Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Siebente Andacht. Der Lügner von Anfang.

1. Mose 3, 4: „Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet mitnichten des Todes sterben; sondern Gott weiß, dass, welches Tages ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott, und wissen, was gut und böse ist.

Welch eine Rede! Ich möchte ausbrechen, mein Gott, in Staunen und Unmut und Klage, dass es möglich ist, so frech und so dreist, so anmaßend und so verwegen dem Worte Deiner ewigen Wahrheit das Wort der dreisten Lüge gegenüberzustellen. Und der Unmut und das Entsetzen wird von dem tiefsten Abscheu erfasst, wenn ich sehe, wie der Lügner meineidig Deines Namens Ehre über seine Lüge deckt und in diesem entsetzlichen Missbrauch Deines Namens Deine wunderbare Majestät verlegt und herausfordert. Und immer steigender muss der Abscheu und das Entsetzen meine Seele erfüllen, wenn ich sehe, wie diese Lüge des Argen trieft von Entstellung Deiner ewigen Güte, wie er Dich, Du ewige Liebe, als missgünstig und neidisch verdächtigt, als ein Wesen in seiner Lüge hinstellt, welches den Menschenkindern das höhere Glück vorenthält. diese Heuchelei, die sich menschenfreundlich stellt, den Weg zum wahren Glücke zeigen will, welches Gott Seinen Kindern nicht gönne! O diese Bosheit, die ganz voll Glut zum Verderben ist und lauter Glück vorspiegelt und die Übertretung als den Weg zur schwindelnden Höhe des Gottgleichseins und aller Herrlichkeit hinstellt! O diese Niedertracht, welche Gehorsam und Gottseligkeit als einen untergeordneten Standpunkt der Kinderwelt darstellt, die am Gängelbande der Unwissenheit sich führen, auf der untergeordneten Stufe der Beschränktheit sich halten lässt; dagegen die Empörung wider Gott als den höheren Standpunkt der Wissenschaft und des Fortschritts zu ungeahnter Höhe der Selbstachtung bezeichnet! O diese Verstellung, welche ganz überfließt von Wohlwollen und Mitleid mit dem armen Menschen, der von der Höhe der Vollendung durch eine willkürliche Schranke abgehalten wird, eine Schranke, die man nur zu durchbrechen braucht, um mit hellen, erleuchteten Augen eines freien Wissens, einer fortgeschrittenen Selbständigkeit in den Himmel gottgleicher Würde und Herrlichkeit zu schauen, in welcher der Mensch durch freie Tat des eigenen Willens die ihm gebührende Befriedigung in sich selber hat! Ich muss staunen, mein Gott, muss klagen, muss dem Entsetzen und dem Unmut der Seele Ausdruck geben und einmal über das andere rufen: Wie ist's möglich! Doch ich bin an Deinem Tische, ich weile vor Dir und halte im Geist das Abendmahl mit Dir, und Du mit mir, Dein Wort ist meine Speise, in Deinem Lichte soll ich das Licht sehen.. Da muss verstummen aller Mund, ich sehe Deiner Augen Wink; was nützt das verwunderte Fragen, was nützt das unmutige Klagen, wo nicht nur unser Glück, unsere Ehre, unsere Herrlichkeit angetastet werden, sondern wo Dein Name gelästert, Deine Majestät verlegt wird. Da gibt es nur eins vor Dir, mein Gott und mein Herr: „Stille vor Ihm alle Welt, denn Er hat Sich aufgemacht aus Seiner heiligen Wohnung!“ Ja, Du Selbst wirst auftreten, Du wirst richten auf Erden, Du wirst den Dreisten unter Deinen allmächtigen Fuß treten, als ein Glied unsers Geschlechts wirst Du es tun, zu unserm Orden wirst Du eingehen und den Klugen fangen in seinem eigenen Strick. Nicht mit der Allmacht wirst Du den Lästerer zermalmen, sondern mit der Sanftmut und Demut ihn zu Schanden machen, dass wir durch seine eigene Hilfe gerettet werden. Der Hoffärtige wird sich vergreifen an Dir, wenn Du in unserer Gestalt einhergehst, wird Dir den Tod bereiten und so sich selbst zermalmen. Und wenn dann das Vollmaß des ohnmächtigen Hasses ihn durchzuckt, wenn er vor sich hat, dass er durch Deinen Tod sich selbst vernichtet, so muss er es erleben, dass Du ihm abermals nicht mit der Allmacht, sondern mit der überwindenden Macht Deiner Wahrheit seine Beute entwindest. Seiner Lüge wirst Du gegenüberstellen die Macht der Gnade und Wahrheit, und die Wahrheit wird uns frei machen. Ich verstehe es, mein Gott, hier hat kein Fragen und Klagen Raum an Deinem Tische, sondern nur dankbare Bewunderung, nur dankbare Anbetung Deiner überlegenen Weisheit und Huld, und nur das nüchterne Urteil, die ruhige Entschlossenheit, die zum Handeln schreitet und sichere Stellung nimmt gegenüber der Tatsache der Lüge in der Welt. Heiliger, barmherziger Gott, lass mich das anbetende Auge zu Dir emporrichten, lass mich in Deinen Schutz flüchten und bei Dir Bergung und Bewahrung finden auf ewig vor solcher Niedertracht und solchem giftigen Elend der verlogenen Sünde!

Gib mir, mein Gott, helle Augen, die da sehen, wie diese Lüge ihr Wesen treibt bis auf diese Stunde in dieser Welt, die nun im Argen liegt. Lehre mich insbesondere die Stunde durchschauen, in die jetzt Deine Christenheit gekommen ist. Dein Wort, Deine Offenbarung wird ja in Frage gestellt; dreist und laut treten der Zweifel, die Leugnung, die Verdächtigung Deiner Wahrheit auf in diesem Geschlecht unter hochklingenden Redensarten von Fortschritt und Wissenschaft, von Freiheit und Menschenwürde, von Kulturentwickelungen der Menschenweisheit, die den Kinderglauben überholt habe. Sollte meine Seele sich von dieser lästerlichen Überhebung blenden lassen. die hinter den Schranken der göttlichen Gebote eine Zauberwelt des Glücks und der Herrlichkeit ohne Gott zeigt, und die Kirche schmäht, die Hüterin und Pflegerin Deiner Offenbarung, ein Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit“ (1. Tim. 3, 15)? Mache meine Augen helle, alle diese Schlangenwindungen der Lüge, allen diesen Betrug eines verlogenen Wissens, alle diese windigen Nichtigkeiten der Leugnung und des Abfalls klar und sicher bis auf den Grund zu durchschauen und ruhigen, sicheren Auges in die Wahrheit zu sehen, die uns frei macht.

Du willst uns nicht mit Gewalt erlösen, sondern in Freiheit. Darum hast Du zwischen uns und Dir „die Wahrheit“ gestellt, dass sie uns frei mache. Dein Wort ist die Wahrheit. Deines Wortes Wahrheit soll uns wieder das innerste Herz abgewinnen, uns innerlich überzeugen und in tiefster Seele gewiss machen, dass nur in Din unser Heil und Leben ist. Ich sehe es ja, mein Gott, ich erlebe es in mir, jedes Wort Deines Mundes ist wahr, die Sünde ist der Leute Verderben, die Sünde ist voll Gift des Todes. Und aus der Sünde rufe ich um Hilfe zu Dir. Deine Wahrheit hat mich frei gemacht. Nichts treibt mich, zu Dir zu rufen, als die innerste Überzeugung von dem unsagbaren Elende der Sünde, das mir Dein Wort aufdeckt, Deine Wahrheit hat mich frei gemacht von allem Blendwerk. Und diese Wahrheit zeigt Dich als den Retter, und aus innerster Überzeugung fliehe ich zu Dir, in Dir allein ist Leben, Fortschritt, Weisheit, Glück und Seligkeit; die Wahrheit hat mich innerlich überwunden und frei gemacht, und so komme ich und suche Dich, mühselig und beladen. Gott, mein Erbarmer, würdige mich des Anblicks Deiner Gnaden. Für Deine Wahrheit danke ich Dir. Aber gib mir nun noch mehr, ich höre das Wort der Wahrheit von Deinen Lippen, ich sitze an Deinem Tische und halte im Geiste das Abendmahl mit Dir, und Du speisest mich mit Deinem Worte; ach, lass mich hinnehmen die lebendige Wahrheit, Dich Selbst, Du hast ja nicht nur die Wahrheit, Du bist die Wahrheit und das, Leben. Ich danke Dir anbetend für die Gabe Deines Wortes, aber lass mich nun auch zu Deinem Tisch kommen, sakramentlich Dich zu umfangen. Da lass mich schweigend ruhen in Dir, Du ewige, lebendige Wahrheit; schweigend ruhen in Dir, Du ewige Liebe, von der weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentum noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur uns scheiden mag. Und o das Wunder Deiner Gnade und Wahrheit! Da wird das wunderbare Wort erfüllt, indem Du den Lästerer in seinen eigenen Stricken fängst, zur Gottähnlichkeit erneuerst Du uns da ganz wieder nach Leib und Seele; das wunderbare Wort wird erfüllt, dass wir der göttlichen Natur sollen teilhaftig werden“ (2. Petr. 1, 4.)! Amen.

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