Baur, Wilhelm - Lazarus von Bethanien und seine Schwestern - Der Trost des Glaubens.

Baur, Wilhelm - Lazarus von Bethanien und seine Schwestern - Der Trost des Glaubens.

Da kam Jesus, und fand ihn, dass er schon vier Tage im Grabe gelegen war. Bethania aber war nahe bei Jerusalem bei fünfzehn Feldweges; und viele Juden waren zu Martha und Maria gekommen, sie zu trösten über ihren Bruder. Als Martha nun hört, dass Jesus kommt, geht sie Ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen. Da sprach Martha zu Jesu: Herr, wärst Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben; aber ich weiß auch noch, dass, was Du bittest von Gott, das wird Gott Dir geben. Jesus spricht zu ihr Dein Bruder soll auferstehen. Martha spricht zu Ihm: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am Jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an Mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an Mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu Ihm: Herr, ja ich glaube, dass Du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.

„Da kam Jesus und fand ihn, dass er schon vier Tage im Grabe gelegen war.“

Liebe Freunde, was wird der Heiland nun tun? So zuversichtlich hatte Er gesagt, die Krankheit des Lazarus sei nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes, dass der Sohn Gottes dadurch geehrt werde. Wie wird Er Seine Ehre retten? Glaubst du, dass Er den Lazarus auferwecken wird? Der Glaube ist nicht Jedermanns Ding (2 Thess. 3, 2), und manche Dinge gibt es, die zu glauben besonders schwer fällt. Dass ein Toter, ein Mensch, dem der Atem ausgegangen, dessen Blut nicht mehr durch die Adern fließt, dessen Augen gebrochen sind, wieder ins Leben gerufen werden könne, das ist nicht leicht zu glauben. Und wenn nun dennoch erzählt wird, dass ein Toter auferstanden sei, da sucht der Mensch sich gerne einen Ausweg, so Unglaubliches nicht glauben zu müssen. Hast du, liebe Seele, dich nicht auch schon nach einem solchen Ausweg umgesehen? Ist dir, wenn du die evangelischen Geschichten gehört oder gelesen hast, nicht schon ein Gedanke gekommen wie dieser: das Töchterlein des Jairus war eben erst gestorben, der Jüngling von Nain ward eben erst hinausgetragen und die Juden begraben ihre Toten schnell; wer weiß, ob die beiden nicht scheintot gewesen sind? Es wäre ein zwar solcher Gedanke ganz grundlos, aber der Mensch versucht auch das Allertörichtste, um nicht glauben zu müssen. Nun, lieber Mensch, ist auch Lazarus scheintot gewesen? Jesus fand ihn, dass er schon vier Tage im Grabe gelegen; Geruch der Verwesung ging schon von ihm aus. Der war doch sicherlich tot. Oder du denkst: wer weiß, ob die Evangelisten die Sache so recht gewusst und überall richtig aufgefasst haben? Lieber Mensch, hier spricht Johannes, des Herrn Lieblingsjünger, der zugegen sein durfte, wo Andere nicht zugegen waren, der darum überall die Geschichten von Jesu aufs genaueste, bis auf die kleinsten Umstände, erzählt, hat der wohl die Geschichte von Lazarus recht gewusst? Hier spricht Johannes, der den Herrn in Seinem tiefsten Wesen erkannt, der Ihn inniger im Glauben erfasste und in der Liebe umfing als irgendein Andrer, hat der's wohl richtig aufgefasst? O gewiss, was der sagt, hat doppeltes Gewicht. Es hat darum der Unglaube, der sein Herz nicht brechen und sich dem Heiland auf Leben und Tod ergeben will, sich den Kopf zerbrochen, um zu beweisen, dass dies Evangelium Johannes entweder von einem anderen Menschen geschrieben sei, der die Sache allerdings nicht so recht gewusst haben könne, und fälschlich dem Apostel beigelegt werde, oder dass es eine bloße Dichtung sei. Aber der Unglaube vermag nichts wider die Wahrheit und je mehr er sich anstrengt, dies teure Kleinod den Gläubigen als unecht darzustellen, desto mehr Zeugnisse werden gefunden, dass es echt ist, und je kecker er das Evangelium für eine Dichtung ausgibt, desto ernstlicher versenken wir uns in dasselbe und je mehr wir in die herrlichen Tiefen schauen, desto freudiger erkennen wir: Fleisch und Blut hat das nicht eingegeben! Eine Dichtung eines sündigen Menschen, durch die in die Finsternis der Welt die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit hineinstrahlt, eine Dichtung eines sündigen Menschen, durch welche Millionen den Frieden ihrer Seelen gefunden haben und neu geboren worden sind, wäre ein Wunder, das von dem Unglauben uns zugemutet würde, größer als irgendeines von denen, die dem Unglauben jemals zu schaffen gemacht haben. Ein Mensch, der aus sich selbst einen solchen Heiland darstellen könnte, wie dies Evangelium tut, müsste der Heiland selbst sein. Liebe Seele, es ist Johannes, den der Herr lieb hat, der an Seiner Brust den Herzschlag des Gottessohnes vernommen hat, dem der Heiland mehr vertraute als allen Andern, der uns von Lazarus erzählt. Wenn anderwärts der Verstand sich sträubt, ob auch das Herz glauben möchte, hier müsste der Verstand glauben, wenn auch das Herz sich sträubte. Denn es ist kein Ausweg zu finden. Und was sagt Johannes? Wird Jesus den Lazarus auferwecken? Und wenn Er ihn auferweckt, wer muss da Jesus Christus sein? Liebe Seele, wenn Jesus Christus den Lazarus, der tot war und im Grabe lag und verweste, wieder auferweckte ins Leben, dann ist es eine Schmach für Kopf und Herz, Ihn länger nur als einen Menschen, einen ausgezeichneten, den ausgezeichnetsten Menschen gelten zu lassen, länger in Ihm nur den Lehrer, das Tugendbeispiel anzuerkennen, dann ist Jesus Christus wahrhaftig Der, als den Er Sich bezeugt hat, das Wort, das von Anfang war, durch das, alle Dinge geschaffen sind, der wahrhaftige Gott vom Vater in Ewigkeit geboren, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden, der dem Tode die Macht genommen und Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht. Liebe Freunde, an dieser Geschichte des Lazarus muss es uns klar werden, wer Er ist und wie es uns ergehen wird, wenn wir Dem die Ehre versagen, der Macht hat, uns dem Tode zu entreißen oder im Tode zu lassen. Voran denn, wir wollen sehen, was der Herr tut, Seine Ehre zu retten!

„Bethania aber war nahe bei Jerusalem bei fünfzehn Feldweges und viele Juden waren zu Martha und Maria gekommen, sie zu trösten über ihren Bruder.“ Es tut uns wohl, zu hören, dass diese Juden auf die Kunde von des Lazarus Tod sich aufmachen und von Jerusalem über den Ölberg nach Bethania hinüber eilen, den trauernden Schwestern Trost zu bringen. Aber arme Juden, wie wollt ihr die Jüngerinnen des Herrn trösten? Seid ihr von jenen gewesen, die nur klagen, weinen und die Kleider zerreißen können, als sollte der Schmerz mit Lärm übertäubt werden, von jenen, die Jesus hinaustrieb, als Er in die Kammer des Jairus eintrat (Matth. 9, 25), so habt ihr den Schwestern nur mehr Kummer gemacht und Maria hatte Recht, wenn sie in den tiefsten Winkel des Hauses mit ihrem Schmerze sich verbarg. Aber wenn es euch auch wirklich galt, zu trösten, was wolltet ihr sagen, das die Schwestern nicht alles wussten? Habt ihr sie auf des Lazarus Tugenden, auf seinen Wandel im Gesetz hingewiesen - die Schwestern wissen, dass auch er sich als einen Sünder bekannte. Habt ihr von der Auferstehung am Jüngsten Tage gesprochen, was für Gewähr hattet ihr für diese Auferstehung? Mag die Zunge noch so fertig im Trösten gewesen sein, so fehlte doch dem Worte das Herzblut des Glaubens und es wirkte nichts. Die Schwestern hatten bessern Trost; als ihr, und so gut ihr's meintet, ihr habt ihren Schmerz nur vermehrt. O lieber Bruder, liebe Schwester, es wäre doch schlimm, wenn dir's ginge wie den Juden, dass deine Trostgründe den Schmerz nur aufrührten, darum frage ich dich: kannst du trösten? Du solltest es wohl können und Trost zu bringen kann alle Tage deine Pflicht werden. Der Tod tritt plötzlich in den Kreis deiner Lieben. Du kommst in das Haus der Trauer und wenn dich dann der liebe Mensch, dem das Liebste genommen worden ist, nach dem Trauerfall zum ersten Mal wieder sieht und dir stumm die Hand reicht und die Tränen gleich aus den Augen quellen kannst du da trösten? Was willst du den Schwestern sagen, die so glücklich mit dem Bruder gelebt haben, von ihm so viel Liebe empfingen und den ganzen Überfluss ihrer Liebe auf ihn ausströmen ließen, und die von dem Toten allein gelassen sind? Was für ein Trosteswort hast du für den jungen Gatten, der das Weib seiner Jugend und mit ihm all' sein irdisches Glück ins Grab versenken musste? Was willst du dem Kinde sagen, das in der Liebe der Mutter atmete und lebte und trostlos der gestorbenen nachweint, weil es nicht weiß, worin es jetzt atmen und leben soll? Wie willst du die Mutter trösten, die ihr Kind verloren hat, in das sie selbst sich ganz hingegeben, um deswillen, wie sie hundertmal sagte, sie allein noch zu leben Lust habe - und nun ist das Kind tot und sie lebt? Ach, meine Lieben, es ist schwer zu trösten, wenn ein ungeheurer Schmerz vor uns hintritt. Reden wir vom einstigen Wiedersehen, so sagt der Schmerz: aber jetzt ist mir das Leben unerträglich, jetzt bedarf ich des Trostes! Reden wir von der Zeit, die Alles ausgleicht: ach, der Schmerz will keine Ausgleichung, er bebt vor dem Gedanken, dass das Bild jemals aus dem Herzen ausgelöscht werden könnte. Lieber dies Bild eine Ewigkeit mit Schmerzen, als es verlieren! Weisen wir auf das Saatkorn hin, das in der Erde verwest, um einen grünen Halm aufsprießen zu lassen, auf den Schmetterling, der sich aus dem Sarge der Puppe im Feierkleide in die blaue Luft schwingt - haben wir denn eine Gewähr, eine unerschütterliche Zuversicht, dass es mit uns Menschen auch so sein wird? Ach, und wenn wir keine haben, da trösten wir die trauernde Seele mit all' unsren Reden nicht, wir versenken sie nur in tiefere Trauer. Ist denn kein Trost da, der wahrhaftig tröstet, da uns nach Trost so bange ist?

O, der liebe Vater im Himmel hat treulich dafür gesorgt. Er wollte uns nicht, wie wir um unserer Sünde willen wohl verdient hätten, in unserer Not versinken lassen. Er ist die Liebe und wenn die Gerechtigkeit uns verderben will, so fällt ihr die Liebe in den Arm und ruft: verschone! „Tröstet, tröstet mein Volk und redet mit Jerusalem freundlich“ (Jes. 40, 1). So spricht sie zu den Propheten und durch all' den Sturm und Donner ihrer Bußpredigten, die des Herrn Feuereifer wider die Sünde verkündigen, geht uns zum Troste wie lindes Säuseln das Wort von der Gnade und Langmut Gottes, Dem das Herz bricht über den Sünder und der Sich sein erbarmen muss. Und wenn nun gar die Morgenröte der kommenden Sonne den Propheten in die Augen schimmert, da klingt wie ein Morgenlied ihr Jubel von dem rechten Tröster: „uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft liegt auf Seiner Schulter und Er heißt Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewigvater, Friedefürst“ (Jes. 9, 6). Und Er kam, der treue Heiland, unser einziger Trost im Leben und im Sterben. Solches Erbarmen, solche Sanftmut, Demut, Leutseligkeit, so herzliches Eingehen in jede Bekümmernis war zuvor nicht erschienen; niemals waren Menschen vorher so getröstet worden, als Er tröstete. Und da Er von der Erde zum Himmel zurück musste, hat Er uns nicht Waisen gelassen, sondern den Tröster uns gesendet, der Seinen Trost uns erst ins Herz einführt, den Heiligen Geist. O lieber Mensch, auch dir ruft der Herr zu: tröste, tröste mein Volk! Weißt du, welchen Trost Jesu Christi an den Gräbern der Heilige Geist dir geben will? Weißt du, was du den Trauernden da mit dem festen, innigen Ton des Glaubens zurufen, inbrünstig ins Herz beten sollst? Kennst du den Trost des Glaubens? Voran, voran, lasst uns sehen, wie der Herr Seine Ehre rettet, damit wir trösten lernen!

„Als Martha nun hört, dass Jesus kommt, geht sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen.“ Endlich erscheint der rechte Tröster, Jesus Christus. Er hat zwar auch in den Tagen des Jammers in Bethanien nicht ganz gefehlt. Der Schmerz über den Tod des Bruders war groß; dass der Herr auf ihre Bitte nicht kam den zu heilen, den Er lieb hatte, gab Ihm einen neuen Stachel. Aber er war doch nicht so groß, dass er den Glauben an den Herrn und all' die Worte des Lebens, die Er je in Bethanien gesprochen, hätte auslöschen können. Ja der Glaube war im Kreuze befestigt und die Liebe befeuert worden. Und darum, weil sie noch glaubten und liebten, geht Ihm Martha entgegen, Maria aber blieb daheim sitzen. Wie die Beiden sich sonst in ihrem Verhalten unterschieden, wenn Jesus bei ihnen einkehrte, so auch jetzt. Die rührige Martha kann die Zeit nicht erwarten, da sie vor dem Herrn ihr Herz ausschütten und hören darf, was Er ihr zum Troste zu sagen hat. Ihn nach so ungeheurem Wechsel ihrer Lage wiederzusehen, das drängt sie hinaus. Die Maria sehnt sich auch nach dem Wiedersehen und wohl viel inniger und heißer, aber sie bleibt stille daheim. Der Schmerz über des Bruders Tod, die Liebe zu dem Herrn, die Freude über das Wiedersehen ist so mächtig in ihr und erfasst sie mit so innerlicher Gewalt, dass sie auf die Kunde vom Kommen des Herrn zunächst nichts tun kann, als ruhig sitzen bleiben, die Sinne für die Außenwelt zu verschließen und sich mit Schmerz, Liebe, Freude betend in Gott versenken. So ist sie noch ruhig daheim, während Martha schon den Herrn gefunden hat:

„Da sprach Martha zu Jesu: Herr, wärst Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben; aber ich weiß auch noch, dass, was Du bittest von Gott, das wird Dir Gott geben.“ O wahrlich, meine Lieben, die Martha war kein Weltkind, das, in die sichtbaren Dinge versenkt, die unsichtbare Welt verliert. Sie hat sich des Herrn Wort: „Eins ist Not!“ zu Herzen genommen, und wenn sie auch zur vollen Seligkeit des Glaubens noch nicht durchgedrungen ist und die Freudigkeit des neuen Lebens noch nicht schmeckt, so hat sie doch schon durch den Glauben gelernt, dem geheimnisvollen Willen Gottes gehorsam zu sein. Der Glaube ist es auch, der ihr jetzt die rechten Worte eingibt. Kein Wort des Unmuts, des Vorwurfs wird vernommen. Was sie spricht, ist Glaube, nichts als Glaube: „Herr, wärst Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ Sie sagt nicht, dass Er eigentlich hier hätte sein sollen, dass es so besser gewesen wäre; darüber zu urteilen steht ihr nicht zu. Aber dass sie Ihn für den Gewaltigen erkennt, dem auch der Tod untertan ist und für den Mann der Liebe, der gerne hilft, das muss sie Ihm sagen. Und da nun des Bruders Bild ihr wieder vor die Seele tritt und den Schmerz auffrischt, so klagt sie doch nicht, sondern spricht nur eine Bitte aus, aber so zart und demütig, dass sie gar nicht als Bitte erscheint, sondern als einfaches Bekenntnis des Glaubens: „ich weiß auch noch, dass, was Du bittest von Gott, das wird Dir Gott geben!“

„Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder soll auferstehen.“ Kann sie die Wonne nicht fassen, dass ihr der Bruder wieder geschenkt werden soll? Oder will sie, um völlig getröstet zu werden, den Heiland locken, deutlicher zu verheißen? „Martha spricht zu Ihm: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am Jüngsten Tage.“ Da sagt sie es uns selbst, dass die bloße Hoffnung einer Auferstehung in ferner Zukunft und des einstigen Wiedersehens den gegenwärtigen Schmerz nicht stillen kann. Sie möchte einen Trost haben, der schon jetzt neue Kräfte in die müde Seele gösse, sie möchte für heute und morgen eine Aussicht haben, um deren willen es sich lohnte, noch zu leben. Ob sie es selbst so deutlich nicht sagen kann, ihre Seele sehnt sich nach der Freudigkeit des ewigen Lebens, das weder mit diesem irdischen aufhört, noch auch mit dem künftigen erst beginnt, das aus Gott in die Menschenseele quellend so wahrhaftig, so dauernd ist als Gott selbst. Bei allem Glaubensgehorsam fehlt ihr doch noch der Trost der völligen Eintauchung in Gottes Wesen und Willen, durch welche alles Kreatürliche und auch der Tod überwunden wird, es fehlt ihr noch jene göttliche Lebensstimmung, aus welcher Johann Tauler gesprochen: „Wem Leid ist wie Freud' und Freud' wie Leid, der danke Gott für solche Gleichheit!“ und Jakob Böhme: „Wem Zeit ist wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit, der ist befreit von allem Streit.“ Was sollte der Herr tun, ihr diese Stimmung zu geben? Hätte es genügt, ihr einfach zu sagen: sei nur getrost, Ich wecke dir deinen Bruder wieder auf? So hätte Er Trost des augenblicklichen, aber nicht des ewigen Lebens, Freude über die zeitliche Erscheinung eines Menschen, aber nicht über die Herrlichkeit Gottes gegeben. Denn sterben musste Lazarus doch wieder, wenn er auch jetzt ins Leben zurückgerufen ward. Aber wenn der Herr Hungernde speist, Kranke heilt, Tote erweckt, so will Er allerdings zunächst die gegenwärtige Not abwenden, aber zugleich durch solche Wundertaten auf eine andere Speise, auf eine andere Genesung, auf ein anderes Leben gewaltig hinweisen. Wer Ohren hat zu hören, der höre!

„Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an Mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an Mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?“ O du betrübte Menschenseele, glaubst du das? Ein Heide auf den Südseeinseln hörte aus dem Munde eines Missionars zum ersten Mal das Wort: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass Alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh. 3, 16). „Was waren das für Worte, die du da gelesen hast? Ach, lass sie mich noch einmal hören!“ rief er aus. Der Missionar las sie noch einmal. Da erhob sich der Insulaner erstaunt und sprach: „Ist denn das auch wahr? Kann das wahr sein? Gott liebt die Welt, da die Welt Ihn hasst? Und so sehr, dass Er ihr Seinen eingeborenen Sohn gibt, Ihn für sie sterben lässt, damit sie leben möchten? Kann das wahr sein?“ Der Missionar versicherte ihn, dies sei gewiss wahr und es zu bezeugen, sei er zu den Insulanern gekommen. Da liefen dem Heiden die Tränen die Wangen herunter, er ging in die Einsamkeit, der Liebe Gottes nachzudenken, und ward von ihr aus der Sündennot herausgerissen. Solch' ein großes Wort wird auch dir hier verkündigt. Da rings umher Tod und Verwesung alle Menschen hinrafft, überall Klagen über die lieben Toten gehört werden, alle Herzen vor dem Todesstündlein beben, da Trost fürs Sterben nötig ist wie das tägliche Brot, tritt Einer vor dich hin und sagt dir, Er sei die Auferstehung und das Leben, über Ihn habe der Tod keine Macht, aber Er habe Macht, den Toten das Leben wieder zu geben und die Lebenden vor dem Tode zu bewahren! Muss dir denn auf solch' ein Wort nicht zu Mute werden wie dem Insulaner? O liebe, bekümmerte Seele, das Wort ist wahr, du solltest es wohl glauben! Der hat es gesprochen, in des Mund nie ein Trug erfunden worden und Millionen getröstete Seelen zeugen dir, dass es wahr ist und dass nichts, nichts im Himmel und auf Erden über den Tod dich trösten kann als dies Wort: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an Mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebt und glaubt an Mich, der wird nimmermehr sterben!“

„Ich bin die Auferstehung und das Leben“, spricht der Heiland. „Ich bin es!“ Er sagt nicht bloß, dass Er über Auferstehung und Leben tiefere Aufschlüsse zu geben wisse, oder dass Er gekommen sei, uns in weiter Ferne Auferstehung und Leben zu zeigen und ein Gesetz uns mitzuteilen, das wir halten sollten, damit sie uns zu Teil würden. Er ist die Auferstehung und das Leben. Auch sagt Er nicht: Ich bin Auferstehung und Leben. Ich habe einen Teil ihrer Kräfte; Andere haben andere Teile. Nein, Er ist die Auferstehung und das Leben. In Ihm sind alle Kräfte der Auferstehung und des Lebens beschlossen. Außer Ihm ist nur Grab und Tod. Wer nicht im Grab und Tod bleiben will, der muss also zusehen, wie er von dem Einzigen, der Auferstehung und Leben hat, derselben teilhaftig gemacht wird. Aber wer ist der Wunderbare, der also von sich spricht? Es ist wohl ein Wesen, das in himmlischem Glanze hoch über uns schwebt und die Totenkammer der Erde nicht berührt? Ach, was hätten wir mit ihm gemein? O sehr viel! Es ist freilich Der, welcher höher ist denn Himmel und Erde, da Er sie geschaffen hat, es ist der Sohn des lebendigen Gottes, sonst. wäre kein ewiges Leben in Ihm, aber die Erde hat Er berührt und den Tod geschmeckt und das Grab gesehen: Einer, der einen Leib hat wie wir, sagt uns, dass Er die Auferstehung und das Leben sei. O seliges Wort! Nicht der Gottessohn, der noch in des Vaters Schoß ist, sondern der Gottmensch, der unser Fleisch und Blut an Sich trägt, Der, gerade Der ist die Auferstehung und das Leben. Fleisch und Blut hat Er angezogen, um den Leib des Todes, den wir an uns tragen, in einen Leib des Lebens umzuwandeln. Die Fülle der Gottheit ist leibhaftig erschienen, uns zu offenbaren, dass die Seele nur im Leibe ewiges Leben haben soll und dass hinfort wirklich dieser Leib wie das Saatkorn in die Erde gesenkt wird, um für unsere Augen ganz zu verwesen, dass aber wie aus dem ganz verwesten Saatkorn dennoch ein neuer Pflanzenleib und so viel schöner, reifer und frischer aufwachsen, aus unserem verwesten Leichnam der verborgene Kern des neuen Menschen als neuer Mensch fröhlich erstehen wird. Der Gottmensch Jesus Christus in seiner geistig-leiblichen Erscheinung, das Fleisch gewordene Wort, das die Fülle der Gottheit leibhaftig trägt - ist die Auferstehung und das Leben.

Ach, dass wir doch Alle, die wir mit Paulus schon geseufzt haben: „O ich elender Mensch, wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes?“ den verklärten seligen Leib der Auferstehung und des Lebens empfingen! Wenn Jesus Christus alle Auferstehung und alles Leben in Sich trägt, was sollen wir tun, dass wir des teilhaftig werden? „Wer an Mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe und wer da lebt und glaubt an Mich, der wird nimmermehr sterben“, spricht der Heiland. Wir müssen glauben, meine Lieben, und Alles ist gewonnen! Wir müssen einmal den Mut haben einzugestehen, dass durch die ersten Menschen die Sünde in die Welt gekommen und der Tod durch die Sünde, und „dass also der Tod zu allen Menschen hindurchgedrungen ist, dieweil sie alle gesündigt haben“ (Röm. 5, 12), wir müssen einmal ehrlich bekennen, ehe wir's vor den feuerflammenden Augen in Unehre bekennen müssen, dass auch wir arme Sünder sind und nichts anders verdient haben, als was arme Sünder verdienen, den Tod. Und weil denn doch dies ganze irdische Leben den Tod in sich hat, so müssen wir einmal wagen, von ihm weg und fest auf Den hinzuschauen, der allein Leben und alles Leben in Sich trägt. Und wenn Er uns zu Sich lockt und die Hand uns entgegenstreckt, so müssen wir nicht länger glauben, wir könnten uns allein helfen, sondern sie erfassen, gehen wie Er's haben will, uns ganz auf Seine Gnade verlassen und darum auch tun, was Er von den Seinen verlangt, in Seinem Worte täglich lesen, damit wir je mehr und mehr das Leben, das in Christo ist, erkennen, und Sein Sakrament genießen, damit der schwache Keim des neuen Menschen in uns gespeist und gekräftigt werde und mit dem Gebete müssen wir einmal Ernst machen und auf unseren Knien ringen, bis der Herr uns segnet und der Geist uns Zeugnis gibt, dass die Kräfte der zukünftigen Welt sich in unsere sündigen, gebrechlichen, sterblichen Menschen ergossen haben. Mit heißen Schmerzen unser Sündenleben fliehen, mit glühendem Verlangen sich nach Dem hinstrecken, welcher der Weg und die Wahrheit und das Leben ist, sich Ihm auf Gnade und Ungnade ergeben, nichts mehr wollen als Ihn, nichts mehr leben als das Leben, was Er uns gibt, Ihn selbst mit unsichtbaren Banden in unser Leben, ja in Leib, Seele und Geist hereinnehmen - das ist der Glaube. Und darum spricht Christus: „Wer an Mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe!“ Wer durch den Glauben Jesum Christum in sich hereingenommen, der muss freilich sterben, wie alle natürlich Geborenen, aber er stirbt nur, um den Sündenleib abzulegen und den Leib der Verklärung anzuziehen. Sein Tod ist zum Leben geworden. Ob er gleich gestorben ist, er lebt und wird in alle Ewigkeit leben, so gewiss Der leben wird, dessen Glied er im Glauben geworden. „Wer da lebt und glaubt an Mich, der wird nimmermehr sterben.“ Schon in diesem zeitlichen Leben wird uns das ewige Leben gegeben, wie denn Johannes ein andermal sagt: „Wer da glaubt an Mich, der hat das ewige Leben“, er muss nicht erst warten, bis er's in Zukunft empfängt. Und dies Leben bleibt ihm, weil es aus Christo stammt. Wie der Tod über Christum keine Gewalt hat, so hat er auch keine über das Leben, das der Mensch durch den Glauben aus Christo empfangen.

Seht, meine Lieben, das ist der Trost, mit dem wir Christen trösten sollen. Wenn ich von Herzen an Den glaube, der die Auferstehung und das Leben ist, so kann ich getrost unter die Trauernden treten, so fürchte ich mich nicht vor dem Anblick der Kranken, in denen das Leben hinstirbt, so scheue ich mich nicht, mit denen, welche ihre Lieben verloren haben, zusammen zu kommen, so bangt mir nicht vor der Schwäche meines eigenen Alters und den Tod seh' ich kommen, ohne dass mir leid würde. Ich kenne ja den Trost des Glaubens. Was ist Krankheit? Glaubt der Kranke an Jesum Christum, so prägt jeder Schmerz ihm des Heilands Bild tiefer ein, jede Abnahme der Leibeskräfte stärkt den geistlichen Menschen, im Kreuze wächst der Glaube und wer glaubt, der lässt gerne die Herrlichkeit der Erde, um Gottes Herrlichkeit zu schauen. Was ist Verlust unserer Lieben? Er schmerzt freilich sehr, aber wenn ich an Jesum Christum glaube, so ist mir Sein Leben lieber als das liebste Menschenleben, so lass ich um Seinetwillen Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Gatte, Kinder. Und nun brauche ich nicht in träger Trauer mein Leben hinzuschleppen, weil der Herr mir eine Lücke gerissen hat. Er hat sie gerissen, um sie mit Seinem Leben überschwänglich auszufüllen. Er lehrt, nicht in endlosen Klagen nach der hingeschwundenen Kreatur uns zu sehnen, sondern Sein Leben in uns hereinzunehmen, dass wir nicht wie die Kreatur hinschwinden, sondern mit Allen, die in Christo entschlafen sind, dereinst die ewigen Auferstehungslieder singen. Wer an Jesum Christum glaubt, der weint wohl den Lieben eine Träne ins Grab nach, aber von oben her schallt ein: „Raffe dich auf!“ und Kräfte gießen sich in die Seele, dass die schlaffen Segel am Lebensschifflein wieder Fahrwind erhalten und das Schifflein seine Fahrt getrost fortsetzt, bis der Herr ihm erlaubt, in den Hafen einzulaufen. Was ist Alter? Soll ich dem Gerede der Menschen glauben, die kalt und nüchtern der Jugend sagen, so lange das Blut ihr noch rasch durch die Adern rolle und sie des Lebens Bitterkeit noch nicht geschmeckt habe, da erscheine das Leben im Freudenglanze, aber das Alter komme und das sei trüb und bange? Ich will nicht daran glauben, aber an meinen Herrn Jesum Christum will ich glauben und Ihn mir zu eigen machen, so werd' ich so wenig altern wie Er. Er ist der Zeiten Fülle, Er ist das ewige Neu, durch Ihn wird Zeit wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit. In Ihm sind die vergangenen Jahrtausende mein, in denen Gottes Gnade über die Menschen Seine Gaben schüttete, durch Ihn ist der heutige Tag mein als ein Tag des ewigen Lebens, durch Ihn mach' ich die ganze Zukunft, in der Er sich mehr und mehr als der Zeiten Ziel erweisen wird, mir zu eigen, dass mein Leben in allem Jammer der Zeitlichkeit von dem Glanze der Ewigkeit überstrahlt sei. Wer an Ihn glaubt, der hat ewiges Leben. Ewiges Leben ist ewige Jugend und was die Dichter vom Borne der Verjüngung gesungen, ist wahr geworden durch das lebendige Wasser, das Er mir geben will, dass es ins ewige Leben quille. So mögen denn die Glieder ihren Dienst versagen, die Augen blöde werden, die Haare sich bleichen. Wenn ich nur den Glauben behalte, dann ist der Fürst des Lebens mein, der nie altert, Jesus Christus gestern und heut und derselbige in Ewigkeit. - Was ist der Tod? Es macht dem Herzen der Gedanke wohl bange, so früh diese Erde mit all' den lieben Menschen und all' den Dingen, an die wir uns auf ihr gewöhnt, verlassen zu müssen: aber Gott ist größer als unser Herz und eröffnet uns die Freuden des Himmels. Es kommt uns wohl ein Schaudern, wenn wir im Geiste diesen Leib, den wir jetzt an uns tragen, hinsterben und verwesen sehen. Aber das Weizenkorn muss ersterben, sonst bringt es keine Frucht, und wenn ich an Den glaube, der die Auferstehung und das Leben ist, so schau' ich auch, was der Apostel verkündigt: „Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Unehre und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.“ (1 Kor. 15, 42-44.) Glaubst du das?

„Sie spricht zu Ihm: Herr, ja ich glaube, dass Du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.“ Sie getraut sich nicht zu sagen, dass sie im Glauben schon in die Tiefe des Wortes, das der Herr zu Ihr gesprochen, hineingeschaut, dass dies Wort schon den festen, unentreißbaren Trost ihr ins Herz gegeben, nach dem sie sich sehnt. Aber die Jüngerin hält sich, da sie mit ihrem schwachen Glauben in die ganze Höhe und Tiefe dessen, was Er offenbart, noch nicht eindringen kann, umso fester an Ihn. An Ihn glaubt sie und in diesem Glauben ist auch der Glaube an jedes Wort, das Er spricht, keimartig enthalten. Liebe Christen! Es geht uns so wie der Martha. Die tiefere Heilserkenntnis wird nicht mit einem Sprunge erreicht, sondern Schritt für Schritt, weil sie erfahren, erlebt sein will. Da ist denn oft im Herzen eine gar treue Liebe zum Heiland und ein gar festes Vertrauen zu Ihm. Und doch sind viele Seiner Worte noch in Dunkel gehüllt. Und besonders schwer hält es, die wunderbaren Geheimnisse von Tod, Auferstehung und ewigem Leben, so wie Er sie enthüllt, zu glauben. Aber getrost! Ist uns nur der Glaube an Christum, den Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist, uns Sünder zu erretten, zu Teil geworden, so werden wir durch Ihn von einer Klarheit zur anderen gelangen und angst kann uns nimmermehr werden, wenn wir Ihn nur haben und nicht von Seiner Seite weichen.

Wie ist mir doch, o Freund der Seelen,
So wohl, wenn ich mich lehn' auf Dich!
Mich kann Welt, Not und Tod nicht quälen,
Weil Du, mein Gott, vergnügest mich.
Lass solche Ruh' in dem Gemüte,
Nach Deiner unumschränkten Güte,
Des Himmels süßen Vorschmack sein:
Weg Welt, mit allen Schmeicheleien!
Nichts kann als Jesus mich erfreuen,
O reicher Trost, mein Freund ist mein!

Amen.

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