Lobstein, Friedrich - Das Wirken der Gnade an den Seelen - V. Die gelösten Bande.

Lobstein, Friedrich - Das Wirken der Gnade an den Seelen - V. Die gelösten Bande.

Matthäus, 8, 28-34

28. Und er kam jenseits des Meeres, in die Gegend der Gergesener. Da liefen ihm entgegen zwei Besessene, die kamen aus den Totengräbern, und waren sehr grimmig, also dass niemand dieselbe Straße wandeln konnte. 29. Und siehe, sie schrien und sprachen: Ach Jesu, du Sohn Gottes, was haben wir mit dir zu schaffen? Bist du hergekommen, uns zu quälen, ehe denn es Zeit ist? 30. Es war aber ferne von ihnen eine große Herde Säue an der Weide. 31. Da baten ihn die Teufel und sprachen: Willst du uns austreiben, so erlaube uns in die Herde Säue zu fahren. 32. Und er sprach: fahrt hin. Da fuhren sie aus, und fuhren in die Herde Säue. Und siehe, die ganze Herde Säue stürzte sich mit einem Sturm ins Meer und ersoffen im Wasser. 33. Und die Hirten flohen und gingen hin in die Stadt und sagten das Alles, und wie es mit den Besessenen ergangen war. 34. Und siehe, da ging die ganze Stadt heraus, Jesu entgegen. Und da sie ihn sahen, baten sie ihn, dass er von ihrer Grenze weichen wollte.

In dieser Geschichte sind einige schwierige Punkte, über die wir uns vorläufig verständigen müssen. Erstens, wer waren diese Gergesener oder wie sie anderswo heißen, Gadarener? Waren sie Juden oder Heiden? Wir hören, dass diese Leute Schweinsherden hielten, was dem mosaischen Gesetz zuwider war; so sollte man meinen, diese Gergesener wären Heiden. Aber das Ende der Erzählung zeigt uns die ganze Stadt, wie sie Jesu entgegen geht und ihn demütig bittet, von ihren Grenzen zu weichen. Diese Bitte, nach dem Verlust der Herden, verrät bei den Gergesenern ein schlecht Gewissen; wären sie Heiden gewesen, sie hätten den Heiland ohne Scheu davon gejagt; aber das Rücksichtsvolle in ihrem Benehmen und ihr Stillschweigen in Betreff des Schadens, den sie soeben erduldet, ist bedeutungsvoll. Sind diese Leute nicht Schmugglern ähnlich, welchen man ihre verbotene Ware genommen und die sich nicht zu beklagen wagen? Wahrscheinlich waren diese Gergesener ursprünglich Juden gewesen, hatten aber, an der heidnischen Grenze, durch den Umgang mit den Heiden die Ehrfurcht vor dem Gesetz ihrer Väter verloren; Jesus Christus war gekommen, ihnen das Heil anzubieten; aber ihr Herz war an ihre materiellen Interessen gefesselt und ihr Handel war ihnen lieber als ihre Seelen; sie geben den Sohn Gottes für einige Schweine hin.

Zweitens ist hier die Rede von zwei Besessenen, und die Evangelisten bezeichnen damit solche Leute, in die Teufel gefahren waren, bald einer, bald mehrere, bald sogar eine ganze Legion; wie aber ist eine solche Besessenheit möglich? Man hat die Schwierigkeit zu umgehen gesucht dadurch, dass man aus diesen Besessenen gewöhnliche Kranke gemacht hat; aber gewöhnlicher Wahnsinn oder Fallsucht entsprechen nicht dem Zustand, welchen uns die Evangelisten an den Besessenen beschreiben. Es handelt sich offenbar von Teufeln, welche den Leib der Unglückseligen in Besitz genommen hatten, welche diesem Leib seine Freiheit raubten, ihn bald ins Wasser, bald ins Feuer warfen und ihn jämmerlich quälten. Die heiligen Schriftsteller machen eine Unterscheidung zwischen den Teufeln, welche in dem Besessenen sprachen, und dem Besessenen selbst; auch in unserer Geschichte tritt diese Unterscheidung uns entgegen. Erst rufen die Besessenen: Ach Jesu, du Sohn Gottes, was haben wir mit dir zu schaffen? Bist du hergekommen uns zu quälen, ehe denn es Zeit ist? Hierauf, ein wenig später, sprechen die Teufel selbst und bitten den Heiland: Willst du uns austreiben, so erlaube uns in die Herde Säue zu fahren! Ist aber eine solche Anwesenheit der Teufel in menschlichen Leibern möglich? Es gibt eine Stelle, welche diese Frage entscheidet. Heißt es nicht von Judas, nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn? (Joh. 13.) Es muss der Mensch einen Herrn haben; ist es nicht Gott, so ist es der Teufel; hat aber einmal der Teufel Besitz genommen von der inneren Festung, so beherrscht er auch den Leib; denn die Seele leitet den Körper. Wisst ihr nicht, welchem ihr euch begebt zu Knechten in Gehorsam, des Knechte seid ihr, dem ihr gehorsam seid; es sei der Sünde zum Tod, oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit. (Röm. 6.) Es steht beim Menschen, sich Gott zu geben oder sich der Sünde hinzugeben; aber wer Sünde tut, der ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang. (1 Joh. 3.) Widersteht dem Teufel, so flieht er von euch (Jak. 4.), wo nicht, so wächst das Werk des Teufels mehr und mehr, bis dass Leib und Seele zur Hölle fahren.

Zuletzt kann man fragen: Warum wollen die Teufel in die Säue fahren und wie kann Jesus Christus den Untergang dieser Tiere zugeben, Er, der doch auch des Viehs sich erbarmt? Man hat geantwortet, weil der Teufel das fleischlichste Wesen ist und darum die Sau die würdigste Wohnung für ihn abgibt; aber es gibt noch einen andern Grund. Die Teufel wollten die Säue ersäufen, weil vorauszusehen war, dass die über ihren Verlust empörten Gergesener den Heiland aus ihrer Gegend weisen würden und er somit nicht weiter Wunder daselbst wirken konnte. Eine teuflische Absicht! Immer arbeitet der Satan dahin, Leiber zu zerstören und Seelen vom Herrn entfernt zu halten. Das Schicksal der Säue ließe sich auch mit dem Fall einer Viehseuche vergleichen, auch könnte man fragen, warum Tausende von Menschen durch Krieg, Pest, Cholera dahingerafft werden? Gott ist der Herr der Lebendigen und der Toten, der alleinige Gesetzgeber, der selig machen und verdammen kann. Hier fallen nicht Menschen zum Opfer, nur Säue, und ist die Heilung zweier Seelen mit dem Verlust einiger Tiere zu teuer bezahlt? Sogleich nach dem Untergang der Säue fühlen sich die zwei Besessenen geheilt; sie haben Friede gefunden und wir sehen sie glückselig zu den Füßen Jesu sitzen.

Auch für die Gergesener hatte der Verlust der Säue seine Bedeutung. Indem der Heiland ihren Schmuggel niederschlägt, will er die Leute dieses Landes auch zur Einkehr in sich leiten und ihnen zu verstehen geben, dass unrecht Gut nicht gedeiht.

Überblicken wir nun nach diesen Vorbemerkungen das Ganze dieser Geschichte. Wir sehen daraus, wie der Teufel eine arme Seele, ja eine ganze Gegend binden kann; wir sehen aber auch, wie der Sohn Gottes dazu gekommen ist, die Werke des Teufels zu zerstören. (1 Joh. 3.) Satan kann nicht einmal ein Schwein antasten, ohne vorher die Erlaubnis dazu vom Herrn zu erhalten. Diese Tatsache eröffnet zwei verschiedene Gesichtspunkte. Sie bietet eine dunkle und eine helle Seite dar. Einerseits Ketten für eine Seele, oder für ein ganzes Land geschmiedet; andererseits die Auflösung dieser Ketten; denn so euch der Sohn frei macht, seid ihr recht frei. (Joh. 8.)

Der schmerzlichste Anblick ist der einer gebundenen Seele. Gebunden ist die Seele, die sich nicht mehr selbst angehört, nicht mehr tun kann, was sie will, sondern durchaus an das Böse gefesselt ist; ist aber die Seele gebunden, so ist es auch der Leib, der ja nur ihr Werkzeug ist. Daher die Glieder, die sich begeben haben zum Dienst der Unreinigkeit, von einer Ungerechtigkeit zur andern; der Schlund, der ein offenes Grab, die Zungen, die trüglich handeln, das Otterngift unter den Lippen, der Mund voll Fluchens und Bitterkeit, die Füße, eilend Blut zu vergießen, die Wege, darin eitel Unfall und Herzeleid. (Römer 6 u. 3.) Die tägliche Erfahrung unterstützt hier das Evangelium. Gib einer bösen Gewohnheit Raum und bald gehorchst du nicht mehr dir selbst, du bist schon einigermaßen besessen. Der Teufel fasst dich an einem Haar, und lässt du ihn gewähren, so besitzt er bald den ganzen Leib und du entrinnst seinen Netzen nicht wieder. Hüte dich vor dem Strick des Jägers, und vor der schädlichen Pestilenz, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen, vor der Pestilenz, die im Finstern schleichet, vor der Seuche, die im Mittag verderbt. (Psalm 91.) Widersteh gleich anfangs und du wirst in nichts zum Sklaven werden. Aber eben dies geschieht nicht; man wacht nicht genug; man lässt sich gehen; die Sünde hat immer ihren Anfang in Kleinigkeiten, die bald zu dicken Ketten erwachsen; und weil du das Ei nicht zertreten, so hast du den Basilisken. Betrachte den Trunkenbold, den Spieler, den Lüstling, den Trägen; sie haben ihren Leib nicht mehr eigen; wie hatten sie angefangen? Mit kleinen Sünden; nun aber sind ihnen die Folgen über den Kopf gewachsen. Die Sünde ist wie ein Sauerteig. Das begonnene Böse wirkt für sich fort; wird Geist, Seele und Leib nicht ganz geheiligt, so werden sie ganz verkehrt; ein Mittelding gibt es nicht. Es kann der Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen lange unentschieden bleiben, zuletzt aber wird das Eine oder das Andere die Oberhand gewinnen und zwar das Böse leichter als das Gute. Hast du nie einen Menschen gekannt, dessen Bande immer stärker wurden und der sich dergestalt verstockte, dass er unfähig ward, seine Ketten zu zerbrechen? Glaub' aber nicht, dass der Teufel bloß die Wirtshäuser, die Spielhäuser, die schlechten Hauswesen besuche; er hat auch Zutritt zu den vornehmen Zirkeln, zu den Kirchen, den Gebetskämmerlein; warum kleidet er sich manchmal in ein Lichtgewand? Um die seinen, die redlichen Leute desto sicherer zu fangen. Wie die Luft, so dringt das Böse überall durch; nicht der oder jener Ort, sondern das Wachen und Beten bietet dir Sicherheit. Führt euern Wandel, so lange ihr hier wallt, mit Furcht; wer da steht, der sehe zu, dass er nicht falle; denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herrn der Welt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel; um des willen so ergreift den Harnisch Gottes. (Ephes. 6.) Wie aber der Teufel eine Seele zu binden vermag, so kann er eine Familie, eine Stadt, ein Land binden. Gibt es nicht Familien, wo das Evangelium vorgeschobene Riegel findet? Und warum? Weil diese Familien gebunden sind, diese durch die Interessen, jene durch die Selbstgerechtigkeit, die dritte durch allerlei Leidenschaften; was der Teufel in kleinem Maßstab ausführt, das gelingt ihm auch im Großen, wie wir's an den Gadarenern sehen. Huldigt hier nicht ein ganzes Land dem Mammon? Nicht eine Seele rührt sich für den Herrn, sie ziehen ihre Schweine der Fülle der Gottheit vor, die in Christo leibhaftig wohnt. Sind denn diese Beispiele so selten in unsern Tagen? Seht Spanien, Italien, und manch' protestantisches Land an: sind dies nicht Behausungen Satans? Sind da nicht Wächter auf den Mauern, die sich nicht Ruhe gönnen, weder des Tags noch Nachts, und zwar um die Wahrheit fern zu halten; wir wollen nicht, rufen sie, dass dieser über uns herrsche! Satan hat seine Festungen so gut wie Gott, und nur eine übernatürliche Kraft kann diese Finsternisse in Licht verwandeln. Hat denn Gott einen solchen Zustand gewollt? Ah! hüten wir uns davor, auf Gott zu schieben, was vom Menschen stammt. Erforscht du diese Finsternis, diese langen Verstockungen, so siehst du, dass der Mensch dazu die Hände gereicht hat. Er hat sich lassen versuchen und reizen von seiner eigenen Lust (Jak. 1), er hat die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufgehalten, er hat die Finsternis mehr geliebt denn das Licht. So aber verstockt man sich und nach seinem verstockten und unbußfertigen Herzen häuft man sich selbst den Zorn auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes. (Röm. 2.)

Doch lasst uns an Niemand verzweifeln; unser Text enthält auch eine erfreuliche Seite. Wer hätte geglaubt, dass diese zwei Besessenen, die unter allen Gergesenern am meisten gebunden waren, je von ihren Ketten könnten befreit und des Herrn Jünger werden? Aus zwei Menschen, welche die Gegend unsicher machten und die so rasend waren, dass keine Macht sie bändigen konnte, macht Jesus zwei Lämmer, zum Lob der Herrlichkeit der Gnade. Wenn ein starker Gewappneter seinen Palast bewahrt, so bleibt das Seine in Frieden; wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seinen Harnisch, darauf er sich verließ und teilt den Raub aus. (Luk. 11.) Wir haben den Starken gesehen, betrachten wir nun auch den Stärkeren: es ist der Sohn Gottes, der gekommen ist, die Werke des Teufels zu zerstören. (1 Joh. 3.) Jesus Christus hat selbst gesagt, dass er gesandt sei zu verkündigen den Gefangenen, dass sie los sein sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen. (Luk. 4.) Ist Jesus Christus in uns, so ist, der in uns ist, stärker, als der in der Welt ist. (1 Joh. 4.) Wie aber befreit der Herr eine Seele?

Zuerst waren die Besessenen eins mit den Teufeln. Da Jesus Christus sich ihnen naht, rufen sie: o Jesus, du Sohn Gottes, was haben wir mit dir zu tun? Bist du hergekommen, uns zu quälen, ehe denn es Zeit ist? So rufen die Besessenen, nicht die Teufel. So waren die zwei Unglückseligen eines Geistes geworden mit den Teufeln. Wenn aber Jesus Christus einem Gebundenen sich naht, so bringt er mit sich ein Schwert. Ich meine jenes Schwert, das durchdringt Seele und Geist, auch Mark und Bein (Ebr. 4), und dann tritt eine Scheidung ein. Eine so erfasste Seele fühlt und spricht dann: Es ist etwas in mir, das nicht ich bin, das vom Teufel ist. Wo früher Übereinstimmung war mit dem Bösen, zeigt sich eine Trennung, und ein Widerspruch ersetzt die Satansruhe.

Man entdeckt im Fleisch Lüste, die gegen den Geist streiten, ein Gesetz in den Gliedern und ein Gesetz im inwendigen Menschen (Röm. 7), eine Kraft, die herrisch zum Bösen treibt, und daneben die Sehnsucht nach einer Befreiung. Die Seele erkennt sich selbst; sie erwacht aus ihrem langen Schlaf. Aber diese arme Seele kann nur an ihren Ketten rütteln, zerbrechen kann sie sie nicht. Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht. (Röm. 7.) Nur der Sohn Gottes kann frei machen, so dass man recht frei sei (Joh. 8). Was aber noch von Jesu Christo fern hält, das ist die Furcht. Die zwei Besessenen zittern vor Jesu Christo, denn sie schreien: Bist du hergekommen, uns zu quälen, noch ehe es Zeit ist? Wenn der Teufel sieht, dass eine Seele erwacht, und wenn er fürchtet, sie zu verlieren, so erfüllt er sie mit Schrecken, wie er sie vorher mit falscher Sicherheit erfüllt hatte. Wo aber Furcht ist, kann Liebe nicht sein, denn Liebe bringt Zutrauen. Jesus Christus aber führt das begonnene Werk weiter, wo er die Teufel ausgetrieben, da treibt er auch den Geist der Furcht aus. Ein neuer Einfluss bricht sich Bahn, welcher nicht vom Gesetz, sondern von der Gnade ausgeht. Nach der Morgendämmerung erscheint die Morgenröte, welche von Christo, dem Licht der Welt, ausströmt. Diese Morgenröte ist das Vorgefühl eines Friedens, der über alle Vernunft geht. Der verlorene Sohn war noch ferne, als schon der Vater seine Arme für ihn offen hielt. Bande der Liebe ziehen sanft die Seele an, welche sich endlich erkannt und welche die Gnade gerührt hat. Das ist das Wunder, das Jesus an den zwei Besessenen tut. Es macht sich in ihren Herzen ein Bruch, ein Zwiespalt mit den Teufeln; aus einem Zustand des Schreckens, welchen das erwachte Gewissen erzeugt, gehen sie über in einen Zustand des Vertrauens, welcher ausgeht vom Geiste, der da lebendig macht in Christo Jesu, und der frei macht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. (Röm. 8.) Ist das geheimnisvolle Band, der Glaube, gebildet, so kehrt der Friede ein. Die zwei Besessenen werden nun Gefäße der Liebe Gottes, wie sie vorher Gefäße seines Zornes waren. Sie sind frei gemacht von der Macht der Finsternis und versetzt in das Reich. des Sohnes Gottes. (Kol. 1.) Sie sehen, beim Anblick des Untergangs der Herden, dass das Wort Satans nicht mehr in ihnen, sondern außer ihnen ist, und dieser Anblick macht sie erbeben. Sie werden nun eins mit Jesu, wie sie eins waren mit den finstern Hausgenossen, und sie sind getröstet. Sie begeben nun ihre Glieder zum Dienst der Gerechtigkeit, dass sie heilig werden; sie sind nun von der Sünde frei, Gottes Knechte geworden, und haben ihre Frucht, dass sie heilig werden. (Röm. 6.)

Dasselbe findet nicht bei den übrigen Gergesenern statt. Anstatt den Heiland aufzunehmen, schicken sie ihn weg, nicht mit Gewalt, sondern sie bitten ihn, dass er von ihrer Grenze weichen sollte. Sie behalten lieber ihre Ketten, als dass sie Gefangene Christi würden. So steht es mit dem weltlichen Herzen, welches vor dem Evangelium zurückscheut, wenn das Evangelium Opfer auferlegt. Diesen Abscheu verbirgt man zwar - man will Jesum Christum mit Höflichkeit fortbringen, ohne augenscheinlich mit ihm zu brechen. Da wird der Weltsinn Klugheit genannt, und der christliche Sinn finstre Strenge. Jesus Christus mag wiederkommen, wenn die materiellen Interessen weniger drängen, oder vielleicht gibt er selbst bis dahin in Manchem nach. Welche Ausflüchte, wenn es gilt, sich zu verleugnen, um Jesu Christo zu folgen! Wie die Gadarener, so sind die Halbchristen. Sie wagen nicht, den Heiland offen zu verleugnen, aber ihre Säue soll er ihnen auch nicht ersäufen. Man sträubt sich, so lang man kann; aber es gibt einen Augenblick, wo man sich aussprechen muss. Jesus Christus ist gesetzt zum Fall und zum Auferstehen; bist du nicht für ihn, so bist du wider ihn; sei kalt oder warm, sonst wird er dich ausspeien aus seinem Mund. (Offenb. 3.)

Zwischen den zwei geheilten Besessenen und den Gergesenern lässt unsere Geschichte noch eine dritte Klasse von Menschen sehen; nämlich diejenigen Leute, welche die Herden hüteten. Diese Hirten sind Zeugen des Wunders, das an den zwei Besessenen vorgeht; sie bewundern die Macht Jesu Christi, und eilen in die Stadt, um zu erzählen, was vorgegangen ist. Allein es ist nicht gesagt, dass sich diese Hirten bekehrt haben. Solche Leute gibt es noch heute, die das Christentum bewundern, aber davon für sich selbst keinen Gebrauch machen. Sie sehen die Macht des Evangeliums in den heidnischen und christlichen Ländern; sie werfen sich zu Anpreisern des Heilands und der Heilslehre auf; allein es sind doch nur feine Schwätzer, ihre Gottseligkeit ist nichtig. Das Christentum besteht nicht in einem Wortgepränge, es ist ein Ereignis des Herzens, eine Teufelsaustreibung. Man bewundert aber lieber, als man entsagt; man ist lieber Zeuge einer Belehrung, als ein sich Bekehrender. Man ist eben gebunden, will aber die Fesseln nicht eingestehen. Wo die Wahrheit Christi nicht eine Befreiung bewirkt, da ist sie auch nicht. Nur wer aus der Wahrheit ist, hört ihre Stimme. Nur Seelen, die in innerer Zerknirschung nach einer Umwandlung seufzen, können ihre Ketten fallen sehen.

Wem gilt nun diese Geschichte? Dir, der du noch gebunden bist. Willst du in dieser Gebundenheit verharren, wenn du einen Befreier, und zwar aus Gnaden, haben kannst? Ist der Gebundene glücklich? Der Halbfreie ist aber auch noch gebunden. Nicht darauf kommt es an, was uns bindet, ob es eine Kette oder ein Haar ist, denn das eine wie das andere knüpft uns an Satan. Nichts, das deinen Frieden raubt, ist gering zu achten, und welch ein Geringes kann uns den Frieden rauben. Gestehe nur sogleich die Wahrheit und bekenne, dass auch in dir eingewurzelte Übel sind, welche aus deinen halben Entschlüssen kommen. Lege dich, gebunden wie du bist, in die Arme Jesu; hat er doch deine Bande getragen und weiß er, was du leidest. Öffne dein Herz dem Zu-. trauen, und die Kraft von oben wird in deiner Schwachheit sich mächtig erweisen. Schau die zwei Besessenen an: hättest du für sie irgendwelche Hoffnung gehabt? Wohlan, der Sohn Gottes ist noch heute derselbe. Du bist der Gefangene, dem er predigt, dass er frei sein soll, dessen Gefängnis er öffnen will. Glaube vorerst, was Christus für dich getan, und du wirst erfahren, was er in dir tun kann; das ist die Ordnung, die du verfolgen sollst. Anstatt zuerst dich abzumühen, um dich, nach deinen Begriffen, seiner Erlösung würdig zu machen, stelle dich sogleich unter das Kreuz; da wirst du merken, dass bereits getan ist, was du erst noch tun möchtest und dass in Wahrheit Alles vollbracht ist. Die Fürstentümer und die Gewaltigen sind ausgezogen und Schau getragen öffentlich; aus deinen Sünden und Ketten hat Christus einen Triumph gemacht und hat sie an das Kreuz geheftet. (Kol. 2.) Wo ist ein Feind, den Jesus Christus nicht besiegt hätte? ein unsauberer Geist, der nicht zu seinen Füßen läge? deine Seele ist entronnen, wie ein Vogel dem Strick des Voglers; der Strick ist zerrissen und wir sind los. (Psalm 124.) Was aber Christus für dich getan, wird er auch in dir tun; der Glaube, der gerecht macht, macht auch heilig. Die Freude des Heils wird deine Kraft sein; so besteht nun in der Freiheit, damit uns Christus befreiet hat und lasst euch nicht wiederum in das knechtische Joch fangen. (Gal. 5.) Je fester du glaubst, dass deine Ketten bereits zerbrochen sind, desto leichter werden sie fallen. Der Geist der Furcht wird weichen vor der Freude des Kindes, und wo Freude ist, da ist Leben, Freiheit, Erlösung. Du wirst alle Schwierigkeiten überwinden, denn deine Sache ist die Sache Christi, und wer dich angreift, der berührt seinen Augapfel. Ist dies in zu kühnen Bildern zu viel versprochen? O nein, denn so lautet Gottes Wort, das da bleibet in Ewigkeit; und gegen die Wahrheit vermag keine Macht etwas. Bleibe in dieser Rede, und du bist ein rechter Jünger, und wirst die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird dich frei machen. (Joh. 8.)

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