Besser, Wilhelm Friedrich - Die Briefe St. Johannis in Bibelstunden für die Gemeinde ausgelegt - Zweiter Brief

Besser, Wilhelm Friedrich - Die Briefe St. Johannis in Bibelstunden für die Gemeinde ausgelegt - Zweiter Brief

Der Wandel der Gemeinde in Wahrheit und Liebe.

V. 1-13.

Hilf uns halten, HErr, was Du uns heute gebietest. Amen.

Der erste Brief des heil. Johannes hatte um die Gemeinden eine schirmende Mauer gezogen. Wachend und betend, bittend und zeugend hatte der Apostel über seine Kindlein die Hände gebreitet, als in der letzten Stunde, damit ihre Christenfreude völlig bleibe in der Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohne Jesu Christo. Inzwischen erfuhr er, daß in einer Gemeinde (vielleicht zu Pergamus oder Thyatira) die Irrlehrer mit besonders großer Anstrengung ihr unholdes Wesen trieben und mit viel List sich einzuschleichen wußten, während auf der andern Seite die Liebe zu den Brüdern in Vielen erkaltete. „Wer wird geärgert, und ich brenne nicht?“ (2 Cor. 11,29.) hieß es nicht minder wie bei Paulus auch bei Johannes, und er eilte dieser Gemeinde beizuspringen, indem er ihr besonders zueignete, was er im ersten Briefe allen Gemeinden geschrieben hatte. So ist der zweite Brief der erste im Kleinen. Wahrheit und Liebe heißt das Thema desselben; in der Wahrheit und in der Liebe will er seine Leser stärken. Er wird uns den Dienst erweisen, uns recht zu durchdringen mit Johannis Sinn, damit wir nicht verlieren, was der heil. Geist, auch durch das Evangelium und den ersten Brief des geliebten Apostels, an uns erarbeitet hat.

V. 1. Der Älteste, der auserwählten Frau und ihren Kindern. Der Aelteste, so nennt sich der Apostel Johannes hier und im dritten Briefe. Weil er Apostel war, darum war er auch Aeltester, und er führt sich unter diesem Amtsnamen (unter welchem auch in der Offenbarung die Apostel erscheinen, Cap. 4,4. und öfter) ein, um von vorn herein das innige Band zu bezeichnen, welches ihn mit denen verknüpfte, an die der Brief gerichtet ist. Ebenso hatte vor ihm Petrus die Aeltesten „als der Mitälteste“ ermahnt (1 Petr. 5,1.). Diese Stellen sind wichtig zur richtigen Erkenntniß des neutestamentlichen Amts, wie schon in den Schmalkaldischen Artikeln darauf verwiesen wird. Waren die Apostel - vorbehalten die Vollmacht, welche an ihren Personen haftete - zugleich die ersten Träger des Aeltestenamts, so folgt daraus erstlich die wesentliche Einheit des geistlichen Amts in der Kirche. Jeder Pastor ist ein Amtsnachfolger der Apostel, und „ist nach göttlichem Recht kein Unterschied zwischen Bischöfen und Pastoren oder Pfarrherrn.“ Zum andern aber erhellt daraus die Würde des geistlichen Amts, welches sammt dem Apostolate nicht eine aus der Gemeinde hervorgewachsene Ordnung, sondern eine Stiftung und Gabe des HErrn an und für die Gemeinde ist. Die Amtspersonen gehen aus der Kirche hervor, von ihr im Auftrage des HErrn berufen und gesetzt; das Amt aber, welches von den Berufenen verwaltet wird, ist vom HErrn unmittelbar als von einzelnen bestimmten Amtspersonen zu verwalten eingesetzt, und soll mit dem allgemeinen Priesterthume der Christen nicht vermengt werden. - Der auserwählten Frau und ihren Kindern. Johannes könnte an eine einzelne Familie in der Gemeinde diesen Brief geschrieben haben. Die Frau (Herrin, vielleicht Kyria mit Namen) möchte dann entweder eine Wittwe gewesen seyn, oder (sammt ihrer Schwester V. 13.) den Namen Auserwählte vor ihrem Manne voraus gehabt haben. An eine Frau wie die Thyatirische Purpurkrämerin Lydia hätten wir dann zu denken. Jedoch aus dem dritten Briefe dürfen wir mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit schließen, wen hier Johannes auserwählte Frau anredet. Dort heißt es V. 9: „Ich habe der Gemeinde geschrieben.“ Die Gemeinde, die auserwählte Braut des HErrn, finden wir in der HErrin, an welche „der Aelteste“ als Brautführer diesen Brief voll Liebeseifers schrieb, auf daß er eine reine Jungfrau Christo zubrächte (2 Cor. 11,2). An 1 Petr. 5,13., wo der Apostel die Gemeinde zu Babylon (d.h. Rom) die Mitauserwählte nennt, haben wir eine Parallelstelle. Wer bedenkt, wie vertraut Johannes mit der heiligen Schrift A. Testaments war, den wird es nicht seltsam dünken, daß „die auserwählte Frau und ihre Kinder,“ die mit Christo ehelich verbundene Gemeinde und ihre Glieder, hier wiederkehren, deren Anschauen im Geiste die Propheten so oft erfreute (vergl. z. B. Jes. 62,4.5.). Noch einen besondern Grund hatte Johannes zu dieser Bezeichnung der Gemeinde: es ist darin sogleich der Stand ausgedrückt, worin dieselbe sich bewahren sollte in der letzten Stunde. An die Gemeinde zu Thyatira läßt der HErr hernach schreiben: „Siehe, Ich werfe sie in ein Bett, und die mit ihr (mit Isebel, der falschen Prophetin) die Ehe brechen, in große Trübsal, wo sie nicht Buße thun für ihre Werke; und ihre Kinder will Ich zu Tode schlagen“ (Offenb. 2,22.). Wer mit den antichristischen Propheten sich einließ, brach den mit Christo geschlossenen heiligen Ehebund (Ezech. 23,37.). Wie sollte denn die auserwählte HErrin einem Andern sich ergeben als ihrem HErrn, mit dem im Glauben verbunden sie „hervorbricht wie die Morgenröthe, schön wie der Mond, auserwählt wie die Sonne, schrecklich wie Heeresspitzen“ (Hohesl. 6,9.)? Der HErr pflegt uns bei unsern allerschönsten Christennamen zu nennen, wenn Er uns ermahnt zu halten, was wir haben. - Der ganzen Gemeinde und ihren einzelnen Gliedern soll der Brief gehören und deshalb wechselt die Anrede mit du und ihr. Die Glieder sind freilich zusammen die Gemeinde, die Frau; doch einzeln sind sie zugleich die Kinder der Frau, von ihr geboren und ernährt durch Wort und Sacrament, worin der HErr bei ihr ist und dadurch das göttliche Leben in ihre Kinder einwirkt. Im Hohenliede ist das Volk Israel, wie es in jeder einzelnen Zeit erscheint, die „Tochter Zion,“ welche das Volk im Ganzen genommen zur „Mutter“ hat (Hohesl. 3,4; 8,2. vergl. mit Ezech. 16,44.45.). Gleich in der Ueberschrift des Briefes schüttet Johannes seine Aeltesten - Liebe aus zu der Gemeinde - der auserwählten Frau und ihren Kindern -

V. 1. 2. Die ich lieb habe in der Wahrheit, und nicht allein ich, sondern auch Alle, die die Wahrheit erkannt haben, um der Wahrheit willen, die in uns bleibt, und bei uns wird sie seyn in Ewigkeit. So redet Johannes von der Gemeinschaft der Heiligen (1 Br. 1,3.). Dreimal nennt er die Wahrheit, als das Fundament der brüderlichen Gemeinschaft in der Liebe. Jesus Christus ist die Wahrheit; Ihn, den das Evangelium verkündigt, meint des Apostels keusche Liebe mit diesen Worten (vgl. V. 7.). Keinem gesteht er das Vermögen wahrhaftig zu lieben zu, ohne der die Wahrheit erkannt hat und um ihretwillen liebt. In Wahrheit, mit wahrhaftiger Liebe habe ich euch lieb, um der Wahrheit willen. Meine Liebe - doch nicht bloß die meinige, ihr seyd reicher, geliebt von Allen, die die Liebe Gottes in Christo erkannt haben (1 Br. 4,11.) - unsre Liebe ist wahrhaftige Liebe, denn was sie entzündet und nährt, ist die Wahrheit selbst, welche in uns bleibt. Das Band der Liebe, welches um den Apostel und um Alle, welche die Wahrheit erkannt hatten, also auch um diese Gemeinde als um Eine heilige Familie sich schlang, war nicht vergänglicher Natur; so gewiß die Wahrheit, deren Erkenntniß sie alle beseligte, in ihnen eine Bleibstätte gefunden, so gewiß blieb auch die Liebe in ihnen, welche unzertrennlich ist von der im Glauben erfahrenen Wahrheit. In freudiger Gewißheit, die auf die Verheißung des Treuen und Wahrhaftigen sich gründet (Ev. 14,16.), ruft Johannes aus: Und bei uns wird sie seyn in Ewigkeit! Nicht allein für sich selber, auch im Namen seiner Wahrheitsgenossen redet er so freudig. So viele, Jahre hatte er die Treue seines Heilandes erfahren. Ihm traute er in fröhlicher Zuversicht, daß sein und seiner geliebten Brüder Namen, die er im Buche des Lebens wußte (Phil. 4,3.), unausgetilgt darin bleiben würden in Ewigkeit (Offenb. 3,5.). Hierauf laßt uns nun unsre Liebe ansehen! Ruht sie auf dem ewigen Grunde der Wahrheit? Haben wir uns lieb um deß willen, weil die Eine gemeinschaftliche Wahrheit dich und mich und uns Alle liebreich und liebenswürdig macht? Wird unsre Liebe nimmer aufhören, so wahr die Treue Jesu Christi und Seines Trösters nicht aufhören wird, in welchem wir uns lieb haben? Der heilige Paulus ermahnt die Gläubigen, nicht von Liebesschein sich täuschen zu lassen, auch nicht einer falsch berühmten Liebe auf Kosten der Wahrheit zu fröhnen, sondern rechtschaffen zu seyn in der Liebe, damit sie in allen Stücken hinanwüchsen zu Dem, der das Haupt ist, Christus (Ephes. 4. 15.); dieser apostolischen Ermahnung entsprechen ganz unsre Textworte: liebhaben in Wahrheit um der Wahrheit willen. Liebhaben in Wahrheit und die Wahrheit thun in der Liebe: das ist die süße Pflicht und das heilige Geschäft kirchlicher Gemeinschaft. Bei Verleugnung der Wahrheit gedeiht keine gliedliche Liebesgemeinschaft, welche die heiligen Apostel segnen und als die ihrige erkennen, und wenn heut zu Tage der schöne Psalmspruch: „Siehe wie fein und lieblich es ist, daß Brüder einträchtig bei einander wohnen“ (Ps. 133,1.) auf Unionen angewandt wird, welche neben statt in der Wahrheit eingegangen wurden, so sagen wir dawider auf Grund apostolischer Lehre: Es ist nicht sein und nicht lieblich, daß Zwieträchtige, als wären sie einträchtige Brüder, bei einander - an Einem Altare - wohnen. Es sind ja freilich „traurige Schranken.“ durch welche mit Einer Taufe getaufte Christen abgehalten werden, zusammen Ein Abendmahl zu seiern, weil sie nicht Einen Abendmahlsglauben haben, und wer sehnte sich nicht nach dem Siege der Wahrheit, der jener Traurigkeit ein Ende machen soll? Aber ein viel traurigerer Altar ist es, an welchem Wahrheit und Irrthum in fälschlicher Liebe sich vertragen. Wiederum will die einigende Liebe zur Wahrheit sich versichtbaren in herzlicher Liebe zu den Wahrheitsgenossen. Das sind die rechten Jünger, welche einträchtig bleiben bei der Rede des HErrn Jesu (Joh. 8, 31.) und Liebe untereinander haben (Joh. 13, 35.). Wo die Liebe untereinander erkaltet, da sieht man, daß die Liebe zur Wahrheit Schaden genommen hat und seuchtig in allerlei Schulgezänk geworden ist. „Daß wir uns von Herzen einander lieben und in Friede auf Einem Sinn bleiben,“ das helf uns der Tröster! - Wie der Apostel im Eingang des ersten Briefes die Gemeinschaft, in welcher er mit seinen Brüdern stand, als Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohne Jesu Christo bezeichnet (1 Br. 1, 3.), so legt er die Liebe in der Wahrheit, womit er die auserwählte Frau und ihre Kinder umfaßt, alsbald in dem Gruße dar:

V. 3. Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott dem Vater und dem HErrn Jesu Christo, dem Sohne des Vaters, in der Wahrheit und in der Liebe, sey mit euch! Gnade, welche unsre Schuld wegnimmt, Barmherzigkeit, welche aus unserm Elend uns errettet, Friede, worein Gnade und Barmherzigkeit uns versetzen, wünscht uns der apostolische Gruß (übereinstimmend mit dem Gruße Pauli in 1 u, 2 Tim. 1,2. u. Tit. 1,4.) von Gott dem Vater, dessen barmherzige Gnade zur Versöhnung und zum Frieden erschienen ist in dem HErrn Jesu Christo, dem Sohne des Vaters, Durch den Namen HErr (welcher in den Briefen Johannis nur hier in dem Gruße an die auserwählte HErr in und ihre Kinder vorkommt) und durch die Wiederholung: dem Sohne des Vaters (statt: und von Seinem Sohne) hebt der Apostel nachdrücklich hervor, daß allein von dem Wahrhaftigen (1. Br. 5,20.), von Gott in Christo, Gnade, Barmherzigkeit und Friede kommt, von Ihm aber auch wahrhaftig und gewiß. Anstatt: in Wahrheit und Liebe könnte es auch heißen: im heiligen Geiste; doch will Johannes gleich die Geschäfte des Geistes nennen, wodurch die Güter der Liebe Gottes in Christo uns zugeeignet werden und in uns bleiben. Wie im ersten Briefe und bei Paulus so oft Glaube und Liebe (vergl. zu 1 Br. 3,23.), so stehen hier Wahrheit und Liebe zusammen, und aus 3. Br. 3. (die Brüder zeugten von „deiner Wahrheit“) sehen wir deutlich, daß die durch den neuen Sinn des Glaubens erkannte und erfahrene Wahrheit (1 Br. 5,20.) es ist, in welcher der Apostel die Christen theilhaftig sieht der Gnade, der Barmherzigkeit und des Friedens. Es bleiben aber Gott, der Vater und der HErr Jesus Christus, der Sohn des Vaters, bei uns in Gnade und Barmherzigkeit, und wir bei Ihm in Frieden, wenn wir bleiben in der Liebe (1 Br. 4,12.). In Wahrheit und Liebe: hiermit ist zugleich der Inhalt des Briefes angegeben. Zur Beständigkeit in der Wahrheit und in der Liebe ermahnt Johannes die Gemeinde, auf daß ihr Friede bei ihr bleibe in der Stunde der Versuchung.

V. 4. Ich bin sehr erfreut, daß ich gefunden habe unter deinen Kindern, die in der Wahrheit wandeln, wie wir ein Gebot vom Vater empfangen haben. Die Bezeugung seiner Freude an denen in der Gemeinde, welche in der Wahrheit wandelten, schickt „der Aelteste“ seinen Ermahnungen und Warnungen voraus, damit diese desto geneigtere Ohren finden möchten (vergl. den Anfang der meisten Sendschreiben in der Offenb.). Gesunden hat er solche, an denen er sehr erfreut ward. Die Augen der seelsorgerischen Liebe suchen nach der köstlichen Perle in den Seelen, worüber sie wachen; der HErr lasse den Fund Johannis doch keinem Aeltesten mangeln! Ob alle Glieder der Gemeinde dem Apostel gleiche Freude machten? Es war ihm Freude genug, daß er unter ihnen Kinder der Wahrheit gefunden, und er hielt das für einen Segen für alle. Schon in den apostolischen Gemeinden war es so, daß von einem lebendigen Kerne wahrhaftiger Christen das gliedliche Wachsthum aufging; waren doch selbst in der vom Odem erster Liebe behauchten Gemeinde Thessalonich „Ungezogene zu vermahnen, Kleinmüthige zu trösten. Schwache zu tragen“ (1 Thess. 5,14.). Wohl allen Gemeinden, unter deren Gliedern gefunden werden, die sind, was sie heißen, und die als Salz und Licht das Ganze kräftig durchdringen! In der Wahrheit wandeln weist auf das Wandeln im Lichte (1 Br. 1,5 ff.) zurück. An das Evangelium von der Liebe Gottes in Christo glauben, so daß unser Wandel ein Erfahrungszeugniß von der Wahrheit ablegt: das heißt in der Wahrheit wandeln. Das vom Vater empfangene Gebot hat Johannes in 1 Br. 3,23. genannt: „Und das ist Sein Gebot, daß wir glauben an den Namen Seines Sohnes Jesu Christi.“ Wie er dort fortfährt: „und lieben uns untereinander, wie Er uns ein Gebot gegeben hat,“ so hier:

V. 5. Und nun bitte ich dich, Frau - nicht als schriebe ich dir ein neues Gebot, sondern das wir gehabt haben von Anfang - daß wir uns unter einander lieben. Und nun, nachdem ich von eurem Wahrheitswandel mit Freuden gehört habe, bitte ich dich, Frau. Aus der Freude an dem, was die Gemeinde hatte, keimt in dem Apostel die Bitte hervor, daß sie fortfahrend in Licht und Wahrheit ihre Krone festhalten möchte. Gerade so schreibt Paulus an die Gemeinde zu Thessalonich, deren blühendes Leben seine Freude und Wonne war: „Weiter, lieben Brüder, bitten wir euch und ermahnen in dem HErrn Jesu, daß ihr immer völliger werdet“ (1 Thess. 4,1.). Ich bitte dich, „So bitten wir nun an Christi Statt“ (2 Cor. 5,20.). Die Bitte ist die Macht der Boten Christi. Und was bittet Johannes? Er erinnert die Gemeinde bei dem Namen ihrer Auserwählung, daß er zum Halten nicht eines neuen, sondern des mit dem Evangelio gleich alten Gebots sie ermuntere durch die Bitte, daß wir uns unter einander lieben. Der Abschnitt des ersten Briefes Cap. 2,3-11. ist in diesem und dem folgenden Verse zusammengefaßt.

V. 6. Und das ist die Liebe, daß wir wandeln nach Seinen Geboten; das ist das Gebot, wie ihr von Anfang gehört habt, daß ihr daselbst in ihm wandelt. Die Liebe in der Wahrheit und um der Wahrheit willen gestaltet unsern Wandel nach Gottes Geboten. „Daran erkennen wir, daß wir Gottes Kinder lieben - nämlich in Wahrheit - wenn wir Gott lieben und Seine Gebote halten“ (1 Br. 5,2.). So unter einander sich zu lieben bittet Johannes die Glieder der Gemeinde, daß die Bruderliebe ein Lichtglanz der Gottesliebe sey, der Liebeswandel ein Wandel nach Seinen Geboten. Alles, was sonst von Liebe vorgegeben wird, ist nicht von Gott, sondern von der Welt. Nachdem Johannes die Liebesbahn mit den Schranken der Gebote Gottes umzogen hat, schließt er diese Gebote alle in das Eine Gebot der Liebe zusammen, welches er und seine Mitältesten von Anfang den Gemeinden übergeben haben (1 Br. 3,11.). Im vorigen Verse sagt er: wir haben es gehabt von Anfang, und reizt die Gemeinde zu apostolischer Gemeinschaft; hier sucht er Frucht von ihrem Hören der Liebesbotschaft: wie ihr von Anfang gehört habt, so wandelt in der Liebe! - Aufmerksame Leser des ersten Briefes hören dessen Zeugen- und Bitt-Ton hier überall durchklingen und bedürfen keiner Auslegung weiter. Erinnern wir uns jetzt des innigen Zusammenhanges zwischen Lehre und Leben, den wir namentlich im 4ten Cap. des ersten Briefes sanden. Dort folgt auf die Ermahnung, nicht jeglichem Geiste zu glauben, sondern die Geister zu prüfen, ob sie von Gott sind, gleich die andere: „Ihr Lieben, lasset uns unter einander liebhaben!“ Hier folgt auf die Einschärfung des evangelischen Gebots der Liebe gleich die Warnung vor den Verführern, deren falsche Lehre mit verwerflichem Leben Hand in Hand geht. Was die Gemeinde von Anfang gehört hat von der Wahrheit und der Liebe - dem rechtschaffenen Wesen (Ephes. 4,21.) - in Christo Jesu, das soll sie standhaft festhalten. Halte aus! rief ihr Johannes zu, denn das böse Stündlein war da.

V. 7. Denn viele Verführer sind in die Welt gekommen, die nicht bekennen Jesum Christum, der da kommt im Fleische; dieser ist der Verführer und der Widerchrist. In wörtlicher Wiederholung eignet der Apostel dieser Gemeinde insonderheit zu, was er allen in 1. Br. 2, 18 ff. und 4,1 ff. geschrieben hatte. Nur Eins drückt er hier anders aus. In 1 Br. 4, 3. heißt es: der Geist des Widerchrists werde daran erkannt, daß er nicht bekenne Jesum Christum, im Fleische gekommen; hier aber steht die gegenwärtige Zeit: Jesum Christum, kommend im Fleische. Nicht zufällig (wie ja kein Tüttel im Schriftworte) ist diese Umwandlung. Nicht bloß jene Stelle 1 Br. 4, 3, sondern zugleich die andere Cap. 5, 6. kehrt in diesem vor den Verführern warnenden Spruche wieder; beide Stellen werden hier geflissentlich verbunden. Jesus Christus ist gekommen im Fleische und kommt im Fleische, denn Er ist's, der da kommt ungetheilt, wahrhaftiger Gott und auch wahrhaftiger Mensch, im Wort und Sacrament. Johannes hat den im Fleische Gekommenen gegenwärtig vor Augen als im Fleische Kommenden und warnt die Gemeinde vor den Verführern, welche mit der einmal geschehenen Ankunft des ewigen Wortes im Fleische auch Sein geistliches und sacramentliches Kommen im Fleische leugneten und den Jesum Christum nicht bekannten, in welchem Gott und die Menschheit in Einem vereint sind, dessen gottmenschliche Majestät wir anbetend ehren und also sprechen: „Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben“ (1 Br. 5, 20.). - Mit flammendem Eifer schreibt der Apostel: Dieser ist der Verführer und der Widerchrist. Die vielen Verführer, welche vom Satan entsendet in die Welt gekommen sind, um mit den Trabern der Weltlust den Sauerteig der Bosheit zu vermischen und die Welt zur Gottes- und Jesus-Feindschaft zu begeistern, sind zusammen der Verführer und der Widerchrist. Vergl. S. 123 ff. Die Kirche, Haupt und Glieder zusammen, heißt 1 Cor. 12, 12. „Christus“; dessen Gegenbild ist der Widerchrist, auch Ein Leib mit vielen Gliedern, zusammenhangend durch den Geist aus der Hölle mit dem Haupte, dem Teufel, der die ganze Welt verführt (Offenb. 12, 9.).

V. 8. Sehet euch vor, daß wir nicht verlieren, was wir erarbeitet haben, sondern vollen Lohn empfangen. Das ist recht die Sprache eines Aeltesten. Entgegenkommend dem HErrn, der da spricht: „Siehe, Ich komme bald, und Mein Lohn mit Mir“ (Offenb. 22, 12.), trägt der Aelteste Johannes heilige Sorge, daß kein goldener Leuchter, der durch seine Arbeit helle gemacht war, von seiner Statte weggestoßen werden, keine Garbe, die er gesammelt, seinem Arme entgleiten möchte. Nach vollem Lohne verlangt ihn, wie seinen Mitarbeiter Paulus. Dieser schreibt an die Philipper, „seine Freude und seine Krone“ (Phil. 4, 1.): „Haltet ob dem Wort des Lebens, mir zu einem Ruhm an dem Tage Christi, daß ich nicht vergeblich gelaufen noch vergeblich gearbeitet habe“ (Phil. 2, 16; vergl. 2 Cor. 1, 14.), und die Thessalonicher, welche er seine Hoffnung, Freude und Krone des Ruhms vor dem HErrn Jesu in Seiner Zukunft nennt (1 Thess. 2, 19.), warnt er vor dem Versucher, „daß nicht etwa unsre Arbeit vergeblich würde“ (1 Thess. 3, 5.). Auf diese Sprüche winkt Johannes hin. Ihm lag ja die apostolische Sorge für die Gemeinden in Kleinasien ob, nachdem Paulus abgerufen war, und als der Aelteste an jeder einzelnen und auch an dieser Gemeinde, an die der Brief gerichtet ist, hatte er erarbeitet, was in dem Freudenworte liegt: „Der Aelteste, der auserwählten Frau und ihren Kindern, die ich lieb habe in der Wahrheit - um der Wahrheit willen, die in uns, bleibt und bei uns seyn wird in Ewigkeit.“ Wozu bedurfte es aber der Ermahnung: Sehet euch vor, daß wir nicht verlieren, was wir erarbeitet haben, da doch Johannes so zuversichtlich von dem ewigen Bleiben der einmal erkannten Wahrheit in den Gläubigen redet? Wir haben schon einige Male das Zusammenseyn dieser freudigen Zuversicht mit dem ganzen Ernste eindringlicher Warnung in dem heiligen Apostel wahrgenommen, worin er mit seinen Brüdern Petrus (1 Petr. 1, 3 - 5. vergl. mit V. 17.) und Paulus (Phil. I, 6. 7. vergl. mit 2, 12.) grundeinig ist. Die Wahrheit bleibt eben ewiglich in denen, welche sich vorsehen, und das geschieht im Glauben, der gewirkt und erhalten wird durch Gottes Gnade. Vollen Lohn wünscht Johannes zu empfangen von seiner apostolischen Arbeit. „Wer da schneidet, der empfängt Lohn und sammelt Frucht ins ewige Leben, auf daß sich miteinander freuen, der da säet, und der da schneidet“ (Ev. 4, 36.). Wer den Lohn verdient hat, der die fleißigen Schnitter ewig erfreuen wird, das wußte Johannes wohl, dessen ganze Arbeit darin aufging, die Lehre des Blutes Jesu Christi durch die Predigt des Evangelii zu pflegen und heimzubringen an vielen aus der Welt ins ewige Leben erretteten Sündern. Es ist seines HErrn Lohn, darum ist's auch der seinige; denn gleichwie Er ist, so sind auch wir in dieser Welt (1 Br. 4, 17.). Die Liebe gibt dem Aeltesten diese Worte ein. auch um seinetwillen sollen alle Kinder der auserwählten Frau sich vorsehen, denn wäre auch nur ein verlornes Kind darunter, das würde seines HErrn und seinen Lohn schmälern. Wehe denen, die Christi und Seiner Diener Lohn abbrechen! Erträglicher als ihnen wird es jenen Tyrannen ergehen, über welche das Rufen der Ernter vor die Ohren des HErrn Zebaoth kommt (Jak. 5, 4.). „Soll denn Jesus keinen Lohn erlangen? Ist Er darum von dem Thron gegangen, umsonst zu sterben? Willst du Seine Arbeit so verderben?“ Ein Botschafter Christi, der mit Johannis Treue sein Amt ausgerichtet hat, darf sich aber auch deß getrösten, daß kein Verlust seiner Arbeit ihm Abbruch thun mag an seiner Seligkeit, ja! daß vor Gott seine Arbeit nimmer verloren ist, weil der Name desselben verherrlicht wird durch die Predigt Seines Worts an allen Menschen, es sey durch Gnade zum Leben oder durch Gericht zum Tode (2 Cor. 2,14-16.). Der Heiland hat gewehklagt um Judas, das verlorne Kind; aber den Freudenblick in die Klarheit, womit der Vater Ihn verklärte bei Sich selbst, hat jener „Verlust“ nicht trüben dürfen. Paulus hatte große Traurigkeit und Schmerzen in seinem Herzen um seine verstockten Brüder nach dem Fleisch, die sich nicht selig machen lassen wollten; aber in Anbetung der Wege und Gerichte des dreieinigen Gottes ist seine Seele stille geworden und sein Herz getrost. „Vor Gott ist nicht verloren, was an der Welt übel angelegt ist. Es soll rechtschaffener Prediger Krone und herrlicher Schmuck am jüngsten Tage bleiben, daß sie ihr Amt treulich ausgerichtet haben und der undankbaren Welt geholfen. Darum wollen wir solches auch groß und herrlich achten, daß wir mit gutem Gewissen vor Gott können rühmen und Er solchen Ruhm bestätigt, wie Paulus spricht: Es wäre mir lieber, ich stürbe, als daß mir Jemand meinen Ruhm sollte zunichte machen (1 Cor. 9, 15.). Ja, wir sehen, daß es hierinnen Gott eben geht wie uns, auf daß wir nicht Ursach haben zu klagen, noch müde oder verdrossen werden. Wir müssen und wollen am jüngsten Tage mit dem Papst und seinem Haufen disputieren und rühmen, daß wir die lautere Wahrheit gepredigt haben, und ist uns herzlich sauer worden und haben allerlei Gefahr, Schalkheit und Unglück dafür gelitten; also trotzen wir auch wider alle Tyrannen und Feinde, ob sie uns mit Wahrheit können strafen, und wollen kurzum von Niemand gerichtet seyn, sondern (wie Paulus sagt) wir wollen die Welt richten“ (1 Cor. 6, 2.). L. - Sehet euch vor! Das sollten sie in ihren gegenwärtigen Umständen besonders thun durch nüchternes Prüfen der Geister und durch entschiedenes Weichen von den Irrgeistern und Verführern, Johannes schreibt deshalb kurz und bündig, mit der Schroffheit feuriger Liebe, die keine „Vermittlung der Gegensätze“ gelten läßt:

V. 9. Ein Jeglicher, der übertritt und bleibt nicht in der Lehre Christi, der hat keinen Gott; wer in der Lehre Christi bleibt, der hat beide den Vater und den Sohn. Die Lehre Christi ist durch und durch eine Lehre von Christo. „Ich bin's,“ lautet das Grundthema des Evangelii, welches Er selbst predigt, von Anfang bis zu Ende (Ev. 1,50.51; 4,26; 5,39.40; 6,35; 7,7; 8,12.24; 9,37; 10,9 f.; 11,25; 12,46; 13,19; 14,6; 15,1; 16,14; 17, 19; 18,37; 19,30; 20,27; 21,16.), und die heiligen Apostel, in deren Lehre die Gläubigen beständig blieben, predigten das Evangelium von Christo, den Namen des HErrn Jesu (Apostelg. 8,35; 9,28; 10,36; Röm. 1,16.). Johannes hat V. 7. in Summa die Lehre Christi ausgesprochen. Ein Jeglicher, der nicht bekennt Jesum Christum, der da kam und kommt im Fleische, bleibt nicht in der Lehre Christi und ist ein Uebertreter. „So ihr bleiben werdet in Meiner Rede, so seyd ihr Meine Jünger,“ spricht der HErr zu den empfänglichen Hörern Seines Worts (Ev. 8, 31.). Die mündliche Rede Christi hat der heilige Geist durch sein Lehren und Erinnern (Ev. 14, 26.) als Lehre Christi im Wort befestigt. Der Christen Weg ist ein gewisser Weg, auf welchem die Lehre Christi im Worte der Apostel und Propheten das helle Licht ist; wer von diesem Wege abtritt, geräth in Finsterniß - der hat keinen Gott, genau: der hat Gott nicht. Das Haben Gottes, des einigen wahrhaftigen Gottes (Ev. 17, 3.), hat der Apostel im ersten Briefe als der Christen völlige Freude gepriesen. „Unsre Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit Seinem Sohne Jesu Christo,“ heißt es im Eingange (Cap. 1, 3.), und am Schlüsse: „Wir wissen aber, daß der Sohn Gottes gekommen ist und hat uns einen Sinn gegeben, daß wir erkennen den Wahrhaftigen, und wir sind in dem Wahrhaftigen, in Seinem Sohne Jesu Christo, Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. Kindlein, hütet euch vor den Abgöttern!“ (Cap. 5, 20. 21.). Und da, wo er seine Kindlein zuerst vor den Widerchristen warnt, schreibt er „Das ist der Widerchrist, der den Vater und den Sohn leugnet. Ein Jeglicher, der den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, der hat auch den Vater“ (Cap. 2, 22. 23.). Dasselbe ruft er hier der von den Verführern hart angefochtenen Gemeinde zu, und zwar mit verstärkter Stimme, um die Quintessenz dessen, was er für sie auf dem Herzen hat (V. 12.), in diesen wenigen Zeilen auszudrücken. Gott haben ist das selige Vorrecht der Christen, die an den Namen Seines Sohnes glauben, in welchem Gott Sich offenbart hat (1 Br. 5, 12.). Es kann Niemand Gott haben, ohne der da bleibt in der Lehre Christi, denn einzig und allein da will der verborgene Gott Sich finden und haben lassen (Ev. 1, 18.). „Ihr betet an, was ihr nicht wisset! wir beten an, was wir wissen“ (Ev. 4, 22): dies Wort des HErrn, Namens des alttestamentlichen Israels an die Samariter gerichtet, bleibt auch im Neuen Bunde in immerwährender Geltung gegenüber allem selbsterwählten Gottesdienste. Ein Nicht-Gott ist es, was ohne und neben der Offenbarung Gottes in Christo angebetet wird, und kein Uebertreten der Lehre Christi kann ohne Abtreten von dem wahrhaftigen Gotte seyn. Es ist eine vergebliche Rede, daß Christen und Widerchristen zusammen Einen Gott sollten haben. „Wir glauben all an Einen Gott“ singen nur die in Wahrheit, welche fortfahren: „Wir glauben auch an Jesum Christ, Seinen Sohn und unsern HErren u. s. w.“ Ja, noch mehr. Wer übertritt und bleibt nicht in der Lehre Christi, indem er dazusetzt oder davonthut, der hat, eben weil er dazu- oder davonthut, Gott nicht. Oder wäre es der Gott der heiligen Schrift, der in der Lehre Christi offenbarte Gott, vor welchem neben dem Verdienste des einigen Mittlers verdienstliche Werke sogenannter Heiligen etwas gelten; den man anruft außer im Namen des einigen Fürsprechers, des Gerechten, im Namen der Maria und anderer Sünder; dessen Auctorität neben der einigen Auctorität des Wortes der Wahrheit einer Legion von Menschensatzungen aufgeprägt und dafür gnadeverdienender Gehorsam beansprucht wird? Wäre das Gott, der Wahrhaftige? Nimmermehr! Oder wäre es der Gott der heiligen Schrift, der in der Lehre Christi offenbarte Gott, der nicht also die Welt geliebt hat, daß Er Seinen Sohn gab zur Versöhnung für die Sünden der ganzen Welt und will, daß Allen geholfen werde; der nicht den im Fleische gekommenen Jesum Christum erhöht hat zu Seiner Rechten im Himmel, daß Er Alles erfülle mit Seiner gottmenschlichen Gegenwart und immerdar komme im Fleische, um durch Sein theures Blut, welches als das Blut des Sohnes Gottes uns rein macht von aller Sünde, uns leibhaftig zu tränken mit Geist und Leben im heil. Abendmahle, nachdem Er durch Sein Kommen im Wasser der Taufe Seinem Leibe uns einverleibt hat; der nicht im geschriebenen und mündlichen Worte Seinen Geist gibt und kräftig wirken läßt ohne „ Spiegelfechten,“ daß zum Glauben kommen und im Glauben bleiben Alle, die dem gehörten Worte nicht widerstreben? Wäre das Gott, der Wahrhaftige? Nimmermehr! Doch merke wohl, lieber Leser: wir sagen nicht, daß die, welche inwendig durch den Glauben Christen sind, während sie sich römisch oder reformiert nennen, Gott nicht haben; dies aber sagen wir, auf Grund des apostolischen Wortes, daß die, welche das römische und reformierte Uebertreten der Lehre Christi für den rechten Gehorsam gegen Gott aufgeben und fordern, Gott nicht haben. Es ist etwas Anderes, in diesem oder jenem Stücke noch irren, etwas Anderes, einen Irrthum als Wahrheit, der Wahrheit entgegen, hinstellen und lehren. Solche Lehre ist gottlos, und wer so lehrt, der hat Gott nicht, auch in den Lehren nicht, welche er in Worten vorträgt, die mit der Lehre Christi stimmen. Denn „man kann Gott nicht in einem Artikel bekennen und in einem andern verleugnen; Er ist nicht stücklich in den einzelnen Artikeln“ - etwa mit dem Kopf in den ersten, mit den Füßen in den letzten, so daß, wer die letzten verleugnet, sprechen könnte: ich habe Gott noch, nämlich Sein Haupt und Seinen Rumps, was ist an den Füßen gelegen? - „sondern Er ist Ein und derselbe Gott in allen Artikeln des Glaubens, daß, wo du Ihn in einem verleugnest, so hast du gewißlich Gott verleugnet, der kein andrer ist in den andern Artikeln, und hast also den ganzen Gott verleugnet in diesem einen Artikel.“ L. Und dennoch halten wir dafür, daß es unter denen, welche Irrlehrern nachgehen, Christen geben mag, die Gott in Christo haben? Ja wohl! Woher aber haben sie Gott? Antwort: Gottes Wort hat seine Kraft in sich, und ein Theilchen desselben kann, aus eines Gott nicht habenden Irrlehrers Munde gehört, seine Kraft und Wahrheit an einer einfältigen Seele so ausüben, daß sie Gottes habhaft wird, der ganz ist auch in einem Theilchen Seines Worts. Darum wollen wir von Herzen uns deß freuen, daß die Spuren der sonnenhellen Wahrheit, die uns selig macht, kräftig die Nebel des Irrthums durchglänzen, und daß unser HErr Christus auch in diesem Sinne herrscht unter Seinen Feinden. Würden wir anders thun, so würden wir gemein machen, was Gott gereinigt hat, und eine Schaar christlicher Bekenner - aus jüngster Zeit z. B. die römischen Missionare Borie und Perboyre in Ostasien und die reformierte Madagassin Marie Rasarallvy - welche, wie die Liebe glaubt, wohl noch mitten im Martyrium oder doch hernach in die volle Klarheit des Evangelii von Jesu Christo, dem sie sich opferten, durchgeschaut haben, würden uns beschämen am Throne des Lammes. Vergl. zu 1 Br. 4, 2. 3. Mit diesem Liebessinne für jede Spur der Wahrheit paart sich in dem christlichen Gewissen ernstlicher Haß aller falschen Lehre. Dem Fluche nahe (Hebr. 6, 8.) sind die, welche erkannt und geschmeckt haben die himmlische Gabe der heilsamen Lehre Christi und dann dieselbige verachten in schnöder Gleichgültigkeit und weltgefälliger Liebschaft ohne Wahrheit. Was bei Gliedern irriger Gemeinschaften eine läßliche Schwachheitsünde seyn kann, das ist bei denen, welche die Wahrheit erkannt haben und fremden Irrthums sich theilhaftig machen, eine muthwillige Sünde. Vor allen Dingen aber laßt uns bedenken, daß Johannes den Irrthum zu verwerfen lehrt, damit die Wahrheit in uns bleibe; daß also unser lutherischer Name uns zu unerträglichem Gerichte gereichen würde, wenn unser kirchliches, der Lehre Christi gemäßes Bekenntniß an uns nicht lebendige Bekenner hätte, die es opfern (Hebr. 13, 15), sondern todte, die es wissen. Ein Kranz, und keine Braut; ein Lied, und keine Sänger; eine Fahne, und kein Fähnrich: möchte niemals unter uns so seyn das edle Bekenntniß, von welchem unsere Kirche ihren Beinamen hat! Im Uebrigen schämen wir uns nicht, nach Martin Luther zu heißen, so wenig Israel sich schämte, nach Jakob genannt zu werden. Wie Weyermüller fingt: „Lutherich heißt in Schmach und Ehr sie, die bewahrt die reine Lehr;“ und darum trägt sie diesen menschlichen Beinamen, „damit vor Menschen ihre Treu an Gottes Wort bezeuget sey.“ Wir wissen, daß die Lehre Luther's, dieses treuen Haushalters über Gottes Geheimnisse, welche mit ihm unsere Kirche bekennt, Christi Lehre ist, darum wollen wir darin bleiben und dem spöttischen Vorwurf, wir glaubten an einen Menschen, ruhig mit dem Spruche begegnen, der seit dreihundert Jahren in des lutherischen Volkes freudigem Christenmunde lebt: „Gottes Wort und Luther's Lehr vergehet nun und nimmermehr.“ - Schon bei der Auslegung von Cap. 2, 23. wurde auf Worte Luther's verwiesen, die ein volles Echo unters apostolischen Textes geben. Dazu fügen wir jetzt noch zwei andre Stellen. In der Auslegung von 1 Mos, 3. sagt er: „Also kann der Teufel bald, daß es die Menschen nicht einmal merken, einen neuen Gott malen. Denn er gibt auch ein Wort, aber nicht ein solches, wie es von Gott gegeben ist. Wenn also Gottes Wort verändert oder gefälscht wird, so kommen, wie Moses in seinem Liede sagt, neue Götter, welche unsre Väter nicht geehrt haben 5 Mose 32, 17.). Da gehört mm gar ein scharf Urtheil und Judicium des Geistes dazu, daß wir können Unterschied halten zwischen dem rechten und neuen Gott; wie Christus einen Unterschied macht, da Ihn der Teufel bereden will, daß Er sagen soll, daß die Steine Brot werden, und daß Er Sich hinab von den Zinnen des Tempels lassen soll Denn da wollte er Ihn bereden, daß Er etwas vornehmen und wagen sollte ohne Gottes Wort. Aber Christum konnte er also nicht betrügen, wie er Evam betrog. Denn Christus behält das Wort und läßt Sich von dem rechten Gott auf einen unrechten und neuen nicht weisen noch abführen. Denn Unglaube und Zweifel, dadurch man vom Wort abtritt, ist eigentlich eine Quelle und Ursprung aller Sünden; weil aber solches die Welt voll ist, so bleibt sie in Abgötterei, verleugnet die Wahrheit Gottes und macht ihr einen neuen Gott. So sind Abgöttische alle Wiedertäufer, Sacramentierer und Papisten; nicht, daß sie die Steine oder Holz anbeten, sondern, daß sie das Wort fahren lassen und beten ihre eignen Gedanken an.“ In der kurzen Auslegung über den Propheten Jesaja (zu Cap. 1, 11.): „So lauten die Worte 2 Mos. 20, 24: Wo Ich Meines Namens Gedächtniß stiften werde, daselbst will Ich seyn. Derowegen kann Gott nirgend gefunden werden, ist auch nicht an einem andern Ort zu suchen, als an welchen Er Sich durch Sein Wort gebunden. Unter dem Gesetz hat Er einen leiblichen Ort bestimmen lassen, welcher allein in der ganzen Welt zum Dienst Gottes sollte gewidmet seyn; im Neuen Testament aber ist nicht ein solcher einziger gewisser Ort bestimmt. Denn weil uns Gott hat Christum zum Erlöser vorgestellt, deswegen, wo das Evangelium gelehrt und geglaubt wird, es sey an welchem Ort es wolle, so gefallen Gott die Gebete und unsre Werke alle um Christi willen. Was man aber betet, lehrt und lebt außer Christo, das ist alles Abgötterei und Sünde vor Gott.“ - Die Gemeinde, an welche Johannes schreibt, durste nicht weit suchen, um die Geister anzutreffen, welche „einen neuen Gott malten.“ Sie kamen ja zu ihr, ungerufen, und wollten als christliche Lehrer und Brüder gehalten seyn. Vielleicht gab es Etliche in der Gemeinde, die für ihre Person mit dem Bleiben in der Lehre Christi es redlich meinten, aber es fehlen ließen an dem gehörigen Abscheu vor den bösen Werken der Uebertreter, welchen der HErr an dem Bischof von Ephesus lobt: „Das hast du, daß du die Werke der Nikolaiten hassest, welche Ich auch hasse“ (Offenb. 2, 6.). Die Bischöfe von Pergamus und Thyatira hielten mit standfestem Glauben an den Namen Jesu Christi; aber sie hatten und ließen gewähren (mit corinthischer Toleranz, 2. Cor. 10,4), die die Lehre Christi nicht brachten. „Das hasse Ich,“ spricht der HErr (Offenb. 2,14 ff.; 20 ff.). Dahin schlägt ein, was Johannes der Gemeinde gebietet:

V. 10, 11. So Jemand zu euch kommt, und bringt diese Lehre nicht, den nehmet nicht zu Hause, und grüßet ihn auch nicht; denn wer ihn grüßt, der macht sich theilhaftig seiner bösen Werke. Nicht übertreten und Uebertreter nicht grüßen; bleiben in der Lehre Christi und keine Gemeinschaft haben mit solchen, welche in dieser Lehre nicht bleiben: das gehört zusammen. Aus dem dritten Briefe V, 6-8. sehen wir, daß ein Aufnehmen ins Haus gemeint ist, wodurch die Christen zu den aufgenommenen Gästen als zu Brüdern sich bekannten. Der Gruß, womit die Grüßenden einander „Freude“ anwünschten, war im Munde der Christen vollsinnig, nicht eine leere höfliche Redensart. Ries ein Christ Jemandem Freude zu, so bekannte er sich dadurch zu ihm als zu einem Genossen der Freude und des Friedens in Christo, wie wenn wir Jemanden grüßen und segnen „in dem HErrn.“ Was also der heilige Apostel verbietet, ist die Bewilligung der Gemeinschafts-Zeichen an solche, mit welchen die Gemeinschaft selbst nicht vorhanden ist. Und zwar verbietet er dies, weil der bösen Werke des Irrlehrers sich theilhaftig macht, wer als einen Genossen der Wahrheit ihn behandelt - „indem er durch sein Grüßen für einen solchen ihn erklärt, dem Freude und Heil zustehe mitten in seinem antichristischen Wesen“ Bengel. Der Wahrheit Gehülfen werden wir, wenn wir die aufnehmen und grüßen, welche wandeln in der Wahrheit (3. Br. 8); des Irrthums Gehülfen dagegen, wenn wir die im Irrthum Wandelnden, als wären sie mit uns eins in der Wahrheit, aufnehmen und grüßen. In vierfacher Weise macht der Sünde der Irrlehrer sich theilhaftig, wer sich darüber hinwegsetzt, anstatt sie zu strafen (Ephes. 5,11.). Er versündigt sich an dem HErrn und Seinem heiligen Worte, denn lau ist seine Liebe zur Wahrheit, von deren Leugnern er sich nicht reinigt (2 Tim. 2,21.); er versündigt sich an der Gemeinde, die er ärgert, betrübt und verwirrt, indem er ihr die Unterscheidung zwischen einer Lehre, welche um sich frißt wie der Krebs (2 Tim. 2, 17.), und der heilsamen Lehre Christi erschwert; er versündigt sich an den Uebertretern, denen er das schuldige Zeugniß für die Wahrheit und wider den Irrthum fehlen läßt (2 Tim. 2, 25.); er versündigt sich endlich an seiner eignen Seele, weil er ohne Seelenschaden und Verlust der Völligkeit seiner Freude nicht bleiben kann auf einem Wege, der nicht das Siegel des göttlichen Wohlgefallens hat (2 Tim. 2, 19.). Die erste Kirche war durchdrungen von dem Geiste der Zucht, der dem heil. Apostel dieses Wort eingegeben hat. Ignatius und Irenäus sprechen es ihm nach, und der Bischof Alexander von Constantinopel stärkte sich daran zur Sündhaftigkeit, als er vom Kaiser zu kirchlichem Grüßen und Aufnehmen des Ketzers Arius genöthigt werden sollte. Liebe in der Wahrheit zeigt uns das geistliche Gesicht der alten Kirche. Unsre Vater haben in ihrem Bekenntniß der Lehre Christi denen, welche diese Lehre nicht bringen in dem ihrigen, ausdrücklich den Brudergruß versagt: -Derhalben wird auch die Gegenlehre verworfen,„ „hier werden verworfen die, welche nicht also lehren“ u. s. w., und es war ihnen ,erschrecklich zu hören,“ daß Bekenner und Leugner der Wahrheit Ein Abendmahl zusammenhalten sollten. Hielten wir nur allen Ernstes Irrlehre für das, wofür Gottes Wort sie erklärt, für Sünde und böses Werk, dann würden wir wahrlich weder Liebe noch Wahrheit in jenem „ Geiste der Mäßigung und Milde“ erkennen, der denen, welche eine der Kirche fremde Lehre bringen, „die äußere Kirchengemeinschaft nicht versagt.“ Die heilige Schrift redet in diesem Stück so mächtig klar, daß mit Unwissenheit Niemand sich entschuldigen kann (vergl. mit unserm Texte z, B. Röm. 16, 17/18; 2 Thess. 3, 6 ff.; 1 Tim. 6, 3; Tit. 1, 9 ff. und 3. 10. 11; Offenb. 2. 14. 15.). Aber wie weit sind wir abgekommen vom einfältigen Gehorsam gegen Gottes Wort, von der Treue, die unsrer gesegneten Väter schönster Schmuck und liebster Ruhm war! Während Johannes Irrlehrern nicht einmal Gruß und Haus bewilligt, wo die Gegrüßten und Aufgenommenen beides als Gemeinschaftszeichen in Anspruch nehmen (es ist bekannt, daß er mit dem Irrlehrer Cerinth nicht in einem Badehause bleiben wollte, „das Haus müsse über ihnen beiden einstürzen“), nimmt man heute keinen Anstand, am Tische des HErrn mit solchen als Ein Leib zu erscheinen, welche das Bekenntniß Seines Leibes und Blutes nicht mitbringen. Ja! man kehrt Johannis Sinn um, und schämt sich vielleicht, mit offenbaren Lästerern und Schändern der göttlichen Wahrheit Privatumgang zu haben, etwa Kaffee mit ihnen zu trinken, aber - ach! unser Tisch ist uns heiliger geworden als Gottes Tisch.

Ich weiß dir, lieber Leser, an dem Worte unsers Textes nicht besser zu dienen, als indem ich dir mittheile, wodurch ich selbst im Verständniß desselben gefördert und zum Thun erkannter Wahrheit gereizt worden bin. In dem Vortrage auf der Neustadt-Eberswalder Pastoralconferenz 1846 sagt P. Nagel unter Anderm: „Um die Schrift und die Praxis der ersten Kirche im Verhalten gegen Irrlehrer recht zu verstehen, müssen wir uns etwas vergegenwärtigen, was der heutigen Zeit so gut wie abhanden gekommen zu seyn scheint. Falsche Lehre ist wesentlich Sünde, und zwar eine offenbare Sünde, welche der ärztlichen und richterlichen Behandlung der Kirche ebensowohl unterliegt wie alle übrigen offenbaren Werke des Fleisches. Die Schrift, die Propheten und Apostel strafen unverkennbar die Abgötterei, falsche Propheten, falsche Apostel, Irrlehrer mit viel größerer Schärfe, als die sonst lasterhast lebenden Christen. Falsche Lehre ist eine Sünde gegen das erste Gebot, eine seine Abgötterei, Und wenn St. Johannes warnt: „Kindlein, hütet euch vor den Abgöttern,“ so warnt er damit zugleich vor falscher Lehre. Falsche Lehre ist eine Sünde wider das zweite Gebot, ein Mißbrauch, eine Entheiligung des Namens Gottes, jenes Lügen und Trügen, das Luther unter die Sünden gegen dies Gebot rechnet. Falsche Lehre ist die vornehmste Sünde gegen das dritte Gebot, die vornehmste Entheiligung des Feiertages. Falsche Lehre ist überhaupt auch die vornehmste Sünde gegen die andre Tafel, gegen die Liebe des Nächsten. Denn was tödtet, verführt, bestiehlt und belügt den Nächsten mehr und schlimmer, als falsche Lehre? Darum wäre es ein Widerspruch, wenn dieselbe Schrift, die 1 Cor. 5,11. verbietet mit Hurern, Geizigen, Trunkenbolden und Räubern auch nur im gewöhnlichen Sinne zu essen, falls sie äußerlich zur Kirche gehören und die Buße versagen, anderseits doch die Sacramentsgemeinschaft mit denen gestatten, wohl gar fordern sollte, die offenbar falsche Lehre führen, davon auch nicht ablassen wollen. Dieser Widerspruch ist der heiligen Schrift um so weniger zuzutrauen, als die Stelle 1 Cor. 5,11. auch die „Abgöttischen“ nennt, wozu nach der tiefen Anschauung der Bibel auch die gerechnet werden müssen, die falsche Lehre führen. Schon hier zeigt sich recht klar, daß der Umstand, daß Jemand nur in einigen, aber doch nicht in allen Glaubensartikeln falsch lehrt, ihn keineswegs berechtigt, die Sacramentsgemeinschaft zu fordern. Denn ein Trunkenbold versündigt sich als solcher auch noch nicht gröblich grade gegen alle Gebote; er kann in manchem andern Betracht äußerlich sich exemplarisch ausführen. Und dennoch, wenn Nichts weiter auf ihn gebracht werden könnte als diese offenbare Trunkenheit, soll, falls er nicht Besserung zusagt, die Brudergemeinschaft ihm versagt werden. In diesem Zusammenhange erscheint die Union als die Zerstörerin der biblischen Kirchenzucht, und zwar zunächst derjenigen, welche zu Gunsten der ersten Tafel des Gesetzes geübt werden soll, und es müßte eine der seltsamsten Naturwidrigkeiten seyn, wenn es dieser Union gelingen sollte, zu Gunsten der zweiten Tafel eine biblische Kirchenzucht aufzurichten und durchzuführen. Hier wird klar, daß die Union von mir fordert, mich fremder Sünden theilhaftig zu machen, was doch die Schrift wiederholt verbietet. Wie ein Prediger, der einem unbußfertigen Trunkenbold das Abendmahl reicht, zwar nicht selbst ein Trunkenbold ist, aber dennoch der Kraft nach der Sünde der Trunkenheit sich theilhaftig macht, gleichsam der Hehler dieser Sünde wird: so kann Jemand, der mit denen, welche öffentlich und hartnackig falsche Lehre führen, die Sacramentsgemeinschaft aufrichtet, zwar für seine Person an der reinen Lehre festhalten, aber er macht sich ohne weitere Frage hiedurch auch jener falschen Lehre vollständig theilhaftig. Ja, die ihm hieraus erwachsende Verschuldung ist größer als die der Irrlehrer, eben weil er die Erkenntniß der reinen Lehre hat. So sagt auch St. Johannes grade von demjenigen, der den grüßt, welcher die Lehre Christi nicht bringt: er macht sich theilhaftig seiner bösen Werke.“ - Dazu von den vielen Zeugnissen Luther's, welche nach der apostolischen Regel unsers Textes lauten, hie zwei, die bündig der Einrede begegnen: es sey doch hart und ungebührlich, solche Sprüche auf diejenigen anzuwenden, welche die Lehre Christi zwar nicht ganz, aber doch in vielen, ja in Haupt-Stücken bringen. Er sagt zu Ephes. 6,12: „Ist es doch gar leicht geschehen, wo man nicht mit allen Kräften an dem lieben Wort hält, daß man es ewig verliere, und ja nicht so gering zu achten ist, wie die Welt wohl thut, und etliche unverständige Geister vorgeben, durch den Teufel betrogen, über dem Sacrament und anderer Irrung: man solle nicht über einen Artikel so hart streiten und dabei die christliche Liebe zertrennen, noch einander darüber dem Teufel geben; sondern obgleich einer in einem geringen Stück irrete, da man sonst in andern eins ist, möge man wohl etwas weichen und gehen lassen, und gleichwohl brüderliche und christliche Einigkeit oder Gemeinschaft halten. Nein, lieber Mann, mir nicht des Friedens und der Einigkeit, da man Gott über verliert, denn damit wäre schon das ewige Leben und Alles verloren. Es gilt hier nicht weichen oder einräumen, dir oder einigem Menschen zu Liebe, sondern dem Wort sollen alle Dinge weichen, es heiße Freund oder Feind, denn es ist nicht um äußerlicher oder weltlicher Einigkeit und um des Friedens willen, sondern um des ewigen Lebenswillen gegeben. Das Wort und die Lehre sollen christliche Einigkeit oder Gemeinschaft machen.“ In der Schrift „wider Hans Wurst sagt er: „Weil sie die (Papisten) sich erbieten nachzugeben und desgleichen von uns begehren, zeigen sie, daß ihnen gleichviel gilt Gottes Wort und Menschenlehre. Lieber, Gottes Wort nachzugeben oder ändern, steht bei Gott selbst nicht, denn Er kann Sich selbst nicht leugnen oder ändern. Wer es aber ändern und nachlassen soll, der muß eine höhere Macht haben, denn Gott selbst hat. Das untersteht sich auch Niemand, denn der Antichrist. Die heilige christliche Kirche ist nicht ein Rohr noch ein Zahlpfennig, Sie wankt nicht, sie gibt nicht nach, wie des Teufels Hure; sondern sie ist ein Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit. Und wozu wäre nutz und noth in der Welt eine Kirche Gottes, wenn sie wollte wanken und ungewiß seyn in ihren Worten, oder alle Tage was Neues setzen, jetzt das geben, jetzt das nehmen? Ja, wozu wäre ein solcher Gott nütze, der uns also wollt wanken und zweifeln lehren? Möchte aber ein Gutherziger sagen: Was schadet's denn, daß man Gottes Wort hielte und ließe daneben diese Stücke alle oder je etliche, die leidlich wären, auch wohl bleiben? Antworte ich: es mögen gutherzige Leute heißen, sie sind aber irrherzige und verführherzige Leute. Denn du hörst, daß nicht seyn kann, neben Gottes Wort etwas anderes lehren. Es ist gewißlich ein Irrwisch und Irrthum, wenn es gleich ein einiges Stück wäre; denn die Kirche kann und soll nicht Lügen und Irrthum lehren, auch nicht in einigem Stück; lehrt sie eine Lüge, so ist's ganz falsch.“ Vergl. auch Luther's Auslegung des Spruches Gal. 5, 9: „Ein wenig Sauerteig versäuert den ganzen Teig,“

Das Geschäft der Wahrheit und der Liebe ist die Zucht, Zucht in Lehre und Leben. Wo die Zucht schläft, wird das Volk wüste. Ist der Eifer um die Ehre Gottes und Seines Hauses ein wahrhaftiger Liebeseifer, so scheidet er nicht, was Gott verbunden hat. Lehr- und Lebens-Zucht: möchte der HErr, der Augen hat wie Feuerslammen, zu keinem Eiferer um die Reinheit der Lehre sagen müssen: du Heuchler! Und wer um Sittenreinheit bemüht ist und darob eifert, daß die Gemeinde nicht geschändet werde durch ungestrafte Ruchlosigkeit ihrer Glieder: wie närrisch handelt der, wenn er es leiden kann, daß in das Becken unsrer Reinigung unreines Wasser gegossen wird! -

V. 12. Ich hätte euch viel zu schreiben, aber ich wollte nicht mit Papier und Dinte: denn ich hoffe zu euch zu kommen und mündlich mit euch zu reden, auf daß unsre Freude vollkommen sey.

Man spürt es an dem Briefe, daß er nur einige Tropfen aus der Liebesfülle schöpft, welche der Aelteste für die Gemeinde im Herzen trug. Doch wir danken dem HErrn für diesen Becher stärkender Arzeney. Welchem Briefschreiber wäre es übrigens noch nicht so ergangen, daß ihn verdroß des armseligen Papiers? Indem ich diese Auslegung schreibe, sage ich auch oft: Könntest du anstatt durch Papier und Dinte doch von Mund zu Mund reden mit den Bibelstunden-Leuten! Und so oft der HErr es mir gegönnt hat, mit einem von euch, lieben Brüder, zusammenzukommen, habe ich etwas erfahren von der Freude der Gemeinschaft, welcher Johannes sich versah im mündlichen Gespräche mit denen, die er lieb halte in der Wahrheit. Freilich muß es noch eine besondere Freude gewesen seyn zwischen dem Apostel und Aeltesten Johannes und den Gläubigen, die in der Gemeinschaft mit ihm, der die Lehre Christi ihnen gebracht hatte von Anfang, ihrer Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohne Jesu Christo gewiß waren (1 Br. 1,1-4.); eine Freude wie die, .welche Paulus den Römern und sich selber wünscht: „Mich verlangt euch zu sehen, auf daß ich euch mittheile etwas geistlicher Gabe, euch zu stärken; das ist, daß ich sammt euch getröstet würde durch euern und meinen Glauben, den wir untereinander haben“ (Röm. 1, 11. 12; vergl. auch 1 Thess. 2, 17.). Nun, das bleibt uns behalten bis auf den großen Freudentag, da wir die Aeltesten werden stehen sehen in der himmlischen Versammlung, und werden mit ihnen singen das Lied des Lammes, welches ihr Wort uns gelehrt hat, in vollkommener Freude. Bis dahin singen wir im Glauben, was sie im Schauen singen, Eine Kirche, hier und dort, und freuen uns, daß wir untereinander uns grüßen und uns aufnehmen sollen in Glaubenseinigkeit, und unsre Füße sollen stehen in deinen Thoren, Jerusalem! Jerusalem ist gebaut, daß es eine Stadt sey, da man zusammenkommen soll (Ps. 122). „Wohlan, vereinte Kraft gewinnt, und wo ein Häuslein Tauben sind, so fliegen andre Tauben zu. O Zion, das behalte du, und dring in fleißige Gemeinschaft ein: das Friedensband wird Schutz und Wehrung seyn.“ Können wir oft nicht, wonach uns verlangt, von Mund zu Mund unsrer Gemeinschaft uns freuen, so wollen wir doch thun, was die hin und her zerstreuten Glieder der auserwählten Brautgemeinde in der ersten Zeit mit Freuden thaten:

V. 13. Es grüßen dich die Kinder deiner Schwester, der Auserwählten, und die Gegrüßten hören wir wieder grüßen: Amen. Dieser Gruß bestätigt die Versicherung: „Die ich lieb habe in Wahrheit, und nicht allein ich, sondern auch Alle, die die Wahrheit erkannt haben.“ Ist der Brief von dem Verbannungsorte des Apostels, Patmos, aus geschrieben, wie man annehmen darf, so hatte sich dort um ihn ein Gemeindlein gesammelt, und ohne seinen Dank hatte Kaiser Domitian jene arme Insel reich gemacht. Die apostolischen Briefe sind voll von solchen Geschwister-Grüßen. Liest man das liebliche Grußcapitel des Römerbriefs, so reizt es einen, in dies Grüßen einzustimmen, und als sey man mit gegrüßt von den Gemeinden Christi, wird die Seele ergötzt an der Gemeinschaft der Heiligen. Gesegnet sey uns der Gruß der Kinder der Auserwählten: laßt uns ihn nimmer entweihen! Es ist ein gerechtes Gericht, daß wer wider Gottes Willen grüßt (V. 10.), verlustig geht des Freudengeheimnisses, zu grüßen und gegrüßt zu werden nach Gottes Willen. Wen die Gemeinschaft mit Kindern einer Fremden nicht kränkt, den wird die Gemeinschaft mit den Kindern der Auserwählten nicht erfreuen.

Lasset uns beten: HErr Jesu Christe, Du HErr und Haupt der Gemeinde, wir danken Dir, daß Du diesen Brief als heiligen Liebesgruß Deines Dieners Johannes auch an uns hast gelangen lassen, und bitten Dich, Du wollest denselben uns und Allen, die auf Dein Wort merken, reichlich segnen. Ja HErr, durchdringe uns in der Kraft Deines heiligen Geistes mit der Wahrheit, die Du selbst bist, und erfülle uns mit der Liebe, welche der Wahrheit schöner Glanz ist. Du hast uns zu Zeugen und Bekennern der unverfälschten lautern Wahrheit Deines seligen Evangeliums berufen; so hilf uns nun, daß wir in diesem Berufe wandeln, wie sichs gebührt, mit aller Demuth und Sanftmuth, mit Geduld, daß einer den andern vertrage in der Liebe, und wir fleißig seyen zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens. Ein Leib und Ein Geist, Ein HErr und Ein Glaube: dabei laß uns bleiben ohne Wanken. Du weißt es, HErr Jesu, daß wir seufzen über die Verwirrung der Sprache Deiner Erlösten. Ach laß bald uns sehen die Einheit Deiner Kirche, die wir glauben, und bringe zusammen alle Zerstreuten, auf daß Dein Name nur Einer sey im Munde Aller, die da selig werden durch den Glauben an Dein Blut; auf daß Deine Getauften an Einem Altare sich grüßen möchten als Brüder, einmüthig Dich grüßend: -Hosianna, gelobt sey der da kommt!“ und Dein Kommen im Fleische verkündigend, der Du todt warest als Lamm am Kreuze und lebst in Ewigkeit als König im Thron; auf daß Alle, die in Deinem Namen die Kniee beugen und im Glauben an Dich, o Sohn Gottes, den wahrhaftigen Gott haben und das ewige Leben, ausziehen möchten in Einem Heer, gerüstet mit Deinem Worte in einträchtiger Lehre zum Streit gegen den Verführer und Widerchrist, in dessen Gewalt die Welt sich ergeben hat, und die auf Erden wohnen haben angenommen sein Malzeichen und lästern Dich und Deine geliebte Stadt. Erhebe Dich, HErr, erscheine in Deiner Macht! Wir Armen und Elenden bitten Dich: komm uns zu Hülfe und rette Deine Ehre, die Ehre Deiner Wahrheit, unter Deinen Feinden. Du wirst es thun, o treuer Gott; laß uns Geduld halten, daß wir Deine Verheißung empfangen. Bewahre uns. vor den Anschlägen der Menschen, und laß uns hören Dein Wort. Begnadige uns mit eifriger Liebe zur Wahrheit , mit bebender Treue gegen jedes Wort Deines Mundes, daß wir das Geheimniß des Glaubens in reinem Gewissen tragen. „ Ich hasse ja, HErr, die Dich hassen, und verdrießt mich auf sie, daß sie sich wider Dich setzen,“ das laß Wahrheit sein und bleiben in uns, so werden wir nicht grüßen, die der Freude an Dir sich entschlagen, nicht zu Hause nehmen, die Dich nicht mitbringen. Was böse ist in Deinen Augen, soll nicht leidlich seyn in den unsrigen, behüte uns, daß wir aus dem Licht, welches Du uns lässest leuchten in Deiner Wahrheit, nicht Finsterniß machen durch Gemeinschaft mit Lüge und Irrthum. Einfältig zu seyn aufs Böse, aber weise aufs Gute, das gib uns, HErr, damit wir die süßen Worte und prächtige Rede der Verführer unterscheiden von dem gallenbittern Inhalte ihrer Worte und von der Lästerung ihrer Rede. Zertritt den Satan unter unsre Füße, Du HErr des Friedens, mache bald seiner Zertrennungen und Aergernisse ein Ende durch die Erscheinung Deiner Zukunft. Und so lange wir im Streite gegen den Neider und Widersacher unsers Friedens stehen. Laß uns gestärkt und erquickt und ergötzt werden an der Gemeinschaft Deiner Heiligen. Erneuere uns zu der ersten Liebe Deiner Braut, der Auserwählten, und halte uns und die Kinder aller unserer Schwestern hin und her, wo sie zerstreut wohnen auf Deiner weiten Erde, fest zusammen durch das Band des Friedens in Einem Glauben, bis wir uns grüßen und im Hochzeitsschmucke willkommen heißen werden mit heiligem Kuß, bei Dir, o Lamm Gottes, und Deinem ewigen Abendmahl. Amen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/b/besser/die_briefe_st._johannis_in_bibelstunden_fuer_die_gemeinde_ausgelegt/besser_johannesbriefe_2_johannesbrief.txt · Zuletzt geändert: von aj