Weber, Friedrich Wilhelm Karl Ludwig - Predigt am dritten Advent

Weber, Friedrich Wilhelm Karl Ludwig - Predigt am dritten Advent

Matth. 3, 1-12.
Zu der Zeit kam Johannes, der Täufer, und predigte in der Wüste des jüdischen Landes, und sprach: Tut Buße, das Himmelreich ist nahe herbei gekommen. Und er ist der, von dem der Prophet Jesaias gesagt hat, und gesprochen: Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste, bereitet dem Herrn den Weg, und macht richtig seine Steige. Er aber, Johannes, hatte ein Kleid von Kamelhaaren, und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig. Da ging zu ihm hinaus die Stadt Jerusalem, und das ganze jüdische Land, und alle Länder an dem Jordan; und ließen sich taufen von ihm im Jordan, und bekannten ihre Sünden. Als er nun viele Pharisäer und Sadduzäer sah zu seiner Taufe kommen, sprach er zu ihnen: Ihr Otterngezüchte, wer hat denn euch gewiesen, dass ihr dem zukünftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, tut rechtschaffene Früchte der Buße. Denkt nur nicht, dass ihr bei euch wollt sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen, und ins Feuer geworfen. Ich taufe euch mit Wasser zur Buße, der aber nach mir kommt, ist stärker, denn ich, dem ich auch nicht genugsam bin, seine Schuhe zu tragen; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Und er hat seine Worfschaufel in seiner Hand; er wird seine Tenne fegen und den Weizen in seine Scheune sammeln, aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem Feuer.

In eine schauerlich große Natur versetzt uns der verlesene Schriftabschnitt. Es ist die Wüste des jüdischen Landes und das Ufer des Jordans, des Stromes Israels. Mit reißender Schnelligkeit strömt der Jordan daher und hat in dieser Gegend eine Breite von etwa 90 bis 100 Fuß. Der Eindruck ist wildromantisch; schon die Propheten priesen den „Jordanschmuck“. Das zwei bis drei Fuß hohe, mitunter jähe Ufer ist dicht bewachsen von Bäumen und Buschwerk, hinter denen einst der Löwe sich barg. Das Tal ist nur eine Viertelstunde breit, schon an den Rändern öde, dann erhebt sich 50 bis 60 Fuß hoch eine Ebene in der Breite von 3 bis 4 Stunden, welche westlich von den schroffen, kahlen, einförmigen jüdischen Kalkbergen eingefasst wird. Diese Ebene ist die einst gepriesene Jordansaue, der Jordankreis, wo Sodom blühte und unter dem Zorne Gottes verschwand, jetzt, wie schon einst in der Zeit Israels eine große, sandige, unfruchtbare Wüste ohne Ende, im Sommer zumal gänzlich dürr, glühend heiß und ungesund. In diese schauerlich große Natur, unter die Steine und Felsen, an den rauschenden Strom, unter die zitternden Rohre seiner Ufer rief der Bußprediger Johannes der Täufer sein erschreckendes Volk. Hier in der Wüste hatte Johannes schon früher gelebt, denn Lukas 1, V. 80 lesen wir: „Das Kindlein wuchs und ward stark im Geist und war in der Wüste, bis dass er sollte hervortreten vor das Volk Israel.“ Johannes hatte in der Wüste eine Zuflucht zum Gebet, einen Ort der Zurückgezogenheit gesucht, um sich vor dem Angesicht Gottes für seine gewaltige Aufgabe vorzubereiten. Und nun steht er vor seinem Volke da, ein Prophet im härenen Gewand, eine mächtige Figur mit ausgereckten Armen, welche zum Himmel deuten ein Buß- und Strafprediger, ein Verkünder des wahren Reiches Gottes, aber auch des eilenden Gerichts.

So steht Johannes noch heute vor der Christenheit, an der Pforte des fröhlichen, seligen Weihnachtsfestes ein Herold der Buße:

„Bereitet doch fein tüchtig
Den Weg dem großen Gast,
Macht seine Steige richtig,
Räumt fort was ihm verhasst.
Die Täler füllt aus,
Erniedriget die Höhen,
Und lasst ihm offen stehen
Ein jedes Herz und Haus.“

So töne denn Johannis Predigt mit ihrem ganzen erschütternden Ernste auch an unser Ohr! Sie lautet:

I. Gnade für die Bußfertigen;
II. Gericht über die Unbußfertigen.

Ach, mache du uns Arme
In dieser heil'gen Zeit
Aus Güte und Erbarmen,
Herr Jesu, selbst bereit.
Zeuch in das Herz hinein,
Mach' es zu deiner Krippe,
So werden Herz und Lippe
Dir allzeit dankbar sein.

I.

Von einem Himmelreich redet also Johannes: „Tut Buße, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“. und damit wird das Alte Testament seinem Weissagungsinhalt nach in diesem letzten und größten Propheten noch einmal lebendig! Die Hoffnung des Messias ist ja die Seele des Alten Testaments. Wie eine lange Bergkette mit erhabenen Häuptern reihen sich die Weissagungen, welche alle im Messias und in seinem Reich ihren Mittelpunkt und Kernpunkt haben, aneinander. Der siegreiche Schlangentöter, der Weibessohn – der Abrahams-Same, der Löwe aus Judas Stamm der Davids-Sohn und andere David der Immanuel, Wunderrat, Gottheld, Ewigvater, Friedefürst - der Mann der Liebe und der Schmerzen, der Stellvertretung und Versöhnung - der Engel des Bundes, der Spross Jehovahs, er steht im Alten Testamente so deutlich vor uns, dass wer da sehen will, ihn sehen kann. Und auch sein Reich wird uns geschildert. Er, der König wird mit Gerechtigkeit regieren und wird sein Volk gerecht machen, sowohl durch die Vergebung der Sünden, die er mit seinem Blut erwirkt (Jes. 53; Sach. 12, 10; 13, 7; Dan. 9, 24-26), wie auch, indem er das Gesetz Jehovahs in das Herz des wahren Israel schreibt (Jer. 31, 33.34). Alle Völker wird er zu sich rufen und unter den Nationen sein Panier entfalten. Er wird den Völkern zum Zeugen gegeben und eröffnet die Quellen des Lebens für alle Durstigen (Jes. 60). In ihm erfüllt sich Hesekiels Gesicht von dem Lebendigwerden der Totengebeine, diesem Sinnbild der geistigen Auferstehung Israels (Hes. 37). So erhebt sich wie ein lichter Morgen hinter den Wetternächten des Gerichts bei den Propheten das Bild des vollendeten Gottesreiches.

Ja, dies Reich ist ein Himmelreich, denn vom Himmel kommt es, mit dem Himmel ist es eins und in den Himmel geht es aus. Vom Himmel kommt es. Ist es doch Jehovah selbst, der in der Person des Messias erscheinen und der Hirt und König der Menschheit sein wird. Mit dem Himmel ist es eins, denn indem der Geist Gottes über alles Fleisch ausgegossen und das Gesetz in die Herzen geschrieben wird, kehrt ja himmlisches Wesen bei den Menschen ein. Und in den Himmel geht es aus. Eine neue Erde schauen die Propheten, auf welcher Gerechtigkeit wohnen wird. Gleichwie beim Wehen des Frühlings der Karmel in Pracht sich kleidet und die Berge und Hügel frohlocken in ihrem strahlenden Schmuck und wie dann die Tanne und die Myrte ihre Düfte ausströmen und die Quellen auf den wieder grünenden Fluren Fruchtbarkeit verbreiten: so wird ein ewiger Frühling kommen, denn Gott ist das Leben, das in den Seinen alle Sünde und allen Tod überwindet.

Aber, um dieses Reiches teilhastig zu werden, dazu gehört nun eben: „Tut Buße!“ Buße ist Sinnesänderung in Erkenntnis, Reue, Bekenntnis und Herausgabe der Sünde. Wie ist doch der ganze Alte Bund eine Anklage der Sünde, eine verzehrende Flamme für allen Frevel und alle Gottlosigkeit! Das Gesetz sollte dem Volke dazu dienen, seine eigene Unheiligkeit dem heiligen Gotteswillen gegenüber an das Licht zu stellen. Darum ist es ja, wie Paulus sagt (Gal. 3, 19, vgl. Röm. 5, 20), zwischen die patriarchalische Verheißung und die Erfüllung hineingekommen, um der Sünde willen, damit dieselbe in ihrer ganzen Größe hervortrete, d. h. teils zur vollen Entwicklung sich steigerte, teils zum vollen Bewusstsein, zur unumwundenen niederbeugenden Erkenntnis gebracht werde. Und darum stehen die Bußpredigten und Gerichtsverkündigungen der Propheten, dieser Herolde des Gesetzes, wie der Weissagung in der ganzen alten Literatur, ja, in der Literatur überhaupt einzig da! Nie ist einem Volke und seinen Obrigkeiten mit so einschneidendem, heiligem Ernste die Wahrheit gesagt worden. „Was soll mir die Menge eurer Opfer?“ ruft der Herr gleich im ersten Kapital Jesajas aus; „bringt nicht mehr Lügenopfer, das Rauchwerk ist mir ein Gräuel, Neumond und Sabbat, Berufung der Gemeinde; ich mag nicht Frevel und Festversammlung. Wascht euch, reinigt euch, schafft eure bösen Werke mir aus den Augen, hört auf zu freveln; lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft dem Unterdrückten, schafft dem Weisen Recht und helft der Witwen Sache!“

So haben die Propheten mit ihrem Volke bereits einen ähnlichen Kampf um die bessere Gerechtigkeit (Matth. 5, 20) gekämpft, wie später Jesus mit den Pharisäern. Zu Gottes Ordnung und Recht zurückrufend, wurden sie dahin geführt, der bloß äußeren Gesetzlichkeit gegenüber das Gesetz mehr und mehr nach seinem inneren Geist und Wesen auszufassen.

Und als ihr letzter steht Johannes da und verlangt rechtschaffene Frucht der Buße. Den Zöllnern sagt er: „Fordert nicht mehr, denn gesetzt ist.“ Zu den Kriegsleuten spricht er: „Tut Niemanden Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Solde.“ Und dem Volke ruft er zu, seinen Mammonssinn strafend und beschämend: „Wer zwei Röcke hat, der gebe dem, welcher keinen hat; und wer Speise hat, tue auch also.“ Und als Zeichen der Buße vollzieht Johannes in Gottes Auftrag die Taufe zur Buße und zur Aufnahme des kommenden Messias. Die Voraussetzung dieser Taufe war das Urteil, dass das ganze Volk verunreinigt sei und in seiner gegenwärtigen Gestalt des Himmelreichs unwürdig. So hatte schon Haggai vom Volke gesagt (2, 15): „All' ihrer Hände Werk und was sie opfern, ist unrein.“ Wie die levitische Waschung einst für die Unreinen angeordnet war, so gilt es jetzt eine Untertauchung, d. h. eine Reinigung nicht bloß durch Waschung, sondern durch völlige Versenkung des unreinen, alten Menschen in den Tod. Es handelt sich nicht nur um diese oder jene Befleckung, sondern um das allgemeine Verderben der menschlichen Natur. So fasst der Taufritus des Johannes seine Predigt und seine ganze Wirksamkeit zusammen und setzt an Stelle der bloß rituellen, gottesdienstlichen Reinigung den Begriff der sittlichen Reinigung und Erneuerung. Seine Taufe bezeichnet die wirkliche Buße und zugleich die nahe Erlösung. Die letzten Propheten hatten schon die Zeit des Messias als eine Zeit der Reinigung der Herzen bezeichnet. „Ich will reines Wasser über euch sprengen,“ heißt es bei Hesekiel (c. 36, 25), „dass ihr rein werdet.“ Sacharia sagt (13, 1): „Zu der Zeit wird ein Quell ausgetan für das Haus Davids und die Bürger Jerusalems für Sünde und für Unreinigkeit.“ Johannis Taufe hat offenbar diese Verheißungsworte in eine ergreifende Zeremonie übersetzt. So ist seine Taufe ebenso sehr ein Sinnbild der Hoffnung als der Buße; sie schöpft ihre Kraft gerade aus dem nahen Beginn der Zeit des Heiles.

Auch uns gilt das Wort: „Tut Buße; denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ Worin soll unsre Buße bestehen? Etwa bloß in Gewissensvorwürfen oder in Unlust über die Folgen der Sünde? Aber die Gewissenspein, diese unabweisbare Stimme Gottes, ist nicht schon eine Umänderung im Willen. „Tut Buße“, heißt es, gebt eure Sünde heraus in ehrlichem Bekenntnis und in Zurücknehmen der falschen Willensrichtung! Das Sündenbekenntnis muss zur entscheidenden Tat werden, die das Leben zu einem anderen macht! Ein ehrlicher Mann bezahlt seine Gelübde! „Das ist ein Fasten, das ich erwähle,“ spricht der Herr: „lass los, welche du mit Unrecht verbunden hast, gib frei, welche du drängest, reiß weg allerlei Sündenlast!“ „Reiniget die Hände, ihr Sünder, und macht eure Herzen keusch, ihr Wankelmütigen!“

Dann wird euch Gnade zu teil werden, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Jesus kommt, der Sünderheiland, von neuem zu uns im heiligen Weihnachtsfeste. Und in dieser Adventszeit steht er vor der Tür eurer Herzen und begehrt Einlass, damit seine Weihnachtsherrlichkeit, sein Weihnachtslicht und Weihnachtsfriede euch überströmen können. O, öffnet eure Herzen in wahrhaftiger Buße, legt ab den Pharisäersinn und tötet in euch den Sadduzäer, werdet aus vergesslichen Hörern Täter und bekehrt euch ganz von eurer halben Bekehrung!

II.

Gnade für die Bußfertigen, das ist der erste Satz in Johannis Predigt; aber daneben steht der andere: Gericht über die Unbußfertigen! „Als er nun viele Pharisäer und Sadduzäer zu seiner Taufe kommen sah, sprach er zu ihnen: Ihr Otterngezüchte, wer hat denn euch gewiesen, dass ihr dem zukünftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, tut rechtschaffene Früchte der Buße.“ Also, jenen Formenmenschen, welche sich einbilden, mit dem Himmel sich durch Zeremonien abfinden zu können, kündet Johannes die Gerichte Gottes, der ihren heuchlerischen Dienst hasst. Welch' ein Sturm, die Herzen ergreifend, bei der Predigt Johannis Israel durchbrauste, erkennen wir ja am meisten daraus, dass derselbe auch die Oberen des Volks überwältigte und mit sich riss; die Pharisäer mit ihrem fleischlichen Stolze mussten dem Zug des Volkes zu dieser Taufe der Buße nachfolgen, die Sadduzäer wie gewöhnlich um des Volkes willen dem Beispiele der Pharisäer sich bequemen; es gibt solche Zeiten, wo auch die widerstrebenden Geister ihr Widerstreben darnieder halten und kommen müssen, Gott die Ehre zu geben. So kamen sie dort; aber wie entflammte die Heuchelei, die das Heiligste drohte zur Mode zu machen, den Zorn des Propheten! Otterngezüchte! Schlangenbrut! So schilt er sie, nicht als wollte er ihnen nicht gönnen, dass sie dem kommenden Zorn entrinnen, sondern damit sie erschrecken und Ernst anwenden möchten, diesem Zorn - wenn möglich - noch zu entfliehen. O Geliebte, auch für uns gibt es keine schlimmere Sünde, als das Heilige zur Mode zu machen und durch äußeren Formendienst sich mit dem Gott, welcher Herzen und Nieren prüft, abfinden zu wollen. Fliehen wir sie wie die Pest!

Aber noch eine andere Sünde war in den Pharisäern und Sadduzäern verkörpert: ein bis zum Götzendienste gehender Nationalstolz. Die Juden waren berauscht von dem Gedanken, dass sie in ihrer Ahnenreihe Patriarchen und Propheten hatten, und sie sagten mit Jesus Sirach: „Das herrliche Erbe wird bleiben bei unserem Samen. Unsere Kinder werden immerdar bleiben, und ihr Ruhm wird nicht von ihnen genommen werden. Abraham ist der Vater einer großen Menge geworden und seinesgleichen ist nicht gefunden an Ruhm; er hat den Bund seinem Geschlechte bewahrt“ (Sir. 44). An die stolzen und unwürdigen Erben dieser großen Vergangenheit richtet nun Johannes die Worte: „Denkt nur nicht, dass ihr bei euch sagen wollt: Wir haben Abraham zum Vater. Ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.“ Mit rechten Wüstenbildern und in gewaltigem Wüstenstil redet Johannes. Rings um ihn her liegen zahllose Steine: aus ihnen vermag Gott sich Kinder zu erwecken, wenn die anderen nichts taugen. Nehmen auch wir das zu Herzen, Geliebte! Auch bei uns ist infolge des Ausschwungs unseres durch Gottes Gnade glorreich wieder erstandenen deutschen Reichs, infolge der Zunahme unserer Industrie, unseres Handels, unseres Reichtums, unserer Wissenschaft und Kunst die Gefahr des Stolzes sehr naheliegend; aber Hochmut kommt allezeit vor dem Fall! Wehe uns, wenn wir Gott die Ehre rauben, die ihm allein zukommt! Wehe uns, wenn wir irgendwie auf uns selbst uns verlassen, als wenn Gott das deutsche Volk und nicht das deutsche Volk seinen Gott nötig hätte! Und noch einmal setzt Johannes an mit furchtbar ernstem Gerichtswort: „Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ Das drohende Werkzeug ist also schon vorhanden, und es ist, als ob alle Bäume dem Untergange geweiht wären. Und in der Tat, so wie die Bäume gegenwärtig sind, ist diese Voraussetzung richtig; alle müssen sie ihre Natur ändern, wenn die bereitliegende Drohung nicht sofort zur Verwirklichung übergehen soll. Darauf kommt es noch an, ob diese Änderung erfolgt und ob sie ihr Wesen auswirkt, nicht in bloßen Blättern, in tauben Blüten, in verkrüppelten oder wilden Früchten, sondern in gesundem und genießbarem Obst. Wenn nicht, so wird der Baum abgehauen und ins Feuer geworfen. Er hat zu nichts getaugt. Weg mit ihm!

Und noch ein anderes Bild bringt Johannes für dieselbe Sache vor. „Er hat seine Wurfschaufel in seiner Hand; er wird seine Tenne fegen und den Weizen in seine Scheune sammeln, aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem (unauslöschlichem) Feuer.“ Johannes will auf alle Weise dem Wahne wehren, als ob zur Bewährung der Sinnesänderung genügen könne, Seufzer, Klagen, Wünsche, Vorsätze und Anfänge vorzubringen, sondern auf wirkliche ausgereiste Werke ist es angelegt. Wo diese nicht sind, wo nur Spreu ist, da kommt der Gotteszorn und verbrennt die Spreu mit unauslöschlichem Feuer. Israel kannte den Gotteszorn der Vergangenheit und der Gegenwart. Furchtbar war er gewesen in den Gerichten der Sintflut, in dem Feuer des Himmels über Sodom und Gomorra, in dem Untergang Israels in der Wüste, in der Verbrennung des Tempels und der Zerstörung der heiligen Stadt, und schwer lastete dieser Zorn auf der Gegenwart des ganzen Volkes in dem Joch einer harten Fremdherrschaft. Und dennoch, sagt Johannes, ist dieses alles noch nicht der rechte Gotteszorn, sondern dieser wird erst kommen unentrinnbar für alle, welche nicht rechtschaffene Frucht der Buße bringen.

Es ist, als wenn Johannes schon im Geist die eisernen Schritte der römischen Legionen gehört hätte. Weil Israel sich verstockte, weil weder die Liebe, noch der heilige Zorn Jesu Gehör und Verständnis fanden, so blieb nur die dritte Predigt übrig: der Adler Roms, die Fackel des Krieges, die Einäscherung des Tempels, die Zerstörung der prophetenmordenden Stadt, die Zerstreuung des hartnäckigen Volks.

Das ist aber uns zum Vorbild und zur Warnung geschehen. Auch uns gilt das Wort: „Entweder mit dem Heiligen Geist zum Leben oder mit Feuer zur Vernichtung getauft;“ „entweder im Heiligen Geiste als neuem Lebenselement unter Verzichtleistung auf das eigene sündige Leben untergetaucht oder im Feuer des Gerichts als die Unbußfertigen verzehrt.“

Was wählst du, lieber Christ? O lass dich durch Johannes warnen, lass dich vor allem aber durch Jesu Liebe, durch die für dich gekreuzigte Liebe erweichen und gewinnen! Tue Buße, so lange es noch Zeit ist! Glaube an die Gnade, so lange die Gnadenzeit noch da ist! Schaffe deine Seligkeit mit Furcht und Zittern! Bekehre dich ganz zum Herrn, damit du - hier schon und einst völlig - ewiges Leben habest! Amen.

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