Baur, Gustav Adolph - Die natürliche Weisheit und der seligmachende Glaube.

Baur, Gustav Adolph - Die natürliche Weisheit und der seligmachende Glaube.

Am Trinitatisfeste.

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen! - Amen.

Geliebte in dem Herrn! - Wir haben mit dem lieblichen Pfingstfeste wieder Abschied genommen von der festlichen Hälfte des christlichen Kirchenjahres. Wir haben damit auf's neue die geistliche Wanderung beendigt, welche die Gemeinde Christi in jedem Jahre unternimmt und welche mit der heiligen Adventszeit beginnt. Es führt uns dieser Weg vorbei an den wunderbarsten und herrlichsten Bezeugungen der Weisheit und Liebe unseres himmlischen Vaters. Wir beten zuerst das Wunder der Gnade unseres Gottes an, daß dieser seinen ewigen Sohn als Mensch hat geboren werden lassen. Wir begleiten dann diesen, unseren Herrn und Erlöser, durch die hohen Thaten seiner göttlichen Macht und durch die tiefen Leiden seiner göttlichen Liebe bis zu seinem Tode am Kreuz. Wir feiern den Sieg des Auferstandenen über Tod und Hölle, und wir freuen uns endlich mit seinen Jüngern der Sendung seines heiligen Geistes, welcher als der rechte Helfer und Tröster bei uns bleiben soll bis an der Welt Ende. Das heutige Fest der Trinität oder der Dreieinigkeit soll alle Eindrücke, die wir auf dieser geistlichen Wanderung von der Gnade des Vaters und von der Liebe des Sohnes und von der Kraft des heiligen Geiste empfangen haben, noch einmal kräftig zusammenfassen; und es hat darum an dem heutigen Tage der apostolische Segenswunsch, daß die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des heiligen Geistes mit uns sein möge, eine ganz besondere Bedeutung. -

Die aufgenommenen Eindrücke aber sollen uns nun die rechte Richtung und die rechte Kraft mittheilen für die weitere Wanderung eines christlichen Pilgrims. Dazu uns anzuleiten, ist die Aufgabe der zweiten Hälfte des kirchlichen Jahres, in welche wir nun eintreten. In ihr sollen wir aus der Predigt des göttlichen Wortes lernen, wie das Licht der Gnade, welches in den großen Thatsachen des Erlösungswerkes unseres Gottes und unseres Erlösers in unsere Finsterniß herein scheinet, in unserem eignen Wesen und Leben und Wandel sich abspiegeln soll, indem es in den christlichen Tugenden lebendigen Glaubens, thätiger Liebe und zuversichtlicher, freudiger Hoffnung hervorbricht. Dazu aber müssen die Eindrücke der großen Thaten des barmherzigen Gottes auch mit der rechten Gesinnung aufgenommen werden. Sonst bleibt, was uns von der Gnade des Vaters und von der Liebe des Sohnes und von der Kraft und Gemeinschaft des heiligen Geistes verkündet wird, ein leerer Schall, wie es ja leider für viele ein leerer Schall geworden ist, die sich entweder gar nicht mehr die Mühe nehmen, nur darauf zu hören, oder bei denen es doch ohne jeden fruchtbaren Eindruck bleibt. Nicht umsonst, meine geliebten Freunde, wird die Reihe unserer christlichen Hauptfeste gerade durch das Fest des heiligen Geistes abgeschlossen. Der heilige Geist, welcher vom Vater und vom Sohne auf uns wirket, muß uns mit seiner lebendigen Kraft ergreifen und erfüllen. Dann ist, was die Gnade des Vaters und die Liebe des Sohnes an uns gethan hat, nicht mehr ein bloßes todtes, äußeres Ereigniß für uns, sondern es wird uns ein lebendiges Eigenthum. Dann entstehet der seligmachende Glaube in uns, welcher die lebendige Wurzel aller christlichen Tugend ist. Auf diese Lebensquelle weist unser heutiger Text uns hin, damit wir in ihr die Kraft gewinnen, unseren Weg in dem neuen Leben der von dem Verderben der Sünde erlösten und mit ihrem Vater im Himmel versöhnten Kinder Gottes zu wandeln, zum Lobe der herrlichen Gnade des Vaters und der Liebe des Sohnes und der Kraft des heiligen Geistes. Möge der dreieinige Gott uns dazu seinen Segen geben!

Text: Joh. 3, 1-15.
Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern, mit Namen Nicodemus, ein Oberster unter den Juden; der kam zu Jesu bei der Nacht, und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, daß du bist ein Lehrer von Gott gekommen; denn Niemand kann die Zeichen thun, die du thust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete, und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß Jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nicodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er auch wiederum in seiner Mutter Leib gehen, und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß Jemand geboren werde aus dem Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren wird, das ist Geist. Laß dich's nicht wundern, daß ich dir gesagt habe: Ihr müsset von neuem geboren werden. Der Wind bläset, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, von wannen er kommt, und wohin er fahrt. Also ist ein Jeglicher, der aus dem Geist geboren ist. Nicodemus antwortete, und sprach zu ihm: Wie mag solches zugehen? Jesus antwortete, und sprach zu ihm: Bist du ein Meister in Israel, und weißt das nicht? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, das wir wissen, und zeugen, das wir gesehen haben; und ihr nehmet unser Zeugniß nicht an. Glaubet ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage; wie würdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sagen würde? Und Niemand fährt gen Himmel, denn der vom Himmel hernieder gekommen ist, nämlich des Menschen Sohn, der im Himmel ist. Und wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöhet hat: also muß des Menschen Sohn erhöhet werden, auf daß Alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Auf diesen Nicodemus, von welchem unser Text berichtet, hatte die Erscheinung des eingeborenen Sohnes Gottes allerdings einen gewissen Eindruck gemacht. Er war durch die Zeichen, welche Jesus that, überzeugt worden, daß dieser ein von Gott gesandter Lehrer sei. So aber hatte der heilige Geist doch sein Herz noch nicht ergriffen und aufgeschlossen, daß es in lebendigem Glauben den vollen Eindruck der Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater hätte aufnehmen und sich zu eigen machen können. Und darum sind ihm, obgleich er ein Meister in Israel ist, die aus der Tiefe der göttlichen Wahrheit herausgesprochenen Worte des Herrn unverständlich, welche der Einfalt eines gläubigen Gemüthes vollkommen klar sind. So ist denn dieser in vieler Beziehung so bedeutsame evangelische Abschnitt auch besonders geeignet, uns den Unterschied zwischen der natürlichen Weisheit und der himmlischen Weisheit des seligmachenden Glaubens erkennen zu lassen. Es unterscheiden sich aber die natürliche Weisheit und der seligmachende Glaube dadurch von einander, daß erstens die natürliche Weisheit an dem Aeußerlichen haftet, während der seligmachende Glaube in das innerste Heiligthum eintritt; daß zweitens die natürliche Weisheit eine todte Sache der Erkenntniß bleibt, während der seligmachende Glaube das ganze Leben erneuert,- und daß drittens die natürliche Weisheit auf menschlicher Kraft ruht, der seligmachende Glaube aber auf Gottes Gnade.

I.

Unser Text führt uns in die Zeit jenes ersten Osterfestes, bei welchem Jesus in Jerusalem und im Tempel in öffentlicher Wirksamkeit hervorgetreten war. Er hatte die Verkäufer und Wechsler, welche das Haus seines Vaters zu einem Kaufhause gemacht hatten, zum Tempel hinausgetrieben, und Niemand hatte der Macht des Geistes, welcher aus ihm sprach, zu widerstehen gewagt. Durch andere Zeichen und durch seine gewaltige Predigt voll Geist und Leben hatte er die allgemeine Aufmerksamkeit ans sich gelenkt. Viele glaubten an ihn, und Andere, welche ihn nicht gerade für den erwarteten Erlöser Israels hielten, erkannten doch an, daß er ein Prophet, oder ein von Gott gesandter Lehrer, sein müsse. Zu diesen gehörte auch Nicodemus, ein Oberster unter den Juden, d. h. ein Mitglied des hohen Rathes zu Jerusalem, und ein Meister in Israel, d. h. ein anerkannter Kenner und Lehrer des Gesetzes. Um von dem Herrn selbst bestimmtere Belehrung zu empfangen, begibt er sich persönlich zu ihm, und zwar des Nachts; damit er nicht bei seinen Amts- und Berufsgenossen ein unangenehmes Aufsehen errege. Aber gleich der Anfang seines denkwürdigen Gespräches mit Jesu läßt uns den Unterschied erkennen zwischen der natürlichen Weisheit, welche au dem Aeußerlichen haftet, und zwischen der göttlichen Weisheit des Glaubens, welche uns in das Heiligthum selbst einführt. Nikodemus redet nämlich den Heiland an: „Meister, wir wissen, daß du bist ein Lehrer von Gott gekommen; denn Niemand kann die Zeichen thun, die du thust, es sei denn Gott mit ihm;“ und darauf antwortet ihm Christus gleich aus der vollen Tiefe der göttlichen Wahrheit heraus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: es sei denn, daß Jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Nikodemus hat sich von der Beschränktheit der natürlichen Weisheit noch nicht losmachen können. Darum haftet auch seine Vorstellung von Christus am Aeußerlichen. Er hat seine Wunder gesehen und daraus geschlossen, daß er von Gott gesandt und Gottes Geist mit ihm sein müsse. Aber er ist noch nicht in lebendigem Glauben von diesem Geiste selbst innerlich ergriffen worden, und darum ist er auch in das Heiligthum der Wahrheit noch nicht eingetreten. Dieses Ziel, als das wahre und als ein von Nikodemus trotz all seiner natürlichen Weisheit noch nicht erreichtes, hält ihm Jesus erst vor, .indem er ihm antwortet, man müsse das Reich Gottes sehen, in das innere Wesen und Wirken Gottes und seines weisen und liebevollen Rathes hineinschauen, und das könne man nicht, wenn man nicht von neuem geboren werde, wenn man nicht aus dem natürlichen Leben in ein neues höheres Leben, aus der bloß natürlichen Weisheit in die höhere Weisheit des Glaubens hinübertrete. - Bei aufmerksamer Erwägung aber, meine geliebten Freunde, wird es uns klar werden, daß und warum es nicht anders sein kann, als so, wie unser Meister in diesen Worten dem Nikodemus sagt, daß die Weisheit des natürlichen Menschen in das eigentliche Heiligthum der göttlichen Wahrheit nicht einzudringen vermag. Und dahin einzudringen ist doch ihr letztes Ziel, ohne dessen Erreichung sie keine volle Befriedigung finden kann. Denn worin besteht denn die Weisheit? Doch gewiß nicht allein in einer Menge äußerer Erkenntnisse und Erfahrungen. Sondern darin besteht sie. daß sie den einzelnen Dingen auf den Grund geht, durch die äußere Erscheinung zu der inneren Ursache hindurchdringt und so die Dinge in ihrem Grund und Zusammenhang zu erkennen sucht. Von den näheren und mehr an der Oberfläche liegenden Ursachen schreitet sie zu ferneren und tiefer liegenden fort und findet keine Ruhe, bis sie zu einer letzten Grundursache gekommen ist. Diese liegt aber eben nirgends anders, als in dem einen allmächtigen und allgegenwärtigen Gott, welcher alle Dinge in das Dasein gerufen hat und sie mit seiner lebendigen Gotteskraft erhält und regiert. Und zur Erkenntniß Gottes führt uns die natürliche Weisheit nicht. Diese geht von dem aus, was wir mit unseren fünf Sinnen von äußerlichen sinnlichen Dingen wahrnehmen, und sucht in verständiger Betrachtung das den einzelnen Erscheinungen zu Grunde liegende Gesetz zu entdecken. Zu dem wahren und einen Grundgesetze aber, welches in dem Willen des allweisen und allmächtigen Gottes liegt, dringt diese natürliche Weisheit nicht durch. Man sagt zwar, daß die Erkenntniß des Geschöpfes zur Erkenntniß des Schöpfers führen müsse. Aber dieß gilt doch nur dann, wenn wir unseres Gottes vorher schon im Glauben gewiß geworden sind. Dann tritt dieser Glaube zu der Betrachtung der uns umgebenden Welt in Beziehung und wird durch die natürliche Weisheit bestätigt und belebt. Wo er aber fehlt, da vermag ihn diese nicht zu ersetzen, vielmehr führt sie dann leicht immer weiter von Gott ab, wie denn die neuere Naturwissenschaft nicht selten sich rühmt, daß sie Gottes gar nicht mehr bedürfe, indem auch ohne ihn Alles vortrefflich sich erkläre und zusammenstimme und die Natur durch ihre eigne Kraft sich zu erhalten und durch ihr eignes Gesetz sich zu regieren genug sei. Es bleibt also dabei: in das innere Heiligthum der Wahrheit, welches in den Tiefen der Gottheit ruht, führt uns nicht die an dem sinnlichen Außenwerk haftende natürliche Weisheit hinein, sondern nur der Glaube an den Gott, welcher, der sinnlichen Wahrnehmung unerkennbar, sein Dasein und seine lebendige Kraft unserem Geiste unmittelbar bezeugt. - Diese Selbstbezeugung Gottes in unserem Geiste ist an sich nicht minder gewiß, als die Eindrücke der Außenwelt, welche wir mit unseren Sinnen aufnehmen. Ja jenes Zeugniß sollte uns als das gewichtigere gelten, so gewiß, als nicht in unserer sinnlichen, sondern in unserer geistigen Natur unser eigentliches Wesen liegt. Aber durch die Sünde ist das rechte Gleichgewicht in uns gestört worden. Das sinnliche und der Sinnenwelt zugewandte Theil unseres Wesens hat das Uebergewicht erhalten, und unter diesem Einfluß hat die natürliche Weisheit von der wesentlichen Wahrheit, welche der Glaube an Gott uns aufschließt, immer weiter sich entfernt. Und darum hat Gott seiner ursprünglichsten und allgemeinsten Offenbarung im Zeugnisse unseres Gewissens noch eine besondere Offenbarung hinzugefügt. Er hat im alten Bunde durch das Gesetz und die Propheten zu uns geredet, und in dem neuen und in alle Ewigkeit bleibenden Bunde hat er zu uns geredet durch den Sohn. Aber auch um Gott, wie er in dieser besonderen Offenbarung sich uns kund gibt, lebendig zu erkennen, gibt es keinen andern Weg, als den Glauben, welcher unsern Geist dem lebendigen Wirken und Walten des sich offenbarenden Gottes aufschließt. Die natürliche Weisheit bleibt auch hier an dem Buchstaben der Worte der Offenbarung und an den äußeren Ereignissen ihrer Geschichte haften. So war es auch dem Nikodemus sammt so vielen andern gesetzesgerechten Israeliten ergangen. Obwohl er ein Meister in Israel, und, wie seine Rede: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist?„ andeutet, ein hochbetagter Meister war: das hatte er doch nicht gelernt, daß die wesentliche Bestimmung des alttestamentlichen Gesetzes doch nur die sei, auf Christum vorzubereiten, und darum verkannte er auch noch die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater in dem, welcher gekommen war, um das, was der alte Bund verheißen hatte, in einem neuen Bunde zu erfüllen. Und so ergeht es einem Jeden, welcher nicht dazu kommen kann, in lebendigem Glauben seinen inneren Sinn dem Lichte zu öffnen, welches Gottes Weisheit und Gnade in Jesus Christus in unsere Finsterniß hereinscheinen läßt. Auch wenn seine natürliche Weisheit keine widergöttliche und widerchristliche ist, sondern, wie die des Nikodemus, Gott und Christum sucht: sie führt ihn doch nur um das Heiligthum herum, ohne dessen innere Herrlichkeit ihm aufzuschließen. Er kommt über die Bewunderung und Verehrung des durch wunderbare Thaten und herrliche Lehren bezeugten ausgezeichneten Lehrers nicht hinaus zur Lebensgemeinschaft mit dem Sohn des lebendigen Gottes und mit seinem himmlischen Vater selbst. Der Glaube aber stellt uns mitten in das Heiligthum hinein. Ein neues Licht und Leben geht uns herrlich auf, und wir stehen nicht mehr, wie Nikodemus, vor den Worten des Herrn als vor einem Unverständlichen Gerede, sondern wir haben selbst erfahren, was es heißen soll, wenn er sagt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: es sei denn, daß Jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen!“

II.

Und damit, meine geliebten Freunde, haben wir ja eigentlich auch schon das Zweite ausgesprochen, daß die natürliche Weisheit ein todtes Eigenthum der bloßen Erkenntniß bleibt, während die Weisheit des seligmachenden Glaubens unser ganzes Leben erneuert. - Was Christus aus der Fülle seiner göttlichen Weisheit davon sagt, daß wer das Reich Gottes sehen wolle, von neuem geboren werden müsse, das versteht Nikodemus mit seiner natürlichen Weisheit gar nicht, weil dieser eine solche Kraft der Lebenserneuerung fehlt. Die natürliche Weisheit bereichert den Geist mit mancherlei Kenntnissen, und diese geben auch vielfach die Regel her, nach welcher wir in unserem äußeren Leben, in unseren Unternehmungen und in unserer Arbeit uns richten, Verkehrtes vermeiden und das Zweckentsprechende thun. Aber eine eigentliche Kraft der inneren Erneuerung und Förderung unseres wahren Lebens liegt in dieser natürlichen Weisheit doch nicht, und es ist ein großer und verderblicher Irrthum, zu glauben, daß man nur die Erkenntniß in solcher Weisheit immer vollkommener heranzubilden brauche, so werde sich das rechte Leben schon von selbst geben. Die tägliche Erfahrung schon sollte zur Widerlegung dieses Irrthum ausreichen. Sie zeigt uns ja leider nur zu oft, daß ein kenntnißreicher, scharfdenkender Mann und ein rechtschaffener, wohlgesinnter Mann, daß ein geistreicher und ein vom heiligen Geist erfüllter Mensch sehr verschiedene Dinge sind. Auch haben wir vorhin schon darauf hinweisen müssen, wie die natürliche Weisheit den Menschen von der Quelle alles wahren Lebens, von Gott, geradezu abführen kann. Und hat er erst die Demuth vor Gott verloren, dann wird ihm auch seine natürliche Weisheit eine Versuchung zu Eitelkeit und Hochmuth und demnächst zu Hader und Streit. Darum warnet Paulus vor dem Wissen, welches aufblähet (1. Kor. 8. 1). und Jacobus weist darauf hin. wie die natürliche Weisheit, wenn sie bittern Neid und Hader stiftet, im geraden Gegensatze gegen die wahre Weisheit, die von oben herabkommt, in eine Weisheit ausartet, die nicht bloß irdisch und menschlich, sondern geradezu teuflisch sei (Joe. 3. 15). Und wenn sie auch auf diese verderblichen Abwege sich nicht verirrt, sondern auf ihre Weise Gott zu suchen fortfährt, so wird sie es gerade dann im glücklichen Falle zu der Erkenntniß bringen, daß zwischen dem Wissen des Menschen und zwischen seinem Wollen und Thun und gesamten Leben eine tiefe Kluft liegt, welche auszufüllen sie nicht die Macht hat. -

Ganz anders die Weisheit des seligmachenden Glaubens, denn die ist Geist und Leben. Sie ruhet auf dem lebendigen Glauben an das Evangelium von Gottes Gnade in Christo, und dieses Evangelium selbst ist ja nicht etwa nur der Buchstabe einer Lehre, welche mit der Erkenntniß allein aufgenommen werden kann; sondern es ist. wie der Apostel sagt, eine Kraft Gottes, welche das gläubige Gemüth mit den Kräften eines neuen, höheren Lebens erfüllt und es mit Gott in lebendige Verbindung bringt, und eben darum ist es eine Kraft Gottes, selig zu machen und der Glaube ist ein seligmachender Glaube, weil der Mensch in dem neuen Leben, welches ihm in dieser Gemeinschaft mit einem barmherzigen und versöhnten Gott aufgeht, sein volles Genüge findet, sich also selig fühlt. - Und wie dieses neue Leben des Glaubens selbst, so wird auch die Weisheit des seligmachenden Glaubens, wie der Herr in unserem Texte sagt, geboren aus dem Wasser und Geiste. Wie Johannes der Täufer die Menschen zur Buße taufte, damit sie, durch diese gereinigt, dem neuen Leben in dem nahe herbeigekommenen Himmelreich entgegengingen, so ist das Wasser hier ein Sinnbild der Reinigung des natürlichen Menschen, des Heraustretens aus dem alten Leben der Selbstsucht und Sünde. Mit der Reinigung aber ist es allein nicht gethan. Zu dem Wasser muß der Geist kommen, welcher das gereinigte Herz nun auch zum neuen Leben erweckt und ihm die Kräfte dieses neuen Lebens mittheilt. Die Frucht aber des Geistes ist. wie Paulus sagt (Gal. 5, 22): Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmuth, Keuschheit. Wo dieser Geist waltet, da hört die natürliche Weisheit auf, sich zu blähen mit ihrem Wissen, das doch nur Stückwerk ist; denn sie ist jetzt geweiht von der heiligen Liebe, welche das Leben wahrhaft bessert.

Da weichet die menschliche und irdische Weisheit, welche bittern Hader und Jank erreget, vor der Weisheit, die von oben kommt, und welche nach den lieblichen Worten unseres Jacobus (3, 17) auf's erste ist keusch, darnach friedsam, gelinde, lässet ihr sagen, voll Barmherzigkeit und guter Früchte, unparteiisch, ohne Heuchelei. Da ist der Dienst der Selbstsucht, der Eitelkeit und Nichtigkeit verlasse und das ganze Leben ist zu einem Dienste des heiligen und ewigen Gottes geworden. Und wie man den Wind wohl sausen hört, Niemand aber seinen Ausgangspunkt und die Grenze seiner Kraft zu bestimmen vermag, so kann auch Niemand einen menschlichen Anfang dieses neuen Lebens nachweisen, noch ermessen, wie weit und wie mannigfaltig in den Wechselfällen des Lebens seine wunderbare, heilige Kraft sich beweisen wird; aber das gesamte Sein und Wirken des wiedergeborenen Menschen zeugt von der das ganze Leben erneuernden Kraft der Weisheit, welche auf dem seligmachenden Glauben ruhet. - Und wie diese Weisheit wahres Leben erweckt, so geht aus diesem wahren Leben auch die wahre Weisheit wieder hervor. Laßt uns nicht übersehen, meine geliebten Freunde, daß Christus zuerst in unserem Texte sagt, daß nur der Wiedergeborene das Reich Gottes sehen könne, und dann wieder, daß nur der Wiedergeborene in das Reich Gottes kommen könne. Es sieht eben Niemand das Reich Gottes, als wer in das Reich Gottes auch gekommen ist. Es erkennt Niemand die göttliche Wahrheit, als wer durch den lebendigen Glauben in ihr Heiligthum verseht ist. Und wenn wir vorhin haben sagen müssen, daß die natürliche Weisheit das wahre Leben nicht hervorzubringen vermöge, so dürfen wir jetzt sagen, daß aus dem wahren Leben, in welches uns der Glaube versetzt, aus dem Leben in Gott, mit der rechten Erkenntniß Gottes auch die rechte Erkenntniß der natürlichen Dinge hervorgeht. Ja, Geliebte, der Glaube hindert nicht die richtige Erkenntniß und Werthschätzung des natürlichen, äußeren Lebens, sondern er fördert sie, ja er macht sie erst möglich. Denn indem er uns in Gemeinschaft mit Gott bringt, versetzt er uns in den lebendigen Mittelpunkt alles Daseins, von weitem aus das Einzelne uns erst in seiner richtigen Stellung und in seinem wahren Werthe erscheint. Der äußeren Erscheinung sieht man da auf ihren Grund, die einzelnen Dinge und Ereignisse stellen sich da in ihrem Zusammenhange dar, und der ewig kreisende Wechsel der Endlichkeit kann den ruhig waltenden ewigen Gott der Seele nicht verhüllen, welche selbst in Gott ihre Ruhe gefunden hat.

III.

Nach diesem Allen aber, meine Lieben, werde ich mich kurz fassen können über unseren dritten Punkt, daß die natürliche Weisheit auf menschlicher Kraft ruht, die himmlische Weisheit des seligmachenden Glaubens aber auf Gottes Gnade. - Bei unserer ganzen seitherigen Betrachtung sind wir immer wieder darauf zurückgeführt worden, daß die wahre Weisheit, die Erkenntniß der göttlichen Wahrheit, auch nur von Gott ausgehen kann, mit welchem uns der Glaube in Verbindung bringt. Allerdings sind nun auch die natürlichen Kräfte der menschlichen Erkenntniß von Gott ausgegangen, und würden auch zur richtigen Erkenntnis? seines Wesens und seines Verhältnisses zu der Welt und zu uns selbst ausgereicht haben, wenn sie nicht durch die Sünde und durch deren nothwendigen Begleiter, den Irrthum, wären verunreinigt und geschwächt und aus der lebendigen Verbindung mit dem wahren Gott wären herausgerissen worden. Seitdem aber das geschehen ist - und es ist ja geschehen von dem Anfang unseres Geschlechts an - seitdem gilt von der auf der natürlichen menschlichen Kraft ruhenden natürlichen Weisheit das Wort unseres Textes: „Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch“ und das Wort des Apostels (1. Kor. 16, 50), daß Fleisch und Blut das Reich

Gottes nicht ererben können. Wir müssen wiedergeboren werden durch den Geist Gottes zu einem geistigen Lehen, wenn wir sein wahres Wesen erkennen und in die geistige Gemeinschaft seines Reiches eintreten sollen. Und darum hat, was die natürliche menschliche Kraft nicht vermocht, seine Gnade möglich gemacht. Er hat seinen eingeborenen Sohn uns gesandt zur Erlösung von dem Verderben der Sünde und hat unserem Geschlechte in ihm den Keim eines neuen Lebens eingepflanzt. Das bezeugt der Herr selbst in unserem Texte in den inhaltsschweren Worten: Wie Mose in der Wüste eine Schlange erhöhet hat, also muß des Menschen Sohn erhöhet werden, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Wie Mose in der Wüste das eherne Schlangenbild aufrichtete, damit die von giftigem Schlangenbiß tödlich Verwundeten in seinem Anschauen Heilung fänden; so ist uns das Kreuz auf Golgatha aufgerichtet als Zeichen der größten Thai der erbarmenden und helfenden Liebe unseres Gottes, damit wir in diesem Zeichen die Kraft finden, alle Feinde unserer Seligkeit zu überwinden und aus dem Bann der Vergänglichkeit wieder einzutreten in das Heiligthum der göttlichen Wahrheit und des göttlichen Lebens, welches Gottes Gnade in seinem Sohne uns wieder aufgeschlossen hat. -

Und wenn der Herr in unserem Texte sagt: „Niemand fähret gen Himmel, denn der vom Himmel hernieder gekommen ist, nämlich des Menschen Sohn, der im Himmel ist,“ so liegt darin auch die Wahrheit, daß Niemand von uns zum Himmel kommen kann, denn durch den, welcher vom Himmel herniedergekommen ist, um uns von dem Bann des Irdischen zu erlösen und uns den Weg dorthin zu bereiten. Er allein, der in des Vaters Schooß gewesen ist. hat Gott gesehen, und Gott hat ihn uns gesandt, damit er sein unsichtbares Wesen uns verkündige. Es hilft nichts, daß unsere natürliche Weisheit sich abmüht und eigensinnig ihre eignen Wege sich sucht, denn es gibt keinen Weg zu dem Heiligthume der die suchende Seele vollkommen befriedigenden göttlichen Wahrheit, als den, welchen Gottes Gnade dem gläubigen Gemüthe aufgeschlossen hat in Christo, den er uns, wie zur Erlösung und zur Heiligung und zur Gerechtigkeit, so auch zur Weisheit gemacht hat.

Auch die suchende Seele unseres Modernus ist allmählich tiefer eingedrungen in den Glauben an den Herrn. Denn als über zwei Jahre später der hohe Rath damit umging, Jesum, der damals wieder beim Laubhüttenfeste öffentlich im Tempel lehrte, zu greifen und zu verurtheilen, da machte Nikodemus mit edler Freimüthigkeit das Recht des Angeklagten geltend, daß er wenigstens gehört werde, ehe man ihn verurtheile. Und seinem Meister treu bis an dessen Tod, that er diesem im Verein mit Joseph von Arimathia die letzte Ehre, der Bestattung an. Nachher aber erfahren wir weder in der heiligen Schrift, noch sonst etwas Zuverlässiges über ihn. Ob nun sein Alter ihn hinderte in fruchtbarer öffentlicher Tätigkeit für seinen Glauben aufzutreten, ob er zur vollen Lebendigkeit des seligmachenden Glaubens doch selbst noch nicht durchgedrungen war - wir wissen es nicht. Jedenfalls war er ein ernst und treu suchendes Gemüth und das Wort des Herrn: „Wer nicht wider mich ist, der ist für mich“ wird ihm gewiß zu gute gekommen sein. Uns aber, die wir von Kindheit an auf den Weg des Heiles sind hingewiesen worden, möge vielmehr das strengere Wort: „Wer nicht für mich ist, der ist wider mich“ zur Warnung dienen, damit wir die Irrwege eitler Menschenweisheit verlassen und unser Heil suchen bei der göttlichen Weisheit des seligmachenden Glaubens an unseren Herrn und Heiland Jesus Christus, und diese Weisheit ihre heilige Kraft in unserem ganzen Leben bezeuge zur Ehre des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes! - Amen.

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autoren/b/baur_gustav/baur-trinitatis.txt · Zuletzt geändert: von aj