Spurgeon, Charles Haddon - Reden - daheim und auswärts - Vorwort zur Übersetzung.
Die hier folgenden Reden sind von Spurgeon teils bei den sog. Mai Meetings, teils bei anderen Jahresversammlungen gehalten worden. Derartige Meetings tragen in England einen etwas anderen Charakter als in Deutschland, sie haben nicht das Ernste und Feierliche wie z. B. unsre Missionsversammlungen. Die häufigen scherzhaften Bemerkungen der Redner sind zuerst für das deutsche Gefühl sehr fremdartig. Man muss aber in Erwägung ziehen, dass diese Meetings, namentlich die Mai Meetings in Exeter Hall oft 3-4 Stunden dauern, dass man 5-6 Vorträge nacheinander anzuhören hat und dass es ohne eine solche Abwechslung von Ernst und Scherz vielleicht nicht möglich wäre, die Aufmerksamkeit so lange wach zu halten. Eben diese ungezwungene Form aber lässt die Eigentümlichkeit des Redners noch mehr hervortreten, als dies beim Predigen der Fall ist. Spurgeons derartige Reden sind deshalb auch höchst charakteristisch. Es verbindet sich in ihnen Witz und Humor mit tiefem Ernste; sorgfältige Bedachtnahme auf die kleinsten äußerlichen Dinge mit tief innerlichen Erfahrungen des geistlichen Lebens; feiner Takt mit freiem Tadel. Von wie zartfühlendem Takt und echt christlicher Bruderliebe zeugt es z. B. dass er, als noch sehr junger Mann berufen, vor einer Versammlung Londoner Stadtmissionare der verschiedensten Konfessionen zu reden, diesen nicht einen ihres eigenen Standes, sondern einen Geistlichen der anglikanischen Kirche zum Vorbild aufstellt! Das besondere Interesse bei diesen Reden dürfte überhaupt darin liegen, dass er zu Mitgliedern verschiedener Kirchengemeinschaften spricht. Die Art, wie er die konfessionellen Unterschiede behandelt, zeigt die christliche Weitherzigkeit, die ihn in seinem Vaterlande zu einem leuchtenden Vorbilde gemacht hat. Wie er sie praktisch darin bekundet, dass er Mitglieder aller christlichen Kirchen in seiner Gemeinde zum Abendmahl zulässt, so spricht es sich auch in diesen Reden überall aus, dass ihm das Recht-gläubig-Sein höher steht, als das Rechtgläubig-Sein und das Christentum höher als das Baptistentum. Nicht, als wenn ihm letzteres gleichgültig wäre, weist er doch fast mit Stolz auf die Tapferkeit der Anabaptisten zu Cromwells Zeit und ihr Zerschmettern der Schädel hin. Er ist Baptist und Dissenter to the backbone, „bis auf den Rückgrat“, wie die Engländer sagen; aber Lehrmeinungen sind ihm nur das Knochengerüst, das umgeben ist von dem Fleisch und Blut warmer brüderlicher Liebe, tiefer Frömmigkeit und eines gottgeheiligten Lebens. Darum fühlt man auch in seiner Polemik nur die frische Fröhlichkeit einer siegenden, nie die scharfe Bitterkeit einer unterliegenden Partei.
Die Reden sind einer Sammlung entnommen, die ein Freund von ihm und Mitarbeiter an seiner Monatsschrift aus verschiedenen Blättern zusammengestellt und herausgegeben hat. Derselbe sagt in seinem Vorwort: „Es mag nötig sein, hier zu erklären, dass eine Anzahl Freunde der Meinung war, das christliche Publikum würde eine Sammlung von Spurgeons Reden willkommen heißen, dass aber Mr. Spurgeon selbst für diese Veröffentlichung nicht verantwortlich ist, da er die Zusammenstellung des Buches weder angeregt, noch sich irgendwie dabei beteiligt hat.“ Spurgeon selber hat sich im Ganzen zufrieden mit der Sammlung ausgesprochen, weshalb wir es wagen konnten, einige derselben zu übersetzen.