Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXI. Schwert und Kelch.

Als David auf jener schmach- und drangsalsvollen Flucht vor seinem empörerischen Sohne nach Bahurim kam, ging, so berichtet die Geschichte 2 Sam. 16, 5-12, ein Mann daselbst heraus, vom Geschlechte des Hauses Saul, der hieß Simei, und übergoss den gebeugten König, indem er zugleich mit Kot und Steinen nach ihm warf, mit einer Flut von Lästerungen und wilden Flüchen. Es gewährte dem feigen Buben keine geringe Lust, auf dem verwundeten Königslöwen so mit seinen Füßen jetzt herum zu treten. „Hinaus, hinaus aus dem Lande;“ geiferte er, „hinaus, du Bluthund, du loser Mann, du Belials-Kind! Der Herr hat dir vergolten alles Blut des Hauses Saul, dass du an seiner Statt bist König worden. Nun hat der Herr das Reich gegeben in die Hand deines Sohnes Absalom; und siehe, nun steckst du in deinem Unglück; denn du bist ein Bluthund!“ David hört's, leidet's, senkt sein Haupt und schweigt. Nicht aber also sein treuer Paladin, Zerujas Sohn, Abisai. Dem beginnt das Blut zu kochen, und mit zornblitzendem Auge zu seinem Gebieter gewandt, spricht er, die Hand an des Degens Knauf: „Sollte dieser tote Hund meinem Herrn, dem Könige, fluchen? Ich will hin, und ihm den Kopf abhauen!“ „So recht!“ sprechen wir, „dieser Ritter tut, wie ihm geziemt!“ Und Abisai geht nicht mit leeren Worten um. Indem er spricht, hat er auch schon sein Schwert gezückt. Aber da vertritt der König ihm den Weg, und entgegnet dem Grimmentbrannten: „Was habe ich mit euch zu schaffen, ihr Kinder Zeruja? Lasst ihn fluchen, denn der Herr hat's ihn geheißen: Fluche David! Wer kann nun sagen: Warum tust du also?“ Und David fuhr fort zu Abisai und seinem ganzen Gefolge, und sprach: „Siehe, mein Sohn, der mein Fleisch und Blut ist, steht mir nach meinem Leben; warum nicht auch jetzt der Benjaminite? Lasst ihn gewähren, dass er fluche; denn der Herr hat's ihn geheißen. Vielleicht wird der Herr mein Elend ansehen, und mir mit Güte vergelten sein heutiges Fluchen.“ - So der König in unendlicher Beugung vor Gott, als aus dessen Hand er alle diese Schmach und Unbill als gerechte Heimsuchung für seine Missetat bußfertig hinnimmt. Bedurfte es noch eines Zeugnisses für die Aufrichtigkeit seiner Zerknirschung, so war dasselbe in diesem „Lasst ihn fluchen!“ reichlich gegeben. Simei fährt jetzt nur um so dreister mit seinen Schmähungen und Steinwürfen fort. Der König aber lässt sich's geduldig gefallen; denn „Herr, Deine Rute ist's, die mich züchtigt,“ denkt er.

Wie in unzähligen Momenten seines Lebens, so erscheint David auch hier wieder als Schatte und Vorbild seines großen Sprösslings nach dem Fleische, des Sohnes Gottes, des Königs aller Könige. Wir nähern uns heute einem Auftritt, in welchem die ganze Szene bei Bahurim, in größerem Maßstabe nur, sich wiederholt. Simei, wie Abisai treten auch hier wieder auf; nur ist hier mehr, denn David, der König Israels.

Matthäus 26, 51-54. Markus 14, 47. Lukas 22, 49-51. Johannes 18, 10 u. 11.

Da aber sahen, die um ihn waren, was da werden wollte, sprachen sie zu ihm: Herr, sollen wir mit dem Schwerte dreinschlagen? Und siehe, einer aus denen, die mit Jesu waren und dabei standen, Simon Petrus, hatte ein Schwert, und zog es aus, und reckte die Hand aus, und schlug nach des Hohenpriesters Knecht, und hieb ihm sein rechtes Ohr ab; und der Knecht hieß Malchus. Jesus aber antwortete und sprach: Lasst mich so lange. Und sprach zu Petro: Stecke dein Schwert an seinen Ort in die Scheide: denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen. Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat? Oder meinst du, dass ich nicht könnte meinen Vater bitten, dass er mir zuschicke mehr denn zwölf Legionen Engel? Wie würde aber die Schrift erfüllt? Es muss also gehen. Und Er rührte sein Ohr an, und heilte ihn.

Ein seltsamer Zwischenakt unterbricht für einen Augenblick die ebenmäßige Entwicklung der heiligen Passionsgeschichte, und dient uns zu erneutem Zeugnis, wie schwer es dem Gedanken des Menschen wird, zu den Gedanken Gottes, wie sie namentlich im Werke der Erlösung sich entfalten, sich zu erheben. In unsrer heutigen Szene geschieht ein Schwertstreich, welcher, obwohl von der allerbesten Meinung begleitet, dennoch gegen nichts Geringeres, als gegen den Grund alles Heils der Welt gerichtet ist. Wünschen wir uns Glück, dass die ewige Liebe ihre Wege geht, und unsern Beirat zu ihrem Tun nicht beansprucht. Simons Schwert und Jesu Kelch sind die beiden Hauptmomente unsrer heutigen Erwägung. Knüpfe an sie der Herr den Segen, dass wir den falschen von dem rechten Eifer für die Sache Jesu unterscheiden lernen, und im Verständnis des eigensten und innersten Wesens des Königreichs der Himmel eine heilsame Förderung erfahren.

1.

Nach dem mild-ernsten, aber umso zermalmenderen Worte an den Verräter öffnet nun der Herr den Meuterern die Schranken, und bietet ihnen willig seine Hände dar. Mit künstlich heraufbeschworener Entschlossenheit dringen sie auf ihn ein. Entsetzlicher Moment! Der Herr der Herrlichkeit einem Raubmörder gleich umzingelt und überfallen! Die Jünger sehen's; aber dieser Anblick versetzt sie außer sich. Wenn ihnen beim Verräterkusse vor Grauen das Blut erstarrte, so beginnt es ihnen jetzt in den Adern zu kochen. Nein, dass es bis dahin komme, dürfen sie nicht dulden. „Herr,“ sprechen sie wie mit einem Munde, „sollen wir mit dem Schwerte dreinschlagen?“ - Sie tun wohl daran, dass sie erst fragen; aber die Frage ist freilich nur Form, und bewusstlos hingesprochener Gewohnheitslaut. Denn indem sie dieselbe aussprechen, erteilen sie sich auch schon selbst die Antwort; und ehe der Meister auch nur zu einer Silbe Zeit und Raum gewinnt, ist Petri Schwert schon aus der Scheide, und der erste Schlag der Gegenwehr gefallen. Wir verstehen Simons Herz. Zu gewaltig wurmte den feurigen Jünger noch das „In dieser Nacht - -“, welches der Herr auf dem Wege zum Ölberg zu ihm gesprochen hatte. „Rabbi“, denkt er in flammender Liebesentrüstung, „ich dich verleugnen? - Womit verschuldete ich's, so schwer von dir verkannt zu sein? - Bist du nicht mein Eins und Alles? Und ich sollte dich verlassen können? Wenn du es denn nicht glauben wolltest, dass ich eher mit dir sterben würde, so magst du es jetzt erfahren!“ - Er denkt's, und, unbezweifelt in dunkler, nur freilich allzu blinder Rückerinnerung an des Meisters früheres Wort vom Schwerterkaufe, haut er mit dem gezückten Stahle blindlings auf die Rotte ein, und trifft dem Malchus, dem Knechte des Hohenpriesters, vielleicht einem vor Andern losen und lästerlichen Buben, vielleicht aber auch der Schuldloseren einem, dergestalt das rechte Ohr, dass es nur noch an zarten Fasern auf seine Wange herabhing. „Wohl getan, Simon!“ möchten wir rufen. „Nur also fortgefahren! Die Belialskinder verdienen blutige Köpfe! Hättet ihr, seine Vertrauten, diesem verruchten Attentate gegen euren Meister kaltblütig zusehen können, wir würden an eure Liebe nicht mehr haben glauben können!“

So möchten wir sprechen, glückwünschend dem Petrus zu seinem Handstreich. Wir fühlen die lebhaftesten Sympathien für den entschlossenen Jünger, und möchten es den Andern schier zum Vorwurf machen, dass sie nicht getan, wie er, und ihm nicht helfend beigesprungen. Aber hier wird uns einmal wieder Anlass, an uns selbst uns bewusst zu werden, wie oft auch die scheinbar edelsten Aufwallungen unseres natürlichen Herzens schnurstracks wider Gottes Willen und Ordnung angehen. Was uns hier an Petrus als ein so liebenswerter Zug erscheinen will, ist nur ein trübes Gemisch von Eigenheit, Vermessenheit und Torheit, und das Naturfeuer unsrer Begeisterung für Simons Tat hat gleichfalls nichts als Kurzsichtigkeit und Blindheit zu seiner Quelle.

Unleugbar hatte eine feurige und aufrichtige Liebe an Petri Tat ihren wesentlichen Anteil; aber gewiss war es die Liebe nicht allein, welche zu jenem Ritterstreiche die Hand ihm führte. Mindestens ging es ihm in gleichem Maße um die Rettung der eigenen Ehre, wie um die der Person seines Meisters; und es war die Öffentlichkeit gewiss keine geringe Stütze seines Heldenmuts. Um den Lorbeer einer Preisrichter-Versammlung, wie unser Jünger dort sie vor sich hatte, pflegt Mancher schon etwas zu wagen und aufs Spiel zu setzen. Nur wagte Petrus bei seinem Streiche zu viel daran. Wäre es ihm mit seiner Frage: „Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?“ doch nur ein rechter Ernst gewesen; gewiss hätte der Herr dieselbe mit der Gegenfrage erwidert: „Simon, willst du den Ruhm meiner Hingebung mir beflecken? Legst du es darauf an, uns der Verdächtigung bloß zu stellen, als seien wir doch nur ein politischer Aufrührerhaufen? Beabsichtigst du, den Widersachern einen Grund der Rechtfertigung dafür zu leihen, dass sie bewaffnet zu uns kamen; und, Simon, willst du abermals zur Vereitlung des ganzen Erlösungswerkes dem Satanas die Hände bieten?“ So, oder ähnlich würde der Herr gesprochen haben; denn allerdings war, wenn das, wozu Simon und seine für den Augenblick gleichfalls schlagfertigen Mitapostel den Anlauf nahmen, wirklich ausgerichtet wurde, der Plan der Weltbeseligung durchkreuzt, indem alsdann das Lamm Gottes für uns nicht zur Schlachtbank ging. Es war aber die große Wahrheit, dass eben in der Hinopferung des Gottmenschen das Heil der Sünder wurzele, den lieben Männern immer noch ein tief verschlossenes Geheimnis, und blieb es ihnen, bis der Pfingstgeist die sieben Siegel brach, und die heiligen Tiefen ihnen aufschloss. Und auch heute noch ist's allein der Geist, der hier das Verständnis öffnet und das Rätsel löst. Ohne ihn vernimmt man den Artikel von der Versöhnung im Blute Jesu wohl, und weiß ihn vielleicht gar predigend vor sich her zu tragen; aber man besitzt ihn nur als einen dürren Begriff, als eine dogmatische Formel, als ein totes Gedankending, und hat im Grunde nichts an ihm. Gründlich durchschaut, ernstlich geglaubt, lebenskräftig als Heils- und Hoffnungsgrund erfasst wird der Artikel erst, wenn ihn der Geist der Gnade dem zerbrochenen Herzen nahe bringt und deutet.

Der Wirrwarr, den Simon durch sein unbesonnenes Dreinfahren angerichtet hat, ist unbeschreiblich. Die ganze Szene hat plötzlich eine andere und fremde Gestalt gewonnen. Die Häscher rüsten sich, ihre Schwerter zuckend, nun ebenfalls zum Kampfe, und der heilige Boden der Passion ist zu einer Wahlstatt umgewandelt. Es hätte ein schneidenderer Misston das ganze Vornehmen Jesu nicht unterbrechen können, als er aus jenem unbesonnenen Handstreich herübergellte, Für den Augenblick hat Petrus seinen Meister dem Anscheine nach völlig aus seiner Bahn herausgerückt; und welche Gefahr, die der unbedachtsame Jünger durch seine törichte Tat für die in den Personen der Elfe erst als zarter Keim beschlossene Kirche des Herrn heraufbeschwor! Wären diese doch unbezweifelt jetzt sämtlich ohne Schonung niedergeworfen und abgeschlachtet worden, wenn nicht auch hier wieder der Herr zur rechten Stunde vermittelnd eingetreten wäre. Ihm ists aber ein Geringes, auch den verworrensten der Knoten immer wieder fein zu lösen. Wieder gut zu machen, was wir verdarben, war je und je sein Beruf, und ist es noch. Wie oft geschieht’s, dass geistlicher Weise auch wir den Leuten „das Ohr abschlagen“, d. h. sie ohne Not durch unfern fleischlichen Eifer, oder durch eine falsch gesetzliche und lieblos verletzende Predigtweise für unsere Lehre betäuben; ja, dass wir, als geschähe es planmäßig, ihnen Lust und Neigung benehmen, die Wahrheit, die wir ihnen aufheischen und aufzwängen wollen, auch nur ferner noch mit anzuhören. Es gibt solcher Prediger nicht wenige, die lediglich durch die unevangelische Art, in der sie das Evangelium verkünden, nach und nach ihre ganze Gemeine gegen dasselbe eingenommen und verstimmt haben. Wehe diesen armen Leuten, wenn sie ganz in die Hände dieser Evangelisten hingegeben wären! Auf immer wären sie für den Glauben verdorben.

Aber es ist Einer, der auch gegen solches Unglück Rat weiß, und der es versteht, wie dort das leibliche, so auch ein geistiges Ohr wieder zu heilen. Unter dem Zuspruch Seiner holdseligen Lippen tauen die hart und stumpf gepredigten Herzen wieder auf, und versöhnen sich allmählig einer Botschaft wieder, mit der’s ja, wenn freilich auch auf dem Wege der Buße, auf Anderes nichts, als auf ihre Rettung und Beseligung abgesehen ist.

Kaum ist der beklagenswerte Schlag geschehen, da tritt der Heiland sonder Säumen vor, und spricht, zur Schar gewendet, und schon mit diesen Worten in etwa den Sturm bedräuend: „Lasst mich so lange,“ d. h. „gönnt mir eine kurze Frist, bis, was ich vorhabe, ich vollbrachte!“ Eine Bitte um Ausstand ist es, und zwar für die beabsichtigte Heilung des Verwundeten. Staunt hier wieder die Demut, die Ruhe und die Klarheit an, mit der der Herr auch in den verwickeltsten Lagen und unter den verwirrendsten Verhältnissen immer sein selber mächtig und seines Mutes Herr bleibt, und nie vergisst, was sich ziemt, noch was seines Amtes und Berufes sei. Auch ehrt er selbst in der ruchlosen Schergenrotte noch die Obrigkeit, die er in ihr vertreten sieht, und heischt und gebietet nicht, sondern richtet an sie die Bitte nur, sie möge mit der Ergreifung Seiner Person einen Augenblick noch verziehen. Und wie willig beugt er auch hier sich wieder dem Ratschlusse seines himmlischen Vaters, gemäß welchem er nun der Freiheit seines Leibes beraubt, und der Gewalt der Widersacher unterworfen sein soll, Welche stille Verwunderung wird diese Fassung und demutsvolle Hingabe des Gefangenen selbst der Feindeshorde abgenötigt haben! —

Durch ein bedeutsames Schweigen, das nicht weniger von einer geheimen Beschämung, als von hohem Erstaunen über das Verhalten Jesu zeugte, gibt sie die Gewährung seines Wunsches kund. Wie soll sie aber die Gefühle bewundernder Anerkennung verbergen, von denen sie ergriffen wird, als sie den Herrn nun gar aufs freundlichste zu Malchus sich niederneigen, und dann das vom Schwertschlag getroffene Ohr liebreich mit Seiner wundertätigen Hand berühren sieht, und als in demselben Augenblick nicht allein das Blut zu fließen aufhört, sondern auch die Heilung vollständig vollzogen ist, und das Organ unversehrt seine Stelle wieder eingenommen hat, Wir staunen ebenfalls dieses Wunder an, Es ist das letzte und nicht das geringste Heilungswunder, durch das der Herr sich als den Gottmenschen auf Erden erwiesen hat. Und nicht seine Macht nur ist es, was so glorreich und Ehrfurcht gebietend uns aus dem Wunder anstrahlt. Wir bewundern darin nicht minder seine auch die Feinde von ihren segnenden Betätigungen nicht ausschließende Liebe; dann seine Untertänigkeit unter alle obrigkeitliche Gewalt, der er als einer Ordnung Gottes auch in den geringsten und unansehnlichen ihrer Beauftragten und Vertreter sich zu Dienst und Unterwerfung verpflichtet weiß; und vornehmlich seine mehr als mütterliche Fürsorge für die Jünger, welche Er durch die Hilfstat an Malchus sicher der Blutrache der Mord schnaubenden Schergenrotte entrückt hat.

Auch ist der auf die ganze Folgezeit berechnete weise Vorbedacht nicht zu übersehen, womit der Herr hier durch sein Liebeswerk von vorneherein auch faktisch die wahre Natur seines Reiches vor jedem Missverständnis sicher stellt. Es ist sein Reich von dieser Welt; sondern ein solches, wo die Rache schweigt, die Lindigkeit feurige Kohlen sammelt auf des Feindes Haupt, und Böses mit Gutem vergolten wird.

In demselben Augenblicke, in welchem der Herr die heilende Hand nach dem Verwundeten ausstreckt, öffnet er auch zu Petrus seinen Mund, und spricht, allen kommenden Zeiten zur Weisung, das große inhaltreiche Wort von dem Schwertgebrauch in seinem Reich, von seiner freien Selbstentäußerung für die Sünder, und von seiner unbedingten Untertänigkeit unter des Vaters Ratschluss.

Er beginnt: „Stecke dein Schwert an seinen Ort in die Scheide, denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.“ Ein ernster Mahnruf, der namentlich in seinem erschütternden Schlusse wie ein Donner Gottes über Simons Haupt hinrollen musste. Ihr wisst, wie dieser Ausspruch Seitens zweier christlichen Kirchengemeinschaften dahin missdeutet worden ist, dass darin den Christen der Schwertgebrauch überhaupt verboten worden sei. Es will aber Schrift mit Schrift verglichen sein, und die sogenannte „Analogie des Glaubens” ist das erste Gesetz aller Bibelerklärung. Winkt der Herr doch selbst in dieser seiner Rede schon darauf hin, dass das Schwert allerdings „seinen Ort“ habe, wo es mit voller Berechtigung die Scheide verlassen dürfe; und trägt doch laut dem bekannten apostolischen Worte Römer 13, 4, „die Obrigkeit das Schwert nicht umsonst, sintemal sie Gottes Dienerin ist, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut.“

Wo nun die Obrigkeit ihr Schwert auf irgendjemanden überträgt, sie lege es nun in die Hände des Nachrichters, oder des Kriegers, oder auch in die des zur Notwehr befugten Privatmannes: da wird's mit vollem Zuge gezückt; und zwar so, dass in den beiden ersten Fällen die Verantwortung lediglich auf die Überträgerin zurückfällt, während der Privatrache, die etwas wesentlich Anderes als die Notwehr ist, das Schwert in allen Fällen unbedingt entzogen bleibt. Am allerwenigsten findet das Schwert „seinen Ort“ im Bereiche der Interessen des Reiches Gottes. Hier heißt es vielmehr: „Nicht durch Heer oder Kraft soll es geschehen, sondern durch meinen Geist.“ Hier gilt das Wort: „Die Waffen unsrer Ritterschaft sind nicht fleischlich, sondern mächtig vor Gott, (d. i. göttlich mächtig,) zu zerstören Befestigungen.“ Hier wird überwunden durch die Macht des Zeugnisses, durch das Blut des Lammes, und die Geduld der Heiligen.“ — Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche, und nicht das Blut der „Ketzer“. Die römische Kirche hat sich aus Petri, ihres Patrones, Nachlass, leider! das Schlechteste ausersehen: sein Schwert; und nicht etwa das vom Herrn mit dem bedeutsam betonten: „Dein Schwert stecke ein” für immer in die Scheide gebannte, sondern das im grellsten Widerspruch mit des Herrn Wort und Befehl zum Schlag entblößte und gezückte. Die Ritterschaftswaffen der Päpstischen waren je und je „fleischlich.“ Bannbullen waren's, Interdikte, Ketzergerichte, Autodafés und Scheiterhaufen, Darum haben sie's auch nur zur Auferbauung einer Weltkirche gebracht, die dem Reiche Christi nicht ähnlicher sieht, als ein natürlicher Mensch dem aus dem Geist geborenen, und, mehr Staatsanstalt als Kirche, mehr Hagar als Sarah, nur Knechte gebiert, nicht Kinder, und Ärger, denn die Galater, „im Fleische“ es anfing, und „im Fleische“ es auch vollenden zu wollen scheint. Ach, dass nicht, wie sie durch das Schwert emporgekommen ist, es sie treffe, dass auch das Schwert sie wieder fälle, Das „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen,“ gilt wenigstens nicht ihr, sondern nur der Kirche der Wahrheit; und seinem vollen Sinne nach der Gemeine nur, die „aus Wasser und Geist geboren” wurde, Diese siegt im Unterliegen, und „Leidet sich als eine gute Streiterin Jesu Christi.“ Ihr Lorbeer ist die Dornenkrone; die Sanftmut ist ihre Waffe „Mit feurigen Kohlen“ verkehrt allerdings auch sie; jedoch mit denen nur, die sie, Liebe übend, auf das Haupt ihrer Widersacher sammelt.

Wird sie gescholten, so segnet sie. Wird sie verfolgt, so duldet sie‘s. Wird sie verlästert, so fleht sie. Sie beherzigt den Ausspruch Petri: „Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet über dem Namen Christi: denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch;“ und so überwindet sie durch Ergebung, und bereitet Christo Triumph durch ihren Triumph über sich selbst; und schlägt ihre Schlachten entweder wie die Sonne, die das Nebelmeer gegen sich heraufdampfen lässt, um es liebend zu durchdringen, und in schimmernde und befruchtende Tautropfen aufzulösen; oder wie der Amboss, der selbst nicht schlägt, aber freilich nicht hindern kann, dass die Hämmer, die auf ihn fallen, an ihm zersplittern, —

In diesem Wege leidenden Überwindens, auf welchem allein die Welt dem Friedensfürsten erobert ward und wird, haben wir diesen selbst zum Vorgänger und zum Führer. Hört ihn reden, „Stecke dein Schwert an seinen Ort in die Scheide; denn” (merkt's, ihr falsch empfindsamen Bestreiter der Begründung der Todesstrafe!) „wer das Schwert nimmt, soll durchs Schwert umkommen!“ Als Petrus später wirklich zum Richtplatz wandern musste, wird er an dieses Wort mit Grauen zurückgedacht, aber zugleich in seinem Herzen hoch aufgejubelt haben, dass nur das Todesurteil der Menschen ihn noch treffen konnte, indem das des richterlichen Gottes durch das Blut des Lammes ewig von ihm hinweggenommen war. Doch hört den Meister weiter. „Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat? oder meinst du, dass ich nicht könnte meinen Vater bitten, dass er mir zuschicke mehr, denn zwölf Legionen Engel? Wie würde aber die Schrift erfüllt? Es muss also gehen!“ -

O welch ein tiefer und umfassender Blick, der uns hier aufs Neue in das erhabene Selbstbewusstsein des Herrn eröffnet wird! Wie weicht hier der Schleier seiner Knechtsgestalt zurück, und wie entfaltet sich hier wieder vor uns, einem Blitz in finsterer Nacht vergleichbar, die ganze Majestät des eingeborenen Sohnes vom Vater! Auch in den dunkelsten Erniederungstiefen bleibt Er, der er ist, und steht mit seinem Wissen von sich selbst allewege über dem Gegensatz des Scheins, der ihn umfangen hält. Ja, wenn er wollte, dürfte er, gewisser ist ihm nichts, als dies nur heischen, (dies ist der Begriff des Wortes im Grundtext,) und der Vater sendete ihm zu seinem Schutze „zwölf Legionen Engel“, (also für jeden Einzelnen der kleinen Gemeinschaft eine.) Dass der Herr dies ausspricht, welche Beschämung liegt darin für Petrus, der da meinen konnte, dass der Meister, wenn er nicht in den Riss sich für ihn werfe, verlassen und hilflos stehe. Dies sein törichtes Meinen, wie empfindlich wird es durch das „Meinst du nicht?“ bestraft. Weiß Simon doch, dass sein Herr mit leeren Reden nicht zu verkehren pflegt, und dass er darum dessen Wort von der ihm zu Gebote stehenden Himmelsmacht buchstäblich zu nehmen habe. Und ihm konnte der Einfall kommen, er müsse diesen Herrn als einen Wehrlosen von einer Handvoll armer Sterblicher erretten! Welch ein Unglaube! Welche Verblendung!

Aber hätte es in der Tat noch in der Macht des Herrn gelegen, durch Engelhilfe seinen Leiden sich zu entziehen? Unbezweifelt! Wie Er zur Übernahme des großen Werkes sich frei entschlossen hatte, so konnte er auch jedweden Augenblick wieder frei und ungehindert davon abstehen, Jeder Gedanke an Zwang und Nötigung von außen her ist von dem Tun und Leiden unsres Mittlers fern zu halten. Nun wüsste ich aber kaum einen Moment im Leben Jesu, da seine Sünderliebe herrlicher zu Tage getreten wäre, als in demjenigen, vor welchem wir eben stehen. Eine Himmelsschar, mächtig, eine Welt von Widersachern in den Staub zu strecken, steht seines Winks gewärtig hinter dem Wolkenvorhang, und brennt vor Begierde, für Ihn einzutreten, und Ihn im Triumph aus der Gewalt der Gottlosen befreien zu dürfen; und Er, der Misshandelte und Bedrängte, verzichtet auf ihre Hilfe, und wiederholt aufs Neue, nur mit größerem Nachdruck noch, weil es durch die Tat geschieht, sein: „Dein Wille geschehe, Vater, nicht der meine!“ - „Es muss also gehen,“ spricht er. Beachtet's wohl dies sein erneuertes Zeugnis von der unumgänglichen Notwendigkeit seiner Passion. - „Wie würde sonst die Schrift erfüllt,“ fügt er hinzu. Mosis und der Propheten Wort ist seines Fußes Leuchte und das Licht auf seinem Wege. „Soll ich den Kelch nicht trinken,“ fragt er, „den mir mein Vater gegeben hat?“ Großes, inhaltvolles Wort! Lasst uns bei demselben einige Augenblicke betrachtend verweilen.

Was ist ein Kelch? - Ein Trinkgefäß, das sein bestimmtes Maß, und in seinem Rande seine Grenze hat. Ihr wisst, zu verschiedenen Malen sprach der Heiland von dem Kelche, der ihm verordnet sei. Matth. 20 fragte er seine Jünger: „Vermögt ihr auch den Kelch zu trinken, den ich trinken werde?“ Unter dem Kelche verstand er den ihm zugemessenen gallenbitteren Trank seiner Passion. - In Gethsemane hörten wir zu Anfang Ihn noch fragen, ob es nicht möglich sei, dass der Kelch an Ihm vorübergehe? An unserm Orte nennt Er ihn mit dem ungetrübtesten Bewusstsein einen Kelch, „den ihm sein Vater gegeben“ habe. Was in dem Kelche war, wisst ihr. Alles enthielt er, was der Sünde halber Seitens der göttlichen Gerechtigkeit uns zugemessen werden musste. In dem Kelche war der ganze Fluch des unverbrüchlichen Gesetzes. Es waren in ihm alle Schrecken des Schuldgefühls, alle Schauer der ausgesuchtesten Anfechtungen des Satans, alle Nöten, die Leib und Seele treffen können. Es dunkelten darin die fürchterlichsten Tropfen der Verlassenheit von Gott, der Höllenangst, und eines mit dem Fluch belegten und in der Umgebung der finsteren Mächte zu erduldenden blutigen Todes. Wie, und einen also gefüllten Kelch reicht Ihm der Vater? Kein Anderer, als Er. Lernt hier verstehen, was das ist: „Der auch seines eigenen Sohnes nicht verschonte, sondern hat ihn für uns Alle dahin gegeben;“ was das ist: „Gott warf alle unsre Sünden auf Ihn;“ was das ist: „Ich will den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen;“ was das ist: „Christus hat uns erlöst vom Fluche des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns;“ und was das: „Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht!“ Was alles dies bedeute, lernt's hier verstehen. Sieh, was von Jugend auf du mit deiner Gottvergessenheit, deinem selbstsüchtigen Tun und Treiben, deinem Ungehorsam, deinem Hochmut, deinem Weltsinn, deinen unsauberen Gelüsten, deiner Heuchelei, deiner Falschheit, deiner Herzenshärtigkeit, deinem Lug und Trug: was, sage ich, mit dem Allem du dir zusammenhäuftest auf den Tag der Offenbarung seines heiligen und gerechten Zornes, das alles findet sich in diesem Kelch vereinigt, und gärt zu einem furchtbaren Todestrank darin zusammen. „Soll ich diesen Kelch nicht trinken?“ spricht der Herr. -

Ja, trink ihn, Jesu; denn du trinkst ihn oder wir; und für uns hat der Kelch nicht Grund, nicht Boden: denn Ewigkeit ist unsres Fluches Maß. „Soll ich diesen Kelch nicht trinken?“ - Ja, leere ihn, Immanuel! Wir wollen dir dafür die Füße küssen, und auf deinem heiligen Altare selbst die Opfer sein, die Dir sich weihen. Er leerte ihn. Kein Tropfen blieb für die Seinen darin zurück. Die Genugtuung ist vollzogen, die Versöhnung ins Werk gestellt. Nichts Verdammliches ist mehr an denen, die in Christo Jesu sind. Fluch trifft sie nicht mehr, kann und darf sie nicht mehr treffen; denn „alle Strafe lag auf ihm, auf dass sie Frieden hätten“; und ihnen ist nichts geblieben, als das Halleluja.

Ja, wir sind befugt, schon jetzt dies Halleluja anzustimmen, obwohl wir noch der streitenden Kirche angehören, und die triumphierende erst in der Ferne vor uns liegt. Das Wort: „Wir müssen durch viel Trübsal zum Reiche Gottes eingehen,“ behält, so lange wir im Tal der Tränen weilen, seine Geltung noch; aber als ein Segenswort, und nicht mehr als ein Wort des Fluches. Die Bezeugung des Apostels von „Leiden Christi, welche seiner Gemeine (freilich nicht mehr als Straf-, geschweige als Genugtuungsleiden) übrig seien,“ steht immer noch in Kraft; aber in keinem bedenklichen Sinne. Drei Kelche gehen in der Gemeine Jesu um. Jeder Himmelserbe hat daraus seinen Trunk zu tun, Bitter, bitter ist der Kelche Inhalt. Nichtsdestoweniger dienen auch sie zum Zeugnis, wie Großes es uns aufgetragen habe, dass der Herr Jesus den Schauerkelch für uns geleert, den Ihm sein Vater darbot. Die uns hinterlassenen Kelche sind keine Hochzeitsbecher; aber ihr Trank ist Heils- und Segenstrank. Der Wermut des Gerichts ist aus ihnen verbannt, nachdem derselbe in den Gethsemanes-, Gabbathas und Golgathas - Kelch übergegangen ist.

Der erste der fraglichen drei Kelche ist der der Buße, der Traurigkeit um die Sünde, der Reue, die „Niemanden gereut“. Er will getrunken sein, dieser Kelch. Ohne des Zöllners Schlag an die Brust, ohne Magdalenens Schmerz, ohne Petri Tränen kein Eingang in das Gnadenreich. „Tut Buße!“ hieß der erste Glockenklang, mit dem der Hereintritt des neuen Testamentes eingeläutet wurde. „Tut Buße!“ der Anfang jeglicher Geistes-Antwort auf die Frage: „Was soll ich tun, dass ich selig werde?“ Die Buße ist die enge Pforte zum Friedensreich. Des neuen Lebens Keim und Knospe ist die Buße. Erkenne die Sünde erst als Sünde, so erkennst du sie an dir mit Grauen. Denn die Sünde scheidet dich von Gott und ist des Teufels Strick, der Hölle Mutterschoß. Erkanntest du aber erst die Sünde an dir als Sünde, so wirft, ehe du dich's versiehst, auch der die Schleier vor dir ab, außer welchem kein Heil zu finden ist. Drum, was vor Allem nottut, ist Selbstgericht, Sündentrauer, Buße! Nimm hin den Kelch! Es werden dir von seinem Trank die Augen übergehen: denn statt der Süßigkeit des Wohlgefallens an dir selbst, trinkst du daraus die Galle des Gegenteils: ein Weh, das kein Harfenspiel der Erde dir mehr verscheucht; ein Leid, das dir die eitle Freude dieser Welt vergällt; eine Schwermut, die dich im Schwarme deiner leichten Freunde nicht mehr dauern lässt; ja die in die Einsamkeit dich drängt, und in den Tränenwinkel. Was aber tränkst du aus dem Kelche erst, hätte Jesus den Seinigen nicht zuvor geleert! Du tränkst Verzweiflung dann, und Höllenangst, und Hoffnungslosigkeit. Er wäre für dich wie für uns Alle Kains, Ahitophels und Ischarioths Kelch. Nun aber ist sein Trank gemischt mit Gnadenhonig, mit Erlösungstrost und der Verheißung ewiger Vergebung im Blut des Lammes. O, trinke ihn; doch ohne Händeringen jetzt! Zerschmilz in stiller, hoffnungsreicher Wehmut; aber wehre dem Schrei des Zagens: „Meine Sünde ist größer, denn dass sie mir könnte vergeben werden!“ Hierzu liegt kein Grund mehr vor. Du trinkst an dem Kelch des Sündenschmerzes jetzt einen Segenskelch. Im Himmel ist Freude über dir, während du weinst; auf Erden jubeln die Kinder Gottes dir entgegen: Willkommen, Bruder! Der Satan knirscht mit den Zähnen, weil er dich nun lassen muss; und ewige Liebesarme strecken sich aus, dich zu umfangen. Warum braucht deine Buße nicht Verzweiflung mehr zu sein? Warum ist dieser bittere Kelch dir jetzt ein Heils- und Hoffnungskelch? Antwort: Jesus büßte die ungesühnte Sünde, und du beweinst jetzt die gebüßte nur. Jesus hatte die unbezahlte Schuld auf sich, und stand darum dem Vater als seinem Richter gegenüber; du bist um Deine Schuld betrübt, nachdem sie vollauf für dich bezahlt ward, und Gott dich nicht mehr richten kann noch wird. -

Freilich wird der Kelch der göttlichen Trauer nie ganz geleert, so lange wir noch im Leibe des Todes wallen. Man sündigt wieder, und aufs Neue weint das Herz; aber an der Brust der ewigen Liebe weint's, und unter der Tränen trocknenden Hand der göttlichen Erbarmung.

Neben diesem ersten Kelche geht ein andrer in Zion um; und auch dieser wird völlig nicht von uns hinweggenommen, bis der Kelch der himmlischen Seligkeit uns gereicht wird. Es ist der Kelch des Sterbens nach dem Fleisch, der Demütigungen des alten Menschen, der Entwöhnung von den Brüsten der Kreatur, der inneren Vernichtung, in deren Wege uns Christus Alles werden soll in Allem. Auch aus diesem Kelche tut so oder so ein jeder Gläubige seinen Trunk. Paulus hatte seinen Pfahl im Fleische, Petrus die gewisse Aussicht auf den blutigen Kreuzestod, Timotheus seufzte unter Leibesschwachheit, Silas war mit Paulus ein Geächteter der Welt. Du schlägst mit Armut und Nahrungssorgen dich herum; du wohnst, verkannt und ausgestoßen, einsiedlerartig unter deinen Brüdern; du weißt bei dem besten Willen in deinen geschäftlichen Unternehmungen auf keinen grünen Zweig zu kommen; du wirst wie Hiob körperlich geplagt, oder hast wie Eli große Not durch deine Kinder; dich trifft in deinem Hause ein nicht zu verschmerzender Trauer- und Todesfall nach dem andern; du stehst dich in Verhältnisse gebannt, wo du dich nicht in deinem wahren Beruf, in deinem eigentlichen Elemente fühlst, und kannst doch nicht heraus; du - doch, wo wollten wir enden, gälte es, alle die bitteren Tropfen namhaft zu machen, die den Trank der „Trübsal“ bilden, durch welche wir, wie die Schrift sagt, zum Reiche Gottes eingehen müssen“. Habe ich doch die bittersten unter ihnen noch nicht einmal genannt; denn nichts sagte ich noch von den Anfechtungen des Teufels, von den Glaubensverdunklungen, von der Verdorrung des inneren Lebens, von der Entziehung des Beterdrangs, von der Zweifels- und Zagensnot, von der schmerzlichen Erfahrung des innerlich ärmer, sündiger, gnadenbedürftiger Werdens, statt reicher, heiliger und stärker; und von dem Zurückfallen in die Stellung Römer 3, wo die Klage ertönt: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes!“ Fasst aber alles dies zusammen, und ihr kennt den zweiten unsrer Kelche. Ja, auch den, Brüder und Schwestern in dem Herrn, bekommt ihr insgesamt zu schmecken. Aber getrost! Auch in ihm ist nicht Fluch, nicht Zorn, nicht Strafe mehr. Den Fluch trank der Bürge aus ihm heraus, und so wurde der Kelch zum Segens- und Genesungskelche. Durch alle jene Leiden sollt ihr nur mehr und mehr von euch selbst und dieser Welt gelöst, und tiefer mit dem Herrn Jesu verbunden werden. Ihr sollt dadurch an der Gnade euch genügen lassen lernen, und in diejenigen Lagerstätten des Weges Gottes hineingeleitet werden, wo Er Seine Treue, Seine Bewahrung, Sein Trösten und Tragen, Sein Aufhelfen durch verborgene Kräfte und sein freundliches Reden mit den Müden zur rechten Zeit, in handgreiflicher Weise an euch betätigen kann. Seht, lauter Heilsamkeit in Absicht, Zweck und Frucht. Darum entschlossen nur geleert, was Gott euch eintränkt! Die ewige Liebe ist es, die, Hand in Hand mit der himmlischen Weisheit, Tropfen für Tropfen den Trank euch zumisst. Wie dort bei den Brüdern Josephs auf dem Grunde ihrer Säcke der Schatz gefunden ward, so findet sich hier der Segen auf dem Boden des Kelchs der Bitterkeiten. „Die Trübsal, wenn sie da ist, dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; danach aber wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind.“

Der dritte Kelch erscheint als der schauerlichste von allen, und doch hat auch er alle seine Schauer verloren. An Niemandem geht auch er vorüber; und wer weiß, wie bald er auch dir und mir kredenzt wird. Es graust uns vor diesem Kelche, denn er kommt mit schwarzem Flor umhangen. Aber der Christ darf ihn schmücken mit Immergrün, und friedsam lächelnd ihn entgegennehmen. Es ist der Kelch der letzten Stunde, der Abschiedskelch, der Todeskelch. Aber auch er ist nicht mehr der Kelch, wie ihn die richterliche Gerechtigkeit nach dem Fall im Paradiese mischte. Nicht ist er mehr der Kelch, den Jesus trank; denn für Ihn umschloss er noch den Fluch. Jesus starb den Tod, der der Sünde Sold ist, der in der Verlassenheit von Gott gestorben wird, und den die Schrecken des Gerichts umgrauen. Dafür sterben jetzt wir, sofern wir Christi sind, einen Tod, der die Müden zur Ruhe führt, dem Pilger die Reisekleider abnimmt, um ihn ins Vaterhaus zu geleiten, statt des Dornenkranzes die Krone des Lebens uns um die Stirne flicht, und uns auf ewig die Tränen von den Augen trocknet. Seht Stephanus, wie er, ohne eine Miene zu verziehen, den letzten Schmerzenskelch dahinnimmt. Seht Paulum, wie ihn nach dem Durchgang durch den Todesjordan dürstet, und er ausruft: „Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein!“ Seht Simeon, wie er den Sterbenskelch als einen Jubelbecher greift und harmlos daher jauchzt: „Nun lässt du deinen Knecht mit Frieden fahren!“ Hört Johannes, wie er frohlockt: „Wir sind nun Gottes Kinder, und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, dass wir ihm gleich sein werden; denn wir werden Ihn sehen, wie er ist.“ Wo sind hier die Schrecken des letzten Kelchs? Entschwunden sind sie, und der Kelch erscheint nur noch mit Hoffnung und Frieden angefüllt. Das verdanken wir Dem, der dem Tode die Macht genommen hat, und zu dessen Ehren wir fortan triumphieren dürfen: „Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?!“

Seht, Freunde, so trank aus allen Kelchen, die noch in Zion umgehen, der Bürge stellvertretend den Fluch hinweg, und was den Seinen darin zurückblieb, ist, wie bitter es dem Fleisch auch dünke, nur Heilstrank. Freuen wir uns dessen von ganzem Herzen, und bekennen wir gläubig und dankbewegt mit dem Sänger:

Der Kelch, den Du geleeret,
Barg meine Angst und Not;
Das Weh, das Dich verzehret,
Mir Sünder war's gedroht.
Seitdem es Dich geschlagen,
Muss Trauben mir der Dorn,
Die Distel Feigen tragen ;
Und da, wo Andre zagen,
Quillt mir des Friedens Born. — Amen.

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