Ahlfeld, Johann Friedrich - Das Leben im Lichte des Wortes Gottes - Lerne von Gott deine Kinder in Demut und Maß erziehen.

Ahlfeld, Johann Friedrich - Das Leben im Lichte des Wortes Gottes - Lerne von Gott deine Kinder in Demut und Maß erziehen.

Evang. St. Lucae, Cap. 2, V. 51 u. 52.
Und er ging mit ihnen hinab, und kam gen Nazareth, und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Herr unser Gott, lehre uns alle Tage beten um Weisheit zur Erziehung unserer Kinder. Laß uns täglich aufsehen auf deine heilige Weise, wie du die Deinen heranziehest zu der Maße des vollkommenen Alters Jesu Christi, ja wie du auch deinen eigenen lieben Sohn in seiner Menschheit herangezogen hast. Gib uns Gnade, dass wir die Gaben, so du in die Kinder gelegt, nicht niederdrücken. Behüte uns auch, dass wir die Kinder nicht zum Zorn reizen und sie ^o gegen die heilige Zucht verbittern und verstocken. Schenke uns aber auch ehrliche christliche Festigkeit, dass wir ihre Seelen durch Weichlichkeit und Eitelkeit nicht verderben. Gib uns dein weises Maß, wo und wie wir ihnen ;u Willen sein, aber wiederum auch, wie und wo wir ihren Willen brechen und Nein sagen sollen. Herr, lass uns Ja sagen, wo du Ja sagst, aber auch Nein, wo du Nein sagst. Dazu verleihe uns aus Gnaden deinen heiligen Geist, dazu segne uns durch dein teures Wort. Amen.

In Christo Jesu geliebte Leser. Nie ist aus freier Liebe, nie ist überhaupt in der Welt ein gewaltigerer Schritt der Demut geschehen, als der von der Rechten Gottes, von der himmlischen Majestät hinab in die Krippe, hinab in das Grab. Der ewige Sohn vom Vater entäußerte sich selbst und ward wie ein anderer Mensch und an Geberden als ein Mensch erfunden. Der wohl hätte mögen Freude haben, erduldete das Kreuz und achtete der Schande nicht. Dieser Schritt der Demut ist so groß, dass ihn der natürliche Mensch gar nicht glauben will. Er hat in sich selbst keine Ahnung von solcher Verleugnung und Hingabe, darum soll sie auch bei dem ewigen Sohne Gottes nicht vorhanden gewesen sein. Und wer diese himmelhohe Demütigung und Selbstverleugnung wegleugnen kann, der rettet damit einigermaßen seinen eigenen Hochmut. Das wollen wir nicht, liebe Christen. Der Herr ist wahrhaftig ein Mensch und ein armes Kindlein geworden. Da klingt denn freilich durch die Scharen der Gläubigen auch mit Macht die Prophetenstimme: „Alles, was hoch ist, soll geniedriget werden!“ Ach, liebe Christen, denkt euch doch einmal, dass ein reicher Mann mit christlichem Herzen sich eines armen, tief verschuldeten und um seiner Geldschuld willen in das Gefängnis geworfenen Mannes erbarmte, für ihn bezahlte und es sich nun zur besondern Freude machte, jenem das Gefängnis aufzuschließen und ihn herauszuführen. Was würde der Erlöste tun? Wir wissen, dass das Volk dieser Zeit schwer seine Knie beugen kann; aber in solchem Falle empfinge der Befreier seinen Erlöser doch wohl aus den Knieen. Dazu würde er nicht Worte genug finden können, die unverdiente Güte zu preisen. Und was ist solche Erlösung gegen die Erlösung, so in Christo Jesu geschehen ist! Der Herr ist nicht bis an die Kerkerthüren gegangen; nein, er ist hineingetreten in unser tiefstes Elend. Für uns ist er gebunden, gemartert und getötet worden. Er hat nicht für uns bezahlt mit einem äußern Gute, sondern mit seinem Herzblute. Daher wollen wir uns demütigen vor solcher Liebesmajestät des Herrn. Wir wollen unsern Platz einnehmen, wo wir ihn verdienen, auf den Knieen zu den Füßen des Herrn. - Solche Demut gebühret uns die ganze Zeit unseres Lebens hindurch. Und wir haben nicht allein das eigene Herz vor jener Majestät der Liebe immer mehr zu beugen, sondern auch Misere Kinder treulich hinabzuziehen in die Verleugnung ihrer selbst. Die Adventsdemut, die Weihnachtsdemut Jesu Christi, wie auch seine stille und arme Führung während seiner ganzen Jugend, geben uns köstliche Fingerzeige für die Erziehung unserer Kinder in der Demut. - Von Gott selbst sollen wir die hohe Kunst der Erziehung lernen.

Wie erzieht Gott? - Recht langsam Schritt für Schritt. Siehe seine Arbeit in der Natur! Der reiche, allmächtige Gott könnte das ganze Feld sammt Auen und Gärten in einer Nacht mit dem bunten Frühlingskleide schmücken; in einer Nacht könnte er die grünen Blätter sammt den Blüten aus. dem Baume heraustreiben, so dass wir ihn am Morgen gar nicht wiederkennten. Aber nein, er geht Schritt für Schritt. Was er wachsen lässt, muss erst eine gewisse Festigkeit haben, ehe er das Folgende gibt. Ehe ein Weiteres kommt, müssen die Unterlagen für dasselbe da sein. Er bauet nicht wie die schlechten Baumeister in dieser Zeit, denen, wenn sie das zweite oder dritte Stock daraufsetzen, das erste und somit der ganze Bau flugs wieder zusammenstürzt. Am Baume muss erst der Stamm fest werden, die Äste müssen eine gewisse Stärke erreicht haben, ehe sie sich mit Blüten schmücken. Jeder Baum muss etliche Jahre ohne Blüten stehen. Und wiederum muss jedes Zweiglein, welches eine Frucht tragen soll, eine gewisse Festigkeit erreicht, haben, damit es seine Last in Sturm und Wetter zu tragen und zu halten vermöge. - Gerade so waltet er auch im Menschengeschlechte. Wir haben manches liebe Kind Gottes, das er besonders erzogen hat, an dem wir auch seine Methode recht lernen können. Joseph, Jacob's Sohn, war von ihm zu großen Dingen bestimmt. Ehe er aber Ehre und Macht im Lande Ägypten ohne Schaden seiner Seele tragen konnte, musste der Stamm fest werden. Dieser wird fest durch Gnade, und Gnade senkt sich in die Demut. Daher musste jener Jüngling erst in die Knechtschaft und in das Gefängnis. Er musste fühlen, wie eigene Kraft und eigenes Talent uns nicht halten können. Der Stamm, auf dem wir allein gedeihen, ist die Barmherzigkeit des Herrn. Um den recht fest zu bilden, ließ Gott Jacob's Lieblingssohn erst 13 Jahre als Knecht und Gefangenen dienen. Von allen Menschen verlassen musste er den Herrn allein für seine Stärke halten. Da konnte er denn hernach auch in Demut fast königliche Würde tragen. - David soll der herrlichste König in Israel werden. Erst hütet er die Schafe, erschlägt einen Löwen und einen Bär, die ihm in seine Herde fallen. Dann tötet er in gläubigem Jünglingsmute den Riesen Goliath, der Gotte und seinem erwählten Volke Hohn sprach, und kehret auch außerdem häufig als Sieger aus den Kämpfen gegen die umwohnenden Heiden heim. Da hätte man denken können: „Der Mann, der König ist fertig, der das bedrängte Volk Gottes von seinen Feinden erretten soll.“ Aber nein, der Sohn Isai's muss erst hinunter unter das Kreuz. Er muss ein Flüchtling vor seinem eigenen Könige und Schwiegervater werden, er muss von einer Wüste in die andere fliehen, er muss an den Herrn seinen Gott anwachsen. In der Wüste und Verfolgung hat er erst recht Psalmen zur Ehre Gottes singen gelernt. In der Trübsalszeit ist ihm erst das wahre Gebein, der wahre Nacken zum Kronentragen gewachsen. - Und wie die einzelnen Männer, so hat Gott auch sein ganzes altes Bundesvolk in Demut erzogen. Sobald es das Haupt erheben und selbst Etwas sein wollte, war er gleich da mit der Zuchtrute und mit dem Stecken, der es niederschlug. Auch seine zukünftigen Gnaden hat er ihm nur Schritt für Schritt geoffenbart. Die ersten Menschen erfahren, dass des Weibes Same der Schlange den Kopf zertreten soll. In den Tagen des Noah hielt Gott die Weissagung noch sehr allgemein. Dem Sem wird sie gegeben, sie bewegte sich also noch in einem ganzen Dritteile des neuen Menschengeschlechts. In Abraham, Isaak und Jacob heftet sie sich fest an das Geschlecht dieser Patriarchen. In Juda, Jacob's Sohne, nimmt der Verheißene königliche Gestalt an. In David wird Bethlehem die Wiege und Jerusalem der Mittelpunkt dieses Heils; und von da ab bringt fast jeder Prophet neue Züge zum Bilde des künftigen Heilandes. Wie sich das Auge erweitert, wird ihm auch mehr geboten. Es geht im Herzen des alten Bundesvolkes her, wie im Auge jenes Blinden, den der Herr heilte. (Ev. St. Marei, Cap. 8, v. 22 - 26.) Erst sah er Menschen gehen wie Bäume, dann aber standen sie in klar umgrenzter Gestalt vor seinen Augen. Welch ein Unterschied ist doch zwischen der ersten Weissagung im 3. Kapitel des ersten Auch Mose und den Weissagungen des Jesaias, Micha und Maleachi!

Nun siehe, mein lieber Christ, auf die Erziehung des Gottmenschen! Geboren ist er in dem verachtetsten Volke, von dem die großen heidnischen Völker des Altertums, die Griechen und Römer, fast Nichts wissen. Es wird kaum bei ihren Geschichtschreibern erwähnt. Um seine Wiege ist der Himmel offen, Juden und Heiden wird der neugeborne König kräftiglich bezeugt. Dann aber zieht das Kindlein in die Stille. Schon im ersten Jahre seines Lebens wird es ein Flüchtling. In dem volkreichen Ägypten verschwindet es unter der Masse der Kinder Hams. Darnach führt es Gott bei Bethlehem und Jerusalem vorbei nach dem verachteten Galiläa, und in Galiläa wieder in das vergessene Nazareth, von dem die stolzen Pharisäer sprachen: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen?“ Und dennoch muss schon der Name Nazareth, zu deutsch Reisdorf oder Rutenau, die Weissagung des Propheten Jesaias erfüllen helfen. Sein Name erinnert an die Rute, die da aufgehen sollte aus dem Stamme Isai, Jesaias 11, V. 1. Wenn Jesus, der Nazarener, der Mann aus Rutenau genannt wird, ist trotz der Verachtung, die im Namen liegt, wider Willen dennoch die Erfüllung der Weissagung darin ausgesprochen. In diesem armen Dorfe Nazareth ist er erzogen. Er ist dem Joseph und seiner Mutter untertan. Er hilft dem Joseph am Handwerk, er dient der Mutter im Hause als ein demütiges Kind. Seine Entwickelung geschieht nur langsam Schritt für Schritt. Wohl stellen die Maler das Kind gern dar mit der Weltkugel in der Hand. Richtig ist es auch, dass in dem Kinde die Majestät und Herrschaft über alle Welt ruhete. Aber sie ruhete. Die Fülle der Gottheit bricht nicht mit Macht hervor. Was man erzählt von den Wundern des Christkindes, ist Fabel. Die heilige Schrift weiß Nichts davon. Nur wie sich der Mensch Jesus zur Reife entfaltete, kommt ihm auch der göttliche Genosse dieses Leibes und Lebens zum Bewusstsein. Das Kind nimmt zu an Weisheit, an Alter, an Gnade bei Gott und den Menschen. Wie sich das innere Leben des Kindes entfaltet, wie der Umgang mit Gott ein bewussterer und weiterer wird, wird auch die Erfahrung der göttlichen Gnade eine vollere. Der die Gnade und Wahrheit selber ist, nimmt zu an Weisheit und Gnade. Das Kind darf nicht spielen mit den Kräften des ewigen Lebens, welche erst der Mann des vollen Alters entfalten soll. Wohl leuchtet die Fülle der Gottheit auch aus dem Kinde zuweilen hervor, aber nur um an die Wunder und Verheißungen bei feiner Geburt zu erinnern, und um die Augen, die da sahen, an den weitern Gang dieses Kindes zu fesseln. Der reiche Gott, der beste Erzieher, legt in der Erziehung seines Kindes Jesus eine wunderbare Sparsamkeit an den Tag. - Und mit uns Alten macht er es nicht anders. Wo ein Mensch zum neuen bewussten Leben erweckt wird, da gibt es für diese Seele warme selige Frühlingstage. Die Seele jauchzet in der Barmherzigkeit, die ihr widerfahren ist. Sie möchte es Jedem verkündigen, dass der Herr sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. Aber dies neue Leben darf nicht leicht und üppig aufschießen. Auch du musst fort in die Stille, fort nach Nazareth. Die Feuer - und Wolkensäule leuchtet dir nicht allewege. Der Herr verbirgt sein Angesicht vor dir. Seine helle Gnade leuchtet nur zuweilen hervor. Die Tage der seligen Vereinigung mit dem Herrn, wo wir seine Nähe recht fühlen und seine Freundlichkeit schmecken, sind so selten wie helle Novembertage. Du sollst glauben, auch wo du nicht siehest. Im stillen Glauben soll sich das bewähren, was du empfangen hast. Er gibt dir seine Güter so sparsam, wie ein weiser Vormund seinem reichen Mündel sein Vermögen. Auch die Schrift legt er dir nur in langsamem Fortschritte aus. Der natürliche Mensch versteht Nichts von ihr. Sobald der Glaube kommt, wird uns ein Wort nach dem anderen klar. Wer die erste Erleuchtung demütig hinnimmt und sie ausbeutet, dem wird Mehr gegeben. Wer da hat, dem wird gegeben. Wer über Wenigen, getreu ist, den setzet der Herr über Viel. Wer aber mit seinem geringen Anfange gleich in die äußersten Geheimnisse Gottes, etwa in die Geschichte der Offenbarung Johannis hineinbrechen will, dem wird es nicht gelingen. Er verläuft sich in grobe Irrthümer, die seiner Seele zum Verderben werden können. Die feste Unterlage zu solchem Forschen war noch nicht da. - Doch sei es damit genug.

Wir fragen: Wie sollen wir unsere Kinder erziehen? Nach Gottes Art und Maß. Im Christkinde haben wir das Vorbild für unsere Kinder. Dasselbe ist gewiss ein rechtes Kind, ein recht seliges Kind gewesen. Wenn wir hineinsehen könnten in das Haus des Zimmermanns zu Nazareth, so würde dies Kind wie eine frische Frühlingsknospe vor uns stehen. Gehorsam war seine Lust, und das Gebet der Honig zu dem armen täglichen Brote. Seine Freude hat es auch gehabt. Man soll auch den Kindern ihre Freude gönnen. Man soll die Kinder spielen lassen. Die Engel Gottes spielen mit ihnen.. O ihr Ältern, verkümmert den Kindern ihre ersten Jahre nicht. Tut es nicht durch hartes, herrisches Wesen. Ihr Väter, stoßt sie nicht von euch, damit sie nicht scheu werden. Behandelt sie nicht nach euren Launen; sie erfahren sonst nie recht, wie ein Vaterherz aussiehet. Laßt euch lieber durch die Freundlichkeit des Kindes von euren Launen und eurem verstimmten Wesen heilen. Ihr Ältern, beladet die Kinder nicht zu frühe mit ganzer Tagesarbeit, mit lange anhaltenden eintönigen Arbeiten. Es ist herzbrechend, wenn die Last des Lebens schon auf den jungen Angesichtern liegt, wenn man z. B. die Kinder der armen Weber in unserm Gebirge schon im fünften, sechsten Jahre fast den ganzen Tag am Spulrade sitzen sieht. Der junge Zweig trägt auch noch keine Frucht. Er hat Nichts zu tun, als fest am Stamme anzuwachsen, im Winde hin - und herzuweben, Regen, Tau und Sonnenstrahlen aufzunehmen. Einem jungen Füllen lässt man seine Zeit. Man weiß, dass es nie ein rechtes Roß wird, wenn es zu früh hat im Geschirr gehen müssen. Treibet auch die Kräfte der Kinder nicht mit Gewalt heraus. Getriebene Kinder, die mit ihren Anlagen und Kenntnissen prunken sollen, sind keine Kinder, oder elende Kinder. Mühe und Eitelkeit reißen sich um die junge Seele. Und mit dem frühen Wissen wird später doch Nichts gewonnen. Im Gegenteil, die Seele kommt nie zu einer festen uno reichen Entwickelung. Eine im heißen Zimmer getriebene Blume entwickelt sich schnell und blühet auch wohl auf; aber die Blume ist leicht und ohne Fülle. Nach wenigen Tagen verflattert und verwelket sie. Die Stille, in welcher unser Herr erzogen ist, gibt auch hier wieder ein köstliches Vorbild für die Erziehung unserer Kinder. - Vor allen' Dingen aber erziehet eure Kinder nicht in Fülle und Üppigkeit und überladet sie nicht mit Freuden. Gott der Herr hätte der Maria auch einen Platz in dem reichen Jerusalem schaffen, er hätte dem Kinde Jesus auch eine äußerlich reiche Jugend bereiten können. Aber er wählt das arme Nazareth, das arme Haus des Zimmermanns. Auch die Jugend unserer Kinder muss ein Nazareth sein. Wer Wenig hat, dem ist hernach jeder Zuwachs eine Freude. Jugendarmut hält das Herz offen für ein reicheres Leben. Wer aber in der Kindheit mit Freuden und mit der Gewährung aller Wünsche überfüllt ist, der ist hernach jedenfalls arm. Es kann Gottes Rat sein, dass er wirklich arm wird. Dann ist er doppelt arm, weil ihm die Fülle der Jugend unvergeßlich im Gedächtnisse steht. Wäre das aber auch nicht der Fall, so ist er doch selbst im Reichtum arm. Das Herz ist in der Jugend satt geworden. Es findet hernach schwer Etwas, worüber es sich kindlich freuet. Alles ist schal und blass. Es muss nach dem Größesten und Absonderlichsten gegriffen werden Laß doch das Kind den einen kleinen Besitz erst ausleben und ausbrauchen. Gönne es ihm doch, dass es sich an einer Sache erst freue. Störe es nicht durch andere Freude. Es genießt ja sonst keine recht. Die Gemahlin Kaiser Ferdinand's II., die Mutter Maximilian's II., ließ ihre Kinder so schlicht wie möglich erziehen. Sie pflegte zu sagen: „Gewöhnet mir meine Kinder ja nicht zu guten Tagen; will sie ihnen Gott bescheren, so werden sie ihrer bald gewohnt werden.“ - Denkt an diesen Rat z. B. bei dem lieben Christfeste. Seit da sparsam mit den Geschenken. Sie dürfen weiter Nichts sein, als eine kleine Vorrede auf die große Christpredigt, als eine kleine Einleitung auf das große Gnadengeschenk. Hütet euch, dass eure Kinder über dem sogenannten heiligen Christ den Christ Gottes nicht übersehen. - Streitet mit allem Ernst gegen die Verkehrtheit dieses Geschlechtes, welches die Jugend mit Gewalt an Allem Teil nehmen lassen und in die Freuden der Alten hineinziehen will. Da gibt es Kinderbälle, Kindertheater und ähnliche Seelenverderberei die Menge. Man möchte fast fragen: „Wollt ihr denn nicht auch Spielclubs für Kinder, Kinderpharos, Kinderverlobungen und Kinderbrautstände zum Zeitvertreib und zur frühzeitigen allseitigen Ausbildung einrichten? Wollt ihr denn den Schmelz der Jugend mit Gewalt herunterstreifen? Wollt ihr denn die Kinderherzen mit Gewalt in Gedankenkreise hineinziehen, die ihnen noch fern liegen bleiben, müssen? Wollt ihr denn die Unschuld des kindlichen Denkens mit Gewalt vergiften?“ Wir haben schon junge Greise genug. Das Seufzen über nervöse Übel klingt bereits durch alle größere Städte. Wo kommt es denn her? Nur wesentlich aus der Überreizung durch leibliche und geistige Genüsse, ja, wesentlich aus der überreizten und übertriebenen Kindheit. Das sind aber noch nicht die größesten Übel. Auch die Seele verkrüppelt unter solcher Behandlung. Wir ziehen Zwergbäume. Und noch mehr: die Stille, m welcher sich während der Kindheit das Herz an den Herrn fest anschließen soll, wird gestört. Schon in den Kinderjahren wird das Herz verweltlicht. Wo soll denn nun die Mannheit herkommen, in den spätern Jahren den sauern Kampf gegen Teufel, Welt und Fleisch zu kämpfen? Solche Sünden sind allemal in ihrer Art unter ungesunden, dem Falle entgegenwankenden Völkern im Schwange gewesen. Der barmherzige Gott wolle dies Geschwür nicht weiter eitern lassen, sondern uns bald mit gesunder Arzenei zu Hilfe kommen. Und ihr sollt mit helfen, ihr sollt euer Zeugnis dagegen ablegen, und am wenigsten eure Kinder selbst in solche Hoffahrt und solches Verderben hingeben. Die Eitelkeit kommt ganz von selbst, sie steckt in unserm Fleische, es brauchen gar nicht besondere Festtage für sie eingesetzt zu werden. Es will uns vorkommen, als ob der König David seinen Sohn Absalom, welcher der schönste Mann in Israel, an dem kein Fehl von der Sohle bis zum Scheitel war, und dessen Locken alljährlich bei der Schur zweihundert Seckel nach dem königlichen Gewicht wogen, um dieser Schönheit willen in der Jugend auch zu sehr gehätschelt habe. Wir sehen, was aus ihm geworden ist. Wir kennen das Herzeleid, welches der Vater an ihm erlebt hat. Mit seinen Locken ist er am Eichenzacken hangen geblieben. Leider hängt sich Mancher und Manche noch mit denselben an den dürren Zacken der Eitelkeit. Doch genug davon! - Laßt ferner eure Kinder Nichtwissen, dass ihr reich seit, wenn ihres seit, und dass sie einmal ein namhaftes Besitztum haben werden. Ihr wißt noch nicht, ob sie es wirklich haben werden. Sie aber richten sich gar gern darauf ein. Sie meinen gar leicht: „Mein Vater ist reich, was brauche ich Viel zu lernen?“ Zieht sie so, als ob sie ihr Brot mit ihrer eigenen Thätigkeit erwerben müssten. Sie sollen es ja in der Tat tun. Auch im Reichtum sollen sie schaffen und arbeiten. - Und endlich laßt sie. in der Jugend nicht herrschen über das Gesinde. Die Kinder sammt dem Gesinde werden damit verdorben. Alles Gesinde fühlt, wie Kinder das Recht des Regiments noch nicht haben. Sie werden bitter, oder sie werden auch feile Diener für die Sünden eurer Kinder. Die Kinder aber gewöhnen sich in einen Herrenton, wenn sie noch zu gehorchen haben. Sie tragen nicht das Joch in ihrer Jugend. Sie sollen sich billig in den meisten Dingen selbst bedienen. Nur so werden sie Männer, nur so lernen sie sich helfen, um so lernen sie herrschen. Achtet eure Kinder zu solchem Dienst und zu solcher Demut nicht zu gut. Es wird dabei. noch nicht so arm zugehen wie in dem Hause des Zimmermanns zu Nazareth. Hat Gott seinen eingebornen Sohn zu ehrlichem Kindesdienst nicht zu hock geachtet, dann kannst du sicher auch dein Kind dazu hergeben. - Hütet euch, ihr Ältern, dass ihr eure Kinder nicht erziehet für die Welt und ihren Fürsten. Dem Herrn gehören sie, dem Herrn müssen sie zugezogen werden. Und du, Herr, breite deine Hände über die Kinder, auf dass sie in fröhlicher Stille gedeihen. Mache aus jedem Hause ein Nazareth. Laß sie von der Welt, ihrer Lust und Sünde recht Wenig, von dir, dem Gotteskinde recht Viel, und das aus eigener Erfahrung haben. Laß sie zunehmen an Weisheit, an Alter und Gnade bei Gott und den Menschen. Amen.

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