Passavant, Theophil - Abraham und Abraham's Kinder - 22. Eine Bibel-Lektion:
Was sagen wir denn von unserm Vater Abraham, daß er gefunden habe nach dem Fleisch? Röm. 4,1. - d. i. durch äußere Werke, durch alltägliche Gottesdienste, durch eigene Kraft und eigene Güte, von Gottes Hülfe und Gnade getrennt.
Antwort: Nämlich, ist Abraham durch Werke gerecht worden, so hat er Ruhm, aber nicht vor Gott. V. 2.
Die Welt wird ihn rühmen, wird Vieles an ihm übersehen, Vieles ihm vergeben, Vieles ihm zu Gute halten, Vieles an ihm anstaunen, bewundern, rein, hoch, edel, herrlich, göttlich, preisen; ganz anders aber der Gott, der den Menschen von Anfang gemacht, und weiß, was für ein Gemächte wir sind; was Er dem Menschen von Anfang gegeben, und wovon er abgefallen ist; - der Gott, der allein das Herz erforschet, und die Nieren prüfet, und weiß den Unterschied zwischen Gott und Welt, zwischen Gut und Bös, Menschlich und Göttlich; und gibt einem Jeden nach seinen Wegen, nach den Früchten seiner Werke: Jer. 17,10. Dies hat Abraham gewußt: er war in der Schule seines Herrn.
Denn was sagt die Schrift? Abraham hat Gott geglaubt, und dies ward ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. V. 3. s, l Mos. 15,6.. Der Mann Gottes hatte kein Werk in seinem ganzen Leben, keine Tugend, kein Lob, keinen Ruhm, aus eigener, reiner Gerechtigkeit und Güte; - Nichts, das ihm hätte für Gerechtigkeit gelten können vor Gott; und er war doch ein Frommer, ein Gerechter, im Vergleich mit allen andern Völkern und Menschen um ihn her; aber Gott gegenüber, - da muß es anders stehen; da gehet es nicht, wie ein Mensch siehet (1. Sam. 16,7.), sondern wie der Psalmist spricht: Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest, und des Menschen Kind, daß Du dich sein annimmst? Ps. 8,5. Da spricht der Gerechte: Herr, gehe nicht in's Gericht mit deinem Knechte, denn vor Dir ist kein Lebendiger gerecht: Ps. 143,2. Denn alles Fleisch ist wie Gras, und alle Herrlichkeit und Güte des Menschen wie eine Blume auf dem Felde. Das Heu verdorret, die Blume verwelket, denn des Herrn Geist bläst darein: Jes. 40,6. f. -
Siehe, das sind wieder lauter Hindernisse des Glaubens, denn der Mensch ist Fleisch, und er mag seines Fleisches feinste Herrlichkeit nicht so leicht aufgeben.
Dem aber, der mit Werken umgehet - der in seinen eigenen, guten und schönen Werken, Heil und Gerechtigkeit sucht, in ihm selbst und nicht in Gott, - dem wird der Lohn nicht zugerechnet ans Gnaden, sondern als nach Schuldigkeit: als Verdienst und aus Pflicht. V. 4. Hier nun, in solchem Falle, würde Gott nach strengster Gerechtigkeit, und nach göttlich-genauer Sachkenntniß, als der Allwissende, handeln; - möchtest du dich zu einer solchen Vergeltung herwagen? Sein Geschöpf, aus Seiner Hand gegangen, ja, von Sündern geboren, das alle Kraft und Güte, Alles und alle seine Gedanken von Gut und Recht, seine Gefühle von Reinheit und Heiligkeit, nur von Ihm hat, - möchte vor Gott sich stellen, und einen Lohn begehren? Mein Freund, ich zittere, - bin freilich auch ein Sünder.
Siehe da, auch der Beste, der Gerechte, wird, als Solcher, zu keinem Belohner, keinem Gerecht. und Seligpreiser, gewiesen; er wird mit allen seinen Tugenden, all seinem Lob und Glanz, mit allen Menschen, allen Sündern, allen Elenden, zu Einem Haufen gerechnet, und zu Dem gewiesen, der die Gottlosen gerecht macht; auf diesen Gott soll er mit allen Leuten des Staubes im Staube sehen, warten, harren; und nicht mit allen seinen schönen und feinsten Sachen, sein geputzt und schön geschmückt, hingehen, und sich vor Ihm seines Schmucks freuen; nein, sondern er wird mit seinem ganzen Wesen und Leben, als mit lauter Armuth und Sünden, mit Schulden und Lasten, sich zu dem Gott alles Fleisches hinflüchten, als zu Dem, in dem allein Heil, Gerechtigkeit und Güte zu finden; - der allein den Besten und Heiligsten dieser Welt, wie den Gottlosen, gerecht macht; und dieser Glaube der Demuth, Glaube des Sünders, der armen Sünder, wird allein ihm von Gott zur Gerechtigkeit gerechnet.
Nicht wahr, das sind eigene Sachen, daß man sich einander ansehen möchte, sich umsehen, und fragen: Werthe Herren, wo sind wir? Heißt denn das mit ehrenhaften Leuten verfahren wie sich's ziemet? - Das ist eine harte Rede, wer kann sie hören? Joh. 6,60. - Siehe da, lauter Hindernisse des Glaubens.
Gleichwie auch David selig preiset den Menschen, welchem Gott Gerechtigkeit zurechnet ohne Werke, da er spricht: Selig sind, denen die Ungerechtigkeiten vergeben sind, und denen die Sünden bedecket sind. Selig der Mann, welchem der Herr keine Sünde zurechnet. V. 6.7.8.
David scheint da von keinen andern Menschen zu wissen, als von Sündern, von Ungerechten und Gottlosen; die Seligen sind ihm lauter solche Leute, denen Gott die Ungerechtigkeiten erläßt, und die Sünden bedeckt; solche Gerechte oder Ungerechte, denen der Herr keine Sünde zurechnet; und der König und Prophet hat wohl auch hier, wie sonst, aus Gottes Munde, - oder Gott hat durch seinen Mund - geredet. Apg. 2,30. f. 4,25. f. 13,33. f. - Und Abraham, der Freund und Vertraute Gottes, der Mann, von Gott so hoch gehalten, Abraham, Israel's Vater, der Vater der Gläubigen, nicht aus Israel allein, sondern aus allen Völkern, und Heiden, - Abraham, im Glauben so groß, hat keinen anderen Glauben gehabt, keine andere Gerechtigkeit gewußt, und auch keine andere gesucht noch erlangt; und er ist nur auf solchem Wege ein Vater geworden Aller, die da glauben in der Vorhaut oder in der Beschneidung, der Heiden, wie der Juden, Aller nämlich, die da, Juden oder Heiden, wandeln in den Fußstapfen des Glaubens, der da war in ihm: V. 11,12. Denn nicht durch's Gesetz, - d. i. nicht kraft eines göttlichen Gebots, das, in allen seinen Theilen und Stücken, von Abraham und Abraham's Kindern rein, heilig, vollkommen, erfüllt worden war, - nicht durch's Gesetz ist Abraham oder seinem Samen die Verheißung worden, er würde der Welt Erbe sein, sondern durch die Gerechtigkeit des Glaubens, - des Glaubens an Den, der den Gottlosen gerecht macht. V. 13. -
Lauter Hindernisse des Glaubens; - und es gibt noch andere mehr: so auch jene Worte der Schrift: .. - Auf daß Aller Mund verstopfet werde, und alle Welt Gott schuldig sei. Darum, daß aus den Werken des Gesetzes kein Fleisch vor Ihm gerecht werden mag; denn durch das Gesetz kommt Erkenntniß der Sünde. Nun aber ist ohne das Gesetz die Gerechtigkeit Gottes geoffenbaret worden, bezeuget durch das Gesetz und die Propheten: die Gerechtigkeit Gottes, durch den Glauben Jesu Christi, zu Allen und auf Alle, die da glauben: Denn es ist kein Unterschied: sie haben allesammt gesündigt, und mangeln des Ruhmes Gottes; sie werden gerecht ohne Verdienst, durch die Erlösung, so in Jesus Christus ist. . - Röm. 3.