Ahlfeld, Friedrich - Zeugnisse - Welches ist die wahre Ehrenkrone der Maria?

(Mariä Verkündigung 25. März, Sonntag Judica 1855.)

Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch Allen. Amen.

Unser heutiger Text steht geschrieben

Ev. St. Lucä Kap. 1, V. 46-55:

Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist, und des Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währt immer für und für bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm, und zerstreut die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl, und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern, und lässt die Reichen leer. Er denkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf; wie er geredet hat unsern Vätern, Abraham und seinem Samen ewig.

In Christo Jesu geliebte Gemeinde. Wir gehen heute nicht nach Gethsemane, wo der Heilige Gottes leidet und ringt um unsere Sünde und Schuld. Wir treten mit ihm nicht vor die verschiedenen Richter, von welchen keiner den Ernst hatte, ihm sein Recht wiederfahren zu lassen. Wir stehen auch nicht mit den Jüngern unter dem Kreuze, um unsere Schuld und Christi Tod zu beweinen. Allerdings ruft uns die Passionszeit an jene Stätten. Aber der heutige Tag hat seine eigene, besondere Stimme. Heute ist der 25. März, der Tag, da der Engel der Maria verkündigte, dass sie die Mutter des ewigen, eingeborenen Sohnes Gottes werden sollte, da er zu ihr sprach: Gegrüßt seist du Holdselige, der Herr ist mit dir, du Gebenedeite unter den Weibern. Siehe du wirst schwanger werden im Leibe, und einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen. Er wird groß und ein Sohn des Höchsten genannt werden, und Gott der Herr wird ihm den Stuhl seines Vaters Davids geben; und er wird ein König sein über das Haus Jakobs ewig, und seines Königreichs wird kein Ende sein. Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden.“ Heute über neun Monate ist das liebe Christfest, der Geburtstag des Kindes, welches der Engel heute der Maria verkündigt. Darum bleiben wir auch bei ihr. Doch stehen wir nicht mit ihr vor dem Angesichte des Engels, welcher endlich die Erfüllung der ältesten und seligsten Hoffnung ausspricht. Unser Text führt uns hinauf in das Gebirge Juda, wo Elisabeth, die Freundin der Maria, wohnte, Elisabeth, welche schwanger war im sechsten Monat und den Johannes gebären sollte, den Gott bestimmt hatte, vor dem Herrn her den Weg zu bereiten. Maria musste dorthin, ihre Freude ließ ihr keine Ruhe. Sie musste ihr Herz ausschütten; denn Elisabeth scheint ihre einzige, oder wenigstens ihre innigste Freundin gewesen zu sein. War nun ihre Zusammenkunft auch voll Lobens und Dankens und voll Freude, so kommen wir dabei doch nicht aus den Passionsgedanken heraus. Der Maria ist ja das Kind verkündigt, um deswillen ihr ein Schwert durch die Seele gehen soll. Dieses Schwert ist jetzt schon gefegt und geweht. Der Tag ist vor der Tür, wo die schmerzensreiche Mutter unter dem Kreuze stand, und die Trauer über den Tod des Heiligen Gottes fällt unwillkürlich mit in die Freude hinein. Wir haben aber in dieser Zeit ganz besonders Ursache, mit unserer Andacht bei der Maria zu verweilen, weil ihr Name vielleicht seit Jahrhunderten in keinem Jahre so oft genannt worden ist, wie in dem vergangenen. Vorzüge und Ehren sind ihr von der katholischen Kirche zuerkannt worden, welche sie ganz aus dem Kreise der sündigen Menschen herausheben, welche auch jene Kirche ihr früher nicht zuzusprechen gewagt hat. Alle Zeitungen und alle Blätter, welche irgend über die Vorgänge in der Kirche berichten, haben diese Beschlüsse besprechen müssen. Es ist wohl kaum ein Erwachsener unter uns, der nicht diese Verhandlungen mit mehr oder weniger Teilnahme verfolgt hätte. Daher liegt es so nahe, dass wir uns in rechter Demut miteinander darüber verständigen, was denn Maria sei, und welche Ehre sie in der Kirche Christi verdiene. Dass wir dies aber nicht tun dürfen auf Grund irgendwelcher Fabeln und Sagen, oder der Volksmeinung, oder gewisser herkömmlicher Verehrung, oder einer weichlichen Schwärmerei, welche Fleisch und Blut mit in den Himmel trägt, das weiß ein jeglicher evangelischer Christ. Unser einziger und untrüglicher Wegweiser ist und bleibt die göttliche Offenbarung. Nach derselben betrachten wir heute mit einander die Frage:

Welches ist die wahre Ehrenkrone der Maria?

Wir antworten darauf nach unserem Texte:

1) Der Kranz auf ihrem Haupte ist die Demut, in welcher sie wandelte;
2) Der helle Edelstein darauf ist die Gnade Gottes, der sie zur Mutter seines Sohnes erwählt hat;
3) Die Perlen daneben sind der Glaube und die Treue, mit der sie an diesem Sohne gehangen hat.

Herr unser Gott, wir danken dir, dass du deinen einigen Sohn, empfangen und geboren von einem Weibe, in unser Geschlecht gegeben hast. Wir danken dir, dass du die Maria bereitet und wert geachtet hast, seine Mutter zu sein. Wir bitten dich aber auch, erhalte uns bei dem einigen Mittler. Es ist nur ein Mittler zwischen dir und uns, nämlich der Mensch Jesus Christus. Nur der Eine ist rein gewesen von Sünde. Nur der Eine ist für uns ein Schuldopfer geworden. Nur der Eine ist um unserer Sünde willen dahin gegeben, und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt. Nur der Eine sitzt zu deiner Rechten in der Herrlichkeit und vertritt uns. Erhalte uns bei dem Einen. Binde uns im Glauben immer fester an ihn und bewahre uns vor allen falschen Helfern. Wie Maria selbst alle Ehre auf dich und ihren Sohn, ihren und unsern Heiland, übertrug, so lass uns auch allezeit bekennen: Anbetung, Preis und Dank und Ehre sei dem Vater, und dem Lamme, das erwürgt ward, und dem Heiligen Geiste. Amen.

I. Der Kranz auf Marias Haupte ist die Demut, in welcher sie wandelte.

In dem Herrn geliebte Gemeinde. Im vorigen Jahre ist in Rom unter dem Vorsitz des Papstes eine Versammlung der Bischöfe gehalten und in derselben für die katholische Kirche der Glaubenssatz festgestellt worden, Maria habe nicht allein ein völlig sündloses Leben geführt, sondern sie sei auch durch außerordentliche Leitung der göttlichen Gnade ohne die Flecken der Erbsünde im Mutterleibe empfangen und rein wie unsere ersten Stammeltern in das Leben getreten. Nachdem man diesen Spruch getan, wurde ein großes Fest zu Ehren der Maria gefeiert und ihrem Bilde in der Kirche eine diamantene Krone auf das Haupt gesetzt. -

Aber jener neue Lehrsatz streitet durchaus mit der Schrift. Der Herr selbst sagt: „Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was vom Geist geboren ist, das ist Geist.“ Maria ist wie wir und alle unsere Kinder vom Fleisch geboren. Von jener außerordentlichen Leitung der göttlichen Gnade weiß die Schrift Nichts. Sie kennt nur Einen, von dem sie schreibt, dass er vom Heiligen Geist geboren ist. Sie kennt auch nur Einen, von dem sie zeugt, dass er keine Sünde getan hat, und dass kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. Sie weiß nur von einem Hohenpriester, der da ist heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern abgesondert und höher, denn der Himmel ist. Von allen Andern sagt sie: „Es ist hier kein Unterschied, sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den sie an Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Christum Jesum geschehen ist.“ Da ist auch Maria nicht ausgenommen. Wollte aber Jemand einwenden: „Wie konnte denn das heilige Kind Gottes unter der Hand einer sündigen Mutter aufwachsen?“ so kann man ihm gleich antworten: „Wenn ihr auch die Maria durch eure neue Lehre gereinigt hättet, so hat sie doch wiederum unter der Hand sündiger Eltern aufwachsen müssen. Ihr müsst dann auch das zweite Lehrstück hinzufügen, dass ihre Eltern ohne Sünde empfangen sind und gelebt haben, und so müsst ihr endlich zurückgehen bis auf Adam und Eva und mit euren Beschlüssen die Sünde gänzlich aus der Menschheit wegleugnen.“ Wer einmal über den einzigen, herrlichsten Abschnitt in der Geschichte unseres Geschlechts, über das „empfangen vom Heiligen Geist“ zurückgegangen ist, für den gibt es keine Grenze mehr. Wir aber wollen bleiben in dem teuren Worte Gottes. Da haben wir festen Grund unter den Füßen. Wo uns dieses keine Auskunft gibt, legen wir den Finger auf den Mund und schweigen. Wo es aber so klaren Widerspruch führt, wie in diesem Stücke, da müssen wir mit ihm Widerspruch einlegen. Wir können keine Hand ausstrecken, der Maria jene Ehrenkrone mit auf das Haupt zu setzen. -

Welche Krone erkennt ihr dagegen unsere Kirche zu? Zunächst, in dem Herrn geliebte Gemeinde, die der wahren, herzlichen Demut. Von dieser zeugt die Schrift durch ihr Schweigen und durch ihr Reden. Sie hat uns nicht einmal die Eltern der Maria genannt. Wir wissen von ihr weder Vater noch Mutter. Die Sage, welche um ihr Kindesleben so viele wilde Ranken geschlungen hat, nennt ihren Vater Joachim und ihre Mutter Anna. Wenn sich nun diese Sage in unserem Vaterlande auch noch so sichtlich gestaltet, wenn man auch in Joachimsthal drüben an der böhmischen Grenze und in Annaberg und Marienberg auf unserer Seite die Familie mit den größten Buchstaben, mit Städten, neben einander geschrieben hat, so ist es eben doch nur Sage. Die Schrift weiß Nichts davon. Aus ihr ersehen wir nur, dass Maria aus dem Geschlechte des Königs David entsprossen war. Aus ihr ersehen wir aber auch ferner, wie sie in der Schrift, in den Psalmen und in den Propheten gelebt hat. Da sie anhebt zu danken und zu loben, quillt ihr Mund über von dem Worte Gottes. Ihr ganzer Lobgesang ist eine heilige Perlenschnur aus den Schriften des alten Bundes. Wer wäre wohl unter uns, der so im Worte gelebt hätte, dass ihm in der Freude sein Preis und Dank nur im Worte Gottes aus dem Herzen quölle, und dem sich ungesucht die Preis- und Danksprüche zu einem solchen geordneten Ganzen verbänden? Seht die Herzensdemut, welche sich durch ihre ganze Rede zieht! Schon dem Engel nach der Verkündigung antwortet sie: „Siehe, ich bin des Herrn Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Und wie hebt sie gegen die Elisabeth, gegen ihre Freundin, an? selige Freundschaft, die so zu einander sprechen kann, die sich darin versteht! Das erste Wort lautet: Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.“ Das ist die rechte Art der Demut, dass sie sich selbst vergisst. Wir haben dreierlei Art, die göttliche Gnade aufzunehmen. Die eine, und das ist die gemeinste, nimmt sie hin ohne Preis und Dank. Sie denkt nicht an den, der sie allein geschenkt hat. Sie nimmt sie, als ob sie von ungefähr gekommen oder die Frucht des eigenen Verdienstes sei. Die andere freut sich, und wenn sie dies eine Weile getan und die freundliche Gabe fürs Erste ausgekostet hat, dann denkt sie auch an den Herrn als an den, der die Gnade geschenkt hat. Die dritte Art ist die der Maria. Voran steht der Herr, der Anfänger und Vollender des Heils. Und ob auch die Freude über die Erfüllung der alten Hoffnungen eine erlaubte gewesen wäre, ob sie sich auch für ihre Person dieser Gnade vor allen Andern hätte freuen dürfen, der Dank und Preis muss dennoch voran. Das lasst uns von ihr lernen, teure Brüder und Schwestern. Glaubet ja nicht, dass ihr dabei Etwas verliert. Ihr freut euch nie inniger, denn im Danke gegen euren Gott. Wo sie sodann zur Freude übergeht, da trifft sie in der Demut auch gleich den rechten Punkt der Freude. Sie freut sich nicht der großen Ehre, die ihr vor allen Töchtern Evas widerfahren ist, sie freut sich Gottes ihres Heilandes. Ja, ihres Heilandes. Sie bedarf seiner auch. Sie ist auch eine Sünderin. Sie hat auch auf den Erlöser gehofft. Wir wollen gern bekennen, dass Gott der Herr die lauterste von allen Töchtern Davids, ja von allen Menschenkindern, zur Mutter seines eingeborenen Sohnes erwählt hat. Aber eine Sünderin ist sie dennoch. Sie hat auch das natürliche, unreine Herz. Nun hat sie dieses zwar in treuer Zucht des Gesetzes gehalten; aber dennoch hat es sein Wesen auch bei ihr in Worten und Werken offenbart. Sie hatte auch die Sehnsucht nach dem Heilande. Wir müssen ihr selbst mehr glauben, als allen Beschlüssen von Konzilien und Kirchenversammlungen. Ihr Dank wird umso wärmer, ihre Freude umso größer, wenn sie zurück sieht in sich selbst. Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Was will sie mit diesem Worte sagen? Sie deutet hin auf Davids arm gewordenes Geschlecht, und auf ihre eigene Armut. Joseph, ihr Verlobter, der Nachkomme Davids, war ein armer Zimmermann. Er musste ja später in Bethlehem mit dem Stalle zur Herberge fürlieb nehmen. Und sie war nicht reicher als er. Luther legt diese Worte so aus: „Gott hat auf mich armes, verachtetes, unansehnliches Mägdlein gesehen. Er hätte wohl eine reiche, hohe, edle, mächtige Königin, Fürsten und großer Herren Tochter gefunden. Aber er hat auf mich seine lauteren, gütigen Augen geworfen, und so eine geringe, verschmähte Magd dazu gebraucht, auf dass Niemand vor ihm sich rühme, dass er's würdig gewesen wäre oder sei, und auch ich bekennen muss, dass es lauter Gnade und Güte ist, und gar Nichts mein Verdienst oder Würdigkeit.“ Sie deutet ferner mit ihrer Niedrigkeit auch hin auf ihr Herz, auf ihre Sünde. Von ihrem Heilande schaut sie herab auf ihre Niedrigkeit, auf ihre Sünde und Unwürdigkeit. Gerade die treuesten Kinder Gottes haben die hellsten Augen für ihre Sünde. Die verborgene Sünde des Herzens und die Sünden der Tat, welche die Welt gar nicht rechnet, drücken sie schwerer, als Blutschuld, falsche Eide, Ehebruch und Tränen der beraubten Witwen und Waisen verhärtete Weltkinder drücken. So tritt dir denn Maria entgegen in dreifacher Demut: in Demut, weil sie Gott die Ehre gibt; in Demut, weil sie sich ihres Heils in dem eigenen Kinde freut; in Demut, weil sie der hellleuchtenden Gnade ihre Unwürdigkeit entgegenhält. Das ist der Kranz um ihr Haupt. Und du, der du heute die Verkündigung des Heilandes mitfeierst, seist du Mann oder Weib, greife nach demselben Kranze. Auch unsere Seele muss den Herrn erheben. Wo sollen wir denn anders hin mit dem ersten Worte, wenn die Botschaft an uns kommt, dass Gott seinen eingeborenen Sohn in unser Fleisch gegeben hat? Greife auch gleich nach dem Kerne dieser Botschaft, wenn du dich freuen willst. Freue dich Gottes, deines, ja deines Heilandes. Und dann siehe von diesem Gnadenlichte herab in die dunkle Kammer, in die arme durch die Sünde verderbte Welt und in dein eigenes Herz. Auch in dir wollte der Herr empfangen und geboren werden. Und was sind wir, dass Gott solche Barmherzigkeit übt? Was ist der Mensch, dass er seiner gedenkt, und des Menschen Kind, dass er sich seiner annimmt? Endlich greife du wie Maria auch heute gleich nach der letzten Krone, nach der Seligkeit. Sie spricht: „Von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.“ Sie ist nicht selig durch diese Geburt; aber ein solch demütiges Herz, das Gott zu diesem heiligen Amt ersieht, wird auch an den Herrn glauben. Wem das Heil so nahe gebracht ist wie ihr, der kann dasselbe nicht versäumen. Um dieser ihrer Demut willen hat ihr Gott die größte Gnade und Ehre geschenkt.

II. Der helle Edelstein auf jenem Kranze ist die Gnade Gottes, der sie zur Mutter seines eingeborenen Sohnes erwählt hat.

Maria singt und rühmt: „Der Herr hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist, und des Name heilig ist.“

Teure Gemeinde, es gibt unter allen Taten Gottes keine größere, denn diese, dass er sich herablässt und gibt seinen eingeborenen Sohn in unser Fleisch. Welten ruhen viele in seiner Allmacht und Weisheit; aber nur ein Sohn ruht an seinem Herzen. In keiner andern Gottestat ist so sein ganzes Wesen ausgeprägt, wie in dieser. Ja, es ist wahr, Gott ist die Liebe. Wer es nicht glauben will, muss es an dem heutigen Tage glauben lernen. Groß ist es, dass Gott uns arme Sünder, die wir tausendfach seine Ungnade und Strafe verdient haben, noch trägt. Größer ist es, dass er sich immerfort in Liebe noch um uns kümmert, dass er auch die verlorenen Kinder noch in seinem Herzen trägt. Und das Größte ist es, dass sein ewiger Sohn in unser Geschlecht eintritt, dass ihn sein Vater herniedersendet, um uns an ihm und durch ihn zu sich hinauf zu ziehen.

O große Gnad' und Gütigkeit!
O große Lieb' und Mildigkeit!
Gott tut ein Ding, das ihm kein Mann
Und auch kein Engel verdanken kann.

Verdanken kann es ihm Keiner, aber danken müssen ihm alle Menschen dafür. Der da mächtig ist, entäußert sich selbst und nimmt Knechtsgestalt an und wird wie ein anderer Mensch, und an Gebärden als ein Mensch erfunden. Er geht die ganze Geschichte menschlicher Hilflosigkeit und Schwachheit mit hindurch. Er, des Name heilig ist, wird uns in Allem gleich, außer in der Sünde. Maria ist wert geachtet, ihn unter dem Herzen zu tragen und seine Mutter zu werden. Das ist ihre größte Ehre. Darum heißt sie die Gebenedeite unter den Weibern. Darum werden sie selig preisen alle Kindeskinder. Nie wird es in der Kirche dahin kommen, dass ihr Name verbleiche oder vergessen werde. So lange noch ein Weihnachtsfest gefeiert wird, wird man ihrer mit Loben und Danken gegen Gott gedenken. Sie singt in ihrem Liede: „Gott übt Gewalt mit seinem Arm, und zerstreut die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen.“ Wo sind die stolzen Priester geblieben, die damals auf Aarons Stuhl saßen? Verdorben, gestorben und vergessen sind sie samt ihren Söhnen und Töchtern. Nur etliche Namen klingen noch als ein Abscheu und Fluch durch die Kirche. Aber der armen Magd wird gedacht werden, so lange noch eine Seele in Christo Jesu selig werden will. Ja in Ewigkeit wird sie nicht vergessen werden. Wo sind die Nachkommen des Herodes hin, der damals auf Davids Stuhl saß? Verstoßen sind sie durch den gewaltigen Arm Gottes. Verdorben, in Elend und Verbannung gestorben sind sie. Aber die Barmherzigkeit Gottes währt immer für und für bei denen, die ihn fürchten. Marias Name ist im Himmel angeschrieben. Er lebt in der Kirche. Und wie auch die Namen, so man seinen Kindern gibt, im Laufe der Zeiten wechseln, der Name Maria wird nie alt, weil es nie an Christen fehlen wird, die mit innigem Danke auf die Mutter des Herrn zurückblicken; die da wünschen, dass der Herr auch in ihren Kindern zum wahrhaftigen Leben geboren werde, und die ihnen den Glauben und heiligen Wandel der Maria schon im Namen zum Vorbilde hinstellen möchten. Doch wollen wir nimmer vergessen, was uns die Maria ist. Die katholische Kirche hat für sie gar prunkvolle Namen. Sie ist ihr vorzüglich die Heilige Jungfrau, sie heißt die Königin des Himmels, die Königin aller Engel, die Königin aller Heiligen, die Pforte des Himmels, die Zuflucht der Sünder. In unserer Kirche ist seit Jahrhunderten ein Name zur Herrschaft gelangt: die Mutter Maria. Es ist wahr, so viel Prunk lässt sich mit diesem Namen nicht treiben, so viel fleischliche Phantasie und Poesie lässt sich an ihn nicht anheften. Aber dennoch umschließt er das größte Ehrenamt der Maria, das nämlich, dass sie uns unsern Heiland geboren hat. Wir kennen sie nicht als eine mächtige Fürsprecherin im Himmel; wir wissen aber, dass sie uns den geboren hat, welcher der einzige Mittler ist zwischen uns und Gott, welcher bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende, welcher alle unsere Not kennt, welcher immerfort uns vertritt bei dem Vater, und welcher spricht: „Ich weiß, dass du mich allezeit hörest.“ Darum ist sie uns wert und teuer. Das ist der helle Edelstein in ihrer Krone. Neben diesem stehen

III. Als die Perlen der Glaube und die Treue, mit der sie an diesem Sohne gehangen hat.

Als das Kind geboren war, beugten die Hirten, die Weisen aus dem Morgenlande, Simeon und Hanna und manche Andere, deren Namen wir nicht wissen, vor ihm ihre Knie. Aber bald ist dieser erste Glaube verblichen und erloschen. Joseph muss mit dem Kinde nach Ägypten fliehen. Den Gläubigen in Bethlehem mag ihr Glaube in dem Blut ihrer Kinder und in den eigenen Tränen ertränkt sein. Als Joseph und Maria aus Ägypten zurückkehrten, zogen sie hinauf nach Galiläa, nach Nazareth, wo man von den Wundern Gottes bei der Geburt des Herrn Nichts wusste. Da ist es denn stille um das Kind. Weil wir von Joseph gar Nichts wissen, scheint uns in dieser Zeit Maria die einzige Gläubige gewesen zu sein. Sie hatte alle jene Worte behalten und bewegte sie in ihrem Herzen. Sie sah in dem Kinde ihr und der ganzen Welt Heil. Obgleich als Mutter seine Herrin, sah sie es doch an als einen heiligen Schatz, den ihr Gott vertraut hatte, hoffte sie doch auf das Kind als ihren Heiland. Sie hat diese Rose ohne Dornen, dieses Reis, welches aufgeschossen war aus dürrem Erdreich, als treue Mutter behütet. Sie hat mit dem Kinde gebetet, sie ist samt Joseph mit ihm hinaufgezogen nach Jerusalem zum Osterfeste. Sie hatten es, da es im Tempel zurückgeblieben war, gesucht als ihren teuersten Schatz. Ob wir nun auch aus den ersten 30 Jahren des Lebens Christi Nichts wissen, als jene eine Reise nach Jerusalem; obgleich uns von Worten und Taten des Herrn aus dieser Zeit Nichts aufbehalten ist, so ist doch so Viel gewiss, dass der Glaube der Maria während dieser Zeit nicht erstorben war. Auf der Hochzeit zu Cana spricht sie zu Christo: „Sie haben nicht Wein!“ Sie will ihn offenbar erinnern, dass er dem Mangel durch ein Wunder abhelfen soll. In derselben Absicht spricht sie auch zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut.“ Sie sollten ihm mit ihrem Dienst zu solcher wunderbaren Hilfe die Hand bieten. Da seht ihr ihren Glauben schon vor dem ersten Zeichen, das er tat. Wohl klagt uns Johannes, dass auch seine Brüder, seine nahen Verwandten, nicht an ihn glaubten; aber in der Maria ist nie ein Zweifel emporgekommen. Ihr ganzes Leben ruht auf dem Worte: „Mein Herz freut sich Gottes meines Heilandes.“ Wohl ist in diese Freude auch mancher unreine Ton gekommen. Wohl ist die Herzensstellung der Maria zu Christo nicht immer eine ganz richtige gewesen. Er hätte ihr sonst auf der Hochzeit zu Cana nicht sagen können: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?“ Ein anderes Mal sagte man ihm: „Siehe, deine Mutter und deine Brüder draußen fragen nach dir.“ Und er antwortete und sprach: „Wer ist meine Mutter und meine Brüder?“

Und er sah rings um sich auf die Jünger, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: „Siehe, das ist meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester, und meine Mutter.“ Seine Mutter und seine Brüder hatten Sorge um ihn, er möchte im heiligen Eifer zu weit gehen. Sie wollten ihn von seiner Arbeit abrufen. Sie verstanden ihn nicht. Auch Maria hatte sich sein Wirken als Erlöser anders gedacht. Aber den Glauben hat sie darum doch nicht verleugnet. Wenn wir dies nirgends erkennen würden, dann würde es uns unter dem Kreuze klar. Da sehen wir die Jüngerin Christi in ihrer ganzen Glaubensstärke. Als was ist Maria hinausgegangen nach Golgatha? Als Mutter? Was wollte sie als solche draußen? Etwa sich das Schwert recht an Ort und Stelle durch die Seele gehen lassen? Wie selten geht eine Mutter mit zum Grabe ihres Kindes. Sie kann es nicht tragen, dass der letzte Überrest ihres Kindes in die kalte Gruft gesenkt werde. Und Maria sollte mitgegangen sein zum Kreuze, um diesen zehnfachen Tod ihres Sohnes zu sehen? Sie ist hingegangen im Glauben. Welche Gestalt ihr Glaube und ihre Hoffnung dort hatte, das wissen wir nicht; aber ihr Heiland war ihr auch Jesus am Kreuze noch. Er ist es auch wieder nach der Auferstehung. Wo im ersten Kapitel der Apostelgeschichte erzählt wird, dass die kleine Schar der Jünger einmütig bei einander war mit Beten und Flehen, da ist auch die Mutter des Herrn samt seinen Brüdern unter ihnen. Hat vorher in ihr die Mutter zuweilen mit der Jüngerin gerungen und gesiegt, so ist sie nun ganz Jüngerin geworden. Sie ist es geblieben bis in ihren Tod. Dieser Tod aber ist noch einmal ein Zeugnis, dass die neue katholische Lehre von der Sündlosigkeit der Maria mit der Schrift streitet. Sie ist gestorben. Die Schrift und die alten Kirchenlehrer wissen noch Nichts von ihrer Himmelfahrt. Das ist ein späteres Märlein. Nun ist der Tod der Sünden Sold. Warum hätte sie aber sterben müssen, so sie von aller Sünde rein gewesen wäre? Sie ist gestorben, weil auch sie eine Sünderin war; sie ist aber fröhlich und selig gestorben, weil sie ein gläubiges Kind Gottes in Christo Jesu, ihrem Sohne und ihrem Herrn, geworden war. Was ist uns nun Maria? Zuerst die Mutter unseres Herrn, und sodann die erste gläubige Christin. Wir ehren sie, aber wir verehren sie nicht. Wir freuen uns, wenn die christliche Kunst über ihr sinnet und ihr in ihren Bildern die edelste Menschengestalt gibt, bedrückt mit dem Siegel. der Gnade; aber wir knien nicht vor diesen Bildern. Wir beten die Maria nicht an; aber wir danken Gott für sie. Wir machen sie zu keiner Mittlerin, zu keiner Fürsprecherin; wir danken aber Gott, dass er uns durch sie den einigen Mittler geschenkt hat, dass der in ihr Fleisch und Blut angenommen hat und unser Bruder geworden ist, vor dem sich beugen sollen alle Knie im Himmel und auf Erden und unter der Erde. Dankt ihr besonders, ihr Frauen, eurem Gotte für sie. Weil der Herr von einem Weibe geboren worden ist, ist das Weib in der christlichen Kirche errettet worden aus der Schmach und Erniedrigung, unter welcher es im Heidentum und zum Teil auch im alten Bunde seufzte. Lasst uns aber auch den Herrn bitten, dass er uns die Glaubenstreue, den Heldenmut und die Opferkraft seiner Mutter schenke. Er kann es, er hat sie manchem Weibe geschenkt. Im zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt wurde Symphorian, ein frommer Jüngling aus hoher Familie in einer südfranzösischen Stadt zum Tode verurteilt, weil er der Cybele, der sogenannten Mutter der Götter, nicht hatte opfern wollen. Als er zur Stadt hinaus nach dem Richtplatz geführt wurde, stand seine Mutter auf der Mauer. Sie hatte an der Stätte auf ihn gewartet. Von der Mauer herab rief sie ihm zu: „Mein Sohn, mein Sohn Symphorian, denke an den lebendigen Gott und sei gutes Muts. Erhebe dein Herz zum Himmel und denke an den, welcher dort regiert. Fürchte nicht den Tod, der zum gewissen Leben führt.“ Auch eine Maria unter dem Kreuze! Herr Herr, kröne uns, die wir auch deine Jünger und Jüngerinnen sind, mit ihrer Krone. Schenke uns Demut. In die Demut gib dich, und aus dir gib uns die Treue, die lieber das Leben lässt, denn dich. Amen.

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