Pischon, Friedrich August - Zeugnisse der Jünger Jesu von ihrem Herrn - Thomas Bekenntnis und des Herrn Berichtigung seines Glaubensgrundes.
Über Joh. 20, 27 29.
Gebet.
Herr, öffne du uns Augen und Herzen, dass wir dich erkennen in deiner Herrlichkeit, nicht trachten nach der Erde sichtbaren Gütern, sondern hinaufwenden Herz und Sinn nach dem, was droben ist, wo du bist, sitzend zur Rechten Gottes. Amen.
Text. Ev. Joh. 20, 27-29.
Danach spricht er zu Thoma: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig. - Thomas antwortete und sprach: mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Dieweil du mich gesehen hast, Thoma, so glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
Wir fahren fort, meine Geliebten, in der Betrachtung der Zeugnisse der Jünger Jesu Christi von ihrem Herrn; um über den Streit der Gegenwart erhoben, aus der Jünger und des Heilandes Munde selbst zu lernen, was der Grund unsres Glaubens sein und wie wir den Herrn im Herzen tragen sollen, den die Welt so oft verworfen hat. Über allen Streit der Meinungen aber stehen uns die klaren unzweideutigen Aussprüche der Jünger Jesu von ihrem Herrn und sein heiliges Wort selbst. Und wie wir schon Petrus und Nathanaels Bekenntnis und des Herrn Ausspruch, welcher Philippus Sehnsucht, den Vater zu schauen, beruhigte und stillte, betrachtet haben; so lasst uns heut auf Thomas Bekenntnis schauen und auf das Wort des Herrn sehen, womit er den Grund des Glaubens seines Jüngers berichtigt.
I. Welches also ist Thomas Zeugnis von Christo Jesu?
Wer ist der, welcher das Zeugnis gibt? Es ist ein Jünger, welchen der Herr mit seinen Mitjüngern sich auserwählt hatte zu der Zahl, welche ihn überall begleitete und seine Wunder und seine Liebe schaute. Er hing mit inniger Liebe an dem Meister; und so vernehmen wir, als der Herr die Nachricht von Lazarus Tode empfangen hat, und hinauf ziehen will nach Jerusalem, wo die Juden ihn hatten steinigen wollen, seine klagende Stimme: lasst uns mit ziehen, dass wir mit ihm sterben!1) Nun ist seine dunkle Ahnung eingetroffen und der Herr hatte es ihm ja auch vorher verkündigt. Sie haben den Herrn und Meister überantwortet in der Sünder Hände, ihn verurteilt und gekreuzigt. Er hat es gesehen, er hat ihn sterben sehen und hin ist all sein Friede und seine Hoffnung. Getrennt von den Jüngern, seinem Schmerz hingegeben, irrt er umher. Da, als er zu seinen Mitjüngern kommt am Abend des Auferstehungstages, erschallt ihm die freudige Kunde: Wir haben den Herrn gesehen! Aber die Größe seines Schmerzes hat auch den Zweifel in seinem Innern erregt. Er ist gestorben! unterlegen der Macht der Welt: so meint er, ist auch seine Kraft dahin; so können seine Brüder nur irren und haben den Auferstandenen nicht gesehen. „Es sei denn, spricht er, dass ich in seinen Händen sehe die Nägelmale und lege meinen Finger in die Nägelmale, und lege meine Hand in seine Seite, will ich's nicht glauben.“ Ein solcher, den Herrn innig liebender, durch seinen Tod tief betrübter, aller höherer Hoffnungen auf seinen Heiland beraubter und an sein ewiges Leben der Auferstehung zweifelnder ungläubiger Jünger ist der, welcher in unserm Text von Jesu, Zeugnis ablegt.
Welches ist nun aber sein Zeugnis? Der Auferstandene, welcher seines Jüngers Liebe und Schwachheit kennt, will ihn nach seiner Milde nicht ohne Trost lassen. Er nimmt sich, wie er oft zu tun pflegt, auch äußerlich des traurigen Jüngers an, er tritt in die Mitte der Seinigen und spricht: „Friede sei mit Euch!“ Er spricht zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände; und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite; und sei nicht ungläubig, sondern gläubig. Da ist alle Sehnsucht des Jüngers gestillt, alles nie geglaubte Heil erfüllt, aller Schmerz geheilt, aller Glaube zurückgekehrt und er spricht aus der tiefsten Überzeugung seiner Seele: Mein Herr und mein Gott! Er ist es selbst, der des ewigen Lebens Worte hat, der ihn nun durch seine Liebe und sein Leiden, durch seinen Tod und sein Blutvergießen sich ganz erworben hat, sein Herr! Er ist es, der auch des Todes Macht überwunden, des Grabes Bande zerrissen und nun als der ewige Sieger vor ihm dasteht, der in Leben und Tod sein fester mächtiger Schutz und Führer sein kann und wird: sein Gott! Seht da, Geliebte! Ein klares einfaches Zeugnis, ausgesprochen in einer heiligen, das ganze Gemüt bewegenden Stunde! Das Zeugnis eines Jüngers Jesu Christi selbst; eines erst zweifelnden, trostlosen, aber nun herrlich überzeugten und gläubigen Jüngers; mein Herr und mein Gott!
Nun ist es zwar so klar, so einfach, dass man wohl meinen sollte, man könnte es nicht anders verstehen, als es eben lautet. Wird aber nicht dennoch der Unglaube der Welt sagen: Thomas kann wohl redlich gemeint haben: mein Herr! aber sollte er Christum wirklich als Gott geglaubt haben, den, welchen er irdisch vor sich sah, den, von dessen körperlichem Dasein er sich eben erst überzeugt hatte? Eben darum, meine Geliebten, weil er ihn als den erkannte, der den Tod überwunden, der alle die heiligen Gottesverheißungen, womit er seine Jünger für die dunkeln Stunden der Prüfung getröstet, aufs herrlichste erfüllt und auch Thomas durch sein Erscheinen zu einer unvergänglichen Hoffnung neu geboren hatte; darum nennt er ihn, nennt ihn nicht allein, erkennt ihn, betet ihn an als seinen Gott. Es ist auch nicht etwa die Überraschung, sich plötzlich aus dem tiefen Jammer seiner Seele in unaussprechliche selige Freude versetzt zu sehen, weshalb er ihn Gott nennt. Denn wie hätte ein Jude, in welcher Stimmung und Erhebung des Gemüts er auch je gewesen wäre, irgendeine menschliche Gestalt mit dem Namen Gott bezeichnen können; aber was in so geweihter Stunde in inniger, seliger Übereinstimmung des Gemüts der Mund des Jüngers ausspricht, das ist gewisse unumstößliche Wahrheit. Meine Geliebten, wohl könnten auch uns ähnliche Stunden der Versuchung kommen, wie Thomas, aber wer uns unerwartet, und nicht nur irdischen und menschlichen Trost gäbe, wer uns himmlischen und ewigen für unsre Seelen brächte: ach! wir könnten ihn unsern Retter, unsern Tröster, wir könnten ihn unsern Engel, Gottes Boten nennen: „Mein Herr und mein Gott!“ - richtet selbst aus eures Herzens innerster Erfahrung, - mein Herr und mein Gott, wird ihn keiner nennen. So werden wir nur von ihm reden, den der Vater erhöht hat und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist: dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters.
Oder endlich, der Zweifel dieser Welt, und ihm bleibt auch das Heiligste Preis gegeben, könnte sagen: So mag es Thomas gemeint, so mag er es aufrichtig geglaubt haben, aber muss denn sein Gefühl, sein Glaube, sein Erkennen auch das meinige sein? Wir könnten antworten: gewiss! Wo willst Du denn suchen den reinen Glauben, die rechte Lehre, wenn nicht in dem Munde derer, welche den Herrn selbst in den heiligsten Stunden geschaut haben und die Seinen gewesen sind; und sollten wir denn andren armen, schwachen, zweifelnden Menschen mehr glauben, als den Boten des Herrn, als allen denen, die wie Thomas gefühlt haben; als dem milden Evangelisten selbst, welcher die schönen Worte unsres Textes uns erhalten hat, und sie uns nimmer hätte aufbewahren können, wenn nicht seine ganze Seele, gesegnet im heiligen Geiste, auch mit seinem Mitjünger gesprochen hätte: Mein Herr, mein Gott! - Doch noch größer als der Menschen Zeugnis, ist das Zeugnis des Gottessohnes selbst.
Er nimmt es ja an, der Demütige und Milde, er weist es ja nicht zurück, dies Bekenntnis, er nennt es ja den Glauben und spricht: Du glaubst, Thoma, dieweil du mich gesehen hast. So bezeugt er selbst: das ist meiner Jünger rechter Glaube. Er selbst, welcher noch kurz zuvor Maria verhindert hat, ihm äußerliche Anbetung2) zu erweisen und gesprochen: „rühre mich nicht an, ich bin noch nicht aufgefahren!“ der erkennt und bestätigt in dieser Stelle: das ist das Zeugnis, das rechte und wahrhafte, das meine Jünger von mir zeugen sollen: Mein Herr und mein Gott! Und nun wird es die Ewigkeit nicht vernichten, nun wird es auch unser Trost sein und uns Frieden geben in jeder dunklen Stunde, nun wollen auch wir, wenn alle Schrecken des Todes uns umgeben, nach dem Auferstandenen gläubig unsre Arme ausstreckend rufen: Mein Herr und mein Gott!
II. Solch Bekenntnis nimmt der Herr von seinem Jünger an.
Aber lasst uns noch hören, was er diesem hinzusetzt um den äußeren Glaubensgrund des Jüngers zu berichtigen und lasst uns sein heiliges Wort auch von uns beherzigen. „Dieweil du mich gesehen hast, spricht er, so glaubst du. Selig sind die nicht sehen und doch glauben!“
Es tadelt also der Herr nicht Thomas Glauben an den Herrn und Gott, sondern, dass er ihn nur bauen will auf ein äußerliches Werk, auf das körperliche Schauen des Auferstandenen. Das ist es, was, nach dem Vorbilde des Herrn, die segensreiche Reformation so oft und vielfältig getadelt und verworfen hat, das Heilige bauen zu wollen auf Äußerliches, Sinnliches und Sichtbares, wie es die Pharisäer getan, wie es so oft in der christlichen Kirche vor den Zeiten der Glaubensverbesserung geschehen war und noch neben uns geschieht, und wozu der schwache Mensch nur allzu gern sich hinneigt.
Denn wie hier an des Herrn äußere Gestalt, so wollen die Menschen den Glauben binden an körperliche sichtbare Bildungen, an leere Worte und Buchstaben und an tote äußere Werke! - Hier nun in unserm Texte wollte es des Herrn Leutseligkeit und Milde, dass er dem zweifelnden Jünger sich zeigte und sich gnädig herabließ zu seiner für den Glauben gestellten Bedingung; hier sprach er: reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite; und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Sollen wir denn aber äußerliche Bedingungen unsres Glaubens vorschreiben dürfen; sollen wir dem Vater im Himmel und unsrem Heilande Jesu Christo die Wege bestimmen dürfen, welche sie gehen müssen, um dem schwachen Sohn des Staubes nach seiner mangelhaften Einsicht und seinem beschränkten Verstande zu genügen? Und wenn nun der Herr Thomas nicht erschienen wäre, wäre er darum weniger auferstanden? Und hätte Thomas nun wollen als der Lügenapostel umhergehen und gegen die Lehre seiner Mitjünger und derer, welche an ihr Wort glaubten, verkündigen: der Herr sei nicht auferstanden; ewig halte ihn das Grab gefangen? -
Müsste aber nicht das große Werk der Kirche Jesu Christi selbst untergehen, wenn wir alle unsren Glauben bauen wollten auf seine körperliche Erscheinung? Und kann überhaupt irgendein Glaube also gegründet werden? Soll ich so zu Jesu Christo, so zum ewigen himmlischen Vater jemals frevelhaft sprechen dürfen: wenn du nicht das mir tust, wenn du nicht so dich mir zeigst; so glaube ich an deine Gottheit nicht? und der ewige Gott sollte ein Knecht menschlichen törichten Willens werden?
Welch ein ungemessenes Verkennen seines ewigen Waltens und Regierens wäre das! Wenn aber auch die höchste aller irdischen Erscheinungen, die ja auch das frömmste Gemüt sich wohl wünschen könnte, die körperliche, irdische Erscheinung des Erlösers selbst nicht unsern Glauben bestimmen soll, und wenn auch ohne sie sein heiliges Werk fortgegangen ist vom Tage der Himmelfahrt an bis auf diesen Tag; so soll auch uns nicht nach dem Sichtbarem gelüsten; so soll keine äußerliche Gestalt, kein vergängliches Bild uns zum Glauben ziehen; sondern die Gotteskraft des Erlösers und sein heiliges Wort und Wesen selbst, und wir wollen keinem trauen, der gegen den Ausspruch seines heiligen Mundes Glauben und Seligkeit knüpfen will an irgend einen äußerlichen Buchstaben, irgend ein äußerliches Bild, irgend ein äußerliches Werk.
Selig aber, spricht der Herr, sind die, die nicht sehen und doch glauben! Da sah er ja auf alle die herrlichen Scharen, welche sein Heiliger Geist für seine Kirche gewonnen hat, auf alle, die, wie der große Apostel, dem nicht vergönnt gewesen war, ihn auf Erden zu schauen, doch in ihm lebten und ihn ihres Herzens stete Freude sein ließen. Das waren die Seligen, welche glaubten ohne zu schauen.
O wohl uns, meine Geliebten, wenn er auch auf uns im Geiste geschaut, wenn er auch uns mit eingeschlossen hat in die Zahl dieser Seligen. - Aber lasst uns nie vergessen, was der Heiland unter glauben meint. Nicht etwa was jedes Menschen Sinn sich als Gegenstand seines Sehnens denken will, in selbstsüchtiger Willkür oder nur das Fürwahrhalten äußerlicher Buchstaben und Lehren; denn wie wäre dabei Seligkeit zu finden. - Glauben nennt der Herr des Apostels inniges, aus der Tiefe seiner Seele wahrhaft hervorgegangenes Bekenntnis: Mein Herr und mein Gott! Dieses ebenso umfassend, innig und tief in unsrer Seele tragen, dass unser ganzes Leben davon Zeugnis gibt und dies so lebendig und freudig in uns tragen, ohne dass Äußerliches von uns Gefordertes uns erfüllt und von unsrem leiblichen Auge geschaut worden wäre; sondern es so lebendig in uns tragen wegen der unsichtbaren und geistigen Herrlichkeit Jesu Christi selbst, die mit unaussprechlichem Frieden uns erfüllt, und in dieser all unsre Genüge, in dieser immerdar all unsern Trost finden: das heißt, selig sein im Glauben, auch wo wir nicht sehen.
So, den Tausenden ähnlich, welche unter Leid, Verfolgung und Elend treue Jünger Jesu Christi waren und blieben, meine Geliebten, so lasst uns glauben um selig zu sein, ob auch der Herr das irdische Auge nicht schauen ließe, was das irdische Herz wünscht; so an ihn glauben in unserm einzelnen Leben, wo wir so oft auch ihm vorschreiben möchten, was wir sehen wollen, aber doch nur selig sein können, wenn die Seele ihm ganz und ungetrübt angehört, ohne die freudigen äußeren Erfahrungen, die wir wünschen; aber auch also glauben an ihn in seiner Kirche. Sehen wir diese in tausendfachen Stürmen und Gefahren und möchten wir auch da wohl aus tiefsten Herzen Frieden wünschen: wie er will; er wird doch Alles herrlich und mächtig hinausführen, was seine himmlische Weisheit bestimmt hat. Darum auch hier lasst uns ihm nichts vorschreiben, sondern nur fromm und innig an ihn glauben und seiner göttlichen Macht und Weisheit unbedingt vertrauen; dann, wenn wir auch nicht schauen, werden wir doch in ihm und durch ihn selig sein! - Amen.