Ahlfeld, Johann Friedrich - Wie nehmen Christen die Friedensbotschaft auf?

Ahlfeld, Johann Friedrich - Wie nehmen Christen die Friedensbotschaft auf?

Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch Allen. Amen.

Text: Nahum Kap. 2, V. 1:
Siehe, auf den Bergen kommen Füße eines guten Boten, der da Frieden predigt: Halte deine Feiertage, Juda, und bezahle deine Gelübde.

In Christo Jesu geliebte Gemeinde. Wir stehen in der heiligen Passionszeit, in der größten Gnadenzeit für das ganze Menschengeschlecht. In derselben hat unser Herr Jesus Christus, der Herzog des Lebens, seinen großen Kampf für uns gekämpft. Er hat kein fremdes, sondern nur sein eigenes Blut vergossen. Als er am Kreuze rief: „Es ist vollbracht“, da war der Kampf ausgekämpft. Als er am ersten Ostertage seine Jünger grüßte: „Friede sei mit euch“, da brachte er selbst die große Friedensdepesche. Es war der Friede zwischen Gott und Menschen errungen, der Friede, welcher höher ist, denn alle Vernunft, der Friede, welcher in Ewigkeit währt. Von der Zeit an gehen seine Boten über die Erde und predigen diesen Frieden. Von ihnen und ihrer Botschaft schreibt der Prophet Jesaias: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: „Dein Gott ist König!“„ Und sie selbst sagen von sich: „So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, und Gott vermahnt durch uns, so bitten wir nur an Christi Statt: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“„ Das, geliebte Gemeinde, ist der große Gottesfriede, der über die ganze Erde gepredigt, der nie wieder zerrissen wird und in Ewigkeit währt. O wie viele Lebende und Sterbende haben sich gefreut an dem Himmelsgruß: „Friede sei mit euch!“

Wir wollen uns auch freuen! Dieser Friede soll unser teuerster bleiben. - Mitten nun in die Zeit, wo uns der große Kämpfer diesen Frieden errungen hat, mitten in die Passionszeit fiel auch die Botschaft hinein: „Es ist Friede zwischen den zwei Völkern, die länger als ein halbes Jahr mit Anstrengung aller Kraft mit einander gerungen haben! Wir haben Frieden!“ Am 15. Juli 1870 ist in Paris der Krieg beschlossen, am 2. März ist der Friede zu Versailles unterzeichnet worden. Lasst uns diese Botschaft aufnehmen, wie es Christen gebührt. Wir fragen uns heute:

Wie nehmen Christen die Friedensbotschaft auf? Sie geht:

  1. In der Freude hinein ins Herz;
  2. Im Dank hinauf in den Himmel;
  3. Im Gelübde hinaus in die Zukunft.

Herr, barmherziger Gott, gib uns heute rechte Herzensfreude. Lass sich auch alle die mitfreuen, denen dieser Krieg durch schwere Verluste scharf und tief ins Herz geschrieben ist. Lass ihnen das Geschenk deiner Gnade nicht verdunkelt werden durch ihren Schmerz und ihre Tränen. Und zur Freude gib uns dankbare Herzen. Mache jedes Herz zu einem Altar, auf dem dein Name und deine Ehre im hellsten Glanz leuchtet. Du bist der Siegverleiher, du hast Barmherzigkeit an uns geübt; du hast geholfen über Wissen und Verstehen. So gib denn, dass heute durch die Gemeinde und durch unsere Stadt hinklinge ein einiges großes: „Allein Gott in der Höh' sei Ehr'.“ Amen.

I. Die Friedensbotschaft geht zuerst in der Freude hinein in das Herz.

In dem Herrn geliebte Gemeinde. Unser Text hebt an mit den Worten: „Siehe, auf den Bergen kommen Füße eines guten Boten, der da Frieden predigt.“ Unserer Stadt ist der Friede nicht von den Bergen, sondern von andern Höhen, von den Türmen, verkündigt. Es war ein schönes Amt unserer Glocken, die gute Botschaft allen Bürgern der Stadt zuzurufen. Ja eine gute Botschaft, eine Botschaft voll Freude, nachdem am Tage zuvor noch Mancher gefürchtet hatte, es möchte noch eine Störung in das begonnene Werk gekommen sein. Friede und Freude sind auf's Engste mit einander verbunden. Auch in der Sprache kommt es uns vor, als ob sie wie Mann und Weib zusammengetraut wären. Wer kann wohl die Freude ermessen, welche mit Friedensbotschaften schon in die Völker eingezogen ist? Der treffliche Prediger Christian Scriver, dessen Werke und Andenken in der evangelischen Kirche noch fortleben und noch lange fortleben werden, berichtet uns Einiges von der Freude über den Frieden nach dem 30jährigen Krieg. Noch gegen Ende desselben, im Jahre 1645, wurde seine Vaterstadt Rendsburg 21 Wochen von den Schweden belagert und so von aller Welt abgeschnitten, dass ihre Bürger nichts von dem wussten, was draußen vorging. Da ritt eines Tages ein dänischer Trompeter durch die Reihen des Feindes, die ihm kraft der Papiere, welche er mit sich führte, auch Platz machten, und rief in die Stadt hinein: „Es ist Friede!“ Die Freude war unaussprechlich. Viele Männer, die auf den Wällen mit Wache gehalten, liefen zu Weib und Kind und verkündigten: „Es ist Friede!“ Die Bürger, die bisher ihre Häupter niedergesenkt hatten wie Blumen in langer Dürre, hoben sie empor. Das eine Wort war ihnen wie ein erquickender Regen oder Tau. Viele Kranke, die wochenlang fest auf ihrem Lager gelegen, ließen sich hinaus ins Freie tragen, und die Friedensfreude tat ihnen so wohl, dass sie in wenig Tagen zu voller Gesundheit gelangten. Das eine Wort war ihnen gewesen wie die allerkräftigste Arznei. Sie erfuhren etwas von der Freude, die in den Worten des 126. Psalms ruht: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann wird ihr Mund voll Lachens und ihre Zunge voll Rühmens sein.“ - Und weiter beschreibt der liebe Alte die Freude über die volle Beendigung des 30jährigen Krieges. Der Friede ward ja 1648 zu Osnabrück und Münster geschlossen, aber erst 1650 zu Nürnberg bestätigt. In Nürnberg ward die Friedensurkunde einem Obersten Ranfft eingehändigt, um sie dem Kaiser in Wien zu überbringen. Sie war in blauen Samt gebunden und mit Goldschnitt verziert. An ihren Enden hingen zwei Siegel in goldenen Kapseln, auf welche die Friedenstaube und der Ölzweig eingegraben waren. Der Oberst ritt in die Stadt Wien ein, ließ, was sonst verboten war, vor sich her trompeten und trat mit seiner Urkunde vor den Kaiser Ferdinand III. Dieser freute sich über den endlich gesicherten Frieden so sehr, dass er seinen Ring vom Finger zog, ihn dem Boten überreichte und ihm. noch dazu eine goldene Gnadenkette nebst Gnadenpfennig schenkte. Auch bei uns ist in diesen Tagen die Taube mit dem Ölzweig eingeflogen. Auch bei uns hat Gott den Friedensbogen aufgerichtet, der seine Füße auf zwei Länder setzt, sich aber in der Höhe vereinigt. Wer kann ermessen, wie viel Herzen aus dem deutschen und auch aus dem französischen Volk dem Herrn in diesen Tagen schon gedankt haben? wie viel Freude und Hoffnung in fast unzählige Häuser eingekehrt ist? Was ruht doch Alles in dem einen Worte Friede!? Was bringt uns denn der Friede? Zuerst werden die Schwerter in die Scheide gesteckt, das Morden hat ein Ende. Wir denken wieder an Paul Gerhardts köstliches Lied, das er zum Schluss des 30jährigen Krieges gesungen hat:

Gott Lob, nun ist erschollen
Das edle Fried- und Freudenwort,
Dass nunmehr ruhen sollen
Die Spieß', die Schwerter und der Mord.
Wohlauf, so nimm nun wieder
Dein Saitenspiel hervor,
Deutschland, singe Lieder
Im hohen vollen Chor;
Erhebe dein Gemüte
Und danke Gott und sprich:
Herr, deine Gnad' und Güte
Bleibt dennoch ewiglich.

Sodann bringt uns der Friede unsere Kinder wieder. Ja, Herr, bringe sie wieder! Lass ihnen auch auf dem Rückweg widerfahren. Bringe sie uns unverletzt an Leib und Seele wieder. Lass aus der längen Zeit, welche sie ohne häusliche Ordnung gelebt haben, keine böse Wurzel in ihren Herzen zurückbleiben! - Der Friede löst die Bande der Gefangenen. Unsere vielen fremden Gäste werden in ihre Heimat zurückkehren, und unsere Kinder kommen wieder aus ihrem fernen Gefängnis. Der Friede bringt uns zwei alte deutsche Länder wieder, die im Laufe der Jahrhunderte stückweis mit List und Gewalt von dem alten Vaterland abgebröckelt und entfremdet sind. Ach Herr, bringe sie uns auch innerlich wieder, und gib denen, welche dort das Regiment übernehmen werden, Kraft, Liebe und Weisheit, sie wieder zu uns herüber zu führen! - Dieser Friede ist noch eine besondere Freude für unser sächsisches Volk. Länger als ein Jahrhundert hat es geheißen: „Wo wir stehen, ist trotz der Tapferkeit unseres Heeres die Niederlage. In diesem Kampf ist da, wo wir standen, der Sieg gewesen, und unser Heer hat ein Gutes beigetragen, denselben zu erringen.“ Der Friede heilt die geschlagenen Wunden, er baut die verwüsteten Felder wieder, er baut die neuen Trümmer wieder auf. Der Friede stillt den Groll der Völker. Er gibt wieder nüchterne und klare Augen, mit denen man auch das, was am Feind Gutes ist, anerkennt und ehrt. Der Friede öffnet die geschlossenen Grenzen, er stellt die Wege des Verkehrs wieder her, er gibt auch auf dem Meer wieder offene Bahnen, und redlicher Gewerbefleiß fasst Mut, sich wieder zu regen und an die Arbeit zu gehen. Der Friede gibt beiden Teilen Zeit und Ruhe, sich auf das zu besinnen, was sie an einander gesündigt haben, und Gnade zu suchen, wo Gnade Not ist. Das Alles ruht in dem einen Wort. Es ist wie ein reiches Schatzkästlein, das in jedem Fach neue Güter birgt. Darum freue dich, dass der Herr diese teure Botschaft hat kommen lassen. Das ist der Tag, den der Herr macht. Der Herr hat Großes an uns getan, lasst uns freuen und fröhlich sein. - Und wie die Botschaft in der Freude hineingeht in das Herz, so lasst sie:

II.

Im Dank hinaufgehen in den Himmel.

Halte deine Feiertage! ruft der Prophet Nahum. Heute ist ein solcher Feiertag, ein solcher Dankestag. Dass Gott mit uns gewesen ist, kann Niemand leugnen. In den ganzen achteinhalb Monaten des Krieges hat er uns von Sieg zu Sieg geführt. In der ganzen Zeit hat er unsere Heere vor großem Unfall behütet. Er ist der Hort und Siegesfürst gewesen. Das ist kein Schein; das ist keine trügerische Gabe, mit welcher er unser Volk um so tiefer ins Verderben stürzen will. Es ist ein klares Zeugnis und Siegel seiner Gnade und Barmherzigkeit gegen unser Volk. Darum heißt es heute bei uns:

Ja lobe den Herrn, meine Seele, und Alles, was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat; der dir alle deine Sünde vergibt und heilt alle deine Gebrechen; der dein Leben vom Verderben erlöst und dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit; der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler. - Zuerst gehört dieser Tag dem Herrn. Nach ihm danken wir auch unserem ganzen Heer. Fast alle Fürstenhäuser unseres Volkes haben sich an diesem Kampf beteiligt. Die Fürsten sind entweder selbst ausgezogen, oder sie haben wie unser teurer König ihre Söhne oder andere Verwandte gesandt; dazu hat das ganze Volk willig seine Söhne hergegeben. Wir danken den Fürsten und Führern für ihre tapfere und weise Leitung. Wir danken unseren Kriegern bis zum letzten herab für die Tapferkeit und Beharrlichkeit, mit welcher sie unser Vaterland vor unsäglichem Elend haben bewahren helfen. Lasst uns aber danken wie das Volk Israel dankte. Lasst uns die Taten der Unsern erzählen, wie sie Gottes Volk erzählt. Dasselbe hat Helden genug gehabt. Denkt an Josua, an Gideon, an Jephthah, an Jonathan, David, Joab und andere. Dasselbe hat Siege genug erfochten über alle seine Feinde. Wir haben auch eine Reihe herrlicher Siegeslieder im Psalmbuch. Aber überall steht der Name des Herrn voran. Er ist der Fürst und Sieger im Streit, ihm wird die oberste Krone gereicht, alle Fürsten und Feldherren und Streiter sind nur seine Diener gewesen, die seinen Willen und seine Befehle vollstreckten. Und diese unsere Festfreude, diesen Dank gegen den Herrn wollen wir uns durch nichts stören und verbittern lassen. Es ist wahr, mancher Jüngling und Mann ist ausgezogen und kommt nicht wieder. Mancher Jüngling und Mann ist ausgezogen und hat tapfer mitgefochten. Er trägt aber auf der Erde keinen Siegerkranz, höchstens ist er ihm hier oder draußen auf den Sarg gelegt. Tausendfältig wird sich in den deutschen Landen das Bild wiederholen, das uns im Buche der Richter (Kap. 5, V. 28) gezeichnet ist. Das Heer der Midianiter ist ausgezogen zum Streit wider Israel. Sie sind aber geschlagen vor dem Herrn, und ihrem Feldhauptmann Sissera hat Jael die Kenitin im Schlaf einen Nagel durch den Kopf geschlagen. Das flüchtige Heer kommt zur Heimat zurück. Sisseras Mutter wartet und schaut am Fenster und fragt: „Warum verzieht sein Wagen, dass er nicht kommt? Wie bleiben die Räder seines Wagens so dahinten?“ Aber er kam nicht. So werden viele Väter und Mütter und Frauen und Bräute die zurückkehrenden Scharen mustern; aber der, den sie suchen, ist nicht darunter, er kehrt nicht wieder. Gibt es denn nun für sie auch ein Friedens- und Dankfest? Ja, liebe Gemeinde, für sie auch! Ja, ihr Gebeugten, ihr einsamen Eltern, ihr Witwen und Waisen, für euch auch! Es gibt noch einen andern Sieg, einen Sieg über alle Feinde. Paulus fasst ihn in die Worte zusammen: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern Herrn Jesum Christum.“ Es gibt noch eine andere Stadt zu erobern, als die stolze Feste an der Seine. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Es gibt noch andern Siegerschmuck als ein eisernes Kreuz und einen verwelklichen Kranz. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben. Es gibt noch einen andern Frieden als den in Versailles geschlossenen. Der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu.

Da ruht der Streit,
Da währt die Freud
Heut, gestern und in Ewigkeit.

Dass aber der Krieg mit seinem furchtbaren Ernst, wo der Todesengel stündlich auch neben dem gesündesten Mann herschreitet, hineintreibt in die Buße, in den Glauben, in das Gebet und in die tägliche Todesbereitschaft, das weißt du. Wenn nun dein Mann oder dein Sohn oder dein Bruder in diesem Kampf ein Sieger im höchsten Sinn des Wortes geworden ist, wenn er sich unter der Gnadenfahne des Herrn die hohe Gottesstadt und den ewigen Siegeskranz erobert hat, wenn er eingegangen ist in den Frieden, der kein Ende nimmt: dann dankt und lobt er heute ganz anders. Er lobt für Alles, was der Herr in dem Kampf errungen und erobert hat, obenan aber dafür, dass er selbst eine ewige Beute dieses Siegesfürsten geworden ist. Wenn nun dein Mann oder Sohn oder Bruder dort, mit lobt und preist, darfst du nicht trauern als der keine Hoffnung hätte. Du musst heute doch sagen mit dem Mann, der alle seine Kinder verloren hatte: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt.“ Ja er sei gelobt, denn dein Gefallener hat mehr errungen denn Tausende von Lebenden! Dazu hüte dich, dass du dich, nachdem der Friede kaum geschlossen ist, nicht schon wieder mit Sorgen beschwerst. Das ist ein törichter Mann, der, wenn das Gewitter, das den Boden befruchtet aber auch manchen Stamm niedergeworfen hat, kaum vorübergezogen ist, angstvoll ausschaut, ob sich nicht schon wieder Wolken zu einem neuen Wetter zusammenziehen. Zunächst ist es unser Teil, uns zu freuen und Gott recht von Herzen zu danken. Und wer dem, der alle Dinge lenkt mit seinem gewaltigen Arm, recht herzlich danken kann, der sorgt und zagt nicht. Du sollst jetzt nicht fragen: „Wie lange wird der Friede dauern? Wird das gedemütigte stolze Volk Rache nehmen? Welche Völker werden sich zusammenrotten, um uns den so mühsam errungenen Kranz wieder zu entreißen?“ - Jetzt ist Friede! Jetzt freue dich und lobe den Herrn, meine Seele. Der Gott, welcher uns den Sieg verliehen hat, lebt und regiert auch künftig noch. Ringe du nur danach, dass du bei ihm in Gnaden bleibst. - Die Siegesbotschaft soll hinausgehen

III.

Im Gelübde in die Zukunft.

Bezahle deine Gelübde. Wie es je und je Sitte gewesen ist, haben auch nach diesem großen Kampf die Sieger den Besiegten Friedensbedingungen auferlegt. Wir wollen uns aber bei denselben nicht lange aufhalten. Wir wollen hier die Wichtigkeit der eroberten Provinzen und ihrer Festungen nicht erörtern. Noch weniger wollen wir die Milliarden zählen und uns die gewaltige Summe klar machen. Aber daran wollen wir denken, dass auch der Siegverleiher den Siegern wie den Besiegten seine Bedingungen auflegt. Glaubt ja nicht, dass wir diese Siege, diesen Frieden nur so hinnehmen können, wie wenn sich das von selbst verstände, wie wenn ihn Gott uns geben müsste. Ihr habt ja einst selbst auf den Knien und mit gefalteten Händen mit ihm verhandelt um den Sieg. Denkt ihr noch an das Klopfen der Herzen, als die Kriegserklärung herübergekommen war? als wir anbinden mussten mit dem Volk, das seit mehr denn fünfzig Jahren von allen seinen Schlachtfeldern als Sieger weggegangen war? Denkt ihr noch an die Tage, wo unsere Kinder auszogen, wo wir sie segneten zu dem großen Kampf? Denkt ihr noch an jenen Buß- und Bettag am 3. August, wo die Kirchen nicht Raum hatten für die Scharen derer, welche den Herrn in seinen Vorhöfen um Vergebung ihrer Sünde und um seinen gnädigen Beistand anrufen wollten? wo die Kirchen zu klein wurden? wo die Gemeindeglieder baten, es möchte doch am Nachmittage noch ein Betgottesdienst gehalten werden? Denkt ihr noch an die Freude und die Freudentränen, welche geweint wurden, als die Botschaft von den ersten Siegen bei Weißenburg und Wörth eintrafen? und an den Abend, wo es erst leise und dann immer lauter durch die Stadt lief, dass der Kaiser mit seinem letzten Heer bei Sedan gefangen sei? Was für Gebete, was für Gelübde und Dankopfer sind wohl bis dahin vor ihn gebracht! Der Herr sagt im 50. Psalm: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.“ Du hast ihn angerufen, er hat dich errettet, so preise ihn nun auch. Er sagt in demselben Psalm: „Opfere Gott Dank und bezahle dem Höchsten deine Gelübde.“ Was sind denn das für Gelübde? Sie fangen bei dir selbst an. Du hast dem Herrn versprochen, wenn er unser Volk aus dieser großen Gefahr errette, dich ihm selbst zum Eigentum zu geben. Der die große Menge zur Beute und die Starken zum Raub nehmen soll, sollte auch dich haben. Wie nach einem harten Winter, wo der Frost tief in die Erde dringt, gewöhnlich ein um so fruchtbarerer Sommer folgt, so sollte auch für unser Volk auf den Herbst und Winter, der mit seiner Sorge, seiner Arbeit und seinen großen Opfern so tief in die Herzen hineinfror, eine neue fruchtbare Zeit folgen. So tue denn ab die welsche Leichtfertigkeit und den öden Unglauben, der die Völker verdirbt. Tritt fest unter die Fahne des Herrn, der uns den Sieg verliehen hat. Bezahle dem Höchsten deine Gelübde! Was sind das für Gelübde? Wir Alle haben uns gefreut wie die Kinder, als die Heere sämtlicher deutschen Stämme in einer Einigkeit und in einem gegenseitigen Vertrauen in den Krieg und in die Schlachten zogen, wie es bisher noch nie dagewesen war. Wohl standen die Heere sämtlicher Stämme unter dem König von Preußen. Aber wieder standen auch große preußische Scharen unter unserem Kronprinzen, bayerische Scharen unter preußischen und preußische unter bayerischen Führern. Und nirgends waren Hintergedanken oder Misstrauen. Jeder achtete und versorgte die Kinder der andern Stämme wie die des eigenen. Diese Einigkeit zu nähren und zu pflegen ist auch eins von den Gelübden, ist auch eine von unsern Aufgaben. Es darf kein Keil wieder in die alte deutsche Eiche getrieben werden, sie zu spalten und zu teilen. Zum Dritten gedenken wir hier noch einmal der Tapferkeit und Treue unseres Heeres. Wie viel haben wir diesen Männern zu danken! Wie haben wir uns ihrer gefreut! Vielen können wir diesen Dank nicht einmal aussprechen. Sie schlafen unter fremder Erde oder auch hier in der heimischen Gruft. Viele von ihnen haben aber arme Erben, arme hilflose Eltern, Witwen und Waisen hinterlassen. Diese sollen die Erben unseres Dankes sein. Das Vaterland soll und muss treulich für die sorgen, die zum Schutz seiner Grenzen, seiner Rechte und seiner Ehre ihr Leben in den Tod gegeben. Und auch die, welche als Krüppel oder mit gebrochener Gesundheit wiederkehren, sollen erfahren, dass sie an dem Vaterland, für welches sie gestritten und gelitten, eine treue Mutter und Versorgerin haben. Ich frage euch: „Wer ist wohl unter uns, der, als sie zum Kampf zogen, als sie sich als rechte Kinder des Vaterlandes bewährten, nicht vor dem Herrn gelobt hätte: „Herr, sie sollen, wenn sie als Krüppel und mit gebrochenen Kräften wiederkehren, nicht wieder wie ehemals als Bettler an den Straßen sitzen oder von einer Tür zur andern wandern?!“ Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert. Sie haben die schwerste Arbeit übernommen, bei welcher man Herz und Geist und Blut und Leben einsetzt. Wohlan denn, bezahle dem Höchsten deine Gelübde! - Und endlich denken wir noch an das Volk, mit dem nun Friede geschlossen ist. Wir haben den Krieg nicht gewollt, er ist uns aufgedrungen. Wir haben dies Volk trotz alles des Elends, des sittlichen und des äußeren, das es über uns gebracht hat, nicht gehasst. Dass sich aber während des Krieges diesseits und jenseits viel Bitterkeit in die Seelen eingeschlichen hat, das kann Niemand leugnen. Auch hier wolle uns Gott einen rechten Frieden geben; er wolle die Bitterkeit aus den Herzen nehmen. Er wolle uns erinnern an das Wort unseres Erbarmers: Liebt eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ Das ist Friede, wo Jeder zunächst um die Vergebung der eigenen Sünden, um eigene aufrichtige Bekehrung, und dann auch für den andern Teil um dasselbe bittet. Einer helfe die Wunden des Andern heilen. Einer beweise sich gegen den Andern als sein Bruder in dem Herrn. Bezahle dem Höchsten deine Gelübde!

Und nun, du Gott des Friedens, heilige uns durch und durch, dass unser Leib samt Seele und Geist werde unsträflich erfunden auf den Tag der Zukunft unseres Herrn Jesu Christi. Du Gott des Friedens, lass den frischen Ölzweig, den deine Taube in die Arche getragen hat, grün bleiben, Wurzel schlagen, blühen und treiben. Gib aus deinem Frieden diesem Frieden Bestand. Lass die Völker zusammenstehen als einen mit dem Band des Glaubens und der Liebe zusammengebundenen Strauß, in welchem jede Blume in ihrer Art ihren Duft gibt zu deiner Ehre. Amen.

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autoren/a/ahlfeld_friedrich/ahlfeld_frieden.txt · Zuletzt geändert: von aj
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