Calvin, Jean - Apostelgeschichte - Kapitel 24.

Calvin, Jean - Apostelgeschichte - Kapitel 24.

1 Über fünf Tage zog hinab der Hohepriester Ananias mit den Ältesten und mit dem Redner Tertullus; die erschienen vor dem Landpfleger wider Paulus. 2 Da er aber berufen ward, fing an Tertullus zu verklagen und sprach: 3 Dass wir in großem Frieden leben unter dir und viel Verbesserungen diesem Volk widerfahren durch deine Fürsichtigkeit, allerteuerster Felix, das nehmen wir an allewege und allenthalben mit aller Dankbarkeit. 4 Auf dass ich aber dich nicht zu lange aufhalte, bitte ich dich, du wollest uns kürzlich hören nach deiner Gelindigkeit. 5 Wir haben diesen Mann gefunden schädlich, und der Aufruhr erreget allen Juden auf dem ganzen Erdboden, und einen Vornehmsten der Sekte der Nazarener, 6 der auch versucht hat, den Tempel zu entweihen; welchen wir auch griffen, und wollten ihn gerichtet haben nach unserm Gesetz. 7 Aber Lysias, der Hauptmann, kam dazu und führte ihn mit großer Gewalt aus unsern Händen, 8 und hieß seine Verkläger zu dir kommen; von welchem du kannst, so du es erforschen willst, dich des alles erkundigen, um was wir ihn verklagen. 9 Die Juden aber redeten auch dazu und sprachen, es hielte sich also.

V. 1. Dass Ananias als Ankläger gegen Paulus sich nach Cäsarea begibt, bietet eine weitere Stütze für die Vermutung, die ich (zu 23, 2) über seine Stellung aussprach: ein solches Geschäft wäre unter der Würde des eigentlichen Hohenpriesters gewesen. Diesen Posten hatte also damals ein anderer inne; da aber Ananias als einer unter den obersten Priestern das Heft in der Hand hatte und ein tatkräftiger Mann war, musste er diese Sendung auf sich nehmen. Er nimmt aber einen ganzen Schwarm von Männern aus dem ehrwürdigen Ältesten-Kollegium mit, um schon durch diese Erscheinung den Landpfleger zur Verurteilung des Paulus zu bestimmen. Da aber dieser sich keiner rednerischen Kunstgriffe bediente, hätte es wenigstens nicht bedurft, dass man den gewerbsmäßigen Redner Tertullus mitnahm, welcher den Streit mit wortreicher Beredsamkeit führen sollte. Jedenfalls wollten sie es sich leicht machen, durch Würde und Zahl der Menschen einen von jeder Hilfe verlassenen armen Mann zu erdrücken. Es war also das Zeichen eines schlechten Gewissens, dass sie bei aller dieser Macht und bei ihrer Erfahrung in Rechtsgeschäften auch noch einen Redner dingen. Gewiss ist Beredsamkeit eine Gottesgabe; hier aber wollte man damit nur Dunst machen und den Richter täuschen. Lukas will uns nun durch diese Erzählung wissen lassen, dass die Juden nichts unterließen, den Paulus zu unterdrücken; sie untergruben nicht nur seine Unbescholtenheit, sondern wollten ihm auch durch Schrecken und Verwirrung die Verteidigung erschweren. So müssen wir uns denn sagen, dass es allein durch Gottes wunderbare Gnade geschah, wenn Paulus solch harten Ansturm ohne Zittern aushielt. Sollte ein einsamer Mensch sich von einer Überzahl der Feinde umlagert sehen, so möge er an diese Geschichte denken und dadurch Mut fassen, wie auch David uns durch sein Beispiel ermuntert (Ps. 27, 3): „Wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf ihn.“

V. 3. Dass wir in großem Frieden leben unter dir usw. Diese Vorrede hat mit der Sache nichts zu tun; Tertullus rühmt des Felix Klugheit und Tugenden, um seine Gunst zu gewinnen. Das ist ein hässlicher und schmeichlerischer Anfang. Mag es nicht immer ganz unpassend sein, einem Richter Lob zu spenden, so ist es doch offenbar tadelnswert, wenn ein Redner sich mit lügenhaften Lobsprüchen einführt, um die Sache selbst zu verdunkeln. Aus Josephus (Altertümer 20, 8) wissen wir, dass Felix seine Provinz habgierig, grausam und launenhaft regiert hat. Der letzten Vergangenheit gehörte die unwürdige und tragische Hinmordung des Hohenpriesters Jonathan an, der sich der zügellosen Tyrannei zu widersetzen wagte. Endlich sah sich der Kaiser Klaudius durch die unbequemen Klagen des ganzen Volks gezwungen, den Felix zur Rechenschaft abzurufen und ihn durch Festus zu ersetzen. Wir sehen also, wie schmählich und schamlos dieser Rhetor gelogen hat. Dass aber alle Gegner des Paulus ihm beistimmen, ist ein Beweis, wie der Hass sie verblendet und die Bosheit sie dahin führt, das allgemeine Wohl ihres Vaterlandes zu verraten; es gilt ihnen alles gleich, wenn man nur den Paulus in den Tod stößt.

Und viel Verbesserungen diesem Volk widerfahren. Nicht bloß von „Wohltaten“, wie manche übersetzen, ist die Rede, sondern von verbesserten Zuständen. Tertullus preist den Eifer des Felix, dass er Judäa von mancherlei Verderbnis gereinigt und vieles gebessert habe, was sonst übel war. Dadurch will er ihn veranlassen, sich durch die Hinmordung eines einzigen Menschen noch eifriger um die Gunst des Volkes zu bemühen, von dem er wohl wusste, dass es ihm sonst feindlich gesinnt war.

V. 5. Wir haben diesen Mann gefunden schädlich usw. Tertullus verfolgt ein doppeltes Ziel: in erster Linie geht er darauf aus, dass Paulus den Juden ausgeliefert werden möge, deren Gericht doch das zuständige sei, wo es sich um den Gottesdienst und das mosaische Gesetz handelt. Sollte dies aber abgeschlagen werden, so lässt er im Hintergrunde drohend das Staatsverbrechen erscheinen, dass Paulus einen Aufruhr im Volk erregt habe. Man wusste, dass kein Verbrechen den Römern verhasster war, und heftete darum dem Paulus vor allem diese Schmach an. Dazu nimmt Tertullus den Mund sehr voll, dass Paulus alle Juden auf den ganzen Erdboden zum Aufruhr reize. Dass er in der Sekte der Nazarener eine Hauptrolle spiele, könnte in mancherlei Weise gedeutet werden; indessen will ich nichts dagegen einwenden, wenn man unter Nazarenern einfach die Christen verstehen will.

V. 6. Der versucht hat, den Tempel zu entweihen. An sich könnte vor den Ohren des römischen Landpflegers, der am liebsten den Tempel von Grund aus zerstört gesehen hätte, diese Anklage nur leicht wiegen, ja lächerlich erscheinen. Aber man redet dem Paulus in verschlagener Pfiffigkeit eine Entweihung des Tempels nach, weil eine solche besonders leicht zum Aufruhr hätte führen können. Tertullus gibt zu verstehen, dass es nicht des Paulus Verdienst war, wenn dem Staat ein Aufruhr erspart blieb; er trug die Bandfackel in der Hand, die man ihm nur eben noch entreißen konnte. Zugleich zielt diese Mitteilung darauf hin, dass Paulus ein Religionsverbrechen begangen habe, dessen Aburteilung eigentlich den Juden zustehe. So klagt der Redner über den Oberhauptmann Lysias, dass er den Juden ihr Recht entwunden habe. Er möchte bewirken, dass es der Landpfleger in ihre Hand zurückgebe. Allerdings konnten sie wohl kaum hoffen, dass dieser das Recht des Todesurteils, welches die römische Obrigkeit allein handhabte, ihnen in diesem Falle abtreten würde. Aber Tertullus heuchelt freundliche Nachgiebigkeit, als wollte man den Paulus gnädiger behandeln, als er es verdiente, und nur eine mäßige Züchtigung über ihn verhängen, wie sie dem jüdischen Gerichte zustand. Indessen steht er nicht davon ab, die Verhängung der Todesstrafe dem Landpfleger zuzumuten. Schlau ist auch das Verfahren gegenüber dem Tribunen Lysias, der sich menschlicher gegen Paulus gestellt hatte, als die Priester wünschten; Tertullus, der ihm nicht geradezu ein Verbrechen vorzuwerfen wagt, untergräbt doch seine Glaubwürdigkeit und erregt Verdacht gegen ihn.

V. 8. So du es erforschen willst usw. Es klingt recht und billig, dass der Landpfleger nicht vor gründlicher Untersuchung richten und den Paulus erst nach rechtmäßiger Überführung verurteilen soll. Aber wie konnten sie bei ihrem bösen Gewissen unter solcher Bedingung den Rechtsstreit aufzunehmen wagen? Offenbar hofften sie den Felix mit Redekünsten zu überzeugen, so dass er, ihrer Laune folgend, aus dem Angeklagten einen Verurteilten machte. Eine wirkliche Verteidigung wäre dem Angeklagten dadurch verschränkt gewesen. Die Verleumder rühmen also zuversichtlich, dass sie mit einer wohl geprüften Sache kommen, und hoffen damit die Augen der Richter zu blenden.

10Paulus aber, da ihm der Landpfleger winkte zu reden, antwortete: Dieweil ich weiß, dass du in diesem Volk nun viele Jahre ein Richter bist, will ich unerschrocken mich verantworten; 11denn du kannst erkennen, dass nicht mehr denn zwölf Tage sind, dass ich bin hinauf gen Jerusalem gekommen, anzubeten. 12Auch haben sie mich nicht gefunden im Tempel mit jemand reden oder einen Aufruhr machen im Volk, noch in den Schulen, noch in der Stadt. 13Sie können mir auch nicht beweisen, des sie mich verklagen. 14Das bekenne ich aber dir, dass ich nach diesem Wege, den man eine Sekte heißt, diene also dem Gott meiner Väter, dass ich glaube allem, was geschrieben stehet im Gesetz und in den Propheten, 15und habe die Hoffnung zu Gott, auf welche auch sie selbst warten, nämlich, dass zukünftig sei die Auferstehung der Toten, beide der Gerechten und Ungerechten. 16Dabei aber übe ich mich, zu haben ein unverletzt Gewissen allenthalben, beide gegen Gott und die Menschen. 17Aber nach vielen Jahren bin ich gekommen und habe ein Almosen gebracht meinem Volk und Opfer. 18Darüber fanden sie mich, dass ich mich geheiligt hatte im Tempel ohne allen Lärmen und Getümmel. 19Das waren aber etliche Juden aus Asien, welche sollten hier sein und mich verklagen, so sie etwas zu mir hätten. 20Oder lass diese selbst sagen, ob sie etwas Unrechtes an mir gefunden haben, dieweil ich stund vor dem Rat, 21ohne um des einigen Worts willen, da ich unter ihnen stand und rief: Über der Auferstehung der Toten werde ich von euch heute angeklaget.

V. 10. Paulus aber antwortete usw. Ohne von dem Inhalt des Evangeliums, den ja auch der Ankläger nicht berührt hatte, etwas zu sagen, antwortet Paulus einfach auf die wider ihn vorgetragenen Verleumdungen. Gewiss schämt er sich des Evangeliums nicht, noch flieht er das Kreuz: aber ein tieferes Bekenntnis des Glaubens war hier nicht am Platze. Ehe der Apostel zur Sache kommt, schickt er voraus, dass er gern von Felix, der schon lange die Regierung von Judäa führte, sich verantworte. Er lobt nicht die Tugenden des Landpflegers, sondern erklärt nur seine Freude darüber, dass dieser eine lange Erfahrung habe und darum sachgemäß richten könne. Er will etwa sagen: Weil du schon seit geraumer Zeit die Art der Juden kennst, brauche ich weniger zu fürchten, dass sie dich umgarnen. Pflegt doch Unerfahrenheit einen Richter zu überstürzter Leichtgläubigkeit zu verleiten.

V. 11. Ich bin gen Jerusalem gekommen, anzubeten. Wie mag Paulus dies sagen, da ja die heilige Scheu vor dem Tempel schon dahin gefallen und die besonders hervorragende Stellung gerade dieses Tempels aufgehoben war? Ich antworte, dass er zwar nicht vollständig dargelegt, was er beabsichtigte, aber keineswegs etwas Falsches vorgibt. Die Anbetung im Tempel war ja den Gläubigen Christi nicht verboten, wenn sie nur dem Orte keine besondere Heiligkeit andichteten und bereit blieben, an allen Orten heilige Hände aufzuheben (1. Tim. 2, 8). Wenn Paulus nach Jerusalem gekommen war, durfte er in den Tempel gehen, um seine Frömmigkeit zu bezeugen, und dort feierliche Formen der Gottesverehrung auf sich nehmen, da er ja sich vom Aberglauben freihielt; nur Sühnungen, die mit dem Evangelium stritten, hätte er sich nicht unterwerfen dürfen. Es war also nicht religiöse Scheu, die ihn in gesetzlicher Weise nach Jerusalem trieb, als wäre der Tempel noch immer Gottes Angesicht: doch trug er kein Bedenken, durch die äußere Anbetung vor den Menschen ein Zeugnis seiner Frömmigkeit zu geben.

V. 12. Im Tempel mit jemand reden. Hätte Paulus im Tempel oder in den Synagogen, die zu solchen Zwecken über die ganze Stadt verteilt waren, disputiert, so wäre dies kein Unrecht gewesen, das er hätte ableugnen müssen. Da man ihn aber als einen Aufrührer angegeben hatte, legt er alles darauf an, dieser Verleumdung auch jeden Scheingrund zu entziehen. Er zieht (V. 13) den Schluss, dass man ihn fälschlich und ungerecht verklage, weil seine Gegner niemals einen Beweis für ihre Behauptungen würden bringen können. So musste es für einen Freispruch ausreichen, dass man ihn mit schamlosen Lügen beschwerte, obgleich nicht der geringste Verdacht an ihm haftete.

V. 14. Das bekenne ich aber usw. Weil man dem Paulus Unfrömmigkeit und Entweihung des Tempels vorgeworfen hatte, reinigt er sich jetzt von diesen beiden Stücken, damit Felix erfahre, dass seine Gegner sich lediglich von Übelwollen treiben ließen. Denn auch ein falscher und verkehrter Eifer für die Religion, den man vorwendet, pflegt Menschen, die nicht in die Tiefe blicken, zu imponieren; darum stand zu fürchten, dass Felix, wenn er irgendeinen Verdacht gegen Paulus gefasst hätte, dem Eifer der Priester nicht nur verzeihe, sondern auch zugestehen würde, um was sie baten. Doch was bedeutet das Geständnis des Apostels, dass er Gott diene nach diesem Wege, den man eine Sekte heißt? Ich glaube nicht, dass er irgendetwas nach durchschnittlichem Urteil Verächtliches damit zugesteht; denn der Name „Sekte“, Schule oder Partei war bei Juden und Heiden geläufig, und man rühmte sich eher der Zugehörigkeit zu einer solchen. So wird Paulus die jüdische Religion oder auch, aber ohne üblen Nebensinn, das Bekenntnis zum Evangelium als Sekte bezeichnen, weil beides sich von den Gebräuchen und Gewohnheiten aller Völker abhob. Und weil er ausdrücklich sich zur Verehrung des Gottes seiner Väter bekennt, möchte ich sogar am ehesten glauben, dass er seine jüdische Religion im Allgemeinen betont. Er war ein römischer Bürger, bekennt sich aber als geborener Jude dazu, in der Religion zu bleiben, die er von den Vätern gelernt hatte. Dies besagt der hinweisende Ausdruck: Ich diene also dem Gott meiner Väter. Das ist zugleich ein Seitenhieb, der seine Gegner treffen soll, die ihn so grausam angreifen, obgleich er doch mit ihnen in der Verehrung des einen Gottes zusammenstimmt. Er gibt ihnen zu verstehen, dass er nicht minder als sie diesem Gott nach der von den Vätern überlieferten Weise diene. Damit streitet nicht, dass er die gesetzlichen Zeremonien preisgegeben hatte und sich mit der Anbetung Gottes im Geist begnügte. Denn es kam dem Paulus hier lediglich darauf an, den Makel der Unfrömmigkeit abzuwischen, den man ihm fälschlich aufgesprengt hatte.

Ich glaube allem, was geschrieben stehet usw. Damit wird der vorige Satz kurz erläutert. Paulus hatte nicht kurzweg behauptet, Gott zu dienen, sondern hatte hinzugefügt, dass er ihm „also“ diene; darum beschreibt er jetzt, wie er ihm dient. Wir sehen daraus, wie ernstlich er sich vor einer Verwicklung in den später hinzugekommenen Aberglauben hütet, der unter den Juden herrschte. Es ist, als wenn heute jemand von uns den Papisten zur Antwort geben wollte, dass er den Gott, zu dem auch sie sich bekennen, in der Weise ehre, wie wir es aus Gesetz und Evangelium gelernt haben. Wir sollen daraus entnehmen, dass man dem Herrn eine Verehrung und einen Gehorsam, der ihm gefällt, allein durch den Glauben leisten kann, der die einzige Grundlage der Frömmigkeit ist. Indem Paulus sich als einen Knecht Gottes darstellen will, beruft er sich nicht auf bloße Zeremonien, sondern erklärt ausdrücklich, dass er glaube. Auch die nützliche Lehre enthält unsere Stelle, dass es die einzige Grundlage eines rechten und gesunden Glaubens ist, sich der Schrift zu unterwerfen und mit Ehrfurcht ihre Lehre anzueignen. Dabei teilt Paulus die Schrift in Gesetz und Propheten ein und gibt damit deutlich zu verstehen, dass er in keinem Stück von dem zusammenstimmenden Glauben der ganzen Gemeinde abweicht.

V. 15. Und habe die Hoffnung zu Gott usw. Beachtenswert ist die Gedankenfolge: an das Bekenntnis, dass er der Schrift glaube, schließt Paulus die Aussage, dass er auf eine zukünftige Auferstehung hofft. So soll es deutlich werden, dass diese Hoffnung nicht aus dem Sinn des Fleisches oder willkürlichen Menschenlehren geschöpft ist, sondern aus Gottes Wort. Das erste ist also eine ehrfürchtige Stellung zur Schrift, deren Autorität uns gebunden halten soll und den Ausgangspunkt des Glaubens bildet; darnach folgt eine mit Hoffnung verbundene gewisse Erkenntnis dessen, was uns Gott daselbst geoffenbart hat. Wenn aber Paulus erklärt, er habe die gleiche Hoffnung, auf welche auch sie selbst warten, schließt er sich nur mit dem besseren Teil der Juden zusammen. Außerdem will er sie ohne Zweifel vor Felix mit diesem Kunstgriff aus ihren Schlupfwinkeln in das helle Licht locken, wie dies auch der Schluss seiner Verteidigungsrede noch einmal deutlich machen wird. Dass der Apostel ganz allgemein die Auferstehung behauptet, lässt sich als Beweis gegen gewisse Schwärmer verwenden, welche sie nur auf die Glieder Christi beschränken. Auch Christus verkündet ja mit deutlichem Wort, dass alle ohne Unterschied sollen aufgerufen werden, die einen zum Gericht, die andern zum Leben (Joh. 5, 29).

V. 16. Dabei aber übe ich mich usw. Wie wir aus mehreren Stellen der Schrift entnehmen können, gibt es keinen schärferen Stachel und Antrieb zu einem rechten und heiligen Leben als die Hoffnung auf die letzte Auferstehung. An sie erinnert Paulus die Gläubigen auch sonst mehrfach, wenn er sie besonders wirksam ermahnen will (Phil. 3, 20). Darum hat auch hier seine Behauptung guten Grund, dass er eben auf der Unterlage dieses Glaubens sich bemühe, rein vor Gott zu leben und den Menschen gegenüber Gerechtigkeit zu pflegen. Sein Gewissen bezeichnet er als unverletzt, buchstäblich „nicht gestoßen“; denn Knechte Gottes sind bestrebt, Anstöße aus dem Wege zu wälzen, die ihren Lauf hindern würden. Der Apostel setzt aber eine doppelte Beziehung des Gewissens: gegen Gott und die Menschen. Die innerste Empfindung des Herzens schaut allein auf Gott; daraus erwächst dann Treue und Rechtschaffenheit, die wir gegen die Menschen beweisen. Indem Paulus beides für sich in Anspruch nimmt, die Frömmigkeit im Verkehr mit Gott und die Gerechtigkeit im Umgang mit den Menschen, gibt er zu verstehen, dass nur der in Wahrheit auf die letzte Auferstehung hofft, der im Gutestun niemals müde wird. Denn dass er sich allenthalben um ein gutes Gewissen bemüht, besagt eben, dass er stets in dieser unveränderten Richtung ausharrt.

V. 17. Aber nach vielen Jahren usw. Der Apostel will sagen, dass er schon seit geraumer Zeit nicht in Jerusalem war, sondern in fernen Gegenden weilte; jetzt aber sei er nach langer Zwischenzeit eingetroffen, um Almosen abzuliefern und seinem Gott ein Dankopfer zu bringen. Dadurch wird die Unmenschlichkeit und zugleich Undankbarkeit grell beleuchtet, die ihm so übel lohnt, da er doch in jeder Weise verdient hätte, vom ganzen Volk freundlich begrüßt zu werden. Indem er nun (V. 18) erzählt, dass er bei Ausführung seines Vorsatzes im Tempel betroffen wurde, nachdem er sich feierlich gereinigt hatte, und ohne als friedlicher Mann einen Aufruhr zu erregen, - wehrt er sich noch einmal gegen das doppelte Verbrechen, welches man ihm vorwarf. Dass er sich heiligte, war ja ein Beweis, wie weit er von einer Entweihung des Tempels entfernt war. Und wenn er ohne allen Lärm und Getümmel gefunden wird, kann man ihn nicht als Aufrührer verdächtigen.

V. 19. Das waren aber etliche Juden aus Asien usw. Obwohl im griechischen Text der Satz nicht zu Ende geführt wird, ist der Sinn verständlich; die den grundlosen Lärm anrichteten, waren vielmehr jene Leute aus Kleinasien, über deren Abwesenheit sich Paulus beschwert. Er will etwa sagen: Ihr, die ihr so viele Verbrechen mir aufladet, könnt nicht zeigen, wie die Sache sich wirklich verhält, sondern bringt ein leichtfertig geglaubtes Gerücht vor den Richterstuhl des Landpflegers. Die Leute aber, welche an dem ganzen Übel schuld haben und den Brand anfachten, sind nicht zur Stelle. So gibt Paulus den andern die Beschuldigung zurück, um sich dann, als hätte er nun volle Zuversicht gesammelt, wider die anwesenden Gegner mit dem Aufruf zu wenden (V. 20), sie möchten nur offen vortragen, was sie etwa auf Grund eigener Erfahrung zu sagen wüssten. In ihrem hohen Rat sei er ja bereit gewesen, über alles Rechenschaft zu geben; sie aber hätten keine Verbrechen an ihm feststellen können, weil sie in rasende Wut gerieten, als er nur ein einziges Wort von der Auferstehung der Toten sagte. So belästige man ihn lediglich darum, weil er auf die Auferstehung hoffte. Daraus aber ergebe sich, dass man auch jetzt eine neue Anklage aus nichts schmiede. Läge ein Verbrechen vor, so würde man schon früher nicht davon geschwiegen haben. Übrigens ist es wahrscheinlich, dass noch weitere Reden hin und her geführt wurden. Lukas aber begnügt sich zu zeigen, wie trefflich sich Paulus gegen die falschen Beschuldigungen seiner Ankläger zu verteidigen wusste.

22Da aber Felix solches hörte, zog er sie hin; denn er wusste gar wohl um diesen Weg und sprach: Wenn Lysias, der Hauptmann, herabkommt, so will ich mich eures Dings erkundigen. 23Er befahl aber dem Unterhauptmann, Paulus zu behalten und lassen Ruhe haben, und dass er niemand von den Seinen wehrte, ihm zu dienen oder zu ihm zu kommen. 24Nach etlichen Tagen aber kam Felix mit seinem Weibe Drusilla, die eine Jüdin war, und forderte Paulus und hörte ihn von dem Glauben an Christum. 25Da aber Paulus redete von der Gerechtigkeit und von der Keuschheit und von dem zukünftigen Gerichte, erschrak Felix und antwortete: Gehe hin auf diesmal; wenn ich gelegene Zeit habe, will ich dich her lassen rufen. 26Er hoffte aber daneben, dass ihm von Paulus sollte Geld gegeben werden, dass er ihn losgäbe; darum er ihn auch oft fordern ließ und besprach sich mit ihm. 27Da aber zwei Jahre um waren, kam Portius Festus an des Felix Statt. Felix aber wollte den Juden eine Gunst erzeigen und ließ Paulus hinter sich gefangen.

V. 22. Da aber Felix solches hörte usw. Der Landpfleger sprach über die Sache noch kein Urteil, hat aber offenbar gerochen, dass auf Paulus nicht irgendein eigenes Verbrechen lastete, sondern nur die Bosheit der Priester. Denn als Grund dafür, dass der Landpfleger die weitere Verhandlung bis zum Eintreffen des Lysias verschiebt, gibt Lukas an, dass er gar wohl um diesen Weg wusste. Das will besagen, dass er aus langer Erfahrung und Übung den Charakter der Priester kannte und aus dem Hin- und Herreden die Leichtfertigkeit ihrer Anklage durchschaut hatte. Das ergibt sich auch aus der menschenfreundlichen und wenig drückenden Behandlung, die er dem Paulus angedeihen lässt; er gibt ihn in die Obhut eines Hauptmanns, der ihn in leichter Haft halten soll. Es wirft ein helles Licht auf des Apostels Unschuld, dass ein Weltmensch sofort dies vorläufige Urteil fällt, ihn nicht wie einen Gefesselten behandelt und zulässt, dass die Seinen ihn zu vertrautem Verkehr besuchen und unterstützen. Wir schließen auch aus dieser Stelle, dass Paulus von seinen Begleitern und der übrigen Gemeinde nicht verlassen war. Dass seinen Vertrauten der Zugang zu ihm gestattet wurde, hatte ja nur dann einen Zweck, wenn sie gegenwärtig waren, sich besorgt zeigten und ihre Dienste zu leisten wünschten. Dies Beispiel gibt uns den Wink, dass wir die Zeugen Christi, die für das Evangelium leiden, soweit wir dazu Freiheit und Gelegenheit haben, mit jeglichem Troste bedenken sollen.

V. 24. Felix mit seinem Weibe Drusilla. Diese war eine Tochter des älteren Agrippa, von dessen schmählichem Untergang Lukas berichtet hat (12, 23). Sie war dem Epiphanes, dem Sohn des Königs Antiochus, verlobt; da aber der junge Mann sich weigerte, die jüdischen Riten anzunehmen, was er doch versprochen hatte, gab sein Bruder, der jüngere Agrippa, von dem im nächsten Kapitel die Rede sein wird, sie nach dem Tode des Vaters dem König Azizus von Emesa zur Gattin. Aus dessen ehelicher Gemeinschaft lockte dann Felix die hervorragend schöne Frau durch seine Schmeicheleien heraus. So geschah es, dass dies lüsterne Weib ihren Ehebund brach und im Widerspruch mit dem Gesetz einen unbeschnittenen Mann heiratete. Trotz dieser Befleckung mit einem unheiligen Ehebund war aber, wie unsere Stelle schließen lässt, das in früher Jugend ihr eingetränkte religiöse Gefühl nicht völlig ausgetilgt. Denn nur seiner Gattin zuliebe konnte Felix begehren, den Paulus zu hören und sich zu einem Gespräch mit ihm herablassen. Das sagt Lukas zwar nicht ausdrücklich, aber schon die Erwähnung der Drusilla zeigt, dass Paulus ihr zulieb gerufen ward, um über das Evangelium zu reden. Immerhin werden solche abtrünnigen Leute mehr von Neugier gekitzelt als von ernster Lernbegier getrieben.

Und hörte ihn von dem Glauben. Paulus, der zuvor von Christus geschwiegen hatte, fürchtet sich jetzt, das er die Tür geöffnet sieht, nicht, bei dem Landpfleger Anstoß zu erregen. Keine Gefahr schreckt oder veranlasst ihn etwa, seinen Glauben an Christus zu verbergen. Er war also mit ungebrochener Tapferkeit nicht minder gerüstet als mit Vorsicht und Unterscheidungsgabe; niemals hat er das Licht des Evangeliums absichtlich ausgelöscht, sondern nur unterschieden, zu welcher Zeit davon zu reden passend war. Hier lohnt es sich auch, auf den wunderbaren Rat Gottes zu achten, der zuweilen den Verworfenen das Evangelium vorgelegt wissen will, nicht um ihnen irgendeinen Nutzen zu schaffen, sondern jede Entschuldigung zu nehmen. Es wäre für Felix und Drusilla besser gewesen, niemals das Wort von Christus zu hören, da es ihnen nicht ungestraft hinging, dass sie die angebotene Gnadengabe des Heils verachteten und im Überdruss von sich stießen. Auch dies wollen wir anmerken, dass manche Leute kraft einer angeborenen Anlage zur Frömmigkeit nach dem Evangelium fragen, sich aber abgestoßen fühlen, sobald sie es hören, und nichts mehr davon wissen wollen. In jedem Falle bleibt das Evangelium, was es auch ausrichte, für Gott ein guter und süßer Geruch, mag es den Menschen Leben oder Tod schaffen.

V. 25. Da aber Paulus redete von der Gerechtigkeit usw. Felix hoffte, an der Rede des Paulus eine Ergötzung zu haben, wie überhaupt nach Neuigkeiten lüsterne Menschen ihre Ohren gern an spitzfindigen Disputationen weiden. Ohne sich selbst eine Last aufzulegen, wollte er zugleich dem Wunsch seiner Gemahlin willfahren. Nun muss er eine ganz unvermutete Wirkung des göttlichen Worts zu spüren bekommen, die ihm alles Vergnügen austreibt. Aus seinen Fesseln heraus redet Paulus von Gottes Gericht, und der Mann, der Gewalt über sein Leben oder Sterben hatte, erschrickt, als stände er vor seinem Richter, und findet keinen andern Trost, als dass er ihn aus seinen Augen schafft. Welche Kraft des göttlichen Geistes wirkte doch sowohl im Herzen wie auf der Zunge des Paulus! Weil er es als seine Aufgabe erkennt, im Namen Christi zu reden, beträgt er sich nicht unterwürfig, sondern richtet die ihm aufgetragene Sendung gleichsam wie von einem höheren Platze herrlich aus; er vergisst, dass er als Angeklagter gebunden dasteht, und tritt als Vertreter des himmlischen Richters Christus auf. Dass ein Felix sich durch das Wort eines Gefangenen im Herzen so betroffen fühlt, ist auch ein Erweis der Majestät des Geistes, von welchem Christus rühmend sagt (Joh. 16, 8): „Wenn der Geist kommt, wird er die Welt strafen“ usw. Es ist auch ein Zeichen, welche Macht der prophetischen „Weissagung“ einwohnt, die derselbe Paulus anderwärts rühmt (1. Kor. 14, 24 f.). Auch das wird erfüllt, was er einmal sagte (2. Tim. 2, 9), dass mit ihm das Wort Gottes nicht gebunden sei. Denn er hat es nicht nur frei und furchtlos bekannt, sondern es ist auch wirkungskräftig wie ein Blitzstrahl vom Himmel in die Herzen der Menschen gedrungen, und zwar solcher, die in ihrer Größe übermütig waren. Wiederum wollen wir anmerken, dass die Verworfenen zwar durch Gottes Gericht erschüttert, aber durch jenen bloßen Schrecken keineswegs zur Buße erneuert werden. Felix fühlt sich getroffen, da er von Gott als dem Weltrichter hört, aber er flieht zugleich sein Gericht, vor dem er sich fürchtet; das ist die erquälte Traurigkeit, die keineswegs zum Heil führt. Die Buße erfordert also eine Furcht, die einen freiwilligen Hass gegen die Sünde erzeugt und den Menschen vor Gott stellt, so dass er das Gericht durch sein Wort ohne Widerspruch über sich ergehen lässt. Das Zeichen wahren Fortschritts ist es, dass der Sünder eben dort, woher ihm die Wunde kam, auch die Heilung suche. Weiter lehrt diese Stelle, dass die Menschen bis auf den Lebensnerv durch Gottes Wort geprüft werden, wenn man die Laster, an denen sie leiden, hervorzieht und ihr Gewissen vor das kommende Gericht stellt. Eben dadurch sticht Paulus so tief in das Geschwür des Felix, dass er von Gerechtigkeit und Keuschheit spricht; denn er hatte es mit einem lüsternen Manne von völlig zügelloser Lebensart zu tun, der sich zudem von Ungerechtigkeit leiten ließ.

V. 26. Er hoffte, dass ihm von Paulus sollte Geld gegeben werden. Obgleich Felix die Unschuld des Paulus klar erkannte und sich scheute, seine Verurteilung sich von den Juden abkaufen zu lassen, wollte er als ein habgieriger und bestechlicher Mensch ihn doch nicht umsonst los geben. Darum lässt er ihn öfter rufen, um mit freundlichen Reden ihm die Hoffnung zu erwecken, dass sich die Befreiung schon werde erkaufen lassen. Das ist ja der Weg, auf welchem käufliche Richter sich einschleichen, wenn sie eine Bestechung anbahnen wollen. Wir schließen daraus, dass die Furcht, welche den Felix bei der Rede des Apostels ergriff, nur eine vorübergehende war; stachelt und zwingt ihn doch die Gewinnsucht, den wieder zu rufen, den er in seinem Schrecken erst einmal weggeschickt hatte. Wie konnte aber Felix von einem mittellosen und verlassenen Manne eine wertvolle Zahlung erwarten? Mit einer mäßigen Beute hätte sich doch dieser Schlund nicht zufrieden gegeben. Menschen, die das Recht für käuflich halten, sind aber pfiffig und scharfsichtig. Aus dem Umstand, dass die Juden so heftig auf die Beseitigung des Paulus drängten, entnahm also der Spürsinn des Landpflegers, dass er es nicht mit einem gewöhnlichen, sondern bei vielen angesehenen Manne zu tun habe; darum zweifelte er nicht, dass viele seiner Freunde es sich gern etwas kosten lassen würden, ihn loszukaufen.

V. 27. Da aber zwei Jahre um waren usw. Obwohl Paulus wusste, dass er die Gunst des Richters mit Geld würde erkaufen können, und Zeit genug hatte, etwas zusammenzubringen, wollte er wohl erstlich die Brüder schonen; zum andern hatte er offenbar einen Abscheu vor solchem Handel, welcher die unverbrüchliche Heiligkeit der bürgerlichen Ordnung beschmutzt. Während nun ein Landpfleger beim Scheiden aus seiner Provinz die Angeklagten, von deren Unschuld er sich überzeugt hatte, aus ihren Banden zu entlassen pflegte, schlug Felix den umgekehrten Weg zur Gewinnung der Volksgunst ein. Öfter hatten die Juden über seine schmähliche Gewinnsucht, seine Räubereien, sein grausames und willkürliches Regiment sich beschwert. Der zahlreichen Klagen müde, berief ihn Kaiser Klaudius aus Judäa ab. Um sich nun die Juden nicht ganz zu verfeinden, ließ Felix den Paulus als Gefangenen zurück. So brachte er den unschuldigen Gottesknecht wie ein Reinigungsopfer für seine Missetaten dar, um die Priester zu besänftigen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/c/calvin/calvin-apg/kapitel_24.txt · Zuletzt geändert: von aj