Oosterzee, Johannes Jakobus van - Verschiedenheit und Einheit der Jünger Jesu.

Oosterzee, Johannes Jakobus van - Verschiedenheit und Einheit der Jünger Jesu.

Predigt über Johannes 1, 35-52.

Gehalten zu Rotterdam 1851.

Johannes 1, 35-52.

Des andern Tages stand abermals Johannes, und zwei seiner Jünger. Und als er sah Jesum wandeln, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm. Und zwei seiner Jünger hörten ihn reden, und folgten Jesu nach. Jesus aber wandte sich um, und sah sie nachfolgen, und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi, (das ist verdolmetscht „Meister“) wo bist du zur Herberge? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht es. Sie kamen und sahen es und blieben denselbigen Tag bei ihm; es war aber um die zehnte Stunde. Einer aus den zweien, die von Johannes hörten, und Jesu nachfolgten, war Andreas, der Bruder Simonis Petri. Derselbige findet am ersten seinen Bruder Simon, und spricht zu ihm: Wir haben den Messiam gefunden (welches ist verdolmetscht „der Gesalbte“). Und führte ihn zu Jesu. Da ihn Jesus sah, sprach er: Du bist Simon, Jonas Sohn; du sollst Kephas heißen (das wird verdolmetscht „ein Fels“). Des andern Tages wollte Jesus wieder in Galiläa ziehen, und findet Philippum, und spricht zu ihm: Folge mir nach. Philippus aber war von Bethsaida, aus der Stadt Andreas und Petri. Philippus findet Nathanael, und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von welchem Moses im Gesetz, und die Propheten geschrieben haben, Jesum, Josephs Sohn von Nazareth. Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann von Nazareth Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und siehe es. Jesus sah Nathanael zu sich kommen, und spricht von ihm: Siehe, ein rechter Israeliter, in welchem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete, und sprach zu ihm: Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich. Nathanael antwortete und spricht zu ihm: Rabbi, Du bist Gottes Sohn, Du bist der König von Israel. Jesus antwortete, und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum; du wirst noch Größeres, denn das sehen. Und spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, von nun an werdet ihr den Himmel offen sehen, und die Engel Gottes hinauf und herab fahren auf des Menschen Sohn.

Habt ihr je, Geliebte, einen mehr als oberflächlichen Blick auf das unermessliche Reich der Natur geschlagen? dann waren es besonders zwei Erscheinungen, die eure Aufmerksamkeit fesselten, und die sich als zwei Gesetze vor eure Augen stellten, von äußerst einfacher Natur, aber von immer geltender Kraft. Verschiedenheit wird das eine Gesetz, Einstimmigkeit das andere genannt. Welche reiche Abwechselung begegnet euch überall in dem Werke von Gottes Händen und erinnert euch unwillkürlich an Salomos bildlichen Ausspruch über die höchste Weisheit: „ich spielte vor Gottes Angesicht auf der Welt seines Erdreichs.“ Ihr schlagt die Augen niederwärts und in unendlicher Schattierung von Farben haucht die Blumenflur euch ihre Düfte zu. Ihr seht ringsum euch, aber kein Gegenstand im Pflanzen-, Tier- und Steinreich, der in jeder Beziehung einem andern vollkommen gliche. Ihr erhebt den Blick aufwärts und eine andere ist die Herrlichkeit der Sonne, eine andere die des Mondes, eine dritte die der Sterne und auch der eine Stern unterscheidet sich an Herrlichkeit von dem andern Stern. In der Tat, wohl von der Menschenwelt, aber nicht von der Schöpfung gilt des Predigers Wort: „es geschieht nichts Neues unter der Sonne,“ und jedes versiegelte Blatt dieses Buches, das aufs Neue geöffnet wird, macht uns mit immer neuen Beweisen von Gottes Majestät und Liebe bekannt. Fast sollte unser Blick sich verlieren im Anschauen so reicher Verschiedenheit, wofern wir nicht daneben ein anderes Gesetz, das der Einstimmigkeit, auf jeden Teil der Werke Gottes unverwischbar eingeschrieben sähen. Und grade dies lässt unsere Aufmerksamkeit zur Bewunderung, unsere Bewunderung zur Anbetung aufsteigen. In dem ganzen Reichtum der Töne des Schöpfungsliedes klingt Ein Grundton uns entgegen; auf jedem Gebiete der Natur finden wir das Gesetz der Ordnung beobachtet; die verschiedensten Ursachen sehen wir zusammenwirken zu Einem anbetungswürdigen Zweck: Gottes Herrlichkeit durch das Glück seiner Geschöpfe. An dieselben Regeln der Entwicklung finden wir die stoffliche Welt gebunden in den verschiedensten Erdgürteln. Nirgends fehlt ein Glied der Kette, welche den Stein an die Pflanze, die Pflanze an das Tier, das Tier an den Menschen, den Menschen an die Gottheit knüpfte. Und unmöglich ist's wahrzunehmen, wie Gott das Gleichgewicht zwischen den verschiedenartigsten Naturkräften ordnete, deren Übergewicht tödlich sein würde, ohne dass es uns mehr als Pflicht, ohne dass es uns ein Bedürfnis würde, mit dem heiligen Sänger zu sagen: wie sind deine Werke so groß, o Herr!

Die Frage, mit der ich begann, Geliebte, sollte nur zur Einleitung für eine zweite, noch wichtigere dienen. Habt ihr je einen mehr als oberflächlichen Blick auf das unermessliche Reich der Gnade geworfen? Ihr wisst es, eine andere Schöpfung gibt es, als die in der Ausbreitung des Naums, eine Schöpfung, die euer Auge nicht durchmessen, euer Fuß nicht durchwandeln kann. Es ist die geistliche Schöpfung, in der Jesus Christus der Gründer und zugleich der Mittelpunkt ist, wie die Sonne der Mittelpunkt des Planetensystems ist, welches zu unserer Erde gehört. In der geistlichen Welt gibt es Vieles, das von der natürlichen alsbald sich unterscheidet; aber - wunderbare Erscheinung! - ihr findet zwei einfache Gesetze wieder, die ihr überall rings um euch entdeckt habt. Verschiedenheit an Gaben, wer entdeckt sie nicht, wenn er das Auge schlägt auf Alle, die durch den Geist Christi erneuert, in das Lebensbuch des Lammes eingeschrieben sind? Fürwahr, ist das Himmelreich gleich einem Baume, so sind auch an seinen großen Zweigen keine zwei lebendigen Blätter vollkommen einander gleich; ist das Himmelreich gleich einem Leibe, so gibts Glieder, kostbar wie die Hand und das Auge, aber auch andere, mehr verborgen, wie Muskeln und Fasern. Ist das Himmelreich gleich einem Tempel, so entdeckt ihr zierliche Steine neben weniger kostbarem Zement, und goldene Gefäße findet ihr neben silberne und irdene in der Wohnung des Geistes aufgestellt. Und doch - wie oberflächlich wäre euer Blick, wenn ihr bei der Verschiedenheit keine höhere Übereinstimmung fändet. Auf dem Acker des Herzens aller Gläubigen findet ihr die Frucht Eines lebendigen Samens, des Samens der Wiedergeburt; aus dem Munde Aller, die lieb haben, vernehmt ihr dasselbe Bekenntnis: Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe; in dem Leben Aller, die auf ein himmlisches Erbteil hoffen, findet ihr Eine Kraft, die sich am liebsten in tiefgefühlter Schwachheit verherrlicht. Fürwahr, sowohl in dem Reiche der Natur, als der Gnade finden wir dieselben Erscheinungen wieder: zweifelt ihr noch, Zuhörer? - die Textgeschichte kann euch von diesem Zweifel heilen.

Ich gestehe, dass ich mit innerlichem Behagen die Geschichte von dem Zusammentreffen Jesu mit seinen ersten Freunden aufgeschlagen habe, Geliebte, nicht weil sie unbekannt oder fremd ist: mehr als einmal werden besondere Abschnitte derselben der Gemeinde zur Betrachtung geboten. Aber das Ganze hat in meinen Augen etwas, was so unaufhaltsam anzieht und fesselt, dass ich es mit nichts Besserem vergleichen kann, als mit einer lieblichen Frühlingslandschaft, wo uns wohl keine steilen Berge oder klaffende Tiefen in Verwunderung sehen, aber wo Alles, was wir sehen, Knospen sind und vielversprechende Blüten, von einer helleren Sonne beschienen. Diese Landschaft ist gebildet aus einzelnen Gruppen, die, wie lange sie uns auch schon bekannt, doch nie angeschaut werden, ohne das lebendigste Interesse zu wecken. Auf der einen Seite zeigt sich Johannes unserm Auge, sonst ein düsterer Wüstenprophet, und hier doch ein freundlicher Bote des Friedens, der große Freude verkündigt. Auf der andern Seite sehen wir den Herrn sich unserm Blicke offenbaren, wie er zum ersten Male in seinem öffentlichen Leben aufgetreten ist, gleich der Tagesfürstin, die nach einem bewölkten Morgen ihren Nebelschleier vor dem Mittage zurückgeschlagen hat. Ihr schauet ihn ohne einige Gestalt von irdischer Herrlichkeit und doch noch leuchtend im Nachglanze des Sieges, den er eben in der Wüste über das Reich der Bosheit davontrug. Wir werden nicht müde ihn anzuschauen, so wie er da in heiliger Einsamkeit hinschreitet, nicht rufend, noch seine Stimme auf der Straße erhebend, sondern wartend, bis der Vater ihm, dem Könige des Himmelreichs, die ersten Untertanen zuführen werde. Aber gehts euch wie mir, so wird eure Andacht nicht minder gefesselt von der Fünfzahl, die sich hier zuerst um ihn, den großen Mittelpunkt, schart. Vier derselben hört ihr bei Namen nennen: Andreas, Philippus, Simon und Nathanael; in dem Fünften habt ihr wohl leicht Johannes selbst erkannt, der auch sonst in seinem Evangelium gewohnt ist, seinen eigenen Namen zu verschweigen und der hier in seiner scheinbar unbedeutenden Zeitangabe „es war um die zehnte Stunde“ den Augenzeugen, also unwillkürlich sich selbst verrät. Und wohl mögt ihr sie mit Interesse ansehen, Geliebte, die ehrlichen Fischer, unter deren rauer Jacke ein Herz schlug, reich an Glauben und an Liebe; sie sind die ersten fünf, welche die Kraft von Christi Wort und Geist tief in ihrem Herzen fühlten und, wie sie hier mit ihm zuerst in Berührung kamen, später bei dem wunderbaren Fischzuge oder vielleicht auch bei andern Gelegenheiten zum Dienste des Apostelamts berufen wurden. Von dem breiten Strome der Gemeinde Christi, der sich jetzt durch die verschiedensten Gegenden der Erde hinzieht, findet ihr hier die frischen Quellen geöffnet; von dem unabsehbaren Geschlecht der Erlösten trefft ihr hier, so zu sagen, fünf geistliche Stammväter an. So ist die Textgeschichte schon wichtig als Tatsache, weil sie uns Antwort gibt auf die Frage: „welches der Ursprung und der erste Keim der Gemeinde des Herrn gewesen ist?“ Aber sie ist, und darauf will ich heute vor Allem eure Aufmerksamkeit richten, nicht minder wichtig als Bild.

Gleichwie der Herr sich hier offenbart, so bezeugt er sich noch im Geiste Allen, die ihn suchen und die ihn lieb haben. Dasselbe, was ihr hier im Kleinen, in dem ersten Kreise seiner Freunde entdeckt, findet ihr wieder im Großen, wenn ihr das Auge auf all die Seinen in früheren oder späteren Jahrhunderten richtet. Von Vielem, was hier erzählt wird, könnt ihr, so ihr ihn kennt und an ihn glaubt, den Wiederhall in eurer eigenen Lebensgeschichte hören. Und all die verschiedenen Züge des einfachen Gemäldes vereinigen sich, um uns diejenige Erscheinung ins Licht zu stellen, an welche ich eure Andacht knüpfe, die Verschiedenheit und die Einheit der aufrichtigen Jünger Jesu.

Ohne besondere Texterklärung wünsche ich die verschiedenen Teile der heiligen Erzählung so zu behandeln, dass uns daraus sowohl die Wahrheit als der Wert der genannten Erscheinung entgegentritt. Möge sie zu höherem Segen gereichen, um uns zu führen zur rechten Selbsterkenntnis, zu liebreicher Beurteilung Anderer, zu erhöhter Liebe dessen vor Allem, der auch in der Berufung und Ausbildung seiner Jünger sich selber unveränderlich gleich bleibt. Kommt und seht! so rufe ich euch mit voller Freimütigkeit zu; und du, Gott aller Gnade, komm mit deinem Geiste in unsere Mitte; siehe, ob auch bei uns einer auf bösem Wege sei und leite uns auf den ewigen Weg. Amen.

I.

Verschiedenheit und Einheit, findet ihr sie wirklich, Geliebte, in dem kleinen Kreise, in den uns Johannes versetzt? Blickt dann selbst die Fünfzahl, welche er euch schildert, nur etwas genauer an und ihr werdet sie alsbald entdecken. Was begegnet euch hier denn? Verschiedenheit der Vorbereitung, aber Einheit des Verlangens; Verschiedenheit der Erfahrung, aber Einheit des Vorrechts; Verschiedenheit des Charakters, aber Einheit des Sinnes; Verschiedenheit der Bestimmung, aber Einheit der Aussicht.

1. Verschiedenheit der Vorbereitung, aber Einheit des Verlangens - das erblicken wir zuerst in unserm Texte. Wie weit treffender würde das aber uns ins Auge fallen, Zuhörer, wenn die äußerliche und vor Allem die inwendige Geschichte der Fünfzahl uns genauer bekannt wäre! Doch schon das Wenige, was wir davon wissen, und das Weitere, was wir mit Grund vermuten, genügt, um die Richtigkeit unserer Bemerkung im Allgemeinen festzustellen. In gewisser Beziehung sind Alle, die ihr hier findet, auf gleiche Weise zu der Lebensgemeinschaft mit Christo vorbereitet. Sie lebten Alle unter der Herrschaft des Gesetzes, das auch ihnen zu einem strengen Zuchtmeister wurde; sie hatten Alle die Verheißungen der Propheten vernommen, die auf den Erlöser hinwiesen; sie hatten Alle Lebensführungen durchgemacht, durch welche höheres Bedürfnis in ihnen geweckt und lebendig gemacht war. Andrerseits führte Gottes Hand Jeden von ihnen einen besonderen Weg, um ihn zu Christo zu führen. Johannes und Andreas, wahrscheinlich auch Petrus, sind in der Schule des Täufers gebildet; in dieser Schule wurde Unruhe über ihr tiefes Verderben in ihre Herzen geworfen und das Verlangen nach einer Geistestaufe geweckt, die kräftiger als die Wassertaufe ihres Meisters sein sollte. Auf dem Meere von Genezareth am Fischerkahn und zwischen Schiffswänden sind sie unbewusst gegen die Anspannung und den Streit abgehärtet, die ihnen als Menschenfischern bevorstanden; und hat bloß Simon, so weit wir wissen, einen eigenen häuslichen Herd gekannt, die Liebe und das Leid, welche er gewiss daran wird gefunden haben, waren im Stillen die Erziehungsschule für seinen inwendigen Menschen geworden. Einen ganz andern Weg hat die höchste Weisheit mit ihrem Zögling Philippus eingeschlagen. Unter den Stillen im Lande lebte er dahin, ohne zu Johannes zu gehen; da führt Gott ihn, vielleicht unbewusst, an die Stelle, wo er Jesum traf, und das „folge mir“ klingt ihm plötzlich dringend und kräftig in die Ohren. Und auf wie verschiedene Weise ist endlich Nathanael zur Jüngerschaft des Herrn herangebildet! Er scheint mehr als Jemand in der Einsamkeit seine Erziehungsschule, wie seinen Kampfplatz gefunden zu haben, und unter seinem Feigenbaum sitzend, in Gebet oder Betrachtung versunken, war er allmählig mehr mit sich selber, mit der Schrift, mit der Hoffnung auf Erlösung bekannt und vertraut geworden. Mich dünkt, die Fünfe müssen mit einer gewissen Befremdung miteinander zusammengetroffen sein, als sie längs so auseinander laufender Wege zu demselben Mittelpunkte geführt wurden! Dieser hatte einen kurzen, jener einen langen, dieser einen stillen, jener einen stürmischen Weg der Vorbereitung zur Bürgerschaft des Gottesreiches zurückgelegt; den Einen hat Gott mit Liebesseilen zu sich gezogen; dem Andern mit harter Zuchtrute das einst so stolze Herz zerschlagen. Und doch - merkwürdige Erscheinung! und doch ist in all den Seelen Einheit des Verlangens geweckt. Fragt sie danach, was sie über Alles begehren: Erlösung ist die einstimmige Antwort. Und nun weiß ich's wohl, dass dieses Verlangen in ihren Gemütern von irdisch gesinnter Vorstellung und Erwartung nicht frei war; dieses Verlangen hatte vielleicht noch unbestimmte, für sie selbst dunkle Seiten; dieses Verlangen war sogar verschieden gestaltet nach eines Jeden verschiedenen Bedürfnissen und Anlagen. Johannes und Andreas scheinen mehr Erlösung von ihren Sünden über Alles begehrt zu haben; ihr nehmt das nicht ohne Grund wahr in dem mächtigen Eindruck, welchen das Wort: „siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünden trägt!“ auf ihr jugendliches Gemüt machte. Nathanael hingegen hatte vor allen Dingen Befreiung von Zweifelsucht und Vorurteilen nötig, sintemal in ihm und in Petrus allermeist der Wunsch vorherrschte, den Messias zu sehen, von dem Moses und die Propheten zeugten. Aber Alle fühlen sich mehr oder weniger unbefriedigt mit dem, was die Welt und das Leben ihnen bietet, so lange Christus selbst nicht ihrem Auge und ihrem Herzen erschienen ist. Sogar an Johannes dem Täufer haben die, welche das Vorrecht genießen, seine Jünger zu sein, für Geist und Gemüt kein Genügen. Sie verlangen nach einem Lichte für ihren Verstand, das nur Er verbreiten kann, von dem die Propheten schon redeten; verlangen nach einem Frieden mit Gott, den nur das Lamm ihnen schenken kann, dessen starke Schultern die Schuldenlast einer vor Gott strafwürdigen Welt tragen; verlangen nach einer Freiheit, wie sie nur Er bringen kann, der aus der Hand Aller, die ihn hassen, erlösen kann, möge der Feind Rom oder die Sünde heißen. Dieses Verlangen spricht sich in der Frage der ersten beiden aus: „Rabbi, wo wohnst du?“ es lässt sie schüchtern, aber unbedenklich Ihm folgen; es lässt auch den Übrigen keine Ruhe, bei all ihrem Genuss und bei all ihrem Mangel, bis dass Alle in dem fünfstimmigen Akkord sich vereinigen können: „wir haben den Heiland gefunden!“

Ist es nicht früher und später ebenso gegangen, meine Zuhörer? Jedes geistliche Leben hat seine eigene Geburtsgeschichte und seinen besonderen Entwicklungsgang. Wie Gott diese Erstlinge in gewisser Beziehung alle gleichförmig bildete, so schenkte er den Erlösten seines Sohnes bis auf ein gewisses Maß dieselben Mittel, um sie zu seiner Gemeinschaft zu führen. Zu allen sprach er durch Gewissen und Schrift, durch Natur und Vorsehung, und dennoch - welch' ein Reichtum von Wegen, auf welchen er Sünder aus der Finsternis zu seinem herrlichen und wunderbaren Lichte führt! Paulus wird in der Schule Gamaliels zur Kenntnis des Gesetzes geführt, wie Johannes in der strengen Schule des Täufers, auf dass in beiden das Bedürfnis nach Versöhnung und Gnade geweckt werde; Timotheus hingegen findet in dem zarten Mutterschoße, auf welchem ein Blatt der Heiligen Schriften entrollt ist, die Erziehungsschule des höheren Lebens. Manchem sandte Gott einen Freund und Führer, ihn auf Christum zu weisen, wie hier Andreas seinem Bruder Simon die Hand bot: denkt an den Kämmerer, der seinen Philippus traf. Bei anderen wirkte Gottes Geist in der heiligen Stille der Einsamkeit, wie hier bei Nathanael: denkt an Cornelius, der in seinem Kämmerlein im Gebete ringt und, ohne dass ers weiß, schon von Engelsaugen erblickt worden ist. Hier wird ein Sünder durch die sanfte Gewalt des Wortes der Liebe gewonnen, dort ein anderer durch den Schrecken des Herrn getroffen: das eine könnt ihr an der Lydia, das andere an dem Kerkermeister, beides zu Philippi, entdecken. Jetzt entkeimt die Himmelspflanze des Glaubens mitten in heißer Glut der Trübsal: Onesimus wird aus dem Druck seiner Sklaverei zur Freiheit in Christo gebracht. Dann führt ein ebener, freundlicher Pfad uns zu den Füßen des obersten Führers: das stille häusliche Leben in Bethanien bildet in der Maria und Martha Jüngerinnen Christi. Und könnte ich alle in unserer Mitte reden lassen, die in Wahrheit das Eigentum des Herrn geworden sind, wie viele Geschichten würden wir vernehmen, Geliebte, welche dem Bilde unseres Textes gleichen! Hier würdet ihr von einem Jüngling hören, gleich Johannes, tiefen Gemüts und geweckten Gewissens: die Unruhe des Herzens ist es gewesen, die sein Auge auf das Lamm der Versöhnung gerichtet hat. Dort würde ein Mann vor euch auftreten, gleich Nathanael, von bangen Zweifeln umhergetrieben und gegen Vorurteil und Irrtum kämpfend: das Bedürfnis nach Gewissheit über die ersten Lebensfragen der Menschheit hat ihn zu den Füßen dessen gebracht, der sich die Wahrheit und das Leben nannte. Oder es würde sich ein Freund zeigen, der euch auf einen andern Bruder hinweist und sagt: „Dieser war das Mittel in Gottes Hand, mein Auge auf das Licht der Welt zu richten und mein Herz zu heiliger Teilnahme für den Herrn zu entflammen.“ Manche finden den Schatz im Acker ganz unerwartet und plötzlich: das samaritanische Weib geht an den Jakobsbrunnen, um Wasser zu schöpfen, und - ungesucht findet sie Ihn, der ihr das Wasser des Lebens verheißt. Andere entdeckten die Perle von kostbarem Werte nach. langem, scheinbar fruchtlosem Suchen: Jesu Brüder haben ihn schon eine Zeitlang gekannt und zweifelnd angeschaut, bevor sie endlich an Ihn glauben. Fürwahr, die Geschichte jedes inwendigen Menschen hat ebenso ihren eigentümlichen Charakter, als die unseres äußerlichen Lebens. Und doch gibt es dabei Eine Übereinstimmung, die ihr alsbald bei noch so verschieden gebildeten Jüngern Jesu entdeckt: es ist das tiefe Gefühl, dass das Leben außer Ihm in Wahrheit kein Leben heißen mag; es ist das untrügliche Bewusstsein, dass nur in seiner Gemeinschaft zu finden ist, was das Herz über Alles hochschätzt und sonst vergebens sucht; es ist ein schmachtendes Verlangen, das sie zu ihm und dem Vater hinzieht, wie die Blumenknospe nach dem Tau, der Bergbewohner nach seinem Vaterland, der Wächter nach dem Morgen verlangt. „Herr, zu wem sollen wir gehen, als zu dir“ das Wort ist aus dem Herzen aller gesprochen, die wirklich mit Christo Eins sind. Fand es schon tiefen Wiederhall in eurem Herzen, Geliebte?

2. Könnt ihr die Frage bejahend beantworten, dann seid ihr auch wirklich zu Jesu gegangen und dann fiel euch dasselbe Los, welches ihr, zweitens, bei dieser auserkorenen Fünfzahl entdeckt: Verschiedenheit der Erfahrung, aber Einheit des Vorrechts. Längs verschiedener Wege sind diese künftigen Jünger zu dem Meister geführt; für alle brach der wichtige Augenblick an, wo sie zum ersten Male vor ihm standen, Auge gegen Auge, Herz gegen Herz; für alle war dieser Augenblick ein Wendepunkt in ihrer Lebensgeschichte, und doch - aller Übergang aus der Finsternis zum Licht ist wieder durch etwas Besonderes bezeichnet. Johannes und Andreas werden mehr als die anderen durch die sich erniedrigende Liebe Jesu angezogen. Rabbi, wo wohnst du? so haben sie bescheiden und schüchtern gefragt; aber zuvor hat schon die Frage, „was sucht ihr?“ in ihren Ohren geklungen. Unverwehrt steht ihnen der Zugang zu der einfachen Herberge des geheimnisvollen Fremdlings offen; lange verweilen sie bei ihm, aber ihm nicht zu lange; tiefer wird die Finsternis des Abends, aber heller strahlt vor ihrem Auge das Licht der Wahrheit und des Lebens, und sie gehen endlich nicht heim, ohne dass ihr Herz an der Stätte zurückbleibt, welche ihr Fuß nur ungern verlässt. Dem Philippus hingegen offenbart sich der Herr in seinem hohen und himmlischen Befehl. „Folge mir“ spricht er mit einem Tone, der ebenso wenig Widerspruch duldet, als einem Zweifel an seiner Majestät Raum lässt, und der starke Mann folgte gelassen wie ein Kind den Fußstapfen seines Überwinders nach. Simon und Nathanael empfangen wieder einen ganz anderen, nicht minder mächtigen Eindruck. Nicht die Liebe, nicht der Befehl, sondern die unfehlbare Kenntnis des Herrn weckt sie zu stillem Staunen. Dem Sohne des Jonas bedeutet er nichts geringeres, denn dass er, der Taubensohn, zum Felsen erhoben werden soll, worin die furchtsame Taube sich sicher bergen kann; dem Sohne des Tolomäus gibt er nur einen einzigen Wink über ein Geheimnis, das dieser unter dem Schatten des Feigenbaumes begraben glaubte; und beide haben schon die Antwort im Herzen gegeben: „Herr, ich will dir folgen, wohin du auch gehst.“ So weiß - ich kann es nicht besser ausdrücken - der Herr jedes Herz, das er gewinnen will, von einer besonderen Seite anzufassen, sicherlich von der Seite, wo er sieht, dass entweder der meiste Widerstand geboten werden könnte oder das tiefstgefühlte Bedürfnis nach ihm und seiner Liebe vorhanden ist. Jeder Jünger, den er beruft, empfängt einen eigentümlichen Eindruck, entweder von seiner himmlischen Größe oder von seiner unergründlichen Güte, und doch - merkt wohl darauf - im Grunde ist Aller Vorrecht ein und dasselbe. Alle kommen zu ihm in Einer Beziehung, in der Beziehung von Gliedern zum Haupte, von Jüngern zum Herrn, von Untertanen zum Könige der Ehren. Alle sind, ihm gegenüber, vollkommen gleich; Andreas steht ihm nicht näher als Nathanael, und erweiset er dann und wann einem Johannes und Petrus besonderen Vorzug, Philippus hat sich nie über Zurücksetzung oder Verkennung von Seiten des Einen Herrn zu beklagen. Alle haben denn auch, sobald sie sich ihrer Gemeinschaft mit ihm bewusst sind, dasselbe selige Gefühl im Herzen. Johannes fühlt sich unter dem niedrigen Dache des Messias, wie ein Pilger, der jetzt gewahrt, dass er sein zu Hause gefunden hat; Nathanael schmeckt in seinem Hause süßere Erquickung, als er unter dem Schatten des Feigenbaums suchte; dem Petrus ist zu Mute, als sei er mit seinem Fischerkahn, während es draußen stürmt, in einem sicheren Hafen angekommen. Friede, Friede Gottes ist niedergesenkt in Aller ehrliches Gemüt und spiegelt sich ab in Aller offenem Angesicht; der erste Tag ihrer lebendigen Verbindung mit dem Herrn ist der letzte von so viel Unruhe und Zweifel, welche ihnen früher bange Stunden verschafften. Und hättet ihr sie alle gefragt: das Teuerste hätten sie opfern wollen, um ihn zu behalten, und noch würden sie nicht von Verlust gesprochen haben, sondern nur von unschätzbarem Gewinn!

Und nun frage ich abermals: Ist es bloß in jener Stunde so gegangen? In jedem Zeitpunkte seines irdischen und himmlischen Lebens hat der Herr es bewiesen, wie er grade da in das Saitenspiel eines menschlichen Herzens einzugreifen versteht, wo er zuerst einen wohlklingenden Ton von Liebe und Glauben als Antwort erwarten durfte. Schlagt ihr die Jahrbücher seiner Geschichte auf, sicher entdeckt ihr treffende Seitenstücke zu den hier gezeichneten Bildern. Die sich erniedrigende und zuvorkommende Liebe, welche sich dem Johannes und Andreas bezeugte, seht, wie er sie hier an einer weinenden Magdalena, dort an einem bußfertigen Mörder, ein andermal an einer Ehebrecherin so einzig verherrlicht. Mit demselben unfehlbaren Blick, der hier in Petri Herz tief eindrang, sah er später unter dem Schatten seines Feigenbaumes einen heilsbegierigen Zachäus und erforschte er in Nikodemus, dem Besucher in der Nacht, das tiefe Bedürfnis nach dem Licht, zu welchem er später geführt wurde. Auf gleiche Weise wie Philippus berief er Matthäus, den Zöllner. Und während er sich später dem Paulus in einem Glanze bezeugte, der seine Augen blendete, offenbarte er sich dem Thomas mit einer Kenntnis des Verborgenen, die ihm die Augen öffnete und bei ihm, wie bei Nathanael, den letzten Zweifel weichen ließ. Und sollte die christliche Erfahrung nicht noch ebenso reich sein, sowohl an Unterschied wie an höherer Einheit, Geliebte? Ich bin überzeugt, dass, wenn jeder aufrichtige Jünger des Herrn unter uns von seinem tiefsten und innerlichsten Leben Rechenschaft geben könnte, diese Erzählung eine herrliche Lobrede auf den Herrn werden würde, der für Verschiedene nach ihren verschiedenen Bedürfnissen wieder etwas anderes und doch im Grunde kein anderer ist. „Ich war gebeugt unter meiner großen Schuld vor Gottes Angesicht „ - so würde der Eine uns erzählen „und bei mir selber verurteilt stand ich vor dem hohen Berge meiner Schulden. Aber in einer unvergesslichen Stunde erglänzte das Kreuz auf Golgatha vor mir in einem Lichte, wie nie zuvor: ich sah in Christo das Lamm Gottes und streckte die Hand des Glaubens nach dem Opfer aus und fühlte, dass nun das drückende Schuldgefühl von meinem Herzen genommen war: „ich werde es nimmer vergessen, es war um die zehnte Stunde.“ - Glücklicher, deine Erfahrung war der des Johannes gleich! „Ich fiel bangen Zweifeln zur Beute“ - sagt ein Anderer „und wurde wie eine Meereswelle von dem Sturme der Unsicherheit umhergetrieben. Wohl hatte ich von Jesu gehört; aber „was kann aus Nazareth Gutes kommen?“ „ fragte ich und fand wohl viel in dem Herrn, was mich anzog, aber noch endlos mehr, was mich befremdete oder abstieß. Endlich konnte ich nicht länger der Stimme widerstehen „komm und siehe“, die in und außer mir beständig wiederschallte; ich kam zögernd; ich sah länger und mehr als zuvor; ich hörte seine Stimme und es schien, als ob er in meinem Herzen gelesen hätte; ich las sein Evangelium und ich fand meine Bedürfnisse sorgfältig erwogen und befriedigt; ich legte mein Herz vor ihm offen und es war, als ob er alle kranken Stellen mit seinem Blicke erforschte und mit seinem Balsam heilte; ich gab mich gefangen und sank nieder und sagte: Du bist mein König, du König Israels!“ - reiche Nathanael die Hand, mein Bruder, dessen Bild ich da zeichnete! Dort - doch ich geh' nicht weiter, Geliebte; das inwendige Leben ist ein Heiligtum, in das uns nur einzelne Blicke vergönnt sind. Und doch, könnte ich noch manche Stimmen reden lassen, glaubt ihr nicht, dass alle sich eines und desselben herrlichen Vorrechtes rühmen würden? Ja, gewiss, von welcher Seite auch ihr Herz ergriffen, getroffen, gewonnen wäre, alle würden bezeugen: „Es war mir, als ich zuerst mit vollem Bewusstsein mich Christo hingab, als wäre ich aus einem längeren oder kürzeren Traum zu einem schöneren Morgen erwacht. Früher unruhig umhergetrieben, jetzt ruhig in Frieden; früher wehmütig, selbst in Tagen der Freude, jetzt fröhlich, selbst in Tagen des Schmerzes; früher unbefriedigt bei dem auserlesensten Genuss, jetzt befriedigt bei dem empfindlichsten Mangel; wahrlich, wahrlich, es gilt von Christo, was Salomo von der Weisheit bezeugte: „Alle ihre Wege sind Lieblichkeit und alle ihre Pfade sind Friede!“

3. Kein Wunder denn auch, Zuhörer, dass ihr unter allen wahren Jüngern des Herrn einen dritten Charakterzug antrefft. Verschiedenheit des Charakters, aber Einheit des Sinnes: ich finde sie in diesem, wie in jedem Jüngerkreise. Petrus und Johannes, welch' ein Unterschied! Johannes, der Mann des tiefen Gemüts; Petrus, der Mann des feurigen, aber unbestimmten Gefühls; der erste, gleich dem Adler sich hoch in die Wolken erhebend und sogleich wieder niedersteigend zu Christo, dem Felsen, auf dem er seine Wohnung gebaut hat. Johannes, noch immer etwas an sich tragend von der schüchternen Taubennatur, aufrichtig ja und einfältig, aber auch furchtsam und scheu; Johannes, der Apostel der Liebe, der sich gleichsam ganz in der Anschauung des Herrn, an dessen Brust er liegt, verliert; Petrus, auch deshalb der Apostel der Hoffnung, weil der fortgesetzte Streit gegen seine kräftige, alte Natur ihm so schwer fallen musste und ihn schmachtend nach einer schöneren Zukunft ausschauen ließ. Andererseits Philippus und Nathanael, nicht Gefühls-, oder Gemüts-, sondern Verstandesmenschen, die scharf untersuchen, ehe sie glauben, die leicht einen ehrlichen Zweifel haben, aber sich bei einer befriedigenden Antwort auch ehrlich gefangen geben. Und diesen gegenüber - Andreas, eine Persönlichkeit, weniger geneigt sich in den Vordergrund zu stellen, mehr geneigt sich an andere anzuschließen, wie er auch später sich einmal als vierter den drei vertrautesten Jüngern auf dem Ölberge anschloss. (Matth. 13, 3.) Welch eine Verschiedenheit, Zuhörer, die - merkt es wohl - sie nicht bloß als natürliche, sondern auch als geistliche, anfänglich erneuerte Menschen charakterisiert! Es ist, als ob der Herr mit der Tat hätte beweisen wollen, dass sein Geist in Tempeln von allerlei Bauwerk wohnen kann; dass das Evangelium sich an die Bedürfnisse der verschiedensten Personen anschließen kann; dass seine Jüngerschaft die möglichste Verschiedenheit von Gaben, Talenten und Kräften nicht ausschließt, sondern gebietet und zulässt! Einförmigkeit könnt ihr unter seinen Erlösten nicht finden, und doch - welche Einheit des Sinnes fällt euch in die Augen! Oder zweifelt ihr, so werft nochmals das Auge auf den Text. Auseinanderlaufend ist gewiss der Charakter des Johannes und Andreas gewesen, und doch Beide fühlen sich so unauflöslich dem Herrn verbunden, dass das Verlangen, so lange als möglich bei ihm zu sein, jedes andere Verlangen verdrängt. Aber auch die drei übrigen, sie denken eben so wenig daran, den Herrn zu verlassen, als er nun bald nach Galiläa auf Reisen geht und bleibende Gemeinschaft mit ihm ist das Ziel, das alle wünschen und erstreben. Und nicht minder seht ihr diese Menschen mit einander durch die Bande der heiligsten Liebe verbunden. Johannes zieht sich weniger, als je, von Andreas zurück seit dem Einen heiligen Abend; Andreas leitet Simon, Philippus führt Nathanael mit sanfter Überredungskraft hin zu Jesu; es ist, als riefe einer dem andern zu: „Mein Bruder, ich habe eine Goldmine entdeckt, ergreife auch deinen Spaten und grabe!“ Die Gemeinschaft des Geistes, welche nun entsteht, wird noch enger als die Bande des Blutes und der Freundschaft; sie bilden Einen Kreis, der nicht mehr fragt, worin man sich unterscheidet, sondern weiß, worin man zusammenstimmt; und sogleich reichen alle die Glieder noch einmal einander die Hand, um dem Worte gehorsam zu sein, das, obwohl an Einen gerichtet, zur Stunde in aller Herzen wiederhallt: „Folge mir.“ Alle folgen dem Messias, ohne ängstlich zu fragen, ob der Weg abführe von dem Täufer, von dem Hausgesinde, von dem ehrlichen Berufe: Jesus gilt ihnen mehr, als das alles! Soll ich mich wiederholen, Freunde, um euch aus dem Leben späterer Freunde des Herrn eine lange Reihe von Zeugnissen derselben Wahrheit aufzuführen? Welch einen Unterschied könnte ich dann nachweisen zwischen Maria, der Johannesseele unter den Freundinnen Jesu und zwischen Martha, dem Petruscharakter, während doch beide im Glauben selig wurden und in der Liebe brannten! Welch einen Unterschied zwischen dem feurigen Paulus und dem sanften Apollos, zwischen dem stürmischen Luther und dem stillen Melanchthon, zwischen dem gepanzerten Knotz und dem kindlich frommen Spener, und doch alle, durch denselben Geist des Glaubens und der Liebe mit dem Haupte der Gemeinde verbunden, und jeder in seiner Weise, sei es als Auge, sei es als Fuß, sei es als Hand, für den Leib Christi unentbehrlich! Lieber berufe ich mich auf die Erfahrung auch der gegenwärtigen Tage, die uns unter den wahren Freunden Jesu so manchmal die Grundzüge der Textpersonen treffend wieder finden lässt. Hier findet ihr unter Christi Dienern den freien, offenen Denker, dessen Sprache nicht sanft ist wie ein Balsam, sondern scharf wie ein zweischneidiges Schwert; dessen Auge Schwierigkeiten entdeckt, die andere gedankenlos übersehen; dessen Geist Tiefen ergründet, in welche die Gedanken der Meisten nicht niedersteigen; - schon habt ihr das Seitenstück zu dem Nathanaels - Charakter entdeckt. Da trefft ihr Christen an, eifernd für den Herrn mit einem wahren Feuereifer; mehr zu einem werktätigen als zu einem beschaulichen Leben geneigt; bereit in Augenblicken aufgeweckten Gefühls für Christum zu sterben, aber nicht immer im Stande, würdig zu seiner Ehre zu leben; in ihrem inneren Leben bald die Höhe der Flut, bald die Tiefe der Ebbe abspiegelnd; es ist, als ob ihr Petrus aus seinem Grabe wieder erstehen und unter einer zahlreichen Bruderschaft fortleben säht! Soll ich euch die Geistesverwandten des Johannes schildern? Am liebsten möchte ich euch seine Geistesrichtung wiederfinden lassen in dem tiefen und innigen Gemüt einer frommen Jüngerin des Herrn, die dann besonders lebt, wenn sie zu seinen Füßen sitzend das Eine, was not ist, sucht, und nur dann in Zorn entbrennt, wenn er gehöhnt wird, aber trägt und schweigt, wenn sie für ihn und mit ihm leiden darf; - doch der Johannescharakter ist oft der Nachtblume gleich, die bloß im Dunkeln sich öffnet und sich bescheiden vor dem Lichte schließt. Viele trefft ihr hingegen, die gleich Andreas weniger auf eigenen Füßen stehen und doch gerne mit ihm oder Philippus Andere zu Jesu führen wollen; keine königliche, sondern dienende Geister, deshalb aber nicht minder geschickt zur Arbeit für das Reich Gottes. So findet ihr die reiche Verschiedenheit menschlicher Charaktere und Zustände nicht vernichtet, sondern bewahrt und geheiligt in dem Kreise der Freunde Christi. Hier ist Einer, dessen Geist euch in Erstaunen setzt; dort ein Anderer, dessen Herz euch anzieht; dort ein Dritter, dessen Mut und Leidensfähigkeit eure Bewunderung erregt. Und doch - bei längerer und tieferer Betrachtung seht ihr sie Alle in Einer Gesinnung verbunden, wie die verschiedenen Farben nur Einen Regenbogen bilden. Liebe ist das Band, das alle Erlösten umschlingt, und zwei wahre, lebendige Christen kommen sich in Tagen und Stunden schneller näher, als Diener der Welt in verschiedenen Wochen oder Monden. Wie Andreas und Philippus möchten sie wohl alle Irrenden und Durstenden in den Schatten geleiten, der sie deckt, und zu dem Brunnen, der sie labt, und ihnen zurufen: „Hier ist es erquickend und sicher.“ Und was auch für sie selber ihr besonderer Wunsch oder Anliegen sei, im Tiefsten ihrer Seele ist Aller Losung und Wahl: dem Lamme zu folgen, wohin es auch geht - zu folgen nach einem Thabor von Herrlichkeit, oder nach einem dunklen Gethsemane; willig, wenn nur Er nahe bleibt, zu folgen auf den Kreuzesweg, zu folgen zum Tode, zu folgen in seine ewige Herrlichkeit! Was die Losung der Jünger des ersten Jahrhunderts war, das ist auch die Losung jedes Erlösten im 19. Jahrhundert unserer Zeitrechnung: „Durch Leiden zur Herrlichkeit; durch Glauben zum Schauen; durch Liebe zur Vollkommenheit. „ - O, dass es auch eure, dass es aller derer Losung wäre, die nach dem Namen Christi sich nennen!

4. Dann, Geliebte, würdet ihr auch den letzten Zug in euch wieder finden, den der Text euch zeigt: Verschiedenheit von Bestimmung, aber Einheit von Aussicht. Ja jetzt noch gehen sämtliche Fünf mit dem Herrn Einen Weg nach Galiläa, um fortan, von ihm in die Apostelschaft eingesetzt, seine Seite nicht mehr zu verlassen. Aber später wird es sichtbar werden, wie nicht bloß vor, sondern auch nach ihrer Umkehr für Jeden ein besonderer Pfad angewiesen, und eine besondere Last bewahrt ist. Alle müssen dasselbe Evangelium verkündigen, aber dem Einen ist Palästina, dem Andern Kleinasien zum Arbeitsfeld im Reiche Gottes angewiesen., Weide meine Schafe,“ so wird zu Petro; „Sohn, siehe da ist deine Mutter,“ so wird zu Johannes gesagt. Verbannung auf Patmos wird nicht dem Sohn des Jonas, sondern dem Sohne Zebedäi bereitet; doch dagegen stirbt der Erste dreißig Jahre früher als der Patriarch der Apostel und die Offenbarung der Zukunft, die dem Einen auf Erden gezeigt wird, darf der Andere nur im Himmel anschauen. Dieselbe Hand, welche für das greise Haupt des Johannes ein Ruhekissen bereitet hatte, zeichnete für den Petrus die Stelle schon ab, wo ein Sklavenholz aus dem Boden der Erde sich erheben sollte, und den Mann, der hier am nächsten an seiner Brust ruhte, lässt er wieder am längsten aus seines Vaters Hause fern bleiben! Ging es nicht zu allen Zeiten so, Geliebte? So hat jeder Jünger des Herrn hier auf Erden einer besonderen Bestimmung zu folgen, die er mit keinem anderen gemein hat. Der eine ist berufen mit Paulo zu pflanzen, der andere, mit Apollo zu begießen, was er nicht gepflanzt oder gesät hat; der eine ist berufen, mit Stephano Christum im Tode zu verherrlichen; der andere, als Tabitha in einem kleinen Kreise Trauernde zu trösten und Nackte zu kleiden. Eine andere ist die irdische Bestimmung des Lehrers, der mit fünf oder zwei Talenten für das Reich Gottes wirken und gewinnen muss; eine andere wiederum die Bestimmung des frommen Dienstboten, der mit dem Einen Talente in beschränkterem Kreise wuchert. Und seht es hier, liebe Zuhörer, wie die verschiedene Bestimmung der Freunde Jesu nach der Größe ihrer Bedürfnisse und der Kleinheit ihrer Kraft berechnet ist. Ein Philippus würde kein Petra der Kirche sein können; darum wird nicht zu ihm, sondern zu Simon gesagt: „Du sollst Kephas heißen.“ Ein Petrus wiederum würde nicht im Stande gewesen sein, Monden und Jahre hinter einander als Verbannter auf Patmos zu seufzen; darum wird ein solches Kreuz ihm erspart, dagegen ein anderes ihm zuerkannt: eine Marter von nur wenigen Stunden, folternd für den Leib, aber nicht zu schwer für das von Liebe brennende Herz. So ist noch auf dem Wege jedes Christen Licht und Schatten in ungleichem Maße verteilt, aber immer so, dass die Verteilung von Weisheit und Liebe zeugt. Während Einiger Leben einer unruhigen See gleicht, fließt Anderer Leben wie ein ruhiger Bach zwischen Blumen hin; und während Einzelner Laufbahn beinah unabsehbar verlängert wird, ist sie für Andere auf wenige Schritte bestimmt. Sollen wir darüber murren, Geliebte? dann würden wir vergessen müssen, dass unser Wirkungskreis von derselben Hand angewiesen ist, welche die Tiefe unseres Herzens erforscht hat; dass die Länge des Kreuzesbalkens, den wir schleppen, von demselben Arm abgemessen ist, der unsere Kraft gewogen hat; dann es vor Allem vergessen müssen, dass bei allem Unterschied in der irdischen Bestimmung Einheit von Erwartung und Aussicht für die besteht, welche bis ans Ende beharren!

„Einheit von Aussicht“ - ja, meine Lieben, schlagt das Auge auf den Schluss des Textes. Nicht zu Nathanael allein, sondern zu Allen, die er berief, sagt Jesus am Ende das geheimnisvolle Wort: „Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, von nun an werdet Ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren auf des Menschen Sohn.“ War ihnen der Ausspruch auch dunkel; uns ist er verstehbar genug. Hat Jesus vielleicht dabei gedacht an die Engel, die vor wenigen Tagen in die Wüste hinabgefahren waren, um ihn als Überwinder zu krönen, oder an Jakobs Traum von der Himmelsleiter zwischen Himmel und Erde? Sicherlich deutete er doch nicht auf besondere Engelerscheinungen hin, sondern auf die fortdauernde Gemeinschaft zwischen Himmel und Erde, die ihr Seelenauge in der Erscheinung seiner Person, als des fleischgewordenen Wortes, entdecken würde. „Das geschieht wohl nicht mit dem leiblichen Auge (so merkt Luther an bei diesem Verse); denn das ist viel zu finster um solche herrliche Geister zu sehen, wie die Engel sind; aber der Glaube hat einen scharfen Blick, so dass er durch die Wolken und sogar in Gottes Herz sehen kann!“ Und nun, Geliebte, was Jesus hier verheißt, ist es nicht im Grunde die Eine große und herrliche Aussicht, welche er allen seinen Jüngern eröffnet? „Ihr werdet den Himmel offen sehen,“ so ruft er Allen zu, die ihm Wort und Treue halten, und in wie weitem Sinne ist diese Verheißung heilige Wahrheit! Glaubet nur, und ihr findet einen Himmel drinnen in euch aufgeschlossen; himmlischer Friede steigt hernieder für die Unruhe der Sünde; himmlische Liebe verbindet euch mit Allen, die mit euch Eins sind in Christo; himmlische Reinheit wird durch den Geist Gottes in euren Herzen geweckt und gestärkt! Glaubet nur, und ihr findet einen Himmel ringsum euch her ausgebreitet; denn auch in der Einsamkeit begegnet euch der Herr, voll Trostes und Segens; auch ein Patmos ist euch wie dem Johannes eine Pforte Edens; eine ungestüme See wird euch wie dem Petrus, ein Schauplatz von Jesu Liebe und Macht. Glaubet nur, und ihr findet einen Himmel eröffnet über euch; denn droben wartet er euer, nach dem euer Herz in den besten Augenblicken so feurig verlangte und wo er ist, da ist euch Paradiesesfreude bereitet. So könnt ihr überall ein Bethel finden, ein Haus Gottes, eine Pforte des Himmels, überall wo er ist, und nirgends sucht ihr ihn vergebens.

So kommt euer Herz in den Himmel, so der Himmel stets mehr in euer Herz und alle die verschiedenen Kreuzwege laufen auf Eine herrliche Krone hinaus - Freunde Jesu, seid fröhlich in Hoffnung!

II.

Ich komme zur Anwendung, meine Freunde! Sie kann kurz sein als Hinweisung auf den Wert der geschilderten Erscheinung, weil der ganze Gegenstand unserer Betrachtung nicht bloß einen beschaulichen, sondern zugleich einen belehrenden Charakter hatte. Gibt es eine solche Verschiedenheit und Einheit unter Jesu wahren Jüngern, so muss dieser Gedanke unsern Blick auf den Herrn ehrerbietiger, unsern Blick auf uns selbst demütiger, unsern Blick auf Andere bedachtsamer, unsern Blick auf die Zukunft heller machen.

1. Oder muss unser Blick auf den Herrn nicht ehrerbietiger werden in dem Lichte, worin wir ihn heute betrachteten? Was ist so groß und liebenswürdig, wie Er, der auf so verschiedenen Wegen seine Jünger erzieht und leitet und sie so Eins in Berufung, in Gesinnung, in Aussicht werden lässt? Nein, es wundert mich nicht, dass ein Johannes noch in hohem Greisenalter bei der Erinnerung an die Stunde lebendig wurde, wo sein Blick sich zum ersten Male in den Strahlen dieses himmlischen Lichtes gebadet hatte; dass ein Andreas, fröhlich wie ein Kranker, der einen zuverlässigen Arzt entdeckt hat, ausruft: ich habe den Messias gefunden;“ dass ein Nathanael tiefer als jemals vor dem Herzenskündiger sich beugt mit einem „Du bist der Sohn Gottes“ auf den Lippen. Doch was uns zwar keinen Augenblick verwundert, aber doch innig betrübt, Geliebte, ist, dass so viele, die in Verstandeserkenntnis von Christo weit über diesen Jüngern stehen, in tiefem und heiligem Gefühl weit unter ihnen bleiben, während doch das Wort in ihren Ohren erfüllt ist: „Du wirst noch Größeres, denn das, sehen.“ Ja, auch wir wissen es, wie der Herr noch, ebenso demütigend als damals mit einem was sucht ihr?“ sich an manches heilsbegierige Gemüt wendet; wie er noch denselben unfehlbaren Blick in unser innerliches Leben wirft, womit er in Simon den zukünftigen Felsenmann vorhersah; wie er noch mit erhabenem Befehl uns ein folge mir“, wie den Philippus, hören lässt. Aber wir wissen außerdem, was sie noch nicht wussten, wie er den Namen Gotteslamm erworben hat, welchen der Täufer ihm hier gab; wie er noch im Himmel ebenso demütigend als groß ist, wie er sich hier am stillen Jordanufer zeigte; wie er noch fortfährt, nicht bloß Freunden, sondern vielmehr auch Feinden sein liebevolles Herz zu erschließen, seine offene Wohnung zu zeigen, ein freundliches „Komm und siehe!“ hören zu lassen. O was sollten wir nicht sein in heiligem Wandel und Gottseligkeit! Geliebte, mir erglühet das Herz beim Anblick des Höchsten und Heiligsten, der je die Erde betrat: erwachte nichts in euch, das euch drängte, die Knie zu beugen und das Auge vor ihm nieder zu schlagen? Nein, richtet es suchend und heilsbegierig auf Ihn, Geliebte, und gebet Ihm eine weite Stelle in eurem Herzen, damit, wenn Andere fragen wo wohnt er“ hienieden, ihr auf das Herz zeigen möget, als auf seinen Tempel und Thron!

2. Oder ist das schon wirklich auch bei euch der Fall? Es wird sich schon erkennen lassen: das Erwogene muss, zweitens, unsern Blick auf uns selbst demütiger machen. Wir haben gesehen, worin alle Jünger des Herrn zu allen Zeiten übereinstimmen: nichts kann nun auch richtiger, als die Folgerung sein, dass, wer dies Alles vermisst, dann auch kein Jünger heißen darf, und nichts ist bequemer, als die Frage, auf welcher Seite wir stehen. Und nun, Geliebte, wenn ihr eure Seligkeit lieb habet, so schlagt das Auge auf diesen Spiegel. Alle diese Jünger seht ihr nach Erlösung in Christo verlangen. Und ihr, die ihr noch nicht fühlt, was es heißt, in euch selber verloren zu sein; oder die ihr wohl wie Nathanael Bedenken und Ausflüchte habt, aber sie euch eigentlich lieber nicht nehmen lasset, weil ihr wohl fühlet, dass dann ein großer Schritt getan werden müsse, wozu ihr im Herzen keine Lust habt? Alle diese Jünger begehren Jesu so nahe als möglich zu sein. Und ihr, deren Herz für den Herrn kalt und tot ist; die ihr noch nie etwas zum Opfer brachtet, woraus man sah, dass ihr ihn, den ihr bekennt, auch lieb habet; die ihr es nicht fühlt, ein Fremdling hienieden zu sein, und vielleicht doch danach verlangt in den Himmel zu kommen, aber nicht um bei ihm zu sein? Alle diese Jünger brannten vor Eifer, Andere zu retten. Und ihr, die noch nicht versucht habt Eine Seele für Christum zu gewinnen? O, Geliebte, wie stehen diese fünf Galiläischen Männer da auf einmal als Zeugen auf gegen Hunderte von uns; wie laut rufen sie vielen zu, die den Christennamen tragen: „Ihr gehört gewiss noch nicht ihm an, den wir lieb hatten!“ „Wie? wir keine Christen (so höre ich die Hunderte fragen)? wir nicht, bloß weil uns ein anderer Geist, als diese Galiläer beseelt? Aber dann würde am Ende die Zahl der Christen äußerst klein und gering sein; denn wie wenige gleichen jenen!“ Ihr habt es gesagt, Zuhörer. Wir halten euch bei eurem beschämenden Wort fest. Die Anzahl wahrer Christen ist beträchtlich klein und der Unterschied zwischen der Zahl der Namen in den Kirchenbüchern hier auf Erden und zwischen den Namen im Lebensbuche droben im Himmel ist unermesslich groß! Wo stehen eure Namen? Euer Gewissen möge entscheiden, ob der Herr euch würde anreden, wie den Nathanael, als einen Menschen, „in dem kein Falsch ist,“ oder im Gegenteil als einen „Sünder, der sich selbst betrügt.“ Guter Gott, wie scharf ist die Grenzlinie, die hier gezogen wird zwischen Christentum des Scheins und des Wesens; und wie manchen mag es hier geben, dessen Herz in ruhigen Schlägen klopft und der doch Grund hat, über sich selber so ganz unruhig zu sein! Kein Bedürfnis nach Erlösung von Sünde und Schuld; kein lebendiger Glaube an den Herrn; keine wahrhaftige Liebe im Herzen; und doch die Schuld so unberechenbar, und das Leben so kurz und die Ewigkeit schon so entsetzlich nahe! Fühlt ihr, dass euch etwas fehlt, Geliebte, und erkennt ihr, wie mit dem Einen, mit der persönlichen Gemeinschaft mit Christo, euch im Grunde Alles fehlt? Dann in die Einsamkeit geeilt wie Nathanael, dann in der Schrift geforscht wie Simon, dann auf das Gotteslamm geschaut wie Johannes! Unruhige unter uns, die ihr das Herz so arm fühlt und die Welt so leer, was sucht ihr?“ so fragt der Herr auch euch, ehe ihr noch nach ihm gefragt habt: was wollt ihr antworten? O, dass es mir gegeben wäre, der Andreas zu sein, der eure Hand ergriffe, um euch zu Jesu zu führen! Kommt doch und seht, wie er die Liebe verdient und belohnt, nach der er fragt! Wenn ihr ihn kennen würdet, nein, ihr könntet nicht dahinten bleiben!

3. Oder seid ihr zu ihm gekommen? Heil euch Nachfolgern dieser ersten Nachfolger des Herrn! Meinet darum jedoch nicht, dass das Erwogene für euch minder wichtig sein möchte. Es kann im Gegenteil den Blick bedachtsamer machen, den ihr auf Andere werft. Wir sehen es hier, es besteht große Verschiedenheit unter den wahren Freunden Christi, und sollte diese Wahrnehmung uns nicht antreiben müssen, die Geister zu prüfen, ob sie wahrlich aus Gott sind? Nicht Wenige, die übrigens den Herrn aufrichtig lieb haben, befolgen dabei einen durchaus willkürlichen Maßstab. So, wie ihr geistliches Leben entwickelt ist, so soll es nach ihrer Meinung auch bei Andern gehen; Alles, was sie innerlich durchlebt haben, meinen sie, müsse Jeder durchleben, oder er sei kein wahrer Christ; wer auf einem andern Wege, als auf dem ihrigen, durch die Tür in den Schafstall gegangen ist, den sehen sie misstrauisch darauf an, ob er wohl auf dem rechten Wege hergekommen sei! Das ist ebenso verkehrt, als wenn Johannes zu Philippo gesagt hätte: „du bist nicht Christi; denn du bist nicht beim Täufer in der Schule gewesen!“ Nein, Geliebte, wir sahen es hier, der Vater hat nicht Einen Weg, sondern zahllose Wege, um uns zu seinem Sohne zu ziehen. Viel hängt hier von Charakter und Lebenszeit, nicht minder von unserer Umgebung und früheren Entwicklung ab. Petrus gehört nicht weniger dem Herrn an als Johannes, obschon bloß dieser die Stunde seiner Bekehrung später genau bezeichnet hat; Philippus ist nicht minder Jesu Freund als Nathanael, wenn gleich nur der letzte von überwundenen Zweifeln und Bedenken zu sprechen weiß, nach denen sein bedrängtes Gemüt erweitert wurde. Seid also vorsichtig, dass ihr eines Anderen geistliches Leben nicht verkennet, weil es sich in andern Formen als das eure entwickelt; untersucht bloß, ob die Früchte bei dem Bruder sich finden, ohne zu fragen, ob sie durch Sonnenschein oder durch Regen hervorgebracht sind, und wo ihr Einheit des Geistes entdeckt, da seid mit der Verschiedenheit der Führungen zufrieden. Seht vielmehr ernstlich zu, dass ihr selbst in die Fußstapfen dieser Jünger tretet, auf dass Niemand darüber ungewiss bleibe, wem ihr wirklich angehört. Führet Andere, führet vor allen eure nächsten Angehörigen zu dem Herrn, wie Andreas seinen Bruder: kein Bruderdienst ist schöner als dieser. Werdet nicht mutlos, wenn eure ersten Bemühungen fruchtlos scheinen: nicht bei dem ersten, kaum bei dem zweiten „siehe, das ist Gottes Lamm!“ wird Johannes für Jesum gewonnen. Haltet also an in euren Bemühungen, wie Philippus bei dem zaudernden Nathanael anhielt. Der Same, welcher anfangs erstickt schien, bringt später wohl eine doppelte Ernte und der Himmel allein wird's offenbar machen, was eine Liebesarbeit vermochte, die wir hier oft für fruchtlos hielten.

4. Der Himmel! Ja, Christen, unser Blick auf die Zukunft wird heller nach dem, was wir heute betrachteten. Oder sollte die zwiefache Erscheinung, die wir hier in der streitenden Kirche entdeckten, sich auch nicht dort oben in der triumphierenden Gemeinde zeigen? Dass dort das Vorrecht gleich, die Gesinnung übereinstimmend, die Hoffnung erfüllt ist, welche euch heute dargestellt wurden, das wisset ihr, Geliebte; aber kann auch dort keine Verschiedenheit sein an Erfahrung und Führung? Wenn ich mir vorstelle, wie dort Alle, die aus großer Drangsal der Erde angekommen sind, es erzählen werden, was ihnen auf dem Wege geschehen und wie der Herr von ihnen erkannt sei an dem, dass er ihnen das Tränenbrot der Trübsal brach: mich dünkt, dann wird ein Andreas dem Bußprediger, ein Petrus dem Andreas lohnen und danken, der ihn hier zu Christus führte; dann wird mancher Nathanael auf seinen Feigenbaum zurücksehen und manche Johannesseele an ihre zehnte Stunde gedenken. Und wird auch dort dem Einen ein höherer Rang, dem Andern ein geringerer Wirkungskreis angewiesen, das ganze Gottesgeschlecht wird, wie hier, doch nur Einen Freundeskreis bilden, dessen Mittelpunkt Jesus ist. Herrliche Erwartung! - Wollt ihr sie erfüllt sehen, Geliebte? „Folge mir nach,“ spricht der Herr hier zu euch, wie zu Philippus; „folge mir nach“ jeder auf seinem besonderen Wege, ohne zurückzusehen oder zu zweifeln, ohne stille zu stehen oder zu klagen: wahrlich ihr sollt einsehen, dass der Weg nicht besser und sicherer sein konnte. Und dort oben „Komm und siehe,“ wird er euch abermals freundlich zurufen, wenn ihr in seinen Himmel eingeht. Ihr sollt kommen und sehen, wo er wohnt und diesen Tag bei ihm bleiben,“ - aber dieser Tag wird die ganze Ewigkeit dauern. Amen!

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