Tersteegen, Gerhard – Briefe in Auswahl – Wenn man irgendwo viel Gutes gesehen und gehört hat, muss die Erneuerung einer gänzlichen Hingebung zu dem Herrn die Folge davon sein. Um in das Heiligtum von Gottes wesentlicher Gemeinschaft einzugehen, muss der Vorhang unsers Fleisches, unsrer Natur und Sinne durch die einfließende Kraft des Todes Christi zerrissen werden.
In dem Herrn vielgeliebter Freund und Bruder!
Euern mir angenehmen Brief vom 27. Juli habe ich erhalten. Meine Seele dankt dem Herrn mit Euch sowohl dafür, dass ich Euch Beide noch einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen habe, als auch besonders für Eure glückliche Ankunft zu Hause nach einer so wichtigen Reise, von der ich innig wünsche, dass nur allein dasjenige mag zurückbleiben, was Euch wahrlich zu Gott führen kann, damit der Herr auch hierdurch verherrlicht werde! Ich zweifle keineswegs daran, dass Ihr jetzt Beide eine gewisse Erneuerung der vollen Hingebung zu dem Herrn, nebst einer Neigung zu innigem Verlangen nach dem Herrn in Euerm Grunde spürt; dies ist und muss gleichsam der Rechnungs-Abschluss sein, wenn man viel Gutes gesehen und gehört hat. O, dass unser Grund doch wie ein weißes Papier still unter der Hand des Herrn läge! Freunde, Ihr kennt den Weg. Es ist so vollkommen wahr, was Ihr sagt, dass wir nicht leben müssen in dem engen und widerlichen Kreise unsers Selbst, sondern in ihm und in der freien Luft der Ewigkeit. Und warum, meine Lieben, sollten wir auch noch in der Enge bleiben, wenn uns der Herr Jesus so innig zuruft und einlädt: In mir habt ihr Frieden (Joh. 16, 33.); wenn er uns durch sein Blut einen so frischen, lebendigen Weg im Grunde unsrer Seele geöffnet und angewiesen hat, auf dem selbst die ärmsten Sünder mit sanfter Freimütigkeit eingehen können in das Heiligtum von Gottes wesentlicher Gemeinschaft. Es ist wahr, auch der Vorhang unsers Fleisches, unsrer Sinne und Natur muss zerrissen werden in der Ähnlichkeit des Todes Jesu Christi; aber dies geschieht allein durch die einfließende Kraft seines Todes, die wir vom Glauben empfangen, der uns bleibend in ihm erhält, einen Jeden nach seinem Stande und Maße. Jesus, unser guter Hirt, ist unsre Türe, die wahrlich eng ist; wer indessen auch nur von weitem den unendlichen Raum kennt, welchen der Geist in diesem Schafstalle genießt, dem kann diese ganze Wüste nicht anders als sehr eng und widerlich erscheinen. Rufe uns also immerfort, o du getreuer Hirt! Lass Alles abfallen, damit wir als nackte, einfältige Kinder in dir eingehen, und gib, dass wir uns wahrlich selbst verlassen, auf dass wir lebend und sterbend in dir gefunden werden! Amen.
Sehr geliebte Freunde, ich grüße und umarme Euch im Geiste. Der Herr segne Euch! Der Herr mache Jeden von uns treu auf seinem Wege, damit wir Kinder werden nach seinem Herzen. Lebt wohl in dem Herrn, liebe Freunde! In ihm hoffe ich zu bleiben
Euer
verbundener Bruder.
Mülheim, den 25. August 1736.