Auberlen, Karl August - Das Geheimnis Gottes in Christo – III. Am Ostermontag.

Auberlen, Karl August - Das Geheimnis Gottes in Christo – III. Am Ostermontag.

Luk. 24, 13-35.

Und siehe, zwei aus ihnen gingen an demselbigen Tage in einen Flecken, der war von Jerusalem sechzig Feldweges weit, des Name heißt Emmaus; und sie redeten mit einander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, da sie so redeten und befragten sich mit einander, nahte Jesus zu ihnen und wandelte mit ihnen; aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht kannten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Reden, die ihr zwischen euch handelt unterwegen und seid traurig? Da antwortete einer mit Namen Kleophas und sprach zu ihm: Bist du allein unter den Fremdlingen zu Jerusalem, der nicht wisse, was in diesen Tagen drinnen geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Welches? Sie aber sprachen zu ihm: Das von Jesu von Nazareth, welcher war ein Prophet, mächtig von Taten und Worten vor Gott und allem Volk, wie ihn unsere Hohenpriester und Obersten überantwortet haben zur Verdammnis des Todes und gekreuzigt. Wir aber hofften, er sollte Israel erlösen. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass solches geschehen ist. Auch haben uns erschreckt etliche Weiber der Unsern, die sind frühe bei dem Grabe gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben ein Gesicht der Engel gesehen, welche sagen, er lebe. Und etliche unter uns gingen hin zum Grabe und fanden's also, wie die Weiber sagten, aber ihn fanden sie nicht. Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren und träges Herzens, zu glauben alle dem, das die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen? Und fing an von Mose und allen Propheten und legte ihnen alle Schriften aus, die von ihm gesagt waren. Und sie kamen nahe zum Flecken, da sie hingingen, und er stellte sich, als wollte er fürder gehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt! Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, da er mit ihnen zu Tische saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet und erkannten ihn, und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen unter einander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege, als er uns die Schrift öffnete?

Und sie standen auf zu derselbigen Stunde, kehrten wieder gen Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren, welche sprachen: der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simoni erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war, und wie er von ihnen erkannt wäre an dem, da er das Brot brach.

Bleibe bei uns! bitten die beiden Jünger in unserem Texte, und darum flehen wir heute mit ihnen den Herrn an, indem wir von der hohen Festzeit wieder Abschied nehmen. Ein anderer Jünger Christi hat dasselbe Anliegen so ausgedrückt: Meinen Jesum lass ich nicht! und das ist wohl ein Grundeindruck, mit welchem alle redlichen Jüngerherzen in diesen Tagen aufs Neue erfüllt worden sind. Meinen Jesum lass ich nicht! denn ich habe ihn abermals erkannt in seiner Gnade und Wahrheit als den, dessen mein ganzes Herz bedarf; würde ich ihn aufgeben oder würde er mich aufgeben, würde er nicht bei mir bleiben, ich müsste hinabsinken in eine Nacht der Sünde und des Todes, aus welcher es keine Errettung gäbe.

Ja, so ist es; davon fühlt in der Passions- und Osterzeit eine jede Seele etwas, die überhaupt fähig ist, etwas von ewigen Dingen zu fühlen. Es gibt ja gar verschiedene Stufen des Glaubens an Jesum Christum; aber wenn wir ihn auch nur erst auf menschliche Weise betrachten, so ist etwas in ihm, davon wir nicht loskommen können, das uns immer wieder zu ihm hinzieht und bei ihm festhält, weil es mit unseren eigenen, innersten Bedürfnissen übereinstimmt. Dieses Etwas ist Heiligkeit und Liebe. Wenn man uns alle Erkenntnis und Weisheit der Welt darböte, wenn man Alles, was menschliche Kunst und Bildung zu leisten vermag, vor uns ausbreitete, und es wäre keine Heiligkeit darin und keine Liebe: so könnte es uns wohl vielleicht auf einige Zeit fesseln, aber auf die Dauer zu befriedigen vermöchte es uns nicht. Denn sind wir auch selbst noch so unheilig und noch so liebeleer, so ist uns doch das in unser Gewissen eingeschrieben, dass Heiligkeit und Liebe zur Vollkommenheit gehören; und wo wir sie finden, da muss unser besseres Ich Ja und Amen dazu sagen. Wo finden wir aber mehr Heiligkeit als bei dem Manne, der unschuldig und doch so still und geduldig wie ein Lamm sich zur Schlachtbank führen lässt? Und wo finden wir mehr Liebe, als bei dem, der sein Leben lässt für seine Freunde, ja der auch für seine Feinde und Mörder betet? der auch am Kreuze noch voll Güte und Erbarmen sich herunterneigt nicht bloß zu einer Maria und einem Johannes, sondern auch zu einem Schächer? Es ist ein Gepräge von Heiligkeit und von Liebe ausgegossen über die ganze Leidensgeschichte unseres Herrn, davon auch schon manche stolze Geister hingenommen worden sind und sich sagen mussten: Ziehe deine Schuhe aus, bücke dich und sei stille, denn hier ist heiliges Land!

Und so hat auch die Auferstehung unseres Herrn etwas an sich, wodurch sie wieder dem tiefsten Sehnen und Verlangen unseres unsterblichen Geistes entgegenkommt. Oder sagt selbst, Geliebte, wenn dieser Jesus im Tode geblieben wäre, wenn seine Feinde mit ihrer bewussten Ungerechtigkeit, mit ihrem himmelschreienden Hohn gegen den Heiligen Gottes triumphiert hätten, ginge nicht ein gellender Misston durch unser sittliches Gefühl? Gäbe es wohl einen Gott im Himmel, wenn auf den Karfreitag kein Ostermorgen gefolgt wäre? Nein, wer so in Heiligkeit und Liebe freiwillig den schmachvollsten Tod übernommen hat, dem gehört es, dass er gekrönt werde mit Preis und Ehre. Indem der allmächtige Gott Jesum von den Toten auferweckt hat, hat er feierlich bestätiget, was er von Urzeiten an in aller Menschen Brust geschrieben, dass man ihm nicht vergeblich dient und sich opfert; er hat es lebendig und kräftig bezeugt, dass er sei, und denen, die ihn suchen, ein Vergelter sein werde (Hebr. 11, 6). Das Gute findet seinen Lohn, es ist nicht nur so in die leere Luft hinaus getan, sondern es ist in Gottes Buch geschrieben; und das Böse, mag es sich jetzt noch so breit machen, mag es Jahrhunderte und selbst Jahrtausende lang die Oberhand haben auf Erden, die Heiligen Gottes müssen doch dawider Recht behalten und werden einst noch das Erdreich besitzen (Matth. 5, 5), auf welches ihr Blut geflossen ist.

Mancher unter uns, Geliebte, versteht vielleicht das Geheimnis der Versöhnung nicht, ja was sage ich, keiner versteht es völlig; - aber es sind wohl auch solche unter uns, die sich noch nicht recht in diesem Weg der Erlösung haben finden können, und in denen gerade durch die Erinnerung an den Tod des Unschuldigen für die Schuldigen allerlei Zweifel und Bedenklichkeiten angeregt worden sind. Auch solchen möchte ich im Namen Gottes zurufen: Lasst doch euren Jesum nicht; haltet euch einmal an das, was in euren Gewissen offenbar ist, an seine Heiligkeit und Liebe im Leiden und Sterben, an den herrlichen Sieg des Rechts und Lichts in seiner Auferstehung! Bauet daran weiter, sucht namentlich in jeder neuen Passionszeit neue, hellere Erkenntnis des Kreuzes Christi, und ihr werdet sie finden! Auch die Jünger, die nach Emmaus gingen, haben am Tode Christi Anstoß genommen, haben seine Auferstehung nicht recht glauben können. Da hat er sich ihnen offenbart und hat ihnen die Schrift und das Verständnis geöffnet, also dass ihr Herz brannte, und sie voll Dank und Freude ihren Brüdern die neue Offenbarung verkündigen konnten.

Musste nicht Christus solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen?

Dieses Kernwort unseres Textes lasst uns in der jetzigen Stunde zum weiteren Gegenstand unseres Nachdenkens machen!

Großer Siegesheld,
Tod, Sünd', Höll' und Welt
Hast du mächtig überwunden
Und ein ewig Heil erfunden
Durch das Lösegeld
Deines Bluts, o Held!

Höchste Majestät,
Priester und Prophet,
Deinen Zepter will ich küssen,
Ich will sitzen dir zu Füßen,
Wie Maria tät,
Höchste Majestät! Amen.

1.

Unser Text bestätigt uns, was wir auch sonsther wissen, dass den Jüngern unseres Heilandes Nichts so schwer wurde, als sich in das Geheimnis seines Leidens und Sterbens zu finden. Sie hatten Alles verlassen und waren Ihm nachgefolgt; sie erkannten ihn als den von Gott verheißenen Messias an und hofften, wie sie selbst sagen, er solle Israel erlösen. Aber sie hatten von dieser Erlösung noch nicht die richtigen Vorstellungen. Sie dachten sich dieselbe mit ihren Zeitgenossen als eine Befreiung des Volks Gottes von dem Joche der Heiden und als eine Einsetzung Israels in die Weltherrschaft. Und darin haben sie sich auch nicht geirrt. Denn die Propheten, wir mögen sie aufschlagen, wo wir wollen, haben wirklich ein irdisches Messiasreich geweissagt; es ist eine Grundwahrheit des ganzen prophetischen Worts, dass die Reiche dieser Welt am Tage des Herrn zu Grunde vertilgt und dagegen das Reich, Gewalt und Macht unter dem ganzen Himmel dem heiligen Volk des Höchsten gegeben werden soll (Dan. 7, 26. 27). Jesus selbst hat diese im Worte Gottes bezeugte Wahrheit natürlich nicht umgestoßen, sondern bestätiget; er hat uns warten heißen auf seine herrliche Zukunft und Offenbarung, wo alle Reiche der Welt Gottes und seines Christus werden; er hat den Sanftmütigen versprochen, sie sollen das Erdreich besitzen; er hat seinen Jüngern in Aussicht gestellt, sie werden dereinst auf zwölf Stühlen sitzen und richten die zwölf Geschlechter Israels (Offenb. 11, 15. Matth. 5, 5. 19, 28). Und als sie ihn noch unmittelbar vor seiner Himmelfahrt fragten, ob er denn zu dieser Zeit schon, also in Bälde das Reich Israel wieder aufrichten werde, so hat er ihnen nur geantwortet, Zeit und Stunde habe der Vater seiner Macht vorbehalten, eben damit aber hat er ihnen die Aufrichtung selbst mittelbar bestätigt (Apostelg. 1, 6. 7); wie könnte er sie auch in dem Augenblick, da er für immer von ihnen schied, mit einem Irrtum auf Erden zurückgelassen haben? Also, Geliebte, dass der Messias wiederkommen wird, um ein Reich der Herrlichkeit auf Erden zu errichten, das ist nicht bloß eine jüdische Meinung, sondern eine von den Propheten und dem Herrn Jesu selbst bezeugte Wahrheit; und dass dann auch Israel sich bekehren und an der Herrlichkeit dieses Reiches zum Heile der Völker Anteil haben wird, das lehrt ja sogar der Apostel der Heiden selbst, wenn er von den Juden sagt: So ihr Fall der Welt Reichtum ist und ihr Schade ist der Heiden Reichtum, wie viel mehr ihre Fülle wenn nämlich (nach V. 25) das ganze Israel selig und der ihm verheißenen Segensfülle teilhaftig werden wird! So ihr Verlust der Welt Versöhnung ist, was wird ihre Wiederannahme sein als Leben aus den Toten (Röm. 11, 12. 15)?

Aber wenn auch die Erwartung eines Herrlichkeitsreiches an sich nicht irrig war, so haben die Jünger dem Herrn doch viele Mühe mit derselben gemacht; denn sie haben sie nicht in der rechten Weise und Ordnung gehegt. Sie waren noch nicht ganz frei von dem, was nun allerdings eine eitle und ungöttliche Meinung jüdischer Selbstgerechtigkeit war, dass der Same Abrahams schon vermöge dieser seiner leiblichen Abstammung berufen sei, der Welt Erbe zu sein, während ihm die Verheißung doch nur durch die Gerechtigkeit des Glaubens geschehen ist (Röm. 4, 13). Sie wollten mit dem ungebrochenen Fleisch in die Herrlichkeit fahren, und da gilt das Wort: Du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist (Matth. 16, 23). Muss nicht der Messias vor Allem leiden und sterben und durch den Tod hindurch zu seiner Herrlichkeit eingehen? Das Geheimnis des Kreuzes musste gelernt, das Ärgernis des Kreuzes musste überwunden werden. Ein Glaube, der Christum nicht vor Allem als den Gekreuzigten hat, der hält nicht Probe in der Stunde der Anfechtung.

Das sehen wir recht deutlich an den Jüngern. Die kurze Niederlage, welche der Herr und seine Sache zu erleiden schien, hat sie so kleinmütig und furchtsam gemacht, dass ihnen schon ihre ganze Hoffnung für verloren gilt; die kleine Zeit von drei Tagen dünkt sie eine Ewigkeit zu sein; sie haben die Vorausverkündigungen Jesu, er werde sterben und nach drei Tagen auferstehen, so ganz vergessen, dass sie durch die Berichte der Männer und Weiber, die das Grab leer gefunden hatten, nur noch mehr verwirrt wurden. In solcher Stimmung, gleich verscheuchten Schafen ohne Hirten, schwankend und unsicher geworden in Allem, was bisher der Ankergrund ihres Lebens gewesen war, wandern die zwei nach Emmaus. Da tritt der Herr zu ihnen, unerkannt, sowie sich sonst auf der Straße ein Wanderer an andere anschließt. Er hätte sich sogleich zu erkennen geben, er hätte ihnen in der Herrlichkeit seines neuen Lebens erscheinen und sie durch einen gewaltigen Eindruck von der Wirklichkeit seiner Auferstehung überzeugen können. So musste er es dort bei Paulus machen, um den Feind und Verfolger in einen Zeugen der Wahrheit umzuwandeln. Hier schlägt er einen anderen Weg ein. Kleophas und sein Begleiter gehörten zwar nicht zu den Zwölfen, aber doch zu den Jüngern Jesu im weiteren Sinn, zu denen, die, wie Matthias und Justus (Apostelg. 1, 21-23), auch schon bisher seinen Unterricht genossen hatten. Da setzt er nun als Fremdling nur die bisher gewohnte Weife fort: er überzeugt sie durch das einfache Mittel der Belehrung aus dem Worte Gottes. Das muss ihnen zu umso tieferer Beschämung gereichen; denn so gut als der Unbekannte, der mit ihnen spricht, haben ja auch sie selbst Mosen und die Propheten und hätten also, zumal im Lichte der früheren Belehrungen Jesu, auch für sich selbst den Rat und Willen Gottes daraus zu erkennen vermocht. Zugleich will der Herr nicht bloß Eindrücke und Gefühle in ihnen wecken, sondern er will eine feste und Bestand haltende Erkenntnis in ihnen gründen; denn eine gründliche Schrifterkenntnis ist für ein selbständiges Christentum eine Hauptsache.

Indem nun der Herr den beiden Jüngern, von Mose und allen Propheten anfangend, alle Schriften auslegt, die von ihm gesagt waren, so wird er ihnen wohl gezeigt haben, wie Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können, wie vielmehr seit dem Eintritt der Sünde in die Welt ein Opfertod von Gott und Menschen sei für notwendig erkannt worden, damit die Sünder wieder zu dem dreimal Heiligen, der ein verzehrend Feuer ist, herzunahen und der Herrlichkeit seines Reiches teilhaftig werden können. Schon in jener ersten Verheißung im Paradiese ist ja mit der Schlangenzertretung auch der Fersenstich verbunden, weil nur durch den Tod dem, der des Todes Gewalt hat, die Macht genommen werden kann (Hebr. 2, 14); und außerhalb des Paradieses ist die erste Tat, die uns von den Söhnen Adams berichtet wird, ein Opfer. Allen Bundschließungen Gottes mit Noah, mit Abraham, mit Mose und dem Volke sind Opfer vorangegangen. Welche große Bedeutung dieselben ferner in dem von Gott selbst eingesetzten alttestamentlichen Gottesdienst hatten, ist ja wohl bekannt; sie alle und besonders die Opfer am jährlichen Versöhnungsfeste waren Vorbilder und Weissagungen auf das Kreuz von Golgatha. Darum ist es schon im Alten Testament selbst deutlich ausgesprochen, dass Tieropfer Gott nicht genügen können, sondern nur das vollkommene Selbstopfer eines vollkommenen Menschen. Schon David sagt (Ps. 40, 7. 8), er füllt vom Geiste Christi: Opfer und Speisopfer gefallen dir nicht, du willst weder Brandopfer noch Sündopfer; da sprach ich: Siehe, ich komme, im Buch ist von mir geschrieben; was das Gesetz von den Opfern vorschreibt, das geht mich an. Und wenn diesem Knechte des Herrn selber noch vom Heiligen Geiste gezeigt wurde, dass der vollkommene König im Reiche Gottes auch der vollkommene Priester sein müsse, so wie einst Melchisedek diese beiden Würden in sich vereinigte (Ps. 110, 4): so haben es dann die Propheten einfach und deutlich ausgesprochen, dass der Messias jenes vollgültige Opfer für die Sünden des Volks in seiner eigenen Person bringen werde. Fürwahr, sagt Jesaja (53, 4. 5. 10), Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen; er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen; die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Friede hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Samen haben und in die Länge leben und des Herrn Vornehmen wird durch seine Hand fortgehen. Und zu Daniel spricht der Engel des Herrn (9, 24): Siebzig Wochen sind bestimmet über dein Volk und über deine heilige Stadt; so wird dem Übertreten gewehrt und die Sünde zugesiegelt und die Missetat versühnt und die ewige Gerechtigkeit gebracht und die Gesichte und Weissagung zugesiegelt und das Allerheiligste gesalbt werden. Und zu Sacharja (3, 8. 9) spricht der Herr Zebaoth, indem er ihm den alttestamentlichen Hohenpriester als Vorbild des neutestamentlichen zeigt: Siehe, ich will meinen Knecht Zemah, d. h. den Spross aus Davids Stamm, den Messias kommen lassen und will die Sünden des Landes wegnehmen auf Einen Tag.

So, meine Lieben, geht die Weissagung von dem Opfertode des Messias von den ersten Kapiteln des ersten Buchs Mosis an mit wachsender Bestimmtheit fort bis zu den letzten Propheten herab, und in den angeführten Punkten und Stellen der alttestamentlichen Offenbarung habt ihr wohl Einiges von dem, was Jesus auf dem Wege nach Emmaus den beiden Jüngern vor Augen gehalten haben mag, als er ihnen aus der Schrift zeigte, dass Christus vor Allem habe leiden müssen, um zu seiner Herrlichkeit einzugehen, und dass das Reich Gottes nicht anders anbrechen könne als auf dem Kreuzeswege. Wie stehen nun wir hierzu? Ein allzu eifriges Warten auf das Reich der Herrlichkeit wird wohl Wenigen unter uns zur Last gelegt werden können; im Gegenteil, wir dürften und sollten mehr das Wort unseres Meisters zu Herzen nehmen: Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten (Luk. 12, 35. 36)! Aber das haben wir mit den Jüngern und mit den Juden gemein, dass uns das Geheimnis des Kreuzes schwer eingehen will.

Diese festlichen Tage haben es wieder laut verkündigt, dass einmal ein solcher vollkommener Mensch auf Erden gelebt hat und gestorben ist, der im Stande war, Gott dem Herrn das vollkommene Opfer für aller Welt Sünde darzubringen; sie haben uns gepredigt das teuer werte Wort: Es ist Ein Gott und Ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung (1 Tim. 2, 5, 6). Dieser Eine hat sich als das Lamm Gottes unter die Weltsünde hinuntergestellt und hat ihren Fluch getragen und das Gericht Gottes über sie ausgehalten; und dabei hat er Gott Recht gegeben über sein Sündengericht und den Namen des Herrn Herrn darin geheiligt, so dass nun im Namen der ganzen Menschheit wahrhaftige und vollkommene Buße und Büßung geschehen ist für ihre Sünden, und dass wir durch Jesum wieder getrost und mit aller Zuversicht zu Gott nahen dürfen. Sollten wir denn nun diese frohe Botschaft nicht mit aller Begierde annehmen? sollten wir dabei nicht mit beiden Händen zugreifen? Warum gibt es denn immer noch so Viele, - ich will jetzt nicht reden von den eigentlichen Feinden des Kreuzes Christi, aber so Viele, denen das Osterlamm von Golgatha nicht über Ales teuer ist? Woher kommt es, dass uns allen von Natur das Kreuz des Weltheilandes ein Gegenstand geheimen Widerwillens ist, ein dunkler Punkt, welcher düster in die schöne, sonnenhelle Welt hereinragt, und dem man immer mit einer gewissen Scheu aus dem Wege geht, obwohl hie und da eine Ahnung durch die Seele ziehen mag, dass doch ein Geheimnis darin verborgen sein könnte, welches der Nachforschung wert wäre? Ach, Geliebte, es fehlt uns an Einem, an dem ungetrübten Blick in den vorliegenden Tatbestand, nämlich an der lebendigen Erkenntnis und Anerkenntnis unserer persönlichen Sündenschuld. Wie dort den in ihren Erdengedanken gefangenen Jüngern die Augen gehalten wurden, dass sie Jesum nicht kannten, so sind auch uns unsere Augen immer wieder gehalten, dass wir nicht sehen, wer wir sind, und wer der heilige, majestätische Gott ist; darum kennen und verstehen wir auch den Heiland in seinem Sterben und Auferstehen nicht und meinen, auch ohne Opferblut Gott nahen, auch ohne Sühnung unserer Sünden selig werden oder sein zu können, als ob der selig sein könnte, der ungelöst in ewiger Schuldhaft, in ewigen Ketten, in ewiger Finsternis sitzt. In diesem Wahne haben wir aber nicht nur die ganze Heilige Schrift, sondern selbst die ganze Heidenwelt gegen uns, bei welcher ja auch das Opferwesen und damit das Bekenntnis sich findet, dass der Mensch vor allem Andern die verlorene Gnade der Gottheit wieder gewinnen müsse. Durch das ganze Menschengeschlecht also geht ein mehr oder weniger klares Gefühl des Fluches und Bannes, der von der Sünde her auf uns liegt. Und dies ist denn der Schlüssel zum Verständnis des Geheimnisses der Versöhnung, dass wir uns die Augen öffnen lassen über uns selbst. O wenn wir einmal angefangen haben uns selbst zu erkennen in dem truglosen Lichte des göttlichen Geistes und Wortes, wenn einmal die Blindheit und Selbsttäuschung von uns weicht: wie froh werden wir da, eine Sühnung für unsere Sünden schon vorzufinden; wie preisen wir mit demütigem Danke das Lamm, das erwürget ist, dass wir in seinem Blute einen freien, offenen Born haben wider alle Sünde und Unreinigkeit; wie kehrt sich da das frühere Verhältnis um, dass uns das Kreuz Christi nicht mehr ein dunkler Punkt ist mitten in der heiteren Welt, sondern der einzige Lichtpunkt mitten in der Finsternis! Denn es ist ja nicht auszusagen, welch ein böser Schas im Herzen eines Menschen verborgen ist, und was für arge Gedanken daraus hervorkommen, so dass wir oft selber müde werden über unsern Sünden. Wenn wir nur auf diese festlichen Tage zurückblicken, o wie manches Mal hat uns die Trägheit, die Stumpfheit, die Gleichgültigkeit unseres steinernen Herzens zu schaffen gemacht! wie vielerlei Regungen der Lieblosigkeit, der Ungeduld, der Eigenliebe, des Neides, der Unreinigkeit in Zeiten, wo wir ganz in die heilige Liebe, Geduld und Aufopferung Christi hätten versenkt sein sollen! welch ein Schmutz hängt sich auch an das Beste, was Menschen vermögen, an! Oder ist es nicht so? übertreibe ich etwa? findet nicht vielmehr Manches einen Trost darin, wenn es hört, dass es Andern auch so gehe? Ja, dies Verderben fühlen gerade diejenigen, welchen die Binde von den Augen genommen, welchen die Sünde schon recht zur Sünde geworden ist, am Bittersten. Sie wissen, dass der Mensch mit seiner eigenen Sünde schlechterdings nicht fertig werden kann, und dass er täglich, stündlich der Reinigung im Blute Christi bedarf; sie wissen, warum sie sagen: Meinen Jesum lass ich nicht; sie können einstimmen mit Luther, wenn er ausgerufen hat:

Mitten in der Höllen Angst
Unsre Sünd' uns treiben;
Wo soll'n wir denn fliehen hin,
Da wir mögen bleiben?
Zu dir, Herr Christ, alleine!
Vergossen ist dein teures Blut,
Das gnug für die Sünde tut.
Heiliger Herre Gott,
Heiliger, starker Gott,
Heiliger, barmherziger Heiland,
Du ewiger Gott!
Lass uns nicht entfallen
Von des rechten Glaubens Trost!
Erbarm dich unser!

2.

Auf Grund des Opfers Christi gibt es nun aber auch wirklich einen Zugang zu Gott und einen Eingang in die Herrlichkeit. Das zeigt uns der Auferstandene in seiner eigenen Person, und das spricht er in der zweiten Hälfte unseres Textwortes aus, die wir noch in der Kürze zu betrachten haben: Musste nicht Christus also leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen? In dem Auferstandenen tritt uns etwas entgegen, was, seit die Welt steht, noch niemals vorhanden war, nämlich ein geistlich verklärter Menschenleib. Christus ist durch seinen Tod hindurchgegangen in die Freiheit des Geisteslebens und hat nun auch seinen Leib durchströmt mit den himmlischen Kräften des Lichts, die vom Throne Gottes ausgehen, so dass derselbe jetzt auch geistlich, ein völlig durchklärtes Werkzeug des Geistes geworden ist (1 Kor. 15, 44. 45). Damit ist uns auch für unsere eigene Person etwas sehr Wichtiges offenbart. Auch wir sind zu der gleichen Herrlichkeit bestimmt. Indem der himmlische Vater um Christi willen uns losspricht vom Sündenbanne, kann er nun zugleich seine Geisteskraft in uns einfließen lassen, und durch diesen seinen in uns wohnenden Geist wird er einst auch unsere sterblichen Leiber lebendig machen (Röm. 8, 11). Das ist eine umso teurere Wahrheit für uns, je mehr wir die Not der Sünde fühlen, weil diese, wie Schrift und Erfahrung uns zeigen, hauptsächlich im Fleische, im Fleischesleben ihren Sitz hat (Röm. 7, 18. 23 f.). An der Auferstehung Jesu erkennen wir also, dass Gott es auf etwas Ganzes mit uns abgesehen hat. Er will uns nicht nur, solange wir hienieden wallen, unsere Sünden täglich und reichlich vergeben; er will auch nicht bloß unsere Seelen selig machen nach dem Tode; sondern er hat etwas viel Besseres und Köstlicheres uns aufbehalten. Wir sollen in einen ganzen, neuen Lebensbestand versetzt werden, in welchem die Sünde völlig hinausgeschafft und auch der Leib, der jetzt noch von ihr vergiftet ist und daher einst im Grabe modern muss (Röm. 8, 10), ins Licht des Himmels verklärt sein wird. Unser Wandel ist im Himmel, von dannen wir auch warten unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, welcher unsern Erniedrigungsleib umgestalten wird, dass er ähnlich werde seinem Herrlichkeitsleibe (Phil. 3, 20. 21). O, was muss das für ein engelgleiches Leben der Harmonie und Wonne, der Freiheit und der Kraft sein, gegen welches unser jetziges Dasein Tod, Elend und Finsternis ist! Und dieses Leben währet von Ewigkeit zu Ewigkeit, das jetzige ist dagegen eine Spanne Zeit.

Erst in der Auferstehung also tritt die Vollendung unseres Wesens ein, da erst beginnt eigentlich das wahrhaftige, ganze Leben für uns. Je früher wir daher zur Auferstehung gelangen, desto besser. Darum spricht die Schrift von einer ersten Auferstehung, von einer Auferstehung der Gerechten, die in Christo Jesu entschlafen sind. Sie ist die Krone des Lebens, welche denen zu Teil wird, die getreu sind bis in den Tod. Selig ist der und heilig, welcher Teil hat an der ersten Auferstehung; über solche hat der andere Tod keine Macht, sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahre (Offenb. 20, 6. Luk. 14, 14. 1 Kor. 15, 22. 23. 1 Thess. 4, 16). Das ist dann jenes Herrlichkeitsreich Christi, von welchem wir oben gesprochen haben, wo die Sanftmütigen das Erdreich besitzen und, die geduldet haben, auch mitherrschen werden (2 Tim. 2, 11. 12. Röm. 5, 17). Und dies ist erst noch nicht das Letzte und Höchste, wenn die verklärte Gemeinde über die noch unverklärte Erde herrscht, sondern auch Erde und Himmel soll noch erneuert und mit der Lebensklarheit des Auferstandenen erfüllt werden, auf dass Gott sei Alles in Allem (Offenb. 21, 1. 2 Petr. 3, 13. 1 Kor. 15, 28).

So weit hinaus lässt uns diese Osterzeit blicken; so viel hängt an der großen Tatsache, dass Christus in seine Herrlichkeit eingegangen ist. Das Osterfest ist ein Weltverjüngungsfest. Das kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das Gott bereitet hat denen, die ihn lieben, das hat er uns offenbart durch seinen Geist in seinem Wort (1 Kor. 2, 9. 10). Wir sollten auch diesen prophetischen Teil des göttlichen Worts fleißiger lesen und erwägen. Der Herr fordert uns heute durch sein eigenes Beispiel dazu auf. Und gilt es nicht auch uns, was er zu den zwei Jüngern sagt: O ihr Toren und träges Herzens, zu glauben alle dem, das die Propheten geredet haben? Es ist eine Trägheit, Geliebte, für die wir dem großen Gott Verantwortung schuldig sind, wenn wir nicht Alles tun, was wir können, um sein ganzes Wort und seinen ganzen Rat verstehen zu lernen. Es ist aber auch eine Torheit; denn wir berauben uns dadurch so vieler Freuden und Erquickungen, so vieler Antriebe zum wackeren Vorwärtsschreiten auf dem Wege des Lebens. Wenn wir die großen Absichten Gottes, die er in seinem Sohne mit der Menschheit hat, bis an ihr Ziel verfolgen, o da wird unser Herz erst recht weit und frei, da lernt es erst Gott ganz erkennen und anbeten in dem Reichtum seiner Gnade und Wahrheit, ja da brennt unser Herz in heiligem Geistesfeuer, sowie es den Jüngern dort auf dem Wege nach Emmaus gebrannt hat, als Jesus ihnen das prophetische Wort öffnete. Da lernen wir endlich auch um der uns vor Augen stehenden Herrlichkeit willen mit Jesu treuer leiden und sterben. Und ihr wisset es ja wohl auch, in dem Herrn Geliebte, wie nötig wir haben, das zu lernen; ihr wisset, wie lau und träge noch so manches Mal unser Christentum ist, wie viel uns zum rechten, durchdringenden Ernst der Selbst- und Weltverleugnung fehlt, wie oft unser geteiltes und selbstgefälliges Herz uns im Laufe aufhält, oder die Sorgen und Lüste dieser Welt als ein Bleigewicht an unsere Füße sich hängen. Wahrlich, wir hätten mehr innere Kraft, den Erdentand als das anzusehen, was er ist, wenn uns die zukünftige Herrlichkeit lebendiger vor der Seele stände in ihrer ewigen über alle Maße wichtigen Bedeutung.

So lasst uns denn ablegen die Sünde, so uns immer anklebt und träge macht, und lasst uns laufen durch Geduld in dem Kampfe, der uns verordnet ist, und aufsehen auf Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens, welcher, da er wohl hätte mögen Freude haben, erduldete er das Kreuz und achtete der Schande nicht, und ist gesessen zur Rechten auf dem Stuhl Gottes (Hebr. 12, 1. 2). Lasst uns jetzt schon völliger durchdringen ans Herz und ins Licht unseres Gottes in der Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu Christi, damit einst, wenn es den Eingang in die ewige Herrlichkeit gilt, unser keiner dahinten bleibe!

Drauf wollen wir's denn wagen,
Es ist wohl Wagens wert,
Und gründlich dem absagen,
Was aufhält und beschwert.
Welt, du bist uns zu klein:
Wir geh'n durch Jesu Leiten
Hin in die Ewigkeiten;
Er soll uns Alles sein.

Amen!

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