Spurgeon, Charles Haddon - Das ewige Leben
„Und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“
(Joh. 10, 28.)
Manche werden sagen, die gegenwärtige Versammlung sei eine gemischte, und eine Lehre, wie die obige, dürfe vor unbekehrten Männern und Frauen nicht vorgetragen werden. Dies beweist aber, wie wenig sie ihre Bibel lesen; denn gerade dieser Text wurde von unserm Herrn und Heilande nicht seinen in Liebe ihm anhangenden Jüngern, sondern seinen Feinden gesagt. Lies den 31. Vers unsers Kapitels, und Du wirst die Versammlung kennen lernen, zu welcher der Herr Jesus über obiges Thema gepredigt hat: „Da hoben die Juden abermals Steine auf, dass sie ihn steinigten.“ Es war eine erboste Menge von Scheinheiligen, denen der Herr, trotzdem sie ihn verwarfen und wegen ihrer bewussten Hartnäckigkeit gegen die Gnade sich selbst ihrer Segnungen beraubten, diese reichen und seltenen Segnungen vorhielt. Sie sollten wissen, dass das, was sie verloren, unaussprechlich kostbar sei, und dass seine Botschaft nicht ohne den größten Schaden für ihre Seele verachtet werden dürfe. Ist also die gegenwärtige Versammlung wirklich eine gemischte - und ich glaube, dass sie es ist, und dass sich manche hier befinden, die die Köstlichkeit göttlicher Dinge nicht begreifen - so wollen wir doch aus demselben Grunde, der den Herrn bestimmte, den Gottlosen seiner Tage jene Lehre vorzutragen, dasselbe jetzt tun, damit sie erfahren, was sie verlieren, wenn sie Christum verlieren, was für kostbare Dinge es sind, die sie verachten, und was für unschätzbare Schätze Diejenigen einbüßen, welche nach den Schätzen dieser Welt suchen und ihrem Gott und Heilande den Rücken kehren.
Wir haben keine Zeit, lange umherzuschlendern, und wollen daher gleich der Biene, die in den Blumen den Honig sucht, sofort auf den süßen Kern unsers Textes: „Ich gebe ihnen das ewige Leben,“ losgehen. Der Zusammenhang lehrt uns, dass das Fürwort „ihnen“ sich auf Christi Schafe bezieht, auf gewisse Personen, die er sich zu seinen Schafen auserwählt hat, und die er daher auch berufen, solche zu werden. Damit wir über solche nun nicht in Ungewissheit bleiben, hat uns der Heiland diejenigen Merkzeichen angegeben, an welchen seine Schafe zu erkennen sind. Wir können die geheime Liste der Auserwählten nicht lesen; auch können wir das Herz eines Menschen nicht durchforschen; aber wir können wohl dessen äußeres Verhalten wahrnehmen, und der Vers vor unserem Texte sagt uns, an welchen Zeichen man das Volk Gottes erkennen kann: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir.“ Die Schafe Christi werden also daran erkannt, dass sie Christi Stimme hören und ihm nachfolgen, und zwar erstlich durch den Glauben an ihn, und dann durch tätigen Gehorsam gegen seine Vorschriften. „Der Glaube, welcher durch die Liebe tätig ist,“ bildet das Kennzeichen der Schafe Christi, und es sind die wahren, echten Gläubigen, von welchen er spricht, wenn er sagt: „Ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“ Wollte Gott, dass ein jeglicher von uns die Uniform der Erwählten, nämlich einen tätigen und heiligenden Glauben, an sich trüge! O, dass wir alle auf die Stimme des großen Hirten hörten und die Wahrheit aufnähmen, die er uns darbietet, und dann entschlossen wären, ihm überall zu folgen, wie die Schafe dem Hirten folgen.
Nachdem wir so gesehen, wen der Text angeht, wollen wir ihn nun in dreifacher Weise in nähere Erwägung ziehen. Er bezieht sich erstens auf die Vergangenheit dieser Leute, zweitens aber hauptsächlich auf die gegenwärtige Glückseligkeit derselben, und drittens weist er uns auch nicht undeutlich auf deren Zukunft hin.
I.
Der aufmerksame Leser wird leicht herausfinden, dass der Text etwas in sich schließt, was auf die vergangene Geschichte des Volkes Gottes Bezug hat. Es heißt: „Ich gebe ihnen das ewige Leben.“ Dies deutet also an, dass sie das ewige Leben verloren hatten. Ein jeglicher aus Gottes Volk ist in Adam gefallen, und wir alle fielen auch durch wirkliche Sünde; wir kamen daher unter die Verdammnis, und Christus Jesus tat für uns, was der König zuweilen für einen verurteilten Verbrecher tut: er brachte uns eine freie, völlige Vergebung entgegen. Er hat uns das Leben geschenkt. Wir hatten verdient, auf ewig von dem Angesichte des Herrn verbannt zu werden; da trat der Herr Jesus ein und sagte: „Deine Schuld ist dir vergeben; das Urteil soll an dir nicht vollstreckt werden; deine Missetat ist ausgelöscht; du bist rein!“ Ja, es scheint mir, dass unser Text noch etwas mehr, als eine bloße Verdammung, dass er nämlich auch schon die Exekution (Vollstreckung) andeute. Wir waren nicht nur verurteilt zu sterben; wir waren auch schon geistlich tot. Jesus schenkte uns nicht nur das Leben, welches uns genommen werden sollte, sondern er machte uns auch eines Lebens teilhaftig, welches wir vormals nie besessen hatten. Und nicht etwa bloß nach unsern Vermutungen liegt's im Texte, dass wir geistlich tot waren; dies sagt uns auch nicht allein unsere eigene Erfahrung; sondern der Apostel Paulus bestätigt es ebenfalls, wenn er sagt: „Und auch euch (hat er lebendig gemacht), da ihr tot wart in Übertretungen und Sünden“ (Eph. 2, 1.) Wie, Paulus? sie waren tot? Irrst du dich nicht? Vielleicht waren sie nur ein wenig krank? Ja, wir wollen dir gerne zugeben, lieber Apostel, dass sie bis zum Tode krank waren; aber gewiss hatten sie doch noch ein wenig geistliche Kraft, noch ein wenig Fähigkeit, sich selbst zu helfen. „Nein,“ sagt der Apostel, „ihr wart tot in Übertretungen und Sünden.“ Das Werk der Erlösung heilt nicht nur den Kranken von seiner Krankheit; nein, es weckt den Toten aus seinem Grabe auf. Alle Heiligen, welche jetzt in Gott lebendig geworden, waren einst ganz ebenso tot, wie die andern, ganz ebenso verdorben, wie die andern, und wegen ihrer Sünden der Gerechtigkeit Gottes ebenso unbedingt verfallen, wie es der verkommenste unsers Geschlechtes nur sein kann. Wir gingen alle in der Irre; wir waren allesamt abtrünnig geworden; denn „da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer.“ Wir waren alle unter die Sünde verkauft; da kam Jesus in dies Land des Todes und brachte uns Leben und Unsterblichkeit. Alle Heiligen hatten ihr Leben verwirkt; alles geistliche Leben war geschwunden; da hat Jesus, der Lebensfürst, sie für Gott wieder lebendig gemacht.
Ist's nicht in diesen Worten auch klar ausgesprochen, dass jene, die desselben gänzlich beraubt waren, das Leben nicht anders wieder erlangen konnten, als dass es ihnen förmlich geschenkt wurde? Es ist jedem aufmerksamen Bibelleser wohl bekannt, dass sich in Gottes Wort niemals ein überflüssiges Wunder befindet. Gott tut kein Wunder da, wo der gewöhnliche Lauf der Natur ausreichend befunden wird. Nun ist aber das größte aller Wunder, die Bekehrung einer Seele. Könnte eine Seele sich selbst retten, so würde Gott sie nicht retten, sondern sie tun lassen, wozu sie selbst imstande ist; und wenn die geistlich Toten sich selbst lebendig machen könnten, so wissen wir aus dem ganzen Walten Gottes, dass dann Christus nicht gekommen sein würde, um ihnen das Leben wieder zu geben. Ich glaube, dass es für einen jeden von uns vollständig unmöglich sein würde, jemals in den Himmel einzutreten, wenn Jesus Christus nicht vom Himmel herabgekommen wäre, um uns den Weg zu zeigen, um unsere Riegel und Banden zu zerbrechen und uns zu befähigen, den Pfad zu betreten, der zur Herrlichkeit und Unsterblichkeit führt. Verloren! ja, das ganze Menschengeschlecht war völlig verloren, nicht teilweise nur; es befand sich nicht etwa in einem Zustande, aus dem es sich durch die äußersten Anstrengungen noch selbst zu retten imstande gewesen wäre; nein, es war so ganz und gar verloren, dass nur durch die Dazwischenkunft eines göttlichen Armes, nur durch die Menschwerdung Gottes, nur durch die gewaltige Tat auf Golgatha und nur durch das Werk Gottes des Heiligen Geistes im Herzen eine tote Seele lebendig gemacht werden konnte. Wenn der Mensch auch nur einen Finger dazu rühren könnte, um sich das ewige Leben zu geben, so wäre die Verleihung desselben nicht das eigenste Werk unsers Herrn Jesu; aber nun ist bei dieser Sache alle menschliche Macht ausgeschlossen, und die Gnade herrscht allein.
Man sieht auch bei einiger Aufmerksamkeit klar aus dem Texte, dass das ewige Leben nicht das Verdienst irgendeines Kindes Gottes ist; denn derselbe sagt, dass es uns gegeben wird. Eine Gabe ist aber das gerade Gegenteil von einer Bezahlung. Was jemand als Gabe empfängt, hat er gewiss nicht verdient. Wenn uns das Leben geschenkt wird, so empfangen wir es nicht als eine Schuldigkeit, und wenn es uns als schuldige Bezahlung verliehen würde, so wäre es keine Gabe mehr. Keiner von uns verdient das ewige Leben, und keiner wird es auch jemals verdienen können. Das sterbliche leibliche Leben ist sogar schon eine Gabe Gottes, und wir haben es uns nicht verdient; das ewige Leben aber, von welchem unser Text spricht, ist eine so erhabene Gabe, dass menschliches Verdienst, auch bei der größten Anstrengung, nimmer hoffen kann, nur mit einem Finger dasselbe zu erreichen. Der Mensch verdient nichts, als den Tod; das Leben aber ist eine freie Gabe Gottes. „Der Tod ist der Sünde Sold“, das heißt, er ist ein Lohn unserer Schuld; „die Gabe Gottes aber seine freie Gnadengabe ist das ewige Leben.“ Nun, ich weiß wohl, dies ist eine sehr demütigende Lehre; aber sie ist wahr, und Ihr müsstet dies alle fühlen. Ihr, Kinder Gottes, fühlt es auch, das weiß ich; Ihr seht den Abgrund, aus welchem Ihr herausgezogen worden. Seht Ihr ihn nicht? Oder seid Ihr in der jüngsten Zeit stolz geworden? Habt Ihr vielleicht mit Euren süßen Gefühlen und feinen Gebeten Euren Hut wie mit Federn geschmückt? Ich bitte Euch, erinnert Euch doch, was Ihr gewesen seid! Ihr wollt stolz sein? Vergesset doch ja nicht, woher Ihr gekommen seid! Denkt an den Schmutz und Kot, aus dem Euch Gott herausgezogen! Statt Euren Stolz in scharlachroten Kleidern zu zeigen, sollten Eure Wangen vor Scham scharlachrot sein. O, Gott wolle für immer verhüten, dass wir uns selbst rühmen; denn womit wollen wir uns rühmen? Was haben wir, das wir nicht empfangen hätten?
Es geht ferner klar aus unserm Texte hervor, dass diejenigen, die jetzt in Christo gerecht geworden sind, ohne Christum verloren gegangen wären. Christus sagt: „Sie werden nimmermehr umkommen.“ Verheißungen werden niemals als etwas Überflüssiges gegeben. Diese Verheißung war also auch notwendig. Es war Gefahr, eine ernstliche Gefahr vorhanden, dass alle die, die jetzt gerettet sind, auf ewig verloren gehen würden. Die Sünde machte sie ebenso wohl, wie die andern zu Kindern des Zorns; so sagt uns die Schrift, und die Gerechtigkeit hätte sie ohne die überschwängliche Gnade auch ebenso wohl verzehren müssen, wie die andern. Und auch jetzt ist noch kein Grund vorhanden, warum eine wirklich gerecht gewordene Seele nicht noch umkommen sollte, außer dem, dass Christus dies verhindert. Ihr seid lebendig, aber Ihr würdet nicht eine Stunde geistlich lebendig sein, wenn der Heilige Geist nicht fortführe, seine Lebenskraft in Eure Seelen auszugießen. Ihr sollt bewahrt bleiben, aber merket wohl, dies ist Euch nur durch eine Verheißung versiegelt worden und daher keineswegs eine Sache natürlicher Notwendigkeit. Ohne die Gnade seid Ihr in beständiger Gefahr, wieder abzufallen, und die Furcht vor dieser Gefahr wird eine jede aufrichtige Seele beschleichen, die es gut mit sich selber meint. Auch der Apostel fürchtete ja noch, dass er andern predigen und selbst verwerflich werden könne. Aber wir brauchen keine Furcht mehr zu haben, wo wir uns der Verheißung Gottes getrösten können; denn wenn wir wirklich in Christo sind, so ist uns auch unsere Sicherheit garantiert, weil sein eigenes Wort uns sagt: „Sie werden nimmermehr umkommen.“ Diese Verheißung wurde sicherlich darum gegeben, weil wir dieselbe nötig hatten. Es gibt noch eine Gefahr, umzukommen; ja, tausend Gefahren umringen uns, und nur die Allmacht selbst kann die „feurigen Pfeile des Satans“ von uns abwenden. Wenn der große Arzt der Seelen uns nicht ein Gegengift gegeben hätte, so würde das Gift der Sünde uns längst getötet haben. Er aber, der da schwört, uns in Sicherheit heimzuführen, schützt uns auch vor tausend Feinden, welche auf unsern Untergang lauern. „Sie werden nimmermehr umkommen.
Der Text lässt uns ja auch wohl erkennen, dass, natürlich betrachtet, zehntausend Feinde vorhanden sind, die die Kinder Gottes aus Christi Hand wieder herausreißen wollen. Sie waren einst in der Hand des Feindes; sie waren einst willige Leibeigene des Satans. Alle wissen dieses, und alle geben es bereitwillig zu. Wollte Gott, dass auch einige hier sein möchten, die die Wahrheit meiner Worte fühlen und empfinden! Die Selbstgerechten werden zwar sagen: „Bei mir ist alles in Ordnung; ich tue, was in meiner Macht liegt; ich besuche einen Ort der Anbetung“ rc. Aber, liebe Seele, wenn dies an und für sich auch gut ist, so ist es doch für den Fall, dass Du Dich damit brüsten willst, ein sicherer Beweis, dass Du Gott und Dich selbst nicht kennest. Wenn ich solche hörte, die sich rühmten, keine ihnen anklebende Sünde zu kennen, so habe ich immer wünschen müssen, dass diese das Evangelium vom Pharisäer und Zöllner recht lesen möchten. In der Gebetsversammlung, welche zu New-York in der Fulton-Straße gehalten wird, trat einst ein Bruder auf und bat um die Gebete der Gläubigen, weil er das Verderben seines eigenen Herzens, die Versuchungen des Satans und besonders die Verdorbenheit seiner ganzen Natur so tief fühlte. Darauf stand ein Bruder an der entgegengesetzten Seite des Saales auf und sagte, er danke Gott, dass dies seine Erfahrung nicht sei; er fühle kein Verderben, und sein Herz sei nicht entartet. Der erstere machte keine Erwiderung; aber ein anwesender Freund las die Worte: „Es gingen zween Menschen hinauf in den Tempel, zu beten; einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich selbst und betete also: Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin, wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch, wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche, und gebe den Zehnten von allem, das ich habe. Und der Zöllner stand von ferne, wollte auch seine Augen nicht aufheben gen Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott sei mir Sünder gnädig! - Ich sage euch: Dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus, vor jenem. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden“ (Luk. 18, 10-14.). Das Bewusstsein der Sünde ist ein sicheres Zeichen entweder von schon erlangter, oder doch von gewiss zu hoffender Vergebung. Der, welcher sagt, er habe keine Sünde, macht Gott zum Lügner, und die Wahrheit ist nicht in ihm. Wer seine Sünde nicht bekennen will, dem kann sie auch nie vergeben werden; wer aber mit einem gebrochenen und zerschlagenen Herzen zu den Füßen des gekreuzigten Heilandes kommt, findet bei ihm auch Vergebung für alle seine Sünden. Dies sei genug über den früheren Zustand der Erben des Himmelreichs.
II.
Und nun wollen wir uns ohne Weiteres in den Gegenstand selbst versenken. Der Text verbreitet ein helles Licht über den gegenwärtigen Zustand eines jeden Gläubigen.
1) Wir werden Euch nur Winke, aber keine lange Auslegung zu geben brauchen. So nehmt denn willig hin den ersten Satz, welcher von einer empfangenen Gabe redet: „Und ich gebe ihnen das ewige Leben.“ Diese Gabe ist vor allem Leben. Ihr würdet Gottes Wort verwirren, wenn ihr Leben mit Existenz verwechseltet; denn dies sind ganz verschiedene Dinge. Alle Menschen werden existieren für ewig, aber manche davon werden im ewigen Tode wohnen und daher vom Leben nie das Geringste wissen. Leben ist von bloßer Existenz immer genau zu unterscheiden; es schließt in Gottes Wort immer etwas von Tätigkeit und Glückseligkeit in sich. In dem vorliegenden Texte ist mancherlei darunter verstanden. Merke die Verschiedenheit zwischen dem Steine und der Pflanze. Die Pflanze hat vegetabilisches Leben (Pflanzenleben). Ihr kennt ferner den Unterschied zwischen dem Tiere und der Pflanze. Obwohl die Pflanze vegetabilisches Leben hat, so ist sie doch wohl vollständig tot in dem Sinne, in welchem wir von lebenden Kreaturen sprechen. Sie hat nicht die Empfindungen, welche zum tierischen Leben gehören. Wenden wir uns aber zu einem noch höheren Grade des Lebens, zum geistigen Leben, so ist in diesem Sinne das Tier auch noch tot. Es kann nicht in die geheimnisvollen Berechnungen der Mathematik eintreten, noch in den erhabenen Gedanken der Poesie schwelgen. Das Tier hat mit dem Leben des einsichtsvollen Geistes nichts zu tun; es ist für das geistige Leben tot. Nun gibt es noch einen Grad des Lebens, welcher höher ist, als das geistige Leben, ein Leben, unbekannt dem Philosophen und nicht enthalten in den Schriften eines Plato oder Aristoteles, aber doch gekannt von dem Geringsten unter den Kindern Gottes. Dies ist das geistliche Leben, eine Art des Lebens, wie es der natürliche Mensch nicht besitzt, sondern welches nur durch Christum geschenkt werden kann. Der erste Mensch, Adam, wurde gemacht zu einer lebendigen Seele,“ und alle seine Nachkommen sind ihm gleich; „der zweite Adam wurde gemacht zu einem lebendig machenden Geiste,“ und wenn wir nicht geworden sind, wie der zweite Adam, so kennen wir auch nichts von geistlichem Leben. Dieser unser Leib ist von der Natur für ein seelisches Leben geschaffen. Der Apostel sagt uns in jenem wundervollen Kapitel, 1. Kor. 15, dass, gesät wird ein natürlicher (genauer: seelischer) Leib, aber auferstehen wird ein geistlicher Leib. Es gibt einen seelischen Leib, und es gibt auch einen geistlichen Leib.“ Es gibt einen Leib für das niedere Leben, welches allen Menschen angehört, und welches der Träger eines bloß geistigen Daseins ist, und so soll es auch einen Leib geben, welchen jeder empfangen soll, dem geistliches Leben geschenkt worden; dieser Leib wird im Himmel eine Behausung bilden für den vollkommen gemachten Geist. Das Leben, welches Jesus Christus seinem Volke gibt, ist geistliches Leben und daher geheimnisvoll: „Du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, von wannen er kommt, noch wo hin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist“ (Joh. 3, 8.). Du, der Du geistiges Leben besitzt, kannst dem Pferde oder Hunde nicht erklären, was es ist; ebenso wenig können wir, die wir geistliches Leben haben, Denjenigen eine Erklärung desselben geben, die es nicht empfangen haben. Wir können sagen, was es tut oder bewirkt; aber was der Funke jener Himmelsflamme ist, ist uns vielleicht selbst nicht bekannt, obgleich wir von seinem Vorhandensein überzeugt. Das Leben, welches Jesus Christus den Seinigen schenkt, ist geistliches Leben; aber es ist noch mehr: es ist göttliches Leben; es ist gleich dem Leben Gottes und darum ein erhebendes Leben. Der Apostel sagt, dass wir der „göttlichen Natur teilhaftig worden sind“, - „als die da wiedergeboren sind, nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen“ (1. Petri 1, 23.). Wir werden nicht göttlich, aber wir empfangen eine Natur, welche uns befähigt, mit der Gottheit zu sympathisieren, an göttlichen Dingen uns zu ergötzen und nach dem Willen des allerheiligsten Gottes zu leben. Wir lieben; denn Gott ist die Liebe. Wir fangen an, heilig zu werden; denn Gott ist der dreimal Heilige. Wir streben nach der Vollkommenheit; denn er ist vollkommen. Wir finden unsere Freude daran, Gutes zu tun; denn Gott ist gut. Wir kommen in eine neue Atmosphäre. Wir erheben uns über die bloß seelischen (geistigen) Fähigkeiten; unsere geistlichen Kräfte machen uns verwandt mit Gott. Gott sprach: „Lasset uns Menschen machen zu unserm Bilde, nach unserm Gleichnis.“ Das Bild Adams ist der Tod; das Bild Christi stellt alles wieder her und gibt uns jenes Leben wieder, welches Adam verlor, da er sündigte, und Gott ihm gesagt: „welches Tages du davon isst, wirst du des Todes sterben.“ Und in diesem Sinne ist er gestorben; das Urteil wurde nicht auf geschoben, sondern sofort vollzogen, als er die verbotene Frucht anrührte; er starb den geistlichen Tod. Aber dieses längst verlorene Leben schenkt nun Jesus Christus einer jeden Seele wieder, die an ihn glaubt.
Dieses Leben ist, wie Ihr aus meinen Bemerkungen schon schließen werdet, himmlisches Leben. Es ist das Leben, welches sich bis zum Himmel erstreckt und sich dort vollends entwickelt. Der Christ stirbt nicht. Was sagt der Heiland? Wer da lebet, und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben“ (Joh. 11, 26.). Sollte das seelische Leben nicht sterben? Ganz gewiss. Sollte das bloß leibliche Leben nicht sterben? Freilich; aber das geistliche Leben stirbt nimmer. Es ist dasselbe Leben hier, was es einst dort sein wird; nur ist es hier noch unentwickelt und wird durch die Sünde in seiner Tätigkeit vielfach gehindert. Aber nichts von uns, was nur Fleisch und Blut ist, kann zum Himmel gelangen, sondern nur sofern es durch den Einfluss des Geisteslebens unterworfen, verändert und verherrlicht worden. Wisset Ihr nicht, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht können ererben, und dass das Verwesliche nicht erben wird das Unverwesliche?“ (1. Kor. 15, 50.) Denn was ist mein „Ich“, dass es sollte in den Himmel eintreten? Nur wenn Du in Christo eine neue Kreatur geworden bist, kann dies geschehen. Denn nichts, als diese neue Kreatur, nichts, als das Leben, welches im Garten der Gottesgemeinschaft geknospt und geblüht hat; nichts, als das Leben, welches Dich dazu geleitet, die Kranken zu besuchen, die Nackenden zu kleiden, die Hungernden zu speisen; nichts, als das Leben, welches verursacht hat, dass Tränen der Reue Deine Wangen hinunterflossen; nichts, als das Leben, welches Dich trieb, an Jesum Christum zu glauben, wird den Himmel ererben. Und wenn Ihr dieses Leben nicht habt, so besitzt Ihr nicht das himmlische Leben; tote Seelen aber können nicht in den Himmel eintreten. Nur die Lebenden können zum Lande der Lebendigen gelangen. „Wie wir getragen haben das Bild des Irdischen, also werden wir auch tragen das Bild des Himmlischen“ (1. Kor. 15, 149). Schon jetzt pulsiert das himmlische Leben in uns und erhebt uns zum Himmel.
Aus allem diesem geht nun aber hervor, dass das Leben, welches Christus seinem Volke gibt, ein Kraftleben sein muss. Wenn das Geistesleben in einen Menschen ausgegossen wird, so zieht es ihn hoch aus seinem früheren Zustande heraus und erhebt ihn weit über alle bloß menschlichen Beurteilungen. „Er selbst, der geistliche Mensch, kann von andern nicht gerichtet werden“ (1. Kor. 2, 15.). „Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott“ (Kol. 3, 3.). Ihr könnt von der Welt nicht erwarten, dass sie dieses neue Leben verstehen solle; es ist ihr ein verborgenes Ding. Es wird Dir selbst ein Geheimnis und Deinem eigenen Herzen ein Wunder sein. Aber es ist ein tätiges Leben; es wird gegen Deine Sünde zu Felde ziehen und nicht eher ruhen, bis es dieselbe überwunden hat. Wenn Ihr mir sagen wollt, dass Ihr nie einen inneren Kampf gehabt, so weiß ich nicht, wie Ihr göttliches Leben haben könntet; denn es ist sicher, dass dieses mit der alten Natur sofort in einen beständigen Streit gerät. Der Mann, welcher göttliches Leben empfangen, wird ein neuer Mensch in seinem Hause. Seine Frau und seine Familie merken dies wohl. Er ist ein anderer Mann im Geschäft; ja überall, wo Ihr ihn mit Menschen oder mit seinem Gott in Verbindung setzt, ist er ein anderer geworden. Er ist eine neue Kreatur. Er fühlt, dass ihn das neue und wunderbare Leben, welches in ihn gepflanzt ist, von den gewöhnlichen Menschen unterscheidet, und er wandert unter den Menschenkindern als ein Unbekannter und Fremdling. „Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder, und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wann es erscheinen wird, dass wir Ihm ähnlich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (1. Joh. 3, 2.)
Ich wünschte, dass ich mehr Zeit hätte, Euch das innere Leben zu beschreiben; aber die wenigen Bemerkungen müssen hinreichen, um zu zeigen, welch einen Segen Jesus durch das Werk des Heiligen Geistes den Gläubigen verliehen hat. In unserm Texte ist ein Wort, welches diesen Segen bezeichnet: „Ich gebe ihnen das ewige Leben.“ „Ewig“ heißt „ohne Ende.“ Wenn Christus einem Menschen göttliches Leben verleiht, so kann dieses Leben nicht wieder weggenommen werden. Es kann nicht sterben; dies wäre unmöglich. Wenn ich jemand sagen hörte, dass Du heute ein Kind Gottes, aber nächste Woche ein Kind des Teufels sein könntest, so habe ich voraussetzen müssen, dass das Wort „ewig“ bei ihm nur fünf oder sechs Tage bedeuten müsse; nach meinem Wörterbuche indes und nach dem Sinne des Geistes bedeutet „ewig“ „ohne Ende.“ Wenn daher ein Mensch sagt: „Ich hatte einst geistliches Leben; aber ich besitze es jetzt nicht mehr“, so ist es klar, dass er entweder gänzlich im Irrtum ist, oder nie geistliches Leben besessen hat. Wenn Jesus gesagt hätte: „Ich gebe euch ein Leben, welches sieben Jahre dauern soll, das indes in der Versuchung erlöschen kann,“ so könnte ich verstehen, wenn einer sagt, er sei aus der Gnade gefallen; aber wenn es „ewiges Leben“ sein soll, so muss es auch „ewig“ dauern und daher nie endigen. Auch die Seele wird nie endigen, wie wir glauben; aber dies ist für den Gottlosen kein Trost. Christi Werk besteht nicht darin, uns bloße Unsterblichkeit zu verleihen; denn das würde für viele Menschen nur ein schrecklicher Fluch sein. Verlorene Seelen würden froh sein, wenn ihre unsterbliche Existenz ein Ende nähme; aber Christus gibt uns ein ewiges, ein heiliges, ein glückseliges Leben, welches unendlich Mal mehr ist, als unsere bloße Fortdauer. Diese kann ein Fluch sein; aber „Leben“ ist ein Segen. Und dieses Leben fängt hier an: „Ich gebe ihnen“, sagt Jesus, nicht: „ich werde geben,“ sondern: „ich gebe“. Er sagt nicht: „Ich will es ihnen geben, wenn sie sterben;“ sondern „ich gebe es ihnen hier, ich gebe ihnen jetzt das ewige Leben.“ Nun hast Du, mein lieber Zuhörer, entweder ewiges Leben schon bis heute empfangen, oder Du befindest Dich noch im Tode. Hast Du es noch nicht empfangen, so bist Du „tot in Übertretungen und Sünden“, und Deine Verdammnis wird eine schreckliche sein; aber wenn Dir Gott ewiges Leben gegeben hat, so fürchte nicht die bösen Geister der Hölle, noch die Versuchungen der Welt; denn „der Gott des Anfangs ist Deine Zuflucht, und unter seinen ewigen Armen, bist Du vor allen Feinden wohl bewahrt. (5. Mose 33, 27)
Dieses Leben also wird einem jeden Kinde Gottes als eine freie Gabe geschenkt, und es kann von niemand anders, als vom Herrn selbst verliehen werden.
2) Lasst uns jetzt zu dem zweiten Teile des Segens übergehen. Derselbe eröffnet uns eine sichere Bewahrung. „Sie werden nimmermehr umkommen.“ Gewisse Herren, welche von einer ewigen Bewahrung nichts wissen wollen, geben dem folgenden Satze: „Niemand wird sie aus meiner Hand reißen“ die Deutung: „aber sie können aus derselben selbst wieder herausschlüpfen.“ Dies ist nimmermehr richtig; denn der Text sagt: „Sie werden nimmermehr umkommen.“
Der Satz schließt jegliches Verloren-gehen eines Schafes Christi ganz bestimmt aus. Beachte ein jedes Wort desselben! „Sie werden nimmermehr umkommen.“ Manche ihrer Meinungen, manche ihrer Annehmlichkeiten, manche ihrer Erfahrungen mögen vergehen: sie selbst gehen nimmer zu Grunde. Das, was das wahre Wesen eines Menschen ausmacht, seine erneuerte Natur, wird nie wieder zerstört werden. Der Verlust von tausend andern Dingen kann die Verheißung nicht erschüttern. Die Verheißung sagt nicht, dass das Schiff nicht versinken solle; aber sie sagt, dass die Passagiere glücklich ans Ufer gelangen werden. Die Verheißung sagt nicht, dass das Haus nicht abbrennen solle; aber sie sagt, dass seine Bewohner gerettet werden sollen. „Sie werden nimmermehr umkommen.“ Vielleicht geraten sie bis an den Rand des Abgrundes; vielleicht verlieren sie alle Freuden und Bequemlichkeiten dieses Lebens; aber - „sie werden nimmermehr umkommen.“ Das Leben in ihnen kann niemals ausgehungert, noch totgeschlagen, noch ausgetrieben werden. Wenn Ihr einmal das Brot mit Sauerteig versehen habt, so ist derselbe nicht wieder herauszubringen, mögt Ihr es auch kochen, braten oder backen, oder mit demselben machen, was Ihr wollt. Gerade so steht's mit der himmlischen Gabe. Ist die Seele einmal mit der Gnade Gottes gesättigt worden, so kann diese niemals wieder in ihr erstickt werden. Ein solcher Mensch wird nimmermehr umkommen. Er kann zwar selbst das Gegenteil für wahrscheinlich halten; der Teufel kann ihm einraunen, er werde doch verloren gehen; seine Güter können ihm genommen werden; er kann bis zu seinem Totenbette unter den größten Zweifeln und Befürchtungen einhergehen: und doch - „er wird nimmermehr umkommen.“ Nun, dies muss doch entweder wahr, oder falsch sein. Diejenigen, welche es für falsch halten, mögen dies dem Herrn sagen; ich aber halte es für eine sichere und unumstößliche Tatsache; denn Jehovah hat es gesagt. Ich weiß zwar selbst nicht, warum sie nicht umkommen; es ist eine wunderbare Sache. Aber ist nicht der ganze Heilsweg ein Wunder?
Betrachtet jetzt das Wort: „nimmermehr.“ Wir haben gezeigt, wie lange die Bewahrung dauert: „Sie werden nimmermehr umkommen.“ „Gut, aber wenn sie auch sehr alt werden und dann doch noch in Sünden fallen sollten?“ „Sie werden nimmermehr umkommen.“ - „Oder wenn sie angefallen werden, wo sie es am wenigsten erwartet hatten und in allerhand Versuchungen geraten?“ „Sie werden nimmermehr umkommen.“ - „Aber ein Mensch kann ein Kind Gottes sein, und doch zur Hölle gehen!“ - Wie soll das möglich sein, da er nimmermehr umkommen kann? Dieses „Nimmermehr“ begreift in sich Zeit und Ewigkeit, Leben und Tod, Berg und Tal, den Sturm und die Stille. „Sie werden nimmermehr umkommen.“ In allen Lebenslagen stehen sie sicher in der ewig rettenden Liebeshand. Unter dem Schatten des Allmächtigen kann die Pestilenz der Nacht sie nicht treffen, und die Hitze des Tages sie nicht aufreiben; die Jugend mit ihren Leidenschaften wird ohne Gefahr zurückgelegt, das mittlere Alter mit seinem wirbelnden Geschäftsdrange sicher durchschifft; das Alter mit seinen Krankheiten wird ein Land von seliger Hoffnung; das dunkle Todestal wird erhellt durch die herannahende Herrlichkeit, und der feierliche Moment des Abscheidens setzt den müden Wanderer trockenen Fußes an das Ufer einer neuen, seligen Welt. „So du durchs Wasser gehst, will ich mit dir sein, dass dich die Ströme nicht sollen ersäufen, und so du ins Feuer gehst, sollst du dich nicht versengen, und die Flamme soll dich nicht brennen,“ spricht der Herr (Jesajas 43, 2.). „Sie werden nimmermehr umkommen.“
Es gibt einen Weg, auf dem man alles wegerklären kann; aber ich weiß doch nicht, wie die Widersacher einer göttlichen Bewahrung mit diesem Texte fertig werden wollen. Mögen sie aus demselben auch machen, was sie wollen, so werde ich doch glauben, was ich hier geschrieben finde, dass ich nämlich nicht umkommen werde, wenn ich ein Schäflein Christi bin. Wenn ich umkäme, so hätte Christus seine Verheißung nicht erfüllt; aber ich weiß, dass er seinem Worte treu bleibt. Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue“ (4. Mose 23, 19.). Jede Seele, die das versöhnende Opfer Christi angenommen, ist gesichert, auf ewig gesichert. Sie werden nimmermehr umkommen.“
3) Nunmehr folgt der dritte Spruch, welcher uns eine gesicherte Stellung gibt in Christi Hand. Wir haben keine Zeit, dies erschöpfend auszulegen. Es ist ein Ehrenplatz. Wir sind der Ring, welchen er an seinem Finger trägt. Es ist eine Stellung der Liebe. „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir“ (Jesaja 49, 16.). Es ist ein Ort der Macht. Seine rechte Hand umschließt sein ganzes Volk. Es ist eine Stellung des Eigentums. Christus hält sein Volk: „Alle Heiligen sind in deiner Hand“ (5. Mose 33, 3.). Es ist eine Stellung freier Verfügung. Wir sind in Christi Hand übergeben, und er übt eine unbeschränkte Herrschaft über uns aus. Es ist eine Stellung der Leitung und des Schutzes: wie man die Schafe als in der Hand des Hirten befindlich ansieht, so befinden wir uns in der Hand Christi. Wie die Pfeile in der Hand eines Starken, wie die Juwelen als ihr anzulegender Schmuck in der Hand der Braut, so sind wir in der Hand Christi. Was will uns aber unser Text noch davon sagen? Er will uns daran erinnern, dass es Leute gibt, die uns aus seiner Hand wieder herausreißen wollen. Da gibt es solche, die durch falsche Lehre selbst die Auserwählten verführen möchten, wenn dies möglich wäre; es gibt brüllende Löwen, welche Gottes Heilige erschrecken und sie am Tage der Schlacht wankend machen möchten; es gibt verschmitzte Versucher, Kuppler der Hölle und Wölfe des Abgrundes, welche uns in das Verderben Locken möchten. Auch unser eigenes Herz möchte aus seiner Hand gerne wieder entweichen. Aber weder unser Herz, noch irgendein Mensch, noch irgendein Teufel, weder Gegenwärtiges, noch Zukünftiges, weder Fürstentümer, noch Gewalten vermögen uns aus seiner Hand wieder herauszureißen. on Mögen unsere Feinde bestehen aus Menschen unsere eigenen Hausgenossen können unsere schlimmsten Feinde sein, mögen sie aus gefallenen Geistern bestehen, so soll doch keiner imstande sein, uns, sein Eigentum, uns, seine Lieblinge, uns, seine teuren Söhne und geliebten Kinder, der Hand Christi zu entreißen. O, welch eine herrliche Verheißung!
Während ich über dieses Thema zu Euch rede, ist mir etwas aus meiner eigenen Lebensgeschichte vor meiner Bekehrung eingefallen. Eines der Dinge, die mich wünschen ließen, ein Christ zu werden, war dies. Ich hatte einige junge Burschen, mit denen ich in der Schule gewesen, wiedergesehen. Sie waren herrliche Jungen geworden und konnten mir und anderen als Muster vorgestellt werden. Aber einige derselben, nur wenige Jahre älter als ich, gerieten bald auf den Weg des Verderbens, und doch wusste ich, dass sie als Knaben musterhaft gelebt und zu den schönsten Hoffnungen berechtigt hatten. Die Besorgnis hierüber beschäftigte mein jugendliches Gemüt. „Gibt es denn kein Mittel,“ dachte ich, „dich vor dem Schiffbruch deines Lebens zu bewahren?“ Als ich dazu gelangte, die Bibel zu lesen, schien mir dieselbe von folgender Lehre angefüllt zu sein: „Wenn du Christo vertraust, so wird er dich von allem Bösen erlösen; er wird dich, so lange du hier bist, zu einem rechtschaffenen und glückseligen Leben leiten und dich zuletzt sicher in den Himmel bringen.“ Ich fühlte, dass ich den Menschen nicht vertrauen konnte; denn ich sah einige der besten fern von der Wahrheit wandeln; wenn ich mich aber Christo hingab, so war es nicht mehr ein Zufall, sondern eine Gewissheit, dass ich zum Himmel gelangte. Ich erfuhr, dass er mich halten würde, wenn ich meine ganze Last auf ihn werfen wollte; denn ich fand geschrieben: „Doch wird der Gerechte fest an seinem Wege halten, und der von reinen Händen wird stark bleiben (und immer noch stärker werden)“ (Hiob 17, 9.). Ich fand, dass der Apostel sagt: „Und bin desselben in guter Zuversicht, dass, der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollführen, bis an den Tag Christi“ (Phil. 1, 6.), so wie andere Aussprüche. „Wohlan,“ dachte ich, „du hast eine Versicherungs-Gesellschaft gefunden, und zwar eine gute; ich will mein Leben bei derselben versichern. Ich will zu Jesu gehen, wie ich bin; denn er bittet mich darum; ich will mich ihm ganz anvertrauen.“ Wenn ich auf die Lehre der Arminianer gehört hätte, so würde ich niemals zur Bekehrung gekommen sein; denn dieselbe hatte niemals einen Reiz für mich. Ein Heiland, der sein Volk wegwirft, ein Gott, welcher seine Kinder dem Verderben überlässt, wäre der Anbetung nicht wert, und eine Rettung, welche nicht vollständig hilft, wäre nicht wert, gepredigt, noch angehört zu werden. Wenn ich hier stehen und dieser versammelten Menge zurufe: „Vertraut meinem Herrn! glaubt an ihn! und es kann nicht in Frage gestellt werden, dass Ihr dann wirklich gerettet werdet, da er selbst gesagt: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden!“ so weiß ich, dass ich etwas sage, was des Anhörens wert ist. Mit einem neuen Herzen und mit dem rechten Geiste gesalbt, bist Du, lieber Zuhörer, ein neuer Mensch. Als natürlicher Mensch könntest Du heute Abend Vergebung erlangen, und morgen verdammt werden; denn die Neigung Deiner alten Natur würde Dich bald wieder abwärts gezogen haben; aber hat Gott eine neue Kreatur aus Dir gemacht, so wird Deine alte Natur Dich nicht mehr beherrschen können; das neue Wesen wird die Herrschaft bekommen; Du wirst vom Sündigen abgezogen, in Heiligkeit erhalten, und wenn Du auch noch zu seufzen hast über Deine Unvollkommenheit, so wirst Du doch fühlen, dass Gottes eigenes Leben in Dir ist. Wenn Du auch erfährst, dass Du nicht vollkommen bist, so wirst Du doch nach der Vollkommenheit verlangen, und dieses Verlangen in Dir ist ein Zeichen, dass Deine Seele Gnade empfangen hat. Dasselbe wird immer stärker werden und unter der Herrschaft des Geistes so lange wachsen, bis der Tag erscheint, an dem dieser Leib der Sterblichkeit abgelegt werden kann, und das neue Leben, entfesselt von der elenden Hülle, die es hienieden zu tragen verurteilt war, wird hinüberfahren in die Freiheit der Vollkommenheit und dort auf den Ton der Posaune warten, welcher den neuerstandenen Leib mit ihm wieder vereinigen wird, und dann werden Körper und Geist, befreit von allen Sünden, ein immerwährendes Zeugnis für die Wahrheit von Christi Verheißung sein; denn Die, welche in ihm ruhen, sollen das ewige Leben haben; sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus seiner Hand reißen.“
III.
In betreff des Blickes in die Zukunft, den mein Text enthält, habe ich den letzten Punkt schon vorausgenommen.
Wenn Gott Dir ewiges Leben gegeben hat, so umfasst dasselbe die ganze Zukunft. Dein geistliches Dasein wird fortblühen, wenn auch Kaiserreiche und Königreiche untergehen. Dein Leben wird in seinem Laufe fortgehen, wenn auch dieser Erde Herz kalt sein wird, und selbst das Meer in seinem Laufe stockt, und der hellen Sonne Auge vor Alter dunkel wird. Du besitzt ewiges Leben. Wenn auch das ganze Weltall gleich dem Schaume auf der Meereswoge in sich selbst zusammenbricht, und kein einziges Stäubchen zurück bleibt: um Dich wird es wohl stehen; denn Du besitzt ewiges Leben. Du hast ein Dasein, welches mit dem Dasein Gottes zusammenhängt. Welch eine Aussicht zur Herrlichkeit eröffnet sich Dir bei den Worten: Ewiges Leben! „Ich lebe,“ sagt Christus, „und ihr sollt auch leben“ (Joh. 14, 19.). So lange es einen Christus gibt, wird es auch eine glückliche Seele geben, und diese glückliche Seele wirst Du selber sein. So lange Gott existiert, wird auch eine vollkommene Seligkeit existieren, und Du wirst diese Seligkeit genießen; denn Jesus gibt Dir ewiges Leben. Drehe dich denn weiter, du alte Erde, bis deine Achse lahm geworden; lause weiter, Mutter Zeit, bis dein Stundenglas zerbrochen; dann wird es mit dir vorbei sein. Komm, du gewaltiger Engel, und stelle deinen Fuß auf das Meer und auf die Erde und schwöre bei Dem, der da lebet, dass hinfort keine Zeit mehr sein soll, der Christ wird auch dann noch leben; denn Christus hat ihm ewiges Leben gegeben. Schaut nicht das nächste Wort ebenfalls in die Zukunft? „Sie werden nimmermehr umkommen.“ Sie werden nimmermehr aufhören, in ewiger Glückseligkeit zu leben und niemals aufhören, ihrer Natur nach Gott gleich zu sein. Denke Dir, Du bist tausend Jahre im Himmel gewesen, hast tausend Jahre mit dem Herrn Jesu in seliger Gemeinschaft gelebt, an seinem Busen gelegen, tausend Jahre ihn angeschaut, um Deine Seele zu ergötzen, wäre dies nicht etwas Großes? Aber Du wirst dann nachgerade so lange da sein, als wenn Du noch gar nicht begonnen hättest: denn Du wirst nimmermehr umkommen. Wenn das tausendjährige Reich erscheint, wenn das Gericht gehalten wird, und alle Prophezeiungen über die Entwicklung der letzten Dinge in Erfüllung gehen, so brauchst Du nicht zu erzittern; denn, wenn Du an Christum glaubst, so wirst Du nimmermehr o beachte doch recht dieses Wort! nimmermehr umkommen. Welch eine Ewigkeit voller Herrlichkeit, welch eine unaussprechliche Wonne ist eingehüllt in dieses Wort: „Sie werden nimmermehr umkommen!“ Und nun das Wort: „Und niemand wird sie aus meiner Hand reißen“ gestattet uns noch einen Blick in die Zukunft. Wir werden auf ewig in Jesu Hand, auf ewig in seinem Herzen, auf ewig mit ihm vereinigt, auf ewig mit ihm eins sein, und niemand kann uns aus diesem seligen Verhältnisse wieder herausreißen. Glückselig ist der Mann, der auf eine Verheißung, wie diese, einen Anspruch machen kann!
Ach, sind einige unter Euch, denen ich wünschen möchte, dass sie sich einmal diese Verheißung zueignen könnten. Sie ist unaussprechlich reich und voll von Trost; o wäre sie doch Dein eigen! Sagst Du etwa: „O, ich möchte wünschen, sie gehörte mir!“ so muss ich Dir sagen, mein Freund, dass ich froh bin, Dich also sprechen zu hören. Aber weißt Du auch, liebe Seele, dass es nur einen Schlüssel gibt, um diesen köstlichen Schatz zu öffnen, und dass dieser Schlüssel das Kreuz Christi ist? Was meinst Du? kannst Du ihm wohl glauben? Als mir neulich eine gewisse Person sagte, sie könne nicht an Christum glauben, blickte ich ihr fest ins Angesicht und sagte: „Was hat er getan, das es Ihnen unmöglich machen könnte, auf ihn zu trauen? Können Sie auf mich trauen?“ - „Ja,“ sagte sie, „meinen Mitmenschen kann ich vertrauen; aber ich kann nicht an Gott glauben.“ - O, dachte ich bei mir selbst, welch eine schreckliche Gotteslästerung ist das doch! Sie hatte offen und ehrlich gesprochen, und gehörte zu Denen, die die Größe der Sünde, welche in ihrer Äußerung lag, nicht kennen; aber ich weiß doch nicht, ob etwas Schlimmeres gesagt werden kann, als dies entsetzliche Wort: „Ich kann Gott nicht glauben.“ Mein lieber Freund, Du machst durch eine solche Äußerung Gott zum Lügner. Wenn Du von einem Menschen glaubest, dass er ehrlich sei, so traust Du ihm auch. Aber sollte ich meinem Nebenmenschen trauen, und dem lebendigen Gotte nicht? O, ein schrecklicher Gedanke! Es liegt eine solche Gotteslästerung darin, dass ich denselben nicht wieder erwähnen mag. Du willst Christo nicht glauben? „Ja,“ sagt vielleicht einer, „könnten wir dabei nicht am Ende ein bloß natürliches Vertrauen haben, und uns so doch schließlich täuschen?“ Ich kenne keinen Glauben an Christum, wenn er nicht geistlich ist; auch denke ich, wird es einen solchen überhaupt nicht geben. Wenn Du an Christum glaubst, so tust Du das nicht aus Dir selbst. Es hat niemals eine Seele gegeben, die an Christum geglaubt hat, ohne dass der Heilige Geist sie dazu in den Stand gesetzt hätte, und wenn Du einfältig und vollständig an Christum glaubst, so brauchst Du Dir von natürlichem oder geistlichem Glauben keine Bedenken zu machen. Wenn Du dem Herrn Jesu unbedingt vertraust, so tust Du recht. Verlasse Dich auf ihn, auf ihn allein, aber vollkommen und ganz; und wenn Du dann umkommest, so verstehe ich das Evangelium nicht und kann es auch nicht fassen, was die Bibel sagen will. Ich will Dir noch eins sagen und dann schließen. Wenn Du Jesu vertraust und doch umkommest, so muss ich ganz gewiss umkommen; so müssen auch alle meine hier anwesenden Brüder und Schwestern umkommen, die an ihn glauben und auf ihn sich verlassen. Es ist ganz aus mit uns, wenn es mit Dir aus ist. Bei einem Seesturme ist es nicht wohl möglich, dass ein einzelner Passagier versinke, wenn er sich im Schiffe befindet, ohne dass die ganze Mannschaft untersänke. Wir müssen zusammengehen. Wir sind in das Rettungs-Boot 1) eingetreten; wenn dasselbe nun mit Dir untersinken sollte, so muss es auch untersinken mit allen Heiligen, Aposteln und Märtyrern. Sie gehen zum Himmel, in Christo ruhend; ruhst Du nun auch in Christo durch den Glauben, so wirst Du auch dorthin gelangen. Möchtest Du, o Unbekehrter, doch noch heute dahin geführt werden, auf Jesum zu trauen und in Jesu allein zu ruhen, und dann Dir den Text ganz zueignen! Erschrecke nicht davor; denn er ruft Dir dann zu: „Ich gebe meinen Schafen das ewige Leben und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen!“