Beck, Johann Tobias - Die Erbschaft von oben.

Beck, Johann Tobias - Die Erbschaft von oben.

Himmelfahrt Nachmittag.

Luk. 24, 49-53.
Siehe, Ich will auf euch senden die Verheißung meines Vaters, ihr aber sollt in der Stadt Jerusalem bleiben, bis daß ihr angethan werdet mit Kraft aus der Höhe. Er führte sie aber hinaus bis gen Bethanien, und hub die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, da Er sie segnete, schied Er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. Sie aber beteten Ihn an, und kehrten wieder gen Jerusalem mit großer Freude, und waren allwege im Tempel, preiseten und lobeten Gott.

Jesus Christus war in die Welt gekommen, geliebte Zuhörer, nicht wie andere Menschen; ebenso ging Er auch wieder aus der Welt nicht in gewöhnlicher Menschen-Weise. „Ich bin vom Vater ausgegangen und gekommen in die Welt; wiederum verlasse ich die Welt, und gehe zum Vater!“ So konnte nur Er mit Grund der Wahrheit reden - unser Kommen zur Welt und Gehen aus der Welt hängt nicht an unsrem Willen und Wählen, es ist ein Muß! und ob ein Mensch auch selber sich morde: den treibt's und jagt's aus der Welt, wie einen Judas, und das Gericht der Ewigkeit ergreift ihn; nicht aber kann er im heiligen Geiste des Friedens und der Freiheit sagen, wie der HErr: „ich verlasse die Welt und gehe zum Vater!“

Auch der Gang durch die Welt war bei Jesus Christus ein ganz besonderer - außen so niedrig, innen so königlich, gotteskräftig und herrlich! Denn aus dieser inwendigen Herrlichkeit kamen bei Ihm ohne Schule und Lehrmeister jene gewaltigen Predigten, die alles Volk bewegten; jene Weisheit, vor der Freund und Feind sich mußten bücken; jene Liebe, die den Fluch der Welt durch Segen überwand; jene Gerechtigkeit, die wie ein Licht leuchtete durch die menschliche Finsterniß, alles Arge bestrafend, und den glimmenden Docht des Guten in den Sündern entzündend; jene Kraft, die mit Einem Wink und Wort vollbrachte, was bei Menschen unmöglich war, und welche der Tod selbst nicht konnte bannen, deß Knechte die höchsten Gewalthaber sind. Und diese Weisheit, Liebe, Gerechtigkeit und Kraft - überall und immerdar waren sie angefochten; Er stand allein bei seinem Segenswerk in der ganzen weiten Welt, die nur bemüht war, ihr Fluchwerk durchzuführen, oder den Gesegneten Gottes nicht erkannte noch bewahrte; seine täglichen Opfer in den Tagen seines Fleisches waren: Arbeit, Flehen, Wachen, Dulden, Entsagen, Kämpfen!

Aber auch bei Ihm hieß es endlich: Feierabend! nicht jedoch wie bei einem Menschen, der nach Erlösung harrt aus der Last seines Tagwerks, nicht also läßt von Ihm sich sagen: „sein Gott kam, und nahm ihn weg den treuen Knecht, deß die Welt nicht werth war;“ sondern Er trat selbst ab vom irdischen Tagwerk, da es vollbracht war, ging hinauf zu seinem Gott und theilt das Reich mit Ihm, wie Er mit den Menschen getheilt hatte ihre Knechtschaft.

Ist Er nun fortgegangen, Geliebte, ohne der Welt Etwas zu hinterlassen? ist seine Himmelfahrt, die wir heute feiern, nur eine altgeschehene Sache, und wir haben keinen Genuß davon, als daß wir uns bei uns selbst erinnern und erzählen, wie Er gen Himmel gefahren ist und im Himmel sitzt, wir aber sitzen noch, wie zuvor, am Himmelfahrtstage wie an jedem andern in der alten Wüste und Dürftigkeit, und sehen etwa hinauf zum Himmel, aber wie zu einem verschlossenen Ort, aus welchem, seit ein Heiland darin ist, so wenig Etwas herabkommt, als vorher? Heißt es nicht Epheser 4, 10.: Er ist aufgefahren über alle Himmel, auf daß Er Alles erfülle, also wohl auch uns erfülle? Heißt es nicht: Gott hat uns gesegnet in himmlischen Gütern durch Christum, und diese himmlischen Güter sollten am heutigen Tage nicht uns nahe sein in unsrem Munde und unsrem Herzen (Eph. 1, 3.)? Wenn ein Mensch aus der Welt scheidet, fragen die Zurückbleibenden nach seiner Hinterlassenschaft - dazu treibt Dürftigkeit die Menschen, die Lust, Etwas zu haben, die Furcht, in Mangel zu kommen! Sollte denn die Hinterlassenschaft eines Christus nicht auch solcher Nachfrage werth sein? sollten nicht immer neue Seelen zu finden sein, die in seinen Nachlaß sich zu theilen wünschen, und Erbansprüche an Ihn machen? War doch Keiner noch bis heute so reichlich von Gott ausgestattet, und Keiner hat so treu und fleißig gearbeitet wie Er! Da muß auch eine reiche, unvergleichliche Errungenschaft vorhanden sein! In keinem Testamente noch sind so vielversprechende Worte niedergelegt worden, Anordnungen, welche alle Menschen in aller Noth bedenken, wie die Eine nur: „Alles, was der Vater im Himmel hat, das ist mein, und die Meinen sollen Leben haben und volle Genüge; meinen Frieden lasse ich ihnen, und ich bescheide ihnen das Reich, das mir mein Vater beschieden hat.“

Zu einem solchen Nachlaß, meine Freunde, sollten doch lebensarme, friedensarme Geschöpfe wie wir ernstliche Lust haben, und die Testaments-Verfügungen darüber sich zu nutz machen? So war es auch von Anfang an! Dort bei Bethanien in der Scheidestunde des eingebornen Sohnes umgab Ihn eine Schaar von treuen Seelen, die Ihn nicht wollten lassen, Er segne sie denn - sie hatten die Erfahrung gemacht, was es heißt, einen Christus haben, und wiederum keinen Christus haben. Schon einmal hatten sie Ihn verloren, und mit Ihm sich selber, ihren Gott und ihren Himmel; dann hatten sie Ihn wieder dürfen sehen, und ihre Herzen brannten, daß der Zweifler unter ihnen zu des Meisters Füßen rief: „mein HErr und mein Gott!“ und der Verläugner unter ihnen: „HErr, du weißest alle Dinge, du weißest, daß ich dich lieb habe!“ Nur vierzig Tage aber, so kam es zu neuem Abschied; der ihnen das Leben war, den sollten nicht nur ihre Hände nicht mehr betasten, auch ihre Augen nicht mehr sehen, ihre Ohren nicht mehr hören - und doch, wie anders schieden sie jetzt von Ihm, als das erste Mal. Damals war ihr Herz voll Trauerns, und kein Trost haftete in ihnen, obgleich sie über ein Kleines ihren HErrn sollten wieder sehen; jetzt sollten sie ihr Lebtag Ihn nicht mehr sehen, und doch schieden sie von Ihm mit Freude. Wie das, meine Freunde? das erste Mal sahen sie ihrem HErrn nach in die Finsterniß des Todes, heute in die Glorie des Himmels! sie hatten nun erkannt, daß Er Tod und Welt überwunden habe, daß Er Leben und Unsterblichkeit an's Licht gebracht habe, nicht für sich selber nur, sondern für sie, die an Ihn glaubten, auf daß ihre Freude vollkommen sey, und Niemand mehr sie von ihnen nehme.

Diese Wenigen aber, Geliebte, sollten doch nicht die Einzigen seyn, für welche Christus von göttlicher Herrlichkeit herabgestiegen war in menschliche Niedrigkeit, und durch tiefes Leiden wieder hinaufging in die höchste Verklärung. Sein Testament setzt ja nicht die Namen eines Petrus, Johannes, Jakobus zu Erben ein, sondern überhaupt den Namen: Mensch; sündige Menschen, ohne weitere Klassen und Unterschiede, sollen durch Ihn selig werden und in sein Erbe sich theilen. Magst du nun von Verwandten Vieles schon ererbt und noch Größeres in Aussicht haben, magst du die ganze Welt ererben - das wird dich doch um keinen Pfennig reicher in's Grab legen und vor Gott schicken, als wenn du hier ohne weltliche Erbschaft ausgehst. Allem hier unten klebt Sünde und Unrecht an, meine Freunde, und je länger, je mehr verdirbt es und nützt sich ab, und am Ende ist's gar aus damit - aber es gibt dennoch für die Armen und Reichen ein unbeflecktes und unverderbliches und unvergängliches Erbe, und das eben schließt Jesus Christus auf durch seine Himmelfahrt allen Menschen, weil Er Aller Blutsverwandter ist. Meynest du aber, das liege noch in weiter Ferne, im Himmel oben, und bis dahin sey es für die Meisten ein langer, banger Weg, auf dem sie Nichts haben davon, daß Christus gen Himmel gefahren; fechten dich solche Gedanken an, meine Brüder, so beherzige nur um so ernster, was der HErr den Seinigen bei seiner Himmelfahrt auf den Weg gibt:

„siehe, ich will auf euch senden die Verheißung meines Vaters - mit Kraft aus der Höhe sollt ihr angethan werden.“

Was also der Vater verheißen hat, ist dasselbe, womit die Erben Christi hier schon angethan und ausgerüstet werden, nämlich die Kraft aus der Höhe. Diese hinterläßt Christus nach seinen eigenen Worten nicht nur als Gottes-Verheißung, sondern auch als wirkliche Beilage, die von Ihm gesendet wird vom Himmel herab.

Kraft aus der Höhe - wie lieblich und stärkend lautet das Wort schon, Geliebte! Wo keine Kraft innen liegt, da kommt es auch auswärts zu keiner Wirkung, Frucht und That; und wo Kraft dahinschwindet, da schwindet das Leben. Wo Sünde ist mit ihrem Todes-Elend, da geht es nach Davids Wort: „mein Herz bebet, meine Kraft hat mich verlassen, und das Licht meiner Augen ist nicht bei mir; meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und du legest mich in des Todes Staub; mein Leben hat abgenommen vor Trübniß, meine Kraft ist verfallen von Missethat (Ps. 38, 11. 22, 16. 31, 11.).“ Dagegen der HErr ist unsers Lebens Kraft, und denen Er nahe ist, die gehen einher in seiner Kraft, und die auf Ihn harren, kriegen immer neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie wandeln, und nicht müde werden (Ps. 27, 1. 71, 16. Jes. 40, 31.). Kraft ist Leben, und Leben ist Seligkeit; die Jahre der Kraft, die Jahre der Jugend sind die schönsten und die freudereichsten für den Menschen, wo er frischen Sinn und frische That schöpft aus dem Borne des Lebens; die Jahre der Schwachheit, des Siechthums, des Alters trocknen das Herz aus, daß es immer mehr todt sich fühlt, und der Mensch läßt sein Haupt sinken wie eine welke Blume.

Wie eine welke Blume - da überführt uns denn auch sogleich unser eigener Mund, was es für ein nichtiges, schwindsüchtiges Ding ist um natürliche Menschenkraft, um Fleischeskraft, Kraft von unten her und nicht von oben her. Alles Fleisch ist Gras, und was es Herrliches hat, wie Grasesblume - die Luft dieser Welt, in der es lebt, verzehrt es auch. Wahr ist's, diese ganze Welt ist reich ausgestattet mit Kräften, ein jedes Ding in seiner Art und der Mansch am meisten, der HErr über alle anderen Kräfte dieser Erde, über die Kraft des Wassers, Feuers und Bodens - aber alle diese unzähligen Kräfte, die dem Menschen dienen, geben ihm kein ewiges Leben, fristen es ihm kaum eine Anzahl von Jahren, und der Tod ist eingedrungen in das ganze Heer irdischer Kräfte: eine reibt die andere auf, alle nützen sich ab im Verlaufe der Tage, Alles verschießt wie ein Kleid; denn es ist der alte Bund: du mußt vergehen! Und selbst der Mensch, welcher in den Jahren seiner gefunden Jugendkraft vermeint, er könne nimmer schwach werden, und voll Lebenshoffnung ist, auch er muß bälder oder später der bittern Wahrheit die Ehre geben: „meine Tage sind vergangen; meine Anschlüge sind zertrennet, die mein Herz besessen haben; wenn ich gleich lange harre, so ist doch die Hölle mein Haus und in Finsterniß ist mein Bett gemacht - was soll ich noch erwarten? und wer achtet mein Hoffen? hinunter in die Hölle wird es fahren und wird mit mir in dem Staub liegen (Hiob 17, 11 ff.)!“ Ja dieser Himmel selbst mit seiner Sonnenpracht und diese Erde mit ihren immer neuen Früchten - sie altern wohl langsamer als die Menschen, aber sie altern auch wie ein Gewand und werden zergehen. Was meinet ihr, Geliebte? ist es wohl übertrieben, wenn die Kirche von Alters her singt: „mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen! wen suchen wir, der Hilfe send', daß wir Gnad' erlangen?“ Ja, meine Freunde, wer's noch nicht glaubt, der kann es noch an seinem eigenen Schaden erfahren: so wir von keiner anderen Kraft wissen als nur von der, die wir hier unten in Bewegung sehen und in uns selbst verspüren, da müssen wir nach allem Läugnen und Vergessen, nach allem Hoffen und Genießen endlich mit der Salomons-Predigt in's Grab fahren: „es ist Alles eitel!“ und das ist keine Himmelfahrt, sondern eine Höllenfahrt.

Aber wenn wir auch die Eitelkeit aller Kräfte dieses Lebens erkannt haben und von Herzen glauben, so haben wir wohl Etwas von der Wahrheit gefunden, nicht aber die ganze Wahrheit. Wenn Alles, Alles, was lebt, nur eitel wäre, wenn es nichts Beständigeres gäbe, als wir sind, und was wir sehen um uns her: dann wäre schon lange die Welt mit ihren Kräften zusammengestürzt. Aber es ist Einer, der sie trägt und hält mitten in dieser Eitelkeit und Vergänglichkeit, und das ist der, der das Leben in Ihm selber hat, zu dem die ganze Christenheit betet: Vater im Himmel, dein ist die Kraft, die Kraft, nicht bloß eine Kraft. Er macht es, wie Er will, mit den Kräften im Himmel und ans Erden, und gegen Ihn ist Alles als Nichts zu rechnen; Er hat die Erde gemacht durch seine Kraft, und gibt den Menschen ihren Odem, und nachdem wir abgefallen sind von Ihm, der Kraft unsres Lebens, und nichtig geworden in unsrem Wesen, schwach und todt in unsern Werken; da schenkt Er uns in seinem Sohne die Verheißung: ihr sollt angethan werden mit Kraft aus der Höhe!

Kraft aus der Höhe, Kraft aus Gottes Kraft - ja, Geliebte, das ist für uns Menschen so unentbehrlich als Licht und Wärme aus der Höhe! So elend diejenigen wären, die ohne Sonnenglanz mit ihren Talg- und Oel-Lichtern das Land müßten erleuchten, mit ihrem Heerdfeuer die Aecker wärmen und fruchtbar machen - so übel fahren die, die mit dem Licht ihres Verstandes sich selbst und Andere wollen erleuchten zum ewigen Leben, die ohne Kraft aus der Höhe sich das Leben wollen erhalten und selig machen mit ihren eigenen und diesen weltlichen Kräften. O ihr Thoren und trägen Herzen, zu glauben alle dem, was euer eigen Gewissen und die tägliche Erfahrung und Propheten und Apostel euch predigen: mit all' eurem Verstand, eurem Lernen und Arbeiten, eurem Geld und Gut bringet ihr nichts Beständiges, nichts Himmlisches zu Stande, sondern was ihr bauet und pflanzet, fällt wieder zusammen, und ihr selber fallet mit dahin. Sehet zu, daß euch nicht Reue ankomme, wenn es zu spät ist; ihr betrüget euch mit eurer Selbstgenügsamkeit um das beste Theil, das allein bleibt, wenn alles Andere von euch genommen wird. Weil ihr nur von den Schattenkräften wisset hier unten, Nichts von der Lebenskraft dort oben, darum erkläret ihr gerade das Beste und Höchste für den Menschen als unmöglich - es ist unmöglich nach euern Gedanken, daß wir durch die enge Pforte der Buße und Selbstverläugnung hindurch den schmalen Weg zum Himmel gehen, daß wir die Welt überwinden mit ihrer Lust und ihrem Leid, daß wir den guten Kampf des Glaubens kämpfen, und im Dienste Jesu Christi die Krone der Gerechtigkeit und Herrlichkeit erlangen; und wenn ihr dann höret von dem Ringen um das Reich Gottes, so ist immer euer erster Gedanke: „wenn so viel gefordert wird, wer kann dann selig werden!“ Aber höret doch und freuet euch doch, meine Brüder, der Antwort, welche der barmherzige HErr gibt: „was bei Menschen unmöglich ist, das ist möglich bei Gott - ihr sollt angethan werden mit Kraft aus der Höhe!“

Freilich wenn es weiter Nichts wäre, als daß wir wüßten von einer solchen Gotteskraft, die Alles möglich macht, dann bliebe unsrem Herzen immer noch die quälende Frage: wer von uns will hinauf gen Himmel steigen, und diese Kraft den armen Menschenkindern holen? Aber eben dafür hat der Gnaden-Rath des Vaters oben gesorgt: nicht wir sollen hinaufsteigen mit unsrer hinfälligen Kraft, sondern Christus ist herniedergestiegen zu uns mit der Fülle der Gotteskraft, und nachdem Er wieder aufgestiegen, sendet Er die Kraft aus der Höhe. Das, Geliebte, ist Evangelium, seligmachende Kraft Gottes, wie das die Jünger erfuhren, die von sich aus auch nicht stärker waren als wir Alle sind.

Wie gelangen nun auch wir zu derselben Erfahrung, der Erfahrung: der HErr ist meines Lebens Kraft! Am heutigen Tage war die Kraft aus der Höhe erst noch eine Verheißung für die Apostel, sie waren noch nicht damit angethan, sollten es erst werden - aber eben daß dieß geschehen sollte, schon das war Abschieds-Segen ihres HErrn, der sie mit großer Freude erfüllte, als sie ohne den HErrn umkehrten in die Mörderstadt Jerusalem; bis sie aber so sich freuen konnten in der Verheißung ihres HErrn, und bis die Verheißung zur Erfüllung wurde, hatten sie lange müssen lernen. Vor einigen Wochen noch, da der HErr Vieles mit ihnen redete vom heiligen Geist und der Gotteskraft in ihm, da konnten sie es noch nicht fassen, und nicht herauskommen aus ihrer eigenen Schwache und Traurigkeit; jetzt aber erwies sich schon die bloße Verheißung so kräftig an ihrem Herzen, daß sie voll Danks ihren HErrn anbeteten, und voll Loben und Preisen warteten auf die gewisse Erfüllung. Das ist der Lohn der Treue, des treuen Ausharrens im Glauben, auch wenn man noch nicht sieht, aber gerne es sich gesagt sein läßt: du wirst es hernach noch erfahren; bleibe nur bei Ihm, deinem Heiland, der immer reichere Gnade aus seiner Fülle zu erfahren gibt.

Darum seyd treu, meine Brüder, bleibet bei Ihm, wenn ihr wie die Apostel in Christi segensreichen Nachlaß euch theilen wollt. Sollten auch die herrlichsten, kräftigsten Worte der Bibel zur Zeit nicht dich erfreuen, stärken, beruhigen, laß dich's nicht abschrecken; baue deinen Glauben nicht auf das, was du empfindest in deinem unbeständigen Herzen, baue auf die verheißene und theuer versiegelte Gotteskraft, die sich zu erkennen gibt in Jesu Christi Leben und Auferstehen und in allen den heiligen Menschen Gottes, die er schon nach sich gezogen hat. Wie todt und freudlos sah es in der Apostel Herzen oft aus während der zwei Jahre ihrer Jüngerschaft, wie schwach und hinfällig war da ihr Christenthum noch, und sie verstanden und faßten so oft nicht die herrlichen Worte und Thaten ihres Meisters, daß sie sich selbst und Ihn betrübten mit ihrem kleingläubigen Wesen - aber sie wurden nicht müde, sie verzagten weder, noch liefen sie weg von ihrem HErrn, sie ließen sich schelten und ließen sich trösten, sie folgten ihres Hirten Stimme, mochten sie sehen oder nicht sehen, Freude fühlen oder Schmerzen; sie zwangen ihr eigenes Herz, von Ihm nicht zu gehen, bis Er sie vollendet hätte. So binde auch du dich an den HErrn und an sein Wort; meyne nicht, wie so Manche sich selbst betrügen, erst müsse der Glaube an Ihn so oder so dir gegeben sein, erst müssen alle Zweifel deines irregeleiteten Kopfes und alle Anstände deines unbekehrten Herzens und alle deine Aber und Wider gegen die Bibel dir gelöst und genommen sein, erst müsse ein Mensch und sein Buch das Christenthum deinem alten Menschen bequem und angenehm machen, ehe du Ihn selbst aufsuchst im Gebet und in seinem eigenen Worte, das Er mit dir redet, wie Er's zu seinen Jüngern redete; kommet her zu mir, spricht Er, suchet in der Schrift, dann kommt's zum Leben und zur Ruhe in der Seele. Mehne auch nicht, wie Manche, die schon bekehrt sind, wenn dein Herz keine Freudigkeit mehr habe, keinen fühlbaren Genuß der Gnade und des Wortes Gottes, dann sey der Umgang mit dem HErrn und seinem Wort dir verschlossen, oder das sey ein Beweis, daß es Nichts sey mit der herrlichen Kraft des christlichen Glaubens und mit den theuern Verheißungen Gottes. Nein, Freunde, so bringst du es nie zu der seligen Erfahrung: der HErr, der HErr, und nichts Anderes, ist meines Lebens Kraft! Du wirst nimmermehr angethan mit Kraft aus der Höhe, wenn du nicht die Geduld und die Treue hast, dich üben zu lassen in derselben Jüngerschaft, wie die Apostel sie durchliefen und die Schrift dich darin übt!

Bleibe in Jesu Wort, so wirst du ein rechter Jünger und wirst die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird dir immer mehr Freiheit und Kraft geben wie den Aposteln. Also die Heilige Schrift vor allen andern Büchern, wie sie mögen heißen, laß deine tägliche Speise sein, ob du auch die in ihr liegende Kraft noch gar nicht oder nicht täglich verspürst; präge des HErrn Worte, seines Lebens und Sterbens Bild bei jedem Anlaß immer fester in dein Herz, wenn du auch noch nicht oder nicht immer in seiner Gnade dich reich fühlst; zwinge dich öfters den Tag über zum Gebet, in dem du dein Herz lässest sprechen, wie es ihm gerade ist, und um den geistlichen Segen flehst, den du gerade nöthig hast; zwinge dich öfters zur Einsamkeit, wo du auch nicht einmal ein Buch zu deinem Gesellschafter nimmst, sondern allein bist mit deinen Gedanken, und dein Herz und Wesen durchforschest, wie es gerade gestellt ist, unter jenem Aufblick zu Gott: „erforsche du mich selbst, o Gott, und erfahre mein Herz, prüfe mich und erfahre, wie ich's meyne, und siehe, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege.“ Zu solcher Selbstprüfung und Gebetsübung und Bibelforschung in der Einsamkeit nütze vor Allem den Sonntag, der mit bloßem Kirchenbesuch und gemeinschaftlichen Erbauungen noch keineswegs geheiligt ist zu einer Bundes-Erneuerung zwischen deinem inwendigen Menschen und deinem HErrn in der Stille deiner eigenen Seele; und ob es auch nicht jedes Mal inwendig dich hinzieht zu solchem stillen Umgang mit Gott, und du nicht jedes Mal Himmelskraft erntest daraus: zwinge dich doch regelmäßig dazu, damit du dich selbst in der Zucht haltest, und nicht wieder verlierest, was du hast - wer da hat, dem wird mehr gegeben; es wächst dir gewiß die Lust dazu und der Segen herzu je länger je mehr.

In unsrer weichlichen Zeit wollen Viele auch von den Uebungen der Gottseligkeit nur immer jählings Genuß und Vergnügen haben, lauter selige Herzens - Erfahrungen und Empfindungen - aber nicht also, meine Brüder, geht es in der rechten Weise der Streiter Christi; man darf nicht jetzt schon mit Petrus sich Hütten bauen wollen, wo gut sein ist, und aus einer Verklärungsstunde, die der HErr nur je und je schenkt in den Pilgerlauf hinein zur Stärkung für neue Arbeit, daraus darf man nicht ein beständiges Festleben, eine alltägliche Vergnügung sich machen wollen. Das Erste und die Hauptfache ist Arbeit, Arbeiten und Schaffen, daß man erst selig werde, daß man in der Kraft Gottes durch den Glauben bewahret werde für die zukünftige Seligkeit. Einen Vorschmack dieser Seligkeit gibt Gott hier nur stückweise nach dem Maße, wie es dem inwendigen Menschen gesund ist, daß wir nicht matt und träge werden in der Arbeit; der volle Lohn ist erst des Glaubens Ende, wenn er im Feuer bewährt ist, wird denen nur, die in des Tages Last und Hitze beharren bis an's Ende. Erst kommt die Saat auf Hoffnung im Schweiße des Angesichts, dann die Ernte in ruhigem Frieden und ununterbrochenem Genusse. Wenn du im täglichen Schweiße des Angesichts die Saat nicht bestellen willst, wie kannst du auf Frucht hoffen? Unkraut wächst dir und Darben! wie willst du finden den HErrn, wenn du Ihn nicht suchst, wo Er zu finden ist, vor der engen Pforte, auf dem schmalen Wege? wie kannst du Gaben des Geistes erwarten von Ihm, wenn du nicht anhältst mit Beten darum, dich nicht schulen und reinigen lässest vom Worte des HErrn, wie Er die Apostel geschult und gereinigt hat? wie willst du überhaupt eingehen in Gottes Reich, so gerne du es wünschest, wenn du nicht ringest und kämpfest darum in den Schranken des biblischen Christenthums, damit du nicht in die Luft streichest; es wird Keiner gekrönet, er kämpfe denn recht, in der Ordnung und Regel, die vom Kampfrichter vorgeschrieben ist. Da können Manche ganz entzückt sein von einzelnen Predigten, die sie hören oder lesen, und allerlei gute Gedanken gehen schnell auf in ihren Herzen: aber das Aufgegangene hat keine Wurzel und Beständigkeit, ist auf Stein gesät, weil sie den Boden ihres Herzens nicht gründlich umbrechen mit dem Worte Gottes selbst, das Felsen zerbricht, und darin nicht täglich neu anpflanzen den reinen Samen der Wahrheit ans der heiligen Schrift. Da besteht dann das Christenthum nur aus einzelnen Entzückungen, aber es kommt nicht zum Christen-Charakter und Christen-Wandel. Vergiß also das Wort nie: bittet, so werdet ihr nehmen; suchet in der Schrift, so werdet ihr finden; klopfet an an der Thüre zum Himmelreich, ringet nach gottseligem Wandel, so wird euch aufgethan. Vergiß es nie, daß Jahrelang die Apostel baten, suchten, anklopften unter viel Schwachheit und Anfechtung; aber dann, dann kam das Nehmen und Finden, und der Eingang zur Kraft Gottes ward reichlich ihnen dargereicht. Wir sind von Gott abgekommen, Geliebte; Er, der allein Gute und alles wahrhaft Gute in Ihm ist uns so fremd geworden, als sey es etwas Unnatürliches, mit dem guten Gott zu leben und Ihm zu dienen; je besser und heiliger und herrlicher Etwas ist, desto schwerer geht es unserer verkehrten Natur ein; darum kostet es, besonders im Anfang, den größten Zwang und Arbeit, und wem es nicht recht im Grunde des Sinnes und Herzens Ernst wird mit der Gottseligkeit, der mag wohl seine Verbeugungen machen vor dem Christenthum und es seiner Achtung versichern, aber - die enge Pforte, der schmale Weg, das will ihm eben gar nicht ein; er beugt immer wieder aus, und die Perle, den Schatz, die findet er nicht. Eben an dem Finden Gottes, am Erreichen seines Gutes verzweifelt das eitle Menschenherz so gerne; der Glaube daran bedarf beständige Wartung und Uebung, wächst nur langsam, wie die gute Frucht auf unsern Aecker, aber das Unkraut schießt schnell auf. Wie keck ist der Bösewicht, wie leicht verzagt der Gute; wie schnell finden sich Mithelfer zu fleischlichem Wesen, wie bedenklich sind die Menschen in göttlichen und geistlichen Dingen; wie leicht opfern sie Ruhe, Ehre, Gewissen, ewiges Leben für Sünden hin, wie wenig wollen sie opfern für Gottes Reich. Was von der Welt ist, bedarf keiner Predigt: ein leichtsinniges Wort, ein Blick, ein Wink der Lust nimmt oft eine ganze Predigt wieder weg; aber daß der HErr deines Lebens Kraft und Lust und Segen werde, dazu bedarf's Kampf mit Gebet, Wachen, Arbeit und Entsagung. Darin sey nicht furchtsam und lässig, denn dein HErr führt dich, wenn du nur folgst, und Er läßt dich nicht, bis Er auch dich segnen kann mit der Verheißung seiner Himmelfahrt, daß du angethan werdest mit Kraft aus der Höhe.

Kaiser und Könige dieser Erde, Weise und Kluge dieser Welt, mußten und müssen hinunter in die Grube fahren, können sich selbst und die Welt nicht wahrhaft bessern und selig machen; der aber die Armen reich macht und die Reichen arm am Geist, der die Demüthigen erhöht und die Gewaltigen demüthig macht, der die Leidtragenden tröstet und die Fröhlichen zur Buße ruft, der geborene Sünder umschafft in Menschen Gottes, und gepriesene Männer der Gerechtigkeit, Meister in Israel, erst wieder werden lehrt wie ein Kind - der fuhr in die Höhe, und hat die finstere Lügenmacht, welche die Menschen gebunden hält, gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben aus der Kraft Gottes, und Alle, die Ihm anhängen und bei Ihm bleiben, die ziehet Er nach sich in das himmlische Wesen und seine Herrlichkeit. Wolken verdecken Ihn jetzt noch in dieser seiner Herrlichkeit vor unsern Augen; aber einst werden die Wolken zerreißen, wie sie sich öffneten bei seiner Auffahrt, und der erhöht ist über Alles, wird wiederkommen in der Majestät Gottes, dem eigenmächtigen Wesen dieser Welt ein Ende zu machen, dem Er jetzt nur wehret durch sein Wort, und den Stab bricht durch seinen Geist; da aber wird Er auch offenbar machen die Herrlichkeit derer, deren Leben jetzt noch mit Ihm verborgen ist in Gott, und wird ausscheiden alles Unreine, und das selige Reich seines Vaters aufrichten, daß Gott ist Alles in Allen.

O ihr Alle, die ihr Menschen heißet, erkennet doch die Barmherzigkeit und Gnade eures Gottes, der, ob Ihr wohl mangelt alles Ruhmes vor Ihm, solche köstliche Verheißungen euch schenkt, und weigere sich doch Keines des Mannes, der durch seine eigene Herrlichkeit und Tugend euch berufet und euch vollbereiten will zum Eingang in dieß selige Erbe. Von Ihm laß weder durch deine Schwäche dich abhalten, noch durch deine vermeintliche eigene Stärke; bete in der Wahrheit:

HErr, du kennst meine Schwäche - nur deiner harre ich.
Nicht das, was ich verspreche, was du sprichst, tröstet mich.
Richt' auf die lassen Hände, und stärk' die müden Knie,
und sage mir am Ende: die Seligkeit ist hie!

Ihr, die ihr gegenwärtig noch ohne Christo lebt, außerhalb der Bürgerschaft des Himmelreichs und fremde von den Testamenten jener herrlichen Verheißungen - sehet doch nicht abwärts immer auf den Dorn- und Distel-Acker dieser Welt oder auf ihre verderbliche Lustgewächse: hebet eure Häupter auf gen Himmel, der euer Vaterland soll werden, und lasset euch doch nahe bringen zu Ihm, der da will Friede machen in eurem ungestümen, ungestillten Herzen, und euch will ziehen und heben und reinigen zum himmlischen Erbe. Ihr aber, die ihr schon Jünger des HErrn seyd und wisset, daß ihr einen ewigen Priester im Himmel habt, die Stätte euch zu bereiten beim Vater - stehet nicht stille und sehet nicht müßig gen Himmel, als müßte er jetzt schon von selber zu euch sich herniederneigen, sondern, wie die Apostel, seyd fleißig in eurem Beruf, und übet euch selbst in der Gottseligkeit, und machet euren Glauben fruchtbar in Tugend und Rechtschaffenheit, daß ihr eure Erwählung fest machet. Meine Lieben, spricht der Apostel der Liebe, folget nicht nach dem Bösen, sondern dem Guten; wer Gutes thut, der ist von Gott; wer Böses thut, der stehet Gott nicht. Meine Lieben, bleibet bei Ihm, unter welchem, als dem Haupte, Alles muß zusammengefügt werden, was im Himmel und auf Erden ist, auf daß, wenn Er offenbaret wird, daß wir Freudigkeit haben, und nicht zu Schanden werden vor Ihm in seiner Zukunft. Amen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/b/beck_jt/beck_die_erbschaft_von_oben.txt · Zuletzt geändert: von 127.0.0.1