Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Dreizehnter Vortrag. Die Wunder.

Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Dreizehnter Vortrag. Die Wunder.

Es ist mit den Wundern Jesu gerade so, wie mit den Reden Jesu: um in ihren geheimnißvollen Bereich hineinzudringen, müssen wir denselben Weg gehen, den der Apostel Johannes, wie wir neulich gesehen haben, uns vorzeichnet. Der richtige Weg aller christologischen Betrachtung führt immer von unten nach oben, wie das Keiner tiefer erkannt und nachdrücklicher ausgesprochen hat, als Luther, während die falsche Theologie immer den umgekehrten Weg einschlägt und empfiehlt. Daß dies auch von den Wundern Jesu gilt, davon werden wir uns bald überzeugen, wenn wir unbeirrt durch scheinheilige Vorurtheile die evangelischen Berichte einfach aufnehmen, wie sie gegeben sind.

Einzelne Wunder Jesu in Galiläa wie in Judäa haben wir bereits kennen gelernt, indessen die eigentliche und hauptsächliche Wunderwirksamkeit Jesu eröffnet sich in seiner prophetischen Thätigkeit in Galiläa.

Es ist auch von Mose her in Israel bekannt, daß die Propheten als Männer Gottes nicht bloß Gottes Wort reden, sondern, wo es die besonderen Umstände und Veranlassungen mit sich bringen, ihr Wort mit Zeichen und Wundern bekräftigen. Die drei Evangelisten, welche abgesehen von der Endgeschichte Jesu seine galiläische Thätigkeit ausschließlich zum Gegenstande ihres Berichtes gemacht haben, erzählen in diesem ihrem Bericht nicht bloß eine ganze Reihe von einzelnen Wunderthaten mehr oder weniger umständlich, sondern sie geben auch mehrfach zusammenfassende Schilderungen, welche das Wunderthun Jesu als ein durchgehendes und allumfassendes beschreiben. Da diese Schilderungen uns auf dem kürzesten Wege zu einer Gesamtanschauung verhelfen, so wollen wir uns diese zuerst hier vorführen. Matthäus schreibt 4, 23.24: „und Jesus durchzog das ganze Galiläa, lehrend in den Synagogen und predigend das Evangelium des Reiches, und heilend alle Krankheit und alle Schwachheit im Volke. Und es drang sein Ruf in das ganze Syrien und sie brachten ihm alle Leidende, mit allerlei Seuchen und Plagen Behaftete und Besessene, Mondsüchtige und Gichtbrüchige, und er heilete sie.“ Derselbe erzählt von dem Abend eines Tages, an welchem Jesus in Kapernaum schon mehrere Wunder verrichtet: „sie brachten ihm viele Besessene und er trieb die Geister aus durchs Wort und Heilete alle Kranken“ (s. 8,16). Und noch einmal die ganze galiläische Zeit umfassend, schreibt Matthäus: „und Jesus durchzog alle die Städte und Marktflecken, lehrend in den Synagogen und predigend das Evangelium des Reichs und heilend alle Krankheit und alle Schwachheit“ (s. 9, 35). Ferner erzählt derselbe von dem Lande Genezareth: „als die Leute Jesum erkannten, schickten sie in die ganze Umgegend und brachten ihm alle Leidende und baten ihn, daß sie nur seines Kleides Saum anrühren dürften, und so viele anrührten, denen ward geholfen“ (s. 14, 34-36). Endlich als er einst nach einer Abwesenheit wiederum an den galiläischen See zurückkehrte, sich auf einen Berg begeben und sich dort gesetzt hatte, berichtet Matthäus Folgendes: „und es kam zu ihm viel Volks, die hatten bei sich Lahme, Blinde, Stumme, Krüppel und viele Andere und sie warfen sie Jesu zu Füßen, und er heilete sie, so daß das Volk sich wunderte, indem sie sahen die Stummen reden, die Krüppel gesund, die Lahmen gehen, und die Blinden sehen und preisen den Gott Israels“ (s. Matth. 15, 30. 31). Jesus selber gibt den Jüngern des Johannes folgenden Bescheid: „gehet hin, sagt Johannes, was ihr sehet und höret: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, und Taube hören und Todte stehen auf“ (s. Matth. 11, 4. 5). Ganz damit übereinstimmend ist die Schilderung, welche Petrus im Hause des Cornelius gibt: „Jesus habe angefangen in Galiläa, sei umhergezogen und habe wohlgethan und gesund gemacht Alle, die vom Teufel überwältigt waren“ (s. Apostelgesch. 10, 37. 38).

Diese Schilderungen der allgemeinen Wunderthätigkeit Jesu bestätigen den Eindruck, den die Einzelerzählungen von Wundern hervorrufen. Allerdings sind die einzelnen Fälle, in denen die Wunderwirksamkeit Jesu nach diesen Erzählungen hervortritt, jedesmal durch mehr oder weniger bestimmte Umstände äußerer und innerer Art bedingt, aber einestheils sind diese Umstände doch so, daß wir uns ihre Wiederholung leicht denken können, und anderentheils zeigt sich die Wunderkraft Jesu nur durch seinen eigenen Willen bedingt. Aus Allem aber erhellt, daß die Wunderthätigkeit Jesu in seiner Geschichte ein bedeutendes Moment bildet und deshalb von uns eine eingehende Betrachtung verlangt. So lehrreich nun auch alle einzelnen Wundererzählungen sind, so ist es nicht möglich, auf das Einzelne einzugehen, sondern wir werden uns auch hier im Allgemeinen halten müssen.

Zuvörderst werden wir uns vor zwei Extremen schützen, nämlich vor Ueberschätzung und Unterschätzung der Wunder. Vielleicht scheint es Manchem genügend, nur den letzteren Fehler zu vermeiden, und wenig an der Zeit, des ersteren überall nur zu erwähnen. Indessen es geht in diesem Stücke, wie in so vielen anderen. Was an dem weit verbreiteten Unglauben noch heilbar ist, das ist mittelbar oder unmittelbar durch den Aberglauben veranlaßt und die Heilung dieses Unglaubens wird dadurch bewirkt, daß sich der Glaube von aller abergläubischen Beimischung reinigt. Eben deshalb wollen wir auch in Ansehung der Wunder von dem abergläubischen Fehler so wenig schweigen, daß wir denselben vielmehr voranstellen wollen. Es ist dies in der That ein alter tief gewurzelter Fehler, der mit der Krankheit der menschlichen Natur zusammenhängt. Wir haben ihn auch schon kennen gelernt. Johannes hat uns von Solchen erzählt, die um der Wunder willen glaubten, ohne daß Jesus sich ihnen anvertraute, wir haben den Vorwurf gehört, den Jesus den Galiläern machte: „wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht“, welchen Vorwurf Paulus viel später seinen Volksgenossen gegenüber wiederholt (s, l Kor. 1, 22). Trotz dieser entscheidenden neutestamentlichen Zeugnisse gibt es immer noch Solche, welche wähnen durch die evangelischen Wundererzählungen erzwingen zu können, was Jesus selbst durch seine Wunderthaten bei den Zeitgenossen weder erringen konnte, noch auch wollte. Wenn die Wunder den Glauben an Jesum begründen konnten oder sollten, wie kann es dann heißen, daß Jesus unter denen von Nazareth nicht viele Wunder that um ihres Unglaubens willen (s. Matth. 13, 58)? Wie kann Jesus denn so oft, ehe er Wunder thut, vorausgehenden Glauben als Bedingung fordern, wie den vorhandenen Glauben als Beweggrund seiner wunderbaren Hülfe ansehen? Woher kommt es denn, daß Jesus so oft alles Ernstes die Verbreitung der Kunde seiner Wunderthaten verbietet? Endlich wie können die Wunder Jesum als den Sohn Gottes beweisen, da ja auch Propheten und Apostel Wunder gethan haben und zum Theil größere, als Jesus? Wir sehen also, es gibt eine Schätzung der Wunder, welche offenbar das biblische Maß überschreitet. Um dieser abergläubischen Ueberschätzung willen gibt es nun auch eine ungläubige Unterschätzung. Diese läßt sich ungefähr so vernehmen: die Wunder sind jedenfalls äußere Werke, und da sie den Glauben so wenig begründen, daß sie ihn vielmehr voraussetzen, so können sie auch für den Glauben keinen wesentlichen Werth besitzen, und es kommt demnach für den Glauben wenig oder Nichts darauf an, wie man sich zu den evangelischen Wundererzählungen stellt. Auch dieser Standpunkt ist gleichfalls unbiblisch. Hätten die Wunder für den Glauben keine wesentliche Bedeutung, wie kommen die Evangelisten dazu, und nicht bloß die drei Ersten, sondern auch Johannes, den man doch immer wegen seiner geistigen Auffassung gerühmt hat, wie kommen sie Alle dazu, in ihren Berichten so viel Fleiß und Raum auf die Wundererzählungen zu verwenden? Und offenbar legt doch auch Petrus in der schon angeführten Rede vor den Heiden nicht geringes Gewicht auf die wunderthätige Wirksamkeit Jesu. Und nun gar Jesus selber! Als Johannes der Täufer in Gefahr war, an ihm irre zu werden, da verwies er ihn vornehmlich an seine Wunderthaten, und den Juden gegenüber sagt er mehr als einmal: meine Werke, worunter er doch vorzüglich seine Wunder meinte, zeugen für mich (s. Joh. 5, 36. 10, 25. 14, 10. 11). Die richtige Mitte wird auch hier die sein, welche überall in diesem Gebiete das Centrum aller unserer Gedanken sein und bleiben muß, nämlich die lebendige Persönlichkeit Jesu. Diese Persönlichkeit ist die absolute Größe, nach der allein Alles bemessen und geschätzt sein will. Alles, was von dieser getrennt wird und für sich betrachtet wird, das wird auch überschätzt und die notwendige Folge ist, daß wenn dieses in solcher Trennung und Selbstständigkeit sich festhält und verfestet, daß es auch wiederum unterschätzt werden muß. Es gibt Solche und sie lassen es nicht daran fehlen, sich sehr bemerklich zu machen, welche das große Werk der Versöhnung und Erlösung so sehr von der Person Jesu trennen, daß sie es als ein in sich fertiges und abgeschlossenes ansehen, wie ein Kunstwerk, von dem der Meister davon gegangen, so daß Jesus sich zu der fertig gebrachten Versöhnung und Erlösung der Menschheit verhält, wie der Gott der Deisten zu der fertigen Welt. Es ist ganz nothwendig, daß daneben und dagegen Andere aufstehen, welche ein solches fertiges Heilswerk als einen geistlosen Apparat verachten, den man gänzlich müsse beseitigt haben, ehe von so innerlichen Dingen, wie Versöhnung und Erlösung der Menschheit die Rede sein könne. Hier ist nun ganz offenbar, daß jene Ersteren unapostolisch lehren, denn die Apostel sagen ausdrücklich, daß Jesus Christus selbst die Versöhnung und Erlösung ist (s. 1 Joh. 2, 2. 4, 10. l Kor. 1, 30), woraus unwidersprechlich folgt, daß wer im Stande ist, Versöhnung und Erlösung als ein in sich fertig gemachtes und auf sich ruhendes Werk zu denken, nicht mehr die Versöhnung und Erlösung denken kann, welche die Apostel verkündigt haben. Und weiter geht daraus hervor, daß wenn Andere jenes fertige Heilswerk als eine heidnische und unsittliche Magie verwerfen, diese noch nicht deshalb als Verleugner des Versöhners und Erlösers dürfen angesehen werden, sondern daß sich dieses erst entscheidet, wenn sie der Persönlichkeit Jesu selber gegenüber gestellt werden. Gleicherweise wie nun hier das allein Richtige und Apostolische das stetige und unverrückte Festhalten der lebendigen und geschichtlichen Persönlichkeit Jesu Christi ist, so ist es auch bei den Wunderwerken.

Achten wir zuvörderst auf die Forderung des Glaubens, welche Jesus oftmals stellt, oder welche er stillschweigend als erfüllt voraussetzt, wo er Wunder thut, so hat dieses Verlangen offenbar den Sinn, daß eine vertrauensvolle Stellung zu seiner Persönlichkeit voraufgehen soll, weil nur so das Wunder als Zeichen und Offenbarung seiner Persönlichkeit richtig aufgefaßt und festgehalten werden kann. Denselben Zusammenhang hat es ohne Zweifel, daß Jesus den Augenzeugen seiner Wunder zuweilen ausdrücklich verbietet, die Kunde der Wunder auszubreiten (s, Matth. 8, 4. 9, 30. Marc. 5, 43. 7, 36). Da er nämlich die Kunde seiner Wunder nur in dem richtigen Verständniß seiner Persönlichkeit verbreitet wissen will, so verbietet er diese Verbreitung ausdrücklich jedesmal, wo er an diesem Verständniß noch einen wesentlichen Mangel wahrnimmt. Halten wir dies fest, so begreifen wir leicht, wie er denen, welche immer geneigt waren, die Wunder für sich zu fassen, die Wundersucht und den Mangel an wahrem Glauben vorwirft, andererseits aber auch, wie er auf die Wunder, sobald sie nur in richtigem Zusammenhang mit seiner Person gefaßt wurden, wie sie nur in diesem Zusammenhang immer von ihm gemeint und von ihm ausgeführt werden, ein entscheidendes und nicht zu verkennendes Gewicht legen konnte. Die Hauptfrage ist demnach hier, welches ist denn seine Persönlichkeit, insofern sie sich in den Wundern als ihren Zeichen offenbart? Ist es etwa diejenige Persönlichkeit, welcher als solcher die Allmacht Gottes beiwohnt, die in den Wundern offenkundig heraustritt, während sie entweder sonst ihm freilich innewohnt, aber nicht zur Anwendung kommt, oder nur verborgener Weise gebraucht wird? In der That hat man sich die Sache so gedacht in der einen oder der anderen Weise. Aber diejenigen, welche sich in Jesu Persönlichkeit beim Wirken der Wunder die göttliche Allmacht innewohnend denken, sonst aber diese Allmacht wohl vorhanden, aber nicht in Anwendung denken, zerreißen offenbar das Leben Jesu, so daß sich Niemand einen Zusammenhang zwischen dem Wunderwirken und der Wunderentsagung anschaulich machen kann. Denn wie will man die Momente, in denen die Allmacht ruht, mit denen, in welchen sie wirkt, in eine Einheit des Lebens bringen? Noch mehr, wie will man überall eine ruhende Allmacht, die in sich selber ein Widerspruch ist, vorstellig machen? Die Anderen aber, welche den Besitz der Allmacht durchstehend denken, nur daß sie bei den Wundern augenfällig wird, während ihre Wirkung sonst verdeckt bleibt, machen in Wahrheit das ganze menschliche Leben Jesu zu einem bloßen Schein und fallen in einen Irrthum, den schon die älteste Kirche entschieden zurückgewiesen hat. Aber auch abgesehen von diesem Grundfehler, der beiden Formen dieser Meinung anhaftet, zerstört dieselbe alle wahre Theilnahme für die Wunder Jesu. Denken wir uns ein- für allemal in den Wundern Jesu die Allmacht Gottes wirksam, so fragen wir billig, warum er nicht noch viel mehr Wunder und viele größere gethan habe? Es fallen uns alle Grenzen und Schranken hin und wir haben an dem Vorgang, wie er uns in seiner concreten Wirklichkeit berichtet wird, gar kein Interesse mehr.

In der That machen viele Darstellungen der Wunder Jesu in Predigten und Büchern diesen interesselosen einförmigen Eindruck, was wohl daher stammen muß, daß man sehr allgemein sich von dieser Ansicht bewußt oder unbewußt beherrschen läßt. Natürlich verliert man dabei die evangelische Erzählung selbst ganz aus den Augen, denn diese weiß von einer solchen Phantasterei gar Nichts und führt auf eine ganz andere Anschauung, was sich sofort deutlich zeigt, wenn man nur auf einige hervortretende Züge Acht gibt. Allerdings wirkt der Herr nicht selten durch das bloße Wort seine Wunderwerke und dies könnte als eine Wirkung der in ihm ruhenden göttlichen Allmacht erscheinen, allein andererseits gibt es doch auch eine ganze Reihe von Fällen, in denen eine gewisse Vermittlung bei dem Wirken der Wunder stattfindet und dahin gehört das Anfassen der Leidenden mit der Hand (s. Matth. 8, 3. 15. 9, 29. 20, 34. Luk, 7, 14. 22, 51). Dem Blindgeborenen in Jerusalem streicht er mit seinem Speichel befeuchtete Erde auf die Augen und befiehlt ihm sodann sich in dem Teiche Silva zu waschen (s. Joh. 9, 6); dem Taubstummen in der Gegend der Zehnstädte legt er den Finger in die Ohren und berührt mit seinem Speichel dessen Zunge (s. Marc. 7, 33. 34), dem Blinden von Bethsaida bestreicht er die Augen mit seinem Speichel und legt ihm die Hände auf (s. Marc. 8, 23); bei dem letzten Fall gehört auch das hierher, daß die Wirkung nicht sogleich, sondern stufenweise erfolgt (s. Marc. 8, 24. 25). Ferner schafft er bekanntlich die Speise für die Viertausend und Fünftausend nicht aus Nichts, sondern aus dem vorhandenen Vorrath. Aber nicht bloß diese äußeren Vorgänge führen uns auf eine andere Anschauung, als welche uns eine überspannte Dogmatik an die Hand geben will, sondern noch weit deutlicher erhellt dies aus einzelnen Zügen der evangelischen Erzählung, welche uns in das Innere Jesu während der Verrichtung seiner Wunder einen Blick eröffnen. Bei der Speisung der Fünftausend und Viertausend blickt Jesus zuvor zum Himmel empor und spricht ein Dankgebet (s. Matth. 14, 19. Joh. 6, 1 1. Matth. 15, 36). Am Grabe des Lazarus, ehe er den Todten herausruft, hebt er seine Augen zum Himmel und spricht ein Gebet vor allen Anwesenden (s. Joh. 11, 41. 42). Und Marcus erzählt, daß Jesus bei der Heilung des Taubstummen in dem District der Zehnstädte seine Augen zum Himmel gerichtet und geseufzt habe, sodann habe er das wunderwirkende Wort gesprochen (s. 7, 34). Endlich bemerkt Johannes, daß vor der Auferweckung des Lazarus in dem Innern Jesu die heftigsten und gewaltigsten Gemüthsbewegungen vorausgegangen sind (s. Joh. 11, 33. 38). Daß diese inneren Bewegungen Jesu beim Verrichten seiner Wunder aber nicht zufällig waren, sondern auf einem bleibenden Zustand seines Gemüthes beruhten, darüber gibt uns Matthäus durch eine zusammenfassende Aeußerung unzweifelhafte Gewißheit. Wir haben gesehen, daß vorzugsweise Matthäus darauf ausgeht, uns zu veranschaulichen, daß die Wunderwirksamkeit Jesu in Galiläa etwas Durchgehendes gewesen sei. Derselbe ist es nun auch, der uns in den inneren Zustand Jesu, aus welchem diese wunderbare Wirksamkeit wie aus der Tiefe einer göttlichen Quelle hervorging, einen Blick thun läßt. Nachdem er nämlich eine von seinen oben angeführten zusammenfassenden Beschreibungen gegeben hat, fährt er fort: „damit erfüllet würde das Wort des Propheten Jesaja, der da spricht: er nahm auf unsere Schwachheiten und trug die Krankheiten“ (s. 8, 17). Diese prophetische Stelle ist entnommen aus dem bekannten 53. Capitel des jesaianischen Buches, in welchem das versöhnende Leiden und Sterben des Knechtes Gottes geschildert wird. Was dort von dem Aufsichnehmen unserer Schmerzen und Krankheiten von Seiten des Knechtes Jehovas gesagt wird, das findet Matthäus in den sich auf alle vorkommenden Krankheiten und Seuchen erstreckenden Wunderheilungen erfüllt. Hier ist es mit einem Schlage aufgedeckt, nicht in der himmlischen Höhe der göttlichen Allmacht, sondern in der irdischen Tiefe menschlichen Mitleidens, welches Mitleiden die Stärke des Leidens selber hat, entspringt der Born der heilenden Wunderkräfte, der sich über die kranken und verwundeten Glieder an dem großen Leibe der Menschheit als göttliche Heilkraft ergießt.

Wir kommen hier wieder zurück auf den wichtigen Begriff der Selbstversenkung Jesu in den Zustand Israels, dessen Möglichkeit wir in der göttlichen Geburt Jesu und dessen Wirklichkeit wir in seiner Geistesweihe erkannt haben. Hier handelt es sich um die Selbstversenkung in den leidenden Zustand Israels, wie er sich in den Krankheiten offenbarte. Je reiner die Idee Israels in Jesu lebte, desto tiefer mußte er die Leiden der Krankheit in Israel empfinden. Denn wenn Jesus auch weit entfernt war von einer rein äußerlichen und im Grunde mechanischen Betrachtung, nach welcher jedes körperliche Leiden in der individuellen oder familiären Sphäre des Leidenden durch eine bestimmte Schuld verursacht war (s. Joh. 9, 2. 3. Luk. 13, 2. 3), so ausgemacht ist ihm doch selbstverständlich der von der Schrift vorausgesetzte allgemeine Zusammenhang zwischen Uebel und Schuld, zwischen Krankheit und Sünde (vgl. Matth. 9, 1-8). Diese allgemein menschliche Verbindung, welche tief im Bewußtsein der Völker und in der Erfahrung aller Zeiten wurzelt, erhält in Bezug auf Israel noch einen bestimmten Anhalt. Es gehörte zu den ausdrücklichen Verheißungen Jehovas, daß wenn Israel in den göttlichen Geboten wandeln würde, das Volk von den Krankheiten der Heiden verschont bleiben sollte, wie es heißt, „ich Jehova bin dein Arzt“ (s. 2 Mos. 15, 26). Und obwohl Israel niemals den völligen Gehorsam geübt hat, so finden wir doch in der alttestamentlichen Geschichte der Männer Gottes keinen Fall, wo die heiligen Werke durch Krankheit unterbrochen und gestört worden wären. Dagegen sind zur Zeit Jesu alle Gegenden des israelitischen Landes voll der mannigfaltigsten und schlimmsten Krankheitserscheinungen; es scheinen zu dieser Zeit alle Früchte an diesem schlimmen Gewächs des Erdreiches, auf dem um der Sünde willen der Fluch Jehovas ruht, reif gewesen zu sein. Wenn nun Jesus die kranken Glieder seines Volkes in solchen Haufen vor sich sah, da mußte ihm zu Muthe sein wie dem Propheten, wenn er klagt: „das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt, von der Fußsohle bis zum Haupt ist nichts Gesundes an ihm“ (s. Jes. 1, 5. 6), und in diesem großen und allgemeinen Siechthum mußte er die allgemeine und tiefe Verderbtheit und Verlorenheit Israels erkennen und empfinden. Dazu kam nun noch eine besondere Steigerung des körperlichen Leidens, die uns theils durch allgemeine Angaben, theils durch einzelne besonders ergreifende Schilderungen von den Evangelisten veranschaulicht wird. Die körperlichen Leiden erscheinen zuweilen als verursacht von einer Geistesstörung und diese äußerte sich nicht selten so stark und unheimlich, daß der Zustand als eine Besessenheit des Leidenden von einem finsteren Geiste angesehen werden mußte. Da dieser höchste Grad des Leidens sehr weit verbreitet war, namentlich da, wo Israel mit den Heiden zusammengrenzte, so weist auch dieses Leiden auf eine tiefe innere Abnormität des ganzen Volkes hin. Jehova hatte Israel mit ausgerecktem Arm und erhobener Hand aus der Gewalt aller fremden, Götter und Geister erlöset (s. 2 M. 12, 12. 4 M. 33, 4) und das Volk damit zu seinem Eigenthum gemacht (s. 2. M. 19, 5). Durch den Abfall gerieth das Volk aber wiederum unter die Gewalt der fremden Götter und Geister der Welt und die äußere Erscheinung davon ist die Besessenheit, welche offenbar in den Tagen Jesu gleichfalls eine gewisse Höhe erreicht hatte. Jesus selber beschreibt den Zustand der Besessenheit besonders in einigen Arten als die tiefste Noch, welcher nur geholfen werden könne durch die allerernstlichste Entsagung der Welt gegenüber und die tiefste Versenkung in Gott, nämlich durch Fasten und Beten, wie er sagt (s. Matth. 17, 21). Jesus nun, von dem wir seit der Taufe wissen, daß er als das Lamm Gottes die Sünde der Welt trägt, daß er als der Christ Gottes mit dem Widersacher gekämpft und ist ihm obgelegen, sowie er gekommen ist, des Teufels Werke zu zerstören (s. 1 Joh. 3, 8), wenn er die Wunden sieht, welche die Sünde seinem Volke geschlagen, und die unheimlichen Verrenkungen des menschlichen Wesens, welche die Gewaltherrschaft des widersacherischen Geistes verursacht, dann kann er nicht anders, als sich in solchen Leidenszustand zu versenken, und zwar indem er zugleich die Ursache des Leidens übersieht und fühlt, trägt er diese Leiden eigentlicher und wirklicher, als die damit behafteten Menschen selber. Des Menschen Zustand, namentlich im Leiden, schwankt bekanntlich zwischen Trotz und Verzagtheit hin und her; so wenig er nun in den aufgeregten Momenten eine reine und volle Empfindung hat, so wenig ist dies in den mehr ruhigen und gleichmäßigen Zwischenzeiten, der Aufregung und Ueberspannung folgt Erschlaffung und Abstumpfung, weshalb die Leiden auch so selten bewirken, wozu sie gesendet werden. Im Grunde sollen die Leiden weiter gar Nichts als wirklich getragen werden, einen Zweck außer sich haben sie gar nicht, werden sie wirklich getragen, so erledigt sich damit ihr Zweck. Das Tragen muß aber dabei ganz eigentlich genommen werden, darin liegt Zweierlei, darin liegt das völlig reine Empfinden des Leidens, und das gelassene Ausharren in demselben. Es gestaltet sich aber in Wirklichkeit so, daß wo das Eine vorhanden ist, es gewöhnlich in demselben Maße an dem Anderen fehlt, und umgekehrt. Nun aber hat das Empfinden des Leidens erst dann einen sittlichen Werth, wenn es mit dem Ausharren in diesem Leiden verbunden ist, und das Ausharren ist erst dann rechter Art, wenn es Nichts von Stumpfsinn und Unempfindlichkeit an sich hat. Da nun die eine Seite nicht ohne die entsprechende andere Seite sein darf, so ist die allgemeine Mangelhaftigkeit entweder der einen oder der anderen Seite ein allgemeines und gründliches Mißverhalten der Menschen zu ihren Leiden. Es ist dies auch gar nicht befremdlich, sondern vielmehr nothwendig, denn alles Leiden hängt nach göttlicher Ordnung mit der Sünde zusammen. Das Beides verknüpfende Band ist die Einheit des göttlichen Willens. Die eigentliche Substanz des Leidens nämlich ist der zürnende Gotteswille, dieser zürnende Gotteswille ist aber derselbe Wille, der vor der Sünde als gebietend oder verbietend auftritt, er ist lediglich in der Gestalt und Aeußerung verschieden und zwar weil der Sünder nach der Sünde eine andere Erscheinung ist als vor derselben. In dem Leiden ist also die eigentliche Aufgabe des Menschen, den göttlichen Zorneswillen als den, welcher er ist, hinzunehmen und gelten zu lassen, also nunmehr denselben Willen zu erleiden, den er vorher durch Thun oder Lassen verbrochen hat, demnach soll der Mensch im Leiden seinen eigenen Willen umsetzen, ihn aus dem Mißverhältniß zu dem göttlichen Willen in das rechte Verhältniß zu diesem Willen zurückbringen. Sobald wir dabei nun von Einzelheiten und Zufälligkeiten absehen und unseren Blick auf das Ganze und das Wesentliche richten, so müssen wir sagen, in dem Menschen an sich liegt nicht die Macht, aus der Gewalt seines ersten Willens, der den göttlichen Willen thatsächlich gebrochen hat, herauszukommen, und darin liegt der Grund des allgemeinen Mißverhältnisses des Menschen zu seinem Leiden. Eben darin liegt nun auch der Grund, weshalb in Jesu zum ersten Mal das rechte Verhalten zu dem Leiden der Menschheit hergestellt ist. Weil der Wille Jesu Nichts gemein hat mit dem Willen der Sünder, so bedarf er keiner Umbiegung seines Willens, sondern er braucht nur die gerade Richtung zu verfolgen, um ohne Vorbehalt in den zürnenden Gotteswillen einzugehen. Und daß er dieses wirklich thue, bedarf es ferner für ihn nicht erst eines besonderen Willensaktes, sondern des Festhaltens an dem Willen, durch welchen er in die Gemeinschaft des sündigen und leidenden Menschengeschlechts eingetreten ist. Daß er nun die Krankheiten und Seuchen der Menschheit auf sich ladet und trägt, ist daher gar nichts Besonderes an ihm, sondern die selbstverständliche Folge seiner Menschwerdung und seines Christseins. Wir verstehen aber jetzt, was wir schon andeuteten, daß dieser prophetische Ausspruch nicht bloß sehr eigentlich zu nehmen ist, sondern daß hier von einem Tragen die Rede ist, welches eigentlicher ist, als es von den Leidenden selber empfunden werden konnte, denn wir wissen nun, daß Jesus die eigentliche Last, welche in allen Leiden die innere Substanz bildet, nämlich den Zorn Gottes auf sich nimmt und sich dieser willig unterstellt; während die Leidenden selbst, weil ihr Wille an ihre Sünde gebunden bleibt, in diese Tiefe niemals hinabsteigen können. Nun verstehen wir auch das Seufzen Jesu und sein Weinen am Grabe des Lazarus und seine den Wundern vorausgehenden Gebete, wir sind mit einem Wort durch diese Betrachtung in das Geheimniß des Wunderwirkens Jesu eingedrungen. Denn was will der zürnende Gotteswille? Er will durchaus nichts Anderes, als daß ihn der menschliche Wille aufnehme und erleide, dann hat er sich selbst befriedigt und es ist damit die ursprüngliche Einheit wieder hergestellt, d. h. das Leiden hat sich in sich selbst erledigt und die Erlösung, nicht eine zufällige, sondern die wesentliche Erlösung ist vorhanden. Der Wille Jesu, der in dem Leiden der Menschheit den Zorneswillen Gottes leidet und trägt, ist wesentlich Eins mit dem Willen des Vaters und hat deshalb in jedem Augenblick Zugang zu des Vaters Thron und kann die Befreiung von dem vorhandenen Leiden erreichen, nur daß wir festhalten müssen, dieser immerdar erhörlich bittende Wille Jesu (s. Joh. 11, 41. 42) kann immer erst dann zum Vater hindurchdringen, nachdem er den Zorneswillen Gottes erlitten hat. Wem kommt nun aber dieser leidende und bittende Wille Jesu, mit welchem sich Gottes Allmacht verbindet, zu Gute? Wir haben gesehen, daß Jesus Glauben forderte und wo er den entschiedenen Mangel an Glauben fand, keine Wunder Hat. Dies erhält jetzt für uns einen neuen und tieferen Sinn. Da wir gefunden haben, daß seine helfende Wundermacht wesentlich auf der sittlichen Auffassung des Leidens ruht, so müssen wir annehmen, daß seine ganze Erscheinung, obwohl von dem innigsten Mitleid durchdrungen, durchaus nicht den Eindruck irgend welcher Weichlichkeit und Schwächlichkeit machte, der es immer hauptsächlich nur um Befreiung von Schmerzen und Uebeln zu thun ist, wenn auch jedenfalls in edlerer Art, nämlich für Andere, sondern der Grundton seines Mitleidens ist immer sittlich und heilig und fern von aller auch der edelsten Sentimentalität, und das prägt sich so sehr in seinem Wesen und Wandel aus, daß diejenigen Alle, welche in das bloß äußerliche Gefühl des Leidens versunken waren, ebenso wie die, welche ihrem Leiden gegenüber kalt und trotzig waren, sich von Jesu immer mehr abgestoßen fühlen mußten als angezogen. Sondern nur diejenigen kommen zu ihm, welche entweder schon vorher durch ihr Gewissen, oder unmittelbar durch Jesu Erscheinung, die sie selbst gesehen oder durch den Ruf vernommen hatten, angeleitet waren, ihr Leiden im Zusammenhang mit dem heiligen Willen Gottes aufzufassen, die also in irgend einem Maße eine Gesinnungsähnlichkeit hatten mit dem tiefsten Geheimniß des Lebens Jesu. Diesen konnte er ihren Glauben durch die That besiegeln, diese konnten, wenn sie anders dem Zuge ihres Gewissens weiter nachgingen, seine Werke als Zeichen seiner göttlichen Macht und Herrlichkeit verstehen und festhalten.

Auf diesem Wege des Verständnisses der Wunder Jesu entgehen wir auch einer Schwierigkeit, welche das gegenwärtige Weltbewußtsein oft aufwirft und welche Manchen unter Ihnen vielleicht in nicht geringe Verlegenheit bringt. Man sagt nämlich, seit die Naturwissenschaft die Menschheit aufgeklärt und bewiesen habe, daß in der Welt Alles lückenlos durch das Gesetz von Ursache und Wirkung und durch die Alles beherrschenden Naturkräfte zusammenhänge, seitdem müsse es auch für das gebildete Bewußtsein feststehen, daß Wunder in eigentlichem Sinne unmöglich seien, weil sie die Weltordnung und, damit zugleich alles vernünftige Denken aufheben würden. Man hat zwar dieses Argument oftmals durch die bequeme Einrede zu beseitigen gesucht, daß man sagte, diese Art, die Wunder zu leugnen, habe nur Gewicht für alle die, welche die Welt auf sich selbst ruhend fassen, entweder in oberflächlich deistischer Weise oder in der consequenteren Weise des Pantheismus. Aber es ist gar nicht abzusehen, warum auch diejenigen, welche an eine Schöpfung und an einen lebendigen Gott in der Welt glauben, sich nicht ebenfalls die ganze Stärke jenes Einwandes gegen die Wunder sollten aneignen können, denn je göttlicher ihnen die Gesetze und Ordnungen der Natur sein müssen, desto weniger dürfen wir, können diese sagen, zugeben, daß es in der Welt der göttlichen Schöpfung und Erhaltung Etwas geben soll, was mit allem Anderen nur im Gegensatz steht; es würde uns dieses, können sie fortfahren, nur als ein Widerspruch Gottes mit sich selber erscheinen, und dieses zu denken, ist uns noch unmöglicher, als jenen der Widerspruch mit den Gesetzen des Daseins und des Denkens. Und in der That gibt es nicht wenige solche deistische Leugner der Wunder. Es ist nicht unseres Ortes diesen verwickelten und weitschichtigen Streitpunkt hier zu erledigen, aber von dem gewonnenen Standpunkt unserer Betrachtung können wir einen Fingerzeig geben, der diese störende Einrede zur Ruhe bringt und auch für die vollständige Auflösung dieser Schwierigkeit einen festen Anhaltspunkt gewährt. Der Mittelpunkt aller biblischen Wunder ist die Person Jesu Christi und nur von diesem Mittelpunkt kann auch das Wundergebiet richtig beleuchtet und verstanden werden. Das Wunderbare dieser Persönlichkeit ist nun so wenig eine Leugnung der Weltordnung, daß sich dieses Wunder nur auf der Grundlage der tiefsten ethischen, physischen und logischen Weltgesetze erhebt und auf dieser Grundlage erfaßt und verstanden werden muß. Eben nur deshalb und nur insofern ist diese Person das höchste Wunder, nämlich Anfang und Grund einer neuen Welt, weil und inwiefern die ganze Welt der ersten Schöpfung in ihr zusammengefaßt ist. Wer also im Namen der Weltordnung gegen dieses Wunder protestiert, der gibt damit zu verstehen, daß ihm entweder die Wahrheit dieser Person, oder die Tiefe der Weltordnung, oder auch, was wohl das Gewöhnlichste ist, das Eine so wenig wie das Andere aufgeschlossen ist. Und mit den Wundern dieser Persönlichkeit ist es nun, wie wir gesehen haben, gerade so beschaffen. Die Höhe jedes Wunders, in welcher sich die neue Welt der Erlösung ankündigt, hat eine entsprechende Tiefe neben sich, welche in dem Eingehen in die tiefsten Grundgesetze der alten Weltordnung ruht. Denn die Beziehung der Dinge zu dem Menschen ist, wie Goethe einmal sagt, das einzig Bedeutende und Wissenswürdige an den Dingen. Und eben in den Grund dieser Beziehung der Dinge setzt Jesus ein. Diesen Grund trägt er lebendig und bewußt m sich, wenn er seine Wunder wirkt. Und indem er nun in diesen tiefsten Grund aller Weltordnung alle Anwesenden auf dem Schauplatz seiner Wunderthaten mehr oder minder hineinversetzt, erreicht er es, daß der Anblick seiner Wunder Niemandem das richtige und gesunde Weltbewußtsein stört; und da die richtige Betrachtung der Erzählung dieser Wunderthaten gleichermaßen durch die Versenkung in den persönlichen Stand Jesu bedingt ist, so kommt Niemand in Gefahr, durch den Glauben an die Wirklichkeit der Wunder Jesu seinen Verstand in der Welt zu verlieren. Ganz ähnlich wie mit den Wundern Jesu ist es mit den Wundern der Propheten und Apostel, auch diese Wunder dürfen nie und nirgends von dem persönlichen Grunde ihrer Urheber losgelöst werden, diese heiligen Persönlichkeiten garantieren aber immer das richtige Weltbewußtsein, da sie dasselbe in erhöhter Potenz besitzen und offenbaren. Daraus erklärt es sich, daß, obwohl die Geschichte der Juden voll ist von Wundern, dennoch keine Spur vorliegt, daß ihr Weltbewußtsein irgendwie jemals gestört worden wäre. Jeder Jude glaubte an den Durchgang Israels durch das Schilfmeer und durch den Jordan und wie Josephus versichert, war er bereit, für den Glauben an die Wahrheit aller heiligen Erzählungen sein Leben zu lassen, aber dabei leidet es keinen Zweifel, daß kein Jude eines physikalischen Cursus bedurfte, um zu wissen, daß das Wasser vermöge des Gesetzes der Schwere nicht aufwärts, sondern niederwärts fließt. Kurz die Wunder Jesu, wie überhaupt die biblischen Wunder, sind so tief in dem Weltgrunde angelegt, daß sie die Cirkel der Naturgesetze und Naturerscheinungen in keiner Weise verwirren, sie sind so fest in das Weltbewußtsein eingegründet, daß ihr Bericht neben dem Kosmos von Alexander von Humboldt sich sehr wohl behaupten kann. Es ist aber um so wichtiger und nöthiger, daß wir uns hier gegen die von dem Weltbewußtsein her aufgeworfenen Zweifel und Bedenken ganz fest und sicher stellen, da die Wunder Jesu sich nicht aus die unmittelbar menschliche Sphäre beschränken, sondern auch in das große Naturgebiet eingreifen. Nicht bloß verwandelt er Wasser in Wein und vermehrt einen kleinen Mundvorrath zu einem Ueberfluß für viele Tausende, sondern er gebietet mehrmals den Fischen im Meer, sein Wunderblick erschaut den Fisch mit dem Stater im Leibe, seine Wundermacht treibt denselben an die Angel des Petrus, auf daß er hergebe seinen Stater, welcher gerade ausreicht zu der jährlichen Tempelsteuer für Jesum und Petrus, damit es offenbar würde, daß die Söhne vom Hause Gottes frei sind und doch sich unbeschadet ihrer Freiheit der menschlichen Ordnung fügen können (s. Matth. 17,24-27); mit seinem bedrohenden Wort bringt er Wind und Meer zum Schweigen, er wandelt über die wogende See und bringt mit seinem Wort einen blätterreichen Baum zum Verdorren. Man sieht, die meisten dieser Wunder offenbaren die Herrschaft über, die unruhigen Elemente des Meeres und Windes, wir werden also auf diese vornehmlich unsere Aufmerksamkeit zu richten haben und können uns, wenn wir deren Verständniß gewinnen, um so eher hiermit begnügen lassen, da die übrigen Wunder, welche in die außermenschliche Sphäre hineingreifen, sonst gelegentlich zur Sprache kommen. Sobald wir nun an diese Wunder der Macht Jesu über Meer und Wind den allein gültigen Maßstab der biblischen Anschauung halten, wird sich uns zeigen, daß diese Wunder auf dem gleichen Grunde ruhen, den wir bereits erkannt, nämlich auf der reinen, selbstlosen Versenkung Jesu in die Tiefen der gegenwärtigen Welt. Die brausende Wassertiefe ist ein Grundzug in dem chaotischen Urzustande der Erde (s. 1 M. 1,2). Durch das dritte Tagewerk Gottes wird das chaotische Wasser in das Meer eingedämmt (s. 1 M. 1, 9.10). Aber nachdem die kosmische Ordnung durch des Menschen Sünde gestört worden, offenbart sich in dem Meere wiederum der chaotische Charakter. Zu dem großen Gericht über die sündig gewordene Erde thun sich wiederum auf die Brunnen der brausenden Tiefe (s. l M. 7,11). Zwar müssen sie vor dem Schelten Jehovas zurückweichen (s. Ps. 104, 7) und ihrem Ungestüm sind feste Schranken und Riegel gesetzt (s. Hiob 38,10), aber die großen und unbändigen Wasser des Meeres sind und bleiben das sprechende Naturbild der inneren Unruhe und Zügellosigkeit, die in dem Menschen liegt, der von Gott losgekommen ist (s. Jes. 57, 20.21). Da nun die heidnischen Völker ohne das lebendige Bewußtsein Gottes in der Welt leben, so ist es vornehmlich die wogende und tobende Heidenwelt, welcher nach biblischer Anschauung das Meer in seiner trotzigen Aufgeregtheit entspricht (s. Jes. 17,12.13. Offenb. 17, 15). Darauf beruht es, daß einerseits Daniel die vier Thiere des Weltreiches aus dem von allen vier Winden aufgestürmten großen Meer aufsteigen sieht (s. Dan. 7, 2.3) und andererseits Johannes auf der neuen Erde das Meer verschwunden schaut (s. Offenb. 21, 1). Aus diesen biblischen Anschauungen von dem Charakter der großen Wasser erhalten nun auch mehrere bedeutsame Thatsachen der israelitischen Geschichte ihr Licht und Verständniß. Die Durchgänge durch das Schilfmeer und den Jordan, diese beiden charakteristischen Ereignisse, welche die Anfangs-Geschichte Israels aus dem Niveau aller natürlichen Entwickelung emporheben, bezeichnen Israel von vornherein als das Volk, welches berufen ist, durch göttliche Kraft über die wilden Elemente der gottlosen Welt zu herrschen. Und im Kleinen wiederholte sich dieses Zeichen, als Elia, der Eiferer Jehovas, auf seinem letzten Wege durch den Jordan ging und als Elisa das Eisen der Prophetenkinder schwimmen machte. Da wir nun von der Versuchungsgeschichte her wissen, daß Jesus nicht bloß die biblischen Anschauungen mit allen wahren Gliedern seines Volkes theilt, sondern daß der Grund seiner Seele mit der heiligen Schrift Israels Eins geworden ist, so daß er selber die lebendige Gegenwart und geistige Wirklichkeit des heiligen Buchstabens ist, so ist auch damit gegeben, daß er das Meer mit seinen Eigenthümlichkeiten so aufgefaßt hat, wie es die alttestamentliche Schrift an die Hand gibt. Damit wissen wir, daß er das Unheimliche, welches in diesen wilden und rasenden Elementen enthalten ist und die gottlose Unruhe der Welt abbildet, vollständig empfunden hat. Wenn wir daher sehen, daß er sich ohne Furcht auf dem wogenden Meer dem Schlafe überzieht oder gar nächtlicher Weile über die Wellen dahinschreitet, so beruht dies jedenfalls auf einer Ueberwindung jenes unheimlichen Eindrucks, die er in sich selber vollzogen hat. Erst auf diesem inneren Siege ruht die Wundermacht, welche Jesus über Wind und Meer ausübt. Es stimmt nämlich ganz zu der alttestamentlichen Geschichte und Anschauung, daß Jesus einen großen Theil der Zeit seiner öffentlichen Thätigkeit am galiläischen See, diesem Weltmeer im Kleinen, zubringt, welche Localität ihm sodann Gelegenheit gewährt, in der mannigfachsten Weise zu zeigen, daß die vollkommene Siegesmacht über Meer und Wasser nicht in dem Stabe oder der Lade Gottes, noch in dem Mantel des Elia und dem Holze des Elisa ruht, sondern in derjenigen Persönlichkeit, welche sich in die untersten Tiefen der Erde versenkend (s. Ephes. 4,9) mit Gott im Himmel Eins bleibt und dadurch die Macht gewinnt, umschlossen von den Elementen dieser Welt Sturm und Meer mit derselben Wirksamkeit zu bedrohen (s. Marc. 4, 39), wie einst Jehova vom Himmel her. Diese so begründete und so errungene Herrschaft Jesu über das widerwärtigste und unbändigste Element der kosmischen Welt ist die Offenbarung, daß die überweltliche Macht Gottes eine inweltliche und innermenschliche geworden und der Mensch nunmehr wiederum eingesetzt ist in die Vollmacht, nach welcher ihm Alles unter die Füße gethan ist, auch das, was auf den Pfaden der Tiefe einhergeht (s. Ps. 8, 9).

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