Hasebroek, Johannes Petrus - Unglaube, Kleinglaube, Glaube.

Hasebroek, Johannes Petrus - Unglaube, Kleinglaube, Glaube.

Glaubst du das?

Joh. 11, 26.

„Glaubst du?“ Das ist wohl die wichtigste und angelegentlichste Frage, die der eine Mensch an den andern richten kann. Was in Bezug auf das Wohlsein des Leibes die Frage ist, die wir so oft hören: „gehts dir wohl?“ ist in Bezug auf die Wohlfahrt der Seele die Frage: „Wie stehts mit deinem Glauben?“ So kann es euch denn nicht fremd oder unzeitig vorkommen, dass ich heute vor euch aufgetreten, um ein belehrendes und erbauendes Wort zu euch zu reden, euch mit der Frage entgegenkomme: „Glaubst du?“ Jesus richtete diese Frage im Blick auf eine bestimmte Glaubenswahrheit an Martha: „Glaubst du das?“ Ich will heute diese Frage mehr im Allgemeinen an euch alle richten.

Ich will mich dabei in keine abstrakten Betrachtungen einlassen. Dann müsste die herrliche Geschichte von der Auferweckung des Lazarus aus den Toten nicht vor mir liegen.

Meine Absicht ist, die Geschichte selbst zu euch reden zu lassen. Sehen wir doch darin den großen Gegenstand des christlichen Glaubens, Jesum Christum, sowohl ins Licht der höchsten Herrlichkeit und Macht als der anbetungswürdigsten Liebe gestellt. Aber zugleich sehen wir darin allerlei Gestalten sich um ihn bewegen, in denen die Strahlen dieses Lichts auf die verschiedenste Weise sich brechen, sowohl solche, bei welchen der Glaube gänzlich fehlt, als die, in welchen er sich, obgleich in verschiedenem Grade und Maße, zeigt. Lasst uns denn diese verschiedenen Gestalten in Augenschein nehmen. Die Frucht dieser Betrachtung möge, das ist mein Gebet, schon während der gegenwärtigen Predigt sich erfahrungsmäßig an unseren Herzen offenbaren!

Lazarus war gestorben. Der treue Freund des Herrn, der Mann, den Jesus lieb hatte, der Bruder von Maria und Martha - diesen zwei auserkorenen unter den Freundinnen des Herrn - er war gestorben. Vergebens sandten die besorgten Schwestern, sobald seine Krankheit eine ungünstige Wendung nahm, einen Boten zu dem Meister, um ihn zu benachrichtigen: Herr, siehe den du lieb hast, der liegt krank; er war gestorben. Die Gefahr stieg; der Herr ließ nichts von sich hören. Der Tod nahte; der Herr blieb aus. Der Tod kam; der Herr kam nicht. Das war eine lange Probezeit für euch, ihr liebevollen Schwestern! Gewiss erwartetet ihr jeden Augenblick: Sogleich wird er kommen! Gewiss dachtet ihr bei jedem Geräusch: Da ist er! Gewiss hieltet ihr bis aufs äußerste die Hoffnung fest: Noch ist es Zeit! Eitle Hoffnung! Lazarus starb. Es war zu spät. Oder war auch da vielleicht noch ein Funke von Hoffnung in eurer Seele? Wenn er jetzt nur noch käme! Lag nicht des Jairi Töchterlein bereits auf dem Totenbett, als der Herr sie wieder ins Leben zurückrief? Der Herr blieb aus. Trostlos saht ihr's an, wie die geliebte Leiche in ihr letztes Kleid gewickelt wurde und nahmt für immer Abschied von ihr. Oder sollte vielleicht der Herr…? Schon lag der Jüngling von Nain auf der Bahre, um zum Grabe hinausgetragen zu werden, als Jesus ihn auferweckte und ihn seiner Mutter wiedergab. Auch dieser Augenblick ging vorüber. Die Leiche wurde zur Grabeshöhle gebracht und der Schlussstein richtete eine unübersteigliche Scheidewand zwischen dem Toten und den Lebenden auf: es war vorbei. Und alles, was den Schwestern übrig blieb, war gegen einander immer wieder zu seufzen: Wäre der Herr hier gewesen, unser Bruder wäre nicht gestorben!

Wäre der Herr hier gewesen! Wo war der Herr denn? Fern von da, in Idumäa1), mit den Zwölfen. Wusste er denn nicht, was zu Bethanien vor sich ging? Ja, er wusste es; denn er hatte die Nachricht von Lazarus Krankheit empfangen. Es geschah absichtlich, dass er wegblieb. Als er nun hörte, schreibt Johannes, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, da er war. Noch zwei Tage! Während aller dieser Zeit hatte er die Betrübnis des geliebten Hauses unaufhörlich vor seinem Geiste. Er sah seinen Freund den letzten bangen Kampf kämpfen; er hörte die Wehklagen seiner Freundinnen; er war Zeuge der Trauer, worin das ganze Haus versenkt ward und er blieb, wo er war! - Aber kaum ist Lazarus gestorben, da ändert sich seine Haltung. Kommt, heißt es zu seinen Jüngern, lasst uns wieder in Judäa ziehen. Meister, ist die Antwort, eben noch suchten die Juden dich zu steinigen und du willst wieder dahin ziehen? Aber ebenso wenig als er sich vorher davon abbringen ließ, zu bleiben, war er jetzt abzuhalten, zu gehen. Beruhigt euch, so spricht er den Jüngern Mut ein, noch ist mein Lebenstag nicht zu Ende: noch scheint das Licht für mich. Und um allem seinem Widerspruch ein Ende zu machen, fügt er hinzu: Wisst denn: unser Freund Lazarus ist gestorben und ich gehe hin, dass ich ihn aufwecke. Noch scheinen die Jünger zu zweifeln, und willkommen ist ihnen darum der treuherzige, obgleich ratlose Ausruf von Thomas, weil dadurch die Andern bewogen werden, ihm zu folgen: Lasst uns mitziehen, dass wir mit ihm sterben.

Welch eine sonderbare, unerklärliche Handlungsweise! Unerklärbar für die beiden Schwestern! Unerklärbar für die Zwölfe. Dort fragt man: warum kommt der Herr nicht? Hier: warum geht er? Dort klagt man: wenn er nicht kommt, stirbt sein Freund. Hier: wenn er geht, kommt er selbst um. Dort jammert man: Wenn er hier gewesen wäre, unser Bruder wäre nicht gestorben. Hier ruft man wie in Verzweiflung aus: Lasst uns mit ziehen, auf dass wir mit ihm sterben. Hier Zweifel, dort Zweifel….

Und mitten dazwischen Jesus! Der ruhige, entschlossene, in sich selber zuversichtliche Jesus. Er weiß, was ihm zusteht und lässt sich davon weder durch die Bitten seiner Freunde, noch durch die Klagen seiner Freundinnen abbringen. Ja, sein Herz litt sowohl bei dem Gedanken an die Betrübnis, die seinen Freundinnen das Herz zerriss, als bei der Vergegenwärtigung des Leidens seines Freundes: das bezeugen die Tränen, die er bald am Grabe des Letzteren vergoss. Gern wäre er den Jüngern zu willen gewesen und hätte ihnen die Besorgnis für sein teures Leben erspart: das bezeugte die Rührung, womit er ihnen später die bevorstehende Trennung voraussagte. Aber Eins stand noch höher bei ihm, als die Unruhe seiner Freunde, als der Wunsch seiner Freundinnen: der Zweck seiner Sendung, die Herrlichkeit Gottes. Diese musste erst durch das Warten und Zögern und danach durch diese übereilte Abreise nach Judäa abgelauscht und erhöht werden. Ja, Jesus sollte Lazarus den Seinen wiedergeben. Das sollte der Triumph seiner und Gottes Liebe sein. Aber er sollte es erst tun, als das begonnene Auflösungswerk des Todes die letzte Hoffnung auf eine solche Auskunft vernichtet hatte. Das sollte der Triumph seiner und Gottes Allmacht sein. Darum erklärte er dem Boten, der ihm die Nachricht von Lazarus Krankheit brachte, sein Bleiben: Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes, dass der Sohn Gottes dadurch verherrlicht werde. Darum erklärte er den Jüngern sein Gehen, als sie meinten, die Zeit dazu wäre vorbei: Ich bin froh um euretwillen, dass ich nicht da gewesen bin, auf dass ihr glaubt. Welch eine göttliche Ruhe mitten in dem unruhigen Hin - und Herlaufen der Menschen! Welch ein kindlicher Gehorsam gegen den Vater mitten in den Wünschen und Begierden seines eigenen menschlichen Gefühls! Wohl zeigte es sich auch hier: meine Speise ist, dass ich tue den Willen des Vaters und vollbringe sein Werk!

So waren vier Tage nach Lazarus Tode verflossen, als Jesus nach Bethanien kam.

Schon hatten die Schwestern alle Hoffnung auf sein Kommen aufgegeben und behalfen sich so gut als möglich mit dem schwachen Trost, der ihnen von teilnehmenden Verwandten dargeboten wurde. Wie befremdet horchte daher Martha auf, als sie auf einmal vernahm: Der Herr ist gekommen. Im selben Augenblick ist sie bei ihm. Und da, der ersten Einrede ihres Herzens nachgebend, widerholt sie bei ihm jenes Klagewort, das in der letzten Zeit so oft auf ihren Lippen war: Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Aber, sie lässt sogleich in Einem Atem darauf folgen: Aber ich weiß auch noch, dass, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.

Nie wurde ein kühnerer Wunsch völliger erfüllt. Sie erlangt augenblicklich was sie bittet. Jawohl, Martha, dein Bruder soll auferstehen!

Ihr Bruder auferstehen! Dieser Gedanke bestürzt sie. Einer solchen Hoffnung durfte sie sich nicht hingeben. Eine solche Verheißung durfte sie sich nicht zueignen. Zum wenigsten bedarf dieses Wort einer näheren Erklärung. Sie wirft also auf Jesum einen fragenden Blick, während sie sagt: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am jüngsten Tage!

Es lag in dieser beschränkenden und verringernden Auffassung der Verheißung Jesu ein heimliches Misstrauen, ein verborgener Unglaube, als ob die Erfüllung dessen über seine Macht hinausginge. Davon wollte Jesus Martha heilen. Er stellte sich darum vor sie in der Haltung der allererhabensten, der göttlichen Majestät und sprach: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Es ist als sagte Jesus: Martha, zweifelst du an mir? Ich bin der Ursprung des wahren Lebens, hier und hernachmals, das ich allen, die an mich glauben, mitteilen kann. Für den, der an mich glaubt, ist's daher gleichgültig, ob er lebt oder ob er gestorben ist. Denn ob er gleich gestorben ist, lebt er doch; oder wenn er noch zu den Lebenden gehört, kann er nicht sterben. Alles hängt also davon ab, ob man durch den Glauben Anteil und Gemeinschaft an mir hat, der ich selbst das Leben und die Auferstehung bin! Glaubst du das?

Ja, antwortet Martha, durch dieses Wort vom heiligsten Geisteseifer ergriffen: Ja, Herr, ich glaube, dass du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist. Dir sind alle Dinge möglich. Du bist der Fürst des Lebens!

Wo ist deine Schwester? Geh und sage ihr, dass ich hier bin! wird Jesus ihr darauf erwidert haben: denn, da sie das gesagt hatte, lesen wir, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria heimlich und sprach: der Meister ist da und ruft dich.

Der Meister ist da! Welch ein Wort für Maria! Es lässt sie eilends aufstehen und mit allem Drang eines liebenden Herzens nach der Stelle eilen, welche Martha ihr angedeutet, so dass die anwesenden Juden unter einander sagen: Sie geht hin zum Grabe, dass sie daselbst weine. Nein, nicht zum Grabe, zu Jesu ging sie, um ihr volles Herz in seinen Busen auszuschütten. Mit aufgelösten Haarflechten und weinendem Antlitz erschien sie vor ihm und fiel ihm schluchzend zu Füßen mit dem Ausruf: Herr, wärest Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Das ist Alles, was die Betrübnis ihr herauszubringen gestattet. So herzbrechend war der Anblick der trauernden Frau, dass alle Anwesende mit bewegt wurden und weinten. Auch Jesus, tief ergriffen, sowohl durch den Anblick der Betrübten, als durch die Tränen der Teilnahme, die in aller Augen glänzten, fragte mit bewegter Stimme: Wo habt ihr ihn hingelegt? Und als man ihm geantwortet hatte: Komm und siehe es! konnte auch er seine Rührung nicht länger bezwingen. Tränen, menschliche Tränen flossen von seinem Angesicht herab: er weinte.

Jesus weinte!

„Siehe, wie hat er ihn so lieb gehabt!“ So erklärten einige der Umstehenden diese Betrübnis, die sie allein der Trauer über den Tod des Lazarus zuschrieben. Andere gingen noch weiter und fragten mit einem gewissen Gefühl von Leid und Frevel: Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat, nicht verschaffen, dass auch dieser nicht gestorben wäre!

Aber Jesus hörte nicht auf sie. Er schritt zum Grabe, während eine neue Bewegung sich seiner bemächtigte. Dort angekommen winkte er mit der Hand und sagte: Hebt den Stein ab!

Herr, er stinkt schon, denn er ist bereits vier Tage gelegen. So fällt Martha ihm in die Rede. Warum dieses Grab noch öffnen? Es ist doch alles zu spät. Die Verwesung ist bereits eingetreten. Der Verwesungsgeruch kommt uns schon entgegen. Ach, lasst ihn liegen! Wozu seine Ruhe unnütz stören?

Ich habe dir ja gesagt, so führt der Herr ihr mit nachdrücklicher Stimme zu Gemüt, so du glauben würdest, solltest du die Herrlichkeit Gottes sehen? Schweig, warte und hoffe!

Und nun eröffnet sich eine Szene, bei deren Beschreibung Jedem außer Johannes die Feder aus der Hand fällt. Der Stein ist inzwischen weggenommen: beim Lichte des Sonnenstrahls, der damit in die offene Gruft fällt, sieht man den Toten in der Nische liegen, mit Grabtüchern umwickelt, ohne Bewegung, ohne Gefühl, kalt und steif, wie der Stein, worauf er ruht; zugleich dringt aus der Grotte eine starke Luft von Fäulnis, welche den Umstehenden entgegenweht. Eine tiefe Stille herrscht rings um das Grab. Alles bebt von Vorgefühl und Erwartung. Alles ist Ein Auge, Ein Ohr. Alles hängt an Jesus. Und er? Er unterbricht nach einem Augenblick feierlicher Stille das Schweigen. „Vater,“ spricht er, die Augen zum hellen Himmel gerichtet, „Vater, ich danke Dir, dass Du mich erhört hast! Doch ich weiß, dass Du mich allezeit hörst; sondern um des Volkes willen, das umhersteht, sage ich es, dass sie glauben, Du hast mich gesandt.“ Vom Himmel senkt sich Jesu Auge nieder in die Grabeshöhle. Lazarus, komm heraus! ruft er mit lauter Stimme. Und siehe - der Tote hört! Da richtet er sich in die Höhe! Da sitzt er aufrecht! Da kommt er heraus! Da steht er, gleichwie er im Grabe lag, eingehüllt und umwickelt, mit den Banden des Todes um die Glieder, aber mit der Blüte des Lebens auf dem Antlitz und mit dem Funken der Lebensfreude in den leuchtenden Augen. Welch eine Entzückung! Welch ein Entsetzen von Ehrfurcht und Bewunderung! Man kann nicht zu sich selbst kommen. Jesus ist der einzige, der sich selbst beherrscht, und mit der göttlichen Ruhe, die ihn während dieses ganzen Vorfalls charakterisiert, als wäre nichts ungewöhnliches geschehen, als hätte er einfach einen Schlafenden aufgeweckt, gebietet er: löst ihn auf und lasst ihn gehen! Und Lazarus wird losgebunden und er geht; wer fragt: wohin?

Hier lassen wir mit Johannes den Vorhang vor den Schauplatz fallen, der sich nun eröffnet. Wer sollte die Aufregung des Erweckten, das Entzücken der Schwestern, die Verwunderung und Betroffenheit der Umstehenden, um nicht von dem göttlichen Gefühl Jesu zu reden, schildern können! Gebe Gott, dass wir von dem allen mehr aus Erfahrung kennen und fühlen mögen, wenn Jesus am Tag der Tage auch uns aus unsern Gräbern auferwecken und uns einander wiedergeben wird!

So habe ich die heilige Geschichtserzählung mit euch betrachtet. Ich tat es mit dem bestimmten Zweck, darauf zu achten, wie verschieden der Standpunkt ist, worauf die drei vorkommenden Personen in Bezug auf Jesum als Gegenstand des Glaubens erscheinen. Sehe ich doch in den Juden den Unglauben, in Martha den Kleinglauben, in Maria den Glauben wie in einem Spiegel dargestellt. Ich bitte aufs Neue um eure Andacht und Aufmerksamkeit, indem ich ausdrücklich von diesem Gesichtspunkte diese drei verschiedenen Charaktere darstellen will.

Und dann weise ich euch zuerst auf die Juden hin, welche Zeugen von Lazarus Auferweckung waren und von welchen Einige sagten: Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat, nicht verschaffen, dass auch dieser nicht gestorben wäre?

Ihr erkennt die Sprache des Unglaubens. Ihr seht es ja: sie erwarten von Jesu durchaus nichts. Lazarus ist gestorben, also ist alles abgetan. Gestorben ist gestorben - auch für Jesus. Sie widersprechen ihm ins Angesicht, als er sagt: ich bin die Auferstehung und das Leben! Es ist wahr, sie können es nicht verkennen, Jesus hat wohl mal Zeichen verrichtet. Er hat noch kürzlich dem Blinden die Augen aufgetan. Was war einfacher als der Schluss: der das Große vermochte, sollte der nicht auch das Größere vermögen? Der dem Blinden die Augen für das Tageslicht öffnete, sollte der dem Gestorbenen die Augen nicht wieder für das Lebenslicht aufgehen lassen können? Aber nein! So schließt der Unglaube nicht. Er sucht überall Nahrung für seine Verblendung. Was er früher geglaubt hat, als er es sah, wird ein Grund mehr zum Unglauben, sobald er nicht mehr sieht. Das Glauben dauert nicht länger als das Zeichen. Ja, nicht zufrieden damit, solche Zweifel bei sich selbst aufkommen zu fühlen und zu nähren, sucht er sie auch bei Andern zu erwecken und dadurch den Glauben Anderer wankend oder schwächer zu machen: Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat, nicht verschaffen, dass auch dieser nicht gestorben wäre?

Das ist der Unglaube! Der Unglaube jener Tage! Das Bild, das sprechende Bild von dem Unglauben unserer, aller Zeit.

Noch kommt alles darauf hinaus: Konnte, der bei seinem Leben so viel Zeichen getan hat, mich auch nicht auf gleiche Weise überzeugen? Es ist wahr, dass es mir nicht ganz an Beweisen für die göttliche Würde Jesu und die Wahrheit des Christentums fehlt; ich finde Tausende, die sich seines Kreuzes als ihres einigen Trostes im Leben und Sterben rühmen; ich sehe, dass der Einfluss seiner Lehre segensreich auf alle offenbaren und besonderen Beziehungen der Menschheit einwirkt; ich habe gesehen, dass einige durch den Einfluss seines Evangeliums von einem wüsten und gottlosen Leben zu einem sittsamen und eingezogenen Wesen bekehrt sind: aber das alles reicht nicht aus, mich zu überzeugen. Dazu müssen noch größere Zeichen geschehen. Gott selbst muss aus dem Himmel zu mir reden. Engel müssen mir beschwören, dass die Bibel das wahrhaftige Wort Gottes ist. Tote müssen aus den Gräbern auferstehen, um es mir zu bezeugen. Konnte er, der dem Blinden die Augen aufgetan, nicht verschaffen, dass auch dieser nicht gestorben wäre? Siehe, so fordert man noch heutzutage Zeichen vom Himmel, als ob einst keine Zeichen genug gegeben wären. Aber glaubt ihnen nicht, meine Zuhörer! die so sprechen. So wahrhaftig ihre Seele lebt, sie täuschen euch, wenn nicht zugleich sich selbst. Erfüllte auch der Allerhöchste ihren Willen, ihre Forderung; zerrisse er auch den Himmel, um noch einmal den entblößten Arm seiner Allmacht auszustrecken; wiederholte sich auch hier die Szene von Lazarus Grabe; barst da auch der Boden zu euren Füßen offen und käme ein Toter daraus hervor, um zu zeugen, dass Jesus von Nazareth die Auferstehung und das Leben ist: sie würden sich nicht bereden lassen. Zweifelt ihr noch? Seht es an den Verstockten bei Lazarus Grabe. Sie erreichen ihren Wunsch, ja mehr als das. Er, der dem Blinden die Augen aufgetan, verschafft, dass der Gestorbene wieder lebendig wird. Sie werden Zeugen des Wunders. Sie sehen den Toten im Grabe liegen. Sie riechen den Verwesungsgeruch, der von ihm ausgeht. Sie hören die Stimme Jesu. Sie sind Zeugen davon, wie Lazarus lebend herauskommt. Und was ist nun die Folge davon? Fallen sie nun Jesu zu den Füßen mit dem Bekenntnis: Herr, du bist die Auferstehung und das Leben! Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Grade das Gegenteil. Sie gehen zu den Pharisäern und hinterbringen ihnen das Vorgefallene. Mit welchem Erfolg? Dass darauf im Rate der Beschluss gefasst wird: Es ist gut, dass Ein Mensch für das Volk sterbe.

Verwundert euch das? Mich keineswegs. Denn ich wusste schon im Voraus, woher, ihr Unglaube entstand; nicht daher, dass Jesus nicht genug Zeichen tat. Sie bekennen es ja selbst: Dieser Mensch tut viele Zeichen. (Joh. 11, 47.) Sondern daher, dass der Mensch selbst ihnen nicht gefiel, dass er sich nicht nach ihnen fügen wollte und mit ihnen Hand in Hand gehen, um das Volk zu betrügen; dass er ihnen die heuchlerische Larve vom Angesicht riss und sie in aller ihrer Blöße vor dem Volke zur Schau stellte; dass er statt eines trägen Gewohnheitsgottesdienstes eine lebendige und wirksame Gottesfurcht forderte; dass er ihre Stühle ins Wanken brachte, die auf Irrtum und Aberglauben gebaut waren: darum und darum allein durfte er der Messias nicht sein. Darum musste er ein Sohn Beelzebubs sein und seine Wundermacht der Hölle entleihen. Zuhörer! hütet euch vor dem Sauerteig dieser Heuchler. Aus dem Grunde meiner tiefsten Überzeugung sage ich es: Unglaube, beständig währender und hartnäckiger Unglaube ist nichts anders als vermummte Untugend. Man kann nicht glauben, weil man nicht will. Und man will nicht glauben, weil man nicht tun will, was zum Glauben erfordert wird. Wollt ihr es aus dem Munde Jesu selber hören? So spricht er: So Jemand will des Vaters Willen tun, der wird inne werden, ob diese Lehre aus Gott sei. (Joh. 7, 17.) Geliebte, lasst euch warnen. Das Wort: „Glaube muss gegeben werden, man kann nicht glauben, wenn man will“, ist in dem Sinne, wie es oft gebraucht wird, als ein Deckmantel der Trägheit und des Unwillens bei gefühlter Überzeugung eine gotteslästerliche Unwahrheit. Es ist als sagte man: „Gesundheit ist eine Gabe; man kann sie sich selber nicht geben.“ Nein, das kann man nicht. Aber man kann doch, wo sie einmal verloren ist, Mittel annehmen, um sie wieder zu erlangen. Der Glaube ist die Gesundheit der Seele. Es sei zugegeben, dass man von Natur ohne Glauben und also krank ist. Aber allen sind doch zugleich die Mittel angewiesen, wodurch diese Krankheit weggenommen werden kann. Diese Mittel sind: strenge Enthaltung einerseits, fleißiger Gebrauch der verordneten Heilsmittel andrerseits. Enthaltung von - der Sünde, der Welt, und im allgemeinen von Allem, was die Wirkungen des Heiligen Geistes zur Erweckung des Glaubens in uns hindern kann.

Gebrauch von allen Gnadenmitteln: dem Lesen des Wortes, der öffentlichen Predigt, dem Umgang mit gläubigen Freunden des Herrn, und vor allem dem verborgenen Umgang mit Gott! O, wo man mit einem römischen Kornelius bei Gott das Zeugnis hat, dass man Gott fürchtet mit seinem ganzen Hause und viel Almosen gibt und immer betet (Apostelg. 10, 2.): da steht, grade wie bei Kornelius, mit dem Prediger des Evangeliums auch der unsichtbare Prediger, der Heilige Geist, vor der Türe des Herzens, um den noch mangelnden Glauben zu schenken. Darum sehe ein Jeglicher sich selber vor! Er, der die Toten aus dem Grabe wiederbrachte, wird einst die Augen des mutwillig Blinden öffnen. Wenn bei dem Aufspringen aller Gräber sein Staub erstehen wird auf die Stimme, nach welcher seine Seele nie hat hören wollen; wenn er vor dem Stuhl der Entscheidung wiederholt hören wird, was wir ihm (jetzt noch!) von dem Stuhl der Lehre und Ermahnung zurufen: Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben; wer aber dem Sohne nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm!

Doch wenden wir das Auge von diesen Unglücklichen ab, um es auf angenehmere Gegenstände zu richten. Dann fällt es zuerst auf Martha.

Martha. Sie ist euch und mir eine alte Bekannte. Ihr Bild, im Evangelio mit einzelnen Meisterzügen gezeichnet, steht gewiss euch allen vor dem Geiste. Mit Recht hat man sie den „Petrus“ ihres Geschlechts genannt. Lebendig, feurig, aufbrausend wie Jonas Sohn, war sie im andern Augenblick auch wieder ebenso schwach, kleinmütig und niedergeschlagen, wie er. Jetzt stark wie ein Felsen, dann morsch wie ein Rohr, das vom Winde hin und her beweget wird. Solche Herzen, wenn sie einmal zum Glauben gebracht sind, behalten auch im Leben des Glaubens ihren eigentümlichen Charakter: die Pflanze des Glaubens kann wohl in ihnen keimen und wachsen, aber sie bleibt doch durchgehend dem wechselnden Einfluss von Sonnenschein und Unwetter bloßgestellt, so lange bis die Kraft der Gnade sie ganz stark und fest gemacht hat. Die Gläubigen, die aus diesem Geschlecht hervorgehen, sind solche, die man durchgehend Kleingläubige nennt.

Auch Martha war eine solche Kleingläubige. Ihr Herz war unaufhörlich zwischen Glauben und Unglauben geteilt. Sah sie auf Jesum, dann glaubte sie. Sah sie aufs Grab, dann war ihr Glaube verschwunden. Vergegenwärtigt euch ihr Zusammentreffen mit Jesu noch einmal. Kaum hat sie gehört, dass Jesus gekommen ist, so eilt sie zu ihm. Das erste Wort, das von ihren Lippen fließt, ist eine Klage; aber sie hat ihn bloß anzusehen und siehe! sogleich schießt der Keim ihres Glaubens unter dem majestätischen Anblick des Herrn wie ein Wunderbaum empor. Aber ich weiß auch noch, dass, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben. Dein Bruder soll auferstehen! Diese so große, so unerwartete, so unbeschränkte Verheißung scheint ihr nun wieder zu groß. Ja, er wird auferstehen, am jüngsten Tage. Da ist ihr Glaube wieder am Sinken. Jesus reicht der Sinkenden die Hand, hebt sie empor und stellt sie auf den Felsen seiner Allmacht und Liebe: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Glaubst du das? Ja; sagt sie und ist wieder die Gläubige von vorhin; ich glaube, dass du bist Christus. Aber kaum ist das Grab geöffnet, kaum weht die Verwesungsluft ihr entgegen, als diese das Feuer ihres Glaubens wieder ganz auszulöschen droht: Herr, er stinkt schon. Weißt du wohl, dass er schon vier Tage im Grabe gelegen hat? Und Jesus muss den glimmenden Docht wieder anfachen mit der Verheißung: Hab ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen? So bleibt sie bis ans Ende wechselweise glaubend und wankend, wankend und glaubend, bis dass jeder Zweifel unmöglich geworden ist und Jesus ihren Kleinglauben durch die Tat beschämt hat!

Siehe, das ist das Bild des Kleingläubigen, ein Bild, worin sicher mancher sich selbst wiedererkennt.

Man hat Jesum als das Eine, was not ist, kennen gelernt; man hat ihm Haus und Herz geöffnet; man ist glücklich, ihm dienen zu dürfen; man hat ihn lieb, gleichwie man von ihm geliebt wird. Man setzt denn nun auch Vertrauen auf seine Liebe; denn was wäre Liebe ohne Vertrauen? Wenn man also in Not oder Beschwerde kommt, ist die erste Zuflucht zu ihm, und das Gebet, zu ihm emporgesandt, ist der Bote, der zu ihm geht ihm zu sagen: Herr, den du lieb hast, der liegt krank. Die Seele, an der du so oft deine Liebe verherrlicht hast, ist in Not und bedarf deiner Hilfe. Aber der Herr bleibt aus, das Gebet wird nicht augenblicklich erhört; die Not wird nicht aufgehoben. Nun beginnt man zu zweifeln. Es ist wahr, er hat Ein für alle Mal in seinem Wort wissen lassen: Diese Krankheit, diese Prüfung, dieses Leiden, dieser Verlust, ist nicht zum Tode, sondern zur Herrlichkeit Gottes. Die dir zugesandte Versuchung hat einen herrlichen Zweck und wird mit einer seligen Auskunft gekrönt werden. Aber in der Betäubung der Betrübnis hat man an diesem allgemeinen, unbestimmten Versprechen nicht genug. Man will bestimmt wissen, wann, woher und wie die Rettung kommen wird. So schwankt man zwischen Glauben und Unglauben hin und her. So herrschen abwechselnd Tag und Nacht in der Seele. Offenbart sich uns der Herr, vergegenwärtigt sich die Erinnerung an frühere wunderbare Aushilft unserm Geiste, wird unter dem Lesen des Wortes der Verheißung unser Herz fühlbar ergriffen, erfahren wir bei und nach dem Gebet große Erleichterung in der Seele: dann glauben wir, dann bricht unser Glaube durch alle Dunkelheit hin, dann heißt es: Du bist Christus! Du bist der Sohn Gottes! Du bist die Auferstehung und das Leben! Gott wird mir durch dich alles schenken, was du für mich bittest. Aber - hält sich der Herr aus Liebe fern von uns; steigen entmutigende Bedenken in unserer Seele auf; werden unsere Herzen nicht alsbald unter dem Lesen des Wortes Gottes lebendig ergriffen; können wir nicht beten, wie sichs gebührt: dann wanken wir wie Martha! Dann heißt es: Du hättest hier sein müssen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Er wird auferstehen, aber erst am Jüngsten Tage. Er hat schon vier Tage im Grabe gelegen. Ja, dann möchte man mit Martha dem Herrn selbst gegenüber, wohl darauf bestehen wollen, dass es zu spät ist, dass er nicht mehr retten kann.

Ists nicht also, mein Bruder? Ists nicht also, meine Schwester? Und doch, lasst es uns einander bekennen: es ist also nicht gut. So kehren wir die Ordnung des Heils mit Einem Male um. Das ist doch das Eigentümliche des Glaubens, dass man nicht auf sich selbst, sondern auf Jesum sieht. Du machst es grade umgekehrt. Du siehst nicht auf Jesum, nur allein auf dich selbst. Weil dein Vertrauen schwächer ist, muss Jesus wieder treu sein. Du darfst dir eine solche Verheißung nicht zueignen! Du darfst so was Großes nicht erwarten! Du bist einer solchen Verheißung nicht wert! Du, du, und immerzu du! Darauf antworte ich dir: Was ist daran gelegen? Jesus fragt nicht: was du bist, oder du kannst, oder du erwartest, oder du verdienst, er sagt bloß: Ich, Ich bin die Auferstehung und das Leben! Glaubst du das? Glaubst du das, glaubst du es mit Anwendung auf dich selbst, du Trauernder, Betrübter, Geprüfter, Bekümmertster unter uns? Dann hast du weiter nach nichts zu fragen. Du glaubst: das ist genug. Du sollst die Herrlichkeit Gottes sehen!

Nein, ich will nicht hart gegen euch sein, ihr Kleingläubigen in unserer Mitte! Der Herr hat mir verboten, vor allem verboten, Kleine zu ärgern, zu betrüben. Ich weiß, dass der Herr auch euch als die Seinen lieb hat. Es steht geschrieben, dass Jesus Martha sowohl, als Maria und Lazarus lieb hatte. Gott sei Dank! Unser Herr ist wohl derselbe wie der auserwählte Knecht bei Jesaia, von welchem geschrieben steht, dass er das zerstoßene Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Tocht nicht auslöschen würde. (Jes. 42, 3.) Auch die Kleingläubigen sind auf dem Wege zum Himmel, obschon sie diesen Weg mit wankenden und zitternden Füßen wandeln. Ach, was ist aller Kleinglaube anders, denn ein beständiges Gebet um einen größeren Glauben: Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben! Ich will also den Kleingläubigen nicht betrüben, indem ich ihn von oben herab strafe. Aber ich muss ihm doch in Liebe sagen: du bist die Ursache deines eigenen Leids. Du machst es dir unnützer- und unnötiger Weise so mühsam und schwer. Du reisest deinen Weg in Dunkelheit und mit Betrübnis, während du ihn mit Freudigkeit reisen könntest. Du bist wie ein Reisender, der mit einer wankenden Fackel in der Hand in der Nacht dahin geht, während über seinem Haupte die festen Sterne hell am Firmament stehen. Darum lass dir die Fackel aus der Hand nehmen und dich auf diese Sterne hinweisen. Aber nein! Fester und standhafter als die festen Sterne am Himmel ist Er, der auf den Sternen wandelt; er, der das Licht des heilsbegierigen Glaubens ist! Das Haupt empor also, Marthas unter uns, das Auge nach oben! Das Auge vom Grabe auf Jesum! Von euch selbst auf ihn! Von eurem Gebet, von eurem Befinden, auf seine Verheißung, auf sein Wort!. So wird zu seiner Zeit das Licht in der Finsternis aufgehen! Und eine selige Beschämung wird euch das Haupt in den Busen verbergen lassen, wenn der Herr nach dem Stillen des Sturmes euch fragen wird: Ihr Kleingläubigen, warum habt ihr gewankt?

Lieblich war uns dieser Blick auf Martha. Und doch wartet unser ein noch angenehmerer Blick, es ist der Blick auf Maria. Auch sie ist uns von früher bekannt. Ein Glück für mich, denn wer mags wagen, sie ausführlich zu schildern? Man hat etwas getan, indem man sagt: sie war der „Johannes“ ihres Geschlechts. Wie Johannes an der Brust des Herrn lag und aus seinem Herzen das Leben der heiligsten Liebe trank, so saß sie zu den Füßen Jesu gefesselt und nährte sich mit seinem Worte als ihrer Speise. Und doch, obschon mit dem stillen und sanften Johannesgeist erfüllt, hatte sie zugleich den Adlerblick des Busenjüngers, der durch den Nazarenermantel hin bis ins Innerste, bis zum Göttlichsten in Jesu durchdrang. Einmal sogar war sie dem Auge des Johannes voraus: als sie Jesu Begräbnis feierte, ehe Jemand etwas von seinem Tode vermutete; als der weibliche, in dieser Beziehung beinahe unfehlbare Blick, durch die Kraft des Glaubens geschärft, in Jesu Benehmen noch mehr als in seinen Worten eine Zukunft las, welche die Jünger unmöglich wähnten! Sie hatte also ein ganz anderes Wesen als Martha. Still, ruhig, in sich gekehrt: aber stark, unbeweglich und fest. Marthas Schifflein trieb auf den Wogen hin und her; das ihre lag an dem Anker von Gottes Wort unbeweglich fest. Aus diesem Geschlechte gehen solche hervor, welche vorzugsweise den Namen Gläubige verdienen. Maria war eine Gläubige.

Seht auf ihr Zusammentreffen mit Jesu. Es ist wahr, sie spricht wenig. Aber das liegt ganz in ihrem Charakter. Mehrmals war Jesus es, der das Wort für sie ergreifen und ihre eigenen Gedanken dolmetschen musste. Maria hat das gute Teil erwählt. Solches hat sie getan zu meinem Begräbnis. So auch jetzt: Jesus liest in ihrer Seele. Das ist ihr genug. Das einzige Wort, das sie spricht, ist die fast mechanische Wiederholung des Wortes, welches in den letzten Tagen oft im Munde der beiden Schwestern gewesen war. Und doch drückt sich auch in diesem kurzen Wort ihr Mariasinn aus. Ist doch im Grundtexte zwischen ihren und Marthas Worten ein kleiner, aber wesentlicher Unterschied. Martha spricht mehr ins Unbestimmte: wärst du hier gewesen, dann würde mein Bruder nicht gestorben sein. Maria mehr bestimmt: dann wäre er nicht gestorben, ja, dann hätte er nicht sterben können. Und wenn ihr euch nun Maria dabei vorstellt, von der ausdrücklich gemeldet wird, dass sie zu Jesu Füßen fiel, wie eine Bittende; wenn ihr euch diese bittenden Augen vergegenwärtigt, voll Erwartung und Hoffnung auf Jesus gerichtet… dann habt ihr das Stillschweigen Marias verstanden, das noch kräftiger spricht als selbst der Glaubensruhm Marthas, dann habt ihr das stille Gebet gehört, worauf als die einzig mögliche Antwort die Frage Jesu folgen musste: wo habt ihr ihn hingelegt?

Ja, Maria war auch hier, grade wie überall sonst, Maria: das ist das Bild des stillen, aber festen Glaubens. Das Wort Jesu, das der Bote ihr überbrachte: die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Herrlichkeit Gottes, auf dass ihr glauben möchtet. Dieses Wort, das an der Martha längst vorüber gegangen war, und woran noch am Grabe Jesus sie erinnern musste, hatte Maria aufgefangen und wie einen versiegelten Brief in ihrem Herzen bewahrt. Kaum hört sie: der Meister ist da! da liegt sie schon ihm zu Füßen. Das ist genug. Sie braucht nicht mehr zu sagen. Sie braucht ihm dieses Wort nicht vorzuhalten, was auch ihre Demut ihr nicht gestattet hätte. Sie sagt einfältig: du hast mich gerufen, hier bin ich. Und Jesus, er antwortet ebenso einfach: Hier bin ich! wo habt ihr ihn hingelegt?

Herrlicher Marienglaube! Selig, wer dich besitzen darf! Selig ihr unter meinen Zuhörern, die ihr euch selbst in diesem Bilde wiedererkennt. Ihr seid über die Marthazweifel erhaben. Ihr haltet euch fest an des Herrn Wort. Er hat's gesagt; es steht geschrieben, das genügt euch. Und scheinen nun auch Himmel und Erde und Hölle ihm zu widersprechen, ihr zweifelt nicht: er hat's gesagt! Hat er gesagt: die Krankheit ist nicht zum Tode; dann wird sie uns nicht zum Tode sein, und wäre Lazarus tausendmal gestorben. Hat er gesagt: bittet, so werdet ihr nehmen, dann werdet ihr auch nehmen, und bleibt die Erhörung noch so lange aus. Hat er gesagt: Ich bin gekommen selig zu machen, was verloren war, dann wird er euch auch selig machen, und wärt ihr ein noch so großer Sünder. Hat er gesagt: Niemand wird meine Schafe aus meiner Hand reißen, dann werdet ihr auch nicht verloren gehen, und würdet ihr auch noch so angefochten, ja, ginge der Satan um euch her wie ein brüllender Löwe, suchend, wie er euch verschlinge.

Nicht dass ihr darum hochmütig auf euch selbst trotzt oder euch vermessen über Andere erhebt, wie die Welt euch lästert. Im Gegenteil, der Glaube ist demütiger als der Unglaube. Maria ist demütiger als Martha. Denn während sie, die vorzugsweise Demütige, zeigt, dass sie noch tiefer als Martha ihre geistliche Armut und die göttliche Größe Jesu fühlet, hat sie gleichwohl nicht Mut genug, wegen dieser scheinbaren Beschwerde das wirkliche und wahrhaftige Wort des Herrn in Zweifel zu ziehen, dass der Herr sie lieb hat. Mich dünkt, jene Botschaft: Herr, den du lieb hast, der liegt krank! muss sie dem Boten in den Mund gelegt haben. Das ist ihr Geist. Nicht: der dich lieb hat. Sondern: den du lieb hast. Das war der Rechtsgrund ihres Gebets. Das ist der Rechtsgrund aller Gebete, der Grund alles Glaubens! Marthas unter uns! Beneidet ihr eure Schwestern? Wünscht ihr Marien zu werden? Kleingläubige! wünscht ihr einen größeren Glauben zu besitzen? Folgt Marias Beispiel. Setzt euch zu Jesu Füßen. Prägt euch sein Wort tief ins Herz. Legt ihm in Zeiten der Not dieses Wort vor die Füße. Er wird euch hören, so wahrhaftig ihr den Liebesnamen des Einzigen an der Stirne tragt! - Und ihr Glücklichen, denen es gegeben ist, so fest zu glauben: verherrlicht Gott in der Kraft eures Glaubens. Erkennet dankbar: es ist seine Kraft in euch mächtig. Höret auch ihr nicht auf, euren Glauben zu üben, eingedenk dessen, dass unser Kampf auf Erden ein Kampf des Glaubens ist. Und vor Allem, je mehr ihr den Wert eines standhaften Glaubens habt kennen gelernt, desto brünstiger betet von Tag zu Tag: Herr, stärke mir den Glauben!

Geliebte! Man kann einen kleinen Glauben besitzen. Man kann ein Gläubiger sein. In beiden Fällen bringt man das Ende des Glaubens davon, nämlich der Seelen Seligkeit. Aber man darf nicht ohne Glauben sein. Der Ungläubige wird die Seligkeit nicht ererben. Wenn ich darum den Kleingläubigen zugerufen habe: trachtet nach Glauben! und den Gläubigen: trachtet danach, stets gläubiger zu werden! so kehre ich noch einmal zu denen zurück, für die ich Gott gebeten habe, dass meine Predigt an erster Stelle gesegnet sein möchte. Ach, ich habe drei Sorten genannt. Und doch, fürchte ich, wird die erste Sorte in unsrer Mitte leicht so zahlreich sein, als die beiden andern zusammen. Darum lege ich nochmals mit gefalteten Händen euch die Frage vor, womit ich begann: Geliebte, wer ihr sein mögt, glaubst du? Paulus nennt irgendwo das Evangelium einen Geruch, einen Geruch des Lebens zum Leben denen, die behalten werden, einen Geruch des Todes zum Tode denen, die verloren gehen. Wie passt dieses Wort zu dem Evangelium unserer Predigt! Auch aus Lazarus Grabe ist ein Geruch aufgestiegen! Ist es ein Geruch des Lebens? Ist es ein Geruch des Todes? O, es geschah doch nicht zufällig, dass ihr hierher geführt wurdet, dieses Evangelium zu hören, ebenso wenig als es Zufall war, dass die Ungläubigen an Lazarus Grabe erschienen. Und nun, was habt ihr an diesem Grabe gefühlt? Ein Zittern von Dankbarkeit und Freude

bei dem Anblick der erlösenden Macht und Liebe Jesu? Das ist der Geruch der Auferstehung, der Vorschmack der Seligkeit. Ein Zittern von Entsetzen und Angst bei dem Anblick von der Tod und Grab überwindenden Majestät und Hoheit Jesu? Das ist der Geruch des Todes, der Vorbote der Verwesung. Oder habt ihr überhaupt nichts gefühlt? Seid ihr kalt und kühl geblieben, wie der Stein, worauf Lazarus liegt? Ach, das ist das allerärgste! Das ist das Zeichen des völligsten Todes, der allerunseligsten Verhärtung. Doch was rede ich vom Tod in deiner Gegenwart, Herr, der du die Auferstehung und das Leben bist? Du kannst ja sogar Tote lebendig machen! lass denn deine lebendigmachende Stimme durch diese Räume erklingen, worin so viele Tote sind. Rufe sie heraus aus ihren Gräbern, die unsere Stimme nicht zu erwecken vermag. Lass uns nicht von hier gehen, ohne deine Gnade - sei es nur an einer einzigen Seele - verherrlicht zu haben. Und du, Vater, verherrliche deinen Sohn, auf dass dich dein Sohn auch verherrliche! Amen.

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So nach van der Palms Bibelauslegung. Idumäa oder Edom war ein Grenzland von Palästina gegen Mittag.
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