Lavater, Johann Caspar - Predigten über das Buch Jona - Erste Predigt.

Lavater, Johann Caspar - Predigten über das Buch Jona - Erste Predigt.

Von der Allgemeinheit der göttlichen Fürsehung.

Ueber Das 1. Capitel des Buches Jonas.

Text. Jonas 1.

Und das Wort des Herrn geschahe zu Jona, dem Sohn Amithai, also:

Mache dich auf, gehe gen Ninive, in die große Stadt, und schrey wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich herauf kommen.

Und Jonas machete sich auf, daß er von dem Angesicht des Herrn gen Tharsis flöhe, und er kam gen Japho hinab, da fand er ein Schiff, welches gen Tharsis fahren wollte. Da gab er seinen Schifflohn, und trat darein, daß er mit ihnen gen Tharsis fuhre, von dem Angesicht des Herrn.

Aber der Herr ließ einen großen Wind auf das Meer einfallen, von welchem, ein großes ungestümes Wetter auf dem Meer entstund, also daß ein Schiffbruch zu besorgen war.

Da fürchteten sich die Schiffleute, und ein jeder schrie zu seinem Gott. Darum warfen sie das Geräthe, welches im Schiffe war, in das Meer hinaus, daß es davon erleichtert würde. Aber Jonas stieg hinunter zu den Seiten des Schiffs, lag daselbst, und schlief hart.

Da gieng der Schiffherr zu ihm, und sprach: warum schläfst du so hart? Steh auf! Ruf deinen Gott an! vielleicht mögte sich derselbe Gott gnädig zu uns wenden, daß wir nicht verdürben?

Also sprach einer zu dem andern: Kommet her, lasset uns das Loos werfen, daß wir erfahren, um welches willen uns dieses Unglück begegne. Und als sie das Loos warfen, fiel das Loos auf den Jonas.

Da sagten sie zu ihm: Lieber, sage uns: Um wessen willen begegnet uns dieses Unglück? was ist dein Gewerb? Und woher kommest du? was Landes bist du, und aus welchem Volke bist du?

Und er antwortete ihnen: Ich bin ein Hebräer, und ich ehre den Herrn, den Gott des Himmels, welcher das Meer und das Trockene gemachet hat.

Da erschracken diese Leute noch mehr, und sprachen zu ihm: warum hast du das gethan? Denn diese Männer hatten vernommen, wie er von dem Herrn geflohen wäre: (denn er selbst hatte es ihnen gesagt.)

Und sprachen ferner zu ihm: was sollen wir dir thun, daß sich uns das Meer stille? (Denn das Meer lief an, und ward ungestüm.)

Er antwortete ihnen: Nehmet mich, und werfet mich in das Meer, so wird euch das Meer still werden: Denn ich weiß, daß dieses große ungestüme Wetter meinetwegen über euch gekommen ist.

Also fiengen diese Männer an zu rudern, ob sie wieder an das Land kommen mögten. Aber sie konnten nicht, denn das Meer war angelaufen und ungestümer über sie worden.

Da riefen sie den Herrn an, sprechend: Ach Herr! laß uns doch um des Lebens willen dieses Manns nicht verderben, und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu, weil du doch der Herr bist, und nach deinem Gefallen handelst.

Also nahmen sie den Jonas, und warfen ihn hinaus in das Meer. Da stund das Meer still von seinem Wüten. Da erschracken diese Männer sehr heftig über den Herrn, und schlachteten dem Herrn Opfer, und thaten ihm Gelübde.

Ich habe mir vorgenommen, dieß merkwürdige und lehrreiche prophetische Buch in einigen sonntäglichen Morgenstunden mit Euch zu durchgehen, und einige erbauliche Betrachtungen darüber anzustellen.

Ich bin der Zuversicht, Euch zum Voraus versprechen zu dürfen, daß diese Betrachtungen Euerer Aufmerksamkeit nicht ganz unwürdig seyn werden.

Du aber, allerbester, allweiser, allwaltender Urheber, Schöpfer, Regierer aller Dinge! - Du einzige Quelle alles dessen das ist! Du Ursache aller Ursachen! - Du Erster und Letzter! Heiliger, Barmherziger, Allmächtiger Herr und Vater! Laß unsere Betrachtungen seegenreich seyn, und uns mit deinen allweisen, wundervollen und heilsamen Führungen bekannt werden, damit du allezeit von uns allen, über alles und allein angebetet, geehret, gesucht, und mit aller Zuversicht und Kindlichkeit geliebt werdest. Leite du meine Gedanken! Sende du mir dein Licht und deine Wahrheit! Allmächtiger, Allgütiger, Allgenugsamer, aus welchem, durch welchen, und in welchem alle Dinge sind! Dir sey Ehre durch Jesum Christum, in deiner Gemeine und von dem was lebt, gelebt hat und leben wird, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.

Abhandlung.

I. Theil.

Laßt uns, M. Th. Zuerst die Geschichte, die uns in dem abgelesenen ersten Capitel erzählt wird, vor uns nehmen, und ein wenig beleuchten.

Und sodann Zweitens den Anfang machen, einige lehrreiche Betrachtungen darüber anzustellen.

Jonas, der Sohn Amithai, erhielt von Gott, ungefähr um die Zeit der Regierung Jerobeams des Zweyten, dessenhalber er auch, nach dem XIV. Capitel des II. Buchs der Könige eine Weissagung gethan hatte, einen merkwürdigen und schweren Auftrag; Es sey nun vermittelst einer ausserordentlichen göttlichen Stimme; oder durch einen ausserordentlichen Traum, der sich von allen gewöhnlichen Träumen, die bloßes Spiel einer zaumlosen Einbildungskraft sind, klar genug unterschied; oder durch eine englische Erscheinung; oder auf andre Weise, wobey er gewiß seyn konnte, diese Aufforderung rühre von Gott her. - Dieser Auftrag von Seite Gottes lautete also: Mache dich auf! Gehe gen Ninive, in die grosse Stadt, und schreye wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich herauf gekommen. In eine heydnische Stadt, die damalige Haupt - und Residenzstadt des assyrischen Reiches, - dahin also sollte der jüdische Mann hingehen? Sollte auf den Gassen und in den Häusern derselben, im Namen Jehova, das des einzigen, allerhöchsten Gottes, die Sünden und die himmelschreyenden Verbrechen ihrer zahlreichen Einwohner aufdecken, und sie unter Androhung strenger, sonst unausbleiblicher göttlicher Gerichte, zur Busse und Sinnesänderung mit aller Beredsamkeit und allem Eifer auffordern? - Ein schwerer Auftrag! In den Augen einer verderbten Residenzstadt äusserst lächerlich - und äusserst gefährlich. - Um dieß zu empfinden, darf man sich nur einen Augenblick vorstellen, daß man heut zu Tage einen solchen Auftrag für eine unsrer grossen Städte, wie etwa Paris oder Amsterdam sind, von Gott erhalten würde. Es läßt sich also leicht begreifen, warum Jonas Bedenklichkeiten fand, diesen göttlichen Auftrag zu vollführen, und sich nicht getraute - Er allein - gegen einige hundert tausend Menschen; - Er, ein Jude gegen eine heidnische Stadt, deren Einwohner Erzfeinde der Juden waren; - Er, der Verehrer einer unsichtbaren, ihnen fremden Gottheit; - Er, im Namen dieser Gottheit, die als die einzige verehrt seyn, und keine andere neben sich dulden will; - Er, gegen eine in allen Arten von Abgötterey und unnatürlichen Gräueln versunkene Nation aufzustehen und sie zu bekehren.

Kein Wunder, daß er, wie wir im III. Capitel sehen, Vorwände sucht, diesem Auftrage zu entgehen, und auch auf den seltsamen Einwurf verfällt: - Gott sey ein gütiger und langmüthiger Gott, der sich des Uebels gereuen lasse; - Seine Weissagung von dem Untergang Ninive dürfte also umsonst seyn. - Dergleichen Einwendungen lassen sich, sag' ich, gar leicht begreifen; - Allein das ist schwer zu begreifen, und noch schwerer zu entschuldigen, daß er auf den tollen Einfall gerieth, vor dem Angesichte des Herrn zu fliehen, und seiner allgegenwärtigen Hand gleichsam zu entlaufen.

Zu entschuldigen und zum Theil natürlich wär' es gewesen, wenn er gleich andern Propheten, die von Gott zu ähnlichen Verrichtungen berufen worden, Gott seine Schwachheit und Untüchtigkeit zu einem so wichtigen Werke mit aller Demuth und Ehrfurcht vorgehalten hätte; wenn er wie Moses und Jeremias zu Gott gesagt hätte: Ach! mein Herr! Ich bin ein Mann, der nicht wohl beredet ist; sie werden mir auch nicht glauben, noch meine Stimme hören, sondern werden sagen: Der Herr ist dir nicht erschienen. Lieber sende doch, wen du sonst senden willst; denn das Wort des Herrn wird mir täglich zum Hohn und zum Spott werden. - In diesem Falle würde ihm Gott unfehlbar, nach seiner herablassenden Güte, hinlängliche Creditive und Beglaubigungszeichen, daß er, Jehova, ihn sende, und entscheidende Versicherungen gegeben haben, daß sein Vorhaben wohl von statten gehen werde. - Aber hievon lesen wir nichts. Er scheint den göttlichen Auftrag wirklich angenommen zu haben; aber sobald die himmlische Erscheinung wieder verschwunden, die göttliche Stimme verschallt war, so gereuete es ihn, so ward er muthlos, und sann darauf, sich dem ihm gegebnen Auftrage zu entziehen. Er machte sich auf, daß er von dem Angesichte des Herrn gen Tharsus flöhe, und kam gen Japho hinab, da fand er ein Schiff, welches gen Tharsus fahren wollte, gab seinen Schifflohn, und trat darein, daß er mit ihnen gen Tharsus fuhre, von dem Angesichte des Herrn.

Armer, thörichter Mann! Von Gott deinem Schöpfer willst du fliehen? Nähmest du Flügel der Morgenröthe, und flöhest zu äusserst an das Meer, - weissest du nicht, daß seine Hand dich auch daselbst finden, und seine Rechte dich halten wird? - Was geschahe? -

Der Herr ließ einen grossen Wind auf das Meer einfallen, von welchem ein grosses ungestümes Wetter auf dem Meer entstund, also daß ein Schiffbruch zu besorgen war. Alle Schiffleute, aus verschiedenen abgöttischen Städten, fürchteten sich, und ein jeder schrie zu seinem Gott, zu demjenigen eingebildeten Wesen, das er für seinen Schutzgott hielt. Man erleichterte das Schiff durch Hinauswerfung aller nur immer entbehrlichen Schiffsgeräthe. Jonas aber war, entweder schon vor dem Ungewitter aus Sicherheit, oder während desselben aus Traurigkeit und Unmuth, hinunter in das Schiff gestiegen, und schlief hart.

Der Schiffherr, der sich und seine Schiffgenossen in so grosser Gefahr, alle mit arbeiten und beten beschäftigt sahe, - konnte es nicht leiden, daß Jonas so sorgenlos schlief. - warum, rief er ihm zu, schlafest du so hart? Stehe auf! Rufe deinen Gott an! Vielleicht mögte sich derselbige Gott freundlich zu uns wenden, daß wir nicht verdürben und zu Grunde giengen! Bisher war all ihr Beten und Schreyen vergeblich gewesen; Sie machten also den Schluß, daß eine unversöhnte beleidigte Gottheit dieß harte Schicksal über sie verhängt haben mögte; daß vielleicht ein grosser Verbrecher unter ihnen seyn mögte, den die Rache irgend eines unbekannten Gottes verfolgte. - So sehr dieß auf ihrer Seite Aberglauben gewesen zu seyn scheint, so ließ es dennoch die göttliche Fürsehung diesesmal geschehen, daß ihre Vermuthung eintraf. Kommet her, sprach einer zum andern: Lasset uns das Loos werfen, daß wir erfahren, um welches willen uns dieses Unglück begegne! Sie warfen das Loos - und es traf den Jonas. Seine Schiffgenossen schienen gerührt zu seyn, und Mitleiden mit ihm zu haben. Lieber, sag uns, warum begegnet uns dieses Unglück? Was ist dein Gewerbe? woher kommst du? Was Landes und aus welchem Volke bist du?

Jonas war ehrlich genug, seinen Gott, seine Religion, und sich als einen Verbrecher, als den Strafwürdigen, als die Ursache ihrer stürmischen und unglücklichen Fahrt zu bekennen.

Ich bin ein Hebräer, gab er ihnen zur Antwort: Und ich ehre den Herrn, Jehovah, den Gott des Himmels, welcher das Meer und das Trockene gemacht hat. Nicht irgend eine erdichtete Gottheit, die nirgends als in dem Gehirn abergläubischer Menschen vorhanden ist; Nicht eine Gottheit, die nicht lebt, und nicht lebendig machen, nicht hören und nicht erhören kann nicht Unglück schickt, und nicht aus dem Unglück hilft, nichts giebt, und nichts hat; - Nicht eine solche Gottheit bete ich an. Das Wesen, das ich für den Urheber meines Wesens erkenne, ist nicht nur ein Gott irgend einer besondern Nation oder Gegend; Es ist der Gott aller Menschen, der Urheber aller Dinge; - Gott über die Erde, und Gott über das Meer; Alles was ist, ist sein, - und alles was ist, ist von ihm und durch ihn. - Diesem Gotte, gestand er ihnen weiter, mit einer liebenswürdigen Redlichkeit, - war ich ungehorsam, dessen Auftrag wollt' ich nicht vollführen, dessen Angesicht ich entfliehen.

Seine Schiffgenossen waren bey diesem Bekenntniß in die äusserste Bestürzung gerathen. Die Nachricht von einem Gotte, der alle Dinge gemacht, nicht der Gott nur einer besondern Nation, der Schöpfer und Oberherr nicht nur Eines Theils der Erde wäre, setzte sie eben so sehr in ein schreckenvolles Erstaunen, als das Geständniß, daß er ein Kenner, und sonst ein Verehrer, ein Prophet und Vertrauter dieser erhabenen Gottheit - so vermessen gewesen, sich ihrem so wichtigen Auftrage zu entziehen. Diese Leute, heißt es, erschracken, und sprachen zu ihm: warum hast du das gethan? Denn sie hatten vernommen, wie er von dem Herrn geflohen wäre, denn er selbst hatte es ihnen gesagt. Sie fuhren indeß nicht sogleich mit ihm weg; sie schienen Ehrfurcht und Mitleiden gegen ihn zu haben. Sie berathen sich mit ihm, was sie nun anfangen sollten, - und sprachen: Was sollen wir dir thun, daß sich uns das Meer stille? denn das Meer lief an, und ward ungestüm.

Jonas - war redlich - war edelgesinnt, ja ich kann anders nicht sagen, er war erhaben genug, sich zum Opfer für sie hinzugeben, und, vermuthlich durch eine geheime göttliche Eingebung ihnen den Vorschlag zu thun; Nehmet mich, und werfet mich in das Meer, so wird euch das Meer still werden; denn ich weiß, daß dieses grosse ungestüme Wetter von meinetwegen über euch gekommen ist. Ich, ich bin der Verbrecher, den die göttliche Fürsehung euch auszeichnen will. Ich habe gesündigt, und bin die Ursach euerer Angst und Gefahr. - Mein Leben gebe ich für das eurige hin. - Tödtet mich, so werdet ihr leben. - Diese Anerbietung des ehrwürdigen Mannes machte Eindruck auf sie; sie wollten nicht sogleich seinem Verlangen willfahren. Sie versuchten es, wo immer möglich, wieder ans Land zu kommen; aber sie vermochten es nicht, denn das Meer war gar sehr angelaufen, und ungestüm über sie geworden. Sie wendeten sich also - das erste Mal in ihrem Leben - mit Gebet zu Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, und riefen: Ach Herr! laß uns doch um des Lebens willen dieses Mannes nicht verdarben, und rechne uns nicht zu unschuldiges Blut; weil du doch der Herr bist, und thust nach deinem Gefallen. Straf uns doch nicht, du uns neuer, du mächtiger, du wunderbarer Gott! - Weil wir das Leben dieses Mannes, nach seinem eignen Rathe, Preis geben; Wir thun es nicht aus Feindseligkeit; Uns hat er nicht beleidigt; Es kommt uns schwer an, seinem Rath zu folgen, und ihn ins Wasser zu werfen. - Du wollest uns doch deßwegen nicht strafen! Nicht als Vergiesser von unschuldigem Menschenblut ansehen und richten! Du bist, wie wir von diesem Mann erfahren, und wie wir es zum Theil selber sehen, Herr über Alles, und handelst nach deinem Wohlgefallen! Ein grosser und mächtiger Gott bist du, in dessen Gewalt die Veränderungen der Elemente, und die Schicksale der Menschen stehen. - Darum - machen wir uns billig ein Bedenken, den Rathschlag dieses Mannes wider sich selber zu vollführen.

Leute wahrlich, die bey allem ihrem Aberglauben, bey aller ihrer Unwissenheit dennoch etwas redliches, religiöses, menschenliebendes, in ihrem ganzen Betragen blicken lassen.

Erst nach diesem Gebet; Erst nach dem dringenden Anhalten des Propheten; Erst nach angestrengten Versuchen, sich auf eine andere Weise zu retten, - und dann anders nicht, als mit widerstrebendem Herzen, nahmen sie den Jonas, und warfen ihn in das Meer; - Und - kaum ward Jonas hineingeworfen - so legte sich Sturm und Ungewitter; - Angst und Gefahr verschwanden augenblicklich; - Der Himmel heiterte sich auf; - Und sie konnten ihre Reise ohne Anstand fortsetzen.

Die Männer im Schiffe geriethen durch diese wundervolle Begebenheit in das äusserste Erstaunen. Ehrfurcht vor der Erhabenheit des grossen Gottes, von dem ihnen Jonas gesagt hatte, erfüllte sie. Sie mußten ihn sogleich als einen allmächtigen, gerechten und gütigen Gott erkennen; Sie bezeugten ihm auch ihre Ehrfurcht so gut sie konnten. - Sie schlachteten dem neuen Gotte Opfer, und thaten ihm Gelübde; Das ist: Sie huldigten ihm; Sie flehten ihn um seine Huld und Gnade an, - und gelobten ihm, daß sie ihn öffentlich als eine mächtige, lebendige Gottheit erkennen und verehren wollten. - So weit, Andächtige! geht die Geschichte unsers Textcapitels. - Laßt uns nun zu einigen erbaulichen Anmerkungen und Betrachtungen fortschreiten.

II. Theil.

Die Geschichte, die wir Euch so eben vorgetragen haben, giebt uns zu verschiedenen lehrreichen Betrachtungen die erwünschteste Gelegenheit. - Gott - und Jonas, - und die Gefährten seiner Reise, alle werden uns auf einer Seite, und in einem Lichte vorgestellt, daß wir Belehrungen und Nutzen für uns daraus herleiten können. Wir gedenken aber diesesmal nur bey Einer Hauptbetrachtung stehen zu bleiben, die, wenn sie gleich zum Theil bekannt genug seyn mag, wegen ihrer täglichen Brauchbarkeit, Euere ganze Aufmerksamkeit verdienet.

Diese allgemeine Anmerkung, die sich auf dieß ganze Buch Jonas bezieht, ist diese: Es scheint offenbar die Hauptabsicht des von Gott erleuchteten Verfassers zu seyn, - Gott, als einen allgemeinen Gott, als den Gott und Schöpfer und Regierer aller Menschen, aller Dinge, als den vorzustellen, von dem alles abhängt, ohne dessen Leitung nichts geschiehet, der bey allem dem, was wir groß und was wir klein nennen, seine Hand hat. Unsere erste Betrachtung betrifft also die Allgemeinheit der Fürsehung Gottes.

Es ist dieß zwar eine von den vornehmsten und offenbarsten Absichten aller heiligen Verfasser, diese allwaltende Fürsehung Gottes glaubwürdig, und so viel wie möglich handgreiflich zu machen. Aber mir scheint unter allen keiner so ganz ausdrücklich, so ganz durchaus und mit dem größesten Fleiße, dieß immer vor dem Auge gehabt zu haben, dieß so deutlich und in allem zeigen zu wollen, wie der Verfasser unsers Buches, der zu diesem Zwecke seine eigne, merkwürdige, und für ihn selbst so beschämende Geschichte wählet. Man lese diese Geschichte von einem Ende zum andern; Man wird diese Lehre von der Allgemeinheit Gottes - und seiner gütigen Fürsehung über alle Menschen, von was für einer Nation sie immer seyn mögen; - Ueber alle Thiere, alle Elemente, alle Pflanzen, kurz über Alles, auf die einfältigste, einleuchtendste und stärkste Weise darin vorgetragen finden.

Jonas erhält den Auftrag - einer heydnischen Königsstadt Busse zu predigen; Auch Heyden also sollen zur Erkenntniß und zur Anbetung des einigen wahren Gottes gelangen? Heyden will sich Jonas entziehen, - und darum verfolgt ihn die göttliche Gerechtigkeit? Auch den Schiffleuten - Wer hätte daran denken sollen? will Gott sich bekannt machen? An Heyden seegnet Gott, wie wir im Verfolge hören werden, die Predigt des Israelitischen Propheten?- - Heyden also, abgöttische Nationen, lasterhafte Nationen, deren Sünden himmelschreyend sind; auch diese sind also nicht von der weisen und gütigen Fürsehung Gottes ausgeschlossen? Eine grosse Residenzstadt, dreyer Tagreisen groß, worinn mehr als Vier mal hunderttausend Einwohner sind, - und ein Schiff voll guter, ehrlicher, einfältiger, abergläubischer Fremdlinge aus verschiedenen Nationen; - Beyde sind das Augenmerk des Gottes, der alle Geschlechter der Menschen aus Einem Blute gemachet hat, - der da will, daß Alle Menschen selig werden, und zur Erkenntniß der Wahrheit kommen. -

Aber auch unmündige Kinder, auch das Vieh, auch ein Walfisch, auch ein Würmlein, auch eine Kürbisblum, - Alles ist ein Augenmerk seiner allwaltenden höchstweisen Fürsehung! Alles wird ihm zugeschrieben. Das, was, wie wir zu sagen pflegen, natürlicher und mittelbarer Weise geschiehet, wird gerad eben so ihm zugeschrieben, - wie das, was wir übernatürliche und unmittelbare Wirkungen Gottes nennen. Eben der Gott, der auf eine unmittelbare Weise, und durch eine ausserordentliche Erscheinung dem Jonas befiehlt: Mache dich auf, und geh in die grosse Stadt Ninive, und schreye wider sie; - Eben der ists, der einen grossen Wind auf das Meer einfallen läßt; Eben der ist es, der das Loos auf Jonas fallen läßt; Eben der ist es, der dem Sturmwinde gebeut sich zu legen; Eben der verordnet einen Walfisch; Eben der befiehlt dem Walfisch, und macht die Anordnung, daß. er den bußfertigen Propheten wieder ans Land speut; - Eben der bereitet ein Kickaion1); Eben der bereitet ein Würmchen, das den schattenwerfenden Kickaion zerfrißt; Eben der bereitet einen sanften Ostwind, daß die Sonne den Jonas auf das Haupt stach; Eben der redet mit ihm, wie ein Mann mit dem andern. Alles ein und eben derselbe Gott, der Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemachet hat. Der ist alles, thut alles, veranstaltet, giebt und nimmt alles. - Das ist die Lehre der Schrift und der Wahrheit. - Das sagt die Offenbarung, und das sagt die durch die Offenbarung erleuchtete Vernunft, daß man in allen Dingen, bey allem, was wir sehen, und hören, und haben, und gemessen, nur auf ihn sehen, nur ihn vor dem Auge behalten sollen; Daß alle Einrichtungen, alle Folgen dieser Einrichtungen von ihm, und von ihm allein, dem ersten, unsichtbaren, ewigen Ursprung aller Dinge herrühren müssen. Vernunft und Offenbarung rufen uns mit einmüthiger, gleichlauter Stimme unaufhörlich zu: Du hast alles das lieb, das da ist, und hassest keines derer Dinge, die du gemacht hast! was mögte bestehen, oder im Wesen bleiben, wenn du nicht wolltest? Oder wie mögte etwas bestehen und erhalten werden, das nicht von. dir berufen wäre? - Dein ewiger Geist ist in allen Dingen! Es ist kein anderer Gott als Du, und du tragest Sorge für alle Dinge. (Buch der Weisheit. XI. XII.) - Vernunft und Offenbarung rufen uns mit einmüthiger, gleichlauter Stimme unaufhörlich zu: Sollte von dem Munde des Herrn, des Allerhöchsten, nicht das Gute und das Böse ausgehen? wer ist, der sagen dürfe, daß etwas geschehe, welches der Herr nicht geboten habe? Ist auch ein Uebel in der Stadt, welches der Herr nicht thue? - wenn er, der Herr, das Hause nicht baut, so arbeiten die umsonst die daran bauen; wenn der Herr die Stadt nicht behütet, so wachet der Wächter umsonst. - Kauft man nicht zween Spatzen um einen Pfenning, - und keiner aus ihnen ist vor Gott vergessen; - Ja keiner aus ihnen wird auf die Erde fallen, ohne Euern Vater. - Ja es sind auch die Haare Euers Hauptes alle gezählet. - Jeremiä III. Psalm CXXVII. Matthäi X.

Wenn Gott der Schöpfer ist von einem einzigen Dinge, so ist er es von Allem; - und wenn er Alles gemacht hat, so ist seiner Fürsorge und Leitung nichts zu gering; Was seiner Weisheit und Allmacht zu erschaffen nicht zu gering war, kann ihr zur Erhaltung und Regierung unmöglich zu gering seyn. Alles hängt aufs genaueste zusammen: Was kann geringer seyn als der Schatten? Und wie sehr hängt dieß geringste aller geringen Dinge von Gott ab? Der Schatten ist nicht ohne das Licht, das Licht nicht ohne die Sonne, die Sonne nicht ohne Gott; - Also ist auch der Schatten - das Allergeringste, das man sich denken kann, von Gott. - Wenn alles Leben von Gott kommt; So kommt auch mein Leben von ihm; So kommt alles Blut, worinn mein Leben haftet, von ihm; So kommt alles, woraus mein Blut bestehet, von ihm; So kann ich keinen Finger bewegen ohne ihn, kein Wort reden ohne ihn, keinen Odem holen ohne ihn; - Und wenn ich ohne ihn nichts kann, so kann kein einziger Mensch auf Erden etwas ohne ihn. - Und wenn der Mensch, der Herr der Erde, von ihm abhängt; So muß auch das Thier, und die Pflanze, und der Staub der Erde von ihm abhängen; so muß ohne seinen Willen nichts seyn, nichts geschehen; So kann ohne ihn nichts entstehen, nichts vergehen, nichts sich verändern. - Diese allerwichtigste, uns alle so nahangehende Grundlehre der Offenbarung, diese Freudenlehre, laßt uns unsern Herzen wohl einprägen, Meine Theuresten Zuhörer! Jede Veränderung, die in der Natur vorgeht, jedes Wehen des Windes, jedes Wallen des Wassers, jede Art von angenehmer oder unangenehmer, fruchtbarer oder unfruchtbarer Witterung, jeder noch so natürlich scheinende Vorfall, jeder Mensch, der uns besucht, oder den wir besuchen, jedes Ding das wir empfangen oder ausgeben, finden oder verlieren, lehren oder lernen, - Alles was geredet und was gehört, gedacht und empfunden, gethan und unterlassen wird; Alles was gelingt und mißlingt, nach Wunsch und nicht darnach geht; - Freuden wie Schmerzen, Krankheit wie Gesundheit; - Werden und Sterben; - Erndte und Herbst, Sommer und Winter; – Reichtum und Armuth; - Freunde und Feinde; — Alles, alles, laßt uns als Gaben, Schickungen, Leitungen der allwaltenden Fürsehung Gottes ansehen; Alles auf Gott zurück führen; - Alles von ihm herleiten; Alles als aus seiner Hand annehmen; Für alles ihm danken.

Nur ein einziges Beyspiel kann hinlänglich seyn, uns zu zeigen, uns empfinden zu machen, wie sehr alles, auch das, was durch Menschen-Hände an uns kommt, auch das, was wir selber wirken und bearbeiten, von Gott herrührt, ihm zuzuschreiben, ihm allein zu verdanken ist. - Dieß Beyspiel sey das Brod, das wir täglich geniessen. - Es ist wahr, Menschen bearbeiten das Feld, pflanzen, säen und erndten; Menschen sammeln es in die Scheuren, Menschen mahlen das Korn; - Menschen backen, Menschen verkaufen und kaufen es. - Aber - Wer giebt dem Menschen den ersten Saamen darzu? Wer hat das Erdreich gemacht, worein der Saame gelegt wird? Wer hat dem Menschen Augen gegeben, Korn und Feld zu sehen; Hände, das Korn auszustreuen, und das Feld zu pflügen; Verstand, es mit Ordnung und Nutzen zu thun? Wer hat das Holz und Eisen zum Pfluge gemacht? Wer das Roß oder den Stier, der dem Pfluge vorgespannt wird? Wer den Stoff, womit die Thiere an den Pflug gebunden werden? - Wer läßt die Sonne aufgehen? Wer läßt regnen? Wer thauen? Wer sendet Winde? Wer Ungewitter, die zur Fruchtbarkeit dienen? Wer giebt den Stahl zur Sichel, und den Wetzstein zum wetzen? Wer das Seil, womit die Garben gebunden werden? Wer das Holz zum Wagen, auf dem das Korn weggeführt wird? Das Holz zur Scheuer, worinn es aufbewahrt wird? Wer giebt Kraft zum Dreschen? Wer den Stein, der in der Mühle hängt? Wer das Wasser, das die Mühle treibt? Wer den Hanf zum Sack, worein das Mahl behalten wird? Wer die Erde zum Laim, und den Backsteinen, woraus der Ofen gebaut ist? Wer schaffet das Feuer? Wer das Wasser, - ohne welches kein Brod gemacht werden könnte? Wer das Metall, woraus unser Geld gemacht ist, wofür wir Brod kaufen? Wer den Mund, womit wir essen? Wer den Magen, womit wir die Speise verdauen? - Wer ist von dem allem der Urheber; - Der Mensch oder Gott? Wie viel bleibt dir übrig o Mensch! Siehest du nicht, daß Gott es ist, der das Brod aus der Erden hervorwachsen macht, wodurch dös Menschen Herz gestärkt wird; daß Er uns unser tägliches Brod giebt? - Wie es mit dem Brod ist, M. Th. so ist es mit allem. Alles, alles kommt von ihm her, - Alles was ist, und alles was geschiehet.

Wer sich diese Ueberzeugung recht geläufig gemacht hat; bey wem das der herrschende Gedanke, und die immer lebendige Empfindung ist; Der, und der allein, ist immer ruhig und zufrieden, – der darf immer sein Haupt empor heben, darf nie verzagen, nie ängsten, der nimmt allenthalben Ordnung und Harmonie wahr, wo nichts als Unordnung und Zerrüttung zu seyn scheint; Unordnung, Dißharmonie und Zerrüttung auf Seite der Menschen; Ordnung, Harmonie, Seegensvolle Anstalten, auf Seite der göttlichen Fürsehung; - Wes, sagt er zu sich selbst, alles steht in der Hand meines Gottes. Was ich thue, thue ich durch seine Kraft; Was ich leide, leide ich nach seinem Willen; Was ich habe, habe ich von ihm; Was mir begegnet, begegnet mir nach seinem Rath; - Menschen mögen mir Gutes thun; - Sie sind es eigentlich nicht; - Gott thut es durch sie. - Menschen mögen Böses über mich gedenken; - Sie thun es aus freyem Willen und sind strafbar. Gott ist nicht der Urheber der Sünde; Er, der nicht zur Sünde versucht und gereizt werden kann, versucht und reizt auch niemand zur Sünde. Aber; - Er läßt das Böse geschehen, und macht Gutes daraus. Josephs Brüder dachten Böses, aber Gott lenkte es zum Guten. Was bös ist, wird zwar an sich böse bleiben, und die Verdammniß derer wird allemal gerecht seyn, die vermessen genug sind zu sagen: Lasset uns Böses thun, daß Gutes daraus erfolge! Aber auch dieß Böse, das andere freywillig thun, auch selbst dieß an sich unverantwortliche, dieß verdammliche Böse wird die göttliche Fürsehung so gut für mich zu nutzen wissen, mir wird eben der Vortheil daher erwachsen, als wenn es Gott ausdrücklich gewollt hätte. Einem solchen Gott, der aus der Bosheit der Brüder Josephs, und aus der Unmenschlichkeit eines Verräthers, die an sich immer verdammliche Bosheit und Unmenschlichkeit bleiben werden, - Leben und Seligkeit vieler Tausenden heraus zubringen weiß; - Einem so wachsamen Gott, der aus allem so viel Vortheil für seine lieben Menschen herausziehen kann, will ich mich ruhig überlassen! Das Ende wird allemal gut, allemal herrlich seyn.

Wahrhaftig nur diese Sprache der Zufriedenheit und Ruhe, die aus Ueberzeugung und Empfindung entsteht; Nur diese schickt sich für Menschen, die einen Gott, und eine göttliche Fürsehung glauben. - Wer ihr glaubt, Meine Theuresten! der wird erfahren, daß er nicht umsonst an sie glaubt; - Erfahren, daß was geschiehet, nach Gottes Leitung und Willen geschiehet; - Erfahren wird er, ich stehe ihm dafür, denn ich weiß, wem ich glaube; Erfahren, daß die Fürsehung Gott, und daß Gott die Liebe ist.

Aber noch eine sehr wichtige Betrachtung, Meine Theuresten! giebt uns die Lehre von der allwaltenden, sich über alles erstreckenden Fürsehung Gottes, welche so offenbar den Hauptzweck des vor uns habenden prophetischen Buches, und unsers Text-Capitels ausmacht, an die Hand: wenn Gott für alles sorgt, wenn ihm nichts zu gering ist, so müssen auch wir, nach dem Maaß unserer Kräfte, und nach der Beschaffenheit unserer Umstände, nichts von unserer Theilnehmung, unserer Liebe, unserer Achtung, unserer Sorgfalt ausschließen. Wenn Gott der Gott aller Menschen ist, so müssen wir, wenn ich so sagen darf, auch Menschen aller Menschen seyn. Was Gott lieb ist, muß auch uns lieb seyn. Wenn Gott befiehlt, daß Jonas auch einer heydnischen lastervollen Stadt seinen Namen verkündige, und sie von dem Untergang rette, so lasset uns ja nicht mit stolzer Verachtung und liebloser Verdammungssucht, auf so viele fremde Nationen und Menschen hinab und hinaus sehen, und sie gleichsam von der menschlichen Gesellschaft ausschlössen. - Nein; Alle Menschen, vom Aufgang bis zum Niedergang; Die, welche Gott kennen, und die, welche ihn nicht kennen; Die, welche ihn in Christo ehren, und die, welche ihn in einem Bilde von Gold oder Silber verunehren; - Alle, welche gewesen sind, noch sind, und seyn werden, - sind Gottes Geschöpfe, seine Ebenbilder, sein Geschlecht, seine Kinder; Alle unsere Brüder; - Für alle leuchtet Eine Sonne, Ein Mond; Alle haben Einen Vater; Alle hat nur Ein Gott erschaffen. - Für alle sorget Gott; Für alle väterlich! Laßt uns alle als Geschwister ansehen; An alle brüderlich denken; - Für alle, wenn wir sonst weiter nichts thun können, brüderlich beten; Uns über Gottes Fürsehung über sie alle, über ihrer aller Seelen, über ihrer aller Unsterblichkeit freuen; - Freuen, daß sie sind, wie wir sind; Daß Gott auch für sie sorgt, auch gegen sie sich nicht unbezeugt läßt, auch ihre Seligkeit will; Daß Jesus, wenn sie ihn gleich itzt noch nicht kennen, auch für sie gestorben, auch ihr Versöhner und Richter ist; Daß Gott in Christo nicht nur ein Heyland der Gläubigen, sondern aller Menschen Heyland ist; Daß er nicht will, daß jemand verloren gehe; Daß Jesus Christus die Versöhnung ist für unsere, aber nicht nur für unsere, sondern auch für der ganzen Welt Sünde.

Erweitern, immer mehr erweitern laßt uns unsere Herzen! Es müssen immer mehr Menschen darin Platz haben! Unsere Theilnehmung an allen Angelegenheiten der menschlichen Natur, an allen Schicksalen des menschlichen Geschlechtes müsse immer aufrichtiger, wärmer, größer werden. Alles soll uns angehen, was Mensch und menschlich heißt! Laßt uns auch hierin unserm Schöpfer, dem allgemeinen Vater aller, in allem, und durch alles, ähnlich werden. Er läßt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse; Er läßt regnen über die Felder der Gerechten und der Ungerechten. Er ist gegen allen gütig, und seine Barmherzigkeit erstreckt sich über alle seine Werke. -

Ja er ist nicht nur auch gegen blinde Heyden, sondern auch gegen Undankbare und Boshaftige gütig! Dieses Vaters Kinder wollen wir seyn! Von dessen gemeinsüchtigen, sich allen gern mittheilenden Geiste wollen wir uns beseelen lassen! Dieser Geist des ewigen Vaters, der Geist der allgemeinen Theilnehmung und Liebe ist schon in unsern Herzen; Aber gleichsam vergraben, aber beynahe erstickt ist er unter den Neigungen des Stolzes, der Eigenliebe, des Eigennutzes, der Trägheit und Sinnlichkeit. Wollen wir Gott ähnlich, und in dieser Aehnlichkeit - seiner Gemeinschaft und Seligkeit fähig werden; Wollen wir. Kinder des Höchsten, wollen wir barmherzig, und in der Liebe vollkommen seyn, wie unser himmlischer Vater barmherzig und vollkommen ist; So müssen wir jede Gelegenheit, die uns die göttliche Fürsehung an die Hand giebt, einem Menschen etwas Gutes zu thun, begierig ergreifen; Jedem Triebe zum Wohlwollen und Wohlthun aufhelfen, jedem Gehör geben; Kopf und Herz bey jedem Hange, jeder Eingebung des Eigennutzes und der Menschenverachtung beherzt und schnell wegwenden; - Unser Herz zu Gott, dem gemeinschaftlichen Vater aller, zu Jesu, dem gemeinschaftlichen Mittler aller, erheben, und ihn mit froher Zuversicht um den Geist der allgemeinen Menschenliebe, um die Erweckung und Lebendigmachung dieses Geistes in unsern Herzen anflehen. - Gottes Geist ist in unsern Herzen; Die ewige Liebe hat sich in demselben gleichsam ins Kleine gezeichnet. Der Urheber unserer Natur könnte nicht fordern, daß wir mit seiner allgemeinen Liebe lieben sollten, wenn in unsern Herzen keine Möglichkeit dazu vorhanden wäre. Lasset uns also glauben, daß wir Gottes und Christi Liebe in uns erwecken können! Diesem Glauben und Sehnen nach dieser Liebe wird diese Erweisung möglich seyn. Dann wird sich unser Herz erweitern, unsere Liebe vervollkommnen, und unsere Seligkeit eben so unaussprechlich gewiß, als unaussprechlich groß für uns seyn. Gott lasse das Gesagte uns allen erwecklich und heilsam seyn. Amen.

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die schattenwerfende Pflanze, von Luther als Rizinus übersetzt
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