Spurgeon, Charles Haddon - An der Pforte - Eine Aussicht auf Hilfe.
Um dem Suchenden zu einem wahren Glauben an Jesum zu helfen, möchte ich an das stellvertretende Werk des Herrn Jesu erinnern. „Da wir noch schwach waren, nach der Zeit, ist Christus für uns Gottlose gestorben“ (Röm. 5, 6). „Welcher unsre Sünden selbst geopfert hat an seinem Leibe auf dem Holz“ (1. Petri 2, 24). „Der HErr warf unser aller Sünde auf Ihn“ (Jes. 53, 6). „Sintemal auch Christus einmal für unsre Sünden gelitten hat, der Gerechte für die Ungerechten, auf dass er uns Gott opferte“ (1. Petri 3, 18).
Auf eine Aussage der Heiligen Schrift möge der Leser sein Auge richten: „Durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes. 53, 5). Gott behandelt hier die Sünde wie eine Krankheit, und Er stellt uns das kostbare Heilmittel vor, das Er bereitet hat.
Ich bitte euch inständig, mich zu begleiten, während ich versuche, euch die Wunden des Herrn Jesu vor Augen zu stellen. Der HErr beschloss uns wiederherzustellen, und deshalb sandte Er seinen eingeborenen Sohn, „wahrer Gott vom wahren Gott“, der in diese Welt herunter kam, und unsre Natur an sich nahm, um uns zu erlösen. Er lebte als Mensch unter Menschen; und zu seiner Zeit, nach dreiunddreißig Jahren des Gehorsams, kam der Zeitpunkt, wo Er uns den größten aller Dienste tun sollte, nämlich an unsrer Stelle stehen und die „Strafe tragen, auf dass wir Frieden hätten.“ Er ging nach Gethsemane, und da, bei dem ersten Zuge aus unserm bitteren Kelch, schwitzte Er große Blutstropfen. Er ging in die Halle des Pilatus und vor den Richterstuhl des Herodes und erlitt dort Schmerz und Hohn an unsrer Statt. Zuletzt führten sie Ihn zum Kreuz und nagelten Ihn dort an, um zu sterben an unsrer Statt zu sterben. Das Wort „Wunden“ ist gebraucht, um sein Leiden, sowohl das des Leibes wie der Seele auszudrücken. Der ganze Christus war zum Opfer für uns gemacht; seine ganze Menschheit litt. Was seinen Leib betraf, so hatte dieser mit der Seele zugleich an einem Schmerze teil, der nie beschrieben werden kann. Am Anfang seines Leidens, als Er so auffallend statt unserer litt, war Er in einem Todeskampf, und von seinem Leibe sonderte sich ein blutiger Schweiß aus, so reichlich, dass er auf die Erde fiel. Es ist sehr selten, dass ein Mensch Blut schwitzt. Es hat ein paar Beispiele davon gegeben, und fast unmittelbar darauf ist der Tod gefolgt; aber unser Heiland lebte nach einem Todeskampf, der für jeden andern das Ende herbeigeführt hätte. Noch ehe Er sein Antlitz von diesem furchtbaren Rot reinigen konnte, führten sie Ihn zu des Hohenpriesters Halle. Mitten in der Nacht banden sie Ihn, und führten Ihn weg. Darauf brachten sie Ihn zu Pilatus und zu Herodes. Diese geißelten Ihn, ihre Soldaten spien Ihm ins Angesicht, sie schlugen Ihn, und setzten eine Dornenkrone auf sein Haupt. Geißelung ist eine der schrecklichsten Martern, welche die Bosheit auflegen kann. Früher war es die Schmach der britischen Armee, dass die „Katze“ bei den Soldaten gebraucht wurde, eine brutale Marter. Aber für den Römer war die Grausamkeit etwas so Natürliches, dass er seine gewöhnlichen Strafen schlimmer als brutal machte. Die römische Geißel soll aus Ochsensehnen gemacht worden sein, die in Knoten geflochten wurden, und in diese Knoten wurden Knochensplitter und Hüftbeine von Schafen getan, so dass jedes Mal, wenn die Geißel auf den bloßen Rücken fiel, „die Pflüger tiefe Furchen machten“. Unser Heiland musste die grimme Pein der römischen Geißel ertragen, und dies nicht als das Ende seiner Strafe, sondern als Vorbereitung auf die Kreuzigung. Dazu fügten seine Verfolger noch Faustschläge und Ausraufen der Haare; sie ersparten ihm keine Form des Schmerzes. In all seiner Schwäche, die durch das Bluten und Fasten verursacht war, ließen sie Ihn sein Kreuz tragen, bis ein andrer mit dem Vorbedacht ihrer Grausamkeit gezwungen wurde, es zu tragen, damit ihr Opfer nicht auf dem Wege stürbe. Sie zogen Ihm seine Kleider aus und warfen Ihn nieder, und nagelten Ihn an das Holz. Sie durchbohrten seine Hände und seine Füße. Sie richteten das Kreuz auf, und stießen es in seinen Platz in die Erde, so dass all seine Glieder ausgerenkt wurden, wie es bei der Klage im 22. Psalm heißt: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennt.“ Er hing in der brennenden Sonne, bis das Fieber seine Kraft verzehrte und Er sprach: „Mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie ein Scherben, und meine Zunge klebt an meinem Gaumen; und du legest mich in des Todes Staub.“ Da hing Er, ein Schauspiel für Gott und Menschen. Das Gewicht seines Leibes ward erst durch seine Füße gestützt, bis die Nägel die zarten Nerven zerrissen; und dann zog die schmerzliche Last an seinen Händen, und zerriss auch diese empfindlichen Teile seines Körpers. Eine ganz kleine Wunde in der Hand hat zuweilen Mundsperre verursacht! Wie furchtbar muss die Qual gewesen sein, die dies Eisen verursachte, das die zarten Teile der Hände und Füße zerriss. Nun waren alle Arten leiblicher Schmerzen vereint in seinem gequälten Körper. Die ganze Zeit über standen seine Feinde um Ihn her, zeigten mit Hohn auf Ihn, streckten ihre Zungen im Spott heraus, lachten über seine Gebete und freuten sich über seine Leiden. Er rief: „Mich dürstet,“ und da gaben sie Ihm Essig mit Galle gemischt. Nach einer Weile sprach Er: „Es ist vollbracht.“ Er hatte den Ihm zugemessenen Schmerz bis aufs äußerste erduldet, und der göttlichen Gerechtigkeit völlige Genugtuung gewährt. Dann, und nicht eher, gab Er den Geist auf. Heilige Männer haben vor alters mit großer Liebe bei den leiblichen Leiden unsres HErrn verweilt, und ich trage kein Bedenken, das Gleiche zu tun in dem Vertrauen, dass zitternde Sünder das Heil sehen mögen in diesen schmerzvollen Wunden des Erlösers.
Die äußern Leiden unsres Herrn zu beschreiben, ist nicht leicht. Ich bekenne, dass es mir misslungen ist. Aber seine Seelenleiden, wer kann diese begreifen, geschweige denn ausdrücken, was sie waren? Gleich am Anfang sagte ich euch, dass Er große Blutstropfen schwitzte. Da trieb sein Herz die Lebensfluten an die Oberfläche durch den furchtbaren geistigen Druck, der auf Ihm lag. Er sagte: „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod.“ Der Verrat des Judas und das Verlassen der Zwölf schmerzten unsern HErrn; aber das Gewicht unsrer Sünde war der wirkliche Druck auf seinem Herzen. Unsre Schuld war die Kelter, die Ihm den Lebenssaft auspresste. Keine Sprache kann je seine Angst bei dem Hinblick auf sein Leiden ausdrücken; wie wenig können wir dann von dem Leiden selbst verstehen? Als Er an das Kreuz genagelt war, erduldete Er, was kein Märtyrer je litt; denn Märtyrer sind bei ihrem Tode so von Gott gestärkt worden, dass sie sich in ihren Schmerzen gefreut haben; aber unser Erlöser war von seinem Vater verlassen, bis Er ausrief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das war der bitterste Ruf von allen, die äußerste Tiefe seines unergründlichen Schmerzes. Doch war es nötig, dass Er verlassen wurde, weil Gott der Sünde den Rücken wenden muss und folglich Ihm, der für uns zur Sünde gemacht war. Die Seele des großen Stellvertreters erduldete ein Grauen des Elends, statt jenes Grauens der Hölle, in welche Sünder gestoßen sein würden, wenn Er nicht die Sünde auf sich genommen hätte, und zum Fluch für sie gemacht worden wäre. Es steht geschrieben: „Verflucht ist jedermann, der am Kreuze hängt“; aber wer weiß es, was dieser Fluch bedeutet?
Das Heilmittel für eure Sünden und für meine findet sich in den stellvertretenden Leiden des Herrn Jesu, und in diesen allein. Diese „Wunden“ des Herrn Jesu Christi waren um unsertwillen. Fragt ihr: „Haben wir irgendetwas zu tun, um die Schuld der Sünde hinwegzunehmen?“ so antworte ich: „Es ist durchaus nichts für euch zu tun. Durch die Wunden Jesu sind wir geheilt. Alle diese Strafe hat Er erduldet, und keine übrig gelassen, die wir erleiden müssten.“
„Aber müssen wir nicht an Ihn glauben?“ Ja, gewiss. Wenn ich von einer gewissen Salbe sage, dass sie heilt, so leugne ich nicht, dass ihr eine Binde braucht, um sie auf die Wunde zu legen. Der Glaube ist das Linnen, welches das Pflaster der Versöhnung Christi auf die Wunde unsrer Sünde bindet. Das Linnen heilt nicht; das ist das Werk der Salbe. So heilt auch der Glaube nicht; das tut nur das Opfer Christi.
„Aber wir müssen Buße tun,“ ruft ein andrer. Gewiss müssen und sollen wir das, denn die Buße ist das erste Zeichen der Heilung; aber die Wunden Jesu heilen uns, und nicht unsre Buße. Diese Wunden wirken, wenn sie dem Herzen nahe gebracht werden, Buße in uns. Wir hassen die Sünde, weil sie Jesu Leiden verursachte.
Wenn du mit Verständnis auf Jesum traust als den, der für dich gelitten, so musst du sehen, dass Gott dich niemals für dieselbe Sünde strafen wird, für die Jesus starb. Seine Gerechtigkeit erlaubt Ihm nicht, die Schuld erst durch den Bürgen bezahlen zu lassen, und dann wieder durch den Schuldner. Die Gerechtigkeit kann nicht zweimal Vergeltung fordern. Wenn mein blutender Bürge die Schuld getragen, dann kann ich sie nicht tragen. Indem ich Christum Jesum als für mich leidend annehme, habe ich eine vollständige Freisprechung von rechtlicher Verbindlichkeit angenommen. Ich bin in Christo verdammt worden, und deshalb ist jetzt für mich keine Verdammung mehr. Dies ist die Grundlage der Sicherheit des Sünders, der an Jesum glaubt. Er lebt, weil Jesus an seiner Stelle starb; und er ist vor Gott annehmbar, weil Jesus angenommen ist. Derjenige, für den Jesus ein angenommener Stellvertreter ist, muss frei ausgehen; niemand kann ihn antasten, er ist rein. O, mein Freund, willst du Jesum Christum als deinen Stellvertreter haben? Dann bist du frei. „Wer an Ihn glaubt, der wird nicht gerichtet.“ So werden wir „durch seine Wunden geheilt“.