Auberlen, Karl August - Das Geheimnis Gottes in Christo – Am Reformationsfest.
Das Reformationsfest wird in Basel am Trinitatisfest gefeiert.
Röm. 3, 28.
So halten wir es nun, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
Wir haben uns heute im Haus des Herrn versammelt, um ihm für das helle Licht zu danken, welches er vor mehr als 300 Jahren durch das gesegnete Werk der Reformation über unser Volk hat aufgehen lassen. Diese Feier betrifft nicht Gnadentaten, welche Gott unmittelbar durch seinen Sohn und Heiligen Geist an uns getan hat; sie betrifft ein späteres, durch sündige Menschen vollbrachtes Werk. Aber nachdem wir dem Herrn, unserem Gott, gedankt haben für die Sendung, für die Dahingabe, für die Auferweckung und Erhöhung seines Sohnes, für die Ausgießung seines Geistes: so loben wir ihn doch auch billig und recht von Herzensgrund für das, was er durch unsere hochbegnadigten Reformatoren uns geschenkt hat. Denn jene Hauptfeste der Christenheit im Geist und in der Wahrheit zu feiern, das ist ja erst wieder durch die Reformation uns möglich geworden.
Wohl bekennt auch die katholische Kirche Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist; wohl betet auch sie Christum als denjenigen an, der da ist wahrer Gott und wahrer Mensch; wohl feiert auch sie Weihnachten, Ostern, Pfingsten.
Aber der dreieinige Gott ist ihr nicht ein naher, sondern ein ferner Gott. Wir freuen und trösten uns dessen, dass uns Christus durch sein Blut den Weg unmittelbar zum Herzen des Vaters gebahnt hat, und dass der Heiligen Geist in die Herzen der Gläubigen ausgegossen ist, um ihnen ihre Kindschaft und ewige Herrlichkeit friedevoll zu bezeugen. In der römischen Kirche wird Jesus vorzugsweise als der König und Richter voll schrecklicher Majestät betrachtet, dessen Gnade erst wieder durch die Fürbitte seiner Mutter und der Heiligen für uns müsse gewonnen werden. Und während der Heiland uns den Heiligen Geist gesandt hat als seinen wahrhaftigen, aber freilich unsichtbaren Stellvertreter auf Erden und als die lebendige Salbung, die alle Gläubigen zu Priestern weiht: will man dort einen menschlichen, sichtbaren Stellvertreter Christi im Papste haben und einen besonderen Priesterstand, durch dessen Vermittlung die Menschen allein zu Gott nahen können. So steht im Himmel Maria und die Schar der Heiligen, es steht auf Erden der Papst und die Schar der Priester zwischen Gott und den Menschen; und ebenso wird das Wort des lebendigen Gottes, die Heilige Schrift, den einfachen Christenmenschen meist entzogen, und Priesterwort und Kirchensatzungen treten an dessen Stelle. Wie Nebel und Wolken die Sonne verdecken, so verdecken hier Kreaturen das Angesicht des lebendigen Gottes, und Millionen armer Menschenseelen, zumal in ganz katholischen Ländern, wie Spanien und Italien, wissen in ihrer Religion fast nur von Priestern und Heiligen und wenden sich in ihren Gebeten nicht an Gott, nicht an Christum, sondern an Maria. Wenn man aber das Geschöpf mehr ehrt als den Schöpfer, so ist dies, wie Paulus (Röm. 1, 25) schreibt, nicht Christentum, sondern es ist heidnischer Aberglaube, welcher sich hier mit der christlichen Religion vermischt hat. Von diesem Kreaturendienst hat uns die Reformation frei gemacht, diese Nebel und Wolken hat sie zerstreut, dass wir nun wieder in dem lichten, erquickenden Sonnenschein der ewigen Liebe des dreieinigen Gottes unsere Pilgerstraße dahinziehen können. Geliebte, das ist etwas unaussprechlich Großes, dass unsere Seelen nicht mehr aufgehalten, nicht mehr niedergehalten sind, sondern zu Gott, zu dem ewigen Gott im Namen seines Sohnes unmittelbar kommen dürfen, dass wir nicht mehr aus löchrigen und trüben Brunnen zu trinken brauchen, sondern aus der lebendigen Quelle selbst lebendiges Wasser schöpfen können; das ist etwas unaussprechlich Großes, dass die Kindesrechte, die Priesterrechte, die uns Christus mit seinem teuren Blut erworben und mit seinem Heiligen Geist versiegelt hat, uns jetzt wieder allen frei und offen dargeboten werden.
Aber nicht bloß heidnischer, sondern auch jüdischer Aberglaube hat sich in der katholischen Kirche mit der christlichen Wahrheit vermischt. Wir freuen uns als Christen mit demütigem Danke, dass der allgewaltige Gott sich in seinem Sohne und Geiste so innig zu uns herabgelassen, dass er seine Gnadentafel vor uns gedeckt hat und uns nun zurufen lässt: Es ist Alles bereit, kommt zur Hochzeit (Matth. 22, 4)! ihr dürft aus der in Christo geöffneten Fülle nur schöpfen Gnade um Gnade, ihr braucht Nichts mitzubringen, sondern nur zu nehmen, zu empfangen in kindlichem Glauben. Diese Gnadenfülle zu fassen, wird dem natürlichen Herzen schwer; durch die Sünde selbst lieblos geworden, vermag es auch Gott keine so große Liebe zuzutrauen, dass er die Abgefallenen, die Feinde so mild, so erbarmungsvoll behandeln sollte. Es denkt sich Gott ferne und meint selbst erst allerlei Anstrengungen machen zu müssen, um ihm wieder nahe zu kommen. So ist es nun auch der Christenheit gegangen, als nach und nach die Kraft des Glaubens in ihr ermattete. Gott rückte ihr in immer größere Ferne; und wie sie diese Kluft auf der einen Seite durch Maria und den Papst, die Heiligen und die Priester ausfüllen zu müssen meinte, so auf der andern Seite durch eigene Anstrengungen, Büßungen und verdienstliche Werke.
Die Reformatoren hatten in dieser Beziehung mit der katholischen Kirche denselben Kampf zu kämpfen, wie Jesus mit den Pharisäern und Paulus mit jenen falschen Brüdern aus der Beschneidung, welche die Christen wieder in das knechtische Joch der Gesetzlichkeit fangen wollten. Darum waren auch die Briefe an die Römer und Galater, in welchen Paulus wider diese falsche Gesetzesgerechtigkeit streitet, für die Reformatoren von so großer Wichtigkeit. Sie erkannten, was hier der Apostel ausführte, dass all unser eigenes Tun weit nicht zureicht, um damit vor dem heiligen Gott zu bestehen; sie erkannten, dass allein Christi Blut und Gerechtigkeit das Ehrenkleid sei, in dem wir vor Gott erscheinen können; sie erkannten, wie die Worte unseres Textes lauten, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
Die Rechtfertigung durch den Glauben ist daher das Fundament unserer evangelischen Kirche, und dieses Fundament wollen wir heute genauer betrachten. Es wird dies umso dienlicher sein, da auch unter uns evangelischen Christen diese Grundlehre des Heils, so süß sie dem geistlichen Menschen ist, für den natürlichen immer eine harte Rede bleibt. Dass wir vom päpstlichen Joche, vom Aberglauben des Heiligendienstes usw. frei sind, darüber freut sich ein Jeder; aber dass wir aus Gnaden allein gerecht und selig werden sollen, das ist der Punkt, in dessen Leugnung auch so manches Protestantenherz einen geheimen Bund mit der katholischen Lehre hat. Darum lasst uns unter Gottes Beistand auch hierin sehen, was dazu gehöre, ein rechter evangelischer Christ zu sein.
1.
Wenn der Apostel sagt, durch des Gesetzes Werke werde der Mensch nicht gerecht, so will er damit nicht das Gesetz angreifen; denn er selbst schreibt: das Gesetz ist ja heilig, und das Gebot ist heilig, recht und gut (Röm. 7, 12). Sondern er will den pharisäischen, jüdischen Missbrauch des Gesetzes rügen, wo man dasselbe mit ungebrochenem Sinne auf Selbstgerechtigkeit zieht; - er will diejenigen zurückweisen, die da wähnen, der Mensch bedürfe Nichts als das Gesetz, es stehe so gut um uns, dass wir den Willen Gottes, wenn wir ihn nur kennen, auch von uns selber zu tun und dann in dieser unserer eigenen Heiligkeit vor Gott zu bestehen vermögen. Dadurch kehrt man die Bestimmung des göttlichen Gesetzes geradezu um: man will durch dasselbe gerecht werden, während es vielmehr dazu da ist, unsere Ungerechtigkeit uns aufzudecken; denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde (Röm. 3, 20).
Aber hierzu, zur Erkenntnis der Sünde, ist auch das Gesetz für uns alle notwendig, und der Apostel lässt und gibt ihm in dieser Beziehung alle Ehre. Wenn mir im zweiten Stockwerk eines Hauses meine Wohnung angewiesen ist, und ich will von der Straße in dieselbe gelangen, so führt mich mein Weg durch das erste Stockwerk: ich darf nicht in demselben stehen bleiben, aber ich kann es auch nicht umgehen. So ist es mit dem Gesetz: es ist nicht das Letzte und Höchste, nicht das Ziel; aber es ist ein notwendiger Weg und Durchgangspunkt. Das Gesetz muss uns zu Sündern machen, wenn uns die Gnade zu Kindern annehmen soll. Diesen Weg sind unsere Reformatoren gewandelt; sie haben sich durch das Gesetz recht in die Tiefe, in die innere Not der Sündenerkenntnis hinabführen lassen. Das mag uns Luther selbst bezeugen, der einmal von seinem Klosterleben schreibt: „Ich habe mich bis auf den Tod gequält, um meinem beunruhigten Herzen, meinem geplagten Gewissen den Frieden mit Gott zu verschaffen, aber in schrecklicher Finsternis habe ich nirgends Frieden gefunden. Ich beichtete täglich, aber es half mir zu nichts. In tiefer Trauer quälten mich alle meine Gedanken. Also bist du wieder neidisch, ungeduldig, erzürnt, sagte ich zu mir, und es nützt dir Elendem Nichts, in den heiligen Orden eingetreten zu sein.“
Hiervon müssen wir alle etwas erfahren, Geliebte, wenn wir rechte, evangelische Christen sein wollen. Wir müssen das Gesetz sein ernstes Werk, seine scharfe Zucht an uns vollbringen lassen. Haben wir das getan? tun wir es, auch wir Christen? werden wir nicht in dieser Beziehung zu leicht erfunden werden? Wir blicken vielleicht zu der Glaubensfreudigkeit eines Luther, welche uns aus seinem: „Ein feste Burg ist unser Gott,“ in großer Kraft entgegentönt, mit Sehnsucht und Verlangen empor, und finden unser Glaubensleben dagegen so schwach und zweifelnd, so kleinmütig und unsicher. Woher kommt das? kommt es nicht vielleicht auch daher, dass wir vor jener Tiefe der Sündenerkenntnis, des Sündenelends zu weich zurückweichen, in die wir jene Gottesmänner hinuntergestellt sehen und ebenso den noch größeren Paulus, wenn er das auch ihn quälende und zerreißende Gefühl der Fleischesknechtschaft in die Worte zusammenfasst: Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von diesem Todesleib! (Röm. 7, 24.) So arm, so elend waren diese großen, diese königlichen Geister, denen wir alle mit einander in keinem Stücke das Wasser reichen können, vor ihrem Gott, weil sie sein Gesetz in sich durchwirken ließen und in ihrem Gewissen spürten, was es um sein majestätisches, feuerflammendes Angesicht und um seinen heiligen, unverbrüchlichen Willen sei.
Denn wen der Herr will herrlich zieren
Und über Sonn' und Sterne führen,
Den führet er zuvor hinab.
Und was sind es für Sünden, über die sie so tief sich gedemütigt fühlen? Es sind keine Laster, keine Ausschweifungen, keine sonderlichen Verirrungen, sondern Neid, Ungeduld, Zorn ist es, worüber Luther sich so unglücklich, so von schrecklicher Finsternis umgeben sieht. Es sind solche Regungen, die in uns allen täglich aufsteigen, auf die wir vielleicht kaum achten, die wir als natürlich und unvermeidlich ansehen. Solche Dinge sind dem Reformator überaus sündig geworden und haben ihm Tag und Nacht keine Ruhe gelassen. War er etwa darin ein Schwärmer? ein wunderlicher, übertriebener Mensch? nein, ein jedes von uns fühlt, dass eine solche Gewissenhaftigkeit, die es auch mit der kleinsten Sünde ernst nimmt, nicht nur an sich höchst achtungswert ist, sondern dass gerade sie vorzüglich es war, wodurch der geringe Mönch zum Reformator der Kirche wurde. Geliebte, wir stellen uns nicht genug unter das heilige Gesetz Gottes, wir messen uns selbst nicht mit dem rechten Maßstab, wir vergleichen uns so gerne nur mit Andern, die auch Sünder sind; darum werden wir mit unsern Sünden so schnell fertig, wir vergeben sie uns selbst und sind so im Stillen auch nichts Anderes als selbstgerechte, gesetzesgerechte Leute. Aber wenn wir nur dies bedenken, dass das vornehmste Gebot heißt: Du sollst Gott lieben von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und aus allen Kräften, und das letzte Gebot: Lass dich nicht gelüsten; o, wie wird durch diese zwei kurzen Worte unser tägliches Leben gerichtet! Wie arm sind wir an Liebe zu Gott und wie reich an bösen Lüsten! Wahrhaftig, wo das Gesetz seine rechte Wirkung tun kann an einem Menschenherzen, da muss einem die Gesetzesgerechtigkeit vergehen, da züchtigt es uns fort und fort, da lässt es uns keine Ruhe bei sich selbst, da müssen wir, wie Paulus, durchs Gesetz dem Gesetz absterben (Gal. 2, 19), da treibt es uns über sich selbst hinaus auf einen andern Boden, den es nicht schaffen, den nur Gott bereiten kann.
2.
Dem sehnsüchtigen Rufe: Wer wird mich erlösen von diesem Todesleib? antwortet die Gnade: Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende; ich will dem Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst (Offenb. 21, 6). Aber gerade dieses „Umsonst“ will unserem stolzen Sinne nicht recht gefallen. Wie es uns manchmal schwer wird, von Menschen uns etwas schenken zu lassen, und wir gleich an Gegenleistungen denken, so geht es uns in der Torheit unseres Herzens auch dem ewig reichen Gott gegenüber. Und doch dürften wir nur unsere Augen öffnen und unser ganzes Dasein, auch schon das natürliche, betrachten: es beruht ja um und um auf Gnade, auf freier, unverdienter Liebe. Ja indem wir vom Gesetzesboden auf den Gnadenboden hinübertreten, tun wir selbst Nichts, was dem Gesetz fremd wäre oder widerspräche; denn das Gesetz ist nicht das Fundament, sondern nur das erste Stockwerk des Hauses: überall geht die Gnade dem Gesetz voran, sowie sie ihm andererseits wieder folgt. Das Gesetz ist nur das Zwischeneingekommene; es ist nach Gottes Ordnung auf beiden Seiten von der Gnade umgeben (Gal. 3, 17-19). Diese, nämlich der Herr selbst als der freiliebende Geber aller Gaben, ist das A und das O, der Anfang und das Ende.
Die Liebe, welche gibt, geht dem Gesetze, welches fordert, schon voran. Das sehen wir bereits im natürlichen Leben jedes einzelnen Menschen von seiner zarten Jugend auf. Das Kind genießt zuerst Liebe genug von seinen Eltern, ehe diese irgendetwas von ihm verlangen, ehe es irgend anfangen kann, ihnen zu gehorchen. Und unsere irdischen Väter sind ja darin nur ein Abbild und Gleichnis des himmlischen Vaters, dem gegenüber es heißt: Was hast du, das du nicht empfangen hast? so du es aber empfangen hast, was rühmest du dich denn, als der es nicht empfangen hätte? (1 Kor. 4, 7.) Gott ist es, der uns, ehe wir etwas Gutes oder Böses tun konnten, Leben, Gesundheit, Nahrung, Kleidung, liebende und geliebte Menschen gegeben hat; unser Dasein ist ganz getragen und umflossen von göttlicher Huld und Güte, und wir haben immer schon unzählige Wohltaten empfangen, ehe wir nur daran denken können, ihm zu dienen und seine Gebote zu halten. Wie gegen die Eltern, so ist daher auch gegen Gott bei einem wohlbestellten Herzen das erste und nächste Gefühl, dass es hinschmilzt in Dankbarkeit für alles schon empfangene Gute und so in demütiger Gegenliebe des Vaters Willen tut. Niemals kann der Mensch von Gott anders sagen als: Lasst uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt (1 Joh. 4, 19).
Auf keine andere Weise hat es Gott auch da gehalten, wo er eine besondere Erziehung der Menschen anfing, im alten Bunde. Auch da ging die Gnade dem Gesetz voran, und es ist irrig, wenn man meint, im alten Bunde habe nur das Gesetz geherrscht. Die Verheißung, nicht das Gesetz war es, womit Gott begann, als er den Abraham berief; Verheißung aber ist eine Gnadensache (Gal. 3, 18. Röm. 4, 13. 16). Und selbst unter Mose, dem Gesetzgeber, hat der Herr nicht damit angefangen, dass er etwas von seinem Volke forderte, sondern damit, dass er etwas für sein Volk tat, dass er es nämlich erlöste aus dem Diensthaus Ägyptens und es auf Adlersflügeln hinausführte in die Freiheit, in seine heilige Nähe und Gemeinschaft (2 Mos. 19, 4. 5). Jetzt erst gab er das Gesetz, und auch dieses begann er mit der Erinnerung an seine große Gnadentat: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus dem Diensthause geführt habe; du sollst keine andere Götter neben mir haben (2 Mos. 20, 2. 3). Und die Erinnerung an diese große Erlösungstat Gottes, durch welche er sich selbst sein Volk erkaufte und zubereitete, durchzieht nun das ganze Glaubensleben Israels in Psalmen und Propheten, und wo ein Frommer des alten Bundes seine Lust hatte am Gesetze Gottes und dasselbe hielt auf die rechte Weise, da tat er es nicht in Eigengerechtigkeit oder Gesetzesgerechtigkeit, sondern er tat es, weil er im Gesetz die Gnadengabe Gottes, an sein erwähltes und erkauftes Volk, die göttliche Signatur Israels erkannte, er tat es in demütigem Glauben und dankbarer, heiliger Freude (vgl. Ps. 19 u. 119). Es war eine jüdische, eine pharisäische Verkennung und Verkehrung des alttestamentlichen Geistes, wenn man durch des Gesetzes Werke als solche gerecht zu werden hoffte.
Also, Geliebte, auch das Alte Testament ruht nicht nur auf gesetzlichen, sondern schon bestimmt auf evangelischen Grundlagen. Ja das ganze Verhältnis des Geschöpfs zum Schöpfer ist vor allem ein Gnadenverhältnis, ein Verhältnis freier, unverdienter Liebe Gottes gegen uns. Wenn ein armer Bettler zu einem reichen Manne käme und wollte ihm, um seine Gunst zu gewinnen, ein paar Pfennige anbieten, so fänden wir es alle lächerlich, es wäre das ein törichter Bettelstolz. Wir finden es natürlich und notwendig, dass sich der Arme aufs Bitten legt, und dass nicht er dem Reichen, sondern der Reiche ihm gibt. Und wenn nun ein armes Menschenkind vor den ewigen, unermesslich reichen Gott tritt, da sollte es etwas bringen und leisten können? da wäre es vernünftiger und natürlicher, an eigenes Verdienst nur zu denken? O wenn wir das meinen, so haben wir noch niemals einen rechten Eindruck gehabt von dem, was Gott ist, und was das Geschöpf ist. Die Seraphim nahen ihm nur mit tiefster Ehrfurcht, mit bedecktem Angesicht; und ein Mensch kann nicht anders zu Gott kommen als auf seinen Knien, als mit gebeugtem und zerbrochenem Herzen, als mit dem Bekenntnis: Herr, du bist's allein; ich habe Nichts, als was du mir gibst, und ich bin Nichts, als wozu du mich machst! Du bist das A und das O, du musst mir umsonst geben, was ich bedarf; sonst verschmachte ich.
Dass man also sich selbst fallen lasse und sich ganz in Gottes Vaterarme werfe, das heißt glauben. Und darum steht der Mensch nur dann recht zu Gott, nur dann kann Gottes väterliches Wohlgefallen auf ihm ruhen, wenn er glaubt, oder mit andern Worten: er ist nur durch den Glauben gerecht. Und wir verstehen nun den Apostel schon einiger maßen, wenn er sagt: so halten wir es nun, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben,
3.
Gilt aber das alles schon vom Geschöpf als solchem, wird es etwa vom sündigen Geschöpf weniger gelten? Wenn der Mensch an sich schon Nichts vor Gott bringen kann, wird der unreine, befleckte, verkehrt gewordene Mensch ein Verdienst vor Gott aufweisen können? Das ist ja unmöglich. Kann das Geschöpf sich keine gute Gabe selbst geben, so kann noch viel weniger der Sünder sich selbst Heil schaffen, sich selbst erlösen; sondern er kann, wie wir schon gehört haben, nur nach einer, von außen und oben herkommenden Erlösung sich sehnen und ausstrecken mit dem Rufe: Wer wird mich erlösen? Und auf diesen sehnsüchtigen Ruf antwortet nun die Gnade bestimmter: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Joh. 3, 16). Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz getan, auf dass er die, so unter dem Gesetz waren, erlöste, dass wir die Kindschaft empfingen (Gal. 4, 4. 5). In dieser großen Tatsache, dass Gott seinen eigenen Sohn für unsere Sünden in den Tod dahingegeben hat, darin vollendet sich erst seine Gnade. Wir reden so oft von dieser Tatsache als von etwas Bekanntem und Gewohntem, und doch sollten, wir sie immer wieder aufs Neue anstaunen als das allergrößte Wunder der Liebe.
Lasst euch, meine Freunde, eine kurze Geschichte erzählen! Es waren zwei Männer, ein reicher und ein armer. Der Reiche überhäufte den Armen mit Wohltaten, so dass er sehr gut und anständig, ja reichlich zu leben hatte. Allein derselbe geriet in Übermut, verprasste nach und nach die geschenkte Habe, fragte auch Nichts mehr nach seinem Wohltäter und dessen Warnungen, sondern verunehrte und verlästerte vielmehr allenthalben seinen Namen. Was wird der reiche Mann getan haben? Ihr sagt, die Geduld wird ihm endlich ausgegangen sein, er hat den Undankbaren seinem selbstgewählten Verderben überlassen, er wollte Nichts mehr mit ihm zu tun haben, ja er hat ihn wohl für die Lästerung seines guten Namens dem Richter überantwortet. Das alles wäre nur recht und billig gewesen; aber der reiche Mann hat nicht also gehandelt, sondern er sprach bei sich selbst: Der arme Mensch ist ins Elend gekommen, ich will ihm helfen. Aber wie kann ich das? ich muss ihn in seinem Innersten anfassen, dass er ein anderer Mensch wird. Ich will ihm mein ganzes Vermögen schenken; das wird sein Herz bewegen, da wird er mich wieder lieben, da wird er umkehren und wieder auf den rechten Weg kommen.
Ihr staunt über solcher Großmut und zweifelt, ob das wirklich geschehen sei, ob ein Mensch dazu fähig wäre. Und es ist ja freilich auch nur ein Gleichnis, ja nur ein sehr schwaches Gleichnis von dem, wie Gott mit uns gehandelt hat; solch eine staunenswerte Großmut ist seine Gnade in Christo Jesu. Darum preist Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren (Röm. 5, 8). Wir sind die Undankbaren, die alle seine tausend Gaben übermütig verprasst und seinen Namen verlästert haben. Er hätte uns hinabstoßen können in die ewige Nacht. Statt dessen schaute er von seinem ewigen. Throne herab auf unsere arme Erde, dies Pünktlein im Weltall, darauf eine Handvoll staubgeborener Leute wohnt, und sprach: Mich jammert des Volks; ich will ihnen helfen. Ich will ihnen noch millionenmal mehr Gutes tun als bisher; ich will ihnen nicht bloß mein Vermögen, sondern meinen eigenen, eingeborenen Sohn, der von Ewigkeit zu Ewigkeit der Genosse meiner Herrlichkeit war, hinabsenden in ihr mühseliges Leben hinein; er soll all ihre Sünden und all ihr Elend auf sich nehmen und von ihnen hinwegtragen, damit sie wieder Leben und Frieden haben mögen. So hat Gott, alle Engelschaaren bei Seite schiebend, nicht nur an seine ärmsten Geschöpfe, sondern an den Undank, an die Feindschaft seiner ärmsten Geschöpfe die allerteuerste seiner Gaben, seinen eigenen, eingeborenen Sohn gewendet. Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden (Röm. 5, 20).
Das ist zum Staunen und Anbeten. Und über dies Geheimnis der göttlichen Liebe haben die Reformatoren wieder sich wundern und sich freuen gelernt. Man hatte dasselbe in der Christenheit nicht geleugnet, aber man hatte es zurückgestellt hinter allerlei Werkdienst, Heiligendienst, Mariendienst, so dass das Blut Christi nicht mehr die Gewissen reinigen konnte von den toten Werken (Hebr. 9, 15). Jetzt aber brach wieder das Wort von der freien, erlösenden, Sünde vergebenden Gnade mit Macht hervor, wie die Sonne aus den Wolken. Und was kann man nun der Sonne gegenüber tun, als sich eben von ihr recht anscheinen und durchscheinen zu lassen? Man kann ihr ja nicht scheinen helfen. So kann man auch Christo gegenüber Nichts tun, als sich eben in sein Licht hineinstellen, und von ihm entsündigen und mit Gott versöhnen lassen. Man kann nur glauben.
Und wie die große Liebe des Vaters in der Opferung seines Sohnes die Sünder zum Glauben lockt, so macht hinwiederum das Opfer Christi es Gott erst möglich, sie von ihren Sünden frei- und gerechtzusprechen (Röm. 3, 24-26). Denn Christus hat, indem er sich selbst ohne allen Wandel durch den Heiligen Geist Gott opferte (Hebr. 9, 14), der ewigen Gerechtigkeit die volle und ganze Genugtuung für unsere Missetaten geleistet; in seiner Büßung ist nichts Halbes und Unbefriedigendes, wie in der Buße, womit es etwa die Sünder von sich aus versuchen. Er hat das Recht Gottes ganz geehrt und sein Gericht völlig durchgekostet. So hat er unsere Schulden bis auf den letzten Heller bezahlt und hat mit Einem Opfer in Ewigkeit vollendet, die geheiligt werden (Hebr. 10, 14). Darum kann uns Gott nur dann unsere Sünden vergeben, wenn wir im Glauben eins werden mit dem für uns geopferten Christus, weil nur in Ihm eine vollgültige, reine und richtige Büßung derselben gegeben ist. Wollen wir vor Gott bestehen, so müssen wir aus uns selbst hinaus und in Christum hinein; wir müssen all unser Eigenwesen für Schaden und Kot achten, auf dass wir Christum gewinnen und in ihm erfunden werden (Phil. 3, 7-9). Er deckt und schirmt uns alle vor Gottes Zorn, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihren Flügeln; in Ihm, dem Geliebten, sind wir angenehm gemacht (Eph. 1, 6).
Das heißt im neutestamentlichen Sinne glauben: an Christo kleben, auf ihn sich stellen und gründen, in ihm erfunden werden, von ihm sich tragen, decken, schirmen lassen. Er ist der Mann, der zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Menschen steht, stark genug, dass die ganze Welt an ihn sich hänge. So gehören wir zu ihm, wir sind seine Glieder, die mit ihm Ein Ganzes ausmachen; wenn der Vater ein Wohlgefallen am Sohne hat, so hat er es auch an uns; wir haben in Christo Kindesrechte.
Das ist die Rechtfertigung durch den Glauben. Die Werke, die ächten, bleiben dann nicht aus, sondern sie sind gerade jetzt erst möglich; denn wirklich gute Werke können nur aus einem mit Gott versöhnten, durch die Gnade zerbrochenen und erneuerten Herzen hervorgehen. Das sagt uns ja auch unsere Erfahrung, dass wir dann am meisten Willigkeit und Freudigkeit, Kraft und Lust zum Guten haben, wenn der Friede der Sündenvergebung und Kindschaft unser Herz erfüllt. Da fließt ein evangelischer Christ über von demütigem Danke und spricht zu seinem Herrn und Gott:
Mein Herze soll dir grünen
In stetem Lob und Preis
Und deinem Namen dienen,
So gut es kann und weiß. Amen.