Arndt, Friedrich - Das Leben Jesu - Vierte Predigt. Gespräch mit der Samariterin.

Arndt, Friedrich - Das Leben Jesu - Vierte Predigt. Gespräch mit der Samariterin.

Text: Joh. IV., 39-42.
Es glaubten aber an Ihn viele der Samariter aus derselbigen Stadt, um des Weibes Rede willen, welches da zeugete: Er hat mir gesagt Alles, was ich gethan habe. Als nun die Samariter zu Ihm kamen, baten sie Ihn, daß er bei ihnen bliebe; und er blieb zween Tage da. Und viel Mehrere glaubten um seines Wortes willen und sprachen zum Weibe: Wir glauben nun fortan nicht um deiner Rede willen; wir haben selbst gehöret und erkannt, daß dieser ist wahrlich Christus, der Welt Heiland.

Die verlesenen Worte versetzen uns nach der Stadt Sichem in Samaria, Jesus hat endlich nach einem längeren Aufenthalte die Provinz Judäa verlassen und den Weg nach dem nördlichen heimathlichen Galiläa durch die Provinz Samaria eingeschlagen. Hatte uns Johannes aus den Tagen seines Aufenthaltes in Jerusalem das wichtige Gespräch des Herrn mit Nicodemus erzählt, so berichtet er uns jetzt aus Samarien das nicht minder wichtige Gespräch Jesu mit der Samariterin. Wie verschieden waren die äußern Umstände bei beiden Unterredungen! Dort ein vornehmer Mann aus der Hauptstadt, ein rechtgläubiger Pharisäer, ja ein Mitglied des hohen Rathes; hier ein schlichtes, einfaches Weib, wie es scheint, aus den untersten Ständen, und noch dazu eine in den Augen der Juden verachtete Samariterin. Dort ein Wahrheit suchender Forscher, der mit einem Herzensbedürfniß zu Jesu kommt und schon eine Erkenntniß von Ihm, als einem Lehrer von Gott gekommen, besitzt; hier ein leichtsinniges, irdischgesinntes Gemüth, in welchem noch Alles verschlossen ist und das erst vom Herrn gesucht und geweckt werden muß. Dort die stille Stunde der dunkeln Mitternacht im einsamen Zimmer; hier der helle Mittag in der lieblichen Natur. Doch, wie verschieden auch die Umstände waren, wie abweichend auch der Gang der Unterredung: das Ziel derselben war bei Beiden dasselbe, und es wurde glänzend erreicht; es war der Glaube an Christum, den Sohn Gottes, der Welt Heiland. Und nun laßt uns das Gespräch selbst durchgehen, das Jesus mit der Samariterin am Jacobsbrunnen hielt. Jesus beginnt mit der Natur, Er führt dann in's Herz, Er erhebt endlich zum Glauben an sich.

I.

Es ist Herbst geworden im gelobten Lande, der Oktober eingebrochen und Jesus auf der Rückkehr nach Galiläa. Zu dieser Rückkehr hatte Ihn theils der durch Seinen Anhang wachsende Neid und Haß der Pharisäer, theils das Verlangen bewogen, auch nach anderen Theilen des Landes das Heil zu bringen. So kommt Er in jenes fruchtbare Thal zwischen den Bergen Garizim und Ebal, in welchem die Stadt Sichar oder Sichem liegt. Noch gegenwärtig ist sie von herrlichen Gärten und Baumpflanzungen umgeben, am Fuß des Garizim meist von Orangen, und Citronen, Granaten und Feigen und Aprikosen, am Fuß des kahleren, der Mittagssonne mehr ausgesetzten schroffen Ebal vorherrschend von Oelbäumen. Das Thal zieht sich zwischen beiden Bergen von Osten nach Westen und ist reich an Quellen, die sich westwärts der Stadt zu einem Bächlein vereinen; besonders strömt vom Garizim so viel frisches Wasser herunter, daß damit ein Graben erfüllt wird, der die Orangengärten wässert. Auch liegt hier der 105 Fuß tiefe und etwa tausend Schritt von der Stadt entfernte sogenannte Jacobsbrunnen, den der Erzvater selbst gegraben und gebraucht hatte. Zugleich ist die Gegend in geschichtlicher Beziehung reich und merkwürdig. Hier hatte Abraham, als er auf Gottes Befehl sein Vaterland verlassen, zuerst seine Zelte aufgeschlagen und dem Namen Jehova's einen Altar errichtet; hier hatte Jacob von den Kindern Hemers einen Acker gekauft; hierher waren Josephs Gebeine aus Aegypten gebracht und in dem Grundstücke, das einst Jacob angekauft, bestattet worden; hier hatte Josua bei seiner letzten Volksversammlung die Verheißungen und Flüche des Gesetzes verlesen und den Bund des Volkes Israel mit Gott erneuern lassen; hier hatte Jotham vom Garizim herab die älteste Fabel der Welt vom Feigenbaum, Oelbaum, Weinstock und Dornbusch gesprochen; hier war endlich unter Rehabeam die große Spaltung des Landes in die beiden Reiche Israel und Juda zu Stande gekommen. Wie reich also an großen Naturschönheiten, wie an Erinnerungen großer Männer und großer Zeiten, war die Gegend, in welche Jesus hier eintrat!

Es war die sechste Stunde, d.h. zwölf Uhr Mittags, die Stunde, wo eine Samariterin aus der Stadt ihr Wasser zu holen pflegte, die Bewohner Sichems aber von den Feldern in ihre Häuser zurückkehrten und in der häuslichen Kühle Labung und Speise suchten. Eine günstige Stunde für den Herrn und Sein heiliges Werk! - Indem Jesus müde von der Reise vor der Stadt am Brunnen sitzt, siehe, da kommt eine junge, rüstige Frau, den Eimer oder sonst ein Wassergefäß in der Hand, daher. Ihren Namen nennt der Evangelist nicht, eine Legende aus späterer Zeit heißt sie Photina. Sie kommt näher und näher, und, wie es Frauen eigen ist, daß sie mit einem flüchtigen Blick mehr Einzelheiten auffassen, als des Mannes Auge kaum in einer Stunde, so hat sie es gleich weg, daß ein Fremdling am Brunnen sitzt, den sie nach seiner Kleidung und Haltung auch gleich als einen jüdischen Lehrer erkennt. Sie grüßt ihn nicht: er gehört ja zu einem ihren Landsleuten feindseligen, von diesen nicht minder angefeindeten Volke; sie verrichtet vielmehr ihr Geschäft, ohne ihn weiter einer Aufmerksamkeit zu würdigen. Schon hat sie ihren Eimer mit Wasser gefüllt und ist eben im Begriff, mit ihrer Last zurückzukehren, als der fremde Mann sie freundlich anblickt und zu ihr spricht: Gib mir zu trinken! Eine natürliche, ungezwungene Bitte, die Zutrauen erwecken mußte, wie sie Zutrauen bewies! Was geht auch den Herrn der Haß der Juden und der Samariter untereinander an; Er ist mit Seiner göttlichen Liebe über dergleichen Engherzigkeiten erhaben und achtet keinen Menschen gering, weil Er in Jedem Ueberreste des göttlichen Ebenbildes wahrnimmt. Und siehe da, Freundlichkeit weckt Freundlichkeit, das gute Wort findet auch eine gute Statt. Das Weib schlägt die Bitte nicht ab; sie gewährt dem Fremdling, was er verlangt; äußert aber zugleich offen und gutmüthig ihr Befremden über seine Zumuthung: Wie bittest Du von mir zu trinken, da Du ein Jude bist, und ich ein samaritisch Weib? Jesus, auch diesmal wieder an die großen Bilder der Natur Seine Rede anknüpfend, erwidert: „Wenn du erkennetest die Gabe Gottes, d. h. die Gunst der Gelegenheit, das Wichtigste kennen zu lernen, und die Gnade, die Gott dir in dem Zusammentreffen mit mir verliehen, und wer der ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken! du bätest Ihn, und Er gäbe dir lebendiges, frisches, klares Quellwasser“, das göttliche Leben nämlich, das der Herr durch Seinen Geist vermittelst Seines Wortes mitthellt.

Wird sie Ihn nun bitten um dieses geistige Lebenswasser? Jesus hatte Durst empfunden und sie um Wasser zur Löschung desselben gebeten; sie ist Seiner Gnade benöthigt: wird sie Ihn nun auch darum bitten? Sie thut es nicht. Den tieferen Sinn der Worte Jesu nicht fassend, nur denkend an das natürliche Wasser, spricht sie: Herr, hast Du doch nichts, damit Du schöpfest, und der Brunnen ist tief; woher hast Du denn lebendiges Wasser? Bist Du mehr, denn unser Vater Jacob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken, und seine Kinder, und sein Vieh. Sie meint, zwei Mittel nur seien vorhanden, ihr lebendiges Wasser zu schaffen; entweder müsse solches aus dem Brunnen Jacobs geschöpft werden, wozu aber ein Gefäß und ein Seil erfordert würde, welches Beides dem Herrn mangle; oder Er müsse einen neuen Brunnen aufgraben, in welchem Falle Er größer und weiser sei, als ihr Vater Jacob, der in der ganzen Gegend von Sichem keinen besseren Brunnen als diesen habe finden können. Ihr irdischer Sinn, ihre Aeußerlichkeit, ihre Gleichgültigkeit gegen das Göttliche, ihre Selbstgenügsamkeit hält sie noch immer ab, auf die rechte Spur zu kommen.

Jesus, ohne ihre Einwendungen erst zu widerlegen und auf einen Wertstreit mit ihr sich einzulassen, versucht nun, durch die Nachweisung des Gegensatzes zwischen dem natürlichen und dem geistigen Wasser sie zum rechten Verständniß zu erheben, und antwortet: „Wer dieses Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber des Wassers trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillet.“ Was vom irdischen Wasser gilt, gilt von allen irdischen Gütern und Genüssen; sie. geben keine dauernde Befriedigung, vielmehr statt ihrer stets nur neu entzündetes Begehren, das zur Pein wird. Wer aber Christum gläubig in sich aufnimmt, und den Frieden Gottes schmeckt, der alle Vernunft übersteigt, der ist von solcher Qual des Suchens und Durstens nach Dingen, die ihm keinen Frieden bringen können, nicht nur befreit und geheilt; auch der größere Durst nach den bleibenden und ewigen Gütern wird ihm so vollkommen befriedigt, daß seine göttliche Lebenskraft bis zum Vollgenuß der himmlischen Seligkeit in immer weiterem Umfange sich ergießt und mittheilt.

Man hätte meinen sollen, jetzt würde die Samariterin wenigstens das fassen, daß Jesus anderes als natürliches Wasser meinen müsse, das Er gebe; aber noch immer ist die suchende Mühe des Herrn vergeblich, noch immer vermag sie sich nicht über das Irdische zu erheben, sie spricht: Herr, gib mir dasselbige Wasser, auf daß mich nicht dürste, daß ich nicht herkommen müsse, zu schöpfen. Unglückliches, verblendetes Weib! Eine günstigere Gelegenheit, recht unmittelbar in's Reich Gottes einzudringen und das Wort der ewigen Wahrheit aus der ersten Hand zu erhalten, hat sie nie gehabt, und sie läßt sie unbenutzt vor. übergehen; ahnt auch nicht im Entferntesten, was für ein Heil ihr in dem erhabenen Fremdling bescheert ist, und hat einen Flor vor ihren Augen, der sie abhält, das Nächste und Natürlichste zu sehen und anzunehmen. Sie ist ein ächtes Bild aller unerweckten Menschen, die in einer fortwährenden Selbstgenügsamkeit und unbekümmerten Ruhe einhergehen, kaum ein dunkles Bedürfniß nach geistlicher Hülfe ahnen, und bei denen die äußeren Anlässe zum Christenthum und zur Bekehrung nichts wirken, und alle Mahnungen und Verheißungen nur auf's Irdische bezogen werden. Da mag die Natur ihre lieblichsten Schönheiten vor ihren Augen ausbreiten und überall Bilder des ewigen Lebens aufstellen: sie gehen vorüber und verstehen ihre Sprache nicht. Anstatt von der Gabe zum Geber, von der Wohlthat zum Wohlthäter sich zu erheben, bleiben sie nur beim Natürlichen stehen, bei dem bloß sinnlichen Eindruck, und gelangen nie zum lebendigen Glauben an Gott und Christum. Sie schwelgen und schwärmen in den herrlichsten Naturgenüssen, und bleiben doch gottentfremdete, gottlose Menschen. Sie essen das Brod und trinken das Wasser der Erde alle Tage, und denken nie an das Lebensbrod und das Wasser der Seele. Sie sehen die Sonne auf- und untergehen, und haben keinen Blick und kein Herz für die Sonne der Geister, für das Licht der Welt. Sie fühlen die Wirkungen des Windes, und kümmern sich nicht um die Wirkungen des Geistes Gottes in ihrem Herzen. Sie sehen die Vögel fliegen und ergötzen sich an ihrem Gesange; erkennen in ihnen aber nicht die Beispiele der göttlichen Vorsehung, und murren und zagen, als ob für sie kein Gott im Himmel wäre. Wenn die Natur an sich schon zu Gott dem Herrn führte, so müßten die Menschen, die in der schönsten Natur leben, auch immer die frömmsten, so müßten jedenfalls die Naturforscher und Naturkundigen alle begeisterte Christen sein; aber das ist so wenig der Fall, daß gerade in der schönsten Gegend der Erde die meisten Heiden wohnen, und daß berühmte Naturforscher sogar frevle Gottesläugner gewesen sind. Ach, die Natur ist stumm und blind, und wer nichts in sie hineinlegt, dem gibt sie auch nichts heraus.

Aber freilich ist dieser natürliche Standpunkt ein gar bequemer, angenehmer Standpunkt, der Jeden läßt, wie er ist, Keinem wehe thut, Keinen verletzt, Keinen aus seiner Grabesruhe stört, wie ungenügend er auch sein mag; er weckt im Menschen das Sündengefühl nicht, und wo das nicht rege wird, ist auch kein Bedürfniß nach Gnade und Erlösung vorhanden.

II.

Jesus schlägt daher einen anderen Weg ein, um dieses Sündengefühl, dieses Schuldbewußtsein im Weibe zu erregen, und sie so von Innen heraus zum Glauben an Sich zu führen. Er leitet sie in ihr eigenes Herz, in die Geschichte ihrer geheimen Vergehungen. Aber wie zart und schonend geht Er dabei zu Werke! Hätte Er ihr gerade herausgesagt: Du arge Sünderin, du lebst jetzt in einer gesetzwidrigen Verbindung, in einem verbotenen Umgange, - so hätte Er sie erbittert und nichts erreicht. Er nennt ihr daher ihre Sünde auf eine Weise, die sie wohl betroffen und bestürzt machen mußte, aber nicht abstoßend war, Er spricht: „Gehe hin und rufe deinen Mann und komm her.“ - Was wird sie nun thun? In der ersten Bestürzung läugnet sie, und erwidert: Ich habe keinen Mann. So schwer hält es, Geliebte, für den natürlichen Menschen, seine Sünde einzusehen und zu bekennen. Wenn's irgend geht, läugnet er die Sünde. „Das ist nicht wahr; das habe ich nicht gethan; ich bin unschuldig; es ist eine Lüge; wer will mir so Etwas beweisen? wer hat's gesehen?“ - Wie? Habt ihr diese und ähnliche Reden nicht tausendmal gehört? nicht vielleicht selbst oft genug im Munde geführt? - Doch wir können nicht läugnen; Zeugen sprechen gegen uns; die böse That, die wir gethan, das böse Wort, das wir gesprochen, ist offenbar; wir sind überführt: geben wir uns nun schuldig?

Mit Nichten. Jetzt entschuldigen wir uns. „Wir haben es nicht gewußt, daß das unrecht ist“, sagen wir. Wie? Nicht gewußt? Sind wir denn nicht unterrichtet worden? Kennen wir denn die zehn Gebote nicht? „Wir sind verführt worden durch Andere“, sagen wir. Aber brauchten wir uns denn verführen zu lassen? „Wir waren zu schwach, wir konnten nicht widerstehen“, sagen wir. Aber will der Herr nicht in unserer Schwachheit mächtig sein, wenn wir Ihn anrufen? Warum haben wir also nicht gewacht und gebetet? Sehet, die Entschuldigungen verwandeln sich in lauter Beschuldigungen und Anklagen. - Werden wir jetzt bekennen? Noch immer nicht. Jetzt beschönigen wir unsere Sünden, geben ihnen andere, mildere Namen, vergolden unsere Ketten und möchten, wenn es ginge, die unverkennbarsten Laster in lauter Tugenden umstempeln: den Stolz nennen wir Ehrgefühl, den Geiz Sparsamkeit, die Wollust Liebe, den Zorn Rechtssinn, die Empörung gegen die Obrigkeit Erkämpfung vorenthaltener Rechte, die Lüge Klugheit, den Leichtsinn Gutmüthigkeit, die Undankbarkeit festen Charakter, die Frechheit Muth und Freiheit. Im besten Falle geben wir's im Allgemeinen zu, daß wir allzumal Sünder sind und wie alle Menschen auch unsere schwachen Seiten haben; nur daß die Sünde unsere große, schwere Schuld ist, daß wir mit ihr Gott beleidigen, daß wir nichts Gutes an uns haben durch eigene Kraft, sondern wenn Etwas in uns gut ist, es nur die Wirkung Seiner Gnade ist, das wollen und mögen wir nimmermehr eingestehen.

Indessen was hilft alles Läugnen, Verschweigen, Vertuschen, Entschuldigen und Verkleinern unseres tiefen Verderbens, so lange wir Einen aus der Welt nicht herausläugnen und vertuschen können, den allwissenden und allgegenwärtigen Zeugen aller unserer Gedanken und Neigungen, Worte und Thaten im Himmel, der dermaleinst auch unser Richter sein wird, und so lange Er noch zu uns reden kann, sei es durch unser Gewissen, sei es durch Sein Wort, sei es durch Sein Gericht sowohl in der Weltgeschichte als in der Ewigkeit? Was half es dem Weibe, daß sie antwortete: Ich habe keinen Mann? Damit zwang sie nur den Herrn, mehr zu enthüllen, und ihr ihr bisheriges höchst verdächtiges und vorwurfsvolles Leben vorzuhalten. So schonend wieder wie möglich, mit Wenigem Vieles andeutend, antwortete der Herr: Du hast recht gesagt, ich habe keinen Mann; fünf Männer hast Du gehabt, und den du nun hast, der ist nicht dein Mann; da hast Du recht gesagt.„ Da steht sie nun entlarvt, schlägt die Augen beschämt zur Erde nieder, athmet tief und schwer, und bekennt gebeugt und zermalmt: Herr, ich sehe, daß Du ein Prophet bist! O der Herr weiß zu treffen und zu finden. Vor Ihm kann sich Niemand verbergen. Er wohnt im Lichte, und die Nacht ist vor Ihm wie Sonnenlicht. Gerade den Flecken des Herzens trifft Er, der krank ist. Und Jeden greift Er am meisten an bei seiner Lieblingssünde, damit an derselben das Verderben des ganzen Herzens und Lebens offenbar werde. Wie, Geliebte? Wenn Er, der der Samariterin am Jacobsbrunnen Alles sagt, was sie gethan, wenn Er, der Herzenskündiger, der Augen hat wie Feuerflammen, jetzt unter uns träte, und jedem Einzelnen in's Auge schaute, und ihm sagte, wessen er sich schuldig gemacht vor Gott und Menschen: was würde Er uns zu sagen, dir und dir und dir vorzuhalten haben? Geschehen wird's einmal an seinem Tage, und dann Allen Alles offenbar werden Schon ist's offenbar den Engeln, die dich umschweben und die Gott zu deinem Schutze bestellt hat; schon ist's offenbar den Teufeln, die dich umgarnen und verführen und sich freuen mit höllischer Schadenfreude, wenn es ihnen gelingt, ihre satanischen Gedanken und Pläne in deine Seele hineinzuschleudern; schon ist's offenbar deinen Verstorbenen und Vollendeten, - der reiche Mann in der Hölle wußte, was seine Brüder auf Erden thaten, und wie sie lebten - der Gedanke an sie hat nicht nur etwas Trostreiches und Erquickendes, sondern auch etwas sehr Ernstes und Erschütterndes. O wie viele unsichtbare Augen, die dich beobachten und belauschen bei Tag und bei Nacht, auf Schritt und Tritt, in der Einsamkeit und Gesellschaft! Wie viele Zeugen in der Geisterwelt! Darum prüfe und richte dich selbst, damit du nicht dereinst gerichtet werdest. Laß dein Gewissen reden. Laß das Gesetz Gottes, durch welches Erkenntniß der Sünde kommt, seine Kraft an dir üben. Tel ehrlich und aufrichtig gegen dich, und rufe Gott an, daß Er dir die Augen öffne. Und Er wird sie dir öffnen; du wirst aufhören, dir zu schmeicheln und dich zu betrügen, du wirst dich erkennen, wie du bist und vor dir erschrecken, und seufzen: „Wo soll ich fliehen hin, weil ich beschweret bin mit vielen großen Sünden? Wo kann ich Rettung finden? Wenn alle Welt herkäme, mein' Angst sie nicht wegnähme.“ Ist der Standpunkt der Natur ein leichter und bequemer, der den Menschen nimmer beunruhigt, der Standpunkt des Gesetzes ist ein sehr unbehaglicher, er foltert und klagt an, und auf demselben vermag es Niemand auf die Dauer auszuhalten. Gottlob, daß das Gesetz zugleich Zuchtmeister auf Christum ist, und die gerade Straße zum Evangelium!

Unser Text führt uns endlich zur dritten Stufe. Das Weib, dem eine große Ahnung plötzlich aufblitzt, indem sie Jesum für einen Propheten hält, legt Ihm sofort die Streitfrage der Juden und Samariter über den rechten Ort der Anbetung zur Entscheidung vor, ob in Jerusalem oder auf Garizim, begierig, was Er darüber sagen werde: „Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, dem Garizim, und ihr Juden saget, zu Jerusalem sei die Stätte, da man anbeten soll: wer hat denn Recht?“ Jesus beschämt sie nicht weiter, da ihr Herz getroffen ist und höhere Bedürfnisse in ihr erwacht sind; auch diese Lenkung des Gesprächs ist Ihn, willkommen und führt zum erwünschten Ziel. Er antwortet: „Weib, glaube mir, es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge, noch zu Jerusalem, werdet den Vater anbeten. Ihr wisset nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten, denn das Hell kommt von den Juden. Aber es kommt die Zeit, und ist schon jetzt, daß die wahrhaftigen Anbeter werden den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit; denn der Vater will auch haben, die Ihn also anbeten. Gott ist ein Geist, und die Ihn anbeten, die müssen Ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Damit gesteht Er einerseits in dem bisherigen Streite den Juden das Recht zu, daß sie die vollkommene Erkenntniß und die fortlaufende Offenbarung Gottes besessen hätten, eröffnet aber auch zugleich den Vor- und Hinausblick in eine Zeit, wo die Scheidewand zwischen den Völkern fallen, Gott auch die Heiden berufen, die vorbildlichen Einrichtungen aufheben und eine geistige, aufrichtige Herzensanbetung allgemein einführen werde auf Erden. Die Samariterin, als sie das gehört, ließ sich zwar weiter in keinen Streit mit Jesu ein; doch beruhigte sie sich auch nicht dabei, sondern ließ Alles auf den Messias ankommen, der die Frage entscheiden sollte, die sie Jesu als einem Propheten vorgelegt: „Ich weiß, daß der Messias kommt, der da Christus heißt; wenn derselbige kommen wird, so wird Er's uns Alles verkündigen.“ Hätten wir doch in das Herz Jesu sehen können, als sie diesen Punkt berührte! Nun hatte Er sie so weit, wie Er sie haben wollte. Nun war sie empfänglich für die größte und seligste aller Wahrheiten, die jemals auf Erden ist verkündigt worden. Wozu die volle Offenbarung der Wahrheit noch weiter vertagen? Wie auf der weiten Meeresfläche, nach kurzer Morgendämmerung, zuerst einige blitzende Strahlen emporschießen, und dann plötzlich die Sonne in ihrer ganzen Lichtgestalt wie aus den Fluthen herauftaucht, so mit einem Male jegliches Dunkel zerstreuend, spricht nun der Herr die erhabenen, bestimmten Worte voll göttlichen Bewußtseins: „Ich bin's, der mit dir redet.“ Große Stunde! Was bei dieser Eröffnung im Herzen des Weibes vorging, wer mag's beschreiben? Wie den Brüdern Josephs zu Muthe war, als er sich ihnen enthüllte und sprach: „Ich bin euer Bruder Joseph!“ wie dem Blindgebornen zu Muthe war, als Jesus vor ihm stand, vom Sohne Gottes redete und dann hinzusetzt: „Du hast Ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist's“; wie dem Saulus zu Muthe war, als die Stimme aus der Höhe ihm keinen Zweifel mehr ließ, mit wem er zu thun hatte: „Ich bin Jesus, den du verfolgest“; wie der Menschheit wird einmal zu Muthe sein, wenn das Wort durch aller Himmel Himmel rauschen wird: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige, ich war todt, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit, und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes“, so, so war ihr zu Muthe. Ihre ältesten Hoffnungen waren mit einem Schlage erfüllt; sie hatte gefunden, wovon sie lebenslang gehört; sie sah den eingebornen Sohn des Vaters voller Gnade und Wahrheit vor ihren Augen, und im Innern klang's wie ein wunderbarer Wiederhat!, das Wort der seligsten Ueberzeugung: Ja, Er ist's! Er ist's wahrhaftig!

Nun aber kann sie auch nicht länger bleiben. Sie läßt ihren Krug stehen, das, worauf bisher ihre Gedanken und Bestrebungen gerichtet waren, ist ihr jetzt untergeordnete Nebensache geworden; sie eilt in die Stadt, im Besitz des höchsten aller Güter, will sie es nicht für sich behalten; wovon das Herz voll ist, davon fließt ihr Mund über, sie ruft von Haus zu Haus: Kommt, sehet einen Menschen, der mir gesagt hat Alles, was ich gethan habe, ob er nicht Christus sei. Und was vom Herzen kommt, geht wieder zu Herzen. Freilich, der frühere Lebenswandel der Person, welche die Botschaft bringt, ist nicht empfehlend; aber was geht die Leute die Person an? Sie haben es mit der Sache zu thun in ihrer Größe und Wahrheit. Freilich, es ist eine ungelegene Zeit, in der das Weib mit ihrer Aufforderung sie in Bewegung setzt, Mancher sitzt gerade an seinem Mittagstisch, Andere ruhen aus von ihrem Tagewerk, und es ist die heißeste Stunde des Tages; aber wer weiß, wie lange der fremde gepriesene Mann am Brunnen verweilt, der Augenblick muß benutzt und mitgenommen werden. So machen sie sich denn in nicht geringer Anzahl auf den Weg, bitten Jesum, daß Er bei ihnen bleibe, und als Er nach zwei Tagen sie wieder verläßt, legen sie dem Weibe das Geständniß ab: „Wir glauben nun fort nicht um deiner Rede willen, wir haben selber gehört und erkannt, daß dieser ist wahrlich Christus, der Welt Heiland.“ Die Stadt der Samariter war gewonnen, und als einige Jahre später Philippus (Ap. Gesch. 8.) in die Gegend kam, fand er den Boden gelockert und eine allgemeine, bereitwillige Aufnahme des Evangeliums. Der Herr hatte hier eine reiche Erndte gehalten.

Heil dem Menschen, der solche Stunden hat in seinem Leben, wie hier die Samariterin! Heil dem Worte, das solche Stunden erzeugt, solche Wirkungen herbeiführt! Heil dem Reformator, der, als er diese Stelle in's Deutsche übersetzte, zu einem Brunnen bei Wittenberg ging, um sich den Auftritt lebhafter zu vergegenwärtigen! Heil uns, wenn wir auch zu solchen Begnadigten gehören! Oft ist's nur ein Zug, der uns an einen Menschen fesselt, eine Geschichte im Leben Jesu, die gleichsam der Kern ist, um das Herz auf ewig für Ihn zu entscheiden, und gerade diese Geschichte hat schon in manchem Herzen Liebe zu Ihm angezündet. Dem aber, der Jedem sagt, was er gethan hat und dann sich offenbart, der da weiß Jedem einen Pfeil oder eine Feuerflamme in's Herz zu werfen, Jeden auf eigene Weise zu verwunden und zu heilen, zu erschrecken und an sich zu ziehen: Dem sei Ehre und Anbetung in der Gemeinde, die auf Ihn wartet und die um Ihn her ist, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

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