Beets, Nicolaas - Die natürlichen Folgen der Sünde und ihre Natur.

Beets, Nicolaas - Die natürlichen Folgen der Sünde und ihre Natur.

Gen. 3,7-13.
Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, und wurden gewahr, dass sie nackend waren und flochten Feigenblätter zusammen und machten ihnen Schürzen. Und sie hörten die Stimme Gottes des Herrn, der im Garten ging, da der Tag kühl geworden war.1) Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesichte Gottes des Herrn unter die Bäume im Garten. Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte deine Stimme im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackend; darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dirs gesagt, dass du nackend bist? Hast du nicht gegessen von dem Baume, davon ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baume und ich aß. Da sprach Gott der Herr zu dem Weibe: Warum hast du das getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich also, dass ich aß.

Das Wort der Schlange fand Glauben; am Worte Gottes zweifelte man. Von der verbotenen Frucht des Baumes zu essen schien köstlich; das Traumbild, wie Gott zu sein, unwiderstehlich. Das Weib hat genommen, gegessen, mitgeteilt. Auch ihr Mann nahm und aß. Die erste Missetat ist begangen; mit aller Macht das Wesen der Sünde in das Wesen des Menschen durchgedrungen. Die unmittelbaren, die natürlichen Folgen bleiben keinen Augenblick aus.

Wer mag den traurigen Zustand der ersten Sünder im ersten Augenblick nach ihrem Fall beschreiben? Jeder, der gesündigt hat, weiß auch selbst aus Erfahrung, was sie müssen gefühlt haben; aber um zu wissen, wie sehr sie es fühlten, dazu würde man, wie sie, das Glück der Heiligkeit zuvor gekannt haben müssen. Mit welchen Blicken sehen sie einander an! Mit welcher Wahrnehmung kehren sie bei sich selber ein! Und wenn sie an Gott den Herrn denken, welches Zittern überfällt sie dann! Sie wurden gewahr, dass sie nackend waren, sagt die Schrift. Ein ungekanntes, ein unbeschreibliches, ein unseliges Gefühl bemeistert sich ihrer Seele. Ein Gefühl von Machtlosigkeit, von Mutlosigkeit, von Erniedrigung.

Mit tiefer Niedergeschlagenheit wenden sie die Augen voneinander ab; sie schlagen sie beschämt nieder; sie schlagen sie mürrisch wieder auf; abermals begegnen sich diese Augen; diesmal mit Zorn; und bald mit einem Ausdruck, der keine Betrübnis ist, kein Hass, keine Liebe, und wobei ein Gefühl wach wird und ihr ganzes Wesen durchzittert, nicht ungleich dem Gefühl, was sie zugleich verlangen und beben ließ, als die verbotene Frucht eine Lust wurde für die Augen. Ein Gefühl von Unreinheit ist ein Gefühl von Unsicherheit. Sie zittern, einander gegenüber zu stehen; sie erschrecken, einer in der Macht der Blicke des andern zu sein; ja sie sind scheu vor ihrem eigenen Anblick… Sie sehen sich um nach Bedeckung, nach Beschirmung… und der Feigenbaum muss seine Blätter hergeben, um die Nacktheit des gefallenen Bildes Gottes ans Licht zu bringen, indem sie dieselbe verbergen. Sie flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürzen. Aufgeprunkte Welt, da ist der erniedrigende Ursprung deiner schönen Kleiderpracht!

Die Bedeckung mit Feigenblättern mag für den Augenblick einige Ableitung geben… aber was ist das, was sie hören? Es ist das kenntliche und wohlbekannte Zeichen der Annäherung Gottes, der ihnen erscheint. Sie hören die Stimme Gottes des Herrn, der im Garten ging, da der Tag kühl geworden war. Nicht in einem Sturm, nicht in einem Erdbeben, nicht in einem Feuer kommt er zu ihnen, sondern wie bisher im Rauschen einer sanften Abendkühle. Doch als diese nur eben die Blätter bewegt und der Gedanke an den Heiligen, dessen Gebot sie übertreten haben, ihre Seele ergreift, ist es ihnen unmöglich zu bleiben, wo sie sind, unmöglich den Herrn ihren Gott abzuwarten; und ob es unmöglich wäre, ihm zu entfliehen, so treibt sie doch die Furcht weiter und weiter, bis die mit Feigenblättern Bedeckten den dichtesten Schatten mitten im Garten erreicht haben; als ob das Auge des Herrn, als ob seine Stimme, als ob sein Arm sie dort nicht erreichen könnte.

So versteckte sich Adam mit seinem Weibe vor dem Angesichte Gottes des Herrn mitten im Garten. Das ist also jener Adam, nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen, um ein Herr der ganzen Schöpfung zu sein; das jenes Weib, aus seinem Busen genommen, um ihm zu einer Gehilfin, ihm zu einer unaussprechlichen Freude zu sein. Das ist jenes Menschenpaar, so heilig von Herzen, so hell von Verstand, so glücklich im tiefsten Besitze ihrer Selbst, so selig in einander, so froh in Gott! Besudelt, krank, erniedrigt, von Scham und Angst gefoltert, kaum noch wiedererkannt von dem Geschöpf, das den Aufblick ihrer Augen zu weiden pflegte, und nichts so sehr fürchtend als das Auge ihres Schöpfers, suchen sie Trost bei Laub und Schatten, bei Dickicht und Finsternis.

Ein Augenblick von Zweifel an der Liebe, welche ihnen alle Bäume dieses Gartens gepflanzt hat; ein Augenblick kitzelnder Begierde, schmeichelnden Hochmuts und Sinnengenusses hat sie dahin gebracht. So treulich hat der Versucher Wort gehalten. Sie sollten mitnichten sterben. Aber wenn das der Tod noch nicht ist, was sie an ihrem Herzen und Leben jetzt nagen fühlen, wie schrecklich muss der Tod dann sein! Ihre Augen sollten geöffnet werden. Sie sind auch geöffnet; aber um ihre Nacktheit, ihre Schande, ihre Schuld, und über der ganzen Schöpfung einen Nebel zu sehen. Wie Gott sollten sie sein. Aber sie zittern bei dem bloßen Gedanken, wer Gott ist. Was gut und böse ist, sollten sie erkennen. Ja sie erkennen es das Böse als ihr eigenes Teil, das Gute als für immer verloren!

Mit solcher Münze bezahlt der Versucher. Das ist der Sünde Sold. In den sechzig folgenden Jahrhunderten ist es nicht anders gewesen. Die Geschichte der sündigenden Menschheit ist die Geschichte einer Menschheit, die unaufhörlich betrogen wird. Der Tod hat geherrscht von Adam an bis auf diesen Tag; noch hat der Satan Mut, noch findet er eine Stätte für das Wort: Ihr werdet mitnichten sterben; noch verspricht er Auftun der Augen, Gottgleichheit. Ein Geschlecht nach dem andern pflückt und ist von der verbotenen Frucht; ein Geschlecht nach dem andern schwindet hin unter seiner Scham, unter seinem inneren Gefühl von Ohnmacht und Unreinheit; Geschlecht auf Geschlecht lebt unter wechselseitigem Vorwurf, bei gemeinsamer Bedeckung seiner Schande und Blöße; Geschlecht auf Geschlecht fühlt in seinem Gewissen den Schrecken des Herrn, dem es bei dem Geschöpf, dem es bei dem größten Abstand von Gott, dem es in der dichtesten Finsternis zu entfliehen strebt, aber nicht zu entfliehen vermag.

Meine Leser! wer von uns hat keinen Teil an diesem Schuld- und Schande- und Leid- und Angstgefühl? Wer ist ein Sünder und fühlt sein Herz nicht krank, seine Seele nicht unrein? Wer ist ein Sünder und drückt sich nicht zusammen oder nimmt die Flucht bei dem Gedanken an einen heiligen Gott? Wer pflückt aufs Neue eine Frucht von dem verbotenen Baume und fühlt nicht aufs Neue und mit frischer Kraft, was seine ersten Eltern und was er selbst schon so viele Male gefühlt hat und was den Grundton von dem traurigen Seelenzustand des sündigen Menschen ausmacht? Ach, wie können wir denn, bei einer immer erneuten Verführung, die Sünde noch lieb haben, welche sechzig Jahrhunderte die inwendige Plage und der Fluch der Menschheit gewesen ist und Ursache ist von allem unsern inneren Jammer und Unfrieden? Wie können wir in der Stunde der Versuchung aufs Neue vergessen, was wir so oft erfahren haben? Wie bei der beständigen Erfahrung dieser Schmerzen getrost bleiben? Leidenschaftlicher Jüngling, leichtsinnige Jungfrau, Mensch, wer du bist, denn nicht die Jugend allein steht diesen Versuchungen bloß, warum stand in jenem verführenden Augenblick, wo „die verstohlenen Wasser so süß und das verborgene Brot so niedlich schien“2), das traurige Bild dieser händeringenden Eva, dieses zitternden Adams nicht in euren Herzen auf? Kranke Seelen, bebende Herzen, allezeit in Furcht vor dem verzehrenden Feuer der Heiligkeit Gottes und selbst der sanften Kühle, worin Langmut und Gnade rauschen, misstrauend, kann solch Leben ein Leben, kann es euch einen Augenblick erträglich sein? Kann diese eure Krankheit und diese eure Angst etwas anderes, etwas geringeres in euch wirken als ein ernstes Stillstehen, als eine tiefe Bußfertigkeit, als eine aufrichtige Bekehrung?

Ach, sie können es. Schrecklich sind die natürlichen Folgen der Sünde; aber es liegt nicht in ihrer Natur, die Bekehrung zur Folge zu haben. An sich selber sind sie unfruchtbar, an sich selber nur fruchtbar zu neuer Sünde. Auch das ist an den ersten Sündern ersichtlich.

Wenn wir diesen Adam, diese Eva der Scham und Angst zur Beute werden sehen, dann hat unser Herz, obgleich von einem tiefen und innigen Mitleiden ergriffen, dennoch Gründe, sich zu freuen. Ihr Elend jammert uns, aber ihre Empfindung tut uns wohl. Es ist trostreich, zu sehen, dass der Mensch nicht fallen kann ohne Schmerz; dass das Bild Gottes sich rächt im Gewissen, das Misstrauen gegen seine Liebe sich rächt durch den Schrecken seiner Heiligkeit. Dass bei dem ersten Schamgefühl nach den Feigenblättern gegriffen wird, beim ersten Vernehmen des Herannahens des Herrn an Flucht gedacht wird, das kann uns nicht verwundern; aber wie viel lieber hätten wir sie gesehen, das Angesicht mit den Händen bedeckt, das Haupt in den Staub niedergebeugt, ihre Schuld nicht nur empfindend, sondern auch betrauernd. Ach, wir sehen sie nicht bloß vor Gott flüchten, sondern in dieser Flucht verharren und von Gott eingeholt, durch die Stimme seiner Liebe zurückgerufen, vor sein Angesicht treten, nicht mit bußfertigen Tränen, nicht mit demütigem Bekenntnis der schweren Schuld, sondern bereit, sie zu leugnen, sie zu bedecken, sie von sich auf einander, ja zum Teil auf Gott selbst zu schieben.

Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte deine Stimme im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackend; darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dirs gesagt, dass du nackend bist? Hast du nicht gegessen von dem Baume, davon ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baume und ich aß.“ Ich bin nackend; darum versteckte ich mich. Ich habe gegessen, ja, aber durch Verführung dieses Weibes; dieses Weibes, das du (zur bösen Stunde!) mir zur Seite gestellt hast! „

Der liebreiche Vater empfängt von seinem ungehorsamen Kinde in diesem ernsten, aber sanftmütigen Verhör, nichts als lügenhaftige, ausweichende Antworten, ja einen beiläufigen Vorwurf. Schuldgefühl ist da, aber keine Reue; das Herz fühlt Schmerz, ist aber nicht gebrochen; ist im Gegenteil verbittert. Adams Herz wird von Angst zusammengepresst, aber von einer solchen, die ihn seinem Gotte ins Angesicht fliegen, statt ihn mit Furcht und tiefem Entsetzen auf die Knie niedersinken lässt. Und diese Eva, dieses Weib: als jenes entsetzliche Wort sie trifft: warum hast du das getan? sinkt auch sie nicht zur Erde; schmilzt auch sie nicht weg in Tränen vor dem Gott, dessen Liebe sie verkannt, dessen Gebot sie geschändet hat, dessen Bestrafung so ernst, so feierlich sie trifft; ist auch ihr erstes Wort nicht: ach, mein Herr und mein Gott! ich bin schuldig, ich bin die schuldigste, ich habe genommen, ich habe gegessen, ich habe meinem Manne gegeben! Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich also, dass ich aß.

Sie hat dich betrogen, Unglückliche! und sie betrügt dich noch einmal. Sie hat dir den Weg des Todes verdeckt; jetzt verbirgt sie dir den Weg des Lebens.

Das sündige Geschlecht bleibt sich selber gleich. Diese Geschichte wiederholt sich Millionen Male. Die ganze Menschheit fühlt sich nackend, erniedrigt, kraftlos, mutlos durch das inwohnende Verderben, durch beständige Übertretung; der Gedanke an einen heiligen Gott und seine gerechten Gerichte lässt alle erzittern. Feigenblätter und eine ängstliche Flucht unter die dichtesten Bäume machten alle als schuldige, als ihre Schuld fühlende offenbar; aber, wo ist die allgemeine Reue, wo das allgemeine Schuldbekenntnis mit einem zerschlagenen, gebrochenen, bußfertigen Herzen? Ach, während die jämmerlichsten Blätter, auf die gebrechlichste Weise zusammengeflochten, von einem Windzuge auseinander gerissen, von einem Sonnenstrahl verdorrt, als Bedeckung der Nacktheit gelten müssen; während unter jedem grünen Baume ein Versteck gesucht wird vor einem Auge, dem nirgends zu entfliehen ist; während man das Schuldgefühl auf allerlei Weise zu stillen und zu betäuben sucht und flüchtet und den Pfeil des Schreckens vor dem Herrn aus seiner Wunde zu ziehen sucht: bei der allgemeinen Beschuldigung Aller durch Alle, und des Versuchers durch die, welche an das Bestehen des Versuchers glauben, was für Entschuldigungen, was für Bemäntelung, was für Verkleinerung eigener, großer, persönlicher Schuld! Wie viel Lieblosigkeit für die ersten Sünder, für Verführer, Mitschuldige, Verführte; wie viel Undankbarkeit und Widerstand gegen Gott in diesen sündigen, diesen kranken, diesen geängsteten Herzen, die nicht brechen wollen, sondern sich rächen für ihren Schmerz, wenn sie nicht darauf verfallen, ihn zu betäuben oder ihm zu entfliehen! Die Zierlichkeit der Feigenblätter ist im Stande gewesen, die Sünder mit der Schande der Nacktheit zu versöhnen, und wohlklingende Namen verblümen ekelhafte Laster. Die Bäume des Gartens scheinen vorsätzlich gepflanzt zu sein, um zur Verbergung nicht nur, sondern zum Troste des Unglücklichen zu dienen. Angenehme Früchte reichen ihm zum Genusse die niederhängenden Zweige. Schnell schläft er unter dem lieblichen Schatten ein; und beim Erwachen hört er aus den Zweigen ein Lied, das ihm von einem gutherzigen, einem entwaffneten Gott spricht, der gegen den Sünder ja noch weniger zürnen wird als sein eigenes Gewissen - was? der nimmermehr nach ihm oder nach seinem Missgriffe fragen wird. Dieses Lied ist eine Lüge. Sein Name wird gerufen; er wird zur Verantwortung gezogen. Es fehlt ihm an keiner List oder Lüge, um wo möglich dem Gerichte zu entkommen. Sein Benehmen zeugt wider ihn, aber er versteht es zu deuten. Er war nackend; darum versteckte er sich.

Schärfer befragt… spricht er die Wahrheit - aber darin noch kein Schuldbekenntnis aus. Flüsternd sagt er zuletzt: ich habe gegessen; aber nicht bevor er laut gesagt hat: ich bin verführt. Es war das Weib; es war die Schlange; es waren Gottes Gaben! Es war jener gar zu stolze Verstand, jenes gar zu feurige Gefühl, jene gar zu lebhafte Einbildung, die Gott ihm gegeben hatte; es war der gar zu verführerische Überfluss irdischer Güter, zeitlicher Segnungen… Ja, hat es nicht solche gegeben, die, von Gott wegen ihres sündigen Lebens befragt, ihm die Wohltat des Lebens selbst ins Angesicht geschleudert und gesagt haben: warum hast du einen Sünder mehr geschaffen, indem du ihm das Leben schenktest?

Lerne denn der Mensch zittern vor dem Zustand, worin er durch den Sündenfall gekommen ist. Schrecklich sind die natürlichen Folgen der Sünde in dem sündigen Selbstbewusstsein und in dem sich rächenden Gewissen, aber sie hemmen die Sünde nicht, sie sind in dem sündigen Herzen nur die Ursache größerer Sünde. Sich selbst überlassen führen sie zur äußersten Entartung, zur schrecklichsten Verwüstung, zu einem immer tieferen Abfall von Gott, zu einem immer begierigeren Essen verbotener Früchte; Lügen, Frevel, Empörung bringen sie zu Wege. Lässt Gott die sündige Menschheit wandeln in ihren Wegen, die Wanderer können nicht so verzweifelnd, der Weg nicht so traurig sein, dass sie bei sich selber einkehren, dass sie zu ihm zurückkehren. Es ist notwendig, dass er sie zurückrufe, es ist notwendig, dass er sie in ihrer Sünde und ihrem Verderben ihnen selbst entdecke; es ist notwendig, dass er den Finger auf ihre wunde Stelle lege. Es ist notwendig, dass er in ihrem Herzen, ihrem mutlosen und verbitterten Herzen die Hoffnung erwecke; es ist auch notwendig, dass er nicht nur die Sünde sich selber zur Strafe gereichen lasse, sondern in seinen Gerichten sich selbst dem Sünder gegenüber als den Heiligen, als den Rächer aller Ungerechtigkeiten offenbare. Das hat Gott getan, das tut er. Und wo er darin verstanden wird, da bricht das Herz, da bricht es aus in Schuldbekenntnis, da übergibt es sich seinen Urteilssprüchen, da nimmt es seine Züchtigung an.

Da ist Demut, Bußfertigkeit, Bekehrung; und für die Traurigkeit der Welt, die den Tod wirket, tritt die göttliche Traurigkeit an die Stelle, die „da wirkt eine Reue zur Seligkeit, die Niemanden gereut.3)“ Möge denn das Herz eines Jeden, der für das unerträgliche Gefühl seiner Schuld Heil und Trost sucht bei kraft- und heillosen Mitteln; eines Jeden, der dem Gange eines sündigen Geschlechts in seiner unseligen Flucht vor Gott folgt, die Stimme des Herrn hören, der ihm nachruft: wo bist du? Es ist wahr, ein strenges Gericht wird über seine Seele ergehen, keine Ausflucht wird zugelassen, keine Bedeckung der Schande geduldet werden. Aber der da fragt: wo bist du? fragt es aus Liebe; ist mit seiner Liebe da, ja mit einer Barmherzigkeit, die sich wider das Gericht rühmet. Wir wissen es, wir, die unter dem Schalle des Evangeliums in Sünde geboren sind und gesündigt haben. Als Adam von der verbotenen Frucht gegessen hatte und zu sich selber kam, hörte er tausendmal jenes eine, jenes schreckliche Wort sich wiederholen: du wirst des Todes sterben. Und als der Herr ihn aus seinem Versteck hervorrief, da konnte in seinem Herzen nicht aufsteigen das Wort des Trostes, das Wort der Verheißung, welches auf das Verhör folgen, welches dem Ausspruch des Urteils vorangehen sollte. Aber wir wissen es im Voraus, dass er, der uns auf unsrer schändlichen und schädlichen Flucht durch seine Stimme anhält, der Gott ist, welcher bezeugt hat: „Ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daran, dass er sich bekehre von seinem Wesen und lebe.4)“ Wir wissen, dass er zu uns kommt mit der frohen Botschaft von Vergebung der Sünden und Seligkeit. Wer sind wir denn, so wir seine Stimme hören und unser Herz verstocken? Hier sind wir, Herr! deine Liebe, die uns noch lässt hoffen, lässt uns alle unsre Schuld fühlen; sie presst Tränen aus unsern Augen; sie macht uns beschämt. An dir allein haben wir gesündigt und Übels vor dir getan.

Wir habens verschwiegen und Betrug ist in unserm Munde gewesen. Da verschmachteten unsere Gebeine, unser Lebenssaft vertrocknete. Jetzt bekennen wir dir unsre Sünde, jetzt verhehlen wir nicht mehr unsre Schuld. Jetzt sagen wir: „wir wollen dem Herrn unsre Übertretungen bekennen!…“

„Und er vergibt die Schuld unsrer Sünde.5)

1)
1) Nach dem Grundtext: „im Winde des Tages“.
2)
Spr. 9, 17.
3)
2. Kor. 7, 10.
4)
Hesek. 33, 11.
5)
Psalm 32.
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