Ahlfeld, Friedrich - Zeugnisse - Jesus Christus will für alle Zeit in euch Wohnung machen.

Ahlfeld, Friedrich - Zeugnisse - Jesus Christus will für alle Zeit in euch Wohnung machen.

(Konfirmationsrede, am 2. April 1855.)

Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch Allen. Amen.

In dem Herrn geliebte Gemeinde, und insbesondere ihr liebe Kinder. Der Sonntag, welcher die große Passionswoche eröffnet, der gestrige Sonntag, heißt der Palmsonntag. An diesem Tag zog einst der Herr von Bethanien herüber in Jerusalem ein. Ihm den Weg zu bereiten, seinen Einzug zu einem königlichen Einzuge zu machen, breitete viel Volkes Kleider auf den Weg, die Andern aber hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Das Volk aber, das vorging und nachfolgte, schrie und sprach: „Hosianna dem Sohne Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“

Teure Gemeinde, der Herr will heute auch bei uns und insonderheit bei diesen Kindern einziehen im Heiligen Geist. Wir wissen zwar, dass er immer bei uns gewesen ist.

Der Herr ist noch und nimmer nicht
Von seinem Volk geschieden;
Er bleibt ihre Zuversicht,
Ihr Segen, Heil und Frieden.
Mit Mutterhänden leitet er
Die Seinen stetig hin und her:
Gebt unserm Gott die Ehre!

Aber wir drängen ihn mit unserer Trägheit, Lauheit und Kälte so oft aus uns fort, wir nehmen ihm mit unserem eigenen Willen so sehr die Gewalt in uns, dass ein solcher neuer Siegeseinzug gar nötig und segensreich ist. Möge er auch mit den Kindern in die Herzen der Eltern und unser Aller einziehen; möge er in uns Allen das selige Feuer des Glaubens und des fröhlichen Bekenntnisses wieder anfachen! Aber wo sind die Palmen mit ihrem Grün, die dort am Wege standen? Wir haben ja lange auf den Frühling gehofft, und er ist noch nicht gekommen; wir haben keine grünen Zweige!

Ihr, liebe Kinder, seit die Palmen, gewachsen an dem Wege des Herrn. Ihr seid die Bäume, gepflanzt an dem Wasserbache. Euer fröhlicher, frischer Glaube ist das Laubwerk, das Grün an den Stämmen. Eure Gelübde sind die grünen Zweige, die ihr auf den Weg streuen sollt, über die der Herr in eure Herzen einziehen will. So brecht sie denn mit fester Glaubenshand von dem Baume des Lebens in euch ab. Bittet jetzt noch einmal recht dringend, dass es keine welken und toten Zweige werden, welche das kalte Herkommen und das zurückgelegte vierzehnte Jahr hinbreitet, und welche in wenigen Tagen der Wind als dürre Blätter fortführt. Ihr seid zu solchem Gelübde umso mehr aufgefordert, da der Herr nicht seinen ersten Einzug in die Stadt hält. Er ist drinnen. Er wohnt lange unter uns. Er ist in euch. Er hat sich bereits eure Herzen in der frühesten Kindheit zur Wohnstätte gewählt. Ihr habt stets mit Loben und Danken der Stunde gedacht, wo der Vater euch errettet hat von der Obrigkeit der Finsternis und hat euch versetzt in das Reich seines lieben Sohnes, wo an euch sein Wort erfüllt ist: „Es sei denn, dass Jemand geboren werde aus dem Wasser und aus dem Geist, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Gott hat euch selig gemacht durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung des Heiligen Geistes. - Darum können wir auch heute einen Text wählen, der von etwas Näherem, als von Jesu Einzuge in die Stadt redet, und die Forderung an euch stellt, zu welcher er das vollste Recht hat. Unser Text steht geschrieben

Offenb. St. Johannis Kap. 3, V. 20:

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So Jemand meine Stimme hören wird, und die Tür auftun, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten, und er mit mir.

Wir behalten uns aus diesem teuren Schriftworte für unsere heutige Andacht den Grundgedanken:

Jesus Christus will für alle Zeit in euch Wohnung machen.

1) Er klopft an;
2) Du sollst seine Stimme hören, und die Tür auftun;
3) Zwischen euch beiden soll der innigste Herzensverkehr stattfinden.

Nun, Herr Jesu, klopfe du,
Dass sie's Alle hören!
Wollest aus der toten Ruh'
Alle Herzen stören.
Mit des Wortes Allgewalt,
Mit dem heil'gen Hammer
Klopfe, bis es wiederhallt
Aus der Herzenskammer.

Deine Liebe, treu und groß,
Breche Schloss und Riegel,
Schmelze von den Herzen los
Alter Trägheit Siegel,
Dass wir Alle, Groß und Klein,
Frei vor dir bekennen:
„Du bist mein und ich bin dein,
Niemand soll uns trennen.

Offen steht dir die Tür,
Komm von deinem Throne,
Zeuch herein und wohn' in mir,
Bis ich bei dir wohne.“

Amen.

I. Er klopft an.

In dem Herrn geliebte Kinder. Nicht wahr, das Herz klopft euch heute anders, als alle Tage? Was will es mit diesem Klopfen? Der Herr steht vor der Tür und klopft an. Er klopft an mit der Erinnerung an den ewigen Gnadenrat seines Vaters. Ehe ihr geschaffen wart, ehe ihr an euren Herrn und Gott denken konntet, da hat er aus unverdienter, unergründlicher Liebe an euch, an euer Heil gedacht. Als ihr noch nicht da wart, hat er euch eine Stätte in seiner Kindschaft, an seinem Herzen eingeräumt. Solche Liebe pocht mit Macht an das Herz.

Sodann fällt euer Konfirmationstag nicht ohne Grund in die Zeit der heiligen Passion. Auf jedem Blatt der heiligen Geschichte steht jetzt die Liebe Christi mit hellen Buchstaben geschrieben. Geht ihr mit dem Herrn hinaus nach Gethsemane, wo er die Nacht vor seinem Leiden durchkämpfte, so lest ihr trotz der Finsternis der Nacht in jedem seiner Schritte, in jedem Ringen und Beten das: „Für euch.“ Geht ihr mit ihm vor seine ungerechten Richter, und hört ihr ein Verdammungsurteil nach dem andern, so klingt euch überall das: „Für euch“ daraus entgegen. Begleitet ihr ihn auf dem Wege nach Golgatha, und seht, wie der Unschuldige das Kreuz trägt und wie er endlich am Kreuze hängt und stirbt, so lesen wir wieder mit klaren Buchstaben das: „Für euch.“ „Für euch.“ Liebe, Blut und Leben hat er für euch gegeben. Nicht wahr, das klopft an das Herz? Es hat ja doch Niemand einen sichereren Schlüssel zu dem Herzen als die Liebe. Heute müsst ihr zurück denken an eure Taufe. Da hat euch Gott errettet von der Obrigkeit der Finsternis und versetzt in das Reich seines lieben Sohnes. Da hat er euch zu seinen Kindern und zu Erben seiner Herrlichkeit gemacht.

König Ludwig VII. von Frankreich sprach, indem er an den reichen Segen der heiligen Taufe zurückdachte, das schöne Wort aus: „Die drei Hände voll Wasser, mit denen ich einst besprengt worden, sind kostbarer als die Königskrone, die ich jetzt auf diesem Haupte trage.“ Die Königskrone war ein drückendes und vergängliches Erbe, die Gnadenkrone ist ein erquickendes und ewiges Erbe. Meine lieben Kinder, so denkt euch nun heute recht hin an euren Tauftag und an den Taufstein. Es werden ja heute dieselben Fragen an euch gerichtet! Ihr gebt auch zum Teil dieselbe Antwort, welche eure lieben Paten damals für euch gegeben haben. - Sagt euch dazu: „Da bin ich mit Christo durch die Taufe begraben in den Tod, auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt durch die Herrlichkeit des Vaters, ich auch in einem neuen Leben wandle.“ Soll nun der, der das neue Leben ist, der euch wiedergeboren hat aus Wasser und aus dem Geist, heute nicht an euer Herz klopfen? Er muss fragen: „Wie weit bin ich denn in dir Herr geworden? wie weit lebst du in mir?“ Er muss fordern: „Ich will auch in Allem, was von dir noch der Welt gehört, dein Herr werden; denn du hast dich mir verlobt mit deinem ganzen Menschen nach Leib, Seele und Geist.“ Jesus Christus klopft bei euch an mit der ganzen lieben Kindheit, welche ihr nun verlebt, und mit Allem, was ihr aus dem Worte Gottes gelernt habt. Wozu habt ihr denn das alte teure Buch täglich in den Händen gehabt? Nicht bloß dazu, dass ihr aus dieser alten Urkunde einige Sprüche oder Abschnitte lernt, sondern dazu, dass dieses Wort die Brücke werde, über die der Herr in euch eingehe. Das Wort Gottes ist dazu da, dass der Sohn Gottes in euch eine Gestalt gewinne.

Endlich kommen wir auf den heutigen Tag selbst. Ist denn unter euch Kindern nur ein einziges, welches in den letzten Tagen nicht von irgend Jemand ermahnt wäre, diesen Tag würdig zu begehen? Die Eltern haben es getan. Und so eins keine Eltern mehr hat, so hat sich doch ein Pate oder ein Verwandter oder Vormund oder Freund gefunden, der das Herz für den Herrn zu öffnen suchte. Und wenn keiner da gewesen wäre, so hätten euch die aus der Gemeinde, welche in dieser Zeit alle Konfirmanden in ihren Gebeten vor den Herrn brachten, auch mitgebracht. Am heutigen Tage selbst ist bereits manches Gebt zum Throne der Gnade aufgestiegen. Ihr Eltern, ihr habt eure Kinder doch heute nicht vergessen? Und so wiederum eins hier wäre, dem heute kein Freund mit seinem Gebet zur Seite stünde, dieses nehmt ihr so noch auf euer Herz, liebe gesamte Gemeinde. Sind sie doch allzumal eure Kinder, Glieder dieser unserer Gemeinde. Und so mag in euren Gebeten der Herr anklopfen, an alle diese Herzen, anklopfen, bis drinnen seine Stimme gehört, bis ihm die Tür aufgetan wird. Alles vereinigt sich heute. Die ewige Gnade Gottes, die Liebe und das Leiden Christi, eure Jugend und die Gebet eurer Eltern und Paten drängen auf einen einzigen Punkt hin: der Herr begehrt Einlass bei euch. -

Dabei bedenkt wohl, liebe Kinder, wer es ist, der vor der Tür steht. Der eingeborene Sohn Gottes, der alle Dinge hält und trägt mit seinem allmächtigen Worte, dem der Vater alle Gewalt gegeben hat im Himmel und auf Erden, der will in euch Wohnung machen. In Allen will er wohnen. Wie er sich einst in Bethlehem der Krippe nicht geschämt hat, so schämt er sich auch keines noch so verderbten Menschenherzens. Er steht vor der Tür, der allein neu machen kann; er, von dem Paulus schreibt: „Ist Jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu geworden. Er steht vor der Tür, der allein das Leben geben kann, denn er hat das Leben in ihm selber. Er steht vor der Tür, der allein Sünden vergeben und dem Kriege im Herzen ein Ende machen kann. Nie werden die Gedanken in euch aufhören, sich zu verklagen und zu entschuldigen, wenn er nicht hineintritt und spricht: „Friede sei mit dir!“ Nie wird aus dir ein ganzer Mensch werden, wenn er nicht als ein heiliger Mittelpunkt in dein Herz tritt, alle deine Kräfte unter sein sanftes Joch beugt und sie anstellt bei dem Dienst seiner Ehre. Nun so klopfe, du lieber Herr, dass sie dich Alle hören müssen. Und wenn Einer hergekommen wäre in alter innerer Trägheit, wenn die Gleichgültigkeit der Jugend auch hier noch auf einem Herzen läge, dringe durch, zerbrich Tür und Riegel, sprenge die alte Rinde. Du hast ein heiliges Recht an diese Kinder. Komm und mache es geltend. Sie sind dein von Kindesbeinen an. Du heiliger Sieger, siege über den Feind in ihnen. Du Eroberer ohne Heer, ohne Schwert und ohne Speer, nimm dir diese Kinder in Besitz. Ja, Herr, das ist dein Amt und dein Teil. Welches aber, liebe Kinder, ist euer Teil?

II. Dass ihr seine Stimme hört und die Tür auftut.

So es an eurer Tür klopft und ihr vermutet nur, dass es ein Freund ist, so habt ihr nichts Eiligeres zu tun, denn ihm die Tür zu öffnen. Und doch ist es nur ein menschlicher Freund. Heute, wo es klopft an der Tür eures Herzens, handelt es sich um keine Vermutung und um keinen menschlichen Freund. Der steht draußen, der begehrt Einlass, von dem wir singen: „Du bleibst mein Freund, wenn Freundschaft weicht.“ Der begehrt Einlass, welcher dir zugesagt hat: „Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie desselbigen vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen.“ Der steht draußen, welcher mit vollem Recht sagen kann: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“ Hat er dich doch in deiner Taufe bei deinem Namen, bei deinem neuen Namen gerufen. Der steht draußen, der noch keinen betrogen hat. Alle, die ihm Einlass gewährten, haben nachher rühmen müssen: „Einen besseren Freund, einen besseren Haus- und Herzensgenossen gibt es in der Welt nicht.“ Was wollt ihr nun tun, liebe Kinder? - Tut ihm die Tür auf. Und ihr fraget: „Wie soll ich das machen?“ Hört! Tut sie ihm zuerst auf im innigen Dank für die gnadenreiche Führung in eurer Jugend. Kinder, wie viel habt ihr zu danken! Die Barmherzigkeit Gottes hat euch an eurem ersten Lebenstage in die Arme christlicher Eltern gelegt. Dankt es ihm! Dann hat euch Jesus Christus in der heiligen Taufe in seine eigenen Gnadenarme genommen. Dankt es ihm! Dann hat er euch eine liebliche, stille Kindheit geschenkt in seiner Kirche, in dem Garten seiner Gnade. Dankt es ihm! Er hat euch reich gemacht an allerlei himmlischen Gütern. Er hat euch bis zu dieser Stunde Leben und Odem bewahrt. Doch wer will herzählen, was die Barmherzigkeit Gottes in vierzehn oder fünfzehn Jahren hat tun können? Selbst die Schläge, welche ihr in dieser Zeit von der Hand des Herrn erfahren habt, sind Schläge der Liebe gewesen. Sie haben ihren Grund und ihre Erklärung in dem Worte: „Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es.“ Dankt, denn im Danken geht das Herz auf. Undank und Kälte sind wie Schloss und Riegel. Wir können nicht aus uns heraus, und der Herr kann nicht herein.

Schließt ferner heute die Tür auf in einem aufrichtigen Bekenntnis eurer Sünden. Sagt nicht: „Wir sind noch jung, wir haben Nichts zu bekennen.“ Ist auch auf dem Frühlingsacker das Unkraut noch nicht so groß und noch nicht so eingewurzelt wie im Juli oder August, es ist doch da. Legt heute im Bekenntnis dem Herrn auf den Altar alle eure innere Trägheit, eure Unlust zum Gebt, euer Widerstreben gegen das göttliche Wort samt allem Hochmut und Dünkel. Geht einmal recht tief in das Herz hinein. Wer ist unter euch, der Herz und Mund nie mit Lüge befleckt hätte? Wer ist unter euch, der gegen seine Eltern immer in dem freundlichen, demütigen Kindesgehorsam gestanden hätte? Wer ist unter euch, der den Wurm des Neides oder des Hasses nicht schon in seiner Seele gefühlt hätte? Wo sind die Geschwister, die so friedlich neben einander aufgewachsen wären, wie zwei Reben an einem Weinstocke, wie zwei Zweige an einem Baume? Oder, damit wir das Ganze in einem Wort zusammenfassen, wie viele Zeit eures Kindeslebens ist Jesus Christus, in euch gepflanzt in der heiligen Taufe, in euch lebendig gewesen? Hat nicht das Fleisch in leichtfertigem Wesen und anderer Sünde das heilige Pflänzlein überwuchert, dass man von dem Kinde Gottes flugs Nichts erkannt hat? Bekennt heute dem Herrn eure Sünde. Die Taufe hat ja zwei Seiten, die eine nämlich, dass man den alten Menschen ausziehe, die andere, dass man den neuen Menschen anziehe. Zum Ausziehen hilft Nichts mehr, denn ein demütiges, aufrichtiges Bekenntnis. Wer seine Sünde verschweigt, schließt die Tür vor dem Herrn zu. Er selbst geht nicht heraus, und der Herr kann nicht hinein. Als der Herr persönlich auf Erden wandelte, kehrte er am Liebsten da ein, wo man seine Schuld am Offensten bekannte. Als Petrus ihn anrief: „Gehe von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch,“ da ist er gerade bei ihm geblieben. Wenn die Tür so aufgeht, ist sie für ihn aufgegangen. Er tritt herein. So tut denn auch die Tür eures Herzens heute für ihn auf. Wir öffnen sie ihm ferner, wenn wir unsern Glauben zu ihm bekennen. Wenn wir zu einem Menschen sagen: „Ich glaube dir,“ so heißt das: „Ich schließe meinen Verstand, mein Denken, meine Gedanken für deine Aussage auf. Ich gebe mich dir in diesem Punkte hin.“ Wenn wir bekennen: „Ich glaube an Gott den Vater, und an Jesum Christum, und an den Heiligen Geist,“ dann schließen wir damit dem dreieinigen Gotte unser Herz auf. Nur ist dies nicht ein Glaube, in dem wir eine Meinung, eine Ansicht, eine Nachricht in uns aufnehmen. Ihn selbst, unsern Herrn und Gott, nehmen wir auf. Wir halten unser Herz offen für sein Wort und für seine Tat, für seine Liebe und seine Wunder, für seine Erlösung und sein Heil. Wir wollen nicht mehr uns, sondern ihm angehören. Wir geben uns ihm ganz hin. Wir fügen uns so in seinen gnädigen Willen, dass uns sein Wort die einzige Wahrheit, seine Liebe die einzige Liebe, seine Erlösung das einzige Heil, seine Führung der einzige richtige Weg, sein Wille unser Leben ist, und wenn er uns mit diesem Willen durch Feuer und Wasser und durch alle Drangsale der Welt hindurchführte. Der Unglaube schließt das Herz vor Gott zu; der Glaube schließt es vor ihm auf. Im Glauben geht der hilflose Mensch heraus, der starke, hilfreiche Gott kann herein. So sagt es denn, liebe Kinder, eurem Heilande heute ins Angesicht:

Allein zu dir, Herr Jesu Christ,
Mein' Hoffnung steht auf Erden.
Ich weiß, dass du mein Tröster bist,
Kein Trost mag mir sonst werden.
Von Anbeginn ist Nichts erkorn,
Auf Erden war kein Mensch geborn,
Der mir aus Nöten helfen kann:
Dich ruf' ich an,
Zu dem ich mein Vertrauen han.

Zu solchem Bekenntnis eures Glaubens füget euer Gelübde hinzu. Fasst es zusammen in die Verse jenes alten köstlichen Liedes:

Mein Lebetage will ich dich
Aus meinem Sinn nicht lassen,
Dich will ich stets, gleichwie du mich,
Mit Liebesarmen fassen.
Du sollst sein meines Herzens Licht,
Und wenn mein Herz in Stücke bricht,
Sollst du mein Herze bleiben.

Ich will mich dir, mein höchster Ruhm,
Hiermit zu deinem Eigentum
Beständiglich verschreiben.
Ich will von deiner Lieblichkeit
Bei Nacht und Tage singen,
Mich selbst auch dir zu aller Zeit
Zum Freudenopfer bringen.

Mein Bach des Lebens soll sich dir
Und deinem Namen für und für
In Dankbarkeit ergießen;
Und was du mir zu gut getan,
Das will ich stets, so tief ich kann,
In mein Gedächtnis schließen.

Wenn ihr, meine lieben Kinder, solches Gelübde vor den Herrn bringt, so braucht ihr ihn ganz besonders. Ihr wollt doch nicht geloben, ohne zu halten! Es wäre ja besser, ihr gelobtet gar nicht, denn dass ihr es nicht hieltet. Wollt ihr aber dies Gelübde halten, so muss der Herr es in euch halten. Er muss eure Stärke sein. Er muss in euch wohnen. Jedes wahre Gelübde ist ein Auftun der Tür und ein Rufen: „Komm herein, du Gesegneter des Herrn! Warum willst du draußen stehen? Führe du aus, was ich gelobt habe; denn ohne dich sind es doch nur Worte in den Wind gewesen.“ Nun, meine lieben Kinder, wisst ihr, wie man die Tür auftut. O dass heute alle Türen aufgingen! Lange verschlossene Pforten gehen schwer auf und knarren in den Angeln, wenn sie endlich geöffnet werden. So ist es auch mit der Tür des Herzens zum Bekenntnisse. Sie muss aber dennoch auf! Fürchtet euch nur nicht. Überwindet alle Blödigkeit, damit euch der reiche Segen der Einkehr des Herrn nicht entgehe.

III. Zwischen euch beiden soll die innigste Herzensgemeinschaft stattfinden.

Wer ihm die Tür auftut, zu dem will er eingehen. Wer ihn liebt und sein Wort hält, den wird der Vater wieder lieben, und der Vater und der Sohn werden kommen und Wohnung in ihm machen. Der reiche Gott will Wohnung machen in einem armen Menschen. Aber im ganzen Menschen. Der Herr will nicht allein im Gedächtnis wohnen da könnte er vergessen werden. Er will nicht allein im Verstande wohnen - da könnte er durch eine andere Ansicht verdrängt werden. Auch nicht allein im Gefühle - da könnte eine andere Welle über ihn emporschlagen und ihn verschlingen. Zu dem, zu dir, zu dem ganzen Menschen will er eingehen. Den Geist samt Seele und Leib will er erfüllen. So will er uns bewohnen, dass wir unser ganzes neues Selbst verlieren müssten, wenn wir ihn verlieren sollten. Mit Jedem, welcher ihm die Tür aufgetan, welcher ihn so in sich hat wohnen lassen, will er das Abendmahl halten, und er soll es mit ihm halten. Ihr möget hier, liebe Kinder, unter dem Abendmahl immer das teure Sakrament des Altars verstehen. Gerade der, in welchem der Herr in solcher Weise Wohnung gemacht hat, empfängt dasselbe würdig. Er ist ein seliger Abendmahlsgast. Er fühlt am Besten, was neben dem Christus noch von dem Antichrist oder Widerchrist in ihm wohnt. Er weiß am Besten, wie viel von täglicher Sünde und Schuld ihm vergeben werden muss. Er sehnt sich auch recht innig danach, dass der Christus in ihm durch den Christus im heiligen Sakrament, durch den Christus für ihn immer stärker werde. Aber in seinem wesentlichsten Inhalte bedeutet das Wort hier den seligen Herzensumgang mit dem Herrn. Er gibt sich dir - du gibst dich ihm. Du gibst ihm deine Sünde und Schuld er gibt dir seine Gerechtigkeit. Du gibst ihm dafür deinen Dank - er mehrt seine Gnade an dir. Du klagst ihm deine Kälte und die Sonne scheint an die eisigen Stätten. Du bekennst deine Selbstsucht und er, der die Liebe selbst ist, der am Kreuze, erst nachdem er an alle Andere gedacht hatte, an sich dachte, der dann erst für sich betete: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist,“ der taut diese Selbstsucht in dem Feuer seiner Liebe auf. Du klagst ihm deine Versuchung - und er, der versucht ist allenthalben gleichwie wir, jedoch ohne Sünde, tritt für dich in den Kampf. Du bekennst ihm dein schwaches, wankelmütiges Wesen und er, der Fels im Meer, senkt sich selbst als Felsen in dein Herz. Du klagst ihm deine Trübsal und er wird dein Manna in der Wüste, wird dein Balsam in der Krankheit, wird dein Hafen mitten im Sturme. Kinder, liebe Kinder, es ist etwas gar Seliges, wenn der Herr ins Herz gezogen ist, wenn dieses eine Hütte Gottes geworden ist. Da ahnet und versteht ihr, was es heißt: „Wir werden bei ihm sein und uns freuen mit unaussprechlicher Freude.“ Ei, was wird er uns in der Heimat geben, wenn er uns in der Fremde schon so Viel geben kann!

Nun sagt, wie lange wollt ihr ihn so als einen Herzensgenossen haben? Etwa heute bloß, wo er so stark angeklopft hat? Wollt ihr ihm morgen, oder übermorgen, oder wenn ihr in eure Lehre getreten seid, sagen: „Herr, das geht nun nicht mehr so, der enge Verkehr zwischen uns kann nicht fortdauern; ich bin wieder eingetreten in die kalte Alltäglichkeit. Ich will wieder in mir leben! Ich will wieder mein eigener Herr sein. Die Sonntage in den Kirchstunden will ich an dich denken; sonst aber muss ich leben und leben lassen und mit der Welt fort?“ Wer von euch so redet, der gehört zu jenen Juden, welche am Palmsonntage die Palmen auf den Weg streuten und das Hosianna riefen, und am Sonntage darauf das Kreuzige!“ schrien. Es ist gar nicht nötig, dass man das „Kreuzige!“ so laut schreie, und man kann doch seinen Herrn im Herzen kreuzigen. Immer soll er bei euch wohnen. Er sagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Und ihr gelobt ihm, dass euch weder Tod noch Leben scheiden soll von Christo Jesu, eurem Herrn. Ein alter Friesenkönig, Adalgisus, war Christ geworden und hatte sich taufen lassen. Ein heidnischer Frankenherzog, Ebroin, schrieb ihm einen Brief, und versprach ihm darin viel Geld und Gut, wenn er von Christo wieder abfallen wollte. Adalgisus aber warf den Brief in Gegenwart seines Hofgesindes ins Feuer und rief: „Wie dies Papier, so müsse der brennen, der den Bund aufhebet oder zerreißet, den er einmal mit einem Freunde geschlossen hat.“ Jesus aber ist und bleibt euer bester Freund. Zerreißt ihr den Bund nicht, und ihr älteren Glieder der Kirche stört diese Kinder auch nicht in ihrem Bunde. Wer bösen Samen sät zwischen Eheleuten, wer Geschwister mit einander entzweit, wer unter Freunde irgendeinen Zankapfel wirft, der wird von euch Allen scheel angesehen. Nun seht, diese Kinder haben sich ihrem Herrn verlobt in der heiligen Taufe, sie wollen heute jenes Taufgelübde erneuern, ihr Herz ist warm geworden für diesen Bund. Und dieser Bund ist enger, denn jeder Freundschaftsbund. Er ist heiliger, denn ein Bruderbund. Kann doch kein Bruder den andern erlösen. Er ist wichtiger, denn der Bund zwischen Kind und Eltern, denn in Christo sind wir wiedergeboren zum ewigen Leben. Wer Vater oder Mutter mehr liebt, denn ihn, der ist sein nicht wert. Er ist heiliger, denn der Ehebund, denn die Schrift stellt ihn zum Vorbilde für den Ehebund: „Der Mann ist des Weibes Haupt, gleich wie Christus ist das Haupt der Gemeinde.“

Was wollen wir nun zu dem sagen, der an solchem Bunde rüttelt, der solch Kind an seinem Glauben irre macht, der ihm die Ehrfurcht vor dem Worte Gottes raubt, der es mit seinem Sündenwandel vom Herrn weglockt? Das, was der Herr vom Judas sagt: „Es wäre demselbigen Menschen besser, dass er nie geboren wäre.“ Indem er ein solches Kind um sein Heil bringen will, hat er sich selbst sicher schon darum gebracht. Doch genug davon. Nur noch ein Wort an euch Kinder. An Versuchung wird es euch in eurem Leben nicht fehlen. Sie wird in allen Gestalten an euch kommen. Es wird auch Zeiten geben, wo ihr das Fleisch die Tür auftun und in ihre Lockungen willigen will. Da wünsche ich euch denn zunächst nur Eins, nämlich dass ihr nicht mit kaltem Blute, mit eisiger Gleichgültigkeit in die Sünde hineingehen könnt. Im Gegenteil mag es euch recht bange sein und das Herz klopfen wie ein Hammer. Dann gebe euch der Herr die Gnade, dass ihr euch besinnt und euch fragt, wer denn eigentlich so klopft. Und dann möge euch unser heutiger Text ins Gedächtnis zurückkommen: „Ich“ euer Herr und Heiland, euer bester Freund „stehe vor der Tür und klopfe an.“ Er steht dann nur noch vor der Tür. Lasst ihn aber nicht draußen. Ruft schnell: „Herr, komm herein, denn ich bin dein.“ Und wie er kommt, muss der Feind fliehen, und die Engel Gottes treten herzu, um euch zu dienen. Herr Herr, lass diese Kinder nicht! Wenn der Versucher mächtig ist, so sei du noch mächtiger. Behalte sie, bis sie einst an deine Tür klopfen und bitten: „Herr, du hast auf Erden bei mir gewohnt, nun gib mir eine Herberge bei dir im Himmel.“ Amen.

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