Disselhoff, Julius - Die Geschichte König Davids, des Mannes nach dem Herzen Gottes - Fünfte Predigt. Freundschaft unter den Knechten Gottes.

Disselhoff, Julius - Die Geschichte König Davids, des Mannes nach dem Herzen Gottes - Fünfte Predigt. Freundschaft unter den Knechten Gottes.

1 Sam. 20.

Freundschaft unter den Knechten Gottes.

Nehmen wir zu dem verlesenen Abschnitt noch den Anfang des 18. und 19. Kapitels, so wie das Klagelied Davids über Sauls und Jonathans Tod (2 Sam. 1) hinzu, so haben wir ein so liebliches und erquickliches Bild von Freundschaft unter Knechten Gottes, wie es uns in solcher Weise in der ganzen Bibel nicht wieder entgegen tritt. Mitten unter Hass und Hader, Falschheit und Verleumdung, Streit und Kampf, Not und Elend, Verfolgung und Flucht erscheint uns der Ort, wo David und Jonathan weilen, wie eine stille Friedenshütte, um die der Odem Gottes weht. Gott hat uns dieselbe nicht bloß vor die Augen gemalt, - was sollte eine gemalte Friedenshütte uns frommen? er hat sie vor uns aufgebaut, so dass, wer da will, hineingehen kann. Die Geschichte Davids und Jonathans ist uns erzählt, nicht weil sie einmal vor mehreren tausend Jahren geschehen ist, sondern damit sie fort und fort neu geschehe, damit sie mitten im Neiden und Streiten unserer Tage gleiche Freundschaft nach dem Herzen Gottes, gleiche Friedenshütten schaffe. Wer denn Ohren hat zu hören, der höre. Der Herr redet heute zu uns von der

Freundschaft unter den Knechten Gottes.

Wir wollen drei Fragen aufwerfen, und aus unserer Geschichte die Antwort sogleich hinzufügen.

I. Worauf gründet sich die Freundschaft unter Knechten Gottes? - Sie ist ein Bund im Herrn.
II. Welche Gefahren drohen auch der Freundschaft unter den Knechten Gottes? - Dass der Eine, die Sünde des Andern übersehend, um seinetwillen tut, was vor Gott nicht recht ist.
III. Welcher Segen ruht auf der Freundschaft unter den Knechten Gottes? - Sie lehrt neidlose Freude mit dem Fröhlichen und treues Trauern und Tragen mit den Trauernden.

I.

Wenn uns schon zu Anfange des 18. Kapitels erzählt wurde, dass Jonathans Herz mit dem Herzen Davids sich verband, beide einen Bund mit einander machten und Einer den Andern lieb hatte, wie sein eigen Herz, so fühlen wir es zwar schon diesen Worten an, dass das Band, welches sie an einander fesselte, ein durchaus lauteres und edles war. Indes wird uns in diesen Worten doch noch nicht gesagt, was eigentlich den Einen zum Andern hingezogen hat. Es konnte dieser Zug auch ein bloß natürlicher sein, ein gegenseitiges Wohlwollen und Gefallen, eine gegenseitige Bewunderung des Charakters und der Taten des Andern. Wäre das der Fall gewesen, so hätte die Freundschaft beider wohl eine nach Menschenurteil edle, aber niemals eine Freundschaft nach dem Herzen Gottes werden können. Hier waren höhere, als bloß natürliche Triebe, wirksam. Es war mehr bei Jonathan, als bloße Lust an Davids Saitenspiel und Heldentat und an seiner schönen Gestalt, und bei David mehr, als nur Lust an der Ehre, des Königssohnes, des Besten und Edelsten in Israel, vertrauter Freund zu sein. Wir haben dafür ein ausdrückliches Zeugnis. David sagt zu Jonathan: „Du hast mit mir, deinem Knechte, einen Bund im Herrn gemacht.“ (20, 8.) - Als sie später ihren Bund erneuerten, wird uns erzählt: „Und sie machten Beide einen Bund mit einander vor dem Herrn.“ (23, 18.) Was wollen diese Worte sagen?

Wir wissen aus der früheren Geschichte Jonathans, namentlich aus seinem Bekenntnis: „Es ist dem Herrn nicht schwer, durch viel oder wenig helfen!“ (1 Sam. 14, 6.), dass er im lebendigen Glauben an den lebendigen Gott stand und durch denselben große Taten verrichtet hatte. Aber sein Glaubensmut war matt geworden. Denn bei dem allgemeinen Entsetzen vor dem philistäischen Riesen wagte auch Jonathan nicht, an Hilfe zu denken. Da kommt der Hirtenknabe, hat nichts als seine Schleuder und seinen Glauben, und gewinnt jenen glorreichen Sieg, den Niemand gehofft hatte. Die beiden Jünglinge schauten sich einander in die Augen, und durchs Auge bis ins Herz. Sie waren, außer dem alten Samuel, der sich in die Stille zurückgezogen hatte, die Einzigen, von deren Glauben wir in jener glaubensarmen Zeit wissen, die für die Ehre ihres Herrn und das Heil ihres Volkes in reinem Feuer glühten. Wie konnte es anders sein: so bald sie sich nahe kamen, mussten ihre Herzen und Seelen sich zusammenschließen. Ihr Glaube, der beide mit derselben Sehnsucht füllte, beiden dasselbe heilige, hohe Ziel des Strebens vorhielt, musste eine Lebens- und Liebesgemeinschaft schaffen. Einer fand im Andern sich selbst wieder und sein ganzes Streben. Jonathan sah in Davids Herzen die Flamme, die sein eigenes, matt brennendes Feuer neu anfachen konnte, David in Jonathan das Feuer, das die Salbung des Herrn so eben in ihm angezündet hatte. Darum hatte Einer den Andern lieb, wie seine eigene Seele, gab Einer dem Andern sein Herz, und mit dem Herzen, was er hatte. Das ist ein Bund im Herrn, ein Bund vor dem Herrn! - Das ist die Freundschaft, wie sie unter den Knechten und Mägden des Herrn im Reiche Gottes sein soll!

Es ist Gottes gnädiger und guter Wille, dass jedes Menschenherz sich nach besonderer Gemeinschaft sehnt. Paulus selbst, der Mann mit den offenen Liebesarmen, stand in einem ganz besonders nahen Verhältnis zu den Philippern, und unter seinen Schülern und Mitarbeitern zu Timotheus, von dem er sagt, er habe keinen als ihn, der so gar seines Sinnes sei. (Phil. 2, 20.) Der Herr selbst, der alle Menschenkinder mit gleicher Liebe auf seinem hohenpriesterlichen Herzen trug, bildete aus seinen Jüngern sich einen engeren Freundeskreis, nicht allein seines Amtes, sondern auch seiner Person wegen, und von den Dreien lag wieder Einer, den er lieb hatte, an seiner Brust. Dies Bedürfnis nach besonderer Gemeinschaft ist so unaustilgbar, dass selbst der Sünder, der durch seinen Eigennutz und seine Selbstsucht, die Beschränkung auf das eigene Ich, sich von Allen absondern muss, doch auch wieder Gemeinschaft sucht. Die Sünder lieben auch ihre Liebhaber,“ sagt der Herr (Luk. 6, 32). Und Jesaias straft (Jes. 5, 18) die Leute vom Haus Israel, dass sie sich zusammenkoppeln mit losen Stricken, Unrecht zu tun, und mit Wagenseilen, um zu sündigen.“ Je tiefer in Jedem von uns das Bedürfnis nach Gemeinschaft liegt, desto ernster ergeht an uns die Mahnung: koppelt euch nicht zusammen mit losen Stricken, mit Banden groben oder feinen Eigennutzes, geistiger oder fleischlicher Selbstsucht. Soll ich solcher Bande einzelne aufzählen? Das ist Wohlgefallen an der äußern Gestalt oder dem angenehmen Wesen eines Andern, Übereinstimmung im Temperament, gegenseitiges Schmeicheln und Weihrauchstreuen, gleiche Abneigungen und Vorurteile gegen einen Dritten, gleiches Gefühl verletzter Eitelkeit, gleiche sündige Begierden und Triebe, die durch Vereinigung Nahrung suchen, gleiche Lust zum Afterreden und Nichten, der Wunsch, durch den andern zu steigen oder sonst einen Vorteil zu erhalten, der Reiz, Jemanden zu haben, dem man sein Murren und seine Unzufriedenheit mitteilen, oder mit dem man behaglich sich zerstreuen, und den Ernst der Einsamkeit vom Gewissen fern halten kann. Alle diese und ähnliche Dinge können wohl zwei zusammenkoppeln, dass es scheint, als wenn sie mit Wagenseilen an einander gebunden seien, aber es sind doch lose Seile. Sie reißen, wie die Spinnweben. Sie können weder gegenseitige Liebe, noch Ehrerbietung bewirken, und ohne diese Bande kann keine Gemeinschaft bestehen! Sie bringen nicht dem Reiche Gottes, sondern dem der Finsternis Früchte. Sie säen Neid, Zank, Zwietracht, Hass und Hader und sind der Tod der rechten, wahren Gemeinschaft.

O dass unter uns ein Bund geschlossen würde im Herrn und vor dem Herrn! Soll das geschehen, so muss unsere Gemeinschaft im Vater und im Sohne sein, und durch den Glauben geboren werden, den wir unter einander haben, durch die gemeinschaftliche Arbeit des Glaubens, das gemeinschaftliche Beten und Flehen um Erreichung des Einen Zieles, durch den gemeinschaftlichen Eifer und die gleiche Liebe für die Ehre des Herrn und sein elendes, hartgeschlagenes Volk, durch die gemeinschaftlich getragene Not, die gemeinschaftlich erduldeten Leiden um des Herrn und seines Reiches willen, durch die gemeinschaftlich erkämpften Siege, durch die gleiche Hoffnung des unvergänglichen, unbefleckten, unverwelklichen Erbes, das behalten wird im Himmel! Wo zwei also im Herrn verbunden sind, da ist die brüderliche Liebe herzlich, da kommt Einer dem Andern mit Ehrerbietung zuvor. Verlegt aber einer die Liebe und schuldige Achtung, wie denn das unter sündigen Adamskindern nicht ausbleiben kann, so wandeln sie vor dem Herrn, der das Getrennte wieder zusammenführt. Auch das ist dieser Freundschaft eigen, dass sie die Verbundenen dem andern Bruder nicht entzieht, noch jemals Parteiungen macht. Jonathan, Davids Eigentum, gehört immerdar seinem ganzen Volk und seinem Vater. Er deckte des letzteren Blöße und Schande vor David milde zu. Wie anders ist das bei den falschen Freundschaften, in denen man nichts Wichtigeres und Eiligeres zu tun weiß, als Jeden, der dem sogenannten Freunde unlieb ist, in seiner Schwäche darzustellen und ihn mit der Zunge tot zu schlagen. - Paulus, mit den Philippern und Timotheus innig verbunden, war immer von mütterlicher Gesinnung gegen alle von ihm gezeugten, geistigen Kinder entbrannt, und der Herr selbst, ich darf es ja nicht erst besonders sagen, entzog sich um eines Johannes willen, der an seiner Brust lag, keinem der Geringsten, die sich zu ihm nahten.

Doch ob auch Davids und Jonathans Bund im Herrn geschlossen war, sie blieben beide der Sünde unterworfen. Darum konnte und musste die alte Schlange versuchen, auch in ihren Bund einzubringen.

Lasst uns das sehen.

II.

David war in sehr großer Not. Er war bei Nacht und Nebel aus seinem eigenen Hause zu Samuel nach Rama geflohen. Dorthin sandte Saul dreimal feile Mörder, denen er endlich selbst folgte, um David mit eigener Hand zu töten. Aber er durfte dem Gesalbten Gottes kein Leid tun. Während nun Saul noch bei Samuel in Rama war, floh David zu Jonathan wie eine gescheuchte Taube, und rief ihm entgegen: „Was habe ich getan? Was habe ich missgehandelt? Was habe ich gesündigt vor deinem Vater, dass er nach meinem Leben steht? Wahrlich, so wahr der Herr lebt, und so wahr deine Seele lebt, es ist nur ein Schritt zwischen mir und dem Tode!“ Es war so. Die Gefahr war aufs Höchste gestiegen. Dennoch antwortete ihm der arglose, mit verschonender Liebe Alles zum Besten wendende Jonathan: „Das sei ferne, du sollst nicht sterben. Siehe, mein Vater tut nichts, weder Großes noch Kleines, das er nicht meinen Ohren offenbare. Warum sollte denn mein Vater dies vor mir verbergen? Es wird nicht so sein!“ Diese herzerquickende Arglosigkeit Jonathans konnte der mit größeren Verstandeskräften und darum mit mehr Menschenkenntnis begabte David kaum begreifen. Ein Schatten von Argwohn gegen seinen Freund fuhr ihm durch die Seele. „Ist eine Missetat in mir, rief er, so töte du mich! Denn warum wolltest du mich zu deinem Vater bringen?“ - In der Angst seines Herzens ersann er ein Mittel, um Saul wie Jonathan zu prüfen und sich zu retten. Er wollte an den folgenden Tagen, wo Hoffeste waren, nicht an der königlichen Tafel auf seinem Platze erscheinen. Jonathan sollte seinem Vater sagen, dass er, David, ein Opfer in Bethlehem darbringen müsste. Aus der Wirkung dieser Antwort auf Saul wollte David erkennen, ob jener seinen Untergang beschlossen oder seinen Zorn gemildert hätte. (V. 5-7.) Er überredete also seinen Freund zu einer Lüge gegen den eigenen Vater. Der weichere Jonathan ließ sich, um jeden Verdacht Davids von sich zu wenden, überreden. „Ich will an dir tun, was dein Herz begehrt!“ sagte er, und brachte die Lüge wirklich vor seinen Vater. (V. 28.) Da seht die Gefahr, die auch in den Bund eines Jonathan und David hineinzuschleichen suchte.

Warum begehrte David die Lüge von Jonathan? Wusste er nicht, dass Jonathan Mut genug hatte, um des Freundes willen offen und ehrlich mit seinem Vater Saul zu sprechen? Hatte er sich dem Zürnenden nicht früher schon in den Weg gestellt und gesprochen: „Es versündige sich der König nicht an seinem Knechte David, denn er hat keine Sünde wider dich getan, und sein Tun ist dir sehr nütze! Warum willst du dich denn an unschuldigem Blut versündigen, dass du David ohne Ursache tötest?“ (Kap. 19, 4. 5.) Und warum willigte Jonathan in die Lüge? Hatte er nicht selbst erfahren, dass seine offene und freimütige Sprache den Grimm seines Vaters überwunden, dass Saul der Stimme seines Sohnes gehorcht und geschworen hatte: „So wahr der Herr lebt, er soll nicht sterben!“ (Kap. 19, 6.)

Der Herr ist gnädig; er ließ die Lüge nicht gelingen, sie vielmehr, wie einen zermalmenden Stein, auf das Haupt des Freundes zurückfallen. Denn als Jonathan mit der Lüge zu seinem Vater trat, durchschaute dieser dieselbe schnell und leicht und rief, voll großen Grimmes: „Du ungehorsamer Bösewicht! Ich weiß wohl, dass du den Sohn Isais auserkoren hast, dir und deiner unartigen Mutter zur Schande! So sende nun hin und lass ihn herholen zu mir, denn er muss sterben.“ Jonathan gab seine lügenhafte Rolle auf und sprach mit früherem Freimute zu seinem Vater: „Warum soll er sterben? Was hat er getan?“ Aber durch die Lüge einmal gereizt, vermochte der Jähzornige den Widerspruch der Wahrheit nicht zu tragen. Er schoss den Spieß nach dem eigenen Sohne und schnaubte gegen David mit dreimal stärkerem Zorn, denn vorher. Solche Not ziehen die über ihr Haupt, die einen Bund im Herrn und vor dem Herrn gemacht haben und dennoch aus dem Herrn und seiner Gemeinschaft sich verirren und mit losen Seilen der Unwahrheit sich zusammenkoppeln! - Das soll uns in unserm Zusammenleben einen Spiegel vorhalten. -

Einzelnes, was zwei, die sich nahe stehen, Gott Missfälliges tun, kann wohl ruchbar werden. Das Meiste aber bleibt unter ihnen selbst verborgen. An dieses mir verborgene, Gott aber offenbare und euch selbst bewusste lasst mich euch erinnern. Zwei arbeiteten zusammen, oder trugen Lasten miteinander. Die Eine wurde von einer Sünde, etwa einer Untreue im Amte überrascht, oder von einer bösen Lust versucht. - Die Andere, statt freimütig die Sünde anzuzeigen, deckte sie mit falscher Schonung zu, oder ging, statt der Freundin die Lust überwinden zu helfen, auf ihr sündiges Begehren ein und brachte über beide Not und über ihr Amt Schmach. Zwei Andre wollten, wie auch David durch Verschweigen oder durch eine kleine Unwahrheit, zu der sie sich gegenseitig überredeten, eine Unbequemlichkeit, eine Widerwärtigkeit abwenden, und haben statt der einen zehn andre und schwerere Lasten über ihrer Beider Haupt gebracht. Oder Einer wurde gestraft und geriet aus verletzter Eitelkeit in große Empfindlichkeit. Der andere hat ihn nicht aus den rechten Weg der Demut hingewiesen, sondern in falscher Freundschaft ihm halb oder gar ganz recht gegeben und das Übel ärger gemacht. Aus allen diesen traurigen Erfahrungen klingt uns das ernste Wort entgegen: „Wer mit seinem Nächsten heuchelt, der bereitet ein Netz zu seinen Fußstapfen!“ (Spr. 29, 5.) Darum bleibt im Herrn, die ihr einmal im Herrn verbunden seid, und wandelt allezeit vor dem Herrn! Dann allein behaltet ihr die Lust zur Wahrheit, die im Verborgenen liegt, und die Wahrheit wird euch frei machen von jeglicher falschen Schonung, von allem unwahren Nachgeben und weichlichen, verderblichen Mitleid. Ihr werdet an das Wort Salomons denken: „Öffentliche Strafe ist besser, denn heimliche Liebe; die Schläge des Liebhabers meinen es recht gut; aber das Küssen des Hasses ist ein Gewäsche.“ (Spr. 27, 5. 6.) und an das Gebot eures Meisters: „Habt Salz bei euch!“ wie an das des Apostels: „Eure Rede sei allezeit lieblich und mit Salz gewürzt!“ und werdet da durch, wie Paulus dem Petro, dem Freunde den heiligen Liebesdienst erweisen, ihm, wenn er trügt, heuchelt oder sonst abirrt, unter Augen zu widerstehen. Da wird denn das alte, oft vergessene Wort aufs neue erfüllt: „Wer einen Menschen straft, wird hernach Gunst finden, mehr, denn der da heuchelt.“ (Spr. 28, 23.)

Unsere Vorfahren erzählen sich, dass der Teufel es bei keiner Mahlzeit aushalten könnte, bei der Salz auf dem Tisch stünde. Meine Lieben, der Versucher kann keine Gemeinschaft annagen und verderben, wenn das Salz der Wahrheit und Wahrhaftigkeit unter ihren Gliedern herrscht. Davor flieht er.

III.

Ich komme zum dritten Punkte, zur Frage, welches der Segen der Freundschaft nach dem Herzen Gottes sei? Aus dem gemeinschaftlichen Glauben an den lebendigen Gott und seine Sache musste sofort jene innige, treue Liebe geboren werden, die so lieblich und herrlich geschildert wird in den Worten: „Das Herz Jonathans verband sich mit dem Herzen Davids, und sie hatten sich einander lieb, wie ihr eigen Herz.“

Im Wesen des Bundes im Herrn liegt also schon der Segen desselben angedeutet. Es ist die hingebende, aufopfernde Liebe, die nicht das Ihre sucht, sondern das, was des Andern ist, die Tötung also der Selbstliebe und der Selbstsucht. Hatte Jonathan David erst sein Herz gegeben, so war es nichts Großes, dass er sich auch dessen entäußerte, was er besaß.

Die selbstsuchtslose Liebe trägt vornehmlich zwei edle Früchte, die neidlose Freude mit den Fröhlichen und das treue Mittrauern und Mittragen mit den Trauernden. Wie herzerquickend winken uns beide aus der Geschichte unserer Freunde entgegen! Durch Davids glorreichen Sieg trat Jonathan, der früher als Überwinder vom Volke hochgepriesen war, ganz in den Schatten. Er verlor sogar durch David seine Hoffnung auf die Königskrone. Dennoch schaute er mit freudevollem Auge die Taten Davids und seinen steigenden Ruhm. „Du wirst König werden über Israel!“ sagte der von der Krone Ausgeschlossene zu dem Emporkömmling. Wenn auch er selbst nicht zum Retter seines Volkes berufen war, war es ihm doch genug, dass seinem Volk Erlösung zu Teil wurde durch seinen Freund. Müssen wir vor solcher Mitfreude nicht schamrot werden? Öffnet sich unser Herz und Mund nicht zu dem sehnsüchtigen Flehen: „O mein Gott, gib mir ein neidloses Auge.“ Wir wollen es bekennen: es geht uns leider wie Saul. Wir können es schwer mit anhören und ansehen, dass der, welcher mit uns arbeitet, für den Herrn etwas vollendet und darum gelobt und anerkannt wird, weit wir im Lob und der Anerkennung des Nächsten unsere eigene Verkennung und Geringachtung zu erleben fürchten. Nicht bloß der pharisäische, ältere Sohn wurde von hässlicher, bitterer Scheelsucht ergriffen, als sein jüngerer, verlorener Bruder wieder in seines Vaters Armen ruhte. Auch Martha, die der Herr doch lieb hatte, konnte sich derselben nicht erwehren, als sie Mariens stilles Glück zu Jesu Füßen sah. Und als Johannes, der stille, sanfte Jünger der Liebe, der an Jesu Brust lag, Einen sah, der Teufel austrieb in Jesu Namen, aber nicht ihrer Gemeinschaft folgte, verbot er ihm, wie er rühmend selbst erzählt, die Arbeit für den Herrn. (Mk. 9, 38.) - Petrus brach, als der Herr ihm seine Lämmer anbefohlen hatte, und auch Johannes zu den Zweien trat, sofort nach der dreimaligen Versicherung seiner Liebe zum Herrn in die, von Missgunst gewiss nicht freien Worte aus: „Was soll aber dieser?“ (Joh. 21, 21.) Auch uns muss der Herr, wie jenen Schalksknecht, oftmals schelten: „Siehst du darum scheel, dass ich so gütig bin?“ Denn wenn wir auch die Ausbreitung des Reiches Gottes lieben, wurmt es uns doch, dass der Herr andre Knechte uns vorzieht.

Wie sollen wir Herr werden über diesen garstigen Neid? Ein Weg zum Siege ist der, dass wir, die wir für den Herrn und seine Sache arbeiten und streiten, in eine innige, heilige Gemeinschaft treten. Es ist zwar nicht möglich und auch nicht Gottes Wille, dass alle seine Knechte einen persönlichen Freundschaftsbund schließen. Aber ein Bund im Herrn und vor dem Herrn könnte doch und sollte unter jenen Allen stattfinden, in denen der eine Grund gelegt ist, außer welchem kein anderer gelegt werden kann. Vielleicht, wenn zu Sauls Zeiten viele Gläubige für den Herrn und sein Reich geglüht hätten, würden sich David und Jonathan nicht so fest zusammengeschlossen und das Trennende mehr gefühlt haben. Dass der Herr jetzt aller Orten seine Gläubigen erweckt, ist das vielleicht die Ursache, dass wir uns nicht mehr, wie zu jener Zeit, von der unsere Väter uns erzählen, warm und eng zusammenschließen, und darum noch so viel Neidens und Streitens herrscht? Als wir Toren! Wir sind doch und bleiben immerdar ein kleiner, schwacher Haufen. Der Unbeschnittenen an Ohren und Herzen ist Legion. Wir hätten gewiss viele Ursache, uns durch die Not der Zeit zu einander hintreiben zu lassen, in dem Herrn und vor dem Herrn einen Bund zu machen, um in solcher innigen Liebesgemeinschaft die Kraft zu finden, durch welche wir Neid, Scheelsucht und Missgunst, dieses giftige Eitergeschwür im inwendigen Leben, siegreich überwinden können. In solchem Bunde würde unser neidlos gewordenes Auge in seliger Mitfreude auf alle Werke hinschauen, die Gottes Gnade durch seine Rüstzeuge geschehen lässt. Auf der andern Seite würden wir auch, was der Herr etwa durch uns tut, nicht geizend für uns allein in Anspruch nehmen, sondern fröhlich mit den Freunden teilen. David in etwas späterer Zeit mit seinen sechshundert Genossen den räuberischen Amalekitern von Ziklag aus nachjagte (Kap. 30), blieben zweihundert müde am Bache Besor zurück und bewachten das Geräte. Mit den vierhundert vernichtete David die Feinde und riss ihnen ihren Raub ab. Als sie nun zu jenen zurückkehrten, „sprachen, was böse und lose Leute waren: Weil sie nicht mit uns gezogen sind, soll man ihnen nichts geben von dem Raube, den wir errettet haben! Da sprach David: Ihr sollt nicht so tun, meine Brüder, mit dem, das uns der Herr gegeben hat und hat uns behütet. Wer sollte euch darinnen gehorchen? Wie das Teil derjenigen, die in den Streit hin abgezogen sind, so soll auch sein das Teil derjenigen, die bei dem Geräte geblieben sind und soll gleich geteilt werden! Das ist seit der Zeit und forthin in Israel eine Sitte und Recht geworden, bis auf diesen Tag!“ (Kap. 30, 22-25). Ist solches, geistig gedeutet, noch eine Sitte und Recht im neutestamentlichen Israel bis auf diesen Tag? Ach, wir sind recht lose und böse Leute, dass wir unsere Brüder und Freunde, die wegen ihrer Müdigkeit, wegen geringerer Anlagen oder aus sonst einer andern Ursache von Gott an einem scheinbar leichtern und unwichtigeren Posten hingestellt sind, keinen Teil am Siege und an der Beute haben lassen, die doch der Herr allein uns gegeben hat! Es sind mancherlei Ämter, aber es ist ein Herr!“ (1 Kor. 12, 5.) Der Siegesgewinn muss Allen gemein sein! Auch das wird wieder Sitte und Recht in Israel werden, und das Geizen wie das Neiden wird aufhören, wenn die Arbeiter und Streiter des Herrn lernen werden, einen Bund im Herrn und vor dem Herrn zu machen.

Wenn die guten Tage in schwere sich verkehren, wird die selbstsuchtslose Mitfreude ein treues Mittragen und Mittrauern. So froh Jonathan und David in den Tagen des Siegesjubels war, so treu trug er mit ihm die Last der bösen Zeit, und dies zu dürfen, war eben sein Trost bei der Not des Freundes. Frei und mutig steht er vor seinem zürnenden Vater, um dem Freunde zu helfen, über den das Wetter hereingebrochen war. (Kap. 19.) Aus allen seinen Worten, die uns in unserm Kapitel erzählt werden, hören wir lebendig heraus, wie er das Leid Davids als sein eigenes Leid mitfühlt. Als er sieht, dass er die Not nicht heben kann, da küssten sie sich mit einander und weinten mit einander. David aber am allermeisten. Und Jonathan sprach zu David; „Gehe hin mit Frieden! Was wir beide geschworen haben im Namen des Herrn und gesagt: „Der Herr sei zwischen mir und dir, zwischen meinem Samen und deinem Samen! das bleibe ewiglich.“ (V. 41. 42) „Gehe hin mit Frieden!“ So schieden die Freunde und warfen auf die starken Schultern des Herrn, was für sie zu schwer war. Gehe hin mit Frieden!“ Das musste dem David im Herzen wiederklingen, wenn er nirgend Frieden, überall Hass sah.

Endlich wurde die Not Davids so groß, dass er wie eine einsame Rohrdommel in der Wüste heulen musste. „Da machte sich Jonathan auf und ging hin zu David in die Heide und stärkte seine Hand in Gott, und sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, meines Vaters Sauls Hand wird dich nicht finden, und du wirst König werden über Israel!“ (Kap. 23, 16-18.) Und zog danach Jonathan auch wieder heim, und musste David in der Wüste bleiben, die Liebe und Treue und der Glaube und das Gebet Jonathans hatten Davids Hand und Herz reichlich in Gott gestärkt.

Als später David erhöht und Jonathan samt seinem Vater erschlagen wurde, war David seinerseits fern von Schadenfreude über den Fall seines Feindes Saul, frei auch von der leisesten Lust an Jonathans Tode, der ihm auf dem Wege zum Throne doch immer noch im Wege stand! Wie treu und tief ergreifend klingt sein Trauerlied über die gewaltigen Helden, das in den Herz und Seele durchdringenden Worten austönt: „Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan! Ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen, denn Frauenliebe ist!“ (2 Sam. 1.) Nach Jonathans Tode hat er die Trauer des Hauses Sauls treulich mit getragen, und Mephiboseth, Sauls Nachkömmling, mit inniger Liebe gepflegt.

Kann der Herr Christus selbst seine Freude nicht bei sich behalten, sondern muss rufen: „Freut euch mit mir, ich habe mein Schaf gefunden!“ so kann er auch die Trauer nicht allein tragen. Er muss, wie wohl er Gottes Sohn ist, sein Herz in eines Menschen Herz schütten. „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod! sprach er zu den schwachen Jüngern in Gethsemane, bleibt hier und wachet mit mir.“ (Matth. 26, 33. 40.) Wie viel mehr tut es uns Menschen not, dass wir mit einander unsre Last tragen, treu mit einander trauern, treu mit einander wachen und beten, und nicht einschlafen oder gleichgültig werden, wenn des Einen Seele in irgendeiner Bedrängnis zittern und zagen muss!

Als in der späteren Zeit Davids die Syrer von Norden, die Ammoniter von Osten das Volk des Herrn zu gleicher Zeit angriffen, sandte Joab, der Feldherr Davids, seinen Bruder Abisai gegen Ammon, während er selbst gegen die Syrer zog. Vor ihrer Trennung sprach er: „Werden mir die Syrer überlegen sein, so komm mir zu Hilfe; werden aber die Kinder Ammons dir überlegen sein, so will ich dir zu Hilfe kommen. Set getrost und lass uns stark sein für unser Volk und für die Städte unsres Gottes! Der Herr aber tue, was ihm gefällt!“ (2 Sam. 10, 11. 12.)

Sind wir nicht Brüder, so viele wir an den Sohn Gottes glauben? Warum leben wir denn im Bruderkrieg? Bedrängen nicht die Feinde aus Nord und Ost und Süd und West die heilige Stadt? Soll nicht endlich ein Bruder dem andern zur Hilfe kommen? einer dem andern Mut zurufen, getrost zu kämpfen für die Städte unseres Gottes: Wenn wir fortfahren, uns unter einander zu fressen und zu beißen, werden wir dann bei den tausend, Zion umwogenden Gefahren sprechen dürfen: „Der Herr tue, was ihm gefällt!“ Werden wir es nicht verantworten müssen, wenn das Reich des Herrn Schaden leidet ob unseres Haders?

Wahrlich, es tut not, den leider vielfach zerrissenen oder alt gewordenen Bund im Herrn und vor dem Herrn durch seinen Geist zu erneuern! Er allein lehrt uns das Wort erfüllen: „Einer trage des Andern Last!“ Aus ihm fließt eine Erquickung in schwer beladene Herzen, die süßer ist, denn Honig und Honigseim. „Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen, wie der Tau, der vom Hermon herabfällt auf die Berge Zions.“ Wenn der Einzelne müde und matt ist von der Arbeit oder der Hitze der Anfechtung, ist der Bund im Herrn der Hermon, von dem Erquickung in die dürre Seele fließt, wie der Tau auf die dürren Pflanzen des ausgebrannten Feldes. „So ist es ja besser zwei denn einer, denn sie genießen doch ihrer Arbeit wohl. Fällt ihrer einer, so hilft ihm sein Geselle auf. Einer mag überwältigt werden, aber zwei mögen widerstehen.“ (Pred. 4, 9. 10. 12.) Denn Einer stärket in den Tagen, die dem Fleische nicht gefallen, des andern Hand und Herz in Gott, und wachet und betet mit ihm. Der treue Gruß des Freundes: „Der Herr sei mit dir und sein Friede!“ tönt lange im Herzen nach, und leuchtet wie ein tröstendes Licht in dunklen Stunden. Sind wir durch das Band des Friedens unter einander verkettet, wie die Glieder eines Leibes, also dass einer mit dem andern leidet, einer für den andern steht: dann wollen wir trotz aller Stürme, die um das einzelne Herz oder die heilige Gemeinde brausen, uns glaubensmutig zurufen: „Seid getrost! Lass uns stark sein und streiten für die Sache unsers Gottes! Der Herr aber tue, was ihm gefällt!“ Das ist der Bund im Herrn und vor dem Herrn, das ist der Segen dieses Bundes!

Schloss ich die früheren Predigten mit der Frage: „Bist du ein Mann nach dem Herzen Gottes?“ so wollen wir heute heimgehen mit der Frage im Gewissen: „Ist die Gemeinschaft, in der ich stehe oder die ich begehre, eine Freundschaft nach dem Herzen Gottes? - Amen.

Neidloses Auge.

Manche Kette zwar umstricket,
Herr, mein armes Herze sehr,
Doch vor allen andern drücket
Eine deinen Diener schwer;
Denn wenn Du mit deiner Güte
Überströmt den Bruder hast,
Lagert rasch auf mein Gemüte
Sich des Unmuts schnöde Last.

Durchbrecher, brich die Stricke,
Gib ein neidlos Auge mir,
Das mit freudevollem Blicke
Schaut auf meines Bruders Zier,
Und das treu am Tag der Wetter
Mit ihm wacht und mit ihm weint,
Bis, o hoher, heilger Retter,
Uns dein Angesicht erscheint!

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/d/disselhoff/david/disselhoff_-_david_-_predigt_5.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain