Baur, Wilhelm - Lazarus von Bethanien und seine Schwestern - Lasst uns mit ziehen, dass wir mit ihm sterben.

Baur, Wilhelm - Lazarus von Bethanien und seine Schwestern - Lasst uns mit ziehen, dass wir mit ihm sterben.

Danach spricht Er zu seinen Jüngern: Lasst uns wieder in Judäa ziehen. Seine Jünger sprachen zu Ihm: Meister, jenes Mal wollten die Juden Dich steinigen und Du willst wieder dahin ziehen? Jesus antwortete: Sind nicht des Tages zwölf Stunden? Wer des Tages wandelt, der stößt sich nicht, denn er sieht das Licht der Welt; wer aber des Nachts wandelt, der stößt sich; denn es ist kein Licht in ihm. Solches sagte Er und danach spricht Er zu ihnen: Lazarus unser Freund schläft; aber Ich gehe hin, dass Ich ihn auferwecke. Da sprachen seine Jünger: Herr, schläft er, so wird es besser mit ihm. Jesus aber sagte von seinem Tode; sie meinten aber, Er rede vom leiblichen Schlafe. Da sagte Er es ihnen frei heraus: Lazarus ist gestorben; und Ich bin froh um euretwillen, dass Ich nicht da gewesen bin, auf dass ihr glaubt. Aber lasst uns zu ihm ziehen. Da sprach Thomas, der da genannt ist Zwilling, zu den Jüngern: Lasst uns mitziehen, dass wir mit Ihm sterben!

„Lasst uns wieder in Judäa ziehen,“ so sprach Jesus zu seinen Jüngern, als die zwei Tage um waren. Es verlangt Ihn jetzt, seinen Jüngern und allen, die es sehen wollten, zu zeigen, dass des Lazarus Krankheit nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes gewesen, dass der Sohn Gottes dadurch geehrt würde. Es zieht Ihn jetzt zu seinen Lieben in Bethanien hin, Freudenöl für Traurigkeit einzuträufeln und die Klage zu verwandeln in einen Reigen. Wenn Er an Bethanien dachte, da war Sein Geist fröhlich; dort ward Er sehnlich erwartet, herzlich aufgenommen, treu geliebt, dort war alles Sinnen und Denken auf Ihn gerichtet und Seiner Worte kam keines leer zurück, sondern sie richteten alle aus, wozu sie gesprochen wurden. Aber nicht nach Bethanien allein ging Sein Weg. Lasst uns wieder in Judäa ziehen! sprach Er. Nach Judäa wollte Er hin, das Er verlassen hatte, weil die Juden Ihn verfolgten, nach Judäa, da Jerusalem lag und in Jerusalem wohnten die Hohenpriester, Pharisäer und Schriftgelehrten, die Ihm Netze stellten und Ihm nach dem Leben trachteten. Vor nicht langer Zeit hatte Er Judäa verlassen und war jenseits des Jordans nach Peräa gezogen, weil die Juden Ihn steinigen wollten - (Joh. 10, 31) aber Er will nach Judäa zurück. Er sieht voraus, was kommen wird. Schon stehen vor Seiner Seele Bande, Geißel, Speichel, Spott, Kreuz und der Tod, der bittere Tod in Unschuld, für die Sünden der Welt. Er ist Mensch wie wir, wird versucht wie wir, Sein menschlich Leben bebt vor dem Tode, wie das unsrige. Es ist in Seinen Willen gelegt, ob Er das Kreuz tragen oder Sich ihm entziehen will. Lasst uns in Judäam ziehen, das bleibt Sein Wort.

Wunderlieb, o Liebesmacht!
Du kannst, was nie kein Mensch gedacht,
Gott seinen Sohn abzwingen:
Liebe, Liebe, du bist stark:
Du streckest den ins Grab und Sarg,
Vor dem die Felsen springen!

„Seine Jünger sprachen zu Ihm: Meister, jenes Mal wollten die Juden Dich steinigen und Du willst wieder dahin ziehen!“ Das ist eine Rede, die uns vor dem Pfingstfeste, da der Heilige Geist ihnen die Sterbenslust für ihren Herrn und Meister noch nicht eingehaucht hat, auch an den Jüngern nicht wundern darf; das ist unsere Rede, so lange der Heilige Geist uns nicht auf Adlersflügeln über dieses zeitliche Leben emporgeführt, die Rede, welche auch den Gläubigen, die des Geistes Gaben selbst geschmeckt, in schwachen Stunden Fleisch und Blut noch zuflüstert. Fleisch und Blut weist vorsichtig darauf hin, ob wir denn nicht durch die Hilfe, die wir den Kranken bringen, uns selbst Schaden zufügen werden. Sollen wir auch zu den ansteckenden Kranken gehen und uns selbst eine Krankheit holen, zu ekelhaften Kranken, dass uns Essen und Trinken nicht schmeckt? Sollen wir gar an den Sterbebetten stehen und warten, bis der Todeskampf ausgekämpft ist, und Bilder in die Seele einlassen, die uns im Schlafe stören? Sollen wir in die dunklen, dunstigen, schmutzigen Kammern des Elends eintreten und uns die heitere Lebensfreude trüben? Sollen wir all den Bitten der Armut ein Ohr leihen und hingeben, was uns das Leben so behaglich machen könnte? Sollen wir uns in den Zellen der Gefängnisse mit dem Auswurf der Menschheit einlassen, auf die Gefahr hin, mit unseren wohlgemeinten Ermahnungen verlacht zu werden? Sollen wir gar zu den wilden Heiden hinausgehen mit der Botschaft von Christo, auf die Gefahr hin, von ihnen totgeschlagen oder in dem heißen Fieberklima alsbald hingerafft zu werden? Sollen wir überall das blanke Schwert des göttlichen Wortes schwingen, durch dessen Streiche so viele weiche Gemüter sich verletzt fühlen und wir uns so viel Missgunst und Verleumdung zuziehen? Sollen wir uns vor der ganzen Schar der weisen und angesehenen Leute wegen unseres Glaubens verspotten lassen? Sollen wir, während die Andern ihr Leben genießen, nur immer an das Elend der Menschen denken ja, auch die Nachtruhe uns nicht gönnen, wenn Jemand, Hilfe begehrend, an Tür oder Fenster pocht? Solche Fragen wirst Fleisch und Blut auf. Was meint ihr, liebe Brüder und Schwestern, sollen wir?

„Wer sein Leben findet, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um Meinetwillen, der wird es finden“ (Matth. 10, 39), so spricht unser König und Herr, Jesus Christus. Die Kinder der Welt, die Irdisch gesinnten, denen der Bauch ihr Gott ist (Phil. 3, 19), die da sehen auf das Sichtbare und nicht auf das Unsichtbare, haben von jeher getrachtet, ihr Leben, ihr irdisches, sinnliches Leben zu finden, ihre Rechnung in ihm zu finden, so viel Genuss aus ihm zu ziehen als möglich. Denn die Kräfte der zukünftigen Welt schmecken sie nicht, der Himmelsglanz, der aus ihr herableuchtet, erfreut sie nicht, das Kleinod der himmlischen Berufung lockt sie nicht hinauf. Und niemals ist wohl die Hast und Begier, dies irdische Leben zu finden, in ihm sein Glück zu machen, allgemeiner, brennender, fieberhafter gewesen als in unserer Zeit. Wie ganz anders war das doch zu der Zeit, da unsere sechzigjährigen Männer Jünglinge waren. Da durchbrauste wenigstens ein frischer Odem vaterländischer Begeisterung dies deutsche Volk und der galt für einen Feigling, der nicht Lust hatte, fürs Vaterland sein Leben zu verlieren. Und das Vaterland war nicht bloß das Land, das seinen Kindern Wohnung und Brot gab, es war die heilige Stätte, die Gott angewiesen, Ihn zu verherrlichen; das Vaterland war nicht bloß Besoldung und Behaglichkeit, es war Glaube, Freiheit, Ehre, Zucht, Liebe, Treue. Für dies Vaterland setzten unsere Väter ihr Leben ein. Und wofür haben wir Lust, unser Leben zu verlieren? Ein langer Friede, in dem nicht genug deutscher Odem und Heiliger Geistesodem wehte, um vorm Faulwerden behütet zu sein, hat ein Geschlecht erzeugt, dessen Edelste, im Vergleiche mit den Vätern alter und neuer Zeit, schlaff, weichlich, feig sind. Die große Masse aber, der unendliche Hause aus allen Ständen, hat es aufgegeben, ein anderes Leben zu finden als das Leben des Fleisches, des sinnlichen Wohlseins. Dies Leben für ihre Kinder zu finden, ist der Eltern höchstes Bestreben. Jünglinge in den Jahren, da ihnen ein ganzer Himmel im Gemüte schweben sollte, sind darauf bedacht, ums Brot zu eifern. Jungfrauenseelen werden geknickt und welk in dem Treiben einer Gesellschaft, die gegen die frische Natur wie gegen die Herrlichkeit des übernatürlichen Lebens sich verzäunt. Männer, die bis zum letzten Stündlein freien Mannesmut bewahren sollten, löschen den heiligen Zorn im inwendigen Menschen aus, um dem äußerlichen eine Stellung zu verschaffen. Der Götze der Industrie wird den Völkern als ihr Heiland gepriesen. Wohlstand und Bildung sind die höchsten Dinge, zu denen sich der Geist dieses Geschlechtes aufschwingt, Dinge, die siebzig Jahre währen, wenn's hoch kommt, sind's achtzig. Wie sollten die Kinder unserer Zeit mit dem Herrn Jesu ziehen auf die Gefahr hin, dies Leben zu verlieren, außer dem sie doch keines kennen, keines haben? „Gleichwie sie waren in den Tagen vor der Sündflut; sie aßen, sie tranken, sie freiten und ließen sich freien bis an den Tag, da Noah zu der Arche einging, und sie achteten es nicht bis die Sündflut kam und nahm sie alle dahin“; (Matth. 24, 38) also sind die Kinder dieser Zeit, und wenn nun die Zukunft des Menschensohnes hereinbricht wie ein Dieb in der Nacht - ach, was wird dann aus denen werden, die an diese Zukunft nicht glaubten und im Genusse des flüchtigen Augenblicks ihr Leben hinbrachten wie ein Geschwätz? „Wer sein Leben findet, der wird es verlieren“ das ist des Herrn Urteilsurspruch. „Aber wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.“ Wohlan, wer noch etwas spürt von dem Glauben, der die Welt überwindet, der erwähle wie Moses viel lieber, „mit dem Volke Gottes Ungemach zu leiden, als die zeitliche Ergötzung der Sünde!“ (Hebr. 11, 25.) So will es der Herr. Denn Jesus antwortete: „Sind nicht des Tages zwölf Stunden?“ Ist uns nicht allen eine bestimmte Zeit zugemessen, in der wir vollbringen müssen, was der Herr von uns fordert? Müssen wir nicht wirken die Werke, so lange es Tag ist, ehe denn die Nacht kommt, da Niemand wirken kann? In dies irdische Leben sind wir hereingestellt. Wie lange unser Lebenstag währt, weiß keiner. Was wollen wir tun? Ist das unser Gedanke: das Leben ist kurz; darum iss und trink, denn morgen sind wir tot! Oder ruft nicht Gottes Geist unserem Geiste zu: Das Leben ist eine Hand breit vor Gott; darum leget die Hand an den Pflug und schauet nicht rückwärts. Ja, so ruft Er und darum, so lange es heute heißt, wollen wir in dies Erdenleben durch Glauben und Gebet die Kräfte des Himmels herabholen, die eigene Seele zu retten und allen, die Ohren haben zu hören, es zurufen: kommet und schmecket wie freundlich der Herr ist! Wer an Ihn glaubt, der wird selig, wer aber nicht glaubt, der wird verdammet werden! Wer auf das Fleisch säet, der wird vom Fleisch das Verderben ernten! Wer aber auf den Geist säet, der wird vom Geist das ewige Leben ernten! Das ewige Leben, liebe Christen, ist der Siegespreis, wer kann da zurückbleiben? Wer kann da vor Schmach und Schande, Not und Tod sich fürchten? Hört doch, was der Heiland euch zum Troste spricht: „Wer des Tages wandelt, der stößt sich nicht, denn er sieht das Licht dieser Welt; wer aber des Nachts wandelt, der stößt sich; denn es ist kein Licht in ihm.“ Der Heiland hat vorhin die Zeit unseres Lebens unsere zwölf Tagesstunden genannt; jetzt nennt Er uns auch die Sonne, die an diesem Tage leuchtet. Wie könnten wir anstoßen und fallen, wenn die Sonne am Himmel steht? Diese Sonne ist Gott der Herr mit Seiner Gnade und Barmherzigkeit, durch die Er uns arme sündige Menschen berufen hat, Seine Kinder und Werkzeuge Seines Geistes zu werden, die Welt zum Himmelreich zu berufen. Wer des Nachts wandelt, der stößt sich, denn es ist kein Licht in ihm. Wer sich von der Gnade Gottes nicht bescheinen lassen will, geht im Sünderelend verloren. Wer sein Leben findet, der wird es verlieren. Aber wer des Tages wandelt, der stößt sich nicht, denn er sieht das Licht dieser Welt. Wer in Gottes Gnade gläubig sich versenkt, den lässt Er nicht fallen, sondern hält ihn fest in Seiner Hand. Wer sein Leben verliert um Christi willen, der wird es finden. O, welch ein Trost! Nicht danach haben wir zu fragen: was wird der Erfolg sein, wenn ich dies und das tue? Wird die Wirkung so groß sein, als das Opfer, das ich bringe? Werd' ich nicht dabei Gesundheit, Vermögen, das Leben verlieren? Das ist die Frage, die wir zu tun haben: ist es Gottes Wille, dass ich das tue? Hat Er mich dazu berufen? Hat Er dafür mir ein Amt gegeben? Liegt es in meiner Christenpflicht? Und wenn es nun der Geist mit einem Ja bezeugt, dann sage: Amen! und gehe freudig ans Werk, es komme was Gott will. Denn wir wissen, dass denen die Gott lieben alle Dinge zum Besten dienen. Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Nichts, durchaus nichts, keine Not und keine Gewalt, auch der Tod kann uns nicht scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist. (Röm. 8, 28 ff.) Das war der Sinn unseres Herrn und Heilandes, als Er Seinen Jüngern zurief: nach Judäa! Selbst an dem schweren Leiden, dem bitteren Tod, der Sein erwartete, stieß Er Sich nicht, denn Er ging am hellen Tage des göttlichen Berufes dahin. Und eben weil Er dem Vater gehorsam war, gehorsam bis zum Tode am Kreuze, darum hat Ihn der Vater erhöht und hat Ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist. (Phil. 2, 8.) Dies war der Sinn des Stephanus, der unter dem Regen der Steine für die betete, die sie schleuderten, und den Himmel offen sah und die Herrlichkeit Gottes und Jesum Christum zu seiner Rechten, und des Paulus, der gerne für seine Brüder aus Israel wäre von Christus verbannt gewesen, wenn dadurch ihre Bekehrung hätte gewirkt werden können, und der unter der Heidenpredigt die Wunden seines Herrn sich schlagen ließ und den Märtyrertod fand. Die Sonne der göttlichen Berufung leuchtete den Scharen der Märtyrer, die ihren Leib in die Flammen warfen, damit die Seelen frei dem Herzog ihrer Seligkeit nachfliegen könnten. Solcher Geist lebte in Luther, von dem wir so viel sprechen und dem wir so wenig gleichen. Wäre Luther schlaff, weich, feig gewesen, wie wir sind, auch die Rührigen, Starken, Mutigen: die Hammerschläge des 31. Oktobers wären nicht vernommen worden, kein römischer Cardinal hätte sich in Augsburg vor den „tiefen Augen und den wunderbaren Gedanken“ eines deutschen Mönchs gefürchtet, auf dem Reichstag zu Worms hätte deutsches Gewissen gegen römischen Trug nicht so gewaltige Streiche geführt, Luther hätte das Feuer nicht angezündet, das bis auf diesen Tag brennet und so Gott will brennen wird bis an den jüngsten Tag. Hätte der Graf Zinzendorf nicht die Gnade Gottes in seinem Heiland gespürt, die ihn dazu berief, er wäre nicht unter Spott und Hohn und Gefahr durch die Länder der Christenheit gereist, die Gläubigen zu sammeln. Aber die Gnade war seine Sonne und die Gnade war es, die jenen schlichten Männern der Brüdergemeinde unter die Heiden leuchtete, ihr Leben zu verlieren und das ewige zu gewinnen und die Seelen der Heiden dazu: „Es wurden zehn dahingesät als wären sie verloren. Auf ihren Beeten aber steht: das ist die Saat der Mohren!“

Lebt solcher Geist noch unter uns? Gott sei Dank, ausgestorben ist er noch nicht. Er ist lebendig in den Jünglingen und Männern, die vor dem tödlichen Klima Afrikas nicht zurückschrecken, das Einen um den Andern hinrafft und die auf die Frage: wollt ihr dennoch hinausziehen, obschon so wenig Erfolg bis jetzt sich gezeigt und so viele eurer Brüder gestorben sind, antworten: ja, wir wollen ziehen. Er ist lebendig in den Frauen und Jungfrauen, die alle zeitliche Ergötzlichkeit verlassen, um ihr Leben bei den Kranken hinzubringen, ja fröhlich den lieben deutschen Boden verlassen, um im fernen Morgen- und Abendlande allerlei Volk die erbarmende Liebe ihres Heilandes schmecken zu lassen. Er ist lebendig in so manchem treuen Zeugen des Herrn, der im Verborgenen Alles, was er hat und ist, dem König im Himmel opfert und dessen ganzes Leben, äußerlich sonnenverbrannt, innerlich im Sonnenscheine glänzend, einem fortwährenden Märtyrertum gleicht. O lieber Bruder, ist solcher Geist auch in dir und mir lebendig? Wollen wir nicht mit Jesu ziehen? War kein Grund da, dass Er nach Judäa zog? Ist kein Grund da, dass wir ausziehen, aus unserer Behaglichkeit, aus unserem sinnlichen Wohlsein in ein Kampfes- und Opferleben?

„Solches sagte Er und danach spricht Er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber Ich gehe hin, dass Ich ihn auferwecke.“ Der Heiland erinnert Seine Jünger auf die mildeste, zarteste Weise an den Grund, der vorhanden ist, nach Judäa zu ziehen. „Lazarus, unser Freund“ - dies Wort hätte wohl den Jüngern Lust machen sollen, Peräa zu verlassen. Nicht allein des Heilandes Freund war der Mann aus Bethanien, sondern auch Seiner Jünger Freund. Gemeinsame Liebe zum Heiland ist ja das festeste Band der Freundschaft; und die Freundschaft des Lazarus hatten sie so manches Mal gekostet, wenn sie mit ihrem Meister aus der Hitze des Tages in jene stille Wohnung sich flüchteten und der frische Odem der Liebe ihnen aus dem Kreise der Geschwister entgegenwehte. Sie an den Freund zu erinnern, dünkt dem Herrn genug, um ihnen Lust zur Reise zu geben. Er sagt ihnen darum nicht einmal klar, wie es mit diesem Freunde steht, dass mittlerweile seine treuen Augen im Tode gebrochen, die warmen Hände starr und kalt geworden sind, und der liebe Freund aus den Räumen der Liebe und des Friedens in die kalte, dunkle Gruft des Todes getragen ward. „Unser Freund schläft“ spricht Er. Der Heiland, der, als der Bote Ihm die Krankheit meldete, gesagt hatte, sie sei nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes, dass der Sohn Gottes dadurch geehrt würde, konnte auch vom Tod eigentlich nicht reden: Ihm und durch Ihn Seinen Gläubigen ist der Tod zum Schlaf geworden. Er schreckt nicht mehr mit Angst und Schmerz zurück, er lockt zu sich hin wie Einer, der die wegemüden Glieder der Pilgrime zur Ruhe bringen, die Augen für eine Zeit lang zur Sammlung des inneren Wesens aus der Zerstreuung der äußerlichen Dinge schließen will, dass die Glieder auf des Herrn Ruf sich erheben wie mit Adlersflügeln und die Augen in die Herrlichkeit, die nie ein Auge gesehen, selig hineinschauen. „Lazarus schläft, aber Ich gehe hin, dass Ich ihn auferwecke“ sagt der Heiland.

„Da sprachen seine Jünger: Herr, schläft er, so wird es besser mit ihm. Jesus aber sagte von seinem Tode; sie meinten aber, er rede vom leiblichen Schlafe.“ Dem befangenen furchtsamen Sinne der Jünger bleibt des Herrn Wort verschlossen. Sie hören und hören nicht recht. Sie hören nicht, was Jesus ihnen sagt, sondern was sie gerne hören möchten. Sie möchten gerne etwas hören, was von der Reise nach Judäa zurückhalten könnte und darum beuten sie des Herrn Wort nach ihrem Gefallen aus: „Herr, schläft er, sagen sie, so wird es besser mit ihm.“ So haben wir ja nicht nötig, zu ihm hinzueilen, so können wir ruhig in der Abgeschiedenheit dieses Landes verweilen. Da muss nun der Heiland, als zu natürlichen Menschen, die vom Geiste nichts vernehmen, natürlich sprechen.

„Da sagte es ihnen Jesus frei heraus: Lazarus ist gestorben; und Ich bin froh um euretwillen, dass Ich nicht da gewesen bin, auf dass ihr glaubt. Aber lasst uns zu ihm ziehen.“ Der Heiland gibt keine Trauerbotschaft, ohne den Trost dazu zu geben. Lazarus ist gestorben - das Wort musste die Herzen der Jünger traurig machen, die ihn ja geliebt hatten. Aber der Herr ist fröhlich über den Tod. Er muss dazu dienen, den Glauben der Jünger zu befestigen. Wie wunderbar weiß Er doch die Herzen zu treffen! Den Jüngern, die nicht ziehen wollen, stellt Er des Freundes Elend und ihres Glaubens Förderung vor. Wenn sie hinziehen, kann der Freund gerettet, kann ihr Glaube gestärkt werden! Können sie jetzt noch von der Reise abmahnen? O das wäre Herzenshärtigkeit, die man wohl bei den Pharisäern und Schriftgelehrten suchen kann, aber doch nicht bei den Zwölfen, die der Herr sich auserwählt!

„Da sprach Thomas, der da genannt ist Zwilling, zu den Jüngern: Lasst uns mit ziehen, dass wir mit Ihm sterben!“ Dass es gerade Thomas ist, der diese Losung ausruft, der den Anschein hat, als wollt er seinen Genossen die Fahne vorantragen, mag uns auf den ersten Anblick wunderlich sein. Thomas ist ja der ungläubige, der, wie Johannes erzählt (Kap. 20, 24 ff.), auf der Jünger Ausruf: „Wir haben den Herrn gesehen“, erwiderte: „Es sei denn, dass ich in Seinen Händen sehe die Nägelmale und lege meinen Finger in die Nägelmale und meine Hand in Seine Seite, will ich es nicht glauben.“ Thomas erscheint hier als das Urbild derer, die an nichts glauben, was sie nicht sehen und betasten können, und darum der Freude des Lebens in der unsichtbaren, himmlischen Welt entbehren müssen und Jesus spricht gar ernst zu ihm: „Dieweil du Mich gesehen hast, Thoma, so glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Beweist der ungläubige Jünger nicht in unserer Geschichte eine besondere Glaubensfreudigkeit? Ich meine: nein! Er beweist weiter nichts als ein treues Herz, das den Lazarus und den Herrn Jesum lieb hat und darum weder von dem Einen noch von dem Andern lassen will, dazu aber ein kleingläubiges Herz, das in dem, was da kommen wird, nicht die Ehre Gottes, sondern nur das Sterben sieht, ein Herz, dessen Glaube nicht Kraft genug hat, über Tod und Grab zur Auferstehung und zum Leben sich aufzuschwingen, sondern das matt an dem Traurigen haften bleibt, was nur der Durchgang ist zur Freude. Und darum spricht er: „Lasst uns mit Ihm ziehen! Es geht freilich zum Sterben. Aber Er tut's ja nicht anders. Dazu ist's auch dem Lazarus zu Liebe. Was bleibt da übrig? Wir müssen eben bei Ihm halten und wenn's auch zum Tode geht.“

O meine Lieben! Was der ungläubige Thomas ausgerufen, ohne dass das Herz volle Lust dazu gehabt hätte, weil er keinen Ausweg sah, wir sollten es mit voller Herzenslust zu unserer Losung machen: Lasst uns mit ziehen! Krankheit, Schlaf, Tod ist aller Orten, und uns, die wir nach Christi Namen uns nennen, ist es befohlen durch das Wort von Ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, zu heilen was krank ist, zu erwecken was schläft, zu beleben was tot liegt wollen wir zurückbleiben? Die Heiden gehen elend in ihrem Götzendienste zu Grunde, den Juden ist eine Decke über die Augen gezogen, Jesum nicht zu schauen; in der Christenheit haben die Kranken, Armen, Gefangenen ein Recht besucht zu werden. Und ist es nicht dein Freund vielleicht, der krank ist? Sind es nicht liebe Menschen, die den Schlaf natürlicher Sicherheit dahinschlafen, die vom geistlichen Tode kalt angefasst sind? Ist es nicht unsre liebe Kirche, in der Schlaf und Tod lange Zeit unumschränkt geherrscht haben? Soll das so bleiben? Thomas ruft: „Lasst uns mit Ihm ziehen“, und er kennt Jesum noch nicht als Den, der die Auferstehung ist und das Leben, und setzt darum kleinmütig hinzu: „dass wir mit Ihm sterben!“ Uns aber, obschon wir nicht unsere Finger in Seine Nägelmale und unsere Hände in Seine Seite legen durften, hat Er sich erwiesen, wenn auch noch nicht in unseren Herzen, doch in einer tausendjährigen Geschichte, als Der, welcher dem Tode die Macht genommen und der Hölle den Sieg, der des Grabes Pforten gesprengt, zum Himmel aufgefahren ist und sitzet zur rechten Hand Gottes auf dem Stuhle der Majestät, als Der, vor dem Alle die Knie beugen, und die nicht wollen, sie dennoch beugen müssen; und denen, die an Ihn von Herzen glauben, hat Er sich offenbart als Der, welcher Gebete erhört und Kräfte von oben herabsendet und die Seelen mitten in diesem Erdenleben schon bei Sich hat, mit Freuden des Himmels sie zu speisen können wir zurückbleiben? Liebe Brüder! Lasst uns mitziehen, dass wir mit Ihm sterben, aber nachdem wir mit Ihm gestorben sind, mit Ihm leben und regieren in Ewigkeit! Des ist freilich ein harter, ein Todesweg. Es geht mit der Fackel des göttlichen Wortes, die im Wehen des Heiligen Geistes helle Flammen auch in die verborgensten Winkel wirft, hinab in den Abgrund unseres Herzens, aus dem die argen Gedanken aufsteigen, die Väter der argen Worte und Werke, ein Todesweg, denn ertötet muss der alte Mensch werden in täglicher Reue und Buße, damit täglich auferstehe ein neuer Mensch. Und wenn wir dann aus der Tiefe der Not um Hilfe emporgeschrien haben und der Herr Jesus Christus hat Sich uns gezeigt und Seine Hand herabgestreckt und wir haben sie im Glauben ergriffen, wenn wir im Glauben den Grund gefunden haben, in dem die Hoffnung Anker werfen kann und wir Frieden haben, den Frieden, den die Welt nicht geben kann, den süßen, festen Frieden Gottes in Christo, dann muss die Liebe hervorbrechen wie die Morgenröte und in das Elend der Brüder ihre Rosen streuen. Da geht's dann mit dem Herrn Jesu nicht zu Lust und Pracht der Welt, nicht zum bequemen und behaglichen Leben, nein! zur Entsagung und Selbstverleugnung, es geht in die Heidenwelt mit ihren Gräueln, es geht in Hass und Spott der Feinde Christi, es geht zu Kranken und Armen, zu Elenden und Bekümmerten, zu verzagten Sündern und trotzigen, zu Grab und Verwesung, und wer kann es wissen? bald zu unserem eigenen Siechtume, zu unserem eigenen Grabe. Aber lasst uns mit Ihm ziehen, dass wir, die wir mit Ihm sterben, auch mit Ihm auferstehen und leben. Wer mit Ihm gekreuzigt ward, wird mit Ihm gekrönt, wer um Seinetwillen Alles verlassen, dem wird Er Alles reichlich erstatten. Wer sein Leben verliert, der wird's gewinnen!

O ihr Lieben, die ihr diese Worte lest - ich schäme mich, da ich sie schreibe. Ach, es ist leichter zu schreiben und zu predigen, auch leichter zu lesen und zu hören, als zu werden. Lasst uns aber werden! Und weil wir nicht werden können, es sei denn, dass wir von oben her werden durch den Heiligen Geist, so wollen wir alle Tage zu dem Herrn seufzen und rufen und singen, Er möge den Geist der ersten Jünger über Seine Christenheit wieder ausgießen, Er möge diesen Geist auch uns ergreifen lassen, damit von ihm alle Weichlichkeit, Trägheit, Bedenklichkeit, Feigheit verzehrt werde und Opferfreudigkeit, Rührigkeit, heldenmäßiger Glaube, unermüdliche Liebe, unverwelkliche Hoffnung in uns erwache. Das walte Gott in Gnaden!

Löwen, lasst euch wiederfinden,
Wie im ersten Christentum,
Die nichts konnte überwinden:
Seht nur an ihr Martertum,
Wie in Lieb' sie glühen,
Wie sie Feuer sprühen,
Dass sich vor der Sterbenslust
Selbst der, Satan fürchten musst.
O dass ich, wie diese waren,
Mich befänd' auch in dem Stand!
Lass mich doch im Grund erfahren
Dein' hilfreiche, starke Hand,
Mein Gott, recht lebendig!
Gib, dass ich beständig
Bis in Tod durch Deine Kraft
Übe gute Ritterschaft!

Amen.

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