Erdmann, Johann Eduard - Vergebung und Liebe

Erdmann, Johann Eduard - Vergebung und Liebe

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns Allen. Amen.

Text: Ev. Luk. 7, 47.

Derhalben sage ich dir: ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt; welchem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.

Christliche Freunde! Die Worte welche wir eben gehört haben, sind jenem evangelischen Berichte entnommen, welcher uns den HErrn vorführt, wie er im Hause des Pharisäers Simon zu Tische sitzt. Ein Weib, durch ihre Sünden in der Stadt berüchtigt - nach einer uralten Überlieferung soll es Maria Magdalena gewesen sein, die er später von sieben bösen Geistern befreite - diese also hat vernommen, dass Jesus im Hause sei. Von unwiderstehlichem Drange getrieben drängt sie sich in Seine Nähe; hier aber beim Anblick des Sündlosen und Reinen wird sie vom Gefühl der eigenen Verworfenheit so übermannt, dass sie in Tränen ausbrechend nur zum niedrigsten aller Dienste sich berechtigt glaubt, dazu Ihm die Füße zu waschen. Der unerschöpfliche Quell ihrer überströmenden Augen wird zum Becken, zum Trockentuch das lange Haar, und wohlriechende Salben und glühende Küsse, so oft entweiht im Dienst der Eitelkeit und des Lasters, sie werden geheiligt, indem sie sie den Füßen des Heiligen spendet. So die Sünderin. Der Wirt des Hauses aber, ein sittenstrenger Mann, ist empört, dass so ein Weib seine ehrsame Schwelle übertritt, ja er wird sogar irre daran, was er bisher geglaubt haben mochte: dass Jesus ein Prophet sei. „Da müsste er doch, denkt er, ein Weib von sich weisen deren Nähe schon, wie viel mehr ihre Berührung Jeden beschmutzt und entehrt.“ Jesus aber antwortet diesen Gedanken seines Herzens indem Er - zuerst im Gleichnis, dann aber ganz geradezu und unumwunden - dem Pharisäer zeigt, dass die Liebeserweisung und der leidenschaftliche Erguss jener Sünderin Ihn mehr angesprochen haben als die, vielleicht glänzende aber kühle Aufnahme Seines sittlich entrüsteten Wirts. Seine Auseinandersetzung schließt Er, indem Er von dem sündigen Weibe sagt: Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt. -

Dass, wie in diesen Worten, eine Gnadengabe als an ihre Bedingung an ein Verhalten des Menschen geknüpft wird, ist nicht ohne Beispiel: Bei einer feierlichen Gelegenheit macht der HErr, dass Petrus Teil an Ihm habe von der Bedingung abhängig, dass derselbe sich von Ihm die Füße waschen lasse. Nicht nur für einen bestimmten Fall, sondern für immer und für Alle sehen wir bei den Sakramenten, die wir eben darum Gnaden mittel nennen, Gottes Gnadenerweisung an ein Tun des Menschen, als an ihre Bedingung, geknüpft. Doch aber möchte sichs bei dem Verknüpftsein der Vergebung mit der Liebe, von dem unser Text spricht, noch anders verhalten als dort bei der Fußwaschung, ja auch anders als bei den Sakramenten: Auch wer gar nicht daran zweifelt, dass die Taufe das Mittel ist, durch welches der Keim des neuen Menschen in uns gelegt wird, wird darum doch nicht sagen, dass nur die Taufe mit Wasser dieses Mittel werden konnte. Hat doch die älteste Kirche, die gewiss das Sakrament nicht verachtete, ausdrücklich behauptet: an die Bluttaufe des Martyriums sei, gerade wie an die Wassertaufe, das Sterben des alten, das Geborenwerden des neuen Menschen gebunden, und hat also ein Ersatzmittel für die Taufe zugegeben. Kann nun etwa auch die Vergebung durch etwas Anderes als das Lieben bedingt und vermittelt werden? Läsen wir nur: Ihr ist viel vergeben, denn sie hat viel geliebt, so könnten wir das glauben, denn wir hätten einen Satz wie diesen: Dieser ist Christi, denn er ist getauft, mit welchem nach der Lehre der älteren Kirche ganz gut vereinbar ist: Dieser (Ungetaufte) ist Christi, denn er hat um Seinetwillen den Tod gelitten, und wir könnten sagen, es hat eben Gott beliebt, die Liebe zu einer der Bedingungen der Vergebung zu machen. Nun aber finden wir, dass zu jenen Worten hinzugefügt ist: welchem aber wenig vergeben ist, der liebt wenig. Dass diese letzten Worte nicht etwa so zu verstehen sind: Wenn Einem wenig vergeben ist, so lässt sich daraus (als aus der Folge) darauf (als auf den Grund) zurückschließen dass er wenig liebt, in welchem Falle sie gerade dasselbe sagten wie die erste Hälfte unseres Textes -, sondern dass vielmehr ihr Sinn der ist: wenig Vergebung erlangen ist vom wenig Lieben, also keine Vergebung erlangen vom nicht Lieben der Grund, oder anders ausgedrückt: weil Jenem wenig vergeben wurde deswegen liebt er so wenig, darüber kann kein Verständiger zweifelhaft sein, wenn er das Gleichnis genauer ansieht, welches unseren Textesworten vorausgeht. Es ist da von zwei Schuldnern die Rede, welchen (dem Einen mehr dem Andern weniger) erlassen wird, und als Simon sagt, der welchem mehr erlassen wurde werde den früheren Gläubiger mehr lieben, antwortet der HErr: er habe recht geurteilt. Indem so die zweite Hälfte unseres Textes nicht dasselbe sagt wie die erste, auch nicht eine nahe liegende Folgerung aus derselben enthält, sondern uns in jeder der beiden von zwei verschiedenen, wenn man will entgegengesetzten, Seiten die Zusammengehörigkeit von Liebe und Vergebung vorgeführt wird, beide zusammen aber uns lehren dass Vergebung und Liebe sich gegenseitig bedingen, verschwindet der Anschein, als wenn es eine bloße Tatsache, vielleicht gar ein bloßer Zufall sei, dass die eine an die andere gebunden ist. Warum die Untrennbarkeit von Lieben und Vergebung Erlangen notwendig sei, und wozu dieselbe uns bringen müsse, dass lasst uns an der Hand unserer Textesworte untersuchen.

Du aber, heiliger Gott, heilige uns in deiner Wahrheit. Dein Wort ist die Wahrheit. Amen.

1.

Wir fragen zuerst: warum kann nicht nur, warum muss dem, welcher liebt, vergeben werden nach dem Maße seines Liebens? Suchen wir ganz zuerst Belehrung darüber was denn Lieben und Liebe ist, so findet der, dem die Heilige Schrift stets die sicherste darbietet, sie in jenem Lobgesange auf die Liebe, wie wir das dreizehnte Kapitel des ersten Korintherbriefes nennen möchten, und zwar in den Worten dass die Liebe nicht das Ihre sucht. Dass sie hier als der Gegensatz zu der Selbstsucht gestempelt wird, als die da nicht für sich und in sich, sondern für Anderes und in Anderem lebt, das gibt ihre eigentliche Natur und ihr innerstes Wesen an, wie ja eigentlich alle die zugestehen, welche dem Liebevollen ein offenes Herz beilegen, dagegen von dem Selbstsüchtigen zu sagen pflegen, er schließe sich ab. Offen und Abgeschlossen! Die Leute wissen gar nicht, wie treffend diese von Wohnungen und Häusern hergenommenen Ausdrücke sind, um den Zustand von Menschenherzen zu bezeichnen! Wie sollten sie auch nicht! In der Stadt Gottes, die wir Menschheit nennen, ist jeder Teil derselben eine Wohnung, der Eine ein Haus, der Andere eine Hütte, alle aber hineinragend und eingetaucht in den großen Ozean der Lebensluft, in der wir leben, weben und sind, in Gott. Die nun, welche sich verschließen, nur das Ihre suchen und für sich selbst leben, sie gleichen den dumpf gewordenen Wohnungen, von denen ängstlich alle frische Luft abgesperrt ward. Zwar, wie auch in die abgeschlossenste Wohnung die äußere Luft doch eindringt, also dass in ihr das Wetterglas gerade so hoch steht wie in dem luftigen Nachbarhause, so kann auch das selbstsüchtigste Herz Dem, in Dem wir atmen, den Zugang ganz nicht versperren, Er dringt hinein, und auch das enge dumpfe Herz besitzt an dem Gewissen ein Wetterglas, an dem sich - (wenn es anders nicht undurchsichtig ward unter dem Staub der Sünde oder gar zerschlagen im wilden Streite der bösen Mächte die hier hausen) - an dem sich immer sehen lässt, ob der da draußen im Donner seines Zornes grollt, oder ob er im Sonnenschein seiner Barmherzigkeit ein freundliches Antlitz zeigt. -

Aber gerade wie, trotz des gleichen Standes im Glase, in dem verschlossenen Hause sich schädliche Dünste aller Art sammeln, so wird durch die sich abschließende Selbstsucht das Herz zum Tummelplatz der wildesten Leidenschaften und Sünden, deren Rasen und Wüten die Stimme Gottes, auch wo sie sich noch als Gewissen vernehmen lässt, übertäubt. Ganz anders dort, wo der Mensch aufhört sich abzuschließen gegen die Himmelsluft, wo er sein Herz eröffnet, d. h. zu lieben anfängt. Da dringt durch die geöffneten Tore und Türen die vom Sonnenschein belebte, vom Blütenduft getränkte Luft und das erfrischte Herz erfährt und erlebt, was ihm bis dahin unverständlich klang und wie Schwärmerei: dass, wer in der Liebe bleibt, in Gott bleibt und Gott in ihm. Dass aber, wenn in dem Hause, welches so lange kein Luftzug durchzog, durch das Öffnen von Toren und Türen ein gewaltiges Wehen des Geistes von oben beginnt, vor diesem die erstickenden Dünste von Unten nicht Stand halten, dass sie getilgt und verzehrt werden, das wird Niemanden Wunder nehmen, eben so wenig aber dass es zu jenem Wehen so lange nicht kommt, und also die Sünden nicht getilgt werden, als man ängstlich bemüht ist, wo der Wind von außen einen Fensterflügel aufriss, ihn sogleich zu schließen, oder, wo Spalten und Risse in den Türen einen Sonnenstrahl durchlassen, sie sorgfältig zu verstopfen. Wo du dich der Liebe öffnest muss dir, wo du dich ihr verschließest kann dir nicht, o Mensch, von deiner Sündenschuld geholfen werden. Wollte Jemand ein solches Wort bedenklich nennen, weil da, nach Weise der römischen Kirche dem Menschen bei seinem Begnadigt werden ein Verdienst beigelegt, oder wenigstens der Mensch zu einem Miturheber und Mitwirker bei seinem Heile gemacht werde, was die evangelische Kirche als Irrlehre verwerfe, so beruhige er sich. Von Verdienst werden wir dort, wo Einer dem nicht mehr widersteht, dass Gott in ihm lebe, eben so wenig sprechen wie da, wo ein Verwundeter sich verbinden lässt. Und ganz ebenso, wie wir es diesem nicht erlauben sich Miturheber seiner Heilung zu nennen, weil er sich den Verband nicht abriss, ja nicht einmal zugestehen können dass dieses nicht tun von Etwas, eine Zutat genannt werde, so wollen auch wir von einem Mitwirken, Mittun oder wie man es nennen mag, da, wo der Mensch zum Heile gelangt, nichts hören. Dass aber bei diesem nicht Tun, sondern vielmehr Aufhören des bisherigen Tuns, etwas innerlich in dem Menschen vorgeht das seinen Grund in ihm hat, und dass er sich nicht so leidend verhält wie der Marmor unter dem Meißel, der Ton unter der Hand des Töpfers - das gestehen wir zu, und sprechen es offen aus dass der Eifer für die evangelische Lehre uns unverständig erscheint, welcher vergessen lässt, dass selbst der allmächtige Gott aus einem Marmorblock keinen Seligen machen kann, es sei denn dass er zuerst ein Wesen daraus machte, das fähig wäre sich ohne Gott unselig zu machen.

Ohne Furcht also, dass man uns deswegen zu den Römischen oder dass man uns zu den Irrlehrern zählen dürfte, halten wir mit unseren Textesworten dies fest, dass Lieben das Mittel ist, Vergebung zu erlangen, und wären wir auch verworfen gewesen wie jene Sünderin. Haben wir aber nicht einen anderen Vorwurf verdient, den nämlich, unserem Text einen ihm fremden Sinn untergelegt zu haben? Alles was bisher von der Liebe gesagt wurde, betraf sie, so weit sie darin besteht, dass man das Leben Gottes in sich gewähren lässt, dem Zuge desselben nicht widersteht. Das Leben Gottes aber, als das; der Liebe selbst und des sich genügenden, ist ein Kreislauf, indem es von Ihm aus- und zu Ihm hingeht. Ist darum die Liebe Hingabe an dieses Leben, so wird sie zu Ihm führende Liebe, Liebe zu Ihm sein, und dass dieser die von ihm ausgehende Liebe begegnen wird, das ist freilich gewiss, so dass es allerdings notwendig ist dass, wer Gott liebt, Gottes Liebe, d. h. Vergebung erfährt. Von dem Allen aber, so sagt uns Einer, ist in den Textesworten gar nicht die Rede. Die Liebe der Sünderin zu Jesu, in dem sie doch nur einen Menschen sah, ist menschliche Liebe, ist Liebe mit einem Menschen zum Gegenstande; und von dieser sagt der HErr, dass die Vergebung ihre Folge gewesen sei. Soll darum, was dort von dem sündigen Weibe gesagt ward, wirklich allgemein gelten, so muss gezeigt werden dass und warum wo der Mensch den Menschen liebt, diese Nächstenliebe die Vergebung sichert und der Sünden Menge deckt. Das Recht, ohne Weiteres was von der Liebe zu Gott gilt, auch von der menschlichen Liebe zu behaupten, von der Liebe zu Weib, Kind, Bruder, Schwester, Freund, Gatten, die alle mit der Liebe zu Gott nichts zu tun hat, dies habt Ihr nicht nachgewiesen und es wird Euch auch schwerlich gelingen. Leichter vielleicht als es Jenem werden möchte, zu zeigen dass die Liebe nicht Eine sei, leichter als das Vorführen dieser zwei oder drei oder noch mehrerer - ja ich weiß nicht wie ich sagen soll. Die Sprache selbst sträubt sich gegen das Widersinnige, Liebe in der Mehrzahl zu denken. Leider kann kein Aufmerksamer leugnen, dass das Band der Ehe, dass ein Freundschaftsbund, dass das Zusammenleben mit Geschwistern und Kindern, nicht immer dahin bringt sich inniger mit Gott zu verbinden, dass manche nachdem sie zwanzig, dreißig Jahr in solchen Verbindungen gelebt hatten sich eingestehen mussten, sie stünden zu Gott fremder, ferner von ihm, als früher. Lasst uns aber etwas näher herantreten an einen solchen Ehebund oder einen solchen Hausstand, den sie uns als Beispiel dafür anführen, dass es wahre, ja heiße Liebe gebe die doch mit der Liebe zu Gott nichts zu tun habe. Das Letztere ist leider richtig, dass diese Gatten und Eltern mit der Liebe zu Gott nichts zu tun habe; aber wir finden auch nichts von menschlicher Liebe bei ihnen. Die Leute leben was man gut, oder auch glücklich zu nennen pflegt, zusammen. Es herrscht kein Zwiespalt unter ihnen, und stürmische Auftritte kommen gar nicht oder doch selten vor. Es soll das ein Verdienst des Mannes sein, sagen sie. Nun dieses sogenannte Verdienst, worin besteht es? Darin, dass er, wo sein Weib in Heftigkeit aufwallt oder eine wirkliche Schlechtigkeit begehen will, schweigt, dass er wo sie ihrer bösen Zunge ihren Lauf lässt, dies nicht hindert. Jenes um keinen unangenehmen Auftritt zu haben, dieses weil es ihn selbst ergötzt Lästerreden anzuhören. Und dieses Denken nur auf die eigene Bequemlichkeit und an den eigenen Genuss, dies wollt Ihr mit dem Namen der Liebe belegen? Der Liebe, die wie wir die sich nicht der Ungerechtigkeit Sie sagt es nicht nur, sondern hörten, nie das Ihre sucht und freut? Und nun sie, die Frau. sie denkt es auch, sie sei glücklich, denn sie habe einen guten Mann. Warum und wie lange heißt sie ihn gut? So lange er ihr nichts in den Weg legt. Wehe ihm aber wenn er einen Fehler rügt. Die tödliche Beleidigung wird nicht vergessen bis zur Todesstunde. Ist dies etwa auch Liebe? Liebe die sich nicht erbittern lässt, die Alles verträgt, die Alles duldet? Wenn der Vater, weil es so angenehm ist, nach der Arbeit vergnügte Gesichter um sich zu sehen, es nachsieht, dass die Söhne nicht der Arbeit sondern dem Spiele leben, wenn die Mutter, weil ihr diese Stunden eben so angenehm sind, jedes Vergehen der Kinder dem Manne verbirgt, in Gegenwart der Kinder und mit ihrem Wissen täuscht und heuchelt, ist das, was diese beiden Eltern tun etwa die Liebe, die sich nur der Wahrheit freut und nie nach Schaden trachtet? Dass diese und alle die hundert anderen Beispiele, die Jedem seine Erfahrungen in den Sinn bringen, ein Beweis sind, dass Gatten und Eltern die Liebe zu Gott verleugnen, ist gewiss. Sie beweisen aber nur, dass es geschieht, weil der Eigennutz und die Selbstsucht, diese Gegensätze auch zu der nur menschlichen Liebe, sie beherrschen. Dass es aber ein Feind ist, den sie beide zu fürchten haben, die Liebe zu Gott, wie die zum Nächsten, dies scheint darauf hinzudeuten, dass sie Eins sind.

Mehr aber als eine bloße Hindeutung finden wir dort, wo zwei oder mehr Menschen durch wirkliche Liebe verbunden sind, durch die Liebe welche der Apostel das Band der Vollkommenheit nennt, weil nicht, wie in jenen Fällen, Schwachheiten und Schlechtigkeiten den verbindenden Kitt bilden, sondern die Vollkommenheit, und wieder weil solches Verbundensein nicht zur Schlechtigkeit führt, sondern zur Vervollkommnung und Besserung, so dass also Vollkommenheit die Wurzel und Vollkommenheit die Frucht der wahren Liebe ist. Stammt aber die wahre Nächstenliebe aus dem Vollkommenen und führt sie der Vollkommenheit zu, so fällt sie auch mit dem Zuge aus Gott und zu Gott zusammen, welchen wir Liebe zu Gott nennen. Wegen dieses Zusammenfallens nennt der Herr das Gebot der Nächstenliebe eines welches dem, Gott zu lieben, gleich sei. Ihm gleich, heißt: nicht davon unterschieden. Und eben deswegen erklärt der Jünger den der Herr lieb hatte, er der Apostel der Liebe, es ein für alle Mal für eine Lüge, d. h. für einen inneren Widerspruch, dass man Gott liebe ohne seinen Bruder zu lieben. In den zu einer großen Brüderschaft Geeinten lebt Gott, nicht als in einem Hause sondern als in seinem Leibe. Der Versuch darum nur den Bruder zu lieben wäre ein Versuch dem toten Leichnam seine Gunst zu schenken, und wieder wer Gott lieben wollte, die Brüder aber nicht, der liebte nur einen Schatten, er gliche dem Grausamen der eine Lust hat daran, Menschen zu quälen und sich damit entschuldigen wollte, ihre Seelen liebte er umso mehr. Nur in den Menschen kann man Gott wirklich, nur in Gott die Menschen wahrhaft lieben. Musste aber der Liebe zu Gott die Vergebung von Ihm begegnen, so kann in diesem Kreislauf wie wir das genannt haben, dies Nichts ändern dass wir Gott im Menschen lieben, sondern nur dies wird nun anders werden, dass jetzt aus dem Menschen die Vergebung Gottes zu uns sprechen wird. Es wird eben gehen wie bei jener Sünderin. Gewiss liebt sie in Jesu zunächst den Menschen und sie wünscht, gleichgültig dagegen, was die Stadt und de Pharisäer von ihr denkt, nur seine Vergebung. Weil es aber seine gottgleiche Reinheit ist, die sie zu seinen Füßen niederzieht, deswegen ist ihre Liebe Eins mit dem Zuge, der ausgeht von dem gewaltigen Gott der uns niederschmettert, zu dem barmherzigen Gott der uns erhebt, und ihrer Liebe zu dem, von dem sie wünschte: Ach wenn Er dir nur vergäbe, begegnet das Wort, das nur Gott sprechen kann: Dir sind deine Sünden vergeben. Das Gefühl dass dem so sei, dass wie eine Liebe zu Gott, die sich nicht als Liebe zu Menschen zeigte, keine wirkliche Liebe, nur Liebe zu einem Schatten, oder ein Schatten von Liebe wäre, dass gerade so auch die Vergebung Gottes, so lange wir sie nicht aus eines Menschen Munde vernehmen nicht vollständig sei, dies Gefühl haben selbst die, welchen es eine seltsame Rede dünkt, wenn man es ausspricht. Den Einen treibt dies Gefühl dazu, die längst bereute und gesühnte Tat dem weltlichen Richter anzuzeigen, den Anderen führt es zu dem am Altar freisprechenden Priester, in den Meisten zeigt es sich als das Verlangen, wo wir uns vergangen haben gegen Gott und sein Gebot, aus dem Munde dessen, der unserem Herzen am Nächsten steht, das Wort zu hören: Ich habe dir vergeben. Runzle die Stirne nicht ob dieses Bekenntnisses, du eifriger Diener am göttlichen Wort, und nenne den Drang in uns, denen die wir lieb haben zu beichten nicht einen Raub an der Würde des Amtes, welchem die Macht beiwohnt Sünden zu vergeben und zu behalten. Dies Amt ist nicht nur deines; wir alle sind Priester und darum ist, wenn auch in beschränkterem Sinne, zu Allen, zu meinem Weibe wie zu deinem Bruder, das Wort gesprochen: Wem Ihr die Sünden vergebt denen sind sie vergeben, und wem Ihr sie behaltet sind sie behalten. Wir tadeln sie darum nicht, die arme beängstigte Seele, die auch nachdem sie im stillen Kämmerlein Gott ihre Schuld abgebeten, nicht ruhig werden kann, bis Gatte oder Weib, Freund oder Bruder, dem gerade dieses Vergehen vor allen ein Gräuel, ausgesprochen hat: Sei ruhig, ich habe es vergeben und will versuchen es zu vergessen; wir verdammen sie nicht, wenn sogar die Freisprechung vor dem Altare ihr nicht genügt, sondern sie auch noch das verzeihende Wort aus dem geliebten Munde vernehmen will; vielmehr billigen wir es, denn wir wissen dass die Vergebung nicht eines Sündengenossen sondern eines von unserer Sünde reinen Menschen, ein Teil ist der Vergebung Gottes. Wenn aber diese arme gequälte Seele klagt, dass gerade dies, wonach sie so vor Allem verlangt, ihr vorenthalten werde, dann wollen wir sie fragen, ob sie wohl auch den Preis geboten hat, für den der Ablass der Vergebung allein erteilt wird, Liebe? Du schüttelst wehmütig das Haupt: Wir wüssten nicht, wie streng gerade hinsichtlich deiner Verschuldung man an der Stelle denkt, wo du Vergebung wünscht. Rein wie Demant in dem, worin du dich vergingest, sei jenes Herz auch hart wie ein Demant. Dass deine Liebe diesen Demant erweichen werde, glaubst du nicht, die Hoffnung ihn zu schmelzen habest du lange aufgegeben. Armer Mensch ! Wir wagen nicht zu bestimmen, wie groß die Liebe sein muss, um dort Vergebung zu erlangen. Dass deine lange nicht dazu ausreicht, das wissen wir: die wahre Liebe glaubt Alles und hoffet Alles, du aber glaubst nicht mehr und hast zu hoffen aufgehört. Für ein Kleines hältst du selbst es ja nicht, dass wer solchen Abscheu hat vor deinem Vergehen, dennoch es dir vergebe, nun wie kannst du denn erwarten dass so Großes dir bewilligt werde für deine kleine und kleingläubige Liebe? Lerne von jener Sünderin, der mehr vergeben ward, als wofür du Vergebung willst. Wie sehr hat die geliebt, das heißt wie stark hat die geglaubt und wie fest gehofft! Was die Verachtung der leichtfertig denkenden Stadt, was die Empörung des strengen, aber immer doch sündigen, Pharisäers ihr sagen musste, was jeder vernünftige Mensch ihr auseinandersetzen konnte: dass der, der von keiner Sünde wusste, von ihr sich abwenden werde, schreckt sie nicht. Sie glaubt er könne, sie hofft er werde vergeben, und sie täuscht sich nicht. Liebe wie sie, das heißt glaube und hoffe wie sie, und du wirst finden, der Sänger log nicht als er rief: Die treue Liebe siegt, am Ende fühlt man sie.

2.

Wir fragen zweitens: Warum kann nicht nur sondern muss der, welchem vergeben wurde, lieben nach dem Maße als ihm vergeben ward?

Vergebung erlangen wir, indem die Strafe, d. h. die schmerzlichen Folgen, unserer Tat aufgehoben und uns erlassen werden. Nicht den kleinsten Teil von diesen bilden die Vorwürfe und Anklagen unseres eigenen Herzens, und darum ist, so lange diese fortdauern, die Vergebung nicht vollständig erfolgt. Deshalb sieht ein Apostolischer Brief einen Beweis, wie viel stärker Gott ist als unser Herz darin, dass auf den Zustand in dem uns unser Herz verklagt, der folgt, wo es uns nicht mehr verklagt und wir Freudigkeit zu Gott haben. Als Bedingung aber zu solchem Übergange gibt jener selbe Brief an, dass wir unser Herz zu stillen, eben jenen Vorwürfen und Anklagen Stillschweigen aufzulegen, haben. So gewiss es nämlich ist, dass das Herannahen des Himmelreichs durch die Buße bezeichnet wird, durch den Zustand wo der Mensch sich selbst richtet und verurteilt, ohne welches derselbe des Heils gewiss nicht teilhaft wird, so ist doch ebenso gewiss dass, wo er das Heil erlangte, an die Stelle jenes sich Selbstverurteilens nicht etwa Selbstzufriedenheit tritt, denn auch wenn wir Alles getan haben, bleiben wir unnütze Knechte, sondern jener Zustand in dem der Apostel spricht: „Auch richte ich mich selbst nicht; Gott ist es der mich richtet“, in dem man sich ganz Gott zur Verfügung stellt, dass er mit uns verfahre nach Seinen Wohlgefallen, dass Er den Schuldbrief zerreiße, den wir nicht einlösen können, und mit dessen Vorhalt uns unser Herz bisher gequält und gepeinigt hat, bis wir ihm endlich in Jesu Namen Stille geboten, und nun jene himmlische Gelassenheit eintrat, wie ein frommer Mann den Zustand genannt hat, in dem sich die Vergebung vollendet. War nun aber dieses Gott in sich walten lassen Liebe gewesen, so ist die vollendete Vergebung und das erste Erwachen der Liebe wie jener Schein, den im hohen Norden die Sommernacht zeigt, bei dem es töricht wäre zu streiten ob er Abend ob Morgenröte: sie fallen zusammen und sind nicht zu trennen, und dies erklärt, warum das Bewusstsein der erlangten Vergebung etwas Tatkräftiges, ja Triumphierendes mit sich führt, welches den Apostel sagen lässt: wenn ich schwach bin, bin ich stark, und: Ich preise meinen Gott, dass Ihr Sünder gewesen seid, oder auch den frommen Kirchenvater, dass Adams und aller Menschenkinder Verschuldung am Ende ein Glück sei, weil ihr solche Vergebung folgte, Aussprüche die berechtigt und erhaben sind in dem Munde Solcher, welche es hinter sich haben, dass ihr Herz sie verklagte und verdammte, dagegen leichtsinnig und frevelhaft in dem Munde derer, die noch nicht einmal so weit gekommen sind, dass ihr Herz sie anklagt. Volle Vergebung empfangen ist schon lieben, darum muss wem vergeben wird, lieben. Und auch hier ist es. in unserem Verhältnis zu Menschen nicht anders als in dem zu Gott, und das Bewusstsein erlangter Vergebung nährt und steigert die Liebe. Wovon die, welche nie liebten, keine Ahnung haben, das wird wer wirklich liebt bestätigen: dass so selig es ist zu vergeben, es doch noch Eines gibt was noch viel seliger ist, die zweifelsfreie Gewissheit der Geliebte hat mir vergeben. Dass wir uns diese seligen Erfahrungen nur zu bald vergiften, dass in die süße Empfindung des Vergebens sich nur zu bald Stolz und Überhebung mischt, die erlangte Vergebung aber uns zur Wiederholung des Vergehens verleitet und in Folge dessen, wenn uns abermals vergeben wird, wir mit Recht zweifelhaft werden, ob es auch vollständig geschah, so dass wir einen reinen Genuss fast nur dort haben, wo wir das erste Mal Vergebung gewährten oder erbaten, wir können es leider nicht leugnen. Aber wahr bleibt es doch, wo wirkliche Liebe Menschen verbindet, da gibt es Weihestunden, wo das Gefühl der Geliebte vergab dir, nicht demütigt sondern erhebt, weil es die Liebe steigert und weil er, der uns so hoch steht uns zu sich erhob, Stunden wo wir erfahren, dass wenn gleich Geben seliger ist als Nehmen, es doch Eines gibt was noch seliger als Beides: das Wiederfinden und Wiedergeben.

Die Erkenntnis, dass die Vergebung als an ihre unerlässliche Bedingung an die Liebe geknüpft sei, lehrte wie wir uns zu verhalten haben, damit uns vergeben werde. Was wir eben erkannten, dass Vergebung Liebe erzeugt, gibt uns gleichfalls eine Weisung. Keine unnötige, wenn wir bedenken wie oft wir die Klage vernehmen, dass das Herz des Geliebten kälter werde, vielleicht gar sich verschließe. Hören wir Einen der so Klagenden. Irren wir nicht, so gehört er zu denen, welchen im Verlauf ihres Lebens der Kreis derer, an welchen ihnen etwas gelegen ist, immer kleiner wird, zuletzt sich auf ein einziges Herz beschränkt, an dem man sein Eines und Alles hat, und er macht nun die Erfahrung dass gerade dieses eine Herz ihm fremd ward und immer fremder wird. Wir wollen heute nicht, was wir wohl dürften, in dieser Erfahrung eine Strafe dafür sehen, dass sich sein Herz so verengt hat, sondern nur ein Unglück, (das ist es, auch wenn es Strafe, ja dann vielleicht erst recht) und wir wollen ihn fragen: was tust du, um wieder glücklich zu werden, was um die teure, dir sich entziehende Seele wieder zu gewinnen. „Ach, was ich ihr an den Augen absehen kann, suche ich zu erfüllen.“ Das heißt nur erst anpochen an die verschlossene Tür. Warum versuchst du es nicht, wenn nicht aufgetan wird, mit dem Schlüssel? Mit welchem? fragst du. Nun mit dem, von dem wir eben gehört haben. Gefällig und dienstfertig sein, Wünsche erfüllen und Gaben bringen das Alles hast du versucht, hast du aber auch versucht zu vergeben? Du sagst, wir würden so nicht fragen, wenn wir deine Lage kennen, das sei ja eben dein Unglück, dass das Herz, dessen Verlust du beklagst, nie etwas vergebe, unversöhnlich sei. Freund, du weichst da unserer Frage aus. Wir fragten ob du vergeben kannst, ob du vergeben hast, und du antwortest der Geliebte könne es nicht, wodurch ja gar nicht ausgeschlossen ist dass du es auch nicht tust. Also lass einmal das geliebte Herz bei Seite, sprich wie ist es mit dir, kannst du, hast du vergeben. Ja, sagst du kühn. Alles? Du zögerst, aber du bejahst die Frage. Armer, du täuschst dich, Wissen wir doch nach unserem kurzen Gespräch dir Eins zu nennen, was du dem Geliebten nicht vergeben kannst, das ist seine Unversöhnlichkeit. Versuche es einmal auch dir zu vergeben und die lang verschlossene Tür öffnet sich vielleicht. Gewiss ist es schwer, es ist sehr viel was da von dir gefordert wird, viel mehr als was du bisher tatest, wo du nur Solches vergabst was dir eine Kleinigkeit schien, nicht aber eine so große Sache wie Unversöhnlichkeit. Was aber kam dabei heraus, dass du so wenig vergabst? Das worüber du klagst, und was unser Text voraussagt: Wem wenig vergeben wird der liebt wenig. Nimm an dem HErrn ein Beispiel. Sieben böse Geister herrschten im Herzen der Sünderin, unter diesen vielleicht auch der Geist der Unversöhnlichkeit, die verdiente Verachtung einer ganzen Stadt lastete auf ihr. Er vergab dies Alles, und erkaufte damit eine Liebe die noch mehr tat als die teuren Füße mit Tränen baden, die über den Tod hinaus dauerte und würdig machte vor allen Anderen den Auferstandenen zu schauen. Wer viel vergab dem lohnte viele Liebe! Suche es Ihm gleich zu tun, und sie wird auch dir lohnen. Auch du findest es wohl wieder, das Herz das du dir verloren erachtest, findest es wieder nicht nur für die Spanne Erdenlebens die noch dein, sondern so dass auch dir, wenn du das Grab hinter dir ließest, zuerst die geliebte Seele begegnet, weil es sie drängte dich zuerst zu begrüßen.

Das Wort: „Wer viel geliebt hat, dem wird viel vergeben“ muss als reich an Weisungen und Belehrungen besonders denen erscheinen, welche viel Gelegenheiten zu lieben hatten, sie aber leider so benutzt haben dass sie vieler Vergebung bedürfen, also uns Älteren. Wie aber auch sonst der Reichtum und die Fülle der Schrift sich darin zeigt, dass selbst solche Aussprüche, die eine ganz besondere Bestimmung haben, für alle Übrigen nicht bedeutungslos sind - gibt doch sogar ein Spruch wie der: Ihr Eltern erbittert eure Kinder nicht, auf dass sie nicht scheu werden, den Kindern die Weisung dass sie nicht scheu sein sollen so enthält eine ganz nahe liegende Folgerung aus unseren Textesworten eine Belehrung die mehr noch dem jüngeren Geschlechte gilt als den Alten. Wenn in demselben Maße als wir das Gold der Liebe mit vollen Händen ausstreuen, erlassen wird was wir schulden, nun so wird, je mehr wir dieses Gold sich bei uns aufhäufen lassen, umso mehr auch unsere Schuld wachsen und zu dem: Wer viel geliebt hat dem wird viel vergeben, bildet:

wer viel geliebt ward, von dem wird viel gefordert, die untrennbare Rückseite. Diese Lehre aber ist eine besonders für dich,. du jüngeres Geschlecht, weil sie für dich noch nicht, wie für uns, zu spät kommt. Lass dich darum warnen, blühende tatkräftige Jugend, durch das was wir Älteren ach nur zu oft! erfuhren. Lass dir erzählen wie Einem ist, wenn man, alt geworden, in Kreise tritt, denen man früher angehörte, oder auch in die, lange nicht gesehene Heimat, und sich umgeben steht von Scharen eines jüngeren Geschlechts das wir nicht kennen und das sich doch nach unserem Anblick gesehnt hat, wo man in die Erde sinken möchte vor der Wucht des Gedankens: So lieben sie Dich und du hast Nichts dazu getan, hast kaum je ihrer gedacht. Lass dir erzählen wie es Einen niederschmettert, wenn man hört dass ein Wort, das wir vor langer Zeit aussprachen, in ein Jünglingsherz fiel und ihm zum Heil ward, und man sich sagt: so offen also standen dir die Herzen und außer diesem hast du vielleicht nicht eines auf den rechten Weg geleitet. Ja lass dir dieses erzählen, glückliche Jugend, und glaube denen die es erfuhren: wie es das Seligste ist sich in Gottes Hand zu wissen und doch 'wieder so schrecklich in die Hand des lebendigen Gottes zu fallen, so kann das Wort: Siehe wie hat man dich lieb gehabt, zum Donnerwort werden, und die Selbstlinge wissen sehr gut was sie tun, wenn sie sich stets, um ihr Gewissen zu betäuben, vorreden: mich liebt Niemand, ich bin allen ganz gleichgültig. Jünglinge, die Ihr es noch ohne Vorwurf hören könnt: Ihr send viel geliebt worden, weil bei euch der Tag wo man der Liebe lohnen soll erst beginnt, lasst ihn nicht ungenützt verstreichen. Du Sohn, an dem Vater und Mutter als an ihrem Augapfel hangen, diese Liebe ist Schuld und Forderung; sie fordert dich auf früh ihr Stolz und ihre Stütze zu werden. Du Bruder, an dem die Schwester hangt als an dem Urbilde der Männer, durch dessen Auge sie die Welt sieht weil ihre Liebe dir alles glaubt und von dir alles hofft, an dir ist es dass sie die Welt stets mit heiligem Auge betrachte. Du Freund, an dem die Genossen mit unerschütterlichem frei geschenkten Vertrauen halten, zahle die Schuld die dies auflegt: mache das Geschenk zu einem verdienten Besitz, indem du jedem Unreinen und Unedlen den Krieg erklärst - Du Jünger, dem ein Meister nicht nur die Schätze seines Wissens, sondern sein Herz erschloss mit all den Geheimnissen, die es birgt, siehe darin ein Pfund das nicht vergraben werden darf. Du Armer endlich, auf den nicht Vater und Mutter hoffen, an dem keine bewundernde Schwester, keine anerkennenden Freunde hangen, den nie einer seiner Meister seines besonderen Vertrauens würdigte, du bist nicht vergessen und versäumt, denn der, der mehr ist als Vater, Freund, Meister, weil er der wahre Vater und Meister ist und der rechte Freund, er hat auch dich geliebt mit unaussprechlicher Liebe, und sein Wort: Siehe das habe ich für dich getan, überlässt es deinem Gewissen den Nachsatz zu sprechen.

Mitchristen! Alte und Junge! Die Sünderin mit ihrer Liebe, der Heilige mit seiner Vergebung, sie haben zu uns gesprochen durch den heiligen Buchstaben wie durch den Bund dessen, dem das Glück ward, ihn hier auszulegen, und haben uns den Weg gewiesen. Uns allen, darum möge Jeder die Weisung behalten, nicht weiter geben als wenn sie einen Anderen bestimmt. Lasst die Frage, mit der nur zu oft man das Gotteshaus verlässt, auf wen mochte wohl, der heute gepredigt hat, mit seiner Belehrung gezielt haben, nicht aufkommen oder wo sie sich doch aufdrängt, uns sie in der einzig richtigen Weise beantworten: Wem er gepredigt hat? Nun hoffentlich sich selbst, gewiss aber mir. Mir galt es, mir, dem nach Vergebung Dürstenden, dass ich mehr als bisher lieben müsse, mir, den so hungert nach verlorener und vergangener Liebe, mir ward gesagt ich solle vergeben, mir, der so viel Liebe erfahren hat, mir ward gezeigt dass dies ein Schuldbrief ist, den ich einzulösen habe. Amen.

Du Gott der Liebe, der du in uns waltest wo wir lieben, und herrschest wo wir vergeben, kehre wieder ein in unsere liebearme Welt, und erfülle wieder unsere Zeit der es so fremd ist zu vergeben. Wissen doch heute selbst die, die Brüder sind, weil sie in einer Zunge deinen Namen anrufen, sich nur zu hassen und ihre Schuld gegenseitig vorzuhalten. Ach steure dem, und erspare uns die Schmach, dass der Feind unseres Volkes über die Streitenden komme, und dass selbst wo er über sie kam, sie Nichts wissen als weiter zu streiten. Nimm unter den Reichen unseres Vaterlandes das in Schutz, dem wir angehören, nimm vor Allen Ihn in deinen väterlichen Arm, dem es von dir übertragen ist, über dieses Reich zu herrschen. Wieder steht, wie vor Jahren, er vor einer dunklen Zukunft. Wieder wie damals umgeben von laut rufenden Stimmen, von denen die einen vergöttern, die anderen verdammen, nur dass heute die lästern, die damals Hosianna riefen, und die jubeln, die damals grollten. Öfter, als andere Herrscher hast du ihn es erleben lassen, dass die heute Palmen streuen, morgen Barrabam frei wollen. Lass ihn das Eine daraus lernen, dass auf die Palmenstreuenden kein Verlass ist, und dass die da Kreuzige! rufen nicht zu fürchten sind; lehre ihn nur dein Missfallen fürchten, nur deinem Beistand vertrauen; auf dich und nicht auf Menschenrat lass ihn sein Glücke bauen! Herr der du groß bist und gewaltig wo du die Völker heimsuchest, größer und gewaltiger wo du in der Hütte Segen verbreitest; kehre du ein als Geist der Liebe und der Vergebung in jedes Haus, und heilige jedes Band. Mische dich in die Reigen der Fröhlichen dass sie dein nicht vergessen, und tritt zu den Betrübten dass sie sich dein getrösten. Sei gegenwärtig mit deinem Geiste wo in einem Hause ein neu hinzugekommenes Auge zum ersten Male sich öffnet, und da wieder, wo du deinen Todesengel hinsendest, dass unter seinem Finger zum letzten Male ein matt gewordenes Auge sich schließe, da hilf du, dass die Trennungsstunde ein gegenseitiges Vergeben sei, aus dem neue, nach kurzer Trennung sich zu erkennen gebende, Liebe sprießen wird Amen.

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