Taube, Emil Heinrich - Beichtrede am Reformationsfest

Taube, Emil Heinrich - Beichtrede am Reformationsfest

über 2. Kor. 5, 20

von D. Taube, gest. Generalsuperintendent in Königsberg.

In dem Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

In Christo Jesu Geliebte! Es ist ein denkwürdiger Tag, an welchem diesmal die schöne Feier eures Abendmahlsgenusses stattfindet - es ist der 31. Oktober, der Tag, an welchem der erste Schlag geführt wurde, um die verschüttete Quelle des Heils allem Volke wieder aufzugraben und den herrlichen Born, den Gottes Liebe der verlorenen Welt wider alle Sünde und Unreinigkeit bereitet hat, wieder frei und offen zu legen. Die Reformation ist eine deutsche Tat, und wenn wir jetzt über 350 Jahre später mit unsern Augen gesehen haben, was Gott der Herr den germanischen Stämmen gegen die romanischen in hohen Gnaden hat gelingen lassen, sollen wir's dann nicht heute mit tieferem Ernste erkennen: Unser deutsches Volk ist der Bannerträger des Evangeliums!?

Aber der heutige Tag erinnert euch, meine Lieben, noch an ein andres, nicht minder Wichtiges, er stellt euch in die große Aufgabe eures Berufs mitten hinein. Ihr wisst, die humanistischen Studien, denen ihr berufsmäßig obliegt, waren ebenso sehr ein Hauptbeförderungsmittel der Reformation, als diese eine recht mütterliche Freundin der humanistischen Studien war. Damit ist, wie sehr und oft auch in den nachfolgenden Jahrhunderten wieder davon abgewichen wurde, ein für alle Mal mit sieghafter Gewissheit die Brücke geschlagen zwischen Glauben und Wissen, zwischen Christentum und Geisteskultur; es genüge das einzige Wort des großen Augustinermönchs: „Lasst uns das gesagt sein, dass wir das Evangelium nicht behalten werden ohne die Sprachen; denn die Sprachen sind die Scheiden, darin das Messer des Geistes steckt, sie sind der Schrein, darin man dies Kleinod trägt.“ Ja, dass das Kleinod, das ewige Evangelium Gottes, das Zeugnis von dem, in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis, in dem Schreine eures täglichen Arbeitslebens, eures Wissens und Könnens, eures Lehrens und Lernens getragen werde, das ist der reinste Schmuck und das höchste Ziel einer Gelehrtenschule. Am Schreine baut und zimmert ihr täglich, das ist eure nächstliegende Pflicht; aber dass ihr dies Kleinod und kein andres darin tragen wollt, das bezeugt euer freiwilliges Kommen zu den Altären eures Gottes, euer herzliches Verlangen nach dem einigen Trost im Leben und im Sterben. Die sich nicht schämen des Evangelii von dem Gekreuzigten, ob er wohl den Griechen und Römern von gestern und heute eine Torheit ist, die sollen seine Kraft erfahren, sie sollen auch von der Sonnenhöhe der Wahrheit die Lichtstrahlen schauen, die morgenrötlich schon aus der alten Heidenwelt und aus der Geschichte aller Zeiten glänzen. So wollen wir denn heute mitten hineinfahren in das, was wir als den Kern und Stern des Evangelii kennen, was wir als den Segen der Reformation genießen und als das Bedürfnis jeglicher Menschenseele fühlen. Es ist das allezeit vernehmbare Botschaftswort:

„Lasst euch versöhnen mit Gott!“

Lasst mich zur letzten Bereitung eurer Herzen drei Punkte auf Grund dieses Wortes ins Licht sehen:

1. wie not es tut, Versöhnung zu suchen;
2. wie leicht es ist, Versöhnung zu finden;
3. wie selig es ist, Versöhnung zu haben.

1.

„Versöhnung, Versöhnung mit Gott“ das ist, meine Brüder, die große Lösung der ganzen Welt- und Menschengeschichte, weil es die einzige Lösung des tiefsten und schwersten Rätsels in der Menschenbrust ist. Ihr mögt, wie ihr denn täglich tut, die weiten Gebiete der großen Griechen- und Römerwelt durchschweifen, an Roms Altären stehen oder den Pulsschlag des reich und warm in vollen Adern strömenden athenischen Lebens vernehmen, ihr mögt den Sokrates am Markte des Lebens oder in seinen Gesprächen, oder den Meister Tullius in seinem forschenden Wissensdurste oder die griechischen Tragiker in ihren erhabenen Feiertönen belauschen - was ist der Sinn von dem allen? was hieß sie Altäre bauen dem unbekannten Gott, was ist der Sinn ihres ganzen Opferkultus, was der innerste Grund von ihrem heißen Triebe nach Selbst- und Gotteserkenntnis, was das Erschütterndste an den Werken ihrer tragischen Muse? es ist der brennende Drang nach Lösung des tausendfältigen Zwiespalts, der in der Welt ist, weil er durch jede Menschenbrust geht, es ist das heiße Kämpfen und Ringen nach Versöhnung! Vernehmen wir aber aus der Heidenwelt von heute eine andre Stimme, aus den entsetzlichen Selbstzerfleischungen eines indischen Fakirs oder aus den blutigen Menschenopfern des Dschaggernauth1)? es führt alles dieselbige Sprache des unauslöschlichen Durstes der Menschenseele nach Versöhnung mit Gott. Aber wie lehrreich dieser Blick in die innerste Geschichte der Menschen zu allen Zeiten und in allen Zonen auch ist, lernen kann's und wird's und muss es der Mensch nur aus den verborgenen Tiefen der eigenen Seele heraus. Das zeigt uns der Mann, dessen Andenken uns heute so nahe tritt, das zeigen uns die heißen Kämpfe seiner Seele in der düsteren Klosterzelle, da er in den schmerzvollsten Kasteiungen das Kreuzesholz umklammerte und Tag und Nacht rief: „Meine Sünde, meine Sünde, meine Sünde!“ Es war der Notschrei des bedrängten Gewissens, dieses unerbittlichen Zeugen und Richters in uns, der in uns den Stab bricht, so oft wir seine Stimme hören; da hörte er das heimliche Nagen eines Wurmes, der trotz aller Kasteiungen nicht sterben wollte, da fühlte er das Brennen einer Flamme, die trotz aller Büßungen nicht erlöschen wollte, es war der geheimnisvolle innere Drang: ich muss Versöhnung, ich muss Frieden mit Gott haben! Und das ist noch heute der Weg, den jede Seele, die zur Wahrheit in sich selbst und zum Frieden kommen will, gehen muss, dass man der Stimme des Gewissens Gehör gebe, die da sagt: Kein Friede mit Gott ohne Gerechtigkeit vor Gott! und das ist wieder das Resultat aller der sittlichen Anstrengungen, darin sich der Ernst des Strebens nach Gesetzeserfüllung erweist und es sich herzlich sauer werden lässt, dass man erkenne in demütigem Selbstgericht: ich vermag es nicht, eine Gerechtigkeit vor Gott zu bringen, die mir Frieden brächte; im Gegenteil, je ehrlicher und gründlicher ich mich vor den Augen dessen prüfe, der sich nicht um das Gewicht eines Sandkorns täuscht, wenn er den Wert meiner Gedanken, Worte und Werke auf der Waage des Heiligtums abwiegt, desto mehr finde ich, wie unrein und schlammig der Grund meines Herzens ist, und nähre den Seufzer: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ Geliebte Jünglinge und ihr Väter der Schule, kennt ihr aus eigner Herzens- und Lebenserfahrung dieses obschon ohnmächtige, doch gesegnete Kämpfen und Ringen der Seele nach Gerechtigkeit vor Gott, um Frieden mit Gott zu erlangen? Ich weiß es sehr wohl, wie lange der Mensch oft hingehen kann in jenem faulen Frieden des Leichtsinns oder der Gleichgültigkeit, wobei ihm noch niemals ein Strahl aus Gottes Flammenaugen zu Gesicht gekommen ist; ich weiß es auch wohl, wie groß der Selbstbetrug und die Macht der Illusionen ist, die unser Urteil über uns und andre fortgehend bestechen; ja, ich weiß, wie gern sich dies tückische Herz selbst entweicht, wie sich's lieber in alle Tiefen und Höhen, in alle Weiten und Breiten der Wissensgebiete zerstreut, als sich selbst zu gründlicher Erforschung stille zu halten, aber wie können wir dann aus der Wahrheit sein? Und wenn wir nicht aus der Wahrheit sind, was hilft uns dann all unser Mühen und Arbeiten, unser Lehren und Lernen, unser Wissen und Können? es ist eine Saat fürs Fleisch, es dreht sich um dieses kleine, elende Ich, das in Eigensucht, Ehrbegierde und Eitelkeit alle Dinge in der Welt nur auf sich bezieht, während alles menschliche Leben nur insofern Geltung und Segen hat, als es aus Gott, vor Gott, in Gott geführt wird! Dass dieser große Betrug, diese Binde der Selbstverblendung, worin der Mensch ganz anders von sich hält, als Gott ihn kennt, von unsern Augen genommen werde, dies Eine und Erste ist vor allem not; denn wir erkennen die Sünde nicht in ihrem schweren Gewicht vor Gott und fühlen also auch nicht, wie not es uns tue, Versöhnung zu suchen. Es ist ein überaus schmerzlich Zeugnis von jenem Leichtsinn und dieser Gleichgültigkeit, von jener bestrickenden Macht der Selbstverblendung, dass von einer so großen Schar von Jünglingen nur ein verhältnismäßig geringer Teil dieser Notwendigkeit, Versöhnung mit Gott zu suchen, durch den Abendmahlsgang Ausdruck gibt; und es ist umso schmerzlicher, als es

2.

so leicht ist, Versöhnung zu finden, wenn man sie mit einem demütigen und wahrhaftigen Herzen sucht. Wir hörten zuvor, dass die ganze Heidenwelt von ehedem und heute den Zwiespalt in Welt und Herzen fühlt und nach Versöhnung dürstet - aber was war die Antwort auf diesen Notschrei der seufzenden Kreatur? Ein stummer Himmel! sie bleibt sich selbst überlassen, sie zerbricht sich den Kopf in den großen Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Woher das Böse? und wie werd' ich es los? Was ist das Leben und was liegt hinter dem Tode? Sie hat keine Antwort darauf und darum zerarbeitet sie sich in der Menge der eigenen Wege, bis das Herz zu schlagen aufhört. Auch Israels gottbegnadetes Volk, dem doch die Sterne der Verheißung am Nachthimmel leuchteten, das mit seinen vorbereitenden Heilsanstalten schon im Lebenskreis der Offenbarung stand - was ist der Inhalt seiner Jahrtausende? Im letzten Ende der heiße Sehnsuchtsruf, erweckt, genährt und mächtig gesteigert am Lichte der Verheißung und der Erstlinge göttlicher Gnadenverheißungen: Hüter, ist die Nacht schier hin? Ach, dass die Hilf' aus Zion käme und der Herr sein gefangenes Volk erlöste!

Und wir? O, wir gebenedeiten Kinder des Neuen Bundes wandeln im hellsten Mittagslichte der Erfüllung alles dessen, was jemals die seufzende Kreatur begehrt und Gott von Ewigkeit her zum Heile der verlorenen Welt beschlossen hat. Mit dem Eingeborenen vom Vater ist das Leben erschienen und das Licht der Welt, weil das Heil der Welt. Am Heiligen Kreuz fließt das teure Blut des Sohnes Gottes, das da rein macht von allen Sünden - das ist die wahre, die einzige, die ewige Versöhnung, alle Feindschaft ist ausgetilgt, aller Zwiespalt gelöst; denn Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber. Und da der Gebenedeite alles vollbracht hatte, hat er seine Boten bestellt und seinen Geist gesandt und seine Kirche gegründet und in ihr das Amt der Versöhnung aufgerichtet, das nun den vollen Segen seines Evangelii und seines Opfers austeilen soll in aller Welt Enden mit der Freudenbotschaft: Kommt, es ist alles bereit! Ihr Armen alle, die ihr gerne möchtet und nicht könnt, hier fließt der Gnadenbrunn, den jedermann kann trinken! Ihr Mühseligen und Beladenen, die ihr Gerechtigkeit vor Gott zu bringen sucht, um Frieden zu erlangen und beides nicht findet bei euch selbst, selig seid ihr, die ihr hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, ihr sollt satt werden, kommt her zu mir, bei mir werdet ihr Ruhe finden für eure Seele! Sagt doch, Geliebte, ist es denn nicht leicht, nun Versöhnung und Frieden mit Gott zu finden, da, wo der Vater und der Sohn euch die Hände entgegenstrecken, um alle Wunden des Gewissens zu heilen und von allem Verderben zu erlösen?

Unfassbar ist dies Geheimnis der Liebe Gottes in Christo, aber köstlich dem Glauben, der es mit kindlich demütigem Geiste ergreift. Aber die Größe dieser Gnade schließt auch die Größe der Verantwortlichkeit dafür in sich, das sollen wir wohl bedenken. Wir bitten an Christi Statt, im Namen und Auftrag dessen, der da sitzt als Überwinder auf dem Thron des Vaters und kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten, und Gott ist es, der ewig lebende Gott, dessen Liebe tiefer als des Meeres Grund und dessen Zorn wider die Verächter ist wie ein verzehrendes Feuer, dieser Gott vermahnt durch uns, die bittenden Botschafter: Lasst euch versöhnen mit Gott! Die Liebe will dringen, aber nicht zwingen, daher die Bitte in seinem Namen, aber Leben und Friede, Heil und Seligkeit steht auf ihrer Annahme, daher die Vermahnung mit ihrem Mark und Bein durchdringenden Ernst: sie lässt uns sehr nachdrücklich fühlen, wie hart es uns von Natur fällt, uns selbst auszugeben und uns ihm auf Gnade allein hinzugeben. Und doch hängt daran allein das selige Leben in dieser ganzen Wallfahrtszeit und die Hoffnung der Herrlichkeit durch alle Ewigkeiten.

3.

Ja, wie selig ist es, Versöhnung zu haben! Der aufgetane Himmel über uns, ein neues Leben in uns, eine neue Welt um uns - das sind die seligen Früchte, die einem Herzen in den Schoß fallen, das als ein mit Gott versöhntes Vergebung der Sünden empfangen hat. Von unsrer Stellung zu Gott wird unser gesamter Lebenszustand bestimmt; ist man damit nicht im reinen, so gehen wir, uns selbst überlassen, über einem verschlossenen Himmel hin und das ist ein großes Elend; denn die Sünde bezahlt mit lauter Not, und es ist im vollsten Sinne wahr, dass wir in diesem uns selbst überlassenen Zustande unter der Botmäßigkeit der vollen Gewalt der alten Natur stehen; die Fliege an der Wand kann uns ärgern. Wie traurig ist das gerade bei eurem hohen Beruf, der zum Lehren und Lernen, wenn's gedeihen soll, der stillen Gehaltenheit, der Sammlung, der begürteten Lenden so sehr bedarf; doch ohne den Frieden mit Gott und ohne die Contenance2) des Heiligen Geistes wird's keiner weder gewinnen noch behalten können. Aber wie herrlich strahlt der Friede eines mit Gott versöhnten Herzens aus dem Antlitz heraus durch alle Worte und Werke hindurch - da ist der Himmel offen und die Engel Gottes fahren herauf und hinab und Ströme des lebendigen Wassers fließen von dem Leibe solcher friedsamen Glaubensmenschen. Da gestaltet sich der Haushalt des neuen Lebens in uns. Wenn in einer Gelehrtenschule der Hauptaccent nicht sowohl auf der Gewinnung von Kenntnissen, sondern auf der Gesinnung und Richtung des Willens ruht, wenn alle die wichtigen Dinge, die Lehr- und Lernfähigkeit, die Hingabe an den Beruf, der Fleiß und die Ausdauer darin, Erzeugnisse des sittlichen Wollens sind und dieses in der Heiligung des Lebens ruht, dann erkennen wir's ja wohl, dass nur ein in Gott gefasster Geist, ein begnadigtes und von oben her behütetes Herz dazu geschickt und fähig ist. Und wie die Schule ihre besten und reichsten Säfte aus dem unvergänglichen Lebensborne des göttlichen Wortes zieht, so wird auch die Einigkeit im Geiste durch das Band des Friedens nur da sein, wo man sich auf dem Boden des Allerheiligsten versteht und eins weiß. Als Friedenskinder sind christliche Lehrer und Schüler auch allezeit friedfertig und segnen sich durch gegenseitige Förderung auf dem Wege des Lebens. Denn es ist gewiss wahr: Nur der Adel des Christenberufs ist Wehr und Waffe gegen das Gemeine im Menschen.

So komme denn, wer Sünder heißt,
und wen sein Sündengräu‘l betrübet,
zu dem, der keinen von sich weist,
der sich gebeugt zu ihm begibt! Amen. 3)

1)
„Juggernaut“ ist ein Begriff, der sowohl wörtlich als auch metaphorisch verwendet wird, um eine unaufhaltsame Kraft oder einen unaufhaltsamen Gegenstand zu beschreiben, der alles auf seinem Weg zerstört. Es kann sich auf einen sehr großen, schweren Lastwagen beziehen, wird aber meist im übertragenen Sinne für eine mächtige, unaufhaltsame Kraft verwendet. Im Englischen leitet sich der Begriff vom hinduistischen Gott Jagannath ab, dessen riesige Tempelwagen bei Prozessionen so schwer waren, dass sie als unaufhaltsam galten.
2)
Geduld
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