V. 18. Gott aber usw. Hier wird noch deutlicher, zu welchem Zweck er der Unwissenheit gedachte. Wenn Gott seine Voraussage durchführte, so wird ja die Schuld der Juden am Tode Christi derartig eingeschätzt, dass sie ihnen doch zum Heil diene. Petrus sagt: Euch hat die Unwissenheit in Schuld verstrickt; Gott aber hat durchgeführt, was er beschlossen hatte, dass Christus durch seinen Tod euer Erlöser werden sollte. Das ist eine wunderschöne Betrachtung, wenn wir uns vorstellen, dass Gottes wunderbarer Rat das Böse, das wir tun, uns zu gut zu einem andern Ziel wendet. Übrigens darf dies keinen Vorwand zur Entschuldigung abgeben. Denn soviel an uns ist, richten wir uns durch die Sünde zugrunde: jene Umwandlung aber, von der ich sprach, ist ein ausgezeichnetes Werk des göttlichen Erbarmens, das wir in Demut preisen müssen. An den Juden lag es doch nicht, wenn mit Christi Person nicht die Hoffnung des Lebens ausgelöscht wurde. Trotz allem aber wurde sein Sterben für sie wie für die ganze Welt zur Lebensquelle. Auch daran darf noch einmal erinnert werden, was ich schon anderwärts sagte, dass der Apostel, damit nicht die falsche und widersinnige Meinung einschleiche, der Messias sei der Laune der Gottlosen unterlegen, auf Gott als den obersten Urheber hinweist, nach dessen Verfügung der eingeborene Sohn leiden musste.

V. 19. So tut nun Buße. In bemerkenswerter Weise verbindet sich mit der Mahnung zur Buße zugleich die Erklärung, dass für sie die Vergebung der Sünden bei Gott bereitliege. Denn man kann, wie ich schon sagte, niemand zur Buße erwecken, wenn man ihm nicht Rettung in Aussicht stellt. Wer Misstrauen in die Vergebung setzt, trägt als ein Mensch, der sich schon dem Verderben geweiht glaubt, kein Bedenken, hartnäckig wider Gott anzustürmen. Hier liegt der Grund, weshalb die Papisten keine Buße lehren können. Freilich schwätzen sie viel davon: aber weil sie das Vertrauen auf freie Gnade untergraben, können sie unmöglich ihren Jüngern den ernsten Trieb zur Umkehr einflößen.

V. 20. Auf dass da komme die Zeit der Erquickung usw. Um die vorangehende Ermahnung wirksamer zu machen, stellt Petrus den Juden den Tag des Gerichts vor Augen. Denn nichts sticht uns tiefer als die Erinnerung, dass wir einst werden Rechenschaft geben müssen. Solange also unsre Gedanken in dieser Welt befangen bleiben, sind sie sozusagen in tiefen Schlaf gehüllt.

Darum muss die Ankündigung des jüngsten Gerichts wie eine Posaune erschallen, die uns vor Gottes Richterstuhl ruft. Nun erst werden wir wahrhaft aufgeweckt und beginnen auf ein neues Leben zu denken. In derselben Weise predigte Paulus den Athenern (17, 30 f.): „Nun aber gebietet Gott allen Menschen, Buße zu tun, darum dass er einen Tag gesetzt hat, auf welchen er richten will den Kreis des Erdbodens.“ Alles in allem: derselbe Christus, der jetzt bei uns das Lehramt übt und uns durch das Evangelium unterweist, wurde vom Vater zum Richter bestellt und wird zu seiner Zeit kommen; darum muss man seiner Lehre beizeiten sich unterwerfen, will man anders die Frucht des Glaubens brechen. Allerdings ließe sich sagen, dass Petrus hier in anderem Ton vom jüngsten Tage spricht. Denn was er von den Zeiten der Erquickung sagt, will doch nicht Furcht erregen. Ich möchte antworten, dass ein doppelter Stachel und Antrieb vorhanden ist, wenn den Gläubigen vom letzten Gericht gepredigt wird. In dieser Welt nämlich tritt der Nutzen des Glaubens noch nicht in die Erscheinung. Vielmehr scheint es den Verächtern Gottes gut und glücklich zu gehen, während das Leben der Frommen mit zahllosem Elend angefüllt ist. Es würde uns also immer wieder der Mut entschwinden, wenn wir nicht an den künftigen Tag der Erquickung denken dürften, welcher die Glut aller unserer Trübsale auslöscht und dem Jammer ein Ende bereitet. Der andere Stachel ist der, von dem ich schon sprach, dass Gottes schreckliches Gericht uns Behaglichkeit und Schlaf austreibt. So mischt Petrus hier Drohungen und Verheißungen, um die Juden teils zu Christus zu locken, teils durch Furcht zu treiben. Gerade indem er sie zur Hoffnung auf Vergebung aufrichtet, ist es passend, ihnen den Tag Christi von seiner frohen Seite zu zeigen, um die Sehnsucht nach ihm zu wecken.

Wenn er senden wird den usw. Ausdrücklich verkündigt er Christus als Richter, damit man wisse, die Verachtung des Evangeliums werde nicht straflos bleiben. Denn wie sollte Christus dieselbe nicht rächen? Dabei bringt es den Gläubigen einen herrlichen Trost, zu wissen, dass die Entscheidung über das Heil in der Hand dessen liegt, der es jetzt verheißt und anbietet. Außerdem fügt der Apostel hinzu: es wird derjenige kommen, der euch jetzt zuvor gepredigt wird. Dadurch schiebt er jede Entschuldigung mit Unwissenheit beiseite und will etwa sagen: Jetzt wird euch Christus gepredigt, bevor er als Richter er Welt erscheint, damit, die ihn ergriffen haben, dann die Frucht ihres Glaubens ernten, die andern aber, die ihn verschmähten, die Strafe für ihren Unglauben empfangen. Übrigens bieten griechische Handschriften noch eine andere Lesart: „der euch jetzt vor Augen gestellt ist.“ Für den Sinn macht dies keinen Unterschied.

V. 21. Welcher muss den Himmel einnehmen oder: „welchen muss der Himmel einnehmen“. In jedem Falle will Petrus sagen, dass Christus jetzt im Himmel ist. Da der menschliche Sinn immer zu einer rohen und irdischen Betrachtung Gottes und Christi neigt, so konnten die Juden etwa denken, man predige ihn zwar, dass Christus von den Toten erweckt sei, zeige ihnen aber nicht, wo er sich befinde. Jetzt sollen sie aus den Worten des Petrus entnehmen, dass es gilt, die Herzen emporzuheben und Christus mit den Augen des Glaubens zu suchen, obwohl ein ungeheurer, räumlicher Abstand ihn von uns trennt, obwohl er außerhalb der Welt in himmlischer Herrlichkeit thront.

Bis auf die Zeit, da wiederhergestellt werde. Zieht man die Kraft und Ursache in Betracht, so hat Christus schon durch seinen Tod alles wiederhergestellt; aber die Wirkung ist noch nicht vollständig da, weil die Wiederherstellung, ja die Erlösung noch in der Entwicklung begriffen sind, solange wir unter der Last der Knechtschaft seufzen. Denn wie Christi Herrschaft erst angehoben hat und ihre Vollendung bis auf den letzten Tag sich verschiebt, so tritt alles, was damit zusammenhängt, jetzt erst zur Hälfte in die Erscheinung. Sehen wir heute noch viel Verwirrung in der Welt, so möge uns jene Zuversicht erquicken, dass einst Christus kommen wird, um alles zum vollkommenen Stande herzustellen. Wenn wir inzwischen die Reste der Sünde uns noch ankleben sehen, wenn uns mancherlei Elend rings umgibt, wenn die Welt so vielfach zerrissen ist, so mögen wir zwar diese Übel beweinen, aber die Hoffnung auf Wiederherstellung soll uns doch aufrecht halten. Christus erscheint darum nicht sofort, weil der Kriegsdienst seiner Gemeinde noch nicht vollendet ist; und es ist nicht unsere Sache, der von Gott gesetzten Zeit zuvorzukommen.

Was Gott geredet hat usw. Die Glaubwürdigkeit des Evangeliums wird sicherlich dadurch erheblich verstärkt, dass Gott immer den Messias in den Mittelpunkt stellte, seitdem er anfing, sich der Welt zu offenbaren. Dieser war die Grundlage, auf welcher schon alle Reden an die Väter ruhten. Desselben Beweises bedient sich auch Paulus im Anfang und Schluss des Römerbriefes (1, 2; 16, 26): das Evangelium ist keine Neuerung, sondern seit Urzeiten verheißen. Das ist das rechte Altertum, welches der Lehre Glaubwürdigkeit verleiht, wo Gott als Urheber dasteht, die heiligen Väter als Zeugen, und wo die ununterbrochene Reihe der Zeiten das Zeugnis bekräftigt. Dies Bekräftigung war besonders bei den Juden notwendig, die in der Lehre des Gesetzes erzogen waren und nichts anderes zulassen duften, als was damit übereinstimmte. So heißt Petrus sie lediglich anerkennen, was die Propheten über den Messias gesagt hatten.

22 Denn Mose hat gesagt zu den Vätern: „Einen Propheten wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern, gleichwie mich; den sollt ihr hören in allem, das er zu euch sagen wird; 23 und es wird geschehen, welche Seele denselbigen Propheten nicht hören wird, die soll vertilget werden aus dem Volk.“ 24 Und alle Propheten von Samuel an und hernach, wie viel ihrer geredet haben, die haben von diesen Tagen verkündiget.

V. 22. Denn Mose hat gesagt usw. Petrus will beweisen, dass er nicht zum Abfall von Mose verleiten will, weil es ja auch im Gesetz steht (5. Mos. 18, 15. 19), dass man sich dem verheißenen, obersten Lehrer gelehrig und folgsam beweisen soll. Man kann allerdings fragen, warum er dieses Zeugnis Moses vor anderen zitierte, da doch weit durchschlagendere bereit lagen. Er tut dies, weil es sich hier gerade um die Autorität der Lehre handelt. Er will es ja bewirken, dass man auf Christus als auf den von Gott verordneten Lehrer höre. Viel schwieriger aber ist noch die andere Frage, wieso Petrus auf Christi Person deuten kann, was Mose im Allgemeinen von den Propheten gesagt hatte. Denn dessen Meinung ist entschieden (vgl. zu der Stelle), dass Gott immer einen Propheten erwecken werde, von welchem die Juden jederzeit das Nötige lernen könnten. Wir dürfen uns also nicht vor den Juden lächerlich machen, indem wir etwa Moses Worte dahin verdrehen, als zielten sie allein auf Christus. Dennoch findet sich in der Rede des Petrus durchaus nichts Unpassendes. Er sieht ein, was allgemein zugestanden war, dass ein Lobspruch, der alle Propheten umfasst, ganz besonders auf Christus zielt. Denn er war nicht bloß der oberste aller Propheten, sondern es zielten auch auf ihn alle früheren Weissagungen, und durch ihn hat Gott in vollkommener Weise endlich geredet. Nachdem er vielfältig und in mancherlei Weise einst zu den Vätern durch die Propheten gesprochen, hat er in den letzten Tagen den Schluss in seinem eingebornen Sohn gemacht (Ebr. 1, 1 f.). Darum schwiegen seit der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft alle Propheten, damit das Volk durch solches Schweigen und Nachlassen der Offenbarungen desto gespannter würde, den Messias zu hören. Petrus hat also die Stelle aus Mose nicht verdreht oder in Unwissenheit missbraucht, sondern eine allgemein anerkannte Lehre als Grundsatz verwendet: Gott hat verheißen, er wolle der Lehrer seines Volkes sein, zunächst durch Vermittlung der Propheten, endlich aber besonders durch Christus, von dem man eine volle und zuverlässige Offenbarung über alle Dinge erwarten musste. Darauf bezieht sich der auszeichnende Spruch, mit welchem der Vater ihn empfiehlt (Mt. 17, 5): „Den sollt ihr hören.“

V. 23. Welche Seele denselbigen Propheten nicht hören wird usw. Mit dieser schweren Strafandrohung wider die Aufrührer wird die Autorität aller Propheten, insbesondere aber Christi, bestätigt. Mit Recht: denn da Gott nichts Wertvolleres hat als sein Wort, so kann er es unmöglich ungestraft verachten lassen. Für die Wegwerfung des Gesetzes Moses war die Todesstrafe angesagt. Darauf deutet auch Moses Wort: Solche Seele soll vertilget werden aus dem Volk. Denn als Gott Abrahams Geschlecht in seine Kindschaft aufnahm, tat er es unter der Bedingung, dass man mit der Einrechnung in jene Zahl als mit dem höchsten Glück sich zufrieden gebe, wie es auch in den Psalmen (33, 12; 144, 15) heißt: „Wohl dem Volk, des Gott der Herr ist, das er zum Erbe erwählt hat!“ So will der Apostel ohne Zweifel ankündigen, dass ein Mensch, der auf Christus zu hören sich weigert, aus dem Buch des Lebens gestrichen werden muss. Denn es verdient nicht ein Glied der Gemeinde zu sein, wer den Lehrer verschmäht, durch welchen allein Gott uns seine Lehre zu Gehör bringen will; wer dem Haupt sich nicht untergeben will, schneidet sich vom Leibe ab.

V. 24. Und alle Propheten usw. Wenn alle Propheten einstimmig ihre Jünger zu Christus schicken, so wird noch deutlicher, dass jenes Zeugnis Moses eine Empfehlung des Evangeliums in sich birgt und vornehmlich auf diesen letzten Abschluss aller Weissagung deutet. Es hebt nun die Glaubwürdigkeit des Evangeliums nicht wenig, dass alle, über so weite Zeiträume verteilte Propheten doch einhellig ihre Lehre auf das Zeugnis stimmen, dass man auf etwas Besseres und Vollkommeneres hoffen müsse. Wer also Mose und den Propheten glaubt, muss notwendig der Lehre Christi sich unterwerfen, ohne welche verstümmelt bleibt, was sie überlieferten.

25 Ihr seid der Propheten und des Bundes Kinder, welchen Gott gemacht hat mit euren Vätern, da er sprach zu Abraham: „Durch deinen Samen sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden.“ 26 Euch zuvorderst hat Gott erweckt seinen Knecht Jesum und hat ihn zu euch gesandt, euch zu segnen, indem er einen jeglichen bekehret von seiner Bosheit.

V. 25. Ihr seid der Propheten und des Bundes Kinder. Die Meinung ist, dass recht eigentlich für die Hörer die Gnade des Bundes bestimmt ist, den Gott mit den Vätern geschlossen hatte. So tritt neben die Strafandrohung, die mit ihrem Schrecken zum Gehorsam gegen das Evangelium treiben sollte, die Lockung, man möge die in Christus angebotene Gnade Gottes ergreifen. Wir sehen also, dass Gott nichts unterlässt, uns zu sich zu führen. Demgemäß wird ein kluger Diener des Wortes einerseits die Trägen und Lässigen scharf stechen, anderseits die Gelehrigen freundlich leiten. Beachtenswert ist auch die Weise, in welcher Petrus lehrt und darlegt, dass das Evangelium für die Juden bestimmt ist; denn eine allgemeine Gnadenpredigt genügt nicht: wir müssen auch wissen, dass nach Gottes bestimmter Verordnung die Gnade auch uns angeboten wird. Darum bemüht sich Paulus so oft, die Berufung der Heiden zu bekräftigen (Röm. 15, 9; Eph. 3, 6): denn wenn jemand meinen müsste, das Evangelium sei zufällig ausgestreut und zu ihm gekommen, so würde sein Glaube wanken, ja an die Stelle des Glaubens würde eine zweifelhafte Meinung treten. Soll das Angebot des Heils bei uns festen Glauben finden, so ist diese persönliche Anwendung unentbehrlich, welche den Menschen sagt: Gott schleudert nicht unbestimmte Worte in die Luft, sondern wendet sich mit bestimmter Absicht an euch. nach diesem Grundsatz erinnert Petrus die Juden, dass Christus ihnen verheißen ward. So sollen sie ihn umso freudiger annehmen. Womit beweist er dies? Damit, das sie Kinder der Propheten und des Bundes sind. Kinder der Propheten heißen sie, weil sie aus demselben Geschlecht stammten wie sie und darum Erben des Bundes waren, der den ganzen Volkskörper anging. Der Beweisgang ist der: Gott hat seinen Bund mit unsern Vätern geschlossen; also sind wir als ihre Nachkommen in denselben einbegriffen. Damit wird die spitzfindige Träumerei der Wiedertäufer widerlegt, welche die Bezeichnung Abrahamskinder lediglich geistlich deuten, als hätte Gott an das bestimmte Volk überhaupt nicht gedacht, da er sprach (1. Mos. 17, 7): „Ich will der Gott deines Samens sein.“ Gewiss redet Petrus hier nicht von den Schatten des Gesetzes, sondern prägt als noch in Christi Reich gültig ein, dass Gott zusammen mit den Vätern auch die Nachkommen in seine Kindschaft aufnimmt, dass also die Gnadenwirkung des Bundes auch auf solche sich erstreckt, die noch nicht geboren sind. Ich gebe zu, dass viele, die nach dem Fleisch von gläubigen Eltern stammen, als Bastarde, nicht als echte Kinder eingeschätzt werden müssen (Röm. 9, 6 ff.), weil sie durch ihren Unglauben sich von der heiligen Nachkommenschaft trennen. Das schließt aber nicht aus, dass Gott den Samen der Frommen zur Gemeinschaft seiner Gnade beruft und zulässt, und dass jene allgemeine Erwählung, die freilich nicht an jedem einzelnen wirksam ist, der besonderen den Weg bereitet (vgl. auch Röm. 11, 23).

„Durch deinen Samen sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden.“ Dies Wort an Abraham begründete den Bund mit den Vätern. In seiner Auslegung stimmt Petrus mit Paulus überein, welcher ja (Gal. 3, 16) den Segen auf das ganze Volk sich erstrecken lässt, aber als Quellpunkt Christus betrachtet. Denn dass dies Wort ausschließlich auf Christus gehe, ist seine Meinung nicht. Uns aber wird der Segen in Christus zuteil, weil wir außerhalb seiner Gemeinschaft alle unter dem Fluch stehen. Die Völker werden gesegnet, weil sie in seine Gemeinschaft eingepflanzt werden. Darauf deutet auch der Name Abraham, d. h. Vater der Menge; stand es doch bevor, dass Gott alle Völker zu ihm sammeln wollte. Wir sehen daraus, dass der Bund Gottes, welcher damals ein besonderes Eigentum der Juden war, jetzt nicht bloß ein Allgemeinbesitz ist, sondern ausdrücklich auch mit uns geschlossen wird. Anders könnten wir aus dem Evangelium nicht hinreichend sichere Heilszuversicht schöpfen. Darauf blickte Petrus auch, als er kurz darnach sagte (V. 26), Christus sei zuvorderst für die Juden gesandt. Darin liegt eine Andeutung, dass auch die Heiden an die Reihe kommen, wenn auch erst in zweiter Linie.

Euch hat Gott erweckt seinen Knecht Jesum. Der Apostel schließt aus Moses Worten, dass jetzt Christus erschienen sei. Doch scheinen dieselben etwas Derartiges nicht zu enthalten. Indessen zieht er einen ganz richtigen Schluss, weil ja sonst kein Segen vorhanden wäre, wenn er nicht vom Messias her uns zuflösse. Denn man muss immer im Gedächtnis behalten, dass das ganze menschliche Geschlecht unter dem Fluch steht, uns also ein einzigartiges Heilmittel verheißen wird, was uns nur durch Christus dargeboten werden kann. Darum ist er allein Quell und Ursprung des Segens. Und wenn er zu dem Zweck gekommen ist, zuerst die Juden, dann uns zu segnen, so hat er ohne Zweifel seine Aufgabe erfüllt, und wir werden die Kraft und den Erfolg seines Wirkens in uns spüren, wenn nicht unser Unglaube hindernd dazwischentritt. Es war unter dem Gesetz ein Teil des priesterlichen Amts, das Volk zu segnen. Und damit nicht eine leere Zeremonie daraus würde, war eine Verheißung angehängt (4. Mos. 6, 27).

Was aber im alttestamentlichen Priestertum schattenhaft dargestellt war, ist in Christus wahrhaft gegeben (vgl. zu Ebr. 7, 16). Übrigens soll man nicht übersetzen, dass Gott seinen Knecht „auferweckt“ habe, denn das Wort deutet nicht auf dies vergangene Ereignis zurück, sondern Petrus meint, dass Christus „erweckt“ ward, da er als Urheber des Segens offenbar wurde. Dieses soeben erst geschehene, plötzliche Ereignis musste die Gemüter noch stärker ergreifen. Denn so pflegt die Schrift zu reden, wie dies auch in dem eben zitierten Wort Moses (V. 22) geschieht. Dass Gott einen Propheten erweckt, bedeutet, dass er ihn mit den notwendigen Gaben zur Durchführung seines Amtes ausrüstet und ihn eben auf die Ehrenstufe eines Propheten erhebt. In diesem Sinne ward Christus „erweckt“, als er den ihm vom Vater aufgetragenen Dienst leistete; aber es geschieht auch täglich, wenn er uns durch das Evangelium angeboten wird, um unter uns gleichsam aufgerichtet dazustehen.

Indem er einen jeglichen bekehret. Obgleich andere abweichen, ist doch dies die allein richtige Übersetzung. Petrus legt uns noch einmal die Lehre von der Buße ans Herz und gibt zu verstehen, dass er unter der Segnung Christi die Erneuerung des Lebens mitbefasst. Ebenso fügt Jesaja (59, 20), wenn er für Zion den kommenden Erlöser verheißt, einschränkend hinzu: „denen, die sich bekehren von den Sünden in Jakob.“ Auch Christus tilgt die Sünden der Gläubigen nicht, um ihnen einen Vorwand zu weiterem sündigem Sichgehenlassen zu schaffen, sondern macht zugleich aus ihnen neue Menschen. Immerhin muss man diese beiden unter sich zusammenhängenden Gnadengaben auch klüglich unterscheiden, damit das Fundament bleibe, dass unsere Versühnung auf Gottes gnädiger Verzeihung beruht.

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