Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Achter Vortrag. Das Panier auf dem Berge.

Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Achter Vortrag. Das Panier auf dem Berge.

An der sicheren Hand des Evangeliums Johannis schreiten wir auf unserem Wege vorwärts und zwar gehen wir hier Schritt vor Schritt, um uns in die großen Geheimnisse, die uns bei jeder, auch der leisesten Wendung begegnen, hineinzugewöhnen und hineinzuleben. Dazu sind nun insbesonders die ersten Berichte, welche Johannes über die Anfänge des öffentlichen Lebens Jesu uns überliefert hat, ganz vorzüglich angethan. Nachdem wir durch dieses schrittweise Vorgehen bei diesen heiligen Erstlingen der Thaten und Worte Jesu unseren Blick an dem großen Gegenstande selber geschärft und geübt haben, werden wir später, wozu wir leider durch die Zeit genöthigt sind, eher eilen können, ohne uns zu verwirren.

Nach der Hochzeit zu Kana begibt sich Jesus mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kapernaum und verweilt hier einige Tage. Dabei ist uns Zweierlei merkwürdig. Kapernaum am galiläischen See und an der großen Handelsstraße von Damaskus her wird später der Mittelpunkt des Wirkens Jesu in Galiläa. Wir müssen annehmen, daß er jetzt das Verhältniß zu diesem Orte anknüpft. Sodann sehen wir hier, daß Jesus seine angestammte Hausgenossenschaft noch festhält. Später tritt eine bestimmte und scharfe Scheidung ein. Wir entnehmen daraus, daß er das Verhältniß zu seinem angestammten Hause nicht auf eine schroffe Weise abgebrochen haben kann. Es wird übrigens von diesen Tagen in Kapernaum nichts Besonderes berichtet und wir müssen wohl annehmen, daß sie mehr der Ruhe gewidmet waren nach der ersten Arbeitswoche. Diese Ruhe ist aber nur die Vorbereitung zu einem neuen kräftigeren Ansatz der Wirksamkeit, nämlich zu dem ersten Act des öffentlichen Auftretens Jesu in Jerusalem. Nach jenen Tagen in Kapernaum geht nämlich Jesus mit seinen Jüngern nach Jerusalem zum Passafest. Es ist dies die dritte Anwesenheit Jesu in Jerusalem, welche die Evangelisten berichten: zuerst war er in Jerusalem als Kind, dann als Knabe und nun als Messias; und jedesmal ist es die heilige Tempelstätte, wo wir ihn finden. Jede der beiden vorausgehenden Anwesenheiten Jesu in Jerusalem ist merkwürdig und bedeutsam gewesen: die erste durch das weissagende Wort Simeons vom Licht der Heiden und dem Zeichen, dem widersprochen wird, die zweite durch das erste Wort, welches wir aus dem Munde Jesu vernehmen, in welchem der Zwölfjährige den Tempel als seine wahre Heimat und Jehova für seinen rechten Vater erklärt, zum Staunen und zur Verwirrung seiner Eltern. Nach diesen Vorgängen werden wir bei dieser dritten Anwesenheit gleichfalls etwas Besonderes erwarten müssen. Und ohnehin wie könnte es anders sein? Als Gesalbter Jehovas, als König Israels betritt Jesus zum ersten Mal die heilige Stadt, beschreitet zum ersten Mal in seiner amtlichen Würde die gefeierten Höhen, auf denen die Spuren der heiligen Vergangenheit tief eingedrückt sind und über denen fort und fort der Geist der Weissagung schwebt, und zwar geschieht dieses an dem großen Fest der Erlösung Israels. Dieses erwogen, können wir nichts Anderes, als eine Entscheidung erwarten. In der That erfolgt auch eine Entscheidung, aber so tiefgreifend dieselbe auch ist, so hat sie doch einen sehr stillen und verborgenen Charakter. Es wird unsere Aufgabe sein, durch die Oberfläche dessen, was vor unseren Augen vorgeht, hindurchzudringen. Wenn uns dies gelingt, so könnte uns bei der Wendung, die sich uns enthüllt, wohl ein Wirbel und Schwindel erfassen, wenn wir nicht niederfallen und anbeten müßten, weil wir hier ein neues Wunder der göttlichen Macht und Liebe schauen, die in unsere Mitte getreten ist, um uns von unseren Sünden zu erlösen.

Zuerst kommt es darauf an, eine Anschauung des Vorganges zu gewinnen, sodann ein Verständniß. Das Verständniß dieses Vorganges ist sehr wichtig, denn es ist der Schlüssel zu allem Folgenden. Es tritt nämlich gleich hier im Beginn des öffentlichen Auftretens Jesu in Jerusalem ein entscheidender Wendepunkt ein, der alles Weitere wesentlich bedingen wird.

Jesus findet auf dem Tempelberge in dem Vorhofe des Heiligthums die Verkäufer von Schafen, Rindern und Tauben und außerdem die Geldwechsler an ihren Tischen. Weil dies Alles dem Heiligthum diente mit besonderer Rücksicht auf die Tausende von Festpilgern, welche aus der Ferne kamen und was sie für ihre gottesdienstlichen Leistungen brauchten, nicht selber hatten mitbringen können, weil also diese ganze Aeußerlichkeit einen solchen Zweck hatte, so war man gewohnt, daran keinen Anstoß zu nehmen, als an einem vermeintlich nothwendigen Uebel, welches um seines Zweckes willen geduldet werden müsse. Kein Schriftgelehrter, kein Pharisäer, kein Gottesfürchtiger in Israel hatte an dieser Einrichtung Aergerniß genommen, selbst der Täufer ist aller Wahrscheinlichkeit nach ohne Rüge daran vorübergegangen. Jesus findet diese Kaufwirthschaft unvereinbar mit dem Heiligthum. Schon in seinem zwölften Jahre hatte Jesus den unmittelbar bestimmten Geisteseindruck im Tempel Jehovas, daß er hier eine Heimat habe, wie er sie in Nazaret nicht gefunden, daß er hier zu Hause sei, wie nirgends auf der ganzen Erde. Jetzt ist er in sein männliches Alter eingetreten und jenes Bewußtsein hat sich ihm zur männlichen Reife ausgebildet, und nicht bloß dieses, er ist durch himmlische Zeichen und Wunder zum König Israels eingesetzt, und als solcher betritt er zum ersten Male die heilige Stäte, er weiß sich jetzt nicht bloß als den Sohn dieses Hauses, sondern auch als den gottbestellten Herrn desselben; von allen Anderen weiß er eben so bestimmt, daß sie nur Knechte sind in diesem Hause, die noch kein Bleiben darin haben (s. Joh. 8, 35. 36), die höchstens berufen sind, durch ihn das Kindesrecht zu erlangen. In diesem Selbstbewußtsein ruhend ist sein Sinn für das, was sich schickt und geziemt im Heiligthum und was nicht, unendlich feiner und schärfer, als der Sinn selbst der frömmsten Israeliten. Für diesen seinen Sinn ist nun jener äußerliche Apparat Nichts als eine Störung des heiligen Ortes und seines Dienstes, dieses Weltgetreibe ist ihm ein Hinderniß derjenigen Stille, in welcher allein man sich zu Gott nahen kann, und für diese Entscheidung seines inneren Sinnes hat die Reflexion über die äußerliche Dringlichkeit dieser Einrichtung schlechterdings keine Bedeutung. Was nun aber hier das Besonderste ist, das ist dieses: unendlich Vieles hat das heilige Auge Jesu in Israel gefunden, an dem er Verkehrtes entdeckte, während er aber sonst überall in lehrendem, rügendem Worte dagegen auftritt, finden wir ihn hier sofort handelnd eingreifen, und das kurze Wort, das er spricht, ist nur die nöthigste Begleitung dieses seines Handelns. Beachtenswerther ist dieses noch dadurch, daß auch nicht eine Lehre voraufgegangen, vielmehr ist dieses sein sofortiges Handeln das erste öffentliche Auftreten an diesem Mittelpunkte des ganzen Volkes und Landes. Mit eigenen Händen flicht er sich eine Geißel aus den auf dem Boden umherliegenden Stricken, offenbar einem Abfall von jenem Viehhandel. Dieser Geißel bediente er sich, um zuerst den störendsten und anstößigsten Handel zu beseitigen, nämlich den Handel mit Schafen, Rindern, die Besitzer mit ihren Thieren trieb er aus dem Tempel hinaus. Sodann machte er sich an die Geldwechsler, störte auch ihren Betrieb und zwar wiederum nicht mit Worten, sondern mit standhafter That, er verschüttete ihr Geld und stürzte vermuthlich mit dem Fuß ihre Tische um. Nachdem er so aufgeräumt und das Schlimmste beseitigt hatte, genügt es ihm, den Taubenkrämern zu sagen: „tragt dieses von hinnen!“ So reinigt Jesus den Tempel und kein Widerstand, ja nicht einmal eine Widerrede wagte ihn zu hindern. Er ist in Jerusalem noch ganz unbekannt, noch geht kein Ruf von seiner Wundermacht vor ihm her, und dennoch lassen die Krämer, welche durch die allgemeine Sitte und den Zweck ihres Geschäftes geschützt waren und ohnehin nicht eben schüchtern zu sein Pflegen, zumal wenn es sich um den Erwerb handelt, sich diesen Eingriff Jesu in ihren Handel ruhig gefallen, keiner der Versammelten nimmt sich des Herkommens gegen den eifernden Reformator an und selbst die amtlichen Aufseher wagen keine Einrede gegen diese plötzliche Neuerung. Wir müssen uns vorstellen, daß jener Act von Jesus ausgeführt wurde mit einer ganz ungewöhnlichen Würde und Majestät in Haltung und Benehmen. Vor dieser unvergleichlichen angeborenen Herrschermacht, die sich nur noch einmal wieder gezeigt hat, beugt sich Alles in Staunen und Entsetzen und dieser Hoheit des Befehlens gegenüber erscheint Allen das Gehorchen und Schweigen naturnothwendig. Während der Eindruck bei den Uebrigen mehr ein gewaltiger als ein klarer ist, gewinnt er bei den Jüngern mehr Bestimmtheit: sie werden an das davidische Psalmwort: „der Eifer um das Haus des Herrn verzehrt mich“ (s. Ps. 69, 10) erinnert. In dieser Erinnerung ist mehr Verstand, als die Jünger ohne Zweifel selber wissen. Zunächst wird darnach das Handeln Jesu als ein königliches angesehen, was wir nach allem Voraufgehenden für sehr richtig halten müssen, sodann wird zurückgegangen auf einen inneren, die ganze Persönlichkeit durchdringenden Grundtrieb, wie David an einer anderen Stelle sein Verhältniß zu dem Bau des Heiligthums beschrieben hat (s, Ps. 132, 1-5). Diesen glühenden Eifer für den Bau des Heiligthums kannten die Jünger an dem königlichen Sänger und eben dieser rücksichtslose und unaufhaltsame Eifer scheint ihnen die Seele zu sein in dem, was Jesus hier vor ihren Augen thut. Daß dieser Eifer für Jesum gefährlich werden kann, was freilich auch in jenem Psalmwort enthalten ist, das ist den Jüngern dermalen wohl noch unklar. Jedenfalls beweist ihre Erinnerung an das Psalmwort, daß sie in das Innere Jesu einen richtigen Blick gethan, während die Uebrigen sich von dem Eindruck der imponierenden Gewalt instinctmäßig bestimmen lassen.

Erst nachdem der ganze Act der Tempelreinigung vollzogen ist, kommen die Juden zu Wort. Während sie sonst gleich mit ihren Bedenken und Fragen bei der Hand sind und sich nicht scheuen, mit ihren Zwischenbemerkungen das Handeln Jesu zu unterbrechen, brauchen sie hier Zeit, sich erst zu besinnen, ehe sie mit ihren Gedanken an den Tag kommen. Die Juden fragen: „was für ein Zeichen zeigst du uns, daß du dieses thust?“ Die Redenden sind ohne Zweifel die Führer des Volkes, Schriftgelehrte und Synedristen, welche Johannes nach dem Sprachgebrach seines Evangeliums darum die Juden nennt, weil sie das Volk repräsentierten und allmälig das ganze Volk in ihre Gesinnung gegen Jesum hineinzogen. Die Frage der Juden scheint einen ganz unschuldigen Charakter zu haben, ja man möchte sie fast für eine amtliche Pflichtübung halten. Eine Neuerung war es jedenfalls, welche sie hatten vor sich gehen sehen, und zwar berührte diese Neuerung die bestehende gottesdienstliche Ordnung, sie betraf eine Einrichtung, welche namentlich für die Festzeiten als eine anerkannte Nothwendigkeit galt. Ausgegangen war diese plötzliche Aenderung von Einem, dessen amtliche Befugniß in Jerusalem noch in keiner Weise constatiert war. War nicht unter diesen Umständen die Frage nach der Legitimation von Seiten derer, denen die Aufsicht über das gottesdienstliche Gemeinwesen in Israel anvertraut war, eine erlaubte, ja war sie nicht amtlich geboten? Bedenken wir nun, daß die Frage nach der Legitimation noch keine Leugnung derselben ist, sondern den Beweis derselben offen läßt, bedenken wir ferner, daß in der Frage auch nicht einmal ein Tadel dessen, was Jesus gethan hat, enthalten ist, vielmehr liegt darin eine stillschweigende Anerkennung. Indem sie die Tempelreinigung stillschweigend haben geschehen lassen, und diese Veränderung selbst auch in ihrer Frage gar nicht berühren, räumen sie ein, daß es etwas an sich Gutes und Richtiges sein möge, und geben zu verstehen, daß sie sich gänzlich dabei beruhigen würden, wenn nur für solches ungewöhnliche Handeln die nöthige Berufsmäßigkeit nachträglich aufgewiesen würde. Man sollte denken, Jesus hätte mit dem Erfolg dieses seines ersten Handelns in der Mitte seines Volkes sehr wohl zufrieden sein können und diese Instanz von Seiten der Oberen nachträglich leicht und gern beseitigen müssen. Wenn wir nun aber finden, daß Jesus auf die Frage der Juden so wenig eingeht, daß er sie vielmehr auf die schärfste Weise, die denkbar ist, zurückweist, so werden wir uns wohl dazu verstehen müssen, noch tiefer in den Sinn seines Handelns einzudringen. Nämlich ohne alle weitere Vermittelung antwortet Jesus auf jene Frage Folgendes: „brechet diesen Tempel ab und in dreien Tagen richte ich ihn wieder aus.“ Jesus spricht von dem Tempel seines Leibes, wie der Evangelist mit Recht erklärend hinzufügt; daß die Juden den Tempel Serubabels und Herodes verstehen würden, sah er natürlich voraus. Aber offenbar stellt sich Jesus so zu dem Volk, daß er verlangt, die Juden sollen aus seinem Handeln und Reden seinen inneren Sinn merken und eingehend auf diesen seinen Standpunkt ihn verstehen; haben sie nur das nicht wollen, haben sie sein Handeln nicht mit diesem allein ausreichenden Maßstab messen wollen, so mögen sie auch seine Worte mißverstehen, das Eine weiß er ihnen jedenfalls anzuthun: vergessen sollen sie seine Worte nicht wieder, und so mag ihnen das Gedächtniß seiner Worte dazu verhelfen, daß sie in späteren Tagen ein besseres Verständniß gewinnen, wobei ihm zu Statten kommt, daß auch Solche unter seinen Hörern sind, die, wenn sie die Worte auch jetzt noch nicht verstehen, sie doch wenigstens nicht auf Lästerung deuten werden. Ist nun aber der Tempel, von dem Jesus jetzt redet, der Bau seines Leibes, wie der Apostel Johannes nach dem später im Geiste gewonnenen Verständniß bezeugt hat, dann stellt Jesus das gerade Gegentheil von dem in Aussicht, womit er angefangen hat. Mit den Gliedern seines Leibes hat er den Tempel von dem ihn verunstaltenden Greuel gereinigt, und vor diesem Acte seiner Heiligkeit und Majestät mußte sich Jedermann geistig und leiblich beugen. Dieselben Juden nun, welche vor seinem hehren Walten entweder knechtisch erschraken oder innerlich sich demüthigten, dieselben Juden fordert er nun auf, diesen seinen Leib, dieses Rüstzeug seiner heiligen und göttlichen Herrschermacht abzubrechen und zu zerstören. Hätten sie den vollen Eindruck seines Handelns in sich aufgenommen, so würden sie auch seinen jetzigen Sprachgebrauch verstanden haben und würden vor ihrem nunmehrigen Mißverständniß geschützt gewesen sein. Daß er seinen Leib den Tempel nennt, liegt auf derselben Linie und ist nur eine Steigerung dessen, daß er Jehova als seinen Vater bezeichnete in den Worten: „machet nicht meines Vaters Haus zu einem Kaufhause.“ Denn in dem Sohne hat der Vater sein Wesen und Wohnen und der Tempel zu Jerusalem ist ja eben die Stäte, an der Jehova seine Gegenwart wohnen lassen will. Das also, was der Tempel ist vermöge der Elemente der Welt, das ist Jesus als Sohn Gottes leibhaftig, also in einem höheren und wahreren Sinne. Und was sie gehört haben, das hat sich noch deutlicher vor ihren Augen geoffenbart. Mußte denn nicht ihr eigenes geistiges und leibliches Selbstbewußtsein ihnen bezeugen, daß die Gliedmaßen dieses Leibes, die vor ihren Augen so Großes und Unerhörtes vollbrachten, beseelt waren von der Gegenwart der göttlichen Kraft und des heiligen Geistes? Sobald man sich also nur in den inneren Zusammenhang der Sache selbst versetzt, ist der Sprachgebrauch Jesu in seinem letzten Worte keineswegs ein dreister Sprung, sondern steht in consequenter Einheit mit seinem ersten Acte. Aber eben aus dieser Einheit leuchtet der Gegensatz zwischen dem Ersten und dem Letzten um so deutlicher hervor. Dieselben, auf welche er zuerst mit unwiderstehlicher Gewalt seines leiblichen Handelns wirkt, fordert er auf, zuletzt ihre Gewalt gegen seinen Leib zur Zerstörung zu gebrauchen Worin liegt der Grund dieses staunenerregenden Gegensatzes? Er kann, nur in den Juden liegen. In Jesu kann er schon deshalb nicht liegen, weil, wie sich gleich zeigen wird, sein Wille derselbe bleibt und sein Wille die beiden Seiten dieses Gegensatzes zusammenschließt. Von Seiten der Juden liegt nun nichts Anderes vor, was diesen Gegensatz enthalten könnte, als jene Frage: „was für ein Zeichen zeigst du uns, daß du dieses thust?“ Denn alles Uebrige auf Seiten der Juden ist Gehorsam gegen das Handeln Jesu. In jener Frage muß also der Herr eine solche Verkehrtheit erkennen, die es ihm unmöglich macht, in der angefangenen Weise zu handeln fortzufahren; in jener scheinbar so unschuldigen Frage muß sein Geistesblick einen Gegensatz der Gesinnung schauen, welcher ihn zu jener schrecklichen Aufforderung nöthigt. Es muß in dem Grunde jener Frage, die Jesus mit seinem Geiste durchdringt, nichts Geringeres enthalten sein, als der Keim des Todeshasses gegen ihn. Demnach stellt sich die Sache so: äußerlich hat Jesus seinen nächsten Zweck, die Reinigung des Tempels, vollständig erreicht, innerlich aber kommt für ihn so sehr das Gegentheil von dem, was er will, zum Vorschein, daß er das, was er will, nur auf dem völlig entgegengesetzten Wege erreichen kann, das Ziel bleibt ihm nämlich durchaus dasselbe. Sein Sinn und Wille ist auf den Tempel gerichtet, er beginnt damit, das heilige Haus Jehovas, seines Vaters, von einer störenden Unsitte zu befreien, und sein letztes Ziel ist wiederum die Errichtung des Tempels. Der Tempel, den er errichten will, muß die Vollendung des Tempels sein, denn seine Erbauung ist, wie er andeutet, die Ueberwindung der äußersten Bosheit. Dieser Tempel wird dann freilich der Reinigung nicht mehr bedürfen, er selber ruht auf der Beseitigung aller Unreinheit und ist selbst die Negation und Abwehr alles Ungöttlichen. Demnach stellt sich die Einheit des Sinnes und Willens Jesu sehr klar heraus: die gottwohlgefällige Gestalt des Tempels ist das, was ihn innerlich erfüllt, oder ist vielmehr sein eigenstes Wesen selber, dieser sein heiliger Sinn oder dieses göttliche Sein und Wohnen in ihm ist es, welches durch den störenden Weltlärm im Heiligthum beleidigt wird, und indem er diesen Anstoß beseitigt, setzt er mit der Herstellung der gottwohlgefälligen Gestalt des Tempels ganz genau da ein, wo die Sache gegenwärtig liegt. Sobald er aber mit diesem seinem Handeln innerhalb der gegebenen Aeußerlichkeit kein volles und richtiges Verständniß findet, ist er entschlossen, das Organ seiner Aeußerlichkeit, mit welchem er an die vorhandene Aeußerlichkeit anknüpft und einsetzt, den Mächten der Aeußerlichkeit Preis zu geben, in der festen Zuversicht, daß dadurch das Heiligthum vollendet wird, und also sein ursprünglicher Sinn und Wille zum schließlichen Vollzug kommt.

Wir werden also wiederum auf jene Frage der Juden zurückgewiesen und sehen schon so viel, daß auf dem Verständniß dieser Frage wesentlich das Verständniß der hier vorliegenden Thatsache beruht. Das Handeln Jesu ist seine eigenste und unmittelbarste Offenbarung, und diese seine Offenbarung ist wiederum die eigenste und unmittelbarste Offenbarung Gottes selber. Das ist die Theologie der Evangelisten. Es ist daher eine falsche Theologie, wenn man, um die Offenbarung Jesu und Gottes zu verstehen und zu deuten, das Hauptgewicht auf das legt, was dem Handeln Jesu vorhergeht oder nachfolgt, dann ist nicht die Geschichte Jesu die eigentliche Offenbarung, wie die Kirche von Anfang her geglaubt und bekannt hat, sondern eine vorausgehende und nachfolgende Lehre ist dann die Offenbarung. Aber was voraufgeht, soll nach der Theologie der Evangelisten nur dazu dienen, die Empfänglichkeit für die Aufnahme der heiligen Thatsachen zu wecken. Und was nachfolgt, ist nach der Lehre der Apostel nur dazu vorhanden, um den Grund und das Wesen der vorausgegangenen Thatsachen in das vorhandene Denken, in den herrschenden Sprachgebrauch und demnächst in das Leben selber einzuführen. Der Grund der falschen Theologie liegt immer darin, daß man die Offenbarung Jesu nicht da aufnimmt, wo sie allein verstanden und erfaßt sein will, nämlich im Gewissen, sondern sie vielmehr mit dem Verstande zu bewältigen sucht, wodurch sie dann selber in ihrem Grund und Wesen aufgelöst wird, oder was dasselbe ist, man gewinnt durch dieses eigenmächtige Verfahren nicht die göttliche Offenbarung, sondern ein menschliches Abstractum, welches die Gestalt einer Lehre hat, in Wahrheit aber alle wissenschaftliche Kraft und Art verleugnet. Auf diesem Wege der falschen Theologie liegt die Frage der Juden. Sie fragen nach einem etwa vorausgegangenen oder nachträglich erfolgenden Zeichen, durch welches ihnen das Handeln Jesu erst in seinem rechten Lichte erscheinen soll, und geben damit zu verstehen, daß sie gar Nichts davon gemerkt haben, daß das Handeln Jesu im Heiligthum selber das Zeichen ist, welches keiner weiteren Erklärung und Beglaubigung bedarf, daß dieses sein gewaltiges, unwiderstehliches, auf sich selber ruhendes Walten das hohe helle Panier auf den Bergen ist, um welches sich Israel und die Völker sammeln sollen. Sie brauchten Nichts von Bethlehem, von Simeon, von den Wunderzeichen am Jordan, von der Hochzeit zu Kann zu wissen, wenn sie diesen Act Jesu richtig anschauten und innerlich würdigten, so konnten und mußten sie erkennen: dieser ist der geborene und gesalbte König Israels, sie mußten es verstehen, daß, wenn er Jehova seinen Vater nannte, dieses in seinem Munde einen Klang und eine Wahrheit hatte, wie noch Niemand dieses Wort hatte aussprechen dürfen. Freilich konnten sie diesen reinen und vollen Eindruck von Jesu Handeln nur dann gewinnen, wenn sie die Beschämung und Demüthigung, welche plötzlich über sie kam, und deren sie sich nicht erwehren konnten, festhalten wollten. Sie mußten es ja inne werden, daß dieser mit der Reinheit und Strenge seines Sinnes für die gottwohlgefällige Gestalt des Heiligthums, daß er mit seinem Eifer für die heilige Stäte des Gebetes auch die Frömmsten und Einsichtsvollsten weit übertreffe. Aber nun kam es darauf an, daß sie dieses in ihrem Gewissen festhielten und vertieften und also klar und bestimmt erkannten, daß sie ihr heiliges Hüteramt am Tempel schlecht verwaltet, daß das, worauf die von Jerusalem und alle Juden im Lande und in der Zerstreuung am sichersten sich verließen, und wessen sie sich rühmten vor allen Heiden und Unreinen, ihr heiliger Dienst auf dem Tempelberge, noch selber erst der Reinigung bedürfe, sie mußten es in tiefer Beugung erkennen, daß neben dem Heiligen der Greuel der Welt ungestört seine Stäte gehabt habe. Bis zu diesem Punkte des Aufgebens ihrer höchsten Gerechtigkeit wollten es aber die Juden nicht kommen lassen, dessen erwehrten sie sich, darum ließen sie ihr Gewissen nicht zu Worte kommen, ließen es nicht ausreden, und jener gewaltige Eindruck wurde nun in Folge dessen ein flüchtiger, verschwindender Moment, Als sie nun aber, anstatt im Gewissen ihren Standpunkt zu nehmen, in den alten Wahn ihrer Selbstgerechtigkeit zurücksanken und hier wiederum Fuß faßten, da nahmen sie sich ein Herz und fingen an sich loszumachen von dem überwältigenden Eindruck, den sie empfangen hatten, das, was himmelhoch über ihnen ragte, ziehen sie herunter in den Kreis ihrer amtlichen Cognition, wollen es bändigen und einfangen mit der Handhabe der ihnen geläufigen Kategorien und Verstandesoperationen. So ist jene Frage entstanden und das ist ihr Sinn. Nach dem gemeinen Maßstab würden wir sagen: es fehlte nur wenig an dem rechten Verständniß, nach dem Maßstabe aber, der hier allein gültig ist, weil er allein dem Wesen der hier vorgehenden Dinge conform ist, müssen wir sagen: es fehlte recht eigentlich an dem Grunde und daher an der Möglichkeit des Verständnisses und das scheinbare Eingehen in die Sache ist nur die scheinheilige Decke, welche den tiefen Schaden verhüllt und um so unheilbarer macht. Mit unverhaltenem Blick schaut Jesus in den Grund dieses Mangels hinein, er entdeckt in dem Herzen Israels den alten Fehler der hochmüthigen und ungebrochenen Selbstgerechtigkeit, er erkennt sofort die Vergeblichkeiten aller großen und heiligen Vorbereitungen Israels auf sein endliches Kommen und Erscheinen. In dieser Tiefe und in diesem Umfange hat er das vorhandene Verberben bisher noch nicht erkannt. Diejenigen freilich, welche meinen, Jesus sei in dem Sinne Gott gewesen, daß ihm auch die göttliche Allwissenheit immerdar innegewohnt habe, verstehen das freilich nicht, sie können es auch nicht zugeben. Aber diese sollen nur so ehrlich sein, zu gestehen, daß sie von der ganzen Geschichte Jesu auch gar Nichts verstehen können, sie sollten sich nur nicht anstellen, als handle es sich lediglich um einige schwierige Momente und Worte, bei denen sie ihre Ausrede vorbringen, es seien eben Mysterien, das hießt nach ihrer Auffassung Dinge, bei denen Sinn und Verstand zu Ende geht. Nein, diesem Standpunkte gegenüber ist die Frage einfach die: gibt es eine Geschichte Jesu oder gibt es keine? Wird zugegeben, daß es eine Geschichte Jesu gibt, so muß jener ganze Standpunkt sich selber aufheben. Denn die transcendente Construction der Person Christi, wie dieser Scholasticismus den Eckstein seiner Christologie nennt, ist eine Vorausnahme, welche jeden Moment der Geschichte Jesu, jeden Augenblick seines irdisch-menschlichen Lebens auseinandersprengt und ihn zu einer reinen Unmöglichkeit macht. Will man das noch Mysterium nennen, so muß man wenigstens keinen Glauben dafür verlangen und muß wissen, daß beim Paulus das Mysterium etwas Anderes ist als der baare Unsinn.

Die Apostel lehren, daß Jesus nicht bloß als Kind zugenommen habe an Weisheit, sondern daß er auch als Christus gelernt habe und zwar aus dem, was ihm widerfuhr, und daß er auf diesem Erfahrungswege diejenige Kenntniß unserer Noch erworben, die ihm als Hohenpriester vonnöthen sei (s. Hebr. 4, 15. 5, 7. 8). Auf diesem Wege des erfahrungsmäßigen Lernens aus dem, was ihm Schmerzliches begegnet, thut Jesus auf dem Tempelberge einen großen Schritt. Jeder Blick, den er in das israelitische Volksleben gethan hat, belehrt ihn über die tiefe Verderbtheit des Volkes, wir wissen ferner, wie tief die Taufe am Jordan und die Versuchung in der Wüste ihn in den Grund der Sünde der Welt versenkt hat, außerdem leuchtet ihm das Licht der alttestamentlichen Weissagung, welche in der Entwickelung der Sünde ein Aeußerstes in Aussicht stellt. Aber all diese göttliche Klarheit dient Jesu wesentlich nur dazu, jeden nächsten Schritt mit vollkommener Sicherheit zu thun. Will man diese göttliche Klarheit mit Hülfe der Transcendenz zur göttlichen Allwissenheit steigern, so macht man alles Handeln unmöglich oder macht alles Handeln zum bloßen Scheine, was aber gar nichts Anderes ist als eine Unmöglichkeit für Jesum. Denn mit dem ausgemachten Wissen, daß das, was man thut, vergeblich ist, kann eben kein Mensch handeln, wer nicht sein eigenes Handeln, d. h. seinen höchsten Ernst als Spiel betreiben will. Das freilich müssen wir festhalten, was in der Weltsünde tatsächlich offenbar geworden, das Alles weiß Jesus nicht bloß, sondern er fühlt und trägt es, und neben dieser Klarheit über den gegenwärtigen Stand der Sünde ruht in seiner Seele das Bewußtsein der Geisteskraft, welche es mit der ganzen Weltsünde aufnehmen will und kann. In diesem Lichte stehend, faßt er die Sünde an da, wohin ihn sein königlicher Beruf stellt, und gerade so faßt er sie an, wie es ihm sein Beruf an die Hand angibt. Er tritt in der Vollmacht seiner königlichen Würde handelnd gegen diejenige Sünde auf, welche das Heiligthum der Erde verunstaltet und in welcher sich daher die Hauptmacht der Sünde wird zusammengefaßt haben. Wie nun die Sünde sich gegen dieses sein Handeln stellen wird, das weiß er nicht von vornherein, er will es auch nicht wissen, sondern erfahren, um in dem Lichte dieser neuen Erfahrung den nächsten Schritt zu thun. Das ist allerdings keine Allwissenheit, aber göttlich ist diese Klarheit ebensosehr wie die Allwissenheit. Denn die Allwissenheit kann zwar die Welt richten, aber nicht erlösen. Diese Klarheit weiß zwar nicht Alles, sie wird aber Alles erfahren, um mit dem Lichte der Liebe die Menschheit von innen her zu durchdringen, damit sie in dem Gerichte der Allwissenheit bestehen könne. Indem Jesus äußerlich handelnd auftritt, stellt er sich auf den Boden des äußeren Bestandes, denn jedes äußerliche Händeln, wenn es sittlich ist, setzt den äußeren Bestand als einen auf sittlichem Grunde ruhenden voraus. Die Frage der Juden zeigt Jesu aber, daß sein Volk den äußeren Bestand als solchen festhalten will, ihn also nicht mehr gewissensmäßig und sittlich auffaßt. Damit ist aber aller Anhalt für äußerliches Handeln hinfällig geworden. Sobald sich dieser Abgrund vor dem Geistesauge Jesu aufthut, weiß er auch, was ihm nun obliegt. Ohne Trotz wie ohne Verzagen kündigt er an, daß er von äußerem Handeln abstehe, nicht er will handeln, sondern sie sollen handeln und zwar gegen ihn, gegen seinen äußeren Bestand. Wenn die Aeußerlichkeit des gegenwärtigen Bestandes nicht mehr dazu taugt, das heilige Wirken seines Leibes aufzunehmen und sich dadurch herstellen zu lassen, so soll sie dazu dienen, das äußere Organ seines Geistes und Willens zu zerstören; dann wird sie aber an der Macht seines Geistes und Willens, vor dem sie sich schon soeben hat beugen müssen als vor ihrem gewaltigen Gebieter, zerschellen und das wird so offenbar werden, daß die in ihm wohnende Persönlichkeit seinen zerbrochenen Leib wiederherstellen wird, damit er das vollkommene Heiligthum werde, in welchem Aeußerliches und Innerliches, Menschliches und Göttliches, unzertrennbar und ewig Eins sein werden. Das erste Zeichen, welches Jesus mit der Hand seiner königlichen Vollmacht aufrichtete, blieb unverstanden/ es ist aber durch den Buchstaben des heiligen Geistes in dem Gedächtniß der Gemeinde festgestellt und harrt den zukünftigen Zeiten entgegen, die es verstehen und sich um dasselbe schaaren werden, Jesus macht es aber, wie einst Jesaja auf dem Walkerfelde bei Jerusalem. Als der König Ahas das angebotene Zeichen verschmähte, richtete er ein anderes Zeichen auf. Das zweite Panier, welches Jesus auf derselben Stelle aufrichtet, heißt Liebe (s. Hohel. 2, 4), nämlich die Liebe, welche stärker ist als der Tod (s. Hohel. 8, 6), indem sie sich im Tode vollendet. Um dieses Panier der leidenden und sterbenden Liebe sammelt sich die Gemeinde, so lange bis sie das Geheimniß der herrschenden Liebe verstehen lernt.

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