Brenz, Johannes - Sonntag nach Weihnachten.

Brenz, Johannes - Sonntag nach Weihnachten.

1538.

Luk. 2, 33-40.
Und sein Vater und Mutter wunderten sich des, das von ihm geredet ward. Und Simeon segnete sie, und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser wird gesetzt zu einem Fall und Auferstehen Vieler in Israel, und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird, (und es wird ein Schwert durch deine Seele dringen,) auf dass vieler Herzen Gedanken offenbar werden. Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuels, vom Geschlecht Asers, die war wohl betagt, und hatte gelebt sieben Jahre mit ihrem Manne, nach ihrer Jungfrauschaft. Und war nun eine Witwe bei vierundachtzig Jahren, die kam nimmer vom Tempel, diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Dieselbige trat auch hinzu zu derselbigen Stunde, und pries den Herrn, und redete von ihm zu Allen, die auf die Erlösung zu Jerusalem warteten. Und da sie es alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn; kehrten sie wieder in Galiläa, zu ihrer Stadt Nazareth. Aber das Kind wuchs und ward stark im Geist, voller Weisheit; und Gottes Gnade war bei ihm.

Wir haben an den früheren Tagen vernommen, das Kind, welches aus der Jungfrau Maria in Bethlehem geboren ist, sei der wahrhaftige Messias oder Christus, der Sohn Gottes und König Himmels und der Erden, und habe den Menschen angenommen, um aus den Menschen Kinder Gottes und himmlische Könige zu machen. Allein es ist nicht genug, zu erkennen, dass Christus unsertwegen als Mensch in diese Welt geboren ist, sondern auch erforderlich, zu erkennen,

wie Christi Reich in dieser Welt beschaffen sei, und welche Verhältnisse sein Reich in dieser Welt habe.

Denn Unwissenheit in den Verhältnissen des Reiches Christi gebiert nicht nur Ungeduld und Ingrimm in Trübsalen, sondern auch gottlosen Unglauben.

Um uns also immer an das Amt Christi zu halten, müssen wir lernen, welches die Verhältnisse oder Besonderheiten seines Reiches sind in dieser Zeit. Die Schrift nun stellt uns im heutigen Evangelium zwei Greise vor, einmal den Simeon und sodann die Hanna, welche beide klar bezeugen, dieses Kindlein sei Christus, und deutlich von den Besonderheiten des Reiches Christi predigen. Denn als Christus geboren war, erschien er zwar durchaus als das allerverachtetste Kindlein; doch die Engel offenbaren den Hirten, dasselbe sei Christus, und die Hirten breiteten das aus. Danach haben Simeon und Hanna in Jerusalem dasselbe bezeugt, und auf dass ihr Zeugnis geeignet und wirksam wäre, beschreibt die Schrift die Eigenschaft beider, des Simeon und der Hanna. Nämlich es heißt, Simeon sei gerecht, fromm, wartend auf den Trost Israels, und der heilige Geist in ihm gewesen, nicht einfältig, sondern in ausgezeichneter Weise. Denn er hatte eine besondere Offenbarung, er würde den Tod nicht sehen, er hätte denn zuvor den Christ des Herrn gesehen. Das sind Eigenschaften, eines genügenden Zeugen würdig.

Zuerst also predigt Simeon von den Besonderheiten des Reiches Christi; denn er nahm Christum, da er nach dem Gesetz als Kindlein im Tempel dargestellt ward, auf seine Arme, und als er bezeugt hatte, Er sei der wahrhaftige Christus, ein Licht der Heiden und Preis des Volkes Israel, segnete er Maria und Joseph, d. h. wünschte ihnen samt dem Knaben alles Glück. Und er sprach zu Maria: „Siehe, Dieser wird gesetzt zu einem Fall und Auferstehen Vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird. Und es wird ein Schwert durch deine Seele dringen, auf dass vieler Herzen Gedanken offenbar werden.“ Das ist die Predigt, daraus wir die Besonderheiten des Reiches Christi in dieser Zeit lernen müssen, um im Glauben gestärkt zu werden.

Denn vom Reiche Christi steht (Jes. 60,12) geschrieben: „Welche Heiden oder Königreiche dir nicht dienen wollen, die sollen umkommen, und die Heiden verwüstet werden.“ Und (Sach. 14,17): „Welches Geschlecht auf Erden nicht heraufkommen wird gen Jerusalem, anzubeten den König, den Herrn Zebaoth, über die wird's nicht regnen.“ Nach diesen und anderen Schriftstellen glaubten die Israeliten, Christus würde in dieser Welt also herrschen, dass er von allen Israeliten deutlich erkannt und alle Heiden zu seinem Gehorsam gezwungen würden. Simeon jedoch predigt etwas ganz Anderes und richtet seine Predigt ein nach Jes. 8,14. „So wird er eine Heiligung sein, aber ein Stein des Anstoßens und ein Fels der Ärgernis den zweien Häusern Israels, zum Strick und Fall den Bürgern zu Jerusalem.“ Denn Christus ist ein solcher Stein, dass Viele zwar an ihm sich aufrecht erhalten und bewahrt bleiben, doch weit Mehrere werden sowohl unter den Israeliten, als unter den Heiden sein, die an ihn ihre Füße stoßen werden, also dass sie auch ihr Leben verlieren. Und wie man ein Ziel aufstellt, nach welchem die Geschosse der Schützen sich richten: so wird Christus ein Zeichen oder Ziel sein, wider das alle Gottlose ungestraft, wie es scheinen wird, jegliche Schmähungen und Lästerungen schleudern. Und was vorausgesagt ist, das ist tatsächlich erfüllt worden zu jeder Zeit. Denn als Christus geboren war, da haben ihn nicht nur die Israeliten verachtet, sondern auch Herodes hat auf seinen Tod gesonnen und ihn gezwungen, nach Ägypten zu fliehen; und das tat Herodes dem Anscheine nach ungestraft. Als er danach erwachsen war und sein Evangelium predigte, widersprach ihm die ganze Rotte der Pharisäer und Hohenpriester, und dennoch werden nicht sofort Blitze geschleudert. Als er zum Kreuz geschleppt wurde, haben sie mit Lästerungen sogar den Gekreuzigten aufgefordert: „Bist du Christus, so steige nun herab vom Kreuz!“ Was soll ich von seiner Auferstehung sagen? Nach derselben haben sowohl Juden als Heiden Christum öffentlich in den Christen verfolgt. Zu unserer Zeit verachten Christum nicht bloß Juden und Türken, sondern auch Gottlose unter den Christen, und viele Gedanken werden offenbar.

Was nun? Sollen wir sagen: Der sei nicht der wahrhaftige Christus, der nicht sofort mit seinem Blitz die Widersacher und Widersprecher zerschmettert? Durchaus nicht, sondern Viele würden mit größerer Wahrscheinlichkeit denken, so er das täte, wäre er nicht der wahrhaftige Christus. Denn Christus wird (nach Jes. 42,3) das zerstoßene Rohr nicht zerbrechen usw. Und an einem anderen Orte sagt Christus: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, die Welt zu verderben, sondern selig zu machen“1). Und Christus besitzt alle Tugenden aufs Vollkommenste; unter den Tugenden jedoch ist die Geduld und Langmut die vornehmste. Erträgt er also die Widersprecher, so ist das keine Ohnmacht, sondern die Tugend der Langmut; er wartet nämlich auf Buße.

Danach schreibt Jesaias von der Zeit der Zukunft Christi (Jes. 60,18): „Man soll keinen Frevel mehr hören in deinem Lande, noch Schaden oder Verderben in deinen Grenzen, sondern deine Mauern sollen Heil und deine Tore Lob heißen.“ Und ferner (Jes. 65,19): „Es soll nicht mehr drinnen gehört werden die Stimme des Weinens, noch die Stimme des Klagens.“ Darum glaubten die Juden, es würde in der Zeit der Zukunft des Messias in allem Äußerlichen bei ihnen aufs Glücklichste bestellt sein, und je näher Jemand dem Messias verwandt wäre, desto herrlicheres Glück würde er in dieser Welt erlangen. Allein auch Dieses verwirft Simeon und spricht zu Maria: „Es wird ein Schwert durch deine Seele dringen,“ d. h.: du glaubst, du werdest in diesem deinem Sohne viel äußerliches Gut und Glück haben, weil du seine Mutter seiest, und er auf Erden keinen näheren Verwandten habe. Doch siehe! ich verkündige dir im Voraus, dass du vielmehr um seinetwillen in dieser Welt die äußersten Unbilden erfahren wirst. Und zwar wird sie alsbald von Missgeschick heimgesucht; denn bald ist sie gezwungen, seinetwegen in Verbannung zu gehen; bald hat sie ihn verloren und sucht ihn mit Schmerzen (Luk. 2,41-52); bald steht sie am Kreuze und sieht ihn aufs Jammervollste misshandeln.

So lasst uns denn aus solcher Predigt Simeons lernen, das Verhältnis des Reiches Christi in dieser Welt sei von der Art, dass du, je näher du Christo verwandt bist, desto mehr leiden musst, und nicht mit Unrecht. Denn Gott hat seinen Sohn zum Herrn des Himmels und der Erde gesetzt und ihn dennoch in die größesten Widerwärtigkeiten und ans Kreuz gebracht. Allein der Jünger ist nicht über seinen Meister, noch der Knecht über den Herrn, und deshalb fügt sich's aufs Beste, dass diejenigen, welche Knechte Christi sind, zugleich mit Christo leiden. Dazu werden die, welche Christo näher verwandt sind (ich rede aber von der geistlichen Verwandtschaft durch den Glauben), auch herrlichere Glücksgüter besitzen. Niemandem jedoch kann herrliches Glück zufallen, es sei denn durch große Anfechtungen um des Glaubens willen. Wie in Schlachten außerdem die Mutigeren und Würdigeren größeren Gefahren sich aussehen und, wen man großer Gefahren würdig erachtet, vom Feldherrn geehrt wird: so ist das christliche Leben ein Krieg, und je mehr ein Mensch durch den Glauben Christo angehört, desto größeren Gefahren und Anfechtungen ist er ausgesetzt, auf dass seine Tugend offenbar werde. Wir müssen wahrlich urteilen, dass vor Christo derjenige mit hoher Würde begabt sei, welchen schwere Anfechtungen treffen. Zur Zeit Hiobs gab es viele Mächtige und Edle, doch keiner von ihnen ward von so großen Gefahren heimgesucht als Hiob, weil er Gott näher verwandt war als alle Andere. So Joseph, so David, so Christus selber. Doch möchtest du sagen: Steht es also, dann wollte ich lieber Christo unbekannt oder fremd sein; so aber hast du kein Teil mit ihm an seinem Reiche: begehren wir also mit ihm zu herrschen, so müssen wir auch mit ihm Unglück erdulden. So viel über die Predigt Simeons, die uns darlegt, das Reich Christi sei nicht von dieser Welt.

Nun lasst uns auch von der Hanna reden; denn auch sie hat zugleich mit Simeon bezeugt, dieser Knabe sei Christus, und bezeichnet, welches die Verhältnisse seines Reiches sind. Auf dass ihr Zeugnis aber glaubwürdig sei, werden die Eigenschaften eines wahren Zeugen beschrieben. Hanna nämlich hat in dreierlei Verhältnissen aufs Würdigste gelebt, ist die keuscheste Jungfrau, die ehrbarste Gattin, die gottesfürchtigste Witwe gewesen. Sie war eine Prophetin, d. h. mit dem Heiligen Geiste erfüllt. „Sie kam nimmer vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht.“ Also war sie abergläubisch? Mitnichten, sondern fromm. Sie hat nämlich gefastet nicht zur Sühne für ihre Sünden, nein, gefastet, d. h. nüchtern gelebt; fürs Erste, um desto geschickter zur Teilnahme an den öffentlichen Gottesdiensten zu sein; danach, um desto andächtiger oder mit um so größerer Glaubensinbrunst beten zu können; endlich, um nicht ihrem Leibe durch Üppigkeit Anlass zur Sünde zu geben. Das sind rechte und göttliche Ursachen zu gesetzmäßigem Fasten. Da sie nun mit so großen Tugenden ausgerüstet war, ist sie wohl würdig, dass wir ihr Glauben schenken. Sie hat also bezeugt, erstlich, dieses Kindlein sei Christus. Danach berichtet der Evangelist, sie habe von ihm geredet zu Allen, die da auf die Erlösung zu Jerusalem warteten, nämlich warteten auf die Erlösung von den Sünden und vom Tode. Und dabei erkennt man offenbar, dass auch Hanna dargelegt hat, das Verhältnis des Reiches Christi sei nicht, dass er gekommen, um in einem äußerlichen Reiche zu walten, sondern dass er gekommen, um uns von den Sünden, dem Tode und der Hölle frei zu machen. Und diese Herrlichkeit Christi ist bei Weitem die allergrößte; denn wer von Sünden frei ist, dem bringt Armut, Krankheit und Tod fürder keinen Schaden, - wer aber nicht von Sünden frei ist, dem helfen auch alle Reiche dieser Welt und ihre Glücksgüter zu Nichts. Du möchtest jedoch sagen: Ich wünschte wohl die Vergebung der Sünden und zugleich das Glück dieser Welt zu haben. Das lässt sich aber nicht unveränderlich vereinigen, weil diese Welt gleichsam ein Schwitzbad ist. Wer in solches Bad eingetreten ist, muss schwitzen, d. h. mühselig und beladen sein. Dieses Bad hat Adam geheizt; denn als er gesündigt hatte, ist zu ihm gesagt worden (1. Mose 3,17-19): „Verflucht sei der Acker um deinetwillen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen,“ d. i., du sollst in diesem Leben keine Ruhe haben. Und Hiob (5,7): „Der Mensch wird zu Unglück geboren, wie die Vögel schweben, empor zu fliegen.“ Darum gib dich den Anfechtungen hin, d. h. ertrage sie geduldig und glaube an Christum; denn also wirst du das Heil besitzen.

Das sind die Verhältnisse des Reiches Christi, die wir erkennen müssen, um uns nicht an so vielen Widerwärtigkeiten zu ärgern, sondern in Christo Frieden zu haben und das ewige Leben. Amen.

1)
Vom Verfasser offenbar bloß aus dem Gedächtnisse, nicht aber wörtlich, angeführt; vergl. dazu Luk. 9,56. - Joh. 12,47.
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