Disselhoff, August - Die Umkehrung der Welt
Text: Apostelgesch. 17, 6.
Diese, welche den ganzen Weltkreis erregen (umkehren), sind auch hierher gekommen.
Es sind nun 1800 Jahre her, dass eine kleine Wandergesellschaft in die Tore der volkreichen makedonischen Stadt Thessalonich einzog. Es waren drei oder vier Männer, die von Kleinasien herübergekommen waren. Der erste ist Paulus, der zweite Silas, sein Gefährte, der dritte Timotheus und der vierte wahrscheinlich Lukas. Unter den Tausenden von Fremden, die in die volkreiche Stadt aus- und einströmen, werden diese armen Wandersleute kaum beachtet. Sie erkundigen sich nach der Synagoge, begrüßen sich mit den Juden und kehren in dem gastlichen Hause eines derselben, mit Namen Jason, ein. Einige Tage später, was begibt sich? Ein aufgeregter Volkshaufen stürmt auf dies Haus los, schreiend und tobend dringt man hinein, sucht nach den fremden Gästen, und da man sie nicht findet, ergreift man den Wirt Jason, schleift ihn durch die Straßen vor die Obersten, und nun erfolgt die merkwürdige Anklage: „Diese, welche die ganze Welt erregen wörtlich: auf den Kopf stellen, umkehren - sind hergekommen!“ - Wunderbare Anklage! seltsame Beschuldigung! Was haben denn diese paar Männer gemacht? Sie haben keine Waffen, sie haben keine Verbündeten, sie haben keine Macht hinter sich, sie haben kein Vermögen, der Stab in ihren Händen und der schlichte Rock, der sie deckt, ist Alles, was sie haben; sie haben als arme Fremdlinge ihren Fuß in einen fremden Weltteil gesetzt. Und doch, in der ersten Stadt, in welche sie treten, wirft man sie in Ketten und Banden; in der zweiten sind sie kaum einige Tage, da setzt man Alles gegen sie in Bewegung. Diese Menschen, schreit man, sind der Welt gefährlich, sie kehren die Welt um, sie fangen eine große Weltrevolution an!
Seltsamer Vorwurf! Wunderbare Anklage! Wie kommen die Leute dazu? Sie fühlen an diesen armen Fremdlingen eine Macht, der sie nicht gewachsen sind. Sie fühlen, dass eine Weltbewegung, eine Welterschütterung, eine übernatürliche Revolution im Gange ist, welche die Welt umkehren wird, sie fühlen davon bereits die Schwingungen; der Koloss mit dem goldenen Haupt, der silbernen Brust, dem ehernen Bauch und den Schenkeln von Eisen zittert auf seinen tönernen Füßen. Das fühlen sie, und was sie fühlen, sprechen sie in ihrer Sprache aus. Ihre Anklage heißt: Das Christentum kehrt die Welt um! Aber diese Anklage wird für uns zum Siegesruf, zum Siegesruf auch für unser heutiges Fest. Wir feiern heute das Reformationsfest. Aber unser Blick geht weiter zurück als dreihundert Jahre, und unsere Hoffnung geht weiter vorwärts: Eine große Weltreformation, das und nichts Geringeres hoffen wir. Daran arbeitet auch an seinem Teil hier auf dem Boden unserer Stadt Berlin der Evangelische Verein, dessen Jahresfest wir heute feiern.
Die große Weltreformation oder Weltumkehrung.
1. Das Christentum ist in der Tat die umgekehrte Welt.
2. Die umgekehrte Welt ist erst die rechte Welt.
3. Die Umkehrung der Welt aber wurzelt allein in der Umkehrung der Herzen.
I.
Das Christentum ist die umgekehrte Welt. Dieser Satz ist nicht schwer zu beweisen. Fast alle Kernsprüche des Neuen Testamentes, sonderlich die Aussprüche des HErrn Jesu, sind sogenannte Paradoxa, das heißt nichts Anderes als „umgekehrte Welt“, sie stellen den Lauf der Welt auf den Kopf. Sogleich in der ersten Predigt des HErrn, in der Bergpredigt, fällt dies in die Augen. „Selig sind, die geistlich arm sind!“ so beginnt sie. Wo hat man jemals in der Welt mit den Armen am Geist angefangen? Welcher Philosoph oder Weltverbesserer hat sich jemals mit seinem System zuerst an die geistlich Armen gewendet? Dass der HErr Jesus das Himmelreich mit ihnen anfängt, ist das nicht die umgekehrte Welt?
Weiter: „Selig sind, die da Leid tragen!“ Wo hat man jemals in der Welt die Leidtragenden seliggepriesen? „Nur um Alles in der Welt werde mir nicht melancholisch; ich kann Alles an dir vertragen, aber ein Kopfhänger darfst du mir nicht werden!“ so redet ein Jüngling den andern an, dem sein leichtes Leben endlich Gewissensbedenken macht. „Denkt euch doch dies Unglück,“ so nimmt in einer Damengesellschaft ein Fräulein das Wort, „die liebenswürdige N. N. hat sich auch dieser traurigen Richtung hingegeben!“ Was ist das für eine traurige Richtung? Ei nun, sie hat angefangen zu fühlen, dass sie sich bekehren muss. Wenn nun der HErr Jesus die Leidtragenden seligpreist, so frage ich abermals: Ist das nicht die umgekehrte Welt? -
Weiter: „Selig sind die Sanftmütigen, sie werden das Erdreich besitzen!“ Siehst du da den Mann, der Alles trägt und verträgt? Die Welt sagt von ihm: Der wird nimmer vorwärtskommen, dem werden sie noch das Hemd vom Leibe nehmen; er hat keinen Charakter, er weiß sein Recht nicht zu behaupten. Jesus aber kehrt das Ganze um und spricht: „Selig sind die Sanftmütigen, sie werden das Erdreich besitzen!“, und ich frage abermals: Ist das nicht die umgekehrte Welt? Weiter! Ich nehme einen andern Spruch aus der Bergpredigt: „Trachtet am Ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches Alles, nämlich, was ihr zum irdischen Leben gebraucht - zufallen!“ In der Welt ist die Ordnung umgekehrt. „Ich habe einen Acker gekauft, ich habe fünf Joch Ochsen gekauft, ich habe ein Weib genommen!“ so heißt es da immer noch. Das Geschäft geht vor, und Herrendienst geht vor Gottesdienst. Aber das Himmelreich, mein Freund! Nun, das Himmelreich wird nicht davonlaufen, dazu wird sich schon noch Zeit finden! Ist das nicht der Welt Lauf? Und wenn nun der HErr Jesus sagt: „Trachtet am Ersten nach dem Reiche Gottes!“, so frage ich noch einmal: Ist das nicht die umgekehrte Welt?
Weiter! In derselben Bergpredigt sagt der HErr Jesus: „Gehet ein durch die enge Pforte; denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis abführet, und Viele sind, die darauf wandeln; aber die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum ewigen Leben führt, und Wenige sind, die ihn finden!“ Damit stößt der HErr Jesus die ganze Weltreligion über den Haufen. Wie heißt die Weltreligion? Sie heißt: Jeder kann auf seine Weise selig werden. Jesus aber sagt: Es gibt nur einen Weg, und dieser Weg ist schmal, und Wenige finden ihn. Damit wirft der HErr Jesus ferner die ganze Majoritäten-Wirtschaft über den Haufen. Die Welt hat eine fast abergläubische Verehrung vor der Majorität. Jesus aber lehrt uns, vor der Majorität in Sachen der Wahrheit durchaus keinen Respekt zu haben. Und ich frage wiederum: Ist das nicht die umgekehrte Welt?
Weiter! „Ich bin gekommen,“ spricht der HErr, „die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten.“ Schon die alten Heiden haben sich über dies Wort verwundert und gesagt: Das Christentum ist eine wunderliche Religion. Sonst heißt's überall: Wer gerecht ist, und wer ein reines Herz und reine Hände hat, der ist angenehm; aber bei den Christen heißt es: Wer ein armer Sünder ist, wer ein beflecktes Herz hat und unreine Hände, der komme her! Sonst heißt's überall: Die Gerechten kommen in den Himmel und die Sünder in die Hölle! Hier aber heißt's: Die armen Sünder kommen in den Himmel und die Gerechten (nämlich die Selbstgerechten) in die Hölle! Ist das nicht die umgekehrte Welt?
Weiter! Jesus spricht: „Ich danke Dir, Vater, dass Du Solches den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart; ja, Vater, denn es ist also wohlgefällig gewesen vor Dir.“ Ist das nicht die umgekehrte Welt? - Die Weisen, die Klugen, die in der ganzen Welt obenan stehen, und die dafür gelten, dass sie auf der Höhe der Zeit einhergehen, die Alles wissen und Alles begreifen und Alles durchschauen, die haben für die Geheimnisse des Himmelreiches Eulenaugen; die sich Kinder des Lichts nennen, sind Kinder der Finsternis, und die Kinder der Finsternis und Ignoranten heißen, sind die Kinder des Lichts und der Weisheit. Ist das nicht die umgekehrte Welt? - Muss nicht das ganze Christentum für die Leute dieser Welt im Grunde als ein einziges großes System von lauter Dummheiten gelten? „Wer sein Leben verliert um Meinetwillen, der wird es finden; wer es aber erhält, der wird es verlieren!“ so heißt ein Grundgesetz des Christentums. Ist das aber nicht eine großartige Dummheit? Was ihr Leben nennt, ist Sterben; und was ihr Sterben nennt, das ist Leben. Ist das nicht die umgekehrte Welt? - „Gib, so bekommst du!“ heißt ein anderes Grundgesetz im Christentum. Ist das aber nicht abermals eine großartige Dummheit? Wer in aller Welt glaubt denn das, dass er, wenn er gibt, reicher dadurch wird? Und doch weiß der Christ, dass es sich so verhält. Ist das nicht die umgekehrte Welt?
Können uns alle diese Widersprüche wundern, meine Brüder? Im ganzen Christentum ist ja Alles auf Glauben gestellt. Was ist aber Glauben anders als die umgekehrte Welt? Sie sagen: Die sichtbare Welt ist die wahre. Wir sagen: Die unsichtbare, die zukünftige Welt ist die wahre. Der Glaube ist eben das innere Auge, durch welches man in das Unsichtbare sieht. Der Glaube ist. gar ein neuer Sinn, weit über die fünf Sinne hin. Der Weltmensch hat nur fünf Sinne, der Christ hat sechs Sinne, nämlich neben den fünf Sinnen den Glaubenssinn. Darum sagen sie auch von uns, wir hätten einen Sinn zu viel. Vielmehr aber ist die Sache so: sie haben einen Sinn zu wenig, der Hauptsinn, der Glaubenssinn fehlt ihnen.
Ich könnte noch viel sagen, aber ich muss abbrechen. Das Angeführte wird genügen, um die Behauptung zu beweisen, dass das Christentum die umgekehrte Welt ist. Davon ahnen die Thessalonicher etwas. Sie fühlen gleichsam instinktmäßig die im Anrücken befindliche Macht der neuen Welt und sprechen das aus in ihrer Sprache: „Diese, welche den ganzen Erdkreis erregen, die ganze Welt umkehren, sind auch hergekommen!“
II.
Die Welt muss umgekehrt werden, denn die umgekehrte Welt ist erst die rechte Welt. Die gegenwärtige, natürliche Welt, diese Welt, wie die Schrift sie nennt, ist nicht die rechte Welt, sie ist auf den Kopf gestellt. Sie hat sich aufgebaut auf der Selbstherrlichkeit des Menschen. Alle Selbstherrlichkeit des Menschen aber ist Lüge und Unwahrheit darum Nichtigkeit und Ohnmacht - Unfreiheit Stillstand - Tod. Ich sage, die Selbstherrlichkeit des Menschen ist Lüge und Unwahrheit. Kann es eine größere Lüge geben, als wenn der, der das Leben nicht in sich selbst hat, dennoch es in sich selbst sucht? Auf dieser großen Grundlüge ist die alte Welt aufgebaut, nur durch diese Lüge hält sie sich, diese große Grundlüge gebiert ein Heer andrer Lügen. Die Selbstherrlichkeit ist Nichtigkeit und Ohnmacht. Denn so lange der Mensch sich selber lebt und nicht Gotte, hat er kein wahres, kein wesenhaftes Leben. Er hat Beides verloren, Gott und sich selbst. Denn der Mensch findet sein wahres Wesen nur wieder in Gott. Darum ist die Selbstherrlichkeit ferner Unfreiheit. Der Mensch, in sich selbst gebannt, kommt von sich selbst nicht los, ist entweder sein eigner Tyrann oder sein eigner Sklave. Die Selbstherrlichkeit ist darum Stillstand. So lange der Mensch nicht von sich selbst los ist, kommt er auch nicht von dem alten Sammer los; er dreht sich und wendet sich, läuft allem Neuen nach, wird von Sucht nach Neuem verzehrt und dreht sich doch immer um sich selbst, weil er sein eigner Mittelpunkt bleibt. Der alte Mensch, die alte Welt, das ist der Mensch, das ist die Welt des Stillstandes. Darum ist die Selbstherrlichkeit der Tod. Denn Neues gibt es da nicht. Es bleibt die alte Klage, so lange die Welt die alte bleibt: Es ist Alles eitel, Alles ganz eitel, und es gibt nichts Neues unter der Sonne! Die selbstherrliche Welt ist eine Karikatur der wahren Welt, der selbstherrliche Mensch ist eine Karikatur des wahren Menschen, und die gepriesene Humanität, d. h. das selbstherrliche Menschenwesen, ist eine Karikatur der wahren Humanität, des wahren, gottgewollten Menschenwesens.
Die rechte, wahre Welt ist diejenige Welt, in welcher sich die Herrlichkeit Gottes offenbart. Der rechte Mensch ist der, in welchem das Ebenbild Gottes lebt. Das ist wahres Leben, wesenhaftes Leben, freies Leben, Leben des Wachstums, das ist in Wahrheit neues Leben. Der neue Mensch ist Jesus Christus. Der ist die Wurzel der neuen Menschheit, der neuen Welt. Der Heilige Geist ist der Same aus seiner Herrlichkeit. Die christliche Kirche ist die Geburts- und Pflanzstätte der neuen Menschheit, die aus diesem unvergänglichen Samen geboren wird. Von hier aus wächst das einzig Neue, das es in der Welt gibt, das Königreich Gottes. Das ist in der Tat das Einzige in der Welt, das fortschreitet. Von hier aus soll die große Umkehrung der Welt geschehen.
Davon hat die Welt ein instinktmäßiges Gefühl. In diesem Instinkt riefen die Leute zu Thessalonich beim ersten Zusammenstoß der alten und der neuen Welt: „Ihr Leute, helft! Diese Leute wollen die ganze Welt umkehren!“ Der Kampf, den die alte Welt kämpft gegen die neue Welt, gegen das Reich Gottes, ist ein Kampf für die Selbstherrlichkeit, für den durch Abfall gewonnenen Besitz. Alle Mächte dieser Welt stehen im Dienste dieser Welt, im Dienste der Selbstherrlichkeit. Das Reich Gottes ist die einzige Macht, welche mit den Kräften der Herrlichkeit Gottes diese Selbstherrlichkeit bekämpft. Die zeitliche Erscheinung des Reiches Gottes in diesem Äon ist die Kirche. Daher der verzweifelte Angriff aller Weltmächte gegen die christliche Kirche. Sollen wir uns darüber wundern? Wir müssen billig sein. Es ist weiter nichts als der Trieb der Selbsterhaltung, was die Kräfte der alten Welt in den Kampf ruft gegen das neue Prinzip. Lassen wir denn die alte Welt in Ruhe? Kann der Geist Jesu Christi, kann die christliche Kirche jemals die alte Welt in Ruhe lassen? Darf sie es? Und wir wollen uns darüber wundern, dass die alte Welt sich ihrer Haut wehrt, dass sie sich verteidigt und weil Verteidigung ohne Offensive auf die Dauer nichts hilft auch zum Angriff, mitunter zum ungestümen Angriff übergeht? Sollen wir uns wundern über die Christenverfolgung, die gegenwärtig hier in Berlin wieder ausgebrochen ist1)? Ich wundere mich nicht darüber. Verfolgen wir nicht auch die Welt? Wir verfolgen die alte Welt mit unsern Waffen, die vom Himmel sind, und die alte Welt verfolgt uns mit ihren alten Waffen, die von der Welt sind. Es sind eben zwei ganz verschiedene Arten von Welt und von Mensch, die alte Art und die neue Art, der alte Same und der neue Same; und es bleibt bei dem alten Wort: „Derselbige wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen!“
Nur das ist zu wundern, dass wir, die wir wissen, dass unser der Sieg sein muss, dennoch oft nicht so viel Mut zum Angriff haben als unsere Gegner. Es ist gerade jetzt am wenigsten Zeit, sich auf die Defensive zu legen, sondern es gilt, auf der ganzen Angriffslinie fröhlich vorwärtszugehen. Freilich, es ist wahr, man wird in unsern Tagen leicht von dem Gedanken versucht: Es hilft doch Alles nicht! Solche Gedanken können Einem wohl kommen, wenn man die Zustände Berlins und der großen Städte überhaupt ansieht. Da sind die Früchte der sozialen, politischen und religiösen Selbstherrlichkeit mit Händen zu greifen. Da wuchert das moderne, götterlose Heidentum in den der Kirche entfremdeten Massen, und man fragt sich: Wird es noch einmal gelingen, diese Massen mit dem Evangelium zu durchdringen? Aber, so wollen wir uns auch fragen, ist es nicht dasselbe Evangelium, sind es nicht dieselben Lebenskräfte, mit denen ein Paulus eingedrungen ist in die alte, zusammenbrechende Welt? Und welches waren die Punkte, auf welche er seine Hauptangriffe richtete, waren es nicht gerade die Weltstädte Antiochien, Ephesus, Philippi, Athen, Korinth, Rom?
Wenn wir in demselben 17. Kapitel der Apostelgeschichte, in welchem unser Text steht, weiterlesen, so finden wir beschrieben, wie der Apostel Paulus nach Athen kommt. Was war Athen für eine Stadt? Athen war die Bildungsstätte, die Universität für die damalige Welt. Nie wieder hat es eine Stadt gegeben, in welcher dasjenige, was der Menschengeist leisten kann ohne Christum, so glänzend zum Vorschein gekommen wäre wie in Athen. Da hatten die größten Feldherrn gelebt, die berühmtesten Staatsmänner, die bedeutendsten Redner, die größten Philosophen, die berühmtesten Dichter und Künstler. Da war eine Fülle herrlicher Tempel, großartiger Bau- und Kunstwerke, deren Überreste jetzt noch von überwältigendem Eindruck sind. In dieses Athen setzte der Apostel seinen Fuß. Wenn wir ihn dort zu den Toren hätten hineingehen sehen, was meinst du, würden wir zu ihm gesagt haben? „ Ach, lieber Paulus,“ würden wir gesagt haben, „hier ist der Ort nicht für dein Evangelium, hier hilft das nicht. Hier sind die Leute zu klug, zu gebildet, hier werden sie dich armen, ungelehrten Fremdling nicht hören. Nein, hier hilft das nicht!“ - Aber was tat Paulus? Verlor er den Mut? Nahm ihn alle diese Kultur- und Götterherrlichkeit gefangen? O nein, auf den Markt ging er, mitten unter die Philosophen; und, von da auf den Areopag gestellt, die berühmte, weltgeschichtliche Gerichtsstätte Athens, von wo aus er all die Herrlichkeit überschauen konnte, verkündigte er den allezeit nach Neuem lüsternen Athenern das einzig Neue, das es gibt, Jesum Christum und sein Reich.
Meine Brüder! Will man uns nicht auch heutiges Tages mit der Kultur und Bildung imponieren und bange machen? Unser Berlin heißt nicht umsonst Spree-Athen. Wohl gibt es Viele, die dem nackten Göttergesindel mit Entzücken huldigen, aber den Schönsten unter den Menschenkindern wollen sie nicht kennen. Viele gibt es, bei denen es heißen möchte: „dass du noch die schöne Welt regiertest, Venus Amathusia2)!“ - Aber sollen wir uns von dieser Kulturherrlichkeit imponieren lassen? Haben wir Grund, ihr gegenüber uns des Evangeliums von Christo zu schämen? Was ist diese Kultur? Wie weit hat sie's gebracht? Wie weit bringt sie's jetzt ohne Christum? Nicht weiter, als wie sie's in der alten Welt, in dem alten Athen gebracht hat. Bei aller Bildung und Sitte doch keine wahre Sittlichkeit, vielmehr ein Sumpf von Unsittlichkeit. Bei allem Vernunftruhm doch keine Wahrheit, bei allem Wissen doch keine Gewissheit. Immer die alte Frage: Was ist Wahrheit? Und wie damals so jetzt die christuslose Welt in die zwei großen Hälften geschieden: Epikureer die Einen und Stoiker die Andern; Genuss hier und Resignation dort, und bei dem Einen so wenig Frieden wie bei dem Andern; bei allem Hetzen nach Neuem doch immer der alte Jammer; bei aller Aufklärung doch der krasseste Aberglaube. Oder ist das nicht Aberglaube, dass es die alte Menschheit, die alte Welt aus sich selbst zu etwas Neuem bringen könne? Längst hat man allen positiven Glauben an die Offenbarung bei Seite geworfen und von dem christlichen Dogma sich losgesagt, aber einen Glaubensartikel hält man fest mit einem ans Lächerliche grenzenden Vertrauen, ein Dogma gilt als unumstößlich, das ist der Glaube an die immerdar irrende eigene Vernunft, das Dogma von der alten Selbstherrlichkeit des Menschen. Ist das nicht ein Aberglaube, ein Dogmatismus der krassesten Art? Wie würde Paulus sagen? Er würde sagen wie zu den Athenern: „Ich sehe, dass ihr gar zu abergläubisch seid!“ Und von solchem Aberglauben, wenn er auch die ungeheure Majorität hat, sollten wir uns imponieren lassen?
Wohl mag es uns manchmal bange werden. Es ist wahr, als der Apostel von Athen weiter zog nach Korinth (Apg. 18), da ist's ihm allerdings in dieser korinthischen Welt bange geworden. Mit Furcht und Zittern, so sagt er selbst, ist er in Korinth gewesen. In dem Gewühl der Weltstadt, im Anblick des furchtbaren Verderbens und der grauenhaften Macht der Sünde, da hat er sich schwach gefühlt. Es wäre zu wundern, wenn uns zuweilen nicht auch Furcht und Zittern ankäme in dieser halb athenischen, halb korinthischen Welt, wenn jeder Morgen uns zu neuem Kampfe weckt und immer neue Aufgaben riesengroß an uns herantreten. Doch was hat der HErr zu Paulus geredet, als er in Korinth war? „Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht, denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt!“ (Apg. 18, 9. 10.) Das ist recht ein Wort, um dem Evangelischen Verein, um uns Allen, die wir hier in Berlin zu arbeiten haben, Mut zu machen. „Ich habe ein großes Volk in dieser Stadt.“ Das gilt auch von Berlin. „Ich habe es!“ spricht der HErr; so ist's unsere Sache, es zu suchen. Was uns dazu nötig ist, das ist mehr Barmherzigkeit und mehr Glauben. Barmherzigkeit ist Liebe mit Hindernissen; eine Liebe, die sich nicht erbittern lässt, die Keinen verloren gibt, die denkt, es ist nicht böser Wille bei den Meisten, es ist Unwissenheit, Verwahrlosung. Und wer anders trägt die Schuld als wir, als die Kirche, die die Arbeit hätte tun sollen? Barmherzigkeit müssen wir uns erbitten und Glauben, dass der HErr noch etwas machen könne. „Ein Ackersmann wartet auf die köstliche Frucht und ist geduldig darüber, bis er empfange den Morgenregen und Abendregen.“ (Jak. 5, 7.) Ich kann nicht glauben, dass es mit unserm Berlin jetzt schon in die antichristliche Finsternis hineingehen sollte. Vielmehr glaube ich, dass auch für Berlin noch Zeiten der Gnade kommen, Erweckungen im größeren Maßstab, wenn der HErr seine gnädigen Regen schickt, und dann vielleicht schneller, als wir's für möglich halten, der unter Schweiß und Tränen lange gestreute Same aufsprießt. Ob das freilich ohne schwere Züchtigungen wird geschehen können, das liegt in des HErrn Hand. Wie es aber auch sei, Eins wissen wir: Die Welt wird und muss dennoch umgekehrt werden, es wird und muss dennoch dahin kommen, dass Jesus Christus auf dem Stuhle sitzt und spricht: „Siehe, ich mache Alles neu!“
III.
Diese Umkehrung der Welt aber wächst allein aus der Umkehrung des Herzens. Die Umkehrung des Herzens ist die Buße. Die Buße ist darum die einzige Quelle aller Reformation, aller heilsamen Umkehrung. Die neue Welt wächst aus dem neuen Menschen, der neue Mensch aus dem neuen Herzen, das neue Herz aus der Buße. Wo daher ein Sünder Buße tut, da ist etwas Neues. Da ist ein Δος μοι που στω3), eine Unterlage für den Heiligen Geist, die alte Welt aus den Angeln zu heben. Darum ist auch Freude bei den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut. Darum fängt die neue Zeit, das Neue Testament mit dieser Predigt an: „Tut Buße!“ d. h. ändert euern Sinn, kehrt eure Herzen um! Aus der Buße und Herzensumkehr eines Luther ist die Reformation geboren. Mit Buße fing sie an; die erste von den 95 Thesen lautet: „Wenn unser HErr Christus spricht: Tut Buße! so will er, dass das ganze Leben der Christen eine stetige Buße sei.“
Das ist auch die Kardinalfrage für uns, meine Brüder, ob wir in der Buße stehen. Gäbe es einen größeren Widerspruch, als mit dem alten Herzen Reformation feiern, oder mit dem alten Herzen helfen wollen, die Welt umzukehren? Das ist die Kardinalfrage für einen Jeden von uns: Gehörst du der alten oder der neuen Welt an? Steckst du in der alten, verrotteten Selbstherrlichkeit, oder gehörst du der neuen Menschheit an, dem Volke Gottes, dem Geschlechte Christi? Das ist der größte Dienst, den wir dem Reiche Gottes tun können, wenn wir uns gründlich bekehren, dass wir in Wahrheit neue Persönlichkeiten werden. Wo eine neue Persönlichkeit ist, da ist der Mittelpunkt einer neuen Welt im Kleinen. Werde du neu, so wird es um dich neu. Wo neue Menschen sind, entstehen auch neue Häuser, neue Familien. Aus der Umkehrung der alten Welt im Herzen folgt die Umkehrung der alten Welt im Hause. Die Buße ist auch das Fundament des Hauses. Wo keine Buße, da ist Kampf eines Jeden gegen den Andern. Wo Buße, da ist Kampf eines Jeden gegen sich selbst. Da. ist ein neuer Grund, auf welchen der Heilige Geist kann säen, pflanzen, bauen: Liebe, Glaube und Hoffnung. Fange an in der Kraft Gottes zu lieben, zu glauben, zu hoffen; dein Leben wird reich werden, und es wird eine neue Welt um dich entstehen.
Aus der Umkehrung der alten Welt in den Häusern kann allein die Umkehrung der alten Welt in den Gemeinden kommen. Die Kirche der Reformation ist aus der Buße geboren und kann sich nur durch fortwährende Buße verjüngen. Freilich sollte man meinen, dass es hier in Berlin nicht einer Aufforderung zur Buße bedürfte. Kann es eine gewaltigere Bußpredigt geben, als die Gestalt und die Zustände der evangelischen Kirche hier in Berlin? „Ach, du Tochter Jerusalem, wem soll ich dich vergleichen, und wofür soll ich dich rechnen, du Jungfrau Tochter Zion? Wem soll ich dich vergleichen, damit ich dich trösten möchte? Denn dein Schade ist groß wie ein Meer; wer kann dich heilen? Deine Säuglinge und Unmündigen verschmachten auf den Gassen in der Stadt, da sie zu ihren Müttern sprachen: Wo ist Brot und Wein? Deine Jünglinge und Jungfrauen sind durchs Schwert gefallen, und es liegen in den Gassen auf der Erde Knaben und Alte.“ So klagt Jeremias, und ist's nicht so vor unsern Augen? Wieviel Tausende von Kindern, die der Kirche, ihrer Mutter, geboren sind im heiligen Taufsakrament, sterben und verderben ohne geistliche Speise! Wie viele Jünglinge und Jungfrauen in dieser großen Stadt fallen dem großen Mörder von Anfang in seine unbarmherzigen Hände! - dass wir solchen Jammer recht fühlten als unsern Jammer, dass wir nicht aufhörten zu seufzen über die Gräuel, die in Jerusalem geschehen (Hes. 9, 4), dass wir lernten beten und bekennen wie Daniel (Dan. 9): „Wir haben gesündigt, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; ja HErr, wir, unsre Könige, unsre Fürsten und unsre Väter, müssen uns schämen, dass wir uns an Dir versündigt haben. Ach HErr, um aller Deiner Gerechtigkeit willen wende ab Deinen Zorn und Grimm von Deiner Stadt Jerusalem und Deinem heiligen Berge! Denn um unsrer Sünde willen und um unsrer Väter Missetat willen trägt Jerusalem und Dein Volk Schmach bei Allen, die um uns her sind. Und nun, unser Gott, siehe gnädig an Dein Heiligtum, das zerstöret ist, denn wir liegen vor Dir mit unserem Gebet nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf Deine große Barmherzigkeit.“
Solche Buße ist das Salz, womit wir unsere Feier würzen müssen. Solche Buße erhält uns selbst gesalzen. Ob unserer denn viel oder wenig, ob wir schwach oder stark sind, ob auch das Salz unter die Füße getreten wird, wenn es nur nicht dumm wird. So wird's doch noch dahin kommen, dass die große, heilige Reformation, die Umkehrung der Welt, zu Stande kommt. Denn wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde.
Hochgelobt sei Gott! Ich aber bin elend und arm. Amen.