Müller, Johann Ludwig - Die Erlösung der Gefangenen Zions

Müller, Johann Ludwig - Die Erlösung der Gefangenen Zions

Im Eingang.

Im 11. Kapitel des Briefes an die Hebräer Vers 16. wird uns von den Patriarchen des Alten Testaments gesagt, dass sie eines bessern, nämlich „eines himmlischen Vaterlandes begehrten.“ Diese Männer Gottes bekannten, wie der Apostel hinzufügt, dass sie Gäste und Fremdlinge auf Erden waren, die erst eine Heimat suchen.“ Hier ist uns die Gesinnung angegeben, mit welcher auch wir dies Erdenleben ansehen und durch dasselbige wallen sollen. Es ist nämlich dies Leben nur ein Weg zum wahren Vaterlande. Mein Leben, so singen wir darum, ist ein Pilgrimstand, ich reise nach dem Vaterland, nach dem Jerusalem, das droben Gott selbst als eine feste Stadt auf Bundesblut gegründet hat. Wollte Gott! so würde überhaupt das Leben angesehen! dann würde es für uns segensvoller und auch freudenvoller sein. Aber wie wenig wird nach diesem bessern Vaterlande verlanget! Die ganze Seele vieler Menschen hängt so fest an irdischen Gütern, irdischen Freuden und irdischen Sorgen, als käme keine Ewigkeit danach, und als wäre hier ihre bleibende Stätte. Aber der Mensch mag wollen oder nicht - die Reise ist in Kurzem vollendet, und dann ist er in einem anderen Lande, wo die Dinge dieser Erde nichts mehr gelten.

Gott lässt es nicht an Weckstimmen fehlen, die uns das sagen, und die uns sollen trachten lehren nach dem, was droben ist. Jeder vergang'ne Tag, jede hingeschwundene Woche ist eine Stimme, die da ruft: so viel näher deinem Grabe! Jeder Wechsel in der Natur, wie in den irdischen Angelegenheiten sollte billig uns erinnern, etwas Bleibendes, Beständiges zu suchen. Jede Totenglocke, die über unserem Haupte schallt, jeder Sarg, der an uns vorübergeführt wird, ruft: Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben! Auch der heutige Tag mahnt uns alles Ernstes von Neuem an diese Wahrheit. Wir beendigen heute das Kirchenjahr. Also wiederum ein Jahr der Ewigkeit näher, also wiederum ein Jahr lang die Gnadenmittel genossen, und Gott erbarm sich's! vielleicht sind Viele um keinen Schritt näher zu dem Land der Verheißung gekommen. Wir feiern heute das Totenfest. Dieser Tag weist uns an, unseres Todes und der Ewigkeit zu gedenken, und für eine Heimat zu sorgen, wenn diese Pilgerhütte zerfällt.

Wir wollen denn heute in das ewige Vaterland des Himmels einen Blick tun. Der Herr lasse ihn dazu gesegnet sein, dass wir Alle anfangen, eines Besseren zu begehren.

Text: Psalm 126, 1

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein, wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen getan. Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich.

Es ist euch nicht unbekannt, meine Brüder, wie die Heilige Schrift unter den Bildern des irdischen Jerusalems und Zions auf die lieblichste Weise die wahre Kirche des Herrn, die Gemeine seiner Gläubigen, darstellt. Das leibliche Jerusalem, darin Gottes Volk wohnte, da man ihn anbetete in seinem Tempel, da Israels Könige thronten, war nur ein Vorbild des geistlichen, des unsichtbaren Reichs auf Erden, dessen Bürger die Auserwählten Gottes sind, wo Gott im Geist und in der Wahrheit angebetet wird, und wo Jesus als König über ein gehorsames Volk regiert; und von welchem geschrieben steht: Das Jerusalem, das droben ist, das ist die Freie, die ist unser aller Mutter. (Gal. 4.) Diese unsichtbare Kirche des Herrn ist denn auch unter dem Zion in unserem Texte gemeint, und die vorliegenden Worte reden von der seligen Zeit, da der Herr sein Volk völlig erlösen, und ins ewige Vaterland führen wird. Bei näherer Betrachtung derselben verweile unser Blick

Bei den Gefangenen Zions,
Bei ihrer Erlösung,
Bei der Seligkeit, zu der sie gebracht werden.

I.

Wenn unser Text von Gefangenen Zions redet, die einst erlöst werden sollen - welche Menschen sind damit gemeint? Nach anderen Stellen der Schrift sollte man sagen, es seien unter diesem Ausdrucke die unbußfertigen, unbekehrten Sünder verstanden; und allerdings werden diese oftmals Knechte und Gefangene genannt. Wer Sünde tut, sagt Jesus, der ist der Sünde Knecht. Paulus sagt im 2. Brief an Timotheus: dass diese Gottlosen doch nüchtern würden aus des Satans Stricken, von dem sie gefangen sind zu seinem Willen. Es ist Wahrheit, Brüder! in einer Sklaverei, in einem Gefängnis liegt der unbekehrte Sünder; wie mit Stricken gebunden ist er nach Leib und Seele. Wir sehen's ja häufig vor Augen, wie Leidenschaften und Lüste diese armen Kreaturen herumzerren und sie nicht los lassen; obwohl sie wissen, sie sollten so nicht leben, obwohl sie sich's oft vornehmen, sich herauszureißen aus diesen Banden der Sünde, obwohl sie die feierlichsten Entschließungen fassen - hat ein Mensch einmal seinen Lüsten und Begierden die Hand zum Bunde gereicht, dann fasst ihn mit der Zeit die Sünde so fest, so gewaltsam, dass er daran wie in Ketten liegt, und wie die Begierde in ihm gebietet, so muss er folgen. Es haben's Menschen gestanden, sie hatten oftmals die Nacht bittere Tränen geweint über ihr Sündenleben des verflossenen Tages, sie seien den Morgen mit den besten Vorsätzen aufgestanden, und eh' es wieder Abend geworden, war der gestern beweinte und abgeschworene Frevel aufs Neue geschehen. Sie waren eben Gefangene der Sünde und des Verführers der Menschen, bis dass sie an das Blut des Bundes glauben lernten, wodurch für die Gebundenen das Lösegeld bezahlt ist. Und so verhält sich's mit allen unwiedergeborenen Menschen sie nun einer großen oder vielen geringscheinenden Sünden untertan sein - Gefangene sind sie, und nur wen der Sohn frei gemacht hat, der ist recht frei.

Aber nicht diese sind die Gefangenen Zions, von denen unser Text redet. Sie gehören zum Reiche Jesu Christi nicht, sie sind nicht Bürger der unsichtbaren Gottesstadt, die er auf Bundesblut gegründet hat nein, die Gefangenen Zions das sind ganz Andere. Es sind nur diejenigen, die wirklich von neuem geboren sind, die einen neuen Geist und ein neues Herz empfangen haben, die in Christo Jesu Versöhnung gesucht und gefunden, und keinen höheren Wunsch haben, als ihn zu lieben und ihm allein zu dienen, die nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. Diese sind die Bürger, Hausgenossen und Lieblinge Gottes, und zu ihnen heißt es (Hebr. 12, 22.) Ihr seid gekommen zu dem Berge Zion, zu der Stadt des lebendigen Gottes, zu dem himmlischen Jerusalem und zu der Menge vieler tausend Engel, und zu der Gemeine der Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben sind. Über diese regiert nicht mehr das Gesetz der Sünde; sondern das Gesetz des Geistes, das lebendig macht in Christo Jesu, hat sie davon frei gemacht; ihr Wille wird nicht mehr von Leidenschaften und Begierden beherrscht, sondern sie haben Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Wenn auf jenen natürlichen Menschen der Zorn Gottes ruht, so gewiss, als sie an den Sohn nicht glauben; auf diesen ruht er nicht mehr, sondern sie sind ihm angenehm gemacht in dem Geliebten; wenn über Jene der Fürst der Finsternis regiert, so wahr, als sie die Werke der Finsternis lieben; über diese herrscht er nicht mehr, sondern sie sind errettet von der Obrigkeit der Finsternis und versetzt in das Reich des Sohnes Gottes; wenn Jene Knechte der Verdammnis sind und so lange sie leben in Furcht des ewigen Todes schweben müssen; diese sind frei davon das ewige Leben ist ihnen gegeben, so wahr, als Jesus dahin vorangegangen ist. Nein, in diesem Sinne sind Christen keine Gefangene, keine Sklaven mehr, sondern sie sind davon errettet, und ein Eigentum Jesu Christi geworden. Warum sie aber noch Gefangene genannt werden, das sagt uns der Apostel Johannes, wenn er spricht: Meine Lieben! wir sind nun Gottes Kinder, aber es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. In diesen Worten liegt die ganze Deutung dieser Benennung, die den Christen gegeben wird.

Es geht den Christen, wie dereinst den Kindern, Israel in Ägyptenland: da seufzten sie unter einem fremden harten Frondienst; da wohnten sie unter Menschen, die den wahrhaftigen Gott nicht anbeteten, sondern Götzendienst trieben; da waren sie unterdrückt von ihren Drängern: und es war ihnen doch verheißen, sie sollten das gelobte Land ererben. Das hatte ihnen Gott geschworen, und jenseits des Meeres, da lag Kanaan mit seinen lieblichen Auen und Fruchtgefilden, da lag das Land der Verheißung, wo sie keiner Erdenmacht mehr untertan von Gott allein regiert werden sollten; da grünten die Hügel Palästinas, da wehten die Düfte eines immerwährenden Frühlings, da wartete ihrer ein besseres, seligeres Los. So auch die Christen: sie leben hier in einer Welt, darin sie unterdrückt sind und Angst haben, darin die kleine Herde des Herrn bedrängt und gehasst wird. Der Gott, der hier die Herrschaft führt, ist der Satan, der Fürst dieser Welt, und Jesu Reich ist nicht von dannen; hier umgarnt sie gar manchmal Bosheit, Verleumdung und Hass; argwöhnische Augen lauern darauf, ob sie nicht einen Fehltritt taten, ob sie nicht Ursache zur Lästerung gäben. Hier regiert ferner der Eigennutz und die Unwahrheit und die Sünde, und zwar so allgemein, dass es einem Kinde Gottes unsäglich schwer wird, sich davon unbefleckt zu erhalten, und seinem Herrn treu zu bleiben; hier tobt der Dienst vergänglicher Götzen, der Augenlust, der Fleischeslust und des hoffärtigen Lebens; der große und allgemein herrschende Ton ist nicht die Liebe zu Jesu, ist nicht seine Ehre; die Luft, die hier weht, ist schwer und beengend wie Gefängnis-Luft. Ein Land des Friedens und der ewigen Ruhe ist uns aber verheißen, wo Jesus alles in Allem ist, wo kein Misston den Frieden mit Ihm stört, wo keine Sünde, keine feindselige Welt uns mehr umgibt, wo Freude die Fülle wohnt und liebliches Wesen zu seiner Rechten ewig. Nach diesem Vaterlande blickt unser Auge voll Verlangen und voll Sehnsucht; wir fühlen uns hier gefangen und erwarten innigst den Tag der Erlösung von dieser gegenwärtigen argen Welt.

Die Seele ist zudem noch gebunden an einen Leib der Sünde und des Todes. Den aus Gott geborenen Geist umgibt ein Körper, der zerrüttet ist von dem Gifte der Sünde; dieser Leib ist nicht mehr vollkommen, wie einst, da Gottes Hand die ersten Menschen schuf, sondern die Begierden, die wider Gott streiten, haben in ihm Wohnung gemacht und Wurzeln geschlagen; dem Elende, der Krankheit, der Mühe und der Beschwerde ist er unterworfen, und es steht ihm noch der furchtbare Augenblick des Sterbens und das Grauen der Verwesung bevor, und erst, wenn diese Hülle abgelegt ist, werden wir ganz in Freiheit sein. Aber wie hindert dieser Leib jetzt noch die Gemeinschaft mit unserem Erlöser, wie fesselt er uns an die Erde, wie drückt er den Geist darnieder! Wie oft kann ein körperliches Leiden die Freudigkeit des Glaubens und den stillen Frieden mit Gott, wenn nicht uns nehmen, doch stören und unterbrechen. Wie oft kann eine Krankheit und Schwäche das Gebet hindern, und die Seele niederbeugen, dass sie wie am Staube liegt; wie oft kann eine Zerrüttung der Nerven und der leiblichen Organe den hellen Glaubensblick auf den Herrn verdunkeln und trübe machen, und namenlose Sorgen und Angst uns bereiten. Die Junger Jesu vermochten nicht eine Stunde mit ihm zu wachen, der Geist war wohl willig, aber das Fleisch war schwach; und wie häufig wiederholt sich das. Ane statt freudig mit aufgerichtetem Haupte vor dem Herrn zu wandeln, und mit Dank erfüllet zu sein für das, was Er für uns getan, drängt sich nur das Flehen: „Herr erbarme dich meiner!“ meist durch die arme Hülle hindurch, und selbst ein Paulus muss seufzen: Ich elender Mensch! wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes!

Doch es sind nicht allein sichtbare Bande, die unsere Seele gefangen halten, dieweil sie in der Hütte wohnt. Die Christen - wir reden hier nur von wahren Christen - haben ein neues Herz und einen neuen Geist empfangen, und nach diesem neuen Menschen haben sie Lust den Herrn zu lieben und seinen Wilen zu tun; aber es wohnt in ihnen auch noch der alte Mensch voll Begierde zur Sünde, der dann erst ganz ertötet sein wird, wenn das sturmbewegte Herz einst nicht mehr schlägt: zwei Mächte kämpfen in der einen Seele, zwei Willen wohnen in einer Brust: der eine sucht dem Herrn zu gefallen, der andere will ihm widerstreben; der eine sucht seine Gemeinschaft und seine Liebe, der andere aber hat Lust zu den Werken der Finsternis. Das Gute, das ich will, sagt Paulus (Römer 7) das tue ich nicht, und das Böse, das ich nach dem neuen Menschen nicht will, das tue ich; ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen; ich sehe aber ein anderes Gesetz in mir, das mich gefangen nimmt in der Sünde Gesetz, das in mir wohnt. Und diese Erfahrung des Apostels Paulus lernt jeder Christ in ihrer Bitterkeit kennen. Ist auf der einen Seite das lebendige Verlangen da, ganz dem Herrn zu gefallen und nach allen seinen Geboten zu leben, auf der anderen regt sich bis zum Grabe hin noch das alte Verderben, und verursacht manchen harten tränenvollen Kampf. Und wenn's bloß dabei bliebe, dass sich die alte Begierde bloß regte, aber wie oft wird wirklich gestrauchelt, wirklich gefallen, wirklich abgewichen vom rechten Wege- und wie das beklemmt, wie das den Wandel durch die Pilgerschaft schwer macht, wie das niederdrückt: immer noch nicht ganz des Herrn zu sein, immer noch ihn zu betrüben, der uns so hoch geliebt hat, immer noch zerrissen zu werden von der Gewalt der Sünde das wissen freilich nur die, die solchen Kampf aus Erfahrung kennen. Das ist es, was so eigentlich das Gefühl des Gefangensein erregt und zugleich das Verlangen nach dem ewigen Leben, und das lehrt mit dem Dichter rufen:

Ach, wann wird doch einst dein Glanz
meinen Geist verklären ganz! -
Ich Gefang'ner, Armer ich,
wer reißt mir das Netz in Stücken?
Fels des Heils! erbarme dich,
hilf mir aus der Hölle Stricken.

Und wenn es auf der einen Seite gewiss ist, dass der Herr uns errettet hat von der Obrigkeit der Finsternis, und dass die ganze Macht der Hölle die nicht aus seiner Hand entreißen wird, die ihn lieben, so ist es doch auch gewiss, was der Apostel sagt: dass wir nicht allein mit Fleisch und Blut zu kämpfen haben, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel, mit den Herren dieser Welt, die in der Luft herrschen; so ist es gewiss, dass der Teufel umhergeht, wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge, und dass er mit furchtbaren Versuchungen, mit schrecklichen Zweifeln, mit grässlichen Beängstigungen die Lieblinge des Herrn verfolgt. Wusste doch auch Paulus von einem Satansengel, der ihn mit Fäusten schlug; brachte doch der Satan den Petrus zu einem Abfall; und allen Christen ruft der Apostel zu: Widersteht dem Teufel! und ein anderer Apostel spricht von feurigen Pfeilen des Bösewichts, gegen die wir allezeit müssen gerüstet stehen mit dem Schild des Glaubens.

Und bedarfs des noch, dass wir hinweisen auf die mannigfaltigen Sorgen, Störungen und Mühseligkeiten dieser friedenlosen Erde, um Euch zu sagen, dass hier der Christen Vaterland nicht ist, sondern ein Zustand der Gefangenschaft, daraus wir erst die Erlösung erwarten?

Die lieblichsten Augenblicke des Gebets und der Gemeinschaft mit dem Herrn sind nur vorübergehend, und es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden: der Bund der Vereinigung und der herzlichen Liebe derer, die in Christo verbunden sind, ist vorübergehend, und wird so oft hier durch Lieblosigkeit, Härte und Sünde getrübt: auf die schmerzlichste Weise reißt der Tod sie hier auseinander, die in dem Herrn sich liebten - das ewige Wiedersehen wird dort erst sein. Und ist nicht auch in diesem Kirchenjahre manches solches teure Band zerrissen, mancher Abschied genommen worden auf Wiedersehen vor dem Angesichte des Herrn!

Dies Alles mit einander, Geliebte! macht uns das jetzige Leibesleben zu einem Kerker: das ists, warum unser Text die Christen die Gefangenen Zions nennt. Darum wünschte Elias in jenem Augenblicke, da er mit aller Macht den Druck dieses Erdenkerkers fühlte, seiner Seele den Tod; darum verlangt Paulus, abzuscheiden und bei Christo zu sein, welches auch viel besser wäre; darum sagt er: Christus ist mein Leben, Sterben mein Gewinn; darum heißt es von den Christen (Romer 8.) Wir selbst, die wir haben des Geistes Erstlinge, sehnen uns bei uns selbst nach der Kindschaft und warten auf unsers Leibes Erlösung.

II.

Doch diese Erlösung, sie wird erscheinen. „Der Herr wird die Gefangenen Zions erlösen“ sagt unser Text. Das haben wir unserem Jesu zu danken. Wäre Er nicht gekommen, so würden wir ewig Gebundene bleiben. Aber wie der barmherzige Gott einst auf Israel herniedersah, da es in der Knechtschaft schmachtete in Ägyptenland, und zu Mose sprach: Ich habe gesehen das Elend meines Volkes, und habe ihr Angstgeschrei über ihre Dränger gehört, und will euch von dannen herausführen in das gelobte Land, so sah Er auch mit einem herzlichen Erbarmungsblick das Elend all der Seinen an, und sprach zu seinem Sohn: Gehe hin, den Gefangenen eine Erledigung, den Gebundenen eine Öffnung zu bereiten. Und Jesus ward ein Mensch, wie wir, stieg hinab in unseren Kerker, kämpfte für uns den Kampf mit Sünde, Welt und Hölle, zahlte ein blutiges Lösegeld, zerriss dann die Bande des Todes, des Grabes und der Verdammnis, ging voran in den Himmel, umjauchzt vom Siegesschalle: Siehe! es hat überwunden der Löwe vom Stamme Juda! und weilt nun dort zur Rechten des Vaters, um uns die Stätte zu bereiten, und uns zu sich hinauf zu nehmen in seine Herrlichkeit. Durch sein Blut ist er eingegangen in das Heiligtum und hat eine ewige Erlösung gefunden. So gewiss nun Jesus lebt, werden wir auch leben, so gewiss Er im Himmel ist werden einst auch seine Junger bei Ihm sein.

Und zum Zeichen und festen Siegel, dass sie einst bei ihm sein werden in der Herrlichkeit, hat er den Seinigen den Geist gegeben, damit sie versiegelt sind auf den Tag der Erlösung. Es fragen wohl natürliche Menschen, wie das möglich sei, dass ein Mensch diesseits des Grabes schon seiner Seligkeit gewiss sein könne, und sie sehen's für eitel Stolz und Anmaßung an, wenn sie eine Äußerung der Art hören. Nun freilich, ein natürlicher Mensch wird ihrer nie gewiss werden; er kann sich's höchstens einbilden, dass er in den Himmel komme, und so fernher darauf hoffen; aber ohne dass ihm dies wahren Trost und Seelenruhe gäbe. Auch nicht alle Christen, die einst Erben des ewigen Lebens sein werden, sind des schon hier freudig gewiss; dass man aber diese feste Gewissheit der ewigen Seligkeit haben kann durch Wirkung des Heiligen Geistes, das sagt die Schrift ausdrücklich. „Der Heilige Geist“ spricht Paulus (Ephes. 1, 14.) ist das „Pfand unseres Erbes bis zu unserer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zu Lobe seiner Herrlichkeit“ und abermals spricht eine andere Schrift (2. Kor. 5, 5.) „Der uns zum Leben bereitet, ist Gott, der uns das Pfand den Geist gegeben hat.“ Dieser Heilige Geist ist das Geschenk, das die Christen in der Wiedergeburt empfangen: derselbe macht sie willig und bereit, dem Herrn zu dienen, und die Sünde zu hassen und abzulegen, und eben an diesem Wirken des Heiligen Geistes in ihnen haben sie einen Beweis und ein Unterpfand, dass sie Gottes Kinder und Erben sind. Aber außerdem wird noch manchen Christen, je nachdem es der Herr für gut findet, durch das Zeugnis dieses Geistes ihr Anteil an der ewigen Seligkeit auf eine gewisse, unzweideutige Weise erteilt und versiegelt, dass gar kein Zweifel in ihnen dagegen sich regt, und unaussprechliche Wonne in dieser seligen Gewissheit ihr Herz erfüllt - wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Durch die Kraft des Heiligen Geistes ist denn hienieden schon manchmal Christen ein solcher Vorgeschmack des ewigen Lebens, ein solches Vorgefühl jener Herrlichkeit zu Teil geworden, dass es nicht zu beschreiben ist. So war Paulus entzückt bis in den dritten Himmel und sah und hörte unaussprechliche Dinge; so öffnete sich vor Johannes der Blick in den Himmel, und er sah die Schar der Erlösten vor dem Throne des Lammes stehen angetan mit weißen Kleidern, und Palmen in ihren Händen, und hörte die Tone des Lobgesanges, der durch alle Himmel dringt. Und Ähnliches hat Mancher von den Kindern Gottes erfahren, besonders häufig, wenn die Seele im Feuerofen der Anfechtung bittere Qualen gelitten hatte, oder beim Herannahen der Todesstunde, oder bei dem Sarge anderer wahren Christen. Da erblickten sie schon über den Fluten des Jordans das gelobte Land, da wehten schon die Lüfte eines ewigen Frühlings ihnen entgegen, da vernahmen sie schon im Geist die Harfenklänge und Jubellieder, darein sie bald einzustimmen hofften; sie sahen von ferne schon die Gottesstadt droben mit ihren Perlentoren, und fühlten schon, was es sein werde, wenn sie, sich ganz des Herrn zu freuen, in ihm entschlafen würden. Das sind die seligen Stunden, in denen wir die ewige Erlösung schon im Vorgeschmack genießen, das sind

Die angenehmen Augenblicke,
Drin sich die süße Hoffnung regt,
Dass einst auch uns zum ew'gen Glücke
Die beneidete Stunde schlägt,
Da wir zu den vollend'ten Scharen,
Wo's, „heilig, heilig, heilig“ tönt,
Erlaubnis kriegen heimzufahren,
Um den zu sehen, der uns versöhnt.
O welche Freude, welche Wonne,
Welch unaussprechlich heller Schein
Von aller Himmel Himmel Sonne
Wird über unserem Haupte sein,
Wenn wir das neue Lied mitsingen
Da Gott sich sichtbar offenbart -
Und Lob und Preis und Ehre bringen
Dem Lamme, das geschlachtet ward!

Was wird's erst sein - meine Brüder! wenn die Seele in diesen Vorhöfen schon solche Freudenlieder singen kann - was wird's erst sein, wenn die Minute der Befreiung selber schlägt! Und siehe - mit der Stunde des Todes ist sie da, die volle Erlösung; wenn diese Hülle abgelegt ist, wenn diese Augen sich auf immer schließen, dann ist die Seele frei. Heute, so sprach Jesus zu dem Schächer, heute wirst du mit mir im Paradiese sein, und Lazarus ward alsbald getragen von den Engeln in Abrahams Schoß. Johannes hörte hinter ihm eine Stimme: Selig sind die Toten von nun an, die in dem Herrn sterben, denn sie ruhen von ihrer Arbeit, und ihre Werke folgen ihnen nach. Wenn der letzte Kampf mit dem Tode bestanden ist, dann hat auch aller Kampf und alle Not ein Ende; dann gibt's keinen neuen Kampf mehr denn hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit; kein Übel mehr - denn der Herr wird mich er lösen von allem Übel; dann hält uns keine Kette mehr, dann gibt's keinen Fluch mehr, der uns niederdrückt, kein Gericht mehr, das wir zu fürchten haben - denn wer an den Sohn glaubt, der wird nicht gerichtet; kein Läuterungsfeuer, keine Qual, keine Verdammnis mehr denn wer da glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe, der ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. Jesus lebt, nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben! Freilich dieser Kampf mag noch hart, noch schrecklich sein, so dass Paulus wünschte, nicht entkleidet, sondern überkleidet zu werden, dass das Sterbliche wurde verschlungen vom Leben; freilich erbebt unser Gebein vor diesem grauenvollen Zerreißen des Bandes, was Leib und Seele aneinander knüpfte, freilich entsetzt sich unser Fleisch vor dem Gräuel der Verwesung und vor den Schmerzen der Todesnot: noch einmal mag es dann den Kindern Gottes fühlbar werden, wie stark und schrecklich die Fesseln sind, darin sie hier gebunden liegen; aber dann auch zum letzten Male. Und ich sage euch, meine Brüder! unser Jesus, der selbst die Bitterkeit des Todes schmeckte, wird auch in diesem dunklen Tal, das wir durchwallen müssen, uns nicht verlassen, sondern als den Helfer aus aller Not sich bewähren. Wir haben einen Gott, der da hilft, und einen Herrn, der vom Tode errettet!

III.

Und nun möchte ich die Hülle von unseren Augen hinwegtun, dass die Herrlichkeit des ewigen Lebens sich vor uns öffnete. Doch was vermag eine Menschenzunge von dem zu stammeln, was ein Apostel, den die Klarheit des Geistes erleuchtet, noch unaussprechlich nennt, und wovon er sagt: Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört hat, und in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet, denen die ihn lieben. Die Schrift gebraucht, um die Seligkeit der Erlösten des Herrn im Himmel zu beschreiben, die erhabensten Bilder von Allem, was die Erde Großes und Herrliches hat. Sie redet von einem Hochzeitsmahl des Lammes, sie redet von einem Stehen vor dem Angesicht des Herrn, sie redet von einem ewigen Leben und Regieren mit ihm, von Kronen, die das Haupt schmücken werden, und von lichten Kleidern, die die Gerechten umgeben, wie des Himmels Glanz; und wie könnt' ich Euch all die Bilder nennen, dadurch sie uns eine Ahnung des ewigen Lebens geben will; aber was werden unsre schwachen Vorstellungen gegen die himmlischen Dinge selbst sein! Halten wir uns für diesmal einfach an unserem Texte. Schon der Blick, der hier sich auftut, vermag Seele und Leib zum Freudezittern und zum Jauchzen zu bringen.

Die Erlösten des Herrn werden dann sein wie die Träumenden, so heißt es zunächst. Gleichwie wenn einer von einem schweren angstvollen Traum erwacht, so wird nach dem Durchgang durchs Todestal das Erwachen in der Ewigkeit sein. Wie ein Traum werden alle Sorgen, Angst und Plagen dann dem befreiten Geist erscheinen, aller Grund des Zitterns und des Grauens, der Tränen und der Angst ist dann ganz verschwunden und wie weggewischt; hinter uns und ganz vergangen wird alle Not des Leibes und der Seele sein: die Welt, darin wir Angst hatten, der Leib des Todes, der uns umhüllte, die Sünde, die uns anklebte, das Gewissen, das uns nagte Alles liegt hinter uns, um in Ewigkeit nie mehr zu nahen.

„Dann wird“ so heißt es weiter, „unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.“ Also die innigste größte Freude und Heiterkeit wird das Erbteil der Gerechten werden, die reinste Seligkeit, darin kein Misston klingt, wird sie umgeben. Und wie könnte es auch anders sein! Wo die Seele zum Anschauen Gottes selbst gelangt; wo wir Jesum sehen, so wie er ist; wo der völlige Genuss von allen Gütern, die der Himmel hegt, erreicht ist; wo Ruhe und Erquickung und Frieden nach dem harten Kampf genossen wird: wo die Krone der Gerechtigkeit das Haupt des Streiters Jesu bedeckt; wo ein neuer reiner Leib den Geist umschließt: wo das Wort erfüllt wird: wo ich bin, da soll mein Diener auch sein, und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren; wo keine arme Welt, sondern die Gemeinschaft der Engel und der vollendeten. Gerechten uns umgibt; wo jede Träne abgewischt ist von unseren Augen; wo kein Leid und kein Geschrei mehr sein wird, denn das alte ist vergangen; wo das Lamm mitten im Stuhl die Seinen weiden wird, und leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen; wo der Ausspruch aus dem Munde Jesu erschallt ist: Gehe ein zu deines Herrn Freude! ja, wo wir dem Herrn gleich sein werden - da gewiss wird Freude die Fülle sein! Darum sagt auch Paulus: Wir werden uns freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude. Jesaias ruft: Ewige Freude wird über unserem Haupte sein, Freude und Wonne wird uns ergreifen, und Schmerzen und Seufzen wird weg müssen; und Jesus spricht: Ihr werdet mich wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen mit unaussprechlicher Freude, und eure Freude soll niemand von euch nehmen!

„Da wird man sagen unter den Heiden“ so schließt unser Text, „der Herr hat Großes an ihnen getan, der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich.“ Wie alle Heiden um Israel her, als Gott sein Volk aus Ägyptenland nach Kanaan führte, da sie solches sahen, laut zur Ehre des Herrn verkündigten, dass Er der mächtige und allein gewaltige Gott sei: so werden Alle, die einst Zeugen dieser Erlösung sind: die Teufel in der Hölle, die Verdammten in der Qual, die Engel des Himmels, in Einem Chor zusammen rühmen: der Herr hat Großes an den Seinigen getan! und aus dem Munde der Erlösten wird es wiederhallen: Ja, der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich. Singen wir jetzt schon Psalmen, wenn der Herr uns unsre Sünden vergab, uns aus der Not errettete und Großes an uns tat: was wird das einst droben für ein Lobgesang sein! Da werden wir unser ganzes Erdenleben im Lichte sehen, da wird's uns erst klar werden, aus welcher Verdammnis und aus welchen Sünden Er erlöst hat; da wird erst völlig von uns erkannt werden, was er für uns getan, und wie Er uns geliebt hat. Unser Verderben und seine Gnade, unsre Abtrünnigkeit und seine Treue, unser Elend und sein Erbarmen werden wir da ganz durchschauen, und das wird Ursache eines ewigen Lobgesanges werden. So tont schon jetzt von den vollendeten Gerechten das Loblied, darin die Harfe Gottes rauscht: Das Lamm, das erwürgt ist, ist würdig zu nehmen Ruhm und Anbetung und Macht und Stärke und Ehre und Preis und Lob! und durch die Ewigkeit hallts wieder - und in Kurzem stimmen wir auch ein: Lob und Preis und Ehre sei Ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Das sei genug davon gestammelt, wir legen hier die Hand auf den Mund, und schließen, zufrieden mit dieser schwachen Ahnung der Herrlichkeit, die einst vollkommen an uns soll offenbart werden. Nicht Allen, die hier versammelt sind bei weitem nicht Allen gilt diese Botschaft von der Erlösung, sondern nur den Gefangenen Zions. Euch aber nicht, die Ihr die Welt lieb habt und was in der Welt ist, die Ihr Euch hier in diesem Kerker wohl fühlt und keines Bessern begehrt. Euch können wir nur zurufen: Schafft, dass ihr den Geist erhebt von den Lüsten dieser Erden, und hier dem zu Ehren lebt, dem ihr einst wollt ähnlich werden: schickt das Herz schon da hinein, wo ihr ewig wünscht zu sein.

Du aber, Zion, freue dich und jauchze! dein Erlöser lebt. Wie einst Paulus und Silas, da sie in den Banden lagen, mit lauter Stimme Gott lobten: so schalle aus deiner gebundenen Seele schon jetzt ein freudiges Danklied zum Befreier empor, dessen treue Hand nun bald die letzte Fessel sprengt. Bist du denn jetzt auch nach außen und nach innen in Versuchung, Elend und Not: das wird bald anders werden. In Kurzem bricht die Stunde der ewigen Freiheit herein, und dann sind alle Leiden dieser Zeit, was Namen sie auch haben mögen, nicht wert der Herrlichkeit, die unser wartet.

Bis dahin wird der Herr uns behüten ohne Fehl, und uns stellen vor das Angesicht seiner Herrlichkeit unstråflich und mit Freuden. Darum fasse Mut! Richte den gesenkten Blick empor nach dem Jerusalem, das droben ist, und gehe getrost den kurzen Pilgerpfad, bis dass der Herr kommt, uns erlöst von allem Übel, und uns aushilft zu seinem himmlischen Reich. Jesus Christus, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Herzog unserer Seligkeit, spricht zu den Seinigen: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Amen.

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