Blumhardt, Christoph - Andachten zum Buch des Propheten Sacharia

Blumhardt, Christoph - Andachten zum Buch des Propheten Sacharia

Sacharia 8,8

“Sie sollen Mein Volk seyn; und ich will ihr Gott seyn in Wahrheit und Gerechtigkeit.“

„Sie sollen mein Volk seyn,“ heißt es. Zu Seinem Volk gehören jetzt schon alle die, die im Glauben stehen, also im Glauben und in der Liebe sich mit einander vereinigen. „Er aber will ihr Gott seyn;“ denn Er tut sich ihnen kund, teilt sich ihnen mit, weiß sie durch Seinen Geist so zu stellen, daß sie sich von Ihm gespeist und getränkt und bis ins Kleinste hinein erquickt fühlen. Dabei werden alle ihre Gefühle mehr und mehr in Gott zurückgeführt, so daß sie, was sie für diese Welt fühlen, mehr und mehr hingeben können, um in dem lebendigen Gott ihr Alles zu haben, der sie aufnimmt und freundlich behandelt, und einmal aufs Allerherrlichste mit unaussprechlicher Wonne zu erfüllen bereit ist. So will Er unser Gott seyn und werden.

Der HErr will aber unser Gott seyn in Wahrheit und Gerechtigkeit, d. h. es soll alles durchaus lauten seyn, wie bei Ihm, so auch bei uns. Lauter, kann man sagen, in sich, dem Wesen nach, das ist wahr, und lauter außer sich, der That nach, das ist gerecht. Die Wahrheit ist das Richtigsein in sich, die Gerechtigkeit das Richtigsein außer sich, nach außen, gegen Andere. Eins bedingt das Andere. Sind wir innerlich wahr, frei von Lüge, Täuschung, Eigenliebe, Hochmuth, Heuchelei, - so können wir nicht anders, denn auch gerecht seyn nach außen, im Reden und Handeln. Zuerst muß der innere Mensch in die Wahrheit gestellt werden, also daß er alles richtig sieht und erkennt, sich selbst und Gott und die Menschen. Erst dann kann aus ihm etwas Weiteres werden, daß auch sein ganzer Wandel recht, er selbst gerecht wird. Wenn dagegen einem Menschen noch die Lüge ins Gesicht geprägt ist, dann darf man ihm in gar nichts trauen, und wird all sein Handeln lügenhaft und verkehrt seyn. O daß wir's doch lernten, innerlich wahr und lauter zu seyn! Wie würde sich dann auch nach außen alles bei uns recht machen.

Zusatz: Was Gott uns seyn will, wird immer alles in dem zusammengefaßt. „Sie sollen Mein Volk seyn.“ In diesem Ausdruck liegt auch das, daß Er eine Gesammtheit will, und ein Auge darauf hat, daß die vielen Eins seyn sollen. Diese Einheit vieler soll dem HErrn als Eine Person gegenüberstehen, die Er dann Sein Volk nennt. Diese Eigentümlichkeit tritt überall im Alten Testamente hervor, daß in gewissem Sinne vor Gott die Einzelheit zurücktritt, und der Einzelne nur im Ganzen gesegnet wird. Es ist das gerade die entgegengesetzte Anschauung von der, wie wir sie jetzt gewohnt sind, da sich Jeder in seiner Einzelheit mit Gott verbunden denkt, ohne sich zugleich in der Gesammtheit geeinigt zu denken. Es drückt sich schon hierin das unechte, egoistische Fürsichseinwollen des Menschen aus. Der HErr aber will‘s anders, und nach Seinem Sinn sollten wir es lernen, nicht sowohl für uns, als für Alle zu leben, zu fühlen, zu hoffen und zu arbeiten. Unser Christentum bewährt sich erst dann recht, wenn wir gleichmäßig für alle fühlen, denen alles werden soll, wie uns. Darin haben wir auch am Meisten Segen, indem wir nur so vom Heiland gleichsam als Seine Mithelfer angesehen werden können, zu dem großen Ziele hin, da wirklich die ganze Menschheit Eines werden soll in Gott. Aller Eifer für die Mission hat auch seinen tiefsten, uns selbst kaum genug bewußten Grund darin, daß wir fühlen, es sollten einmal alle miteinander zumal das Heil haben und als eine Einheit vor Seinem Throne stehen, als ein zu einer Einheit verbundenes Volk.

Der dreieinige Gott will also in Wahrheit und Gerechtigkeit unser Gott seyn. Damit verheißt Er, daß Er uns durchleuchten wolle, bis wir im Licht stehen, und so zu dem kommen, daß wir nicht anders denn gerecht nach allen Seiten uns zu benehmen wissen. Das ist etwas Großes, daß der HErr gegen die Lüge aufgetreten ist durch Seine Offenbarungen und durch Seinen heiligen Geist. Denn wie viel hat uns der böse Feind vorgemalt, als ob dieß und dieß und dieß das Wahre wäre, und wir waren die Betrogenen, und achteten im Naturzustand die Lüge für Wahrheit. Da ist der gnadenreiche Gort uns entgegengekommen, und hat uns die Wahrheit gebracht, daß wir wissen, wenigstens so weit es Not tut, wofür wir als für Ächtes, Wahres, Lauteres uns zu entscheiden haben. Das hat namentlich im Neuen Bunde die Folge gehabt, daß alle, die sich in diese Wahrheit stellen ließen, neue Menschen geworden sind. Deßwegen wird es so bezeichnend vom Heiland gesagt. „Ich sende euch den Geist der Wahrheit, der wird euch in alle Wahrheit leiten,“ und. „die Wahrheit wird euch frei machen.“ Alles hängt an dem, daß wir innerlich mit lauterer Wahrheit durchleuchtet werden Dann kommt die Freiheit von der Sünde und Ungerechtigkeit; und das Ende von allem ist, daß sich Gott mit uns vereinigen kann zu ewiger Freude und Wonne, da wir in vollem Sinne werden Sein Volk seyn, und Er unser Gott, - alle zusammen Eines in Ihm.

Mel. Lobe den Herren, o meine Seele.

Selig, ja selig ist der zu nennen,
Des, Hilfe der Gott Jakobs ist,
Welcher vom Glauben sich nicht läßt trennen,
Und hofft getrost auf Jesum Christ.
Wer diesen HErrn zum Beistand hat,
Findet am besten Rat und That.
Hallelujah!

Sacharia 8,19

“Liebet Wahrheit und Frieden!“.

Die Worte: Wahrheit und Frieden sind merkwürdige Zusammenstellung. Beide wollen sich für gewöhnlich nicht mit einander vertragen. Wo Wahrheit, sei's wirkliche oder vermeintliche, bekannt wird, wird nur gar zu oft der Friede gestört, weil viele die Wahrheit, oder das Feststehen Anderer zu dem, was sie für wahr halten, nicht ertragen oder nicht verstehen. Insbesondere ist es ganz gewöhnlich, daß gegenseitiges Reden über verschiedene Ansichten und Meinungen zu Streit und Händeln führt, sogar zu förmlichen Zerwürfnissen und Rissen. Da wird man mindestens sich fragen müssen, ob man nicht irgendwo gefehlt habe. Denn das prophetische Wort sagt klar, wir sollen Beides, Wahrheit und Frieden, lieben. Damit will auch nicht gesagt sein, daß wir die Wahrheit mehr lieben sollen als den Frieden, sondern wir sollen Beides, Wahrheit und Frieden, lieben. Damit will auch nicht gesagt sein, daß wir die Wahrheit mehr lieben sollen als den Frieden, sondern wir sollen Beides gleich sehr lieben. Giebt's also Unfrieden, so hat ein gewissenhafter Christ sich zu fragen, ob er's nicht bei seinem Eifern für die Wahrheit an der Liebe zum Frieden habe fehlen lassen, und ob er recht daran getan habe, der Wahrheit den Vorzug zu geben vor dem Frieden, also diesen jener zu opfern.

Vor allem werden wir unterscheiden müssen, mit wem wir es zu tun haben. Haben wir's mit der gottlosen Welt, mit den der Wahrheit feindseligen Leuten zu tun, so müssen wir da oft der Wahrheit das Wort reden, ob's den Frieden störe oder nicht. Denn da gehts nach dem Wort des HErrn, der da sagt (Matth. 10, 34-36): „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich kommen sei, Frieden zu senden auf Erden. Ich bin nicht kommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert. Denn Ich bin kommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater, und die Tochter wider ihre Mutter, und die Schnur wider ihre Schwieger; und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.“ Hienach läßt sich der Friede nicht immer erhalten, weil denn doch die Wahrheit bekannt werden muß; und um des Friedens willen die Wahrheit verleugnen oder abschwächen, kann sogar, wie wir wissen, seelengefährlich werden. Allein bis auf einen gewissen Grad werden wir, eingedenk unsres prophetischen Worts, selbst mit den Gottlosen Frieden zu halten trachten müssen. Ganz besonders aber hat man auf Erhaltung des Friedens es abzusehen, wenn man es mit minder geförderten Christen zu thun hat, die nicht wider die Wahrheit, aber doch nicht Kenner genug sind, um alles gleich recht zu fassen, darum auch leicht Widerspruch erheben. Andere kennen die Wahrheit, können sogar zu den Gläubigen gerechnet werden, sind aber in dem einen oder andern Punkte unfest oder abweichend, oder gehören sie überhaupt besonderen Richtungen an, in welchen eigentümliche Ansichten über streitige Punkte herrschend sind, die nicht von Jedermann als wahr anerkannt werden. Da kann man oft versucht sein, der Wahrheit zu lieb eifern zu wollen. Der letzteren soll nun freilich nichts vergeben werden; aber Seelen gegenüber, die immerhin den Heiland lieben mögen, so lange forteifern und fortstreiten, bis der Friede fällt, das ists, was nicht sein soll, wenn neben der Wahrheit auch der Friede zu lieben ist. Wohl muß man bedenken, daß der Friede oft mehr Werth hat, als das Recht bekommen. Denn wo der Friede bleibt, können sich leichter auch die Überzeugungen ausgleichen, wie die Herzen einig sind. Sobald Unfrieden entsteht, der leicht Haß im Gefolge hat, wird der Riß immer ärger, das volle Erkennen der Wahrheit gegenseitig immer unmöglicher, der Gegensatz immer schroffer und unversöhnlicher. Wenn man daher auch Recht hat, - der Andere aber glaubt dasselbe, - so hat man doch sich zu fragen, ob nicht stille sein besser ist, um den Bruder zu schonen und den Frieden zu erhalten. Wollen sie beide durch die Gnade Gottes in Christo selig werden, so sollte man jeden Krieg mit hierin Gleichgesinnten fürchten wie die Hölle; und welche schöne Früchte kann nicht die Milde, die Schonung, die Geduld, auch mit Irrenden und Fehlenden, tragen, sofern's mit diesen nur auf diesem Wege jeden Tag besser werden kann.

Zusatz. Daß man auch mit Gottentfremdeten Frieden zu halten trachten müsse, liegt auch in dem Wort des HErrn: „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben,“ ferner in dem andern Wort: „Hütet euch vor den Menschen,“ besonders in dem Wort JEsu (Matth. 7, 6): „Ihr sollt das Heiligtum nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, auf daß sie dieselbigen nicht zertreten mit ihren Füßen, und sich wenden und euch zerreißen.“ Es muß also auch mit Hunden und Säuen möglichst Friede gehalten werden. Dieß kann schon damit geschehen, daß man nicht zu vorlaut ist, nicht ohne Not sich mit ihnen einläßt, überhaupt unter Bekennen mehr nur das versteht, daß man nur nicht verleugne, sei's mit Reden oder Schweigen, als daß man nur gleich ungescheut, frei und anmaßend mit der Wahrheit hervortrete. Unter Umständen kann Schweigen ein besseres und fruchtbareres Bekenntnis sein, als Reden, zumal wenn Jedermann weiß, wie man im Bekenntnis steht. Wie viel Hader und Unfrieden könnte man verhüten, wie vielen Schaden von der guten Sache der Wahrheit abwenden, wenn man es verstünde, zur Zeit auch der Welt gegenüber aus Liebe zum Frieden stille zu sein! Noch mißlicher aber ist es, wenn man Punkte, an welchen ganz und gar nicht die Hauptsache hängt, und welche der Welt, weil sie sie nicht faßt, ärgerlich sind, stets in den Vordergrund stellt, oder wenn man gar die Proklamation eigener und unberechtigter Gedanken und Lehrsätze für ein Bekenntnis der Wahrheit hält und so wichtig nimmt, daß man ihretwegen nichts um den Frieden sich zu bekümmern brauche, oder wenn man es am Ton und an der Art des Bekenntnisses der Wahrheit fehlen läßt. Wir sehen's, wie es auch der Welt gegenüber eine Bedeutung hat, wenn der Prophet sagt: „Liebet Wahrheit und Frieden;“ denn wie für die Wahrheit, so sind wir auch für den Frieden verantwortlich.

Wenn ich hiebei etwas von mir reden darf, so muß ich gestehen, daß eben die Geduld und Friedensliebe, deren ich mich befleiße, mir selbst sehr zu gut kommt nach dem inwendigen Menschen, sofern nur bei ihr mir manches Nöthige aufgedeckt wird. Es ist mir schon oft begegnet, daß ich mit Überzeugungen darum anstieß, weil ich ihnen eine gewisse Schärfe gegeben hatte; die Friedensliebe aber lehrte mich allmählig diese Schärfe finden und wegnehmen, lehrte mich auch gewisse Sächelchen; wie sie oft auch am Wahren nicht ganz richtig sein können, fallen lassen. Beinahe in jedem Gespräch wird mir, weil ich des Friedens mich befleiße, etwas aufgeschlossen, wodurch meine Überzeugungen eine Biegsamkeit bekommen, mit welcher ich, ohne mir etwas zu vergeben, bei vielerlei Leuten durchkommen kann, und mit diesen, auch wenn sie mich nicht annehmen, wenigstens nicht mich zerwerfe. Wo Letzteres ist, denke ich mir immer in meiner Art einen Fehler. Was aber die Erhaltung des Friedens durchs Ganze hindurch für Segen hat, davon könnte ich noch viel sagen. Wollen wir's also vom Propheten Sacharia uns sagen lassen: „Liebet Wahrheit und Frieden!“

Mel. O Durchbrecher.

Ach, Du holder Freund, vereine
Deine Dir geweihte Schaar,
Daß sie sich so herzlich meine,
Wie's Dein letzter Wille war.
Ja, verbinde in der Wahrheit,
Die Du selbst im Wesen bist,
Alles, was von Deiner Klarheit
In der Tat erleuchtet ist.

Sacharia 12,8

“Welcher schwach sein wird unter ihnen zu der Zeit, wird sein wie David.“

Was obiger Spruch sagt, - nun, das könnten wir brauchen! David hat's mit einem Goliath zu tun gehabt. Wir haben's auch alle Tage mit Goliaths zu tun; denn die verborgenen Angriffe der Finsternis scheinen sich täglich mehr zu zeigen. Ist es doch auch, wie wenn die Hölle dem Zeug Israels Hohn sprechen wollte, gleich jenem Goliath. Da müssen wir Schwache mindestens es wagen können, wie der junge David, Widerstand zu leisten. Der HErr verheißt es nun in unsrer Stelle, daß die Schwäche noch keineswegs unfähig zum Sieg mache. Wir hören ja auch den Apostel sagen: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ Der sel. Luther daher, wenn er vom alten bösen Feind redet, sagt, wie wir wissen: „Ein Wörtlein kann ihn fällen.“ Der Schwache braucht also nicht viel, um siegen zu können. Die Stärke ist auch alsbald da, so wie der Glaube da ist; und nur, wo der Glaube nachläßt, sinkt man unter, wie Petrus in den Wellen.

Übrigens redet der Prophet von einer besonderen Zeit, in welcher der Schwache sein werde, wie David. Nicht zu allen Zeiten vermag man viel wider den Feind. Letzterem wird oft längere Zeit eine Macht gegeben, welcher Niemand zu widerstehen vermag; und auch die Gerechten unterliegen den Ungerechten äußerlich, wissen wenigstens nichts gegen sie auszurichten. Eine solche Zeit haben wir schon lange gehabt; und sie ist noch nicht vorüber. Noch müssen wir seufzen unter dem Druck des Übermuths derer, die wider den HErrn sind, und wie man's wohl fühlen kann, der Mächte der Finsterniß, die fast unüberwindlich scheinen. Nirgends will's mit dem Reich Gottes nach dem Wunsche der Gläubigen vorwärts gehen; und wie vielfältig müssen sie eben gegenwärtig dem Überdrang des Unglaubens das Feld räumen! Wird‘s so fortgehen? Wird‘s nicht mehr anders werden, ehe der HErr kommt? Der Spruch aus Sacharia läßt's uns sicher hoffen, daß es könnte noch anders werden. Glauben und hoffen wir! Des HErrn Pläne werden nimmermehr scheitern; und in den Schwachen bleibt Er auch jetzt noch stark, wenn sie nur treu sind.

Zusatz: Besehen wir diesen Spruch genauer, so ist es auffallend, wie es dort nachher unter Anderem heißt: „Sie werden Mich sehen, welchen jene zerstochen haben.“ Mögen denn auch die Anschauungen des Gemäldes, welches Sacharia giebt, ihre Schwierigkeiten haben, so giebt uns die Offenbarung durch Johannes Winke genug, daß wir vorzugsweise an die allerletzte Zeit zu denken haben, zu welcher uns Sacharia den Vorhang, wenn auch nur leicht, eröffnet. Denn Johannes sagt, mit offenbarer Beziehung auf unsere Stelle Offenb. 1, 7): „Siehe, Er kommt mit den Wolken; und es werden Ihn sehen aller Augen, und die Ihn zerstochen haben, und werden heulen alle Geschlechter der Erde.“ Auch dieses Heulen ist aus Sacharia entnommen. Legt nun Johannes den Propheten so aus, daß er von der herrlichen Zukunft Christi rede, so folgt hieraus, daß eben dieser Zukunft unmittelbar das vorangehen müsse, was bei dem Propheten als vorausgehend angezeigt wird. Das wäre denn jene Zeit, in welcher der Schwache sein wird, wie David, in welcher auch über die Bürger zu Jerusalem, wie gleichfalls der Prophet sagt, ausgegossen werden wird der Geist der Gnaden und des Gebets.

Dieß, ihr Lieben, nur ein Kurzes als Antwort auf die vielfach gemachte Frage, ob man denn auch für eine neue Gnadenzeit vor der Zukunft Christi eine biblische Beweisstelle habe. Wir haben sie, wie ihr da sehet. Freilich ist bei Sacharia Alles wie in einen Knäul zusammengefaßt; und in derselben Stelle sind auch die neutestamentlichen Gnaden überhaupt gemeint, wie sie von Anfang an bestanden, aber doch so, daß sie ihre Hauptbedeutung bekommen auf die Zeit vor dem Ende. Sind sie also bald nach der apostolischen Zeit in etwas zurück. getreten, so werden sie sich, wie aus der ganzen Haltung der Weissagung hervorgeht, eben vor der Zukunft des HErrn wieder häufen und mit neuer Stärke entwickeln, um dem Feind noch viel abzugewinnen. Hintennach wird freilich noch einmal der Arge mit seiner ganzen Stärke wüten dürfen. Aber da gehts dann auch nach dem Sprichwort: „Hochmuth kommt vor dem Fall,“ denn gerade vor seinem großen Fall und völligen Untergang wirds geschehen, da denn dieser nicht mehr ausbleiben wird und gewiß ist, wenn der HErr in den Wolken erscheinen wird.

Die Zeit also kann und wird kommen, da der Schwache sein wird wie David. Wir dürfen sie in unserer Zeit erwarten, und dürfen sie auch herbeten. Vielleicht ist sie nicht mehr ferne. Kommt sie aber, so darf der bisher Schwache im Glauben die Allmacht Gottes gleichsam ergreifen, und wenn es sein muß, große Dinge ausrichten, daß alle Mächte der Hölle nichts vor ihm sind. Da wird man's sehen, was die Schwachen vermögen. Die bisher um ihrer Schwäche willen arg mißbraucht worden sind, werden plötzlich, ohne großes Ansehen nach außen zu haben, Dinge tun, die sonst nur Gewaltigen möglich sind. Auch gegen feindselige Tyrannen wird der Schwächste den Sieg davon tragen. Denn die trotzigsten, übermütigsten, boshaftesten Menschen werden schon einem schwachen Kinde gegenüber wie gelähmt sein. Eine unsichtbare Macht hält sie, daß sie nicht können, wie sie wollen, und wie der Hund an der Kette stille bleiben müssen.

Unter all dem wird das Reich Gottes einen mächtigen Vorsprung gewinnen, werden große Erweckungen und Bekehrungen erfolgen, werden in kurzer Zeit alle Völker der Erde in eine Bewegung kommen. Alles aber geht gleichsam durch Schwache, d. h. durch Leute, die nach menschlichem Ansehen gering, arm, unvermögend, unansehlich, ungelehrt, schwach in der Rede, erscheinen. Solche Schwäche aber hat nichts zu sagen bei denen, die glauben und dem HErrn vertrauen. Die Stärke liegt in etwas Anderem, als in dem, worin sie sonst äußerlich hervortritt. Wäre es nur Letzteres, so wären sie bald fertig und dahin. Stark macht die Schwachen die durch den Geist Gottes in sie hineingelegte verborgene Kraft, oder der HErr selbst, der in ihnen ist. Dieser aber behält den Sieg. Wie schon David, dem die Schwachen gleichen sollen, sagen konnte: „Mit meinem Gott will ich über die Mauern springen,“ und: „Wenn sich schon Hunderttausende wider mich legen, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht,“ so fühlen sich die Schwachen stark in dem HErrn in den gewaltigen Zeiten, vor der Vollendung aller Dinge. Freilich kommen sie in der Folge abermals in ein großes Gedränge, wenn immer schreckhafter die Vollkraft der Finsternis wider sie anrennt. Sie kommen wieder bis zum Erliegen. Da aber kommt vom Himmel Der, den sie zerstochen haben - und dann wir Er „vertilgen alle Heiden, die wider Jerusalem gezogen sind,“ wie wir auch in Sacharia lesen. Was haben wir nicht alles noch zu erwarten? Rüsten wir uns mit Wachen und Beten!

Mel. HErr JEsu Christi, mein's.

Ach, Vater Christi, unsres HErrn,
Halt Deine Hand von mir nicht fern,
Ich bin so schwach, als Kinder sind;
Halt' Du Dein Aug' ob Deinem Kind.
Stärk' mich mit Deiner Macht und Huld,
Fehl' ich, so trag' mich mit Geduld.
Auch in dem Straucheln greife Du
Mit starker Hand als Vater zu.

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