Zippel, Johann Friedrich - Beichtrede über Psalm 42, 2
von F. Zippel, Pastor in Altenroda. In Christo Geliebte! Was ist natürlicher, als dass ein Mensch, der in fernem, fremdem Lande weilt, mit stiller Sehnsucht seines Vaterlandes gedenkt? Und wird seine Sehnsucht nicht umso stärker sein, je inniger das Band der Liebe ist, das ihn verknüpft mit seiner Heimat und dort wohnenden Verwandten und Freunden? Kommt noch dazu, dass er in der Fremde keine gleichgesinnten Seelen findet, an die er sich anschließen kann, so dass er mehr oder weniger einsam seine Lebensstraße ziehen muss, oder dass er wohl gar unter harten drückenden Verhältnissen lebt, die ihm täglich Seufzer oder Tränen auspressen muss da nicht sein Heimweh noch gesteigert werden? Wir alle, meine Lieben, wohnen ja hier in einem fremden Lande, wie es auch in dem Liede heißt: „Hier ist unser Pilgrimstand, droben unser Vaterland.“ Muss da nicht auch eine heilige Sehnsucht nach oben in uns wohnen, wenn anders wir die Heimat unsrer Seele lieben, wo ja auch schon so manche liebe Verwandte und Freunde von uns wohnen, und wo besonders der hohe Anverwandte thront, der hier auf Erden unser Bruder worden ist? Viele müssen ja auch, ob auch mitten unter Menschen, ihre Lebensstraße einsam dahinziehen, weil sie mit ihrem Leid von den Menschen nicht verstanden werden, denn, meine Lieben, gerade für das tiefste Leid, das ein Menschenherz zu erdulden hat, findet es hier auf Erden kein Verständnis. Muss ein solches Herz sich nicht sehnen, dahin zu kommen, wo der Vater wohnt, der ins Verborgene sieht und der da abwischen wird alle Tränen von unsern Augen, die wir geweint haben, ohne dass vielleicht ein Mensch etwas davon weiß? Aber wer auch nicht zu denen gehört, die mit dem schwersten, dem verborgenen Kreuz belastet sind leben wir nicht alle hier auf Erden unter dem Drucke der Sünde, die uns immerdar anklebt und träge macht? An einem Beichttage, da wir Entlastung von unsern Sünden suchen, müssen wir ja ihren Druck umso mehr fühlen; da muss auch diese Sehnsucht aus diesem Lande der Knechtschaft nach der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes umso stärker sein. Nun, meine Lieben, suchen wir nach einem Ausdruck für diese heilige Sehnsucht, so können wir kaum einen schöneren finden, als wir ihn in unserm Texte vernehmen. Auf Grund desselben lasst uns deshalb heute betrachten:
Wir beachten:
Die Sehnsucht eines Beichtkindes.
1. Wie sie sich äußert,
2. wohin sie sich wendet.
1. Wie sie sich äußert.
„Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir; meine Seele dürstet nach Gott.“ Als David diese Worte sprach, war er fern von dem Heiligtum seines Volkes, auf der Flucht vor seinen Feinden. Fern von dem Heiligtum zu sein, galt bei den Israeliten als eine harte Entbehrung. Denn weil man meinte, Gott nahe sich den Menschen nur in dem Heiligtume Israels, und verkehre sonst nicht mit ihnen, so galt das Fernsein vom Heiligtum zugleich als ein Fernsein von Gott. Ein solcher Zustand musste für einen Mann, wie David, der in einem so regen Verkehr mit Gott stand, ganz besonders schmerzlich sein. Darum schreit auch seine Seele in ihrem Schmerze; er kommt sich vor wie ein Hirsch, der nach frischem Wasser lechzet, denn er sehnt sich nach Befriedigung für das Bedürfnis seines Herzens.
Wir wissen ja, meine Lieben, dass die Gegenwart Gottes nicht an einen bestimmten Ort gebunden ist, sondern dass er allerorten zu finden ist, wo wir betende Hände zu ihm aufheben. Aber dennoch können auch wir in einen ähnlichen Zustand wie David kommen. Wenn wir nämlich unsern Gott durch unsere Sünden betrüben, und so gleichsam eine Scheidewand zwischen ihm und uns errichten; da wendet er sein Angesicht von uns und zieht sich gewissermaßen von uns zurück. Viele Menschen ertragen solchen Zustand mit Gleichgültigkeit und einer Art von Abgestumpftheit, ähnlich wie missratene Kinder, die sich nichts daraus machen, ob das Missfallen auf ihnen ruht. Für rechte Kinder Gottes ist das aber ein unseliger Zustand, in welchem ihnen alles verleidet wird, daran sie vielleicht sonst Freude fanden, gerade so, wie auch ein wohlgeartetes Kind sich nicht von Herzen freuen kann, so lange durch irgend etwas das Verhältnis zwischen ihm und den Eltern getrübt ist. Sie möchten schreien vor innerem Weh und schmecken in ihrer Sehnsucht nach Befreiung aus so trostloser Lage etwas von den Hirschesdürsten. Kann solches einem Christen jederzeit begegnen, so wird es doch besonders der Fall sein bei dem Gang zum heiligen Abendmahl. Denn da schaut er ja zurück auf einen größeren oder kleineren Abschnitt seines Lebens, und führt sich die Sünden vor seiner Seele vorüber, durch die er trotz aller guten Vorsähe seinen Gott wiederum betrübt hat: da steht vielleicht auch eine Lieblingssünde vor seinem geistigen Auge, gegen die er wohl schon jahrelang gekämpft, die er aber noch immer nicht besiegt hat, so dass sein Heiland noch immer betrübt sein Angesicht von ihm wenden muss. Wie sollten wir da nicht im Herzen zerknirscht und zerschlagen sein, wie sollten wir nicht seufzen nach Erlösung von diesem Banne der Sünde?
Ist es bei euch auch so, meine Lieben, die ihr heute zum Tische des Herrn treten wollt? Ihr seid ja auch alle Fleisch von Fleisch geboren, und habt euren Gott durch Sünden mancherlei Art betrübt und euch dadurch von ihm entfernt. Habt ihr da auch vorhin das Lied von ganzem Herzen mitgesungen:
Aus tiefer Not schrei' ich zu dir,
Herr Gott, erhör' mein Rufen?
Und lebt beim Blick auf den bevorstehenden Genuss des heiligen Abendmahles auch der Seufzer in eurer Seele:
Ach, wie gepflegt mich zu dürsten
Nach dem Trank des Lebensfürsten?
Selig, wer diese zwar schmerzliche, aber doch glückselige Sehnsucht empfindet, denn sie trägt die Verheißung in sich, dass sie gestillt werden soll. Das werden wir erkennen, wenn wir nun beachten:
2. Wohin sie sich wendet.
„Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir; meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott; wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?“ Ihr hört's, meine Lieben, David schwingt sich mit seiner Sehnsucht zu Gott selber auf; das war das höchste Ziel, das er sich ersehen konnte. Hier brauchte er umso weniger eine Täuschung zu befürchten, da er nicht bloß sehnsüchtig, sondern auch betend zu ihm aufblickte. Wusste er doch gar wohl, dass er tut, was die Gottesfürchtigen begehren, dass er ihr Schreien hört und ihnen hilft.
Auch wir, meine Lieben, werden nicht betrogen werden, wenn wir mit unsrer Seelennot zu unserm Gott und Heiland gehen. Bei Menschen freilich würden wir in diesem Falle vergeblich anklopfen. Die Kinder dieser Welt haben wohl bisweilen Mitgefühl mit unsrer leiblichen Not, aber die Sündennot kennen sie nicht und verstehen sie nicht; wer damit zu ihnen kommen wollte, würde darauf gefasst sein müssen, mit Staunen aufgenommen und mit Höhnen abgefertigt zu werden. Nicht einmal die gläubigen Christen würden uns immer verstehen; denn wenn irgendwo, so ist hier gerade erforderlich, dass man selber ähnliche Erfahrungen gemacht hat; und wenn sie uns auch verstehen, so können sie uns doch immer noch nicht helfen. Der Herr, unser Heiland, versteht aber auch den leisesten Seufzer unsers Herzens und hilft uns auch, wenn wir mit unsern Nöten zu ihm kommen.
„Er sieht und kennt aus der Höhe
Der betrübten Herzen Sorgen.
Er zählt den Lauf der heißen Tränen,
Und fasst zu Hauf' all' unser Sehnen.
Gib dich zufrieden.“ 1)
Insonderheit hat er das heilige Abendmahl zu diesem Zwecke verordnet. Denn hier, wo er uns unter dem Brot und Wein auf geheimnisvolle Weise seinen verklärten Leib und Blut zu ergießen gibt, lässt er uns die Kraft seines Versöhnungstodes zugutekommen, so dass die Sünde uns vergeben, Gott mit uns versöhnt und somit unsere Sehnsucht gestillt wird. Nur müssen wir solche hohe Gaben, die in diesem Sakrament uns angeboten werden, auch im Glauben annehmen. Denn wer da zweifeln wollte, ob sich das auch wirklich so verhielte, dass er durch die Teilnahme an diesem Gnadenmahl von dem Banne seiner Sünden befreit werden könnte, der würde den Segen dieses heiligen Mahles nicht erlangen, und würde nicht die ersehnte Ruhe finden für seine Seele.
„Wer da zweifelt, der ist wie die Woge des Meeres, die vom Winde getrieben und geweht wird.“
Wollte Gott, meine Lieben, es wäre kein Zweifel unter euch, ihr ständet vielmehr alle in dem festen Glauben, dass ihr durch den bevorstehenden sakramentlichen Genuss von allen Schäden eurer Seele geheilt werden könnet; dass auch die Scheidewand, die ihr zwischen euch und eurem Gott mit euren Sünden errichtet habt, dadurch wieder eingerissen werden kann, und ihr aufs Neue mit eurem Gott in Gemeinschaft treten könnt. Ihr würdet nicht betrogen werden in solchem Glauben, würdet es vielmehr aus eigner Erfahrung eurem Heiland nachsprechen lernen: „Selig sind, die da hungert und dürstet, denn sie sollen satt werden.“
Amen.