Römerbrief
Kapitel 1
1:1 Paulus, ein Knecht JEsu Christi, berufen zum Apostel, ausgesondert, zu predigen das Evangelium GOttes,
1:2 welches er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der Heiligen Schrift,
1:3 von seinem Sohn, der geboren ist von dem Samen Davids nach dem Fleisch
1:4 und kräftiglich erweiset ein Sohn GOttes nach dem Geist, der da heiliget, seit der Zeit er auferstanden ist von den Toten, nämlich JEsus Christus, unser HErr
1:5 (durch welchen wir haben empfangen Gnade und Apostelamt, unter allen Heiden den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter seinem Namen,
1:6 welcher ihr zum Teil auch seid, die da berufen sind von JEsu Christo):
1:7 Allen, die zu Rom sind, den Liebsten GOttes und berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von GOtt, unserm Vater, und dem HErrn JEsus Christus!
1:8 Aufs erste danke ich meinem GOtt durch JEsum Christum euer aller halben, daß man von eurem Glauben in aller Welt saget.
1:9 Denn GOtt ist mein Zeuge, welchem ich diene in meinem Geist am Evangelium von seinem Sohn, daß ich ohne Unterlaß euer gedenke
1:10 und allezeit in meinem Gebet flehe, ob sich's einmal zutragen wollte, daß ich zu euch käme durch GOttes Willen.
1:11 Denn mich verlanget, euch zu sehen, auf daß ich euch mitteile etwas geistlicher Gabe, euch zu stärken,
1:12 das ist, daß ich samt euch getröstet würde durch euren und meinen Glauben, den wir untereinander haben.
1:13 Ich will euch aber nicht verhalten, liebe Brüder, daß ich mir oft habe vorgesetzt, zu euch zu kommen (bin aber verhindert bisher), daß ich auch unter euch Frucht schaffete gleichwie unter andern Heiden.
1:14 Ich bin ein Schuldner beide, der Griechen und der Ungriechen, beide, der Weisen und der Unweisen.
1:15 Darum, soviel an mir ist bin ich geneigt, auch euch zu Rom das Evangelium zu predigen.
1:16 Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht; denn es ist eine Kraft GOttes, die da selig machet alle, die daran glauben, die Juden vornehmlich und auch die Griechen,
1:17 sintemal darinnen offenbaret wird die Gerechtigkeit, die vor GOtt gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie denn geschrieben stehet: Der Gerechte wird seines Glaubens leben.
1:18 Denn GOttes Zorn vom Himmel wird offenbart über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten.
1:19 Denn daß man weiß, daß GOtt sei, ist ihnen offenbar; denn GOtt hat es ihnen offenbart
1:20 damit, daß GOttes unsichtbares Wesen, das ist, seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so man des wahrnimmt an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt, also daß sie keine Entschuldigung haben,
1:21 dieweil sie wußten, daß ein GOtt ist, und haben ihn nicht gepreiset als einen GOtt noch gedanket, sondern sind in ihrem Dichten eitel worden, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert.
1:22 Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren worden
1:23 und haben verwandelt die Herrlichkeit des unvergänglichen GOttes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere.
1:24 Darum hat sie auch GOtt dahingegeben in ihrer Herzen Gelüste, in Unreinigkeit, zu schänden ihre eigenen Leiber an sich selbst.
1:25 Die GOttes Wahrheit haben verwandelt in die Lüge und haben geehret und gedienet dem Geschöpfe mehr denn dem Schöpfer, der da gelobet ist in Ewigkeit. Amen.
1:26 Darum hat sie GOtt auch dahingegeben in schändliche Lüste. Denn ihre Weiber haben verwandelt den natürlichen Brauch in den unnatürlichen.
1:27 Desselbigengleichen auch die Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sind aneinander erhitzet in ihren Lüsten, und haben Mann mit Mann Schande gewirket und den Lohn ihres Irrtums (wie es denn sein sollte) an sich selbst empfangen.
1:28 Und gleichwie sie nicht geachtet haben, daß sie GOtt erkenneten, hat sie GOtt auch dahingegeben in verkehrten Sinn, zu tun, was nicht taugt,
1:29 voll alles Ungerechten, Hurerei, Schalkheit, Geizes, Bosheit, voll Hasses, Mordes, Haders, List, giftig, Ohrenbläser,
1:30 Verleumder, Gottesverächter, Frevler, hoffärtig, ruhmredig, Schädliche, den Eltern ungehorsam,
1:31 Unvernünftige, Treulose, störrig, unversöhnlich, unbarmherzig
1:32 die GOttes Gerechtigkeit Wissen (daß, die solches tun, des Todes würdig sind), tun sie es nicht allein, sondern haben auch Gefallen an denen, die es tun.
Herr, mein Gott, wie bist Du so groß und wunderbar! Kein Verstand kann Dich verstehen. Keine Vernunft kann Dich vernehmen. Kein Begriff kann Dich begreifen. Kein Gedanke kann Dich durchdenken. Ewiger, Unendlicher, Allgenugsamer, Du bist dem Gemächte aus Staub, Du bist dem Geschöpfe von gestern zu wunderbar und zu hoch! Du Seliger, Du Gewaltiger, Du König aller Könige, Namen nennen Dich nicht, und Lieder singen Dich nicht! Licht ist das Kleid, das Du anhast. Der Himmel ist Dein Thron, die Erde ist Dein Schemel, die Wolken sind Dein Wagen, der Donner ist Deine Stimme, der Blitz ist Deine flammende Rechte, jeder Stern ist ein Auge Deiner Allwissenheit. Herr, mein Gott, wie bist Du so groß und wunderbar! Wie redest Du aus der Schöpfung und Natur zu uns, also daß wir keine Entschuldigung haben! Und doch haben die Heiden Dich nicht erkannt, noch Dich als ihren Gott gepriesen und gedankt, und Du hast sie dahingeben müssen aus gerechtem Gerichte in ihrer Herzen schändliche Gelüste. Habe Dank, daß Du mir mehr gegeben hast als den armen Heiden, daß ich die Klarheit Deines Evangelii besitze, um Dich nicht nur als meinen Gott und Schöpfer, sondern auch als meinen Vater in Christo zu erkennen und zu lieben, und durch den Glauben an Deinen Sohn gerecht und selig zu werden. Ich bezeuge, daß ich in diesem Glauben leben und sterben will, und von ganzem Herzen umfasse ich die Gnade, welche Christus mir bereitet hat, damit alle meine Sünden in dem Verdienste seines Todes und Leidens begraben werden. Möge sie immer reicher mir zu Theil werden! Möge ich durch sie einst bestehen vor dem Richterstuhl und Christi Bild dann an mir tragen! Möge Erde und Himmel es sehen, wie abgewaschen, wie geheiligt, wie gereinigt, wie selig ich geworden bin im Blute Jesu Christi! Amen. (Friedrich Arndt)
Kapitel 2
2:1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du bist, der da richtet; denn worinnen du einen andern richtest, verdammst du dich selbst, sintemal du eben dasselbige tust, was du richtest.
2:2 Denn wir wissen, daß GOttes Urteil ist recht über die, so solches tun.
2:3 Denkest du aber, o Mensch, der du richtest die, so solches tun, und tust auch dasselbige, daß du dem Urteil GOttes entrinnen werdest?
2:4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmütigkeit? Weißt du nicht, daß dich GOttes Güte zur Buße leitet?
2:5 Du aber nach deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufest dir selbst den Zorn auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes GOttes
2:6 welcher geben wird einem jeglichen nach seinen Werken,
2:7 nämlich Preis und Ehre und, unvergängliches Wesen denen, die mit Geduld in guten Werken trachten nach dem ewigen Leben,
2:8 aber denen, die da zänkisch sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber dem Ungerechten, Ungnade und Zorn;
2:9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die da Böses tun, vornehmlich der Juden und auch der Griechen;
2:10 Preis aber und Ehre und Friede allen denen, die da Gutes tun, vornehmlich den Juden und auch den Griechen.
2:11 Denn es ist kein Ansehen der Person vor GOtt.
In dieser Stelle ist von Juden die Rede, die sich viel darauf einbildeten, Juden zu seyn, das Wort zu haben, im Bunde zu stehen etc., die aber, wenn man sie genauer besah, das Nämliche taten, was auch die Anderen, d. h. die Heiden. Sie lehrten wohl und predigten, das und das sollte man nicht tun, und taten's doch selbst, wie Paulus dort sagt. Wenn nun der Richter aller Welt die Leute einmal vorfordert, so kann Gott nicht, will Paulus andeuten, sagen, wenn so ein Jude kommt: „Ach, du bist ein Jude; nun wohl, gehe ein zu deines HErrn Freude.“ So kann's denn auch bei uns Christen einst nicht heißen: „Ach so, du gehörst zu denen! Schon recht, komm nur.“ Nein, wahrlich nicht, es ist kein Ansehen der Person vor Gott. Man darf sich nicht brüsten mit dem, was man glaubt und zeugt und bekennt und äußerlich scheint. Mit dem wird man nicht fertig, wenn nicht das Geglaubte und Bezeugte und Bekannte mit der Tat bewiesen worden ist, so daß man nicht mehr den Titel eines Übeltäters verdient. Wer aber das Wort „Übeltäter“ noch auf seiner Stirne trägt, bekommt das Urteil zu hören: „Weichet von Mir, ihr Übeltäter!“ (Matth. 7,23), - wenn er auch ein beständiger Herrherrsager gewesen ist und zu den gepriesensten Christen gehört hat. Keiner darf auf das bauen, daß er zu denen oder denen gehört, Keiner auch nicht im Mindesten. Alles kommt darauf an, was du bist. Denn der gerechte Gott läßt Sich keine Veranlassung zu Klagen, als wäre Er parteiisch, zu Schulden kommen auf Seiten derer, die gerichtet werden. Nein, das kann nicht seyn!
Wollen wir doch das auch besser in's Auge fassen, wenn wir in Nöten beten. Warum wird oft unsre Bitte nicht erhört, und erscheint der Himmel wie eisern, daß auch ein väterlich Ratender und mithelfender Freund die Bitte nicht fertig bringen kann, sondern ratlos bleibt? Das übeltäterische Wesen, fein und grob, verborgen und offenbar, ist noch zu sehr an der Tagesordnung. Der HErr helfe uns durch Seinen Geist, vom pharisäischen und sündlichen Wesen abzukommen, und rein und lauter durch Seine Gnade vor Seinem Angesicht zu. stehen! Denn ernst geht's am großen Gerichtstage zu. (Christoph Blumhardt)
2:12 Welche ohne Gesetz gesündigt haben, die werden auch ohne Gesetz verloren werden; und welche am Gesetz gesündiget haben, die werden durchs Gesetz verurteilt werden,
2:13 sintemal vor GOtt nicht, die das Gesetz hören, gerecht sind, sondern die das Gesetz tun, werden gerecht sein.
2:14 Denn so die Heiden, die das Gesetz nicht haben und doch von Natur tun des Gesetzes Werk, dieselbigen, dieweil sie das Gesetz nicht haben, sind sie sich selbst ein Gesetz
2:15 damit, daß sie beweisen, des Gesetzes Werk sei beschrieben in ihrem Herzen, sintemal ihr Gewissen sie bezeuget, dazu auch die Gedanken, die sich untereinander verklagen oder entschuldigen,
2:16 auf den Tag, da GOtt das Verborgene der Menschen durch JEsum Christum richten wird laut meines Evangeliums.
2:17 Siehe aber zu, du heißest ein Jude und verlässest dich aufs Gesetz und rühmest dich GOttes
2:18 und weißt seinen Willen, und weil du aus dem Gesetz unterrichtet bist, prüfest du, was das Beste zu tun sei,
2:19 und vermissest dich, zu sein ein Leiter der Blinden ein Licht derer, die in Finsternis sind,
2:20 ein Züchtiger der Törichten, ein Lehrer der Einfältigen, hast die Form, was zu wissen und recht ist im Gesetz.
2:21 Nun lehrest du andere und lehrest dich selber nicht. Du predigest, man solle nicht stehlen, und du stiehlst.
2:22 Du sprichst, man solle nicht ehebrechen, und du brichst die Ehe. Dir greuelt vor den Götzen und raubest GOtt, was sein ist.
2:23 Du rühmest dich des Gesetzes und schändest GOtt durch Übertretung des Gesetzes.
2:24 Denn eurethalben wird GOttes Name gelästert unter den Heiden, als geschrieben stehet.
2:25 Die Beschneidung ist wohl nütz wenn du das Gesetz hältst; hältst du aber das Gesetz nicht, so ist deine Beschneidung schon eine Vorhaut worden.
2:26 So nun die Vorhaut das Recht im Gesetz hält, meinest du nicht, daß seine Vorhaut werde für eine Beschneidung gerechnet?
2:27 Und wird also, was von Natur eine Vorhaut ist und das Gesetz vollbringet, dich richten, der du unter dem Buchstaben und Beschneidung bist und das Gesetz übertrittst.
2:28 Denn das ist nicht ein Jude, der auswendig ein Jude ist, auch ist das nicht eine Beschneidung, die auswendig im Fleisch geschieht,
2:29 sondern das ist ein Jude, der inwendig verborgen ist, und die Beschneidung des Herzens ist eine Beschneidung, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht, welches Lob ist nicht aus Menschen, sondern aus GOtt
In dem verlesenen Kapitel zählt Paulus die Vorzüge auf, welche die Juden vor den Heiden haben konnten und sich wirklich beilegten. Weil die Juden das Gesetz und im Gesetz den ausdrücklichen Willen Gottes hatten, dieses aber den Heiden fehlte, so sahen sie die Heiden als Blinde, als die in Finsterniß wandeln, die sie wie ein Licht leiten und führen, als Einfältige und Unmündige, die sie züchtigen, d.i. in Zucht nehmen und belehren konnten; und das darum, weil sie die Norm hatten, was zu wissen und recht ist im Gesetz, weil ihnen im Gesetz die Vorschrift dessen gegeben war, was man wissen und thun solle. Nachdem er diese Vorzüge aufgezählt, zeigt er ihre desto größere Schuld, indem er sie hinführt zu sehen, wie gegen so große Begünstigung in der Erkenntniß von Seiten Gottes ihr Leben so auffallend und furchtbar absteche und ihren Ruhm Lügen strafe und zu Schanden mache; denn der Knecht, der seines Herrn Willen weiß, und thut ihn nicht, wird doppelt Streiche leiden müssen. Zuletzt sagt er, wer allein ein wahrer Israelit sei und wer nicht. – Dasselbe gilt auch von den Christen noch immer. Nicht das ist ein Christ, der äußerlich ein Christ ist und den Namen eines solchen hat; und nicht das ist ein Christ, der inwendig verborgen ist, und sein Leben ist ein in Gott verborgenes Leben, dessen Lob ist nicht aus Menschen, sondern aus Gott. Herr, mache mich zu einem solchen wahren und lebendigen Christen, damit ich nicht ein todtes Glied an Deinem Leibe bin, und den Namen nur habe, daß ich lebe, aber todt bin! Sende mir alle Tage von neuem Deinen heiligen Geist, daß er mich immer mehr erneure nach Deinem Bilde und die Ueberschrift meines Lebens keine andere sei, als die: Christus lebt in mir! Amen. (Friedrich Arndt)
Kapitel 3
3:1 Was haben denn die Juden Vorteils, oder was nützt die Beschneidung?
3:2 Zwar fast viel. Zum ersten, ihnen ist vertrauet, was GOtt geredet hat.
3:3 Daß aber etliche nicht glauben an dasselbige, was liegt daran? Sollte ihr Unglaube GOttes Glauben aufheben?
3:4 Das sei ferne! Es bleibe vielmehr also, daß GOtt sei wahrhaftig und alle Menschen falsch; wie geschrieben steht: Auf daß du gerecht seiest in deinen Worten und überwindest, wenn du gerichtet wirst.
3:5 Ist's aber also, daß unsere Ungerechtigkeit GOttes Gerechtigkeit preiset, was wollen wir sagen? Ist denn GOtt auch ungerecht, daß er darüber zürnet? (Ich rede also auf Menschenweise.)
3:6 Das sei ferne! Wie könnte sonst GOtt die Welt richten?
3:7 Denn so die Wahrheit GOttes durch meine Lüge herrlicher wird zu seinem Preis, warum sollte ich denn noch als ein Sünder gerichtet werden
3:8 und nicht vielmehr also tun, wie wir gelästert werden, und wie etliche sprechen, daß wir sagen sollen: Lasset uns Übel tun, auf daß Gutes daraus komme? Welcher Verdammnis ist ganz recht.
3:9 Was sagen wir denn nun? Haben wir einen Vorteil? Gar keinen. Denn wir haben droben bewiesen daß beide, Juden und Griechen, alle unter der Sünde sind,
3:10 wie denn geschrieben stehet: Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer;
3:11 da ist nicht, der verständig sei; da ist nicht, der nach GOtt frage.
3:12 Sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig worden; da ist nicht, der Gutes tue, auch nicht einer.
3:13 Ihr Schlund ist ein offen Grab; mit ihren Zungen handeln sie trüglich; Otterngift ist unter ihren Lippen;
3:14 ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit;
3:15 ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen;
3:16 in ihren Wegen ist eitel Unfall und Herzeleid
3:17 und den Weg des Friedens wissen sie nicht.
3:18 Es ist keine Furcht GOttes vor ihren Augen.
3:19 Wir wissen aber, daß, was das Gesetz, sagt, das sagt es denen, die unter dem Gesetz sind, auf daß aller Mund verstopfet werde, und alle Welt GOtt schuldig sei
3:20 darum, daß kein Fleisch durch des Gesetzes Werke vor ihm gerecht sein mag; denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.
3:21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor GOtt gilt, offenbaret und bezeuget durch das Gesetz und die Propheten.
3:22 Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor GOtt, die da kommt durch den Glauben an JEsum Christum zu allen und auf alle, die da glauben.
3:23 Denn es ist hier kein Unterschied; sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den sie an GOtt haben sollten,
3:24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Christum JEsum geschehen ist,
3:25 welchen GOtt hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut,damit er die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, darbiete, in dem, daß er Sünde vergibt, welche bis anher geblieben war unter göttlicher Geduld,
3:26 auf daß er zu diesen Zeiten darböte die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, auf daß er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist des Glaubens an JEsum.
3:27 Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist aus. Durch welches Gesetz? durch der Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz.
3:28 So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
3:29 Oder ist GOtt allein der Juden GOtt? Ist er nicht auch der Heiden GOtt? Ja freilich, auch der Heiden GOtt.
3:30 Sintemal es ist ein einiger GOtt, der da gerecht macht die Beschneidung aus dem Glauben und die Vorhaut durch den Glauben.
3:31 Wie? heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! sondern wir richten das Gesetz auf.
In diesem Kapitel wirft Paulus zuerst, wie Luther sagt, beide, Heiden und Juden in einen Haufen, und spricht, einer sei wie der andere, allzumal Sünder vor Gott, und somit ohne Gerechtigkeit. Dann zeigt er die wahre Gerechtigkeit, den rechten Weg zur Seligkeit, nämlich in Christo Jesu, ohne und außer welchem niemand gerecht noch selig werden kann. „So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde, ohne des Gesetzes Werk, allein durch den Glauben.“ Das Wörtchen allein ist von großer Bedeutung. So viel ich von demselben wegnehme, so viel nehme ich auch ab von Christo und seinem Verdienst, und mache ihn blos zu einem wünschenswerthen Aushelfer da, wo ich nicht gar selbst fort zu können meine; so viel nehme ich denn aber auch von der Gewißheit meiner Seligkeit hinweg. – Aber wie kann der Glaube so große Dinge thun? Die Kraft des Glaubens liegt nicht in dem, daß, sondern in dem, was ich glaube, in Christo und seinem Werke. Sodann darin, daß es unmöglich ist, solchen einzigen Erlöser von Sünden anders denn mit dem Glauben zu fassen und zu erlangen. endlich, wie bei der Heilung der Israeliten in der Wüste vom Biß der Schlangen durch das Hinsehen auf die eherne Schlange, darin, daß Gott sprach, es sollte heil sein, wer die Schlange anblickt. Ohne diese Verheißung und Zusage Gottes hätten die Israeliten tausend eherne Schlangen aufrichten können und Jahre lang hinschauen, sie würden nie gesund geworden sein. Wer der Verheißung Gottes trauend, gläubig auf Jesum schaut und Ihn als seinen Heiland annimmt, wird heil und selig von seinen Sünden; wer dagegen nicht glaubt, wird nicht geheilt, und wenn er verloren geht, so stirbt er nicht sowohl an der Wunde, an seinen Sünden, sondern allein seines Unglaubens wegen. Darum ist’s der Glaube allein, der gerecht macht. Herr, gieb und erhalte mir allezeit diesen rechtfertigenden Glauben an Dein Verdienst. Du bist ja mein Gnadenstuhl, am Stamme des Kreuzes mir vorgestellt in Deinem Blute. Als einen solchen ergreife ich Dich in aller meiner Noth, wünsche ich Dich mir auf mein Sterbebette und habe ich Dich am allernöthigsten in der Ewigkeit. Amen. (Friedrich Arndt)
Kapitel 4
4:1 Was sagen wir denn von unserm Vater Abraham, daß er gefunden habe nach dem Fleisch?
4:2 Das sagen wir: Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor GOtt.
4:3 Was sagt denn die Schrift? Abraham hat GOtt geglaubet, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.
4:4 Dem aber, der mit Werken umgehet, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht.
4:5 Dem aber, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.
4:6 Nach welcher Weise auch David sagt, daß die Seligkeit sei allein des Menschen, welchem GOtt zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke, da er spricht:
4:7 Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind, und welchen ihre Sünden bedecket sind.
4:8 Selig ist der Mann, welchem GOtt keine Sünde zurechnet.
4:9 Nun, diese Seligkeit, gehet sie über die Beschneidung oder über die Vorhaut? Wir müssen je sagen, daß Abraham sei sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet.
4:10 Wie ist er ihm denn zugerechnet, in der Beschneidung oder in der Vorhaut? Ohne Zweifel nicht in der Beschneidung, sondern in der Vorhaut.
4:11 Das Zeichen aber der Beschneidung empfing er zum Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, welchen er noch in der Vorhaut hatte, auf daß er würde ein Vater aller, die da glauben in der Vorhaut, daß denselbigen solches auch gerechnet werde zur Gerechtigkeit
4:12 und würde auch ein Vater der Beschneidung, nicht allein derer, die von der Beschneidung sind, sondern auch derer, die wandeln in den Fußtapfen des Glaubens, welcher war in der Vorhaut unsers Vaters Abraham.
4:13 Denn die Verheißung, daß er sollte sein der Welt Erbe, ist nicht geschehen Abraham oder seinem Samen durchs Gesetz, sondern durch die Gerechtigkeit des Glaubens.
4:14 Denn wo die vom Gesetz Erben sind, so ist der Glaube nichts, und die Verheißung ist ab.
4:15 Sintemal das Gesetz richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung.
4:16 Derhalben muß die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf daß sie sei aus Gnaden, und die Verheißung fest bleibe allem Samen, nicht dem alleine, der unter dem Gesetz ist, sondern auch dem, der des Glaubens Abrahams ist, welcher ist unser aller Vater,
4:17 wie geschrieben stehet: Ich habe dich gesetzt zum Vater vieler Heiden vor GOtt, dem du geglaubet hast, der da lebendig machet die Toten und rufet dem, das nicht ist, daß es sei.
4:18 Und er hat geglaubet auf Hoffnung, da nichts zu hoffen war, auf daß er würde ein Vater vieler Heiden, wie denn zu ihm gesagt ist: Also soll dein Same sein.
4:19 Und er ward nicht schwach im Glauben, sah auch nicht an seinen eigenen Leib, welcher schon erstorben war, weil er fast hundertjährig war, auch nicht den erstorbenen Leib der Sara.
4:20 Denn er zweifelte nicht an der Verheißung GOttes durch Unglauben, sondern ward stark im Glauben und gab GOtt die Ehre
4:21 und wußte aufs allergewisseste, daß, was GOtt verheißet, das kann er auch tun.
4:22 Darum ist's ihm auch zur Gerechtigkeit gerechnet.
4:23 Das ist aber nicht geschrieben allein um seinetwillen, daß es ihm zugerechnet ist,
4:24 sondern auch um unsertwillen, welchen es soll zugerechnet werden, so wir glauben an den, der unsern HErrn JEsum auferwecket hat von den Toten.
4:25 welcher ist um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Gerechtigkeit willen auferwecket.
Du hast in meinem Herzen das Licht des lebendigen und seligmachenden Glaubens, wie bei Abraham, angezündet, o lebendiger und ewiger Gott; ich bitte Dich demüthig, daß Du Solches gnädiglich erhalten und mehren wollest. Ich fühle bisweilen die Schwachheit des Glaubens, ich werde oft durch Stürme der Zweifel hin und her getrieben; darum schreie ich in Demuth mit den Aposteln, daß Du mir den Glauben mehren wolltest. Mein Herz hält Dir vor Dein Wort, Du wirst das zerstoßene Roh nicht zerbrechen, und das glimmende Doch nicht auslöschen. Ich trage meinen Schatz, die Fackel des Glaubens, in irdenem, zerbrechlichem Gefäße: was bleibt mir anders übrig, als daß ich Dir die Bewahrung derselben mit ernstlichem Gebet und Seufzen befehle, und um Vermehrung derselben täglich flehe? In der Finsterniß dieses Lebens und der Welt mache mich des himmlischen Glaubenslichts theilhaftig. Dein Wort ist Licht und Leben, ein einziges Wort der Schrift ist mehr werth, als Himmel und Erde, da es fester ist, als Himmel und Erde. Wirke in mir durch Deinen heiligen Geist, daß ich Deinem Worte festiglich glaube, und Sinne und Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens bringe. Deine Verheißungen kommen aus freier Gnade und sind nicht durch meine Würdigkeit und meine Verdienste bedingt; mit der festesten Glaubensgewißheit werde ich mich daher auf sie stützen und von ganzem herzen Deiner Güte trauen können. Durch den Glauben wohnt und lebt Christus in meinem Herzen: erhalte daher in mir das freie Geschenk des Glaubens, daß mein Herz eine beständige Wohnung Christi sei und bleibe. Der Glaube ist der Same von allen guten Werken und der Grund eines heiligen Lebens: erhalte und befestige daher denselben in mir, daß nicht meine geistige Erndte Schaden leide. Stärke meinen Glauben, daß er die Welt und den Fürsten der Welt besiege; mehre sein Licht, daß es von Tag zu Tag hellere Strahlen nach außen werfe; erhalte ihn mitten in der Finsterniß des Todes, daß er mir zum wahren Leben vorleuchte! Regiere mich durch Deinen heiligen Geist, daß ich nicht durch Hingebung an die Sünden wider das Gewissen den Glauben verliere; sondern befestige das gute Werk, das Du in mir angefangen hast, daß ich durch beständigen Glauben das ewige Leben ererben möge. Amen. (Friedrich Arndt)
Kapitel 5
5:1 Nun wir denn sind gerecht worden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit GOtt durch unsern HErrn JEsum Christum,
5:2 durch welchen wir auch einen Zugang haben im Glauben zu dieser Gnade darinnen wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit die GOtt geben soll.
5:3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale dieweil wir wissen, daß Trübsal Geduld bringet.
5:4 Geduld aber bringet Erfahrung, Erfahrung aber bringet Hoffnung,
5:5 Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden. Denn die Liebe GOttes ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.
5:6 Denn auch Christus, da wir noch schwach waren nach der Zeit, ist für uns Gottlose gestorben.
5:7 Nun stirbt kaum jemand um des Rechtes willen; um etwas Gutes willen dürfte vielleicht jemand sterben.
5:8 Darum preiset GOtt seine Liebe gegen uns, daß Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren.
5:9 So werden wir je viel mehr durch ihn behalten werden vor dem Zorn, nachdem wir durch sein Blut gerecht worden sind.
5:10 Denn so wir GOtt versöhnet sind durch den Tod seines Sohns, da wir noch Feinde waren, viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, so wir nun versöhnet sind.
5:11 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch GOttes durch unsern HErrn JEsum Christum, durch welchen wir nun die Versöhnung empfangen haben.
5:12 Derhalben, wie durch einen Menschen die Sünde ist kommen in die Welt und der Tod durch die Sünde, und ist also der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, dieweil sie alle gesündiget haben;
5:13 (denn die Sünde war wohl in der Welt bis auf das Gesetz; aber wo kein Gesetz ist, da achtet man der Sünde nicht,
5:14 sondern der Tod herrschte von Adam an bis auf Mose, auch über die, die nicht gesündiget haben mit gleicher Übertretung wie Adam, welcher ist ein Bild des, der zukünftig war.
5:15 Aber nicht hält sich's mit der Gabe wie mit der Sünde. Denn so an eines Sünde viele gestorben sind, so ist viel mehr GOttes Gnade und Gabe vielen reichlich widerfahren durch die Gnade des einigen Menschen, JEsu Christi.
5:16 Und nicht ist die Gabe allein über eine Sünde wie durch des einigen Sünders einige Sünde alles Verderben. Denn das Urteil ist kommen aus einer Sünde zur Verdammnis; die Gabe aber hilft auch aus vielen Sünden zur Gerechtigkeit.
5:17 Denn so um des einigen Sünde willen der Tod geherrschet hat durch den einen, viel mehr werden die, so da empfangen die Fülle der Gnade und der Gabe zur Gerechtigkeit, herrschen im Leben durch einen, JEsum Christum):
5:18 wie nun durch eines Sünde die Verdammnis über alle Menschen kommen ist, also ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen kommen.
5:19 Denn gleichwie durch eines Menschen Ungehorsam viel Sünder worden sind, also auch durch eines Gehorsam werden viel Gerechte.
5:20 Das Gesetz aber ist neben einkommen, auf daß die Sünde mächtiger würde. Wo aber die Sünde mächtig worden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger worden,
5:21 auf daß, gleichwie die Sünde geherrschet hat zu dem Tode, also auch herrsche die Gnade durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch JEsum Christum, unsern HErrn.
Herrliche Vergleichung Adams mit Christo! Wie bringt sie doch das Verdienst des Gottmenschen erst recht zum Bewußtsein! Von Adam kam die Sünde, die Uebertretung, der Ungehorsam, dadurch alles Unheil, das Verderben, der Tod, die Verdammniß, welches zu allen seinen Nachkommen durchgedrungen ist, so daß sie alle Sünder, Ungerechte, Verurtheilte geworden sind. Auf die Rechnung Christi setzt der Apostel den Gehorsam, Gnade, Gerechtigkeit, Leben, Rechtfertigung des Lebens, jedoch so, daß diese Rechnung ein großes Uebergewicht über die Rechnung Adams hat, wodurch gerecht wird aller Same Jacobs, und wir vollkommen, ja Geweihte Gottes werden in Ihm; weßhalb Paulus schließt: „Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger.“ An diesem gebenedeiten Haupte nun werden wir Glieder; freilich nicht durch die natürliche, sondern durch die geistliche Geburt, durch die Wiedergeburt, durch den heiligen Geist; vermittelst des Glaubens, der uns Christo einverleibt, daß wir eins werden mit Ihm. Aus diesem Haupte fließt uns sodann Alles zu, was in dem Haupte selbst ist und sich in den beiden Wörtern: Gerechtigkeit und Leben zusammenfassen läßt, oder wie Paulus sagt: eine Fülle der Gnade und Gabe zur Gerechtigkeit. An dies Haupt haben wir uns zu halten, und daran sollen wir wachsen hinan zur göttlichen Größe; indem zugleich alles, was in uns etwas ist, zunichte wird, auf daß Christus Alles in uns sei. In diesem Haupte liegt, allen Gläubigen zu gut, die wesentliche Fülle der Gottheit selbst, uns also ein unausforschlicher Reichthum. In diesem Immanuel hat uns also Gott eine Gabe gegeben, der wir uns in Ewigkeit werden zu erfreuen haben, so wir anders an seinen Namen glauben. Die Gnade führt das Regiment, sie macht der Sclaverei ein End’, besiegt Gesetz und Sünden; drum, willst du frei und frölich sein, laß Jesum und die Gnade ein, so kannst du überwinden. Amen. (Friedrich Arndt)
Kapitel 6
6:1 Was wollen wir hiezu sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, auf daß die Gnade desto mächtiger werde?
6:2 Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde wollen leben, der wir abgestorben sind?
6:3 Wisset ihr nicht, daß alle, die wir in JEsum Christum getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
6:4 So sind wir je mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf daß, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln.
6:5 So wir aber samt ihm gepflanzet werden zu gleichem Tode, so werden wir auch der Auferstehung gleich sein,
6:6 dieweil wir wissen, daß unser alter Mensch samt ihm gekreuziget ist, auf daß der sündliche Leib aufhöre, daß wir hinfort der Sünde nicht dienen.
6:7 Denn wer gestorben ist, der ist gerechtfertiget von der Sünde.
6:8 Sind wir aber mit Christo gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden
6:9 und wissen, daß Christus, von den Toten erwecket, hinfort nicht stirbt; der Tod wird hinfort über ihn nicht herrschen.
6:10 Denn das er gestorben ist; das ist er der Sünde gestorben zu einem Mal; das er aber lebet, das lebet er GOtt.
6:11 Also auch ihr, haltet euch dafür, daß ihr der Sünde gestorben seid und lebet GOtt in Christo JEsu, unserm HErrn.
6:12 So lasset nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, ihm Gehorsam zu leisten in seinen Lüsten.
6:13 Auch begebet nicht der Sünde eure Glieder zu Waffen der Ungerechtigkeit, sondern begebet euch selbst GOtt, als die da aus den Toten lebendig sind, und eure Glieder GOtt zu Waffen der Gerechtigkeit,
Unsre Glieder sollen wir nicht der Sünde begeben, sondern Gott. Sünde und Gott werden also einander gegenübergestellt; denn die Sünde ist wider Gott und Gottes Ordnung. Der Sünde liegt daher Ungerechtigkeit zugrunde. Bei ihr achtet der Mensch nur auf sich selber und bezeigt sich völlig rücksichtslos gegen Gott und Menschen. Er tut, was ihm beliebt und behagt - mögen auch Gott und die Mitwelt dazu sagen, was sie wollen! Darum heißt's (1. Joh. 3, 4): „Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht; und die Sünde ist das Unrecht.“ Wie aber die Ungerechtigkeit wider Gott ist, so ist die Gerechtigkeit alles, was mit Gott und Seinen Ordnungen im Einklang steht.
Die Sünde aber wird mit den Gliedern des Menschen vollbracht. Mund, Augen, Ohren, Hände, Füße usw. vollbringen sie. Diese Glieder dienen also der Ungerechtigkeit zu Werkzeugen; und auf diese Weise sind der Ungerechtigkeit von Gott selbst - der die Glieder geschaffen hat - die Waffen in die Hände gegeben. Sie vermöchte nichts, wenn der Mensch keine Glieder hätte, keine leibliche und geistige Ausstattung. Darum beraubt auch Gott manche Menschen der einen und der andern Waffe, wenn er sie blind oder stumm oder taub oder lahm macht oder sonst am Fleisch leiden läßt, damit sie aufhören zu sündigen, wie Petrus sagt 1. (1. Petr. 4,1). Ebenso beruht hierauf die Gleichnisrede des HErrn: „Wenn dich deine Hand oder dein Fuß oder dein Auge ärgert, so nimm's von dir“ - damit du nicht durch deine eigenen Glieder, die du wider Gott brauchst, ein Kind der Verdammnis werdest! Die Rede will sagen: „Nimm den Gliedern die Gewalt über dich, so daß es ist, als ob du sie abgehauen hättest, gar nicht mehr besäßest“ (Mat. 5,29 f.).
Von gläubigen Christen nun heißt es: „Ihr seid teuer erkauft; darum preiset Gott an eurem Leibe und in eurem Geist, welche sind Gottes“ (1. Kor. 6,20). So sollen denn alle Glieder im Dienste Gottes stehen.
Wie aber: wenn dennoch die Glieder und was der Mensch ist und hat, noch zur Sünde mißbraucht werden, wenn der Mensch sich doch nicht dem Dienste Gottes zur Gerechtigkeit hingibt? Ach, wie not tut die Ermahnung des Paulus! Ist es doch einst bald wieder Sitte geworden in der Christenheit, nach wie vor ungescheut die Glieder der Sünde zu begeben! Und bis auf den heutigen Tag kostet es viele, auch bessere Christen nicht viel, mit den Gliedern des Leibes und mit ihrer sonstigen Begabung Dinge zu vollbringen, die durchaus wider Gott sind; es ist, als ob sie noch mit ihren Gliedern als Waffen der Ungerechtigkeit wider Gott zu Felde lägen! Soll es denn möglich sein, sich oft bis in den Tod hinein mit seinem ganzen Wesen mehr oder weniger rebellisch gegen Gott zu verhalten: mit der Hand etwa, die Gott gegeben hat, Gott gleichsam ins Angesicht zu schlagen - und doch auf Christus hoffen zu wollen? „Was hattet ihr zu der Zeit für Frucht?“, sagt Paulus im weiteren, „deren ihr euch jetzt schämet; denn das Ende derselben ist der Tod“.
Zusatz Zu Römer 6,13 Die Waffen der Sünde
Von Natur aus sind alle Menschen so, daß sie durch Sünde alles, was ihnen gegeben ist, zu Waffen wider Gott verwandeln, weil sie im Dienst der Ungerechtigkeit, der Selbstsucht stehen. Nicht nur Glieder des Leibes mißbraucht der Mensch zur Sünde im Dienst der Ungerechtigkeit, sondern auch seinen Verstand, seine Geschicklichkeit, seine geistige Fähigkeit, alles, was er hat und übt; ja selbst seine höheren Anlagen, Gaben und Kräfte, seinen Geistesadel, weiß er im Dienst der Ungerechtigkeit oder Selbstsucht zur Sünde zu verwenden. Deswegen fürchtet der HErr die“ Weisen und Klugen“, wenn sie sich bewogen fühlen sollten, Ihm anzuhangen (Mat. 11,25). Man weiß auch, daß Leute, die in guten und christlichen Bildungsanstalten erzogen sind, dann, wenn sie nicht einschlagen, viel verschmitztere Bösewichter und viel abgefeimtere Gegner Christi werden können als solche, die wenig gelernt haben und deren Geist minder ausgebildet worden ist. Ja, die höhere Bildung, die das Evangelium überhaupt den Menschen gibt, wird nur gar zu häufig viel mehr in den Dienst der Welt hinein verwertet als in den Dienst Gottes und führt sonst auch oft zum reinsten Unglauben und zur Leugnung aller Offenbarungen. Denn man hat an der sogenannten „ Aufklärung „ - die man doch wieder allein dem Christentum zu verdanken hat - genug. So bilden sich sogar selbst aus der höchsten Gabe, die Gott gegeben hat, Waffen wider Gott. Und so kann z. B. auch die protestantische Welt ihre höhere Aufklärung wider Gott mißbrauchen.
Wie mögen wir uns also verwundern, daß der Zorn Gottes auf dem Menschengeschlecht ruht! Wir begreifen auch, wie Paulus in erregtem Eifer sagen konnte (Phil. 3,7-9): „Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden geachtet. Denn ich achte alles für Schaden gegen die überschwengliche Erkenntnis Christi Jesu, meines HErrn, um welches willen im habe alles für Schaden gerechnet und achte es für Kot, auf daß ich Christus gewinne.“ Denn auch ihm war alles, dessen er sich in seiner früheren Frömmigkeit rühmte, zu Waffen wider Christus geworden.
Wer aber zum Glauben an Christus mit dem Herzen gekommen ist, gilt als einer, der, wie unser Spruch sagt, von den Toten lebendig ist. Er ist aus dem Dienst der Ungerechtigkeit, der zum Tode führte, herausgetreten in den Dienst der Gerechtigkeit oder Gottes, der zum Leben führt. Nun sollten sich aber die Glieder offenbar nicht mehr der Sünde begeben - als wären sie immer noch Waffen in der Hand der Ungerechtigkeit -, sondern zum „Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist“ (Röm. 12, 1). (Christoph Blumhardt)
6:14 Denn die Sünde wird nicht herrschen können über euch, sintemal ihr nicht unter dem Gesetze seid, sondern unter der Gnade.
6:15 Wie nun? sollen wir sündigen, dieweil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne!
6:16 Wisset ihr nicht, welchem ihr euch begebet zu Knechten in Gehorsam, des Knechte seid ihr, dem ihr gehorsam seid, es sei der Sünde zum Tode oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit?
6:17 GOtt sei aber gedanket, daß ihr Knechte der Sünde gewesen seid, aber nun gehorsam worden von Herzen dem Vorbilde der Lehre, welchem ihr ergeben seid.
6:18 Denn nun ihr frei worden seid von der Sünde, seid ihr Knechte worden der Gerechtigkeit.
6:19 Ich muß menschlich davon reden um der Schwachheit willen eures Fleisches. Gleichwie ihr eure Glieder begeben habt zu Dienste der Unreinigkeit und von einer Ungerechtigkeit zu der andern, also begebet nun auch eure Glieder zu Dienste der Gerechtigkeit, daß sie heilig werden.
6:20 Denn da ihr der Sünde Knechte waret, da waret ihr frei von der Gerechtigkeit.
6:21 Was hattet ihr nun zu der Zeit für Frucht? Welcher ihr euch jetzt schämet; denn das Ende derselbigen ist der Tod.
6:22 Nun ihr aber seid von der Sünde frei und GOttes Knechte worden, habt ihr eure Frucht, daß ihr heilig werdet, das Ende aber das ewige Leben.
6:23 Denn der Tod ist der Sünde Sold; aber die Gabe GOttes ist das ewige Leben in Christo JEsu, unserm HErrn.
Der Apostel hat Recht, wer unter der Gnade steht und nicht mehr unter dem Gesetz, der ist frei geworden von der Sünde. Auch ich bin es, Gott sei Dank; aber doch bin ich noch oft so wankend im erkannten Guten, bin nicht fest genug, Allem zu widerstehen, was mich von strenger Befolgung meines Gewissens abhalten will. Ich schäme mich meiner Schwäche und Unstandhaftigkeit. Wie selten kann ich auf mich selber rechnen! Wie selten bin ich mir selbst gleich! Wie bald bin ich von einem vernunftlosen Triebe hingerissen! – Herr, mein Gott, mir fehlt unerschütterlicher Muth; mir fehlt unüberwindliche Beharrlichkeit in guten Entschlüssen. Ich suche Stärke bei Dir! Alles kann ich durch Dich werden, was ich werden soll. Verzagen darf ich nie um meiner Schwachheit willen; denn Du bist in den schwachen mächtig. Wie viele Deiner ersten Jünger, mein Herr und Heiland, waren wankelmüthig wie ich, und sind standhaft geworden in der Wahrheit durch die Kraft des Geistes! Auch ich kann es werden durch Deinen Geist.
Ich muß es werden, wenn ich Dir gefallen soll. Ich muß gut, zuverlässig gut werden, unverführbar zum Bösen, unabtreiblich von dem, was ich als Dein Gebot erkenne; und vor allem muß ich glauben, daß ich es durch Dich und mit Dir werden könne. So laß denn, o mein Herr und Gott, mein Gebet um die Kraft Deines Geistes nicht umsonst sein. So erwecke denn in mir den ernsten Willen, immer fester zu werden in heiliger Gesinnung, stärke mein Herz und flöße mir immer mehr Muth ein, Allem zu widerstehen, was mich niederschlagen könnte. Mein Wille sei immer redlicher und stärker! meine Demuth immer reiner von allem Stolze, aller Eitelkeit! meine Geduld sei immer gleichförmiger! meine Liebe, fern von aller Laune, widerstehend aller Trägheit, sei immer unermüdeter, wohlthätiger, immer geneigter zum Geben und Vergeben, immer wirksamer und unwandelbarer; meine Andacht sei nie kalt, sei stets feurig und innig! keine Schmeichelei, kein Lob, kein Tadel berede mich zum Laster, kein irdischer Vortheil oder Schaden mache mich meiner Pflicht und meinem Gewissen untreu! Bilde Du mich, o mein Herr, durch Deinen Geist zu einem Knechte der Gerechtigkeit, daß ich heilig werde; das Ende aber sei das ewige Leben. Amen. (Friedrich Arndt)
Kapitel 7
7:1 Wisset ihr nicht, liebe Brüder (denn ich rede mit denen, die das Gesetz wissen), daß das Gesetz herrschet über den Menschen, solange er lebet?
7:2 Denn ein Weib, das unter dem Manne ist, dieweil der Mann lebet, ist sie gebunden an das Gesetz; so aber der Mann stirbt, so ist sie los vom Gesetz, das den Mann betrifft.
7:3 Wo sie nun bei einem andern Manne ist, weil der Mann lebet, wird sie eine Ehebrecherin geheißen; so aber der Mann stirbt, ist sie frei vom Gesetz, daß sie nicht eine Ehebrecherin ist, wo sie bei einem andern Manne ist.
7:4 Also auch, meine Brüder, ihr seid getötet dem Gesetz durch den Leib Christi, daß ihr bei einem andern seid, nämlich bei dem, der von den Toten auferwecket ist, auf daß wir GOtt Frucht bringen.
7:5 Denn da wir im Fleisch waren, da waren die sündlichen Lüste, welche durchs Gesetz sich erregten, kräftig in unsern Gliedern, dem Tode Frucht zu bringe.
7:6 Nun aber sind wir vom Gesetz los und ihm abgestorben, das uns gefangenhielt, also daß wir dienen sollen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.
7:7 Was wollen wir denn nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber die Sünde erkannte ich nicht ohne durchs Gesetz. Denn ich wußte nichts von der Lust, wo das Gesetz nicht hätte gesagt: Laß dich nicht gelüsten!
7:8 Da nahm aber die Sünde Ursache am Gebot und erregte in mir allerlei Lust. Denn ohne das Gesetz war die Sünde tot.
7:9 Ich aber lebte etwa ohne Gesetz. Da aber das Gebot kam, ward die Sünde wieder lebendig.
7:10 Ich aber starb; und es befand sich, daß das Gebot mir zum Tode gereichte, das mir doch zum Leben gegeben war.
7:11 Denn die Sünde nahm Ursache am Gebot und betrog mich und tötete mich durch dasselbige Gebot.
7:12 Das Gesetz ist je heilig, und das Gebot ist heilig, recht und gut.
7:13 Ist denn, was da gut ist, mir ein Tod worden? Das sei ferne! Aber die Sünde, auf daß sie erscheine, wie sie Sünde ist, hat sie mir durch das Gute den Tod gewirket, auf daß die Sünde würde überaus sündig durchs Gebot.
7:14 Denn wir wissen, daß das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.
7:15 Denn ich weiß nicht, was, ich tue; denn ich tue nicht, was ich will, sondern was ich hasse, das tue ich.
7:16 So ich aber das tue, was ich nicht will, so willige ich, daß das Gesetz gut sei.
7:17 So tue nun ich dasselbige nicht, sondern die Sünde, die in mir wohnet.
7:18 Denn ich weiß, daß in mir, das ist, in meinem Fleische, wohnet nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht,
7:19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.
7:20 So ich aber tue, was ich nicht will, so tue ich dasselbige nicht, sondern die Sünde, die in mir wohnet.
7:21 So finde ich mir nun ein Gesetz, der ich will das Gute tun, daß mir das Böse anhanget.
7:22 Denn ich habe Lust an GOttes Gesetz nach dem inwendigen Menschen.
7:23 Ich sehe aber ein ander Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüte und nimmt mich gefangen in der Sünde Gesetz, welches ist in meinen Gliedern.
7:24 Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?
7:25 Ich danke GOtt durch JEsum Christum, unsern HErrn. So diene ich nun mit dem Gemüte dem Gesetz GOttes, aber mit dem Fleisch dem Gesetze der Sünde.
Was Paulus hier als eine besondere Erfahrung seines Herzens mittheilt, das ist zugleich eine allgemeine Erfahrung aller Menschen. Man hat viel darüber gestritten, ob hier der innere Kampf im bekehrten oder im unbekehrten Menschen beschrieben sei. Dieser Kampf findet sich gewiß im Herzen des unbekehrten Menschen in seiner schlimmsten Gestalt; aber im Herzen des Gläubigen wird er am deutlichsten erkannt. Dem Sündendiener ist er nicht klar geworden, obwohl sein Inneres schrecklich zerrissen ist; aber der Christ kennt ihn und seine Schmerzen genau, obwohl er durchgedrungen ist zum Siege. Der Christ erfährt eine leisere Widerholung dieses innern, heißen Streites in jeder Anfechtung der Sünde, und darum kann es bisweilen sogar scheinen, als hätte der eitle Mensch mehr Seelenruhe als er; nämlich dann, wenn jener in der Zerstreuung sich vergißt, wenn er in den Lüsten und Sorgen dieser Welt die Stimme seines Gewissens betäubt. Aber wenn er nicht umkehrt, so sinkt er zuletzt durch die finstere Ruhe der Verstockung in die Höllenangst der Verzweiflung, während der Christ durch jeden neuen Kampf einen neuen Sieg über die zurückgebliebene Sünde in seinem Innern erringt und zu einem reicheren Frieden hindurchdringt. Durch die Sünde ist in jedem ein doppeltes Gesetz, ein doppelter Wille entstanden; jede Menschenbrust ist ein ernster Kampfplatz zwischen Selbstsucht und Gottes Geist, Eigenwillen und göttlichem Willen; jeder fühlt beim Streben nach Vollkommenheit die Fesseln der Sünde: wer aber an Christum gläubig geworden ist, der hat in ihm den Sieg über die Sünde gefunden, und Christus ist nicht nur sein Versöhner, sondern auch sein Befreier von der Macht der Sünde. Wohl uns, wenn wir zu dieser Freiheit der Kinder Gottes hindurchgedrungen sind! Ob wir denn auch noch mit Paulus klagen: wer wird mich erlösen? wir können wie er auch hinzusetzen: Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn. Amen. (Friedrich Arndt)
Kapitel 8
8:1 So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo JEsu sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.
8:2 Denn das Gesetz des Geistes der da lebendig macht in Christo JEsu, hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.
8:3 Denn was dem Gesetz unmöglich war (sintemal es durch das Fleisch geschwächet ward), das tat GOtt und sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches und verdammte die Sünde im Fleisch durch Sünde,
8:4 auf daß die Gerechtigkeit, vom Gesetz erfordert, in uns erfüllet würde, die wir nun nicht nach dem Fleische wandeln sondern nach dem Geist.
8:5 Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnet; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnet.
8:6 Aber fleischlich gesinnet sein ist der Tod, und geistlich gesinnet sein ist Leben und Friede.
8:7 Denn fleischlich gesinnet sein ist eine Feindschaft wider GOtt, sintemal es dem Gesetze GOttes nicht untertan ist; denn es vermag es auch nicht.
8:8 Die aber fleischlich sind, mögen GOtt nicht gefallen.
8:9 Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, so anders GOttes Geist in euch wohnet. Wer aber Christi Geist nicht hat der ist nicht sein.
8:10 So aber Christus in euch ist so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen; der Geist aber ist das Leben um der Gerechtigkeit willen.
8:11 So nun der Geist des, der JEsum von den Töten auferwecket hat, in euch wohnet, so wird auch derselbige, der Christum von den Toten auferwecket hat, eure sterblichen Leiber lebendig machen um deswillen, daß sein Geist in euch wohnet.
8:12 So sind wir nun, liebe Brüder, Schuldner nicht dem Fleisch, daß wir nach dem Fleisch leben.
8:13 Denn wo ihr nach dem Fleisch lebet, so werdet ihr sterben müssen; wo ihr aber durch den Geist des Fleisches Geschäfte tötet, so werdet ihr leben.
8:14 Denn welche der Geist GOttes treibet, die sind GOttes Kinder.
8:15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, daß ihr euch abermal fürchten müßtet, sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater!
8:16 Derselbige Geist gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir GOttes Kinder sind.
8:17 Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich GOttes Erben und Miterben Christi, so wir anders mit leiden, auf daß wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
8:18 Denn ich halte es dafür, daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an uns soll offenbaret werden.
8:19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet auf die Offenbarung der Kinder GOttes,
8:20 sintemal die Kreatur unterworfen ist der Eitelkeit ohne ihren Willen, sondern um deswillen, der sie unterworfen hat auf Hoffnung.
8:21 Denn auch die Kreatur frei werden wird von dem Dienst des vergänglichen Wesens zu der herrlichen Freiheit der Kinder GOttes.
8:22 Denn wir wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstet sich noch immerdar.
8:23 Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir haben des Geistes Erstlinge, sehnen uns auch bei uns selbst nach der Kindschaft und warten auf unsers Leibes Erlösung.
8:24 Denn wir sind wohl selig, doch in der Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man siehet, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man des, hoffen, das man siehet?
8:25 So wir aber des hoffen, das wir nicht sehen, so warten wir sein durch Geduld.
8:26 Desselbigengleichen auch der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebühret, sondern der Geist selbst vertritt uns aufs beste mit unaussprechlichem Seufzen.
DA leret S. Paulus/ wie der heilige Geist bey den Christen sey/ und was er in jnen mache und wircke/ nemlich.
So du durch das Euangelium / Gottes gnad und barmhertzigkeit / durch den Mittler Christum / dir verheissen und verkündiget / erkennest / So kanstu anfahen / Gott von hertzen an zu ruffen / und hülffe von jm zu warten. Das wircket warhafftig der heilige Geist in dir / und hast In also gewislich in deinem Hertzen wonend.
OB du aber daneben grosse schwacheit in dir fülest / das dich dünckt/ der heilig Geist sey in dir nicht krefftig/ Weil du fülest / das du nicht also brünstig und starck anruffen / beten/ gleuben oder vertrawen kanst/ als du wol soltest.
Soltu gleichwol den Trost behalten/ Das der heilig Geist / auch in unser schwacheit uns nicht verlesst. Sondern eben in dem tieffsten fülen der selbigen uns auff hilfft/ und gleich wie man mit schwachen Kindlin thut/ an der hand leitet/ das wir nicht sincken noch verzagen.
JA er vertritt uns selbs/ das ist/ Er seufftzet und betet in uns zu Gott stercker und mechtiger/ denn wir es fülen oder verstehen können. Das es heisst ein unaussprechlich seufftzen/ das man mit worten nicht kan fur Gott reden oder er aus bringen / noch starck gnug er aus schreien und ruffen/ Und doch auffs aller sterckest geseufftzet/ Gott zu ohren und hertzen dringet. (Caspar Cruciger)
8:27 Der aber die Herzen forschet, der weiß, was des Geistes Sinn sei; denn er vertritt die Heiligen nach dem, was GOtt gefällt.
8:28 Wir wissen aber, daß denen, die GOtt lieben, alle Dinge zum besten dienen, die nach dem Vorsatz berufen sind.
8:29 Denn welche er zuvor versehen hat, die hat er auch verordnet, daß sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohns, auf daß derselbige der Erstgeborne sei unter vielen Brüdern.
Der Apostel will es mit diesem Spruch dartun, wie „denen, die Gott lieben“ - was er im vorigen Vers gesagt hatte -, „alle Dinge zum Besten dienen“. Läuft doch bei ihnen alles, so will er sagen, darauf hinaus, daß sie gleich sein sollen dem Ebenbilde Jesu Christi.
Ihre Liebe besteht nämlich darin, daß sie in die Liebe Gottes eingegangen sind mit ihrem Glauben und mit ihrer Hingabe an die Gnade Gottes durch Christus. Sie haben sich durch die Liebe Gottes zur Liebe überwinden lassen und stehen mithin in der Liebe von Kindern Gottes. Solche Seelen hat Gott „zuvor“ - nämlich von Ewigkeit her, wie nach andern Schriftstellen zu ergänzen ist (vgl. Eph. l,4)- ersehen oder eigentlich erkannt. Das will sagen: Sie sind Ihm einerseits nach ihrem innersten Sinn von Ewigkeit her nicht unbekannt gewesen; und andererseits hat Er sie eben darum von Ewigkeit her als die Seinen erkannt, d. h. bedacht und in Seine Fürsorge genommen. Dies wird damit erläutert, daß es weiter heißt, Gott habe sie von Ewigkeit her auch verordnet, Ebenbilder Seines Sohnes zu sein, der ins Fleisch kommen sollte. Diejenigen, die also Gott lieben und damit ihren wahren kindlichen Glauben dartun, brauchen nicht erst ängstlich zu harren, ob Gott sie erkenne und annehme; denn das ist für sie eine von Ewigkeit her ausgemachte Sache. Wenn der Apostel erwägt, daß wir's zu tun haben mit dem ewigen Gott, der uns bei sich eine ewige Bestimmung zugedacht hat, so ist es ihm nicht möglich, sich alles als eine Sache zu denken, die ganz neu in der Zeit geworden ist. Vielmehr treibt's ihn - da er sich in Gott keine Veränderung und Neuheit denken kann - unwillkürlich in die Ewigkeit zurück, so unfaßbar das auch dem menschlichen Verstande sein mag.
Was also denen, die Gott lieben, Widriges und Anfechtungsvolles begegnet, haben sie im Glauben so anzusehen, daß es ihnen zur Gleichstellung mit Jesus diene. Und es ist verkehrt, wenn sie sich durch irgend etwas in Zweifel und Verzagtheit oder in Mißtrauen und Murren oder gar in Verzweiflung bringen lassen.
Unter dem Ebenbilde Jesu Christi ist aber an alles zu denken, was es mit dem Sohne in Seinem erniedrigten und in Seinem erhöhten Stand geworden ist. Die Ihn lieben, werden mithin auch gewürdigt, zu leiden wie Er, es gering und übel in dieser Welt zu haben wie Er, den Versuchungen Satans, den Verfolgungen, Mißhandlungen und Lästerungen der Feinde Gottes ausgesetzt zu sein wie Er, zu verleugnen und aufzuopfern wie Er - sogar, wenn es sein muß, das Leben zu lassen wie Er. Dafür aber bleiben sie Ihm auch gleich in der Auferstehung und Erhöhung, werden dieselbe Herrlichkeit sehen, die Er hat, Ihm in allem gleich, auch in Kindesrechten gegenüber dem Vater. „Sie werden eins mit Ihm sein, wie Er mit dem Vater, auf daß sie vollkommen seien in eins“ (Joh. 17,22. 24).
Wie vieles bleibt uns da zu denken und zu staunen übrig! Und welche Ermunterung liegt doch für uns darin, in Geduld unter allem auszuharren und getreu zu bleiben bis in den Tod!
Zusatz Zu Römer 8,29 Christus, der Erstgeborene
Wenn der HErr in unsrem Spruch der Erstgeborene unter Seinen Brüder genannt wird, so ist damit auf Seine Auferstehung gesehen. Er ist der erste Mensch, der, nachdem Er bis ins Sterben hinein den andern Menschen, Seinen Brüdern, gleich geworden war, aus dem Tode wieder neugeboren wurde ins himmlische Leben, zur Erhöhung bei Seinem Vater. Er heißt nun der Erstgeborene unter Seinen Brüdern. Denn Er sollte der Erste sein, dem ein Zweiter, Dritter, Vierter, dem Tausende, Millionen und Abermillionen als Brüder, Ihm ähnlich, nachfolgen, auferstehen und neugeboren werden sollen in das Leben der ewigen Herrlichkeit.
Diesem unserm großen Bruder wollen wir treu bleiben, damit Er uns zu sich erhöhen kann, wie es Gott von Anfang an gewollt hat! Dadurch, daß wir Ihn allezeit liebend vor Augen haben, wird's Wirklichkeit werden. Dann werden wir nicht nur fest und wohl bleiben, sondern auch gleich werden dem Ebenbilde des Sohnes in der großen Wiedergeburt (Mat. 19,28).
Zusatz Zu Römer 8,29 Von der Gnadenwahl
In Verbindung mit dem vorhergehenden Vers ist unser Spruch auch zur Begründung der Lehre von der sog. Gnadenwahl oder Prädestination benützt worden. Sie besagt, daß Gott nach Seinem freien Willen die Einen zur Seligkeit berufen habe, die Andern nicht.
Eine nähere Beleuchtung der Stelle zeigt aber, daß sie hierfür nichts beweist. Im vorigen Vers werden die, welche Gott lieben, bezeichnet als die, welche nach dem Vorsatz berufen sind. Unter“ Vorsatz“ kann aber hier nicht die willkürliche Erwählung zum Glauben und Lieben verstanden sein, wie es jene Lehre meint, sondern nur der jetzt zur Ausführung gekommene ewige Heilsplan oder die von Ewigkeit auf diese Zeit festgesetzte Gnadenordnung, der bestimmte vorgefaßte Wille Gottes, unter welchen Bedingungen Er Anteil am Reich Gottes geben wolle. Es soll nämlich nicht aus Verdienst der Werke gehen, sondern aus Gnaden des Berufers durch den Glauben (Röm. 9,11.32). Nach dem Vorsatz berufen sein, heißt also nichts anderes, als so, wie es Gott nach Seinem Vorsatz haben will, sich berufen lassen: durch Glauben und nicht durch Werke das Heil suchen, gläubig das Evangelium annehmen.
Die nun, so heißt es weiter, die Gott lieben - es ist nämlich hier Lieben mit Glauben gleichbedeutend genommen -, hat Gott vorher ersehen oder erkannt, d. h. Gott hat sie erstlich erkannt, insofern als Er's von Ewigkeit sah, daß sie ein Gemüt zum Glauben und Lieben haben würden - wie Ihm denn nichts von den Menschenkindern unbewußt ist, auch von denen, die erst werden sollen (Ps. 139,16). Zweitens hat Er sie insofern „erkannt“, als Er Bedacht auf sie genommen, Fürsorge für sie gehabt hat, daß ihnen einst das zukomme, was ihrem Gemüt und Verlangen entspricht. So wird das Wort „Erkennen“ häufig in der Schrift genommen. Demzufolge hat Er sie vorher schon zur Seligkeit bei Ihm durch Christus verordnet, wie es weiter heißt, und sie darum auch in der Zeit berufen, sie gerecht, sie herrlich gemacht (Röm. 8,30).
Es heißt also nicht, Gott habe sie damit erkannt oder vorausgeliebt, daß Er ihnen das Gemüt zum Glauben oder ihnen das Lieben gab - wie Er es (nach dieser Lehre) andern nicht gab -; sondern weil sie das Gemüt zum Glauben und Lieben hatten - wie es Gott vorauswußte und wie man an dem sieht, daß sie jetzt, da es verlangt wurde, glaubten und liebten -, hat Gott schon vorher für sie Sorge getragen und führt es jetzt an ihnen aus.
Wo aber nun dieses Gemüt zum Glauben, welches bei manchen auch unsres Geschlechts wie ein Gefangener im Verborgenen schmachtet, herkommt, und warum es die Einen haben, die Andern nicht: darüber äußert sich die Schrift nie. Sie setzt es voraus, wo es ist, auch da, wo sie das wirkliche Glauben als ein von Gott Gegebenes nimmt. Ein solches Gemüt, das die Gabe des Glaubens annehmen will oder nicht - worauf die Schrift am Ende alles ankommen läßt -, mag mit dem eigensten Selbstbewußtsein des Menschen zusammenfallen. Hier bleibt ein Geheimnis, das uns die Schrift nicht enthüllt - wie es überhaupt ein Geheimnis bleibt, in welcher Weise der freie Wille des Menschen mit der Allmacht und Allwissenheit Gottes zu vereinigen sei.
Alle Grübeleien darüber aber sollten in der christlichen Denkweise fernbleiben. Wir müssen es nach der Schrift kindlich so nehmen: einerseits, daß wir das, was wir sind, von Gott sind; und andererseits, daß wir's zu verantworten haben, was wir glauben oder nicht glauben, treu sind oder nicht treu sind. Nur so werden wir in gesunder Weise auf der Bahn des Lebens vorwärts kommen. (Christoph Blumhardt)
8:30 Welche er aber verordnet hat, die hat er auch berufen; welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; welche er aber hat gerecht gemacht, die hat er auch herrlich gemacht.
8:31 Was wollen wir denn hiezu sagen? Ist GOtt für uns, wer mag wider uns sein?
8:32 Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?
8:33 Wer will die Auserwählten GOttes beschuldigen? GOtt ist hier, der da gerecht macht.
8:34 Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferwecket ist, welcher ist zur Rechten GOttes und vertritt uns.
8:35 Wer will uns scheiden von der Liebe GOttes? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Fährlichkeit oder Schwert?
8:36 Wie geschrieben stehet: Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet für Schlachtschafe.
8:37 Aber in dem allem überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebet hat.
8:38 Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentum noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
8:39 weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe GOttes, die in Christo JEsu ist, unserm HErrn.
Das achte Kapitel des Briefes an die Römer ist ein wahrhaftiger Thaborgipfel. Da schauet man den Heiligen des neuen Bundes mitten in’s Haus hinein, wie in lauter Morgensonne. Freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes, rufen sie kindlichen Geistes: Abba, lieber Vater! sind Erben Gottes und Miterben Christi, wartend nur noch der endlichen Verklärung, nach der sich sehnet immerdar das ängstliche Harren der Creatur, und die an ihnen soll offenbart werden, obschon hienieden Welt und Sünde, Tod und Teufel die Auserwählten scheiden möchte von der Liebe ihres Gottes. O Wunderschöpfung, hinter welche die erste Schöpfung Himmels und der Erden weit zurücktritt; Gotteshütte, wie keine uns begegnet am Fuße Sinais, keine unterm Harfenschlage der Propheten! Diese Gewißheit und Ueberzeugung, die Paulus von seiner Person hegt, theilt mit ihm die ganze Gemeinde des Herrn und jeder einzelne wahrhaft begnadigte Christ. Was er von sich sagt, bekennt mit ihm die ganze Wolke von zeugen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wie mit Einem Munde, aus Einer Erfahrung und mit Einer Seele. Keine Anklage kann mehr gegen die Kinder Gottes erhoben werden, keine Verdammniß waltet mehr über ihnen, kein Feind und keine Trübsal kann sie mehr anfechten, wie groß sie auch sei. Es antwortet hier Einer aus Tausenden und gewissermaßen Einer für Alle, uns zeigend, in welcher Fülle und Macht die Liebe Gottes ausgegossen werden kann in eines jeden Menschen Herz durch den heiligen Geist, der auch uns verheißen ist. Das mag uns reizen, daß wir unser Herz mit dieser Liebe Gottes erfüllen lassen und damit auch weit überwinden in Allem, was unseres Lebens Last und Noth, Kampf und Anfechtung ist. Könnten wir dann vorerst noch nicht weiter kommen als zu dem Seufzer: Gott, sei mir Sünder gnädig, so ist und bleibt doch diese ewige Liebe Gottes uns gegenwärtig und gewiß, und dort wird das Erste sein die Lobpreisung: Hallelujah! Das Heil sei unserm Gott und dem Lamme! Amen. (Friedrich Arndt)
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Mit diesem prächtig tönenden Spruch will Paulus sagen, daß wir durch nichts, was vorkommen mag - sei es noch so betrübend, erschütternd und rätselhaft -, den Gedanken in uns aufkommen lassen dürften, als habe uns Gott nicht mehr lieb. Die Liebe Gottes, wie sie in Christus bewiesen ist und um Seinetwillen uns zugehört, ist felsenfest und unerschütterlich. Und der rechte Glaube besteht eben darin, daß er sich durch nichts stören läßt, sondern immer wieder sagt: „Dennoch bin ich der Liebe meines Gottes in Christus Jesus gewiß!“ Halbgläubige, zaghafte Menschen kommen gleich mit der Redensart: „Gott hat mich nicht mehr lieb, Gott hat mich verlassen und verworfen! Gott fragt nicht mehr nach mir!“ Das sind die, die sich wirklich scheiden lassen von der Liebe Gottes, obwohl sie vorgegeben hatten, sie in Seinem Sohne erfaßt zu haben. Und die sollten sich wahrlich schämen angesichts eines solchen Spruchs, da Paulus im Namen aller Gläubigen sagt: „Ich bin's gewiß, daß nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes!“ Vorher hatte er gesagt: „Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Fährlichkeit oder Schwert?“ und hatte hinzugesetzt: „Aber in dem allen überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat.“ Und jene - 0 würden sie sich doch schämen! - sind im Nu bei der Hand zu sagen, jetzt sei's mit der Liebe Gottes gegen sie aus, weil sie durch irgendwelche Trübsal oder Anfechtung gehen müssen, die sie unfest und verdrossen macht!
Es liegt also der Nerv unsres Spruchs in dem Wort: „Ich bin gewiß.“ Er steckt im Glauben, in der felsenfesten Zuversicht, die man zu Gott um Christi willen hat und die man sich nicht nehmen läßt. Diese Gewißheit kommt auch aus der Überlegung, daß man hinfort - weil man's durch Christus gewiß wird - durch gar nichts verursacht sein könnte, an der Liebe Gottes zu zweifeln. Denn diese ist durch das, was Er mit Seinem Sohne Jesus Christus getan hat, zu fest gegründet. Wer freilich diese Seine in Christus erschienene und bewiesene Liebe nicht recht erkennt, in ihrer Wirklichkeit nicht gläubig erfaßt, der hat kein Fundament für seine Zuversicht und baut auf Sand. Dann werfen Stürme und Ungewitter ihm leicht alles über den Haufen - auch wenn er meint und behauptet, gläubig zu sein.
In welche Tiefen des Jammers hat nicht auch Christus hineinmüssen! Und wie herrlich ist Er aus ihnen herausgeführt worden! Alles das aber geschah doch uns zulieb! Aber wie Er mitten unter den Qualen des Kreuzes doch der Geliebte Gottes, das Kind des Vaters verblieb, so bleiben auch wir die Geliebten des HErrn, - Seine Kinder. Und wenn auch noch so viele Trübsal über uns herfallen mag: Wir bleiben um so mehr Gottes geliebte Kinder, wenn wir gleich Christus leiden! Dessen gewiß werden: das heißt glauben! Und wer's nicht so kann, der soll nur nicht sagen, daß er Glauben habe! Und wir andern - aber freilich wer sind die? - sollen uns nur nicht verwundern, wenn es solcherlei halben Leuten so ergeht, daß sie sich von der Liebe Gottes scheiden lassen, also Verzweiflungsgedanken bekommen.
Freilich hat's der Arge in unsern Tagen besonders darauf angelegt, gerade die Tiefe der Erkenntnis der Liebe Gottes, wie sie in Christus ist und sich dargestellt hat, in den Seelen nicht aufkommen zu lassen.
Harren wir der neuen Zeit einer reichlicheren Ausgießung des Heiligen Geistes! Wer aber nun richtig in der Erkenntnis Christi steht, der kann mit Paulus sagen: Ob ich sterbe oder lebe - Gott hat mich lieb! Ob Engel des Satans, ob Fürstentümer oder Gewalten der Finsternis wider mich sind - Gott hat mich lieb! Ob alles, was wider Gott steht, mich anficht und wo man denken könnte: Warum schlägt sie Gott nicht besser uns und den Seinigen zulieb tot? - Gott hat mich lieb! Und Er wird die Bösen schon noch beseitigen, wenn's Zeit ist! Ob ich in der Gegenwart Trübsal habe oder sie erst in der Zukunft erwarte, ob von oben oder von unten Gewalten über mich fallen - Gott hat mich lieb! Ob andere Kreaturen, welche es auch sein mögen, mir schaden wollen oder scheinbar wirklich schaden - ich bleibe dabei: Gott hat mich lieb!
Denn in dem allen liegen keine Beweise, daß es mit der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, nichts sei! (Christoph Blumhardt)
Kapitel 9
9:1 Ich sage die Wahrheit in Christo und lüge nicht, des mir Zeugnis gibt mein Gewissen in dem Heiligen Geist,
9:2 daß ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlaß in meinem Herzen habe.
9:3 Ich habe gewünschet, verbannet zu sein von Christo für meine Brüder, die meine Gefreundeten sind nach dem Fleisch,
9:4 die da sind von Israel, welchen gehört die Kindschaft und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißung;
9:5 welcher auch sind die Väter, aus welchen Christus herkommt nach dem Fleische, der da ist GOtt über alles, gelobet in Ewigkeit! Amen.
9:6 Aber nicht sage ich solches, daß GOttes Wort darum aus sei. Denn es sind nicht alle Israeliten, die von Israel sind;
9:7 auch nicht alle, die Abrahams Same sind, sind darum auch Kinder, sondern: In Isaak soll dir der Same genannt sein.
9:8 Das ist, nicht sind das GOttes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind, sondern die Kinder der Verheißung werden für Samen gerechnet.
9:9 Denn dies ist ein Wort der Verheißung, da er spricht: Um diese Zeit will ich kommen, und Sara soll einen Sohn haben.
9:10 Nicht allein aber ist's mit dem also, sondern auch, da Rebecka von dem einigen Isaak, unserm Vater, schwanger ward;
9:11 ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, auf daß der Vorsatz GOttes bestünde nach der Wahl, ward zu ihr gesagt,
9:12 nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus Gnaden des Berufes, also: Der Größere soll dienstbar werden dem Kleinern,
9:13 wie denn geschrieben stehet: Jakob habe ich geliebet, aber Esau habe ich gehasset.
9:14 Was wollen wir denn hier sagen? Ist denn GOtt ungerecht? Das sei ferne!
9:15 Denn er spricht zu Mose: Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und welches ich mich erbarme, des erbarme ich mich.
9:16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an GOttes Erbarmen.
9:17 Denn die Schrift sagt zu Pharao: Eben darum hab' ich dich erweckt, daß ich an dir meine Macht erzeige, auf daß mein Name verkündiget werde in allen Landen.
9:18 So erbarmet er sich nun; welches er will, und verstocket, welchen er will.
9:19 So sagest du zu mir: Was schuldiget er denn uns? Wer kann seinem Willen widerstehen?
9:20 Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, daß du mit GOtt rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich also?
9:21 Hat nicht ein Töpfer Macht, aus einem Klumpen zu machen ein Faß zu Ehren und das andere zu Unehren?
9:22 Derhalben, da GOtt wollte Zorn erzeigen und kundtun seine Macht, hat er mit großer Geduld getragen die Gefäße des Zorns, die da zugerichtet sind zur Verdammnis,
9:23 auf daß er kundtäte den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er bereitet hat zur Herrlichkeit,
9:24 welche er berufen hat, nämlich uns, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.
9:25 Wie er denn auch durch Hosea spricht: Ich will das mein Volk heißen, das nicht mein Volk war, und meine Liebe, die nicht die Liebe war.
9:26 Und soll geschehen, an dem Ort, da zu ihnen gesagt ward: Ihr seid nicht mein Volk, sollen sie Kinder des lebendigen GOttes genannt werden.
9:27 Jesaja aber schreiet für Israel: Wenn die Zahl der Kinder von Israel würde sein wie der Sand am Meer, so wird doch das Übrige selig werden;
9:28 Denn es wird ein Verderben und Steuern geschehen zur Gerechtigkeit, und der HErr wird dasselbige Steuern tun auf Erden.
9:29 Und wie Jesaja davor sagt: Wenn uns nicht der HErr Zebaoth hätte lassen Samen überbleiben, so wären wir wie Sodom worden und gleichwie Gomorra.
9:30 Was wollen wir nun hier sagen? Das wollen wir sagen: Die Heiden, die nicht haben nach der Gerechtigkeit gestanden, haben die Gerechtigkeit erlanget; ich sage aber von der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt.
9:31 Israel aber hat dem Gesetz der Gerechtigkeit nachgestanden und hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht überkommen.
9:32 Warum das? Darum, daß sie es nicht aus dem Glauben, sondern als aus den Werken des Gesetzes suchen. Denn sie haben sich gestoßen an den Stein des Anlaufens,
9:33 wie geschrieben stehet: Siehe da, ich lege in Zion einen Stein des Anlaufens und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubet, der soll nicht zuschanden werden.
Ein oft mißverstandenes Kapitel! Paulus redet hier nicht von der Prädestination oder Vorherbestimmung einiger Menschen zur Seligkeit und anderer zur Verdammniß, sondern von der früheren Bevorzugung Israels vor allen Völkern der Erde und der nunmehrigen Verwerfung seines Volks um seines Unglaubens willen, und wie bei dieser Führung Alles Gnade und nichts Verdienst sei. Es konnte scheinen, als ob Gott durch Israels Verstoßung seine diesem Volke gegebene Verheißungen gebrochen hätte; darauf antwortet der Apostel: 1) nie habe Gott die Heilsverheißung an die leibliche Abstammung von Abraham geknüpft, an jüdische Volksgemeinschaft V. 6-9. 2) auch nicht an Werkverdienst und Werkgerechtigkeit, so wenig wie an Geburtsrecht V. 10-13; nicht Werke seien Bedingung von Gottes Beschluß, es sei ein freier Gnadenrathschluß. 3) daraus folge aber nicht, daß Gott willkührlich handle und ungerecht sei: es ist bei Gott Alles Gnade und bei uns nichts Rechtsanspruch. Diesen Einwurf bringt Paulus zum Schweigen zuerst durch eine göttliche Autorität, wonach im alten Testament Gott sich selbst das Recht beilegt zu begnadigen und zu verstocken oder zu verwerfen V. 14. 15. Es ist also keine Ungerechtigkeit, wenn Er von diesem Rechte Gebrauch macht. Dann durch Pharaos Beispiel V. 16-18, den ER wahrhaftig lange genug mit Langmuth getragen, ehe Er das Strafgericht an ihm vollzogen habe. Gott lasse sich nicht die Hände binden, weder im Gutesthun noch im Strafen, wenn die lange geschonten Sünder nicht aufhören wollen, vielmehr durch seine Geduld sich noch mehr verstocken. 4) Auch sei es nicht ungerecht, wenn Gott den Verstockten beschuldige; denn Gott ist unbedingt allmächtig, und es gebührt nicht der Creatur, den Schöpfer zur Rede zu stellen V. 19-24. Um so weniger, als Gott von seinem unbedingten Rechte nicht einmal unbedingten Gebrauch macht, sondern die Verworfenen lange genug in Geduld trägt, ehe Er sie seinem Zorngerichte Preis giebt, und zugleich Alles thut, um an den Erwählten den Reichthum seiner Herrlichkeit zu offenbaren. So tritt nicht nur seine Gnade in’s hellste Licht, sondern auch seine Strafgerechtigkeit selbst erscheint noch durch Langmuth gemildert. 5) Zum Schluß kehrt Paulus zum Ausgangspunkt des Kapitels zurück, nämlich zur Thatsache des Ausschlusses Israels vom Heil in Christo und Annahme der Heidenwelt an seiner Statt. Diese Thatsache widerspricht so wenig den Verheißungen des alten Testaments, daß sie im Gegentheil durch die Propheten bereits vorherverkündigt ist, V. 25-29. Darauf bezeichnet Paulus den Grund der Verwerfung Israels V. 30-33, nämlich Israels Werkgerechtigkeit und Abneigung, sich der göttlichen Forderung des Glaubens zu unterwerfen. Die Schuld liegt also auf Israels Seite allein.
Dasselbe gilt auch von uns. Sind wir erwählet, so ist der Grund nicht irgend eine Würdigkeit noch ein Verdienst von uns, das Gott angesehen hat, sondern nur in Christo hat Er uns angesehen. Gehen wir verloren, so liegt die Schuld allein, wie bei Israel, an unserm Unglauben, der das dargebotene Heil verwirft. In Gott ist keine Willkühr, kein Handeln nach Gunst oder Laune, sondern eitel Licht und keine Finsterniß, kein Widerspruch; und es ist eine Keckheit der menschlichen Vernunft, wenn sie weiter in das Geheimniß der göttlichen Gnade zur menschlichen Freiheit eindringen und es sich beliebig zurecht legen will. Halte daran fest, daß in deinem Leben wie in deinem Christenthum Alles Gnade ist, und du bleibst bewahrt vor allen nachtheiligen Folgen der Lehre von der Gnadenwahl. (Friedrich Arndt)
Kapitel 10
10:1 Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist, und flehe auch zu GOtt für Israel, daß sie selig werden.
10:2 Denn ich gebe ihnen das Zeugnis, daß sie eifern um GOtt, aber mit Unverstand.
10:3 Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor GOtt gilt, und trachten, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und sind also der Gerechtigkeit, die vor GOtt gilt, nicht untertan.
10:4 Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubet, der ist gerecht.
10:5 Mose schreibt wohl von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt: Welcher Mensch dies tut, der wird darinnen leben.
10:6 Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht also: Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren? (Das ist nichts anderes, denn Christum herabholen.)
10:7 Oder: Wer will hinab in die Tiefe fahren? (Das ist nichts anderes, denn Christum von den Toten holen.)
10:8 Aber was sagt sie? Das Wort ist dir nahe, nämlich in deinem Munde und in deinem Herzen. Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.
10:9 Denn so du mit deinem Munde bekennest JEsum, daß er der HErr sei, und glaubest in deinem Herzen, daß ihn GOtt von den Toten auferweckt hat, so wirst du selig.
10:10 Denn so man von Herzen glaubet, so wird man gerecht, und so man mit dem Munde bekennet, so wird man selig.
10:11 Denn die Schrift spricht: Wer an ihn glaubet, wird nicht zuschanden werden.
10:12 Es ist hier kein Unterschied unter Juden und Griechen; es ist aller zumal ein HErr, reich über alle, die ihn anrufen.
10:13 Denn wer den Namen des HErrn wird anrufen, soll selig werden.
10:14 Wie sollen sie aber anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber glauben, von dem sie nichts gehöret haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?
10:15 Wie sollen sie aber predigen, wo sie nicht gesandt werden? wie denn geschrieben stehet: Wie lieblich sind die Füße derer, die den Frieden verkündigen, die das Gute verkündigen!
10:16 Aber sie sind nicht alle dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht: HErr, wer glaubet unserm Predigen?
10:17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort GOttes.
10:18 Ich sage aber: Haben sie es nicht gehörte? Zwar es ist je in alle Lande ausgegangen ihr Schall und in alle Welt ihre Worte.
10:19 Ich sage aber: Hat es Israel nicht erkannt? Der erste Mose spricht: Ich will euch eifern machen über dem, das nicht mein Volk ist, und über einem unverständigen Volk will ich euch erzürnen.
10:20 Jesaja aber darf wohl so sagen: Ich bin erfunden von denen, die mich nicht gesucht haben, und bin erschienen denen die nicht nach mir gefragt haben.
10:21 Zu Israel aber spricht er: Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestrecket zu dem Volk, das sich nicht sagen lässet und widerspricht.
In diesem Kapitel führt Paulus den Schlußsatz des vorigen noch weiter aus, daß nämlich im Christenthum Alles auf des Menschen Glauben oder Unglauben ankomme; der Herr fordere nur den Glauben, um uns für gerecht zu erklären V. 1-4; eine solche Rechtfertigung durch den Glauben an Christum sei ja auch für uns viel leichter, als wenn Gott sie von unsern Werken abhängig gemacht hätte V. 5-13, und Gott habe auch den Israeliten die Kunde von dieser Heilslehre nicht vorenthalten, sondern hinlänglich predigen lassen, so daß sie keine Entschuldigung haben. V. 14-21. Auch mir hast Du Dein Wort von der Gnade verkündigen lassen von meiner Jugend an; es giebt keine Zeit meines Lebens, in der nicht sein Heilsruf an mich ergangen wäre; bald lauter, bald leiser, aber immer ist sein Schall mir in Ohr und Herz gedrungen. Habe ich ihn nicht gehört, so war es meine Schuld allein, meine Zerstreutheit, meine Trägheit, meine Vergeßlichkeit, meine Herzenskälte und Gleichgültigkeit; ist Dein Wort lebendig gewesen, es war Deine Gnade, die mein Herz herumgeholt hat vom Verderben. O laß mich es allezeit hören und glauben und nie aus Deiner Gnade herausfallen. Bringe es aber auch zu denen, die es noch nicht hören und glauben: Du willst ja, daß allen Menschen geholfen werde und alle zur Erkenntniß der Wahrheit kommen, und bist ein Herr, reich über alle, die Dich anrufen. Möge es nie von uns heißen: „Den ganzen Tag habe ich meine Hand ausgestreckt zu einem Volk, das sich nicht sagen läßt und wiederspricht!“ Möge in immer weiteren Kreisen das Gebet und Bekenntniß eine Wahrheit sein und Erhörung finden: (Friedrich Arndt)
Kapitel 11
11:1 So sage ich nun: Hat denn GOtt sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Denn ich bin auch ein Israelit von dem Samen Abrahams, aus dem Geschlecht Benjamin.
11:2 GOtt hat sein Volk nicht verstoßen, welches er zuvor versehen hat. Oder wisset ihr nicht, was die Schrift sagt von Elia, wie er tritt vor GOtt wider Israel und spricht:
11:3 HErr, sie haben deine Propheten getötet und haben deine Altäre ausgegraben; und ich bin allein überblieben, und sie stehen mir nach meinem Leben?
11:4 Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? Ich habe mir lassen überbleiben siebentausend Mann, die nicht haben ihre Kniee gebeuget vor dem Baal.
11:5 Also gehet's auch jetzt zu dieser Zeit mit diesen Überbliebenen nach der Wahl der Gnaden.
11:6 Ist's aber aus Gnaden, so ist's nicht aus Verdienst der Werke, sonst würde Gnade nicht Gnade sein. Ist's aber aus Verdienst der Werke, so ist die Gnade nichts, sonst wäre Verdienst nicht Verdienst.
11:7 Wie denn nun? Was Israel sucht, das erlangt es nicht; die Wahl aber erlanget es. Die andern sind verstockt,
11:8 wie geschrieben stehet: GOtt hat ihnen gegeben einen erbitterten Geist, Augen, daß sie nicht sehen, und Ohren, daß sie nicht hören, bis auf den heutigen Tag.
11:9 Und David spricht: Laß ihren Tisch zu einem Strick werden und zu einer Berückung und zum Ärgernis und ihnen zur Vergeltung.
11:10 Verblende ihre Augen, daß sie nicht sehen, und beuge ihren Rücken allezeit.
11:11 So sage ich nun: Sind sie darum angelaufen, daß sie fallen sollten? Das sei ferne! Sondern aus ihrem Fall ist den Heiden das Heil widerfahren, auf daß sie denen nacheifern sollten.
11:12 Denn so ihr Fall der Welt Reichtum ist, und ihr Schade ist der Heiden Reichtum, wieviel mehr, wenn ihre Zahl voll würde?
11:13 Mit euch Heiden rede ich; denn dieweil ich der Heiden Apostel bin, will ich mein Amt preisen,
11:14 ob ich möchte die, so mein Fleisch sind, zu eifern reizen und ihrer etliche selig machen.
11:15 Denn so ihr Verlust der Welt Versöhnung ist, was wäre das anders, denn das Leben von den Toten nehmen?
11:16 Ist der Anbruch heilig, so ist auch der Teig heilig, und so die Wurzel heilig ist, so sind auch die Zweige heilig.
11:17 Ob aber nun etliche von den Zweigen zerbrochen sind, und du, da du ein wilder Ölbaum warest, bist unter sie gepfropfet und teilhaftig worden der Wurzel und des Safts im Ölbaum,
11:18 so rühme dich nicht wider die Zweige. Rühmest du dich aber wider sie, so sollst du wissen, daß du die Wurzel nicht trägest, sondern die Wurzel träget dich.
11:19 So sprichst du: Die Zweige sind zerbrochen, daß ich hineingepfropfet würde.
11:20 Ist wohl geredet. Sie sind zerbrochen um ihres Unglaubens willen; du stehest aber durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich.
11:21 Hat GOtt der natürlichen Zweige nicht verschonet, daß er vielleicht dein auch nicht verschone.
11:22 Darum schaue die Güte und den Ernst GOttes: den Ernst an denen, die gefallen sind, die Güte aber an dir, soferne du an der Güte bleibest; sonst wirst du auch abgehauen werden.
11:23 Und jene, so sie nicht bleiben in dem Unglauben, werden sie eingepfropfet werden; GOtt kann sie wohl wieder ein pfropfen.
11:24 Denn so du aus dem Ölbaum, der von Natur wild war, bist ausgehauen und wider die Natur in den guten Ölbaum gepfropfet, wieviel mehr werden die natürlichen eingepfropfet in ihren eigenen Ölbaum!
11:25 Ich will euch nicht verhalten, liebe Brüder, dieses Geheimnis, auf daß ihr nicht stolz seid. Blindheit ist Israel einesteils widerfahren, so lange, bis die Fülle der Heiden eingegangen sei,
11:26 und also das ganze Israel selig werde, wie geschrieben stehet: Es wird kommen aus Zion, der da erlöse und abwende das gottlose Wesen von Jakob.
11:27 Und dies ist mein Testament mit ihnen, wenn ich ihre Sünden werde weg nehmen.
11:28 Nach dem Evangelium halte ich sie für Feinde um euretwillen; aber nach der Wahl habe ich sie lieb um der Väter willen.
11:29 GOttes Gaben und Berufung mögen ihn nicht gereuen.
11:30 Denn gleicherweise, wie auch ihr nicht habt geglaubet an GOtt, nun aber habt ihr Barmherzigkeit überkommen über ihrem Unglauben,
11:31 also auch jene haben jetzt nicht wollen glauben an die Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, auf daß sie auch Barmherzigkeit überkommen.
11:32 Denn GOtt hat alles beschlossen unter den Unglauben, auf daß er sich aller erbarme.
11:33 O welch eine Tiefe des Reichtums, beide, der Weisheit und Erkenntnis GOttes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!
11:34 Denn wer hat des HErrn Sinn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen?
11:35 Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, das ihm werde wieder vergolten?
11:36 Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.
Mit diesem Kapitel schließt der Apostel die im 9. Kapitel angefangene Gedankenreihe, indem er an die demüthigende Strafrede wegen der gegenwärtigen Verstoßung Israels ein erhebendes Trostwort über seine Zukunft knüpft. Er sagt V. 1-10, Gott habe sein Volk nicht verstoßen, sondern nach gnädiger Auswahl einen Theil desselben zum Heil in Christo gelangen lassen, der, wie durch Gnade erwählt, so auch seinerseits die Gnade statt der Werke erwählt, während Er die Uebrigen freilich der Verhärtung Preis gegeben hat. Doch (V. 11-15) die Verhärtung Israels ist nicht göttlicher Endzweck, sondern nur Mittelzweck der göttlichen Liebe, zunächst in Beziehung auf die Heidenwelt, dann aber auch in Beziehung auf Israel selbst. Hieran schließt Paulus (V. 16-24) eine Warnung an die Heiden, sich nicht zu überheben und Israel hochmüthig zu verachten. Zumal (V. 25-32) nach Eingang der Heidenmassen Israel sich bekehren wird, welche Thatsache theils in der Schrift vorherverkündigt ist, theils in Gottes Treue, Mannigfaltigkeit und Allgemeinheit der göttlichen Barmherzigkeit liegt. Hiernach bricht er aus in einen Preis der göttlichen Weisheit und Majestät (V. 33-36), und mit Recht. Denn wenn irgendwo, so erkennen wir in der Leitung der Völker und der einzelnen Menschen den lebendigen, persönlichen Gott, der Alles macht nach dem Rath seines Willens und Alles schafft, was wir vor- oder nachher thun. Gott sind alle seine Werke bewußt von der Welt her, sind geschrieben in sein Buch. Alles dient nur dem Einen Rathschlusse, dem Einen Mann, dem Willen deß, der Baumeister und Schöpfer des Jerusalems da droben ist, der den Bauriß in seiner Hand hat und Alles, auch das Widerstreben der Feinde, das Toben der Hölle, die Lüge und den Mord Satans sich also zu unterwerfen weiß, daß Alles Ihn verherrlichen muß. Wie ruhig kann man da den Ereignissen zusehen, ob’s auch stürmt und Alles drunter und drüber zu gehen scheint: es geht zuletzt doch nur wie der Herr will! Hallelujah! Amen. (Friedrich Arndt)
Kapitel 12
12:1 Ich ermahne euch, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit GOttes, daß ihr eure Leiber begebet zum Opfer, das da lebendig, heilig und GOtt wohlgefällig sei, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst.
12:2 Und stellet euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf daß ihr prüfen möget, welches da sei der gute, der wohlgefällige und der vollkommene Gotteswille.
Da wird unsern lieben Abreisenden doch noch etwas Ernsteres nachgerufen. Wollen sie jetzt wieder in die Welt hinein, und nach dem Lauf dieser Welt sich stellen? Das doch wohl nicht, wenn sie die Heiligen Gottes bleiben wollen. Setzten sie sich doch damit gleich wieder weit vom lieben Gott, so daß Sein Schutz sie, so zu sagen, nicht mehr erreichen könnte. Wer als ein Heiliger vom HErrn bewahrt sein will, - das versteht sich von selbst, - darf dieser Welt sich nicht mehr gleich stellen; und es darf bei ihm nicht mehr nach dem alten Wesen gehen, wie es der natürliche Mensch nach der in ihm wohnenden Sünde gewohnt ist. Vielmehr werden die Heiligen, die unter den Schutz Gottes sich stellen, immer und überall sich prüfen, wie weit in all ihrem Thun der gute, der wohlgefällige und der vollkommene Wille Gottes mitlaufe. Wenn sie merken, daß es irgendwo fehlt, so machen sie's anders. Sie erneuern immer wieder ihren Sinn dem Willen Gottes nach, prüfen auch allezeit, mit was sie's gut, Gott wohlgefällig und ganz recht machten, und werden so erst die rechten Heiligen Gottes. Je weiter es darin Einer bringt, desto herrlicher wird auch die Bewahrung sein, die er von dem HErrn erfahren darf.
Sind wir in dem, was zur Erneuerung gehört, treu, so werden wir auch leicht über den Kleinmuth und die Verzagtheit hinüberkommen, wie es uns oft befallen will, wenn das Gedränge groß wird. Treue erhält den Mut auch bei Schwachheiten, und läßt uns immer wieder mit Vertrauen seufzen: „HErr hilf mir!“ Solche Seufzer aber hört der HErr. Der bewahre unsre Seelen auch in dem, daß wir im Vertrauen nicht matt werden, in der Erneuerung unseres Sinnes nicht nachlassen, dem Treiben der Welt nicht zu nahe kommen, damit Ihm nie Ursache gegeben werde, uns Seinen helfenden Schirm und Schutz zu entziehen! Er gedenke derer, die jetzt abreisen, und gedenke derer, die bleiben, und wolle Seine Liebeshand nach allen ausstrecken und alles in allem zum Guten lenken nach Seiner Barmherzigkeit! (Christoph Blumhardt)
12:3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedermann unter euch, daß niemand weiter von sich halte, denn sich's gebührt zu halten, sondern daß von sich mäßiglich halte, ein jeglicher nachdem GOtt ausgeteilet hat das Maß des Glaubens.
12:4 Denn gleicherweise, als wir in einem Leibe viel Glieder haben, aber alle Glieder nicht einerlei Geschäft haben,
12:5 also sind wir viele ein Leib in Christo; aber untereinander ist einer des andern Glied.
12:6 Und haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.Hat jemand Weissagung, so sei sie dem Glauben ähnlich.
12:7 Hat jemand ein Amt so warte er des Amts. Lehret jemand, so warte er der Lehre.
12:8 Ermahnet jemand, so warte er des Ermahnens. Gibt jemand, so gebe er einfältiglich. Regieret jemand, so sei er sorgfältig. Übet jemand Barmherzigkeit, so tu er's mit Lust.
12:9 Die Liebe sei nicht falsch. Hasset das Arge, hanget dem Guten an.
12:10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
12:11 Seid nicht träge, was ihr tun sollt. Seid brünstig im Geiste. Schicket euch in die Zeit.
12:12 Seid fröhlich in Hoffnung; geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.
12:13 Nehmet euch der Heiligen Notdurft an. Herberget gerne.
12:14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und fluchet nicht.
12:15 Freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden.
12:16 Habt einerlei Sinn untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den Niedrigen.
12:17 Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Fleißiget euch der Ehrbarkeit gegen jedermann.
12:18 Ist es möglich, soviel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden.
12:19 Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn; denn es stehet geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der HErr.
12:20 So nun deinen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.
12:21 Laß dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
O Herr Jesu Christe, des lebendigen Gottes Sohn, Du Spiegel der göttlichen Majestät und ewigen Klarheit, der Du uns geliebt hast bis an’s Ende, und aus brünstiger Liebe am Kreuz für uns arme Sünder gestorben bist, und uns damit vom ewigen Tode erlöset und ein Vorbild der rechten inbrünstigen Liebe gelassen hast, nach welchem wir Dich über alle Dinge und von ganzem Herzen lieb haben, Dein Wort halten und uns nach Deinem neuen Gebot und Beispiel unter einander herzlich lieben, uns damit als Deine rechtschaffenen Jünger und wahre Christen beweisen sollen: verleihe, daß solches nun auch unter uns wirklich also geschehe, wie Du es von uns haben willst. Gieb, daß sich ein jeder Christ des andern, als Glied Eines Leibes, mit brüderlicher Liebe und herzlicher Treue annehme; dazu, daß solche Liebe nicht falsch oder erdichtet, sondern rechtschaffen und ungefärbt sei; daß wir uns unter einander nicht nur mit Worten und mit der Zunge, sondern mit der That und der Wahrheit lieb haben.
Entzünde durch Deinen heiligen Geist unsere Herzen, daß wir nach Deinem Vorbild auch unsere Feinde lieben, und Gutes thun denen, die uns hassen und verfolgen, und Dir die Rache in allen Dingen mit Geduld übergeben. O Du Sohn Gottes, nimm von uns weg allen Haß, Neid, Feindschaft; alle Bitterkeit sammt aller Bosheit laß ferne von uns sein, auf daß wir nicht das Band der Vollkommenheit trennen und auflösen. Hilf, daß wir einander von Herzensgrund verzeihen, gleich wie Du uns vergeben hast, und daß wir die Sonne nicht lassen untergehen über unsern Zorn, auch nicht Raum geben dem Lästerer.
Ja, Herr, gieb Gnade, daß wir Dir dienen in rechtschaffenem Glauben, der durch die Liebe kräftig und thätig ist, auf daß wir in Dir ewiglich bleiben und Du in uns, also, daß uns weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstenthum noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine andere Kreatur von Deiner ewigwährenden Liebe abscheiden könne, der Du lebest und regierest mit dem Vater und heiligen Geist in Ewigkeit. Amen. (Friedrich Arndt)
Kapitel 13
13:1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von GOtt; wo aber Obrigkeit ist, die ist von GOtt verordnet.
13:2 Wer sich nun wider die Obrigkeit setzet, der widerstrebet GOttes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen.
13:3 Denn die Gewaltigen sind nicht den guten Werken, sondern den bösen zu fürchten. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, so wirst du Lob von derselbigen haben;
13:4 denn sie ist GOttes Dienerin dir zu gut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; sie ist GOttes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut.
13:5 So seid nun aus Not untertan, nicht allein um der Strafe willen, sondern auch um des Gewissens willen.
13:6 Derhalben müsset ihr auch Schoß geben; denn sie sind GOttes Diener, die solchen Schutz sollen handhaben.
13:7 So gebet nun jedermann, was ihr schuldig seid: Schoße dem der Schoß gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.
13:8 Seid niemand nichts schuldig, denn daß ihr euch untereinander liebet; denn wer den andern liebet, der hat das Gesetz erfüllet.
13:9 Denn das da gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; dich soll nichts gelüsten, und so ein ander Gebot mehr ist, das wird in diesem Wort verfasset: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst:
13:10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
13:11 Und weil wir solches wissen, nämlich die Zeit, daß die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, sintemal unser Heil jetzt näher ist, denn da wir's glaubten,
13:12 die Nacht ist vergangen, der Tag aber herbeikommen: so lasset uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichtes.
So ruft uns die Epistel am ersten Adventsonntage zu, und verkündigt uns damit die Adventszeit als eine Morgenzeit, den Adventsruf als einen Morgenruf. So ziemt es uns denn auch, sie als eine Morgenzeit zu feiern und zu benutzen; denn Morgenstunde hat Gold im Munde, und ist der Anbruch heilig, so ist der ganze Tag heilig; ist der Anfang des Kirchenjahres ein gesegneter, so wird auch das ganze Jahr ein gesegnetes sein. Was tut der Mensch aber am Morgen? Er wacht auf und steht auf. So wollen auch wir, wir morgen bis jetzt in Sicherheit und Sorglosigkeit, in Selbsttäuschung und Selbstverblendung geschlafen haben, oder nach der ersten Erweckung wieder schläfrig, nach der ersten Liebe wieder lau und matt geworden sein, aus unserm geistlichen Schlafe aufwachen, uns den Schlaf aus den Augen reiben, uns neu aufraffen und ermannen und aufstehen. Wenn Einer noch so schlaftrunken wäre und seine Augen noch so sehr mit Müdigkeit kämpften, sollte er nicht munter werden, wenn man ihm zuriefe: „Wache auf, stehe auf! Der Sohn des Königs, der Erbe seines Thrones ist gekommen; er steht vor deiner Tür! Er will bei dir einkehren! Er hat dir viel Geschenke mitgebracht! Er will dich aus aller deiner Not herausreißen! Er will alle deine Schulden bezahlen! Du sollst diese deine elende Hütte verlassen, er will dich mit sich nehmen in seine Stadt! Er will dich als seinen Bruder betrachten! Er will dich dereinst neben sich zu seiner Seite auf seinem Throne sitzen lassen!?“ Das aber ist es, was uns jeder Advent von neuem verkündigt. - Was tut der Mensch ferner am Morgen, wenn er aufsteht? Er zieht sich an. So wollen auch wir anziehen die Kleider des Heils, anziehen den Herrn Jesum Christum; ablegen die Nachtkleider, die Werke der Finsternis, und anlegen die Waffen des Lichts. Denn Kleider machen Leute. Durch das Kleid Jesu Christi werden wir erst etwas zum Lobe seiner Herrlichkeit. Durch das Kleid Jesu Christi gewinnt Er erst in uns eine Gestalt, so daß Gott uns nicht mehr ansieht, wie wir sind, in unsern Sünden, sondern Christum in uns ansieht in der Fülle seiner Tugenden und Verdienste. - Was tut endlich der Mensch am Morgen, wenn er sich angezogen hat? Er geht an seine Arbeit und beginnt sein Tagewerk. So wollen auch wir ehrbarlich wandeln als am Tage, das Ehrenkleid Jesu Christi nicht wieder beflecken durch neue Sünden und Missetaten, und in unserm Reden, Thun und Lassen, in unserm Verhalten gegen Freund und Feind, unter Freuden und Leiden, im häuslichen und im öffentlichen Leben beweisen, daß wir Jünger Jesu sind. Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen. So laßt uns wirken die Werke des Herrn, so lange es Tag ist! (Friedrich Arndt)
13:13 Lasset uns ehrbarlich wandeln, als am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Hader und Neid.
13:14 sondern ziehet an den HErrn JEsum Christum und wartet des Leibes, doch also, daß er nicht geil werde.
Ewiger und barmherziger Gott, der Du selbst die Liebe bist, verleihe mir den Reichthum der wahren und reinen geistigen Liebe. Mein Herz ist kalt und irden: o Feuer, o Liebe, entzünde mich! Mein Herz ist hart und steinern; o Fels, o Liebe, erweiche mich! Mein Herz ist mit den Dorngesträuchen des Zorns und Hasses erfüllt: o gütigster Vater, o Liebe, reinige mich! Ich will Dich lieben, Gott, meine Stärke, mein Fels und meine Burg, mein Erretter, mein Schild und Horn meines Heils! Was ich an den Kreaturen Gutes und Vorzügliches sehe, das finde ich Alles noch reichlicher und vortrefflicher in Dir, der Du das höchste Gut bist; Dich will ich daher von ganzem Herzen über alles lieben. Je mehr ich in Dich eingehen werde, desto besser werde ich’s haben, da es nichts Besseres giebt, als Dich. Wenn ich nach Schönheit verlange: Du bist der Schönste unter Allen; wenn ich Weisheit begehre: Du bist der Weiseste unter Allen; wenn ich mir Reichthum wünsche: Du bist der Reichste unter Allen; wenn ich Macht liebe: Du bist der Mächtigste unter Allen; wenn ich Ehre liebe: Du bist der Glorreichste unter Allen. Du hast mich von Ewigkeit geliebt: ich will Dich wieder lieben in Ewigkeit. Du hast mich geliebt, indem Du Dich selbst mir gabst: ich will Dich lieben, indem ich mich ganz durch die Liebe Dir wieder gebe. Mein Herz entbrenne in mir; alle Kreatur werde mir nichts; Du allein sollst meiner Seele süß werden. Ich würde Dir und mir ein großes Unrecht thun, wenn ich das Irdische, Verächtliche und Mittelmäßige liebte, da Du mich so werth gehalten und mir so reiche Versprechungen gegeben hast, daß ich Dich lieben dürfe. Aus dieser Liebe zu Dir erwachse auch in meinem Herzen die aufrichtige Liebe zum Nächsten. Wer Dich liebt, der hält auch Deine Gebote; wenn Du daher den Nächsten zu lieben befohlen hast, so liebt Dich eben deßhalb Niemand aufrichtig, der dem Nächsten nicht die schuldige Liebe erweist. Wer nun auch mein Nächster sei: Du hast ihn so werth gehalten, daß Du ihn wunderbar schufst, erbarmungsvoll erlösetest, und mit großer Gnade zur Gemeinschaft Deines Reiches beriefest. In Dir und um Deinetwillen soll ich daher meinen Nächsten lieben, den ich von Deiner Güte zum Schmuck einer solchen Herrlichkeit erhoben sehe. Diese wahre und aufrichtige Liebe wollest Du in mir kräftigen und mehren, der Du bist die ewige und unveränderliche Liebe. Amen. (Friedrich Arndt)
Kapitel 14
14:1 Den Schwachen im Glauben nehmet auf und verwirret die Gewissen nicht.
14:2 Einer glaubt, er möge allerlei essen; welcher aber schwach ist, der isset Kraut.
14:3 Welcher isset, der verachte den nicht, der da nicht isset; und welcher nicht isset, der richte den nicht, der da isset; denn GOtt hat ihn aufgenommen.
14:4 Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest? Er stehet oder fället seinem Herrn. Er mag aber wohl aufgerichtet werden; denn GOtt kann ihn Wohl aufrichten.
14:5 Einer hält einen Tag vor dem andern; der andere aber hält alle Tage gleich. Ein jeglicher sei seiner Meinung gewiß.
14:6 Welcher auf die Tage hält, der tut's dem HErrn; und welcher nichts darauf hält, der tut's auch dem HErrn. Welcher isset, der isset dem HErrn; denn er danket GOtt. Welcher nicht isset, der isset dem HErrn nicht und danket GOtt.
14:7 Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.
14:8 Leben wir, so leben wir dem HErrn; sterben wir, so sterben wir dem HErrn. Darum, wir leben oder sterben, so sind wir des HErrn.
14:9 Denn dazu ist Christus auch gestorben und auferstanden und wieder lebendig worden, daß er über Tote und Lebendige HErr sei.
14:10 Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du anderer, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor dem Richterstuhl Christi dargestellt werden,
14:11 nachdem geschrieben stehet: So wahr als ich lebe, spricht der HErr, mir sollen alle Kniee gebeuget werden, und alle Zungen sollen GOtt bekennen.
14:12 So wird nun ein jeglicher für sich selbst GOtt Rechenschaft geben.
14:13 Darum lasset uns nicht mehr einer den andern richten, sondern das richtet vielmehr, daß niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis darstelle.
14:14 Ich weiß und bin's gewiß in dem HErrn JEsu, daß nichts gemein ist an sich selbst; ohne der es rechnet für gemein, demselbigen ist's gemein.
14:15 So aber dein Bruder über deine Speise betrübet wird, so wandelst du schon nicht nach der Liebe. Lieber, verderbe den nicht mit deiner Speise, um welchen willen Christus gestorben ist!
14:16 Darum schaffet, daß euer Schatz nicht verlästert werde!
14:17 Denn das Reich GOttes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geiste.
14:18 Wer darinnen Christo dienet, der ist GOtt gefällig und den Menschen wert.
14:19 Darum lasset uns dem nachstreben, was zum Frieden dienet, und was zur Besserung untereinander dienet.
14:20 Lieber, verstöre nicht um der Speise willen GOttes Werk! Es ist zwar alles rein, aber es ist nicht gut dem, der es isset mit einem Anstoß seines Gewissens.
14:21 Es ist besser, du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein oder das, daran sich dein Bruder stößet oder ärgert oder schwach wird.
14:22 Hast du den Glauben, so habe ihn bei dir selbst vor GOtt. Selig ist, der sich selbst kein Gewissen macht in dem, was er annimmt.
14:23 Wer aber darüber zweifelt und isset doch, der ist verdammt; denn es gehet nicht aus dem Glauben. Was aber nicht aus dem Glauben gehet, das ist Sünde.
Das ist nur zu wahr, daß das Reich Gottes nicht Essen und Trinken ist, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geiste. Wenn die damaligen Christen aus den Juden noch ängstlich an der Beobachtung der alttestamentlichen Speisegesetze festhielten und dadurch über die Heidenchristen erhaben zu sein glaubten, und wenn dagegen die Christen aus den Heiden sich gar keine Bedenklichkeiten machten über die Speisen und mitleidig, vornehmstolz auf die befangenen Judenchristen herabblickten, und beide Theile darüber in Zwistigkeiten gerathen waren: so erhoben sie unwesentliche Dinge zur Hauptsache und vergaßen diese über lauter Nebensachen. Ihr stellt euch zwar an, will Paulus sagen, als kämpftet ihr über das Reich Gottes; aber am Ende streitet ihr über Essen und Trinken, und vergeßt darüber, nach dem Reiche Gottes selber zu trachten. Das Reich Gottes ist Gerechtigkeit, Gerechtigkeit des Glaubens und des Lebens, jene die Wurzel, diese die Frucht, - und Friede im Glauben an den Heiland, Friede mit Gott und Friedfertigkeit mit dem Nächsten, - und Freude über die empfangene Begnadigung, heiterer Sinn, kindliche Genügsamkeit mit Wenigem, nützliche Thätigkeit fürs allgemeine Beste, vor allem Freude an dem Herrn, an den Geheimnissen der Erlösung, an den fruchtbaren Auen des göttlichen Wortes, den Tröstungen des Gebets, das selige Warten auf den seligen Himmel. Wer nach diesen Gütern trachtet und sie bei Christo sucht, ist ein seliger Mensch, und wird dann auch das rechte Verfahren zu beobachten wissen in Beziehung auf jene und andere unwesentliche Außendinge, und frei bleiben eben so sehr vom hochmüthigen Verachten wie vom lieblosen Richten anderer. Es sind nicht alle Christen nach einer Form zugeschnitten; auch im Reiche der Gnade findet eine große Mannigfaltigkeit Statt, und es werden allerlei Kinder in Zion geboren. Wenn’s nur Kinder sind! wenn sie nur aufs neue geboren werden! wenn sie nur in Zion wohnen, in der Stadt und Gemeinde des lebendigen Gottes! Amen. (Friedrich Arndt)
Kapitel 15
15:1 Wir aber, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen und nicht Gefallen an uns selber haben.
15:2 Es stelle sich aber ein jeglicher unter uns also, daß er seinem Nächsten gefalle zum Guten, zur Besserung.
15:3 Denn auch Christus nicht an sich selber Gefallen hatte, sondern wie geschrieben stehet: Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind über mich gefallen.
15:4 Was aber zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf daß wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben.
Ausser der Propheten Schrifft/ oder der lere des Euangelii/ durch die Propheten und Apostele uns dargethan/ findet menschliche Weisheit/ kein waren / gewissen trost/ darauff sie möcht fussen/ und sich zu frieden stellen. Die Schrifft oder Gottes wort aber allein zeigt uns solchen Trost an.
Nu ist aber dis die Summa des selben Trosts in allerley trübsal jamer und not. Gottes wort leret uns/ das Gott das Creutz sonderlich seiner Kirchen aufflade/ in dieser Welt/ umb der ubrigen Sünde willen/ die jr noch ankleben bis in den Tod. Umb der ursach willen/ sollen wir Christen gedult in unserm leiden haben.
Zu dem sollen wir auch in solchem gehorsam vleissig acht haben/ auff die göttlichen Verheissunge/ uns der selben in unsern trübsaln trösten/ Und dem nach/ wie sie lauten/ gewislich schliessen/ Das Gott sich unser anneme/ und fur uns sorge/ als fur die/ so er hertzlich lieb hat. Darumb wir auch gewislich hülffe und rettung/ aus aller not/ von jm erwarten sollen. (Caspar Cruciger)
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Die Schrift ist nach dem gegebenen Spruch uns zur Lehre geschrieben. Paulus meint unter dem zuvor Geschriebenen das Alte Testament. Dieses sagt uns in jedem Wort etwas, besonders, wenn der HErr selber redet. In jedem Wort können wir etwas finden, das uns zur Unterweisung und Lehre dienen kann. Oft scheint es nichts zu sagen; aber wenn man tiefer blickt, sagt es sehr viel. Das Alte Testament sollte einen viel größeren Wert für uns haben, als man's gewöhnlich wahrnimmt. Vornehmlich lehrt es uns Geduld und Trost mit Bezug auf das, was zu hoffen ist. Es sagt uns so viel von dem, was kommen sollte; und weil's lang währt, bis das Verheißene kommt, lehrt's uns an denen, die drauf warteten, und sich dran hielten, obwohl sie's noch nicht sahen, Geduld. Von den ersten Kapiteln an steht die Schrift in der Erwartung eines großen Heils; und durch die ganze Schrift läufts durch. Das ist die Geduld der Schrift, die unermüdlich zu verheißen fortfährt, ob's gleich durch Jahrtausende läuft. Unter dieser Geduld- und Erwartungszeit weiß die Schrift auch Trost zu geben.
Leben wir nun mit der Geduld und mit dem Trost der Schrift, nun auch des Neuen Testaments, das uns auch viel noch Unerfülltes verkündigt, fort, so lebt auch unsre Hoffnung fort, daß wir doch endlich mit allem ans Ziel kommen werden. Was ists aber um diese Hoffnung? Sie dürfen wir mitten unter Kämpfen und Anfechtungen aller Art und trotz des langen Wartens, auf das wir verwiesen sind, uns nicht nehmen lassen. Der HErr erhalte uns in ihr! (Christoph Blumhardt)
15:5 GOtt aber der Geduld und des Trostes gebe euch, daß ihr einerlei gesinnet seid untereinander nach JEsu Christo,
15:6 auf daß ihr einmütiglich mit einem Munde lobet GOtt und den Vater unsers HErrn JEsu Christi.
15:7 Darum nehmet euch untereinander auf, gleichwie euch Christus hat aufgenommen zu GOttes Lobe.
15:8 Ich sage aber, daß JEsus Christus sei ein Diener gewesen der Beschneidung um der Wahrheit willen GOttes, zu bestätigen die Verheißung, den Vätern geschehen,
15:9 daß die Heiden aber GOtt loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben stehet: Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.
15:10 Und abermal spricht er: Freuet euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!
15:11 Und abermal: Lobet den HErrn, alle Heiden, und preiset ihn, alle Völker!
15:12 Und abermal spricht Jesaja: Es wird sein die Wurzel Jesse, und der auferstehen wird, zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.
15:13 GOtt aber der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, daß ihr völlige Hoffnung habet durch die Kraft des Heiligen Geistes.
15:14 Ich weiß aber fast wohl von euch, liebe Brüder, daß ihr selbst voll Gütigkeit seid, erfüllet mit aller Erkenntnis, daß ihr euch untereinander könnet ermahnen.
15:15 Ich hab's aber dennoch gewagt und euch etwas wollen schreiben, liebe Brüder, euch zu erinnern, um der Gnade willen, die mir von GOtt gegeben ist,
15:16 daß ich soll sein ein Diener Christi unter den Heiden zu opfern das Evangelium GOttes, auf daß die Heiden ein Opfer werden, GOtt angenehm, geheiliget durch den Heiligen Geist.
15:17 Darum kann ich mich rühmen in JEsu Christo, daß ich GOtt diene.
15:18 Denn ich dürfte nicht etwas reden, wo dasselbige Christus nicht durch mich wirkte, die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk,
15:19 durch Kraft der Zeichen und Wunder und durch Kraft des Geistes GOttes, also daß ich von Jerusalem an und umher bis an Illyrikum alles mit dem Evangelium Christi erfüllet habe,
15:20 und mich sonderlich geflissen, das Evangelium zu predigen, wo Christi Name nicht bekannt war, auf daß ich nicht auf einen fremden Grund bauete
15:21 sondern wie geschrieben stehet: Welchen nicht ist von ihm verkündiget, die sollen's sehen, und welche nicht gehöret haben, sollen's verstehen.
15:22 Das ist auch die Sache, darum ich vielmal verhindert bin, zu euch zu kommen.
15:23 Nun ich aber nicht mehr Raum habe in diesen Ländern, habe aber Verlangen, zu euch zu kommen, von vielen Jahren her:
15:24 wenn ich reisen werde nach Spanien, will ich zu euch kommen. Denn ich hoffe, daß ich da durchreisen und euch sehen werde und von euch dorthin geleitet werden möge, so doch, daß ich zuvor mich ein wenig mit euch ergötze.
15:25 Nun aber fahre ich hin gen Jerusalem den Heiligen zu Dienst.
15:26 Denn die aus Mazedonien und Achaja haben williglich eine gemeine Steuer zusammengelegt den armen Heiligen zu Jerusalem.
15:27 Sie haben's williglich getan und sind auch ihre Schuldner. Denn so die Heiden sind ihrer geistlichen Güter teilhaftig worden, ist's billig, daß sie ihnen auch in leiblichen Gütern Dienst beweisen.
15:28 Wenn ich nun solches ausgerichtet und ihnen diese Frucht versiegelt habe, will ich durch euch nach Spanien ziehen.
15:29 Ich weiß aber, wenn ich zu euch komme, daß ich mit vollem Segen des Evangeliums Christi kommen werde.
15:30 Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, durch unsern HErrn JEsum Christum und durch die Liebe des Geistes, daß ihr mir helfet kämpfen mit Beten für mich zu GOtt,
15:31 auf daß ich errettet werde von den Ungläubigen in Judäa, und daß mein Dienst, den ich gen Jerusalem tue, angenehm werde den Heiligen,
15:32 auf daß ich mit Freuden zu euch komme durch den Willen GOttes und mich mit euch erquicke.
15:33 Der GOtt aber des Friedens sei mit euch allen! Amen.
In diesem Kapitel ermahnt Paulus weiter die Christen zu Rom zur geduldigen, demüthig tragenden, einigenden Liebe in Nachahmung des Hauptexempels Christi, der sich aller zusammen, Juden wie Heiden, in tiefster Selbsterniedrigung angenommen hat. V. 1-13. Dann verantwortet er sich, daß er als Heidenapostel auch an die Römer geschrieben habe, und drückt abermals seine Wünsche und Hoffnungen aus, daß er nun selbst bald persönlich zu ihnen kommen werde V. 14-24. Endlich meldet er, daß er den Weg über Jerusalem nehme, empfiehlt ihrer Liebessorge gar zart die dürftigen Judenchristen daselbst und ihrem Gebet empfiehlt er sich selbst V. 25-33. Dies der Hauptinhalt dieses Kapitels. Ich nehme mir insbesondere aus demselben aber den 13ten Vers heraus: Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Friede im Glauben, daß ihr völlige Hoffnung habet durch die Kraft des h. Geistes. Ohne Glauben giebt es allerdings für das Herz weder wahre noch bleibende Freude noch Frieden. Der Ungläubige hat auch seinen Frieden, seine Freuden aber sie sind nur Schein und von kurzer Dauer. Durch den Glauben hingegen kann Gott Alles zur Freude und zum Frieden machen, Tod und Leben, gute und böse Tage, Einsamkeit und Gemeinschaft. Ist die Freude und der Friede aber so ergriffen worden, dann haben wir auch völlige Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes. Die Hoffnung, die aus der Welt geschöpft wird, ist nie eine völlige und täuscht zuletzt immer, sie behält allezeit einen gewissen Grad von Aengstlichkeit und Ungewißheit. Nur was Gott giebt, ist etwas Völliges; solche Hoffnung ist dann auch eine Kraft, die auffahren läßt mit Flügeln wie Adler. In dieser Hoffnung ist der lebendige Tröster verborgen, der heilige Geist, der, wie er unsere Gegenwart mit aller Freude und Friede erfüllt durch den Glauben, auch unsere Zukunft uns so öffnet und nahe stellt, daß, was wir vor uns sehen, uns eben so erfüllt und eben so unser wird auf ewige Zeit, als die kurze Gegenwart. Wie viele Wahrheiten in wenigen Worten! Laß sie auch bei mir Kraft und Leben werde. Amen. (Friedrich Arndt)
Kapitel 16
16:1 Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe, welche ist am Dienste der Gemeinde zu Kenchreä,
16:2 daß ihr sie aufnehmet in dem HErrn, wie sich's ziemet den Heiligen, und tut ihr Beistand in allem Geschäfte, darinnen sie euer bedarf. Denn sie hat auch vielen Beistand getan, auch mir selbst.
16:3 Grüßet die Priscilla und den Aquila, meine Gehilfen in Christo JEsu,
16:4 welche haben für mein Leben ihre Hälse dargegeben, welchen nicht allein ich danke, sondern alle Gemeinden unter den Heiden.
16:5 Auch grüßet die Gemeinde in ihrem Hause. Grüßet Epänetum, meinen Liebsten, welcher ist der Erstling unter denen aus Achaja in Christo.
16:6 Grüßet Maria, welche viel Mühe und Arbeit mit uns gehabt hat.
16:7 Grüßet den Andronikus und den Junias, meine Gefreundeten und meine Mitgefangenen, welche sind berühmte Apostel und vor mir gewesen in Christo.
16:8 Grüßet Amplias, meinen Lieben in dem HErrn.
16:9 Grüßet Urban, unsern Gehilfen in Christo und Stachys, meinen Lieben.
16:10 Grüßet Apelles, den Bewährten in Christo. Grüßet, die da sind von des Aristobulus Gesinde.
16:11 Grüßet Herodionus, meinen Gefreundeten. Grüßet, die da sind von des Narcissus Gesinde in dem HErrn.
16:12 Grüßet die Tryphäna und die Tryphosa, welche in dem HErrn gearbeitet haben. Grüßet die Persida, meine Liebe, welche in dem HErrn viel gearbeitet hat.
16:13 Grüßet Rufus, den Auserwählten in dem HErrn, und seine und meine Mutter.
16:14 Grüßet Asynkritus und Phlegon, Hermas, Patrobas, Hermes und die Brüder bei ihnen.
16:15 Grüßet Philologus und die Julia, Nereus und seine Schwester und Olympas und alle Heiligen bei ihnen.
16:16 Grüßet euch untereinander mit dem heiligen Kuß. Es grüßen euch die Gemeinden Christi.
16:17 Ich ermahne aber euch, liebe Brüder, daß ihr aufsehet auf die, die da Zertrennung und Ärgernis anrichten neben der Lehre, die ihr gelernet habt, und weichet von denselbigen!
16:18 Denn solche dienen nicht dem HErr JEsu Christo, sondern ihrem Bauche; und durch süße Worte und prächtige Rede verführen sie die unschuldigen Herzen.
16:19 Denn euer Gehorsam ist unter jedermann auskommen. Derhalben freue ich mich über euch. Ich will aber, daß ihr weise seid aufs Gute, aber einfältig aufs Böse.
16:20 Aber der GOtt des Friedens zertrete den Satan unter eure Füße in kurzem! Die Gnade unsers HErrn JEsu Christi sei mit euch!
16:21 Es grüßen euch Timotheus, mein Gehilfe, und Lucius und Jason und Sosipater, meine Gefreundeten.
16:22 Ich, Tertius, grüße euch, der ich diesen Brief geschrieben habe, in dem HErrn.
16:23 Es grüßet euch Gajus, mein und der ganzen Gemeinde Wirt. Es grüßet euch Erastus, der Stadt Rentmeister, und Quartus, der Bruder.
16:24 Die Gnade unsers HErrn Jesu Christi sei mit euch allen! Amen.
16:25 Dem aber, der euch stärken kann laut meines Evangeliums und Predigt von JEsu Christo, durch welche das Geheimnis offenbaret ist, das von der Welt her verschwiegen gewesen ist,
16:26 nun aber offenbaret, auch kundgemacht durch der Propheten Schriften aus Befehl des ewigen GOttes, den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden:
16:27 demselbigen GOtt, der allein weise ist, sei Ehre durch Jesum Christum in Ewigkeit! Amen.
Es haben sich Manche über dieses und die gleichen Gruß-Kapitel in den paulinischen Briefen verwundert und sie für überflüssig und unnöthig, ja für unerbaulich gehalten. Aber mit nichten! In der heiligen Schrift ist nicht der kleinste Punkt unnöthig und überflüssig; auch der einfachste Gruß, der ganz unnöthig zu sein scheint, eröffnet ein Meer von Gedanken. Wer so viele Menschen so innig grüßen konnte, wie Paulus, mußte viele Freunde haben, und wer so viele Freunde besaß und auf dem Herzen betend vor Gott trug, mußte eine ganz besondere Innigkeit und Zärtlichkeit besitzen, um sie zu gewinnen. Dadurch widerlegt der Apostel zwei oft auftretende Vorurtheile, das eine, wonach das Evangelium die Vorliebe der Freundschaft ausschlösse, das andere, wonach es die menschlichen Zuneigungen überhaupt lockere und die Gefühle abstumpfe. Bei Paulus hat das Evangelium jene Vorliebe für Einige erhalten, und diese natürlichen Empfinden gestärkt und befestigt; ja, durch die Wärme und Lebendigkeit seiner Zuneigungen selbst eine gewisse Einfachheit und Natürlichkeit erhalten, welche mächtig dazu beitrug, sich die Herzen zu erobern. Das Evangelium ist eben so menschlich wie göttliche. Es macht einen Bund mit der gesunden Menschheit gegen die gefallene, mit dem Menschen, wie er sein sollte gegen den Menschen wie er ist, und ist darum in vollkommener Uebereinstimmung mit den wahren und bleibenden Bedürfnissen der menschlichen Natur. Das Christenthum Pauli ist ein wesentlich menschliches Christenthum: es hat weder den allgemeinen Charakter des Geschlechts, noch das Temperament des Einzelnen verändert. Das Evangelium wirkt bei ihm zugleich in die Tiefe und in die Breite. Nichts daran ist nur aufgetragen, Alles ist gediegen. Paulus ist ist ein christlicher, und darum um so besserer Freund. Er ist das Vorbild des Christen im Menschen, aber darum nicht minder das des Menschen im Christen. Unser Christenthum ist viel oberflächlicher; es ist in uns, aber es ist nicht wir selbst. Herr, hilf, daß es anders werde! (Friedrich Arndt)