Spurgeon, Charles Haddon - An der Pforte - Der Glaube an die Person des Herrn Jesu.
Die Menschen haben eine traurige Neigung, Christum selber aus dem Evangelium wegzulassen. Sie könnten ebenso wohl das Mehl aus dem Brot weglassen. Sie hören den Plan des Heils und stimmen demselben als schriftgemäß und in jeder Weise ihrem Zustand angemessen bei; aber sie vergessen, dass ein Plan nichts nutzt, wenn er nicht ausgeführt wird, und dass zu ihrem Heil ihr eigener persönlicher Glaube an den Herrn Jesum wesentlich nötig ist. Eine Straße nach Berlin wird mich nicht dahinbringen, ich muss sie selbst betreten. Alle gesunde Lehre, die jemals geglaubt ward, wird nie einen Menschen erretten, wenn er nicht selbst sein Vertrauen auf den Herrn Jesum setzt.
Mr. Macdonald fragte die Einwohner der Insel St. Kilde, wie ein Mensch errettet werden könne. Ein alter Mann erwiderte: „Wir werden errettet, wenn wir Buße tun, unsre Sünden aufgeben und uns zu Gott wenden.“ „Ja,“ sagte eine Frau in mittleren Jahren, „mit einem aufrichtigen Herzen.“ „Jawohl,“ setzte ein Dritter hinzu, „und mit Gebet;“ „und,“ ergänzte ein Vierter, „es muss Herzensgebet sein.“ „Und wir müssen auch,“ sagte ein Fünfter, „die Gebote mit allem Fleiß halten.“ So, nachdem jeder sein Scherflein beigetragen, und sie fühlten, dass ein sehr anständiges Glaubensbekenntnis aufgestellt sei, sahen sie alle den Prediger an und erwarteten seinen Beifall; aber sie hatten sein tiefstes Mitleid erregt: er musste von Anfang an mit ihnen beginnen und ihnen Christum predigen. Der fleischliche Sinn legt sich immer einen Weg zurecht, auf dem das Ich wirken und groß werden kann; aber des HErrn Weg ist gerade der umgekehrte. Der Herr Jesus fasst es sehr kurz zusammen Mark. 16, 16: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“ Glauben und Getauftwerden sind keine Verdienste, deren man sich rühmen kann; sie sind so einfach, dass Prahlerei ausgeschlossen ist und die freie Gnade die Palme davon trägt. Dieser Weg des Heils ist gewählt, damit man sehe, dass Gnade allein nötig ist. Es mag sein, dass der Leser nicht errettet ist: was ist die Ursache? Meinst du, der Weg des Heils, wie der eben angeführte Spruch ihn darlegt, sei zweifelhaft? Fürchtest du, dass du nicht errettet wirst, wenn du ihm folgst? Wie kann das sein, wenn Gott sein ewiges Wort dafür verbürgt hat? Wie kann das fehlschlagen, was Gott vorschreibt und verheißt? Hältst du es für sehr leicht? Nun denn, warum tust du es nicht? Die Leichtigkeit der Sache lässt diejenigen ohne Entschuldigung, die sie vernachlässigen. Wenn du etwas Großes getan haben willst, sei nicht so töricht, das Kleine zu versäumen. Glauben heißt, auf Christum Jesum trauen oder sich auf Ihn lehnen; mit andern Worten, das Selbstvertrauen aufgeben und sich auf den Herrn Jesum verlassen. Getauft werden heißt, sich dem Befehl unterwerfen, welchen unser HErr am Jordan erfüllte, dem sich die Bekehrten am Pfingstfeste unterwarfen, dem der Kerkermeister noch in der Nacht seiner Bekehrung Gehorsam leistete. Es ist das äußerliche Bekenntnis, was immer mit dem innerlichen Glauben gehen sollte. Das äußere Zeichen errettet nicht; aber es stellt uns unsern Tod, unser Begräbnis und unsere Auferstehung mit Jesu vor Augen und darf eben, wie das Abendmahl des HErrn, nicht versäumt werden.
Der Punkt, auf den es ankommt, ist, an Jesum glauben, und deinen Glauben bekennen. Glaubst du an Jesum? Dann, lieber Freund, lass deine Furcht fahren, du sollst errettet werden. Bist du noch ein Ungläubiger? Dann erinnere dich, es gibt nur Eine Tür, und wenn du nicht durch diese eingehen willst, so musst du in deinen Sünden umkommen. Die Türe ist da; aber wenn du nicht durch sie eingehst, was nützt sie dir? Es ist notwendig, dass du dem Gebot des Evangeliums gehorchst. Nichts kann dich erretten, wenn du nicht die Stimme Jesu hörst und in der Tat und Wahrheit tust, was Er dich heißt. Denken und beschließen führt nicht zum Zweck; es muss zu einer wirklichen Tat kommen; denn nur soweit du wirklich glaubst, wirst du wahrhaft für Gott leben.
Ich hörte von einem Freunde, der sehr wünschte, für die Bekehrung eines jungen Mannes zu wirken, und zu dem jemand sagte: „Du kannst hingehen und mit ihm sprechen, aber du wirst ihn nicht weiter bringen, denn er ist mit dem Heilsplan außerordentlich gut bekannt.“ Es war in hohem Grade so; und deshalb erhielt unser Freund, als er mit dem jungen Menschen zu sprechen begann, zur Antwort: „Ich bin Ihnen sehr verbunden, aber ich wüsste nicht, dass Sie mir viel sagen könnten, denn ich habe den Plan des Heils durch das stellvertretende Opfer Christi lange gekannt und bewundert.“ Ach! er traute auf den Plan, aber hatte nicht an die Person geglaubt. Der Heilsplan ist sehr köstlich, aber er kann uns nichts helfen, wenn wir nicht persönlich an den Herrn Jesum Christum glauben. Welche Behaglichkeit ist in dem Plan eines Hauses, wenn du nicht hineingehst? Der Mann, der draußen im Regen sitzt, gewinnt nicht viel Behagen durch die Pläne, die vor ihm ausgebreitet liegen. Wozu ist ein Plan für Kleidung gut, wenn du keinen Lappen hast, mit dem du dich bedecken kannst? Hast du nie von dem arabischen Häuptling in Kairo gehört, der sehr krank war und zum Missionar ging? Dieser sagte, er könne ihm ein Rezept geben; er tat es und fand nach einer Woche den Araber um nichts besser. „Nahmst du mein Rezept?“ fragte er. „Ja, ich aß jedes Stück von dem Papier.“ Er wähnte, dass er geheilt werden sollte durch das Essen der Schrift des Arztes, die ich den Plan der Arznei nennen kann. Er hätte sich das Rezept machen lassen sollen, und dann hätte es ihm gut tun können, wenn er den Trank genommen; es konnte ihm nichts nützen, das Papier hinunterzuschlucken. So ist es mit dem Heil: es ist nicht der Plan des Heils, der retten kann, es ist die Ausführung dieses Plans durch den Herrn Jesum in seinem Tode für uns, und unsre Annahme desselben. Unter dem jüdischen Gesetze brachte der Opfernde einen Farren und legte seine Hand darauf; es war kein Traum, keine Theorie, kein Plan. In dem darzubringenden Opfer fand er etwas Wesentliches, das er anfassen und berühren konnte: ebenso verlassen wir uns auf das wirkliche und wahrhafte Werk Jesu, etwas, was wesentlicher ist, als irgendetwas anderes unter dem Himmel. Wir kommen durch den Glauben zu dem Herrn Jesu und sagen: „Gott hat hier ein Sühnopfer bereitet, und ich nehme es an. Ich glaube an die Tat, die am Kreuz vollendet wurde; ich habe die Zuversicht, dass die Sünde durch Christum hinweggenommen wurde, und ich verlasse mich auf Ihn.“ Wenn du gerettet werden willst, so musst du über die Annahme von Plänen und Lehren hinausgehen zu einem Vertrauen auf die göttliche Person und das vollendete Werk des Herrn Jesu Christi. Lieber Leser, willst du Christum jetzt haben?
Jesus lädt alle ein, die mühselig und beladen sind, zu Ihm zu kommen, und will ihnen Ruhe geben. Er verheißt dies nicht denen, die nur von Ihm träumen. Sie müssen kommen; und sie müssen zu Ihm kommen und nicht bloß zur Kirche, zur Taufe, zum orthodoxen Glauben oder zu irgendetwas anderem, außer Seiner göttlichen Person. Als die eherne Schlange in der Wüste aufgerichtet war, sollten die Leute nicht Mose, noch die Stiftshütte, noch die Wolkensäule ansehen, sondern die eherne Schlange allein. Ansehen war nicht genug, wenn sie nicht den richtigen Gegenstand ansahen: und der richtige Gegenstand war nicht genug, wenn sie ihn nicht ansahen. Es war nicht genug, dass sie etwas von der ehernen Schlange wussten; jeder musste sie für sich selber ansehen. Wenn ein Mann krank ist, mag er eine gute Kenntnis von Arzneien haben, und doch sterben, wenn er nicht wirklich den heilenden Trank nimmt. Wir müssen Jesum aufnehmen: „Denn wie viele Ihn aufnahmen, denen gab Er Macht, Gottes Kinder zu werden.“ Legt den Nachdruck auf die zwei Worte: Wir müssen Ihn aufnehmen, und wir müssen Ihn aufnehmen. Wir müssen die Türe weit auftun und Jesum Christum hineinnehmen; denn „Christus in euch“, ist „die Hoffnung der Herrlichkeit“. Christus muss uns keine Mythe, kein Traum, kein Phantom sein, sondern ein wirklicher Mensch und wahrhaftiger Gott; und unsere Aufnahme seiner muss keine gezwungene und verstellte Annahme sein, sondern die herzliche und freudige Zustimmung und Einwilligung der Seele, dass Er das All in Allem unsers Heils sein soll. Wollen wir nicht sogleich zu Ihm kommen und Ihn unser einziges Vertrauen sein lassen?
Die Taube wird vom Habicht gejagt und findet keine Sicherheit vor ihrem ruhelosen Feind. Sie hat gelernt, dass Schutz für sie in einer Felsenspalte ist, und dorthin eilt sie in fröhlichem Fluge. Ist sie erst ganz geschirmt an ihrem Zufluchtsort, so fürchtet sie keinen Raubvogel. Aber wenn sie sich nicht in den Felsen verbürge, würde sie von ihrem Verfolger erfasst werden. Der Fels würde der Taube nichts helfen, wenn sie nicht in den Spalt hinein flöge. Der ganze Körper muss in dem Felsen verborgen sein. Wenn auch zehntausend andere Vögel dort eine Zufluchtsstätte fanden, so würde das doch nicht die eine Taube retten, die jetzt vom Habicht verfolgt wird! Sie muss sich ganz darin bergen, sonst wird ihr Leben dem Verderben verfallen sein.
Was für ein Bild des Glaubens ist dies! Es ist ein Eingehen in Jesum, ein sich Verbergen in seinen Wunden. „Fels des Heils, gespalten mir, Ich verberge mich in dir.“
Die Taube ist aus den Augen, der Fels ist allein zu sehen. So flieht die schuldige Seele in die gespaltene Seite Jesu und ist in Ihm begraben und der rächenden Gerechtigkeit aus den Augen. Aber es muss dieses persönliche Fliehen zu Jesu da sein; und dies ist es, was so viele von Tag zu Tag aufschieben, bis zu befürchten ist, dass sie „in ihren Sünden sterben“ werden. Was für ein furchtbares Wort ist dieses! Es ist das, was unser HErr zu den ungläubigen Juden sagte, und Er sagt dasselbe noch in dieser Stunde zu uns: „Wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, so werdet ihr in euren Sünden sterben.“ Es macht unser Herz erbeben, zu denken, dass selbst einer, der diese Zeilen liest, dennoch zu der elenden Gesellschaft derer gehören mag, die auf diese Weise umkommen. Der HErr verhüte es in Seiner großen Gnade!
Ich sah neulich ein merkwürdiges Bild, das mir den Weg des Heils, durch den Glauben an Jesum, trefflich zu beleuchten schien. Ein Missetäter hatte ein Verbrechen begangen, für das er sterben musste, aber es war in der alten Zeit, wo die Kirchen als Heiligtümer betrachtet wurden, in denen Verbrecher sich verbergen und so dem Tode entgehen konnten. Seht den Übertreter! Er stürzt auf die Kirche zu, die Wachen verfolgen ihn mit gezogenen Schwertern und dürsten nach seinem Blut! Sie folgen ihm bis an die Kirchentür. Er stürzt die Stufen hinauf und gerade, als sie im Begriff sind, ihn einzuholen und ihn an der Schwelle der Kirche in Stücke zu hauen, da tritt der Bischof heraus und ruft, das Kreuz empor haltend: „Zurück, zurück! Befleckt nicht die Schwelle des Gotteshauses mit Blut! Steht zurück!“ Die grimmen Soldaten ehren sogleich das Sinnbild, und ziehen sich zurück, während der arme Flüchtling sich hinter den Gewändern des Bischofs verbirgt. Es ist ebenso mit Christo. Der schuldige Sünder flieht geradewegs zu Jesu; und obwohl die Gerechtigkeit ihn verfolgt, so hebt Christus doch seine verwundeten Hände auf und ruft der Gerechtigkeit zu: „Steh' zurück! ich schütze diesen Sünder; ich verberge ihn heimlich in meinem Gezelt (Ps. 27, 5); ich will ihn nicht umkommen lassen, denn er setzt sein Vertrauen auf mich.“ Sünder, fliehe zu Christo! Aber du antwortest: „Ich bin zu schlecht.“ Je schlechter du bist, desto mehr ehrst du Ihn, wenn du glaubst, dass Er sogar dich beschützen kann. „Aber ich bin ein so großer Sünder.“ Dann wird Ihm umso mehr Ehre zu teil werden, wenn du Glauben genug hast, deine Zuversicht auf Ihn zu setzen, obgleich du ein so großer Sünder bist. Wenn du eine unbedeutende Krankheit hast und deinem Arzt sagst: „Ich habe volle Zuversicht zu Ihrer Heilkunst,“ so liegt darin kein großes Kompliment. Jeder kann einen schlimmen Finger oder ein leichtes Unwohlsein heilen. Aber wenn du schwer darnieder liegst an einer gefährlichen Krankheit, die dich sehr quält und du dann sprichst: „Ich suche keinen besseren Arzt; ich will keinen anderen Rat als den Ihren; ich vertraue mich Ihnen mit Freuden an“; was für Ehre erzeigst du ihm dann, dass du dein Leben seiner Hand anvertrauen kannst, wenn es in äußerster und unmittelbarer Gefahr ist! Tue das Gleiche mit Christo; übergib deine Seele seiner Sorge: tue es mit Überlegung und ohne einen Zweifel. Wage es, alle andern Hoffnungen aufzugeben: wage alles auf Jesum; ich sage, „wage“, obgleich wirklich nichts dabei gewagt ist, denn Er ist mächtig genug, dich zu erretten. Wirf dich einfach auf Jesum; habe für Jesum kein anderes Gefühl in deiner Seele als Glauben; glaube Ihm und traue Ihm, so wirst du dich deiner Zuversicht niemals zu schämen haben. „Wer an Ihn glaubt, der soll nicht zu Schanden werden.“ (1. Petri 2, 6.)