Disselhoff, Julius - Die Geschichte König Davids, des Mannes nach dem Herzen Gottes - Vierzehnte Predigt. Das Ende des Mannes nach dem Herzen des Herrn.

2 Sam. 23, 1-71)
“Dies sind die letzten Worte Davids: Es sprach David, der Sohn Isais, es sprach der Mann, der emporgehoben ist zum Messias (Gesalbten) des Gottes Jakobs, lieblich mit Psalmen Israels. 2. Der Geist des Herrn hat durch mich geredet, und seine Rede ist durch meine Zunge geschehen. 3. Es hat der Gott Israels zu mir gesprochen, der Fels Israels hat geredet: Herrschen wird über die Menschen ein Gerechter, ein Herrscher in der Furcht Gottes. 4. Und wird sein wie das Licht am Morgen, wenn die Sonne ausgeht am Morgen ohne Wolken, und vom Glanz und vom Regen das Krant aus der Erde wächst. 5. Denn ist nicht also mein Haus mit Gott? Denn er hat mir einen ewigen Bund gesetzt, wohl geordnet in Allem und bewahrt; denn all mein Heil und all mein Wohlgefallen lässt Er es nicht sprossen? 6. Aber die Nichtswürdigen sind allesamt wie die weggeworfenen Disteln, die man nicht mit Händen fassen kann. 7. Sondern wer sie angreifen soll, muss Eisen und Spießstangen in der Hand haben, und werden mit Feuer verbrannt werden auf ihrer Stelle.

Das Sieges- und Jubellied, welches David nach der Errettung aus der Hand aller seiner Feinde dem Herrn zum Freudenopfer brachte, schloss mit dem weissagenden Lobe: „Ich will dir danken, Herr, unter den Heiden, und deinem Namen lobsingen, der seinem Könige großes Heil beweist und wohl tut seinem Gesalbten David und seinem Samen ewig!“ (2 Sam. 22, 50. 51.) Hieran knüpft die heilige Geschichte sogleich die letzten Worte Davids, in denen jene Weissagung zu voller Klarheit sich entfaltet.

„Die letzten Worte Davids!“ Die Schrift sagt: Vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen!“ Hier ist ein graues Haupt, das vor allen andern Ehrfurcht gebietet. Zum letzten Male tut es den Mund auf, dessen Bekenntnis, Buße, Flehn, Dank so oft uns erquickt, erleuchtet, gestraft hat. Wie wird der Geliebte Gottes Angesichts des Todes auf die Vergangenheit, wie auf die Zukunft hinschauen? Wie „du in das Sterbezimmer deines Vaters treten und auf sein Vermächtnis lauschen würdest, so tritt an die heutige Geschichte und lausche dem Testamente Davids. Gott zeigt dir

Das Ende des Mannes nach dem Herzen des Herrn.

I. Indem er in die vergangene Zeit schaut, ist sein Ende Dank und Anbetung, dass Gott ihn durch alle Lebensführungen zum Bilde seines ewigen Messias gemacht hat.
II. Indem er in die Zukunft blickt, ist sein Ende ein Schauen des ewigen und gerechten Friedefürsten, dem Seligkeit und Sieg folgt.

I.

„Verlass mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde, bis ich deinen Arm verkündige Kindeskindern und deine Kraft Allen, die noch kommen sollen!“ (Ps. 71, 18. Gott hat dieses Gebet seines Knechtes David über Bitten und Verstehen erhört. Am Abende seines Lebens, auf der letzten, großen Volks- und Kirchen-Versammlung, wo die vorige Predigt ihn uns zeigte, fühlte er seine Seele umgeben von der Güte Gottes, wie die Himmelsluft den Leib umgibt. Es war an ihm das Wort erfüllt: „Die gepflanzet sind in dem Hause des Herrn, werden in den Vorhöfen unsers Gottes grünen. Und wenn sie gleich alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein!“ (Ps. 92, 14. 15.) Das jubelnde Volk war wieder heimgekehrt zu seinen Hütten. Der König aber sollte heimkehren zu den ewigen Hütten. Er redete noch zu seinem Sohne Salomo von der Verheißung des Herrn, und dass er, wartend auf die Hut des Herrn, wandeln sollte in seinen Wegen treulich und von ganzem Herzen, und halten seine Sitten, Gebote, Rechte und Zeugnisse. Auch gab er ihm, um abzuschließen mit dem weltlichen Regimente, noch etliche Befehle, Zeugen seiner königlichen Gerechtigkeit und Erbarmung. (1 Kön. 2, 1-9. Vergl. S. 191 ff.) Danach kam die Zeit, dass er sterben sollte. Was ist das Ende seines wunderbaren Lebens? was der Ausgang des langen und großen Kampfes, den er geführt hat? das Ziel seines schweren Laufes, der Gewinn aller seiner Mühen, Arbeiten, Leiden und Entbehrungen, seiner Tränen und kummervollen Nächte? was ist der Erwerb aus allen seinen Erfahrungen über sein Herz und Gottes Herz? was ist mit einem Wort die endliche, reife Frucht dieser seltenen Gottespflanze? was sein Lohn, dass er sich hielt als der Mann nach dem Herzen des Herrn? Seine Augen sind auch dunkel geworden, sein Leib crstorben, seine Gestalt verfallen, wie anderer Menschen. Aber zurückblickend auf sein Leben, konnte er jetzt in noch viel tieferem Sinne rühmen als. ehedem: „Erkennt doch, dass der Herr seine Hei ligen wunderlich führt!“ (Ps. 4, 4.) Um diese Wunder zu preisen und die Kraft Gottes Allen zu verkündigen, die noch kommen sollten, öffnet er noch einmal seine Lippen. Seine Worte strömen nicht mehr in reicher, wogender Fülle, wie in der Zeit seiner Jugend und seines Mannesalters. Wenige sind hrer, wie bei Sterbenden. Aber die wenigen sind eine Welt: voll göttlicher Gedanken. „Der Sohn Isais, so sagt er, emporgehoben zum Messias des Gottes Jakobs, lieblich mit Psalmen Israels!“ In diesen Worten fasst er lobpreisend den reichen Inhalt seines ganzen, vergangenen Lebens zusammen. Aus dem kleinsten und gering geachteten Sohne eines unbedeutenden Bethlehemiten ist er erhöht zum Gesalbten Gottes, zum Könige über Israel, vor dessen Macht: und Majestät die Heiden zittern und die Völker sich beugen. Der Hirtenknabe, der in der oft wilden Einsamkeit bei seinen Schafen spielte und sang, ist der liebliche Psalmensänger Israels geworden, dessen Lieder das ganze Volk erquicken. Und Alles, was zwischen diesem geringen Anfange und diesem wunderbaren Ende liegt, Großes und Kleines, Tränen und Jubel, Erhöhung und Erniedrigung, Licht des Himmels, Finsternis der Hölle, Sündenfall und Begnadigung, Alles hat Gott dazu gebraucht, seinen Knecht zu jenem glorreichen Ziele zu führen. Aber das ist noch nicht die volle Bedeutung jener Worte. Der Gesalbte Gottes ist mehr, als ein Erdenkönig voll Macht und Majestät. Er ist das Abbild Gottes, des heiligen und ewigen Königs. Er hat das selige Amt, aus seinem Volke ein Volk des lebendigen Gottes zu machen, unter dem Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen. Sein Reich sollte nicht der Zeit dienen, wie die Reiche der Heiden, sondern ewig sein vor Gott, ein Gottes- und Himmelreich auf der Erde, welche der Herr verflucht hatte um der Sünde willen. Seine Grenzen waren bestimmt, sich auszudehnen bis an das Ende der Erde, bis dass der Segen, Abraham verheißen, über alle Völker käme, und die ganze Erde wieder, wie sie zu Anfang war, ein Paradies Gottes würde. Darum war David von den Schafhürden genommen und zum Rüstzeuge und Offenbarer der geheimen Liebes-Gedanken des ewig Lebendigen gesalbt. Der Geist des Herrn hatte durch ihn gesprochen, und die Rede des Heiligen war durch seine Zunge geschehen. Er war das Vorbild und damit zugleich der Vorläufer und Bahnbereiter jenes Königs aus seinem Samen, der, Gott und Mensch in einer Person, in der Fülle der Zeit die Heilsgedanken Gottes wahrhaftig ausführen und als Friedefürst über die erlösten, in Gott zurückgeführten Völker herrschen sollte. Zugleich war David vorbildlich jenen Weg geführt, auf dem dereinst sein Sohn und sein Herr die Herrschaft erlangte, das Reich Gottes auf Erden gründete und ausbreitete. Das ist der Weg der Demut, der Niedrigkeit, der Leiden, die auch bis an die Seele dringen. Er war von Gott verlassen gewesen, hatte ein Wurm sich gedünkt und kein Mensch, sein Herz war in seinem Leibe gewesen, wie zerschmolzenes Wachs, seine Kräfte vertrocknet, wie Scherben, seine Zunge hatte an seinem Gaumen geklebt, und seine Seele in des Todes Staub gelegen und war wiederum aus der Hölle erlöst. Auf dieser Straße hatte Gott ihn zum Throne der Ehren geführt, von dem aus sein Reich war gegründet worden unter den Heiden und seine Gerechtigkeit dem Volke gepredigt, das noch sollte geboren werden. So ist Davids Leben, so sind seine Psalmen eine Weissagung auf den wahrhaftigen Messias Gottes, der durch Leiden vollendet wurde, (Ps. 22 und 69; auch 40 und 109.) der, sintemal er durch den Tod nicht konnte gehalten werden, die Verwesung nicht gesehen hat! (Ps. 16.)

Wie David aus dem Sohne Isais, aus dem in Sünden Empfangenen und Geborenen, zum weissagenden Vorbilde des ewigen Messias, so werden wir, so wir anders Leute nach dem Herzen Gottes sind, durch denselben Herrn zu Abbildern Jesu Christi, des Sohnes Gottes, gemacht, zu Rüstzeugen seiner Gnade, zu Offenbarern seines Liebeswillens unter dem sündigen Menschengeschlechte. Das ist der gnadenreiche, selige Erwerb aus dem Leben jedes Nachfolgers Jesu Christi. Er blickt, wenn seine Augen dunkel werden, auf sein Leben zurück, und preist Gottes Barmherzigkeit, die aus ihm, der Fleisch war, vom Fleische geboren, ein Abbild seines lieben Sohnes gemacht hat, das zwar noch sehr befleckt ist, aber doch einst wird vollendet werden.

Das Leben des natürlichen Menschen ist wie ein Geschwätz, wie ein Dampf, der verweht, wie ein Schlag ins Wasser, der keine Spur zurücklässt. Es ist verloren samt allen seinen Freuden und allen seinen Leiden. „Die Hoffnung der Heuchler und Gottlosen wird verloren sein, denn seine Hoffnung ist ein Spinnwebei“ sagt die Schrift einmal über das andere. (Hiob 8, 13. 14. Spr. 25, 19. Hiob 11, 20; 18, 14 usw.) Ich stand am Ufer des brausenden Meeres, Welle auf Welle trieb hoch und stolz an den Strand. Welle auf Welle stürzte in sich selber zusammen, damit andre Wogen über sie sich erhüben, um wie alle die tausend mal tausend vor ihnen in nichts zu versinken. Nicht anders, wie die Wellen des Meeres, sind die Hoffnungen des Menschenherzens das von Gott nicht erfüllt ist. Wohl hofft es von einer Stunde zur andern, dass sie ihm Befriedigung bringe und an das Ziel seiner Wünsche führe. Aber eine Stunde verrinnt nach der andern, und bringt nicht mit sich, was das Herz wollte, oder wenn sie es bringt, so wird sich erfüllen, was geschrieben steht: „Was die Albernen gelüstet, das tötet sie, und der Ruchlosen Glück bringt sie um!“ (Spr. 1, 32.) Die Geschichte Judas des Verräters wiederholt sich fort und fort. Wenn der Sünder den Lohn seiner Sünde in Händen hat, brennt er wie Feuer.

Jubelnd und triumphierend dagegen singen die Gesalbten des Herrn: „Gelobt sei Gott und der Vater unsers Herrn Jesu Christi, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten!“ (1 Petr. 1, 3.) Sie haben nur eine Hoffnung, dass sie, erlöst durch ihren Herrn, in allen Stücken wachsen mögen in dem, der das Haupt ist, Christo, und in sein Bild verkläret werden von einer Klarheit zur andern. Kommt dann das Ende der irdischen Wallfahrt, so erkennen sie mit seligem Auge, dass, was auch ihr Gott und Heiland für Wege sie leitete, alle dieser großen Hoffnung entgegenführten. Nichts ist umsonst und verloren in ihrem Leben. Das selbst, was für sie tote Hoffnungen, schädliche und selbst schändliche Stunden waren, ehe sie ihren Heiland kannten, wird durch seine Gnade für sie zu einer Rute umgewandelt, die sie ihrem Ziele zutreibt, zu einem Warnungszeichen, wenn der Fuß wieder abirren will, zu einer Flamme, in der auch das Innerste des Herzens erreicht wird, so dass der Meister sein Bildnis immer deutlicher einprägen kann. Sein Bildnis! Ist es denn wirklich wahr, dass auch aus mir, so wie ich bin, die Gnade ein Kind Gottes machen kann, das da gleich ist seinem erstgeborenen Sohne? So oft solche Frage meine Seele durchbebt hat, ist es mir immer sehr trostreich gewesen, dass der herablassende Gott in seiner Offenbarung so gern sich den Gott Jakobs nennt, öfter fast, als den Gott Abrahams und Isaaks. Der, dessen Schöpferische Liebesmacht auch einen Jakob, den Mann voll arger List, zu einem Israel, einem Gotteskämpfer, und den Sohn Isais, in dem die angeborene Sünde so gewaltig sich regte, zu seinem Messias, zum Offenbarer seiner Wege vollendet hat, der hat auch Mittel und Wege, aus mir und meinem sündhaften Herzen eine neue Kreatur zu schaffen, die unter allen äußern und inneren Stürmen dieses Lebens, unter allen Fehltritten und Begnadigungen heranwachse zum vollkommenen Mannesalter Jesu Christi, zur göttlichen Größe! (Ephes. 4, 13. Kol. 2, 19.) „Denn wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, die nach dem Vorsatz berufen sind. Denn welche er zuvor versehen hat, die hat er auch verordnet, dass sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes, auf dass derselbe der Erstgeborne sei unter vielen Brüdern!“ (Röm. 8, 28. 29.) Wenn Paulus, der Hochbegnadigte vor allen Menschenkindern, in seinem Alter bekannte: „Nicht dass ich es schon ergriffen hätte, oder schon vollkommen sei!“ so war dieses Bekenntnis nicht der Schmerz einer verlorenen, toten Hoffnung, sondern die Kraft, die ihn vorwärts trieb dem vorgestreckten Ziele zu, bis er nicht lange vor seinem Tode triumphieren durfte: „Ich habe Glauben gehalten; ich habe den Lauf vollendet!“

Zwar werden nicht alle Freunde Gottes durch seine Macht zu lieblichen Psalmensängern Israels, aber alle doch zu Offenbarern seiner Gnade und Herrlichkeit erzogen. Er gebraucht sie als seine Hand, der armen Erde seine Liebe zu zeigen, als seine Mitarbeiter, sein heiliges und seliges Reich zu gründen und zu bauen. Und wenn dann solche Häupter, die in der Nachfolge und im Dienste Jesu Christi ergraut oder gar bis in die letzte Stunde gekommen sind, ihren Mund öffnen, uns die seligen Geheimnisse ihrer Wunderwege kund zu tun und Gottes Treue zu preisen, so sind auch solche Reden allen Hörern lieblich und schön, und wirken Segen und Leben brin gend in kleineren oder größeren Kreisen fort bis auf Kind und Kindeskind.

II.

Aber seliger noch wurde Davids Antlitz, als er von den vergangenen Tagen hinschaute auf die künftigen Zeiten. Als sein leibliches Auge sich schloss, tat des Geistes Auge sich auf für die ferne Zukunft. Er sah den verheißenen König in seiner Schöne, sah seine Werke und seine Wunder. „Herrschen, sprach er, wird über die Menschen ein Gerechter, ein Herrscher in der Furcht Gottes, und wird sein wie das Licht am Morgen, wenn die Sonne aufgeht am Morgen ohne Wolken, und vom Glanz und vom Regen das Kraut aus der Erde wächst.“ Das ist ein Bild, das Leib und Seele erquickt. Dunkle Nacht sieht er gelagert auf der dürren, ausgebrannten Erde. Regen rauscht vom Himmel auf die schmachtenden, toten Felder. Da kommt der Morgen. Das Licht der Morgenröte funkelt über dem tauigen Erdreich. Die Sonne erhebt sich in wolkenlosem Glanze, siegreich, mächtig, prächtig und freut sich wie ein Bräutigam zu laufen ihren Weg. Und Regen und Licht des Himmels machen die toten Fluren lebendig, und Gras und Blumen wachsen, sprossen, knospen und blühen, und die ganze Natur atmet Leben, Gedeihen, Frische, Friede, Freude, Seligkeit. So schaut David in seinen letzten Stunden den gerechten König aufstehen unter den Sündern, so emporsteigen über ihnen nach finstrer, dürrer, toter Zeit und mit den Lebens- und Lichtkräften von oben die erstorbenen Menschenherzen zu neuem, frischem, fröhlichem Leben wachrufen, dass ihm

Kinder geboren werden, wie Tau aus der Morgenröte, und Segen, Gedeihen, Friede und Freude über ihren Häuptern schweben, und Furcht und Trauern schwinden müssen. Von diesem prophetischen Gesichte haben die späteren Seher sich erleuchten lassen. Was der Sterbende in kurzen, tiefen, abgerissenen Worten offenbart, das haben sie in reicher Fülle auseinander gelegt. Salomo singt von dem gerechten Könige der Zukunft: „Er wird herabfahren wie der Regen auf das Feld, wie die Tropfen, die das Land feuchten. Zu seinen Zeiten wird blühen der Gerechte und großer Friede, bis dass der Mond nimmer sei.“ (Ps. 72, 6 u. 7, vergl. auch V. 16.) Jesaias sieht denselben König in seiner Schöne hervorbrechen, wie das Licht nach der Finsternis, (Jes. 9, 2; 60, 1 ff.) und ruft: „Träufelt, ihr Himmel, von oben; und die Wolken regnen die Gerechtigkeit. Die Erde tue sich auf und bringe Heil, und Gerechtigkeit wachse mit zu. Ich, der Herr, schaffe es.“ (Jes. 45, 8.)

Hosea weissagt: „Der Herr wird hervorbrechen, wie die schöne Morgenröte, und wird zu uns kommen, wie ein Regen, wie ein Spätregen, der das Land feuchtet. Wie will ich dir so wohl tun, Ephraim! Wie will ich dir so wohl tun, Juda! Denn die Gnade, so ich euch erzeigen will, wird sein wie eine Tauwolke des Morgens, und wie ein Tau, der früh Morgens sich ausbreitet!“ (Hos. 6, 3. 4.) und abermals: „Ich will Israel wie ein Tau sein, dass er blühen soll wie eine Rose, und seine Wurzeln sollen ausschlagen, wie Libanon, und seine Zweige sich ausbreiten, dass er sei so schön wie ein Ölbaum!“ (Hos. 14, 6 7.) Sacharja endlich nennt den König und Erlöser Zemach, den Spross, aus Gottes Schoß in die sündige Menschheit gepflanzt, und sest hinzu: „Denn unter ihm wird es wachsen.“ (Sach. 6, 12.)

Noch tiefer dringt des Königs Blick. Wohl sieht er, und weiß es am klarsten aus eigener, schmerzensreicher Erfahrung, dass aus seinem sündlichen Samen dieser erlösende, lebenbringende König nicht erwachsen kann. Gott selbst hatte ihm schon bei der ersten Verheißung von den Sünden seiner Nachkommen gesprochen, ihm aber gesagt, dass er trotz ihrer Sünde sein ewiges Königreich gründen würde. Des freut sich nun der Sterbende. Ist sein Haus ohne Gott nichts, so ist es doch mit Gott Träger der gnadenreichen Verheißung, in der alles Heil und alle Hoffnung Davids beruht, und die durch ihn selbst, den Herrn Himmels und der Erden, zur glorreichen Erfüllung geführt wird. „Ist nicht also mein Haus mit Gott? Denn er hat mir einen ewigen Bund gesetzt, wohlgeordnet in Allem und bewahrt; denn all mein Heil und all mein Wohlgefallen - lässt Er es nicht sprossen?“

Der Bund ist aus Gnaden. Er beruht nicht auf menschlicher Würdigkeit und Tüchtigkeit, sondern auf Gottes schöpfe rischem Willen. Darum ist er fest und wahrhaftig. Menschliche Sünde, Torheit und Widerspenstigkeit kann den Ratschluss Gottes nicht verwirren, noch seinen Willen hemmen und hindern. Was er sprossen lässt, das sprosst. Was Er ins Leben ruft, das ist lebendig. Wenn Er gebeut, so geschiehts. Wenn Er spricht, so stehts da.

So sieht der königliche Greis den Erdboden verneuert, sieht den Erneurer aus seinem Hause hervorgehen, und zugleich den lebendigen Gott in ihm wirken. Er sieht den Gottes- und Menschensohn herrschen, sieht seine gewaltigen Taten, die Siege seiner Liebe, die Wunderschöpfungen seines Lebens. „Aber. die Nichtswürdigen, das sieht er zuletzt, sind alle samt, wie die weggeworfenen Disteln, die man nicht mit Händen fassen kann, sondern wer sie angreifen soll, muss Eisen und Spießstangen in der Hand haben und werden mit Feuer verbrannt werden an ihrer Stelle!“ Sein Auge reicht bis zum letzten, vollendeten Siege, wo des Menschen Sohn, der Herr der Ernte seine Engel sendet, und sie das Unkraut, die Kinder der Bosheit, sammeln werden, dazu alle Ärgernisse aus seinem Reiche und die da Unrecht tun und sie in den Feuerofen werfen, da Heulen sein wird und Zähneklappern. Dann werden die Gerechten leuchten, wie die Sonne in ihres Vaters Reich! (Matth. 13, 38. 41-43.) So scheidet der Mann nach dem Herzen Gottes. Sein Ende ist ein Schauen des ewigen, gerechten Leben schaffenden Friedefürsten, dem Seligkeit folgt und Sieg. Die Augen Israels waren dunkel geworden vor Alter, und konnten nicht mehr wohl sehen. (1 Mos. 48, 10.) Als sie noch dunkler wurden, auf dem Sterbebette sich für diese Welt. schlossen, und die Schatten des Todes sich über sie lagerten, da öffnete sich sein inneres Auge, und er sah den Heiland der Völker kommen aus dem Samen seines Sohnes Juda, stark wie ein Löwe, und doch ein Friedefürst. (1 Mos. 49, 10.)

Simeon der Greis, der auf den Trost Israels wartete, schaute mit alternden Augen den Christ des Herrn, nahm ihn auf seine Arme, lobte Gott und sprach: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen!“ Und Hanna, die Witwe bei vier und achtzig Jahren, trat auch hinzu und sah ihren Erlöser und pries den Herrn, während für irdische Dinge auch ihr Blick schon finster war.

Als Stephanus, seines Märtyrertodes schon gewiss, vor dem hohen Rate stand, sah er auf gen Himmel, und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesum stehen zur Rechten Gottes und sprach: „Siehe, ich sehe den Himmel offen, und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen!“ Und als die mörderischen Steine auf ihn zuflogen, rief er an und sprach: „Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!“ - Die dunkle Todesstunde war ihm der Anfang des ewigen Morgens, sein Sterbetag für diese Welt sein Geburtstag für die Seligkeit, darum auch die Kirche den zweiten Christtag den Stephanustag genannt hat.

Je mehr auch Paulus ergraute, desto vertrauter ward ihm die Ewigkeit, wiewohl er doch allezeit in ihr daheim gewesen war. Er hatte Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein. Sterben war sein Gewinn. Als er an Timotheus schrieb: „Ich werde schon geopfert, und die Zeit meines Abscheidens ist vorhanden!“ setzte er in seliger und gewisser Freude hinzu: „Hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit! Der Herr wird mich erlösen von allem Übel und mir aushelfen zu seinem himmlischen Reiche, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.“ (2 Tim. 4, 6. 8. 18.) Von jenem Tage an bis heute sind alle Sterbebetten der Erlösten Stätten des Sieges gewesen. Wir können nicht hineinblicken in die Seele der sterbenden Freunde Gottes, wenn Tod und Leben mit einander ringen, wenn das Glauben zum Schauen wird und die Seele ihrem Erlöser zueilt. Aber tausende von Männern und Frauen nach dem Herzen des Herrn haben an ihrem Ende von dem unaussprechlichen Geheimnis, das ihnen sich auszuschließen begann, zu uns geredet. Und waren es auch nur stammelnde Worte, so ahnen wir doch aus ihnen, was ihre Seele durchwogte, dass alle Rätsel sich ihnen lösten, alle Zweifel schwanden, alle Ketten abfielen, das Stückwerk aufzuhören und das Vollkommene zu erscheinen anhub. Aus den Flammen heraus, vom Blutgerüst herab haben die heiligen Blutzeugen des Herrn laut und vor allem Volk bezeugt, dass sie den Tod nicht schmeckten, dass sie, zum Leben hindurchgedrungen, das Angesicht ihres Erlösers zu schauen begannen. „Lasst Feuer und Kreuz, schrieb der dem Tode geweihte Ignatius von Antiochien an die Römer, „Lasst die wilden Tiere, lasst Beinbrechen und Gliederzerreißen und alle Posheit des Teufels über mich kommen; es sei so, möge ich nur Christum genießen! Ihn suche ich, der für uns starb. Ihn begehre ich, der für uns wieder auferstand. Er ist mein Gewinn, der mir aufbehalten ist. Meine weltlichen Neigungen sind gekreuzigt, das Feuer der Liebe Gottes brennt in mir und kann nicht ausgelöscht werden. Es lebt, es spricht, es ruft: Komm zum Vater!“ Als er im stolzen Kolosseum zu Nom, das noch in seinen Trümmern das Staunen der Welt ist, umgeben von Tausenden heidnischer Zuschauer, von den heißhungrigen Löwen angefallen wurde, rief er: „Ich bin ein Waizenkorn Gottes und wurde von den Zähnen der wilden Tiere zermahlen, sein Brot zu werden!“

Als um Hus die Flammen emporschlugen, betete er dreimal: „Christe, du Sohn des lebendigen Gottes, der du für uns gelitten hast, erbarme dich mein!“ Einer der ersten Blutzeugen2) des reinen Evangeliums sprach, als man das Feuer anzündete: „Siehe, man streut mir blühende Rosen!“ und sang mit seinem Gefährten in den Flammen das Lied: „Herr Gott, dich Loben wir!“ Ein anderer3) schied mit dem Lobgesang des alten Simeon. Ein dritter4) triumphierte im Feuer: „Sieg! Sieg und Überwindung!“ und noch ein anderer5) sprach: „O süßes Feuer, o liebliche Flamme!“

Noch an ein Sterbebette muss ich Euch führen. Denn es sind gerade hundert Jahre, da lag, (es war am 17. Dezember 1761), der liebliche, innige Sänger Woltersdorf in Bunzlau im Todeskampfe. Abends sprach er unter großen Schmerzen:

Halleluja! es jauchzet, es singet, es springet das Herz,
Es weichet zurücke der traurige Schmerz!

Als er darauf etwas genossen hatte, sprach sein Bruder: „Das Manna schmeckt wohl besser?“ „Das dächt' ich!“ gab der Sterbende zur Antwort, und setzte selig lächelnd hinzu:

Wenn man dich genieße,
Wird Alles versüßet!

Das waren seine letzten Worte. Gleich darauf brachen die Augen.6)

Das sind nur einzelne Stimmen aus der Wolke derer, die da zeugen, dass das Ende der Heiligen Gottes ein Schauen ihres Heilandes, seiner Seligkeit und seines Sieges ist. Nun lasst alle die Zeugnisse der tausendmal tausend, die im Herrn gestorben sind, in ein großes Zeugnis, in ein gewaltiges Lied im höhern Chor vor eures Geistes Ehre zusammen klingen und stimmt im Glauben fröhlich mit ein: „Vor dir ist Freude die Fülle und liebliches Wesen zu deiner Rechten ewig!“ (Ps. 16, 11.) „Ich will schauen dein Antlitz in Gerechtigkeit! ich will satt werden, wenn ich erwache nach deinem Bilde!“ (Ps. 17, 15.) „Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn!“ „Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern Herrn Jesum Christum!“

Das ist das Ende der Männer nach dem Herzen Gottes. „Meine Seele müsse sterben des Todes der Gexechten, und mein Ende müsse sein, wie dieser Ende!“

Wir scheiden hier von David, dem Manne nach Gottes Herzen. Der Herr selbst drücke uns sein Bild in die Seele und stelle es uns in den Tagen unserer Wallfahrt aller Orten vor Augen, dass es uns warne, strase, lehre, locke, ziehe, stärke! Ich aber will nicht viel mehr reden. Zum letzten Mal nur noch frage ich dich im Namen deines Gottes und Heilandes: „Bist Du ein Mann nach dem Herzen des Herrn?“ Amen.

Zwei Könige.

Weise: Wie sie so sanft ruhn.

König der Schrecken,
Wo ist nun deine Macht?
Sieh her, mich decken
In dieser bangen Nacht
Die Hände, die du einst durchgraben.
Das sind dieselben,
Die jetzt mich laben.

König der Schrecken,
Beginn den letzten Streit!
Ich werde schmecken
Nie deine Bitterkeit,
Denn Einer hing für mich verlassen,
Den meine Arme
Jetzt froh umfassen.

König der Schrecken,
Was drohst du mit dem Grab?
Der Sünde Decken
Nun fallen von mir ab;
Mich hat der Heimat Licht getroffen,
Mein Aug sieht staunend
Den Himmel offen!

König der Gnaden,
Wie strahlt dein Dornenkranz!
Willst du mich laden
In deinen Himmelsglanz?
Lamm Gottes, Heiland, Lebenssonne,
Ich eile freudig
In deine Wonne.

König der Gnaden,
Dein Anblick macht mich satt,
Nichts kann mehr schaden
In deiner goldnen Stadt.
Das hat kein Auge je erblicket,
Was jetzt die Seele
Ewig erquicket!

1)
Da Luthers Übersetzung dieser Verse nicht überall klar ist, wird der berichtigte Text hier abgedruckt.
2)
Heinrich Voes zu Antwerpen.
3)
Ludwig Marsac, ein französischer Offizier.
4)
Bartholomäus Bartoccio gest. 1569 zu Rom.
5)
Antonius Oldevin gest. 1588 in Cremona.
6)
Du, mein lieber August, gedenkst hier mit mir alles dessen, was unsere treue Mutter bei klarem Bewusstsein auf ihrem Sterbebette sah und sagte.
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