Arndt, Friedrich - 51. Andachten zum Kolosserbrief

Arndt, Friedrich - 51. Andachten zum Kolosserbrief

Kolosser 1.

Die Gemeinde zu Colossä, einer Stadt in Kleinasien, war durch Epaphras, einen Schüler Pauli, gegründet worden. Durch eben diesen Epaphras hatte der Apostel in seinem Gefängniß zu Rom erfahren, daß sich Irrlehrer eingeschlichen, die die Gemeinde von der erkannten Wahrheit abzubringen suchten, und mit einer gewissen morgenländischen Philosophie die strenge Beobachtung des mosaischen Ceremonialgesetzes verbanden, ihren Leib kasteiten, dadurch mit höheren Geistern in Verbindung zu treten und durch sie den Zugang zu Gott zu erlangen glaubten. Paulus dankt in diesem Briefe zuerst Gott für die Bekehrung der Colosser und bittet ihn für ihr inneres Wachsthum, indem er sie an das große Werk Christi und an sein Apostelamt erinnert. Dabei sagt er V. 24: „Ich erstatte an meinem Fleisch, was noch mangelt an Trübsalen in Christo, für seinen Leib, welcher ist die Gemeinde.“ Er unterscheidet ein doppeltes Leiden Christi, das eine, welches Er in den Tagen seines Fleisches an seinem eignen Leibe ausgestanden, da Er ein Fluch für uns ward; - von diesem versöhnenden Leiden des Herrn ist auch nicht das Geringste rückständig geblieben; das andere, welches Er an seinem geistlichen Leibe, welcher die Gemeinde ist, erduldet, nämlich die Bedrängnisse seiner Gläubigen, - dieser Leiden Maaß ist nicht voll, so lange noch Heilige übrig sind in der Welt, die um Christi willen leiden müssen; es sind Leiden, nicht der Versöhnung, sondern der Heiligung. dieses Maaß der Leiden half Paulus füllen an seinem Theil für die ganze Christenheit. Und doch immer müssen wir sagen, was wir als Christen leiden, das leiden wir als Glieder des Leibes Christi, trinken mit allen unsern Brüdern den Kelch der Gemeinde, und helfen miteinander das Gefäß der Trübsale Christi füllen, bis es voll ist und der Herr spricht: es ist geschehen, es ist vollbracht! Da werden wir selber stark und stärken auch die Brüder, und tragen so in aller Weise zur Vollendung der Gemeinde bei. Herr, segne dazu auch meine Leiden und Trübsale! Amen.

Kolosser 2.

Paulus warnt die Colosser vor den falschen Lehrern, welche Christum nicht als Grund aller Weisheit und Seligkeit anerkannten, und er mahnt sie darauf zum Festhalten der erkannten Wahrheit und zu einem derselben gemäßen Sinn und Wandel. Er bittet sie, sich ja nicht das Ziel des himmlischen Kleinods verrücken zu lassen und den falschen Weg jener Irrlehre zu betreten, den Weg einer mit heuchlerischer Demuth verbundenen Engelverehrung und einer völlig verkehrten Enthaltsamkeit. Ohne Christum kommt Niemand zum Vater; aber Christus reicht auch aus als Mittler, und der Mensch bedarf dazu nicht noch der Engel; es ist eine Verleugnung Christi, worauf jeder Engeldienst beruht. Wie eng auch die Engel im Himmel mit uns verbunden und für uns thätig sind zu unserm Heil: unsere Mittler sind sie in keiner Weise, und unsere Kniee sollen wir nicht vor ihnen beugen. Christus ist und bleibt unser einiger Mittler, durch den wir einen freudigen Zugang zu Gott haben, den wir uns auch bewahren wollen bis an unser Ende. – Ebenso wenig vermögen die verkehrten Enthaltsamkeitsregeln, die Entziehung gewisser Speisen, die Ehelosigkeit, die Klostergelübde uns zu rechtfertigen, noch uns innerlich zu fördern; sie sind vielmehr unverträglich mit dem Stande und der Hoffnung eines gläubigen Christen, der den alttestamentlichen Satzungen abgestorben und der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes ist theilhaftig geworden. Solche Enthaltsamkeit ist nichts als eine selbsterwählte Geistlichkeit oder Dienst, befördert nur den Hochmuth, versündigt sich an dem Leibe, der ein Tempel Gottes ist, und nährt erst recht die böse Lust und das Fleisch. Wie kann die Seele noch rüstig sein zum Kampfe, wenn sie mit dem leidenden Körper leiden muß? wie kann es heißen, das Fleisch kreuzigen, wenn man durch selbsterwählte Werke den Hochmuth mehrt? Wachen und beten, mäßig und nüchtern sein, das ist die rechte Kreuzigung des Fleisches. Herr, ich danke Dir für diese Aufschlüsse; laß sie in mir Licht und Leben werden. Amen.

Kolosser 3.

Es sind die häuslichen Pflichten und die allgemeinen Pflichten der Nächstenliebe, zu denen Paulus die Colosser auffordert. Indem ich sie lese, muß ich flehen: Du barmherziger Vater im Himmel, ich klage Dir meines Herzens angeborne Unart, daß ich mich mit Unfreundlichkeit oft an meinem Nächsten versündigt habe, mich seines Elends nicht angenommen, kein brüderliches Mitleid mit ihm gehabt, ihn in seinem Elende verlassen, nicht besucht, nicht getröstet, ihm nicht geholfen und mich also von meinem Fleische entzogen habe. Hierin habe ich nicht gehandelt als ein Kind Gottes. Ach, vergib mir diese schwere Sünde, und rechne mir dieselbe nicht zu. Nimm das barmherzige Herz Deines lieben Sohnes an für meine Sünde, decke zu und vergiß meine Unbarmherzigkeit um seiner Barmherzigkeit willen. Gib mir aber ein barmherziges Herz, welches da jammert meines Nächsten Elend, und laß mich bald und leicht zu Mitleid bewegt werden, wie das Edle Gemüth meines Herrn Jesu Christi ganz mitleidig ist, welchen unser Elend bald jammert und zu Herzen geht. Gib mir Gnade, daß ich meines Nächsten Kreuz helfe lindern und nicht größer machen; daß ich ihn tröste, gern helfe, und nicht liebe mir der Zunge, sondern mit der That und Wahrheit. Gib mir ein solch Herz, o Vater, daß ich gleich wie Du mit Gelindigkeit richte, alles lieblose Urtheil meide und gern die strenge Gerechtigkeit durch die Liebe mildere. Denn die Barmherzigkeit rühmt sich wider das Gericht. Ach lieber Gott, Du hast Gefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer. Ach, Herr, so laß mich denn anziehen herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demuth, Geduld, daß ich gern vergebe, wie mir Christus vergeben hat. Laß mich Deine große Barmherzigkeit erkennen; denn ich bin viel zu geringer aller Barmherzigkeit, die Du von Mutterleibe an mir gethan hast. Deine Barmherzigkeit ist mir zuvorgekommen, da ich in Sünden lag; sie wartet auch mich, bis ich komme; sie umfahet mich, wenn ich komme; sie folgt mir nach, wo ich hingehe, und wird mich endlich zu sich aufnehmen in das ewige Leben. Amen.

Kolosser 4.

Dies Kapitel enthält allgemeine Ermahnungen zum Gebet, zur Wachsamkeit, Fürbitte, Lebensweisheit und rechten Worten, und endet mit Nachrichten, Grüßen und Aufträgen. Nicht oft genug können wir zu Gebet und Wachsamkeit ermahnt werden, damit in unserm Wandel nichts Unaufrichtiges und Unredliches aufkomme. Hören wir auf die Erinnerungen des heiligen Geistes in unserm Gewissen. Je mehr wir darauf hören, desto zarter wird unser Gewissen und desto treuer diese innere Lehre. Es gibt sehr Vieles, was nicht geradezu Sünde ist, was aber zur Sünde führen kann. Hüten wir uns zum Beispiel vor jener geistlichen Unempfindlichkeit, jener Bedürfnislosigkeit, jenem Mangel an geistlichem Verlangen, der uns sehr oft beschleicht. Das ist ein schlimmes Zeichen. Die körperlichen Krankheiten kündigen sich gewöhnlich dadurch an, daß der Appetit sich verliert. Das Kränkeln des inneren Menschen äußert sich auf gleiche Weise. Sobald wir etwas fühlen von einem solchen Geiste, von solcher innern Mattigkeit und Schlaffheit, von solcher Trägheit zum Leben, so laßt uns vor uns selber Furcht heben, denn die Gefahr ist sehr nahe. Bekämpfen wir das Uebel in seinem Ursprunge, dann ist der Kampf nicht sehr schwer. Gehen wir fleißiger zu Jesu, überwachen wir sorgfältiger die schwachen Seiten, bei welchen uns der Feind gewöhnlich angreift. Die Schrift sagt: „Suche den Herrn und seine Kraft, behalte Ihn vor Augen auf allen deinen Wegen und Er wird sich sicher führen.“ Wenn wir nicht über uns wachen und diesen Rath des Wortes Gottes nicht befolgen, so wird jener Geist der Schlaffheit und der Gleichgültigkeit uns zu gar mancher kleinen Untreue verleiten, die das innere Leben durchnagt, wie die Raupen die Blätter der Bäume. Der Schritt zu größeren, schwereren Sünden ist nicht mehr so weit, und man begibt sich unter eine Macht, von der es schwer fällt, wieder los zu kommen. Darum lasset uns wachen über uns selbst. Nichts ist dazu dienlicher, als die Dankbarkeit, daß wir immer danken, es mag uns gut oder übel gehen. Ach, wir bitten fast zu viel, und danken nicht genug. Und doch ist Dankbarkeit des Oel in der Lampe des Gebets. Amen.

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