Schlachter, Adolf - Heilige Anliegen der Kirche - Das Bekenntnis zur Gottheit Jesu. 1. Rede

Schlachter, Adolf - Heilige Anliegen der Kirche - Das Bekenntnis zur Gottheit Jesu. 1. Rede

Über die Gottheit Jesu gibt es notwendig zwei Theorien, die so unausrottbar sind wie der Glaube und der Unglaube, und weil sich die Grenze zwischen Glauben und Unglauben nicht mit den Grenzen der Kirche deckt, haben beide unter uns ihre Vertretung. Wie Jesus die Judenschaft des Täufers wegen vor die Entscheidung gestellt hat: entweder war seine Taufe von Gott oder von den Menschen, ebenso bieten sich uns zur Erklärung der Tatsache, dass Jesus das Prädikat der Gottheit empfangen hat, der Wille Gottes oder der des Menschen an. Nach der letzteren Erklärung soll Jesus die Gottheit von uns, von der Kirche, von den Aposteln empfangen haben; ihre Bedeutung bestände so darin, dass sie das Maß unserer Verehrung für ihn ausdrückt. Sie gilt dann als ein „Glaubensgedanke“ in jenem schlechten Sinn des Worts, wobei man beim Glauben bloß an ein subjektives Gebilde des Menschengeists denkt, der sich den konsequenten Abschluss seines Denkens und die volle Befriedigung seiner Wünsche damit verschaffen will, dass er Jesu Gottheit zumisst. Ohne viele Worte ist deutlich, dass sie damit verneint ist. Gottheit entsteht nicht durch den Willen des Menschen und ist nicht ein Geschenk, das wir Jesu geben könnten. Gottheit stammt aus Gott. Hat sie der Mensch Jesus, so hat er sie durch Gottes Segnung und wir können sie ihm nur deswegen beilegen, weil Gott sie an ihm offenbar macht und wir Gottes Werk nicht bestreiten dürfen, sondern durch die Wahrheit gebunden sind.

Es wäre ein Widersinn, wenn wir uns so zur Gottheit Jesu bekennen wollten, dass wir dadurch Gott verleugneten. Das würde auch dann geschehen, wenn wir sie als das Produkt der eigenen Frömmigkeit Jesu fassten, als hätte er sich durch sein frommes Leben in die Gottheit emporgehoben. Auch so dächten wir uns eine Gottheit ohne Gott, die das Produkt des Menschen ist, einen Sohn ohne den Vater, der durch sich selber wird. Gottheit ist einzig Gottes eigener Wille und eigene Tat. Hat sie der Mensch Jesus, so kommt sie ihm zu nicht durch die Bewegung des Menschen zu Gott hin, sondern durch die Bewegung Gottes zum Menschen hin, nicht durch die Entwicklung des Menschen, der sich zur Gottheit ausweitet, sondern durch die Herablassung Gottes, die sich zu ihm niederneigt. Nicht der Mensch zieht Gott, sondern Gott zieht den Menschen an.

Das Bekenntnis zur Gottheit Jesu ein Glaubensgedanke.

Wie in unserm Bekenntnis zur Gottheit Jesu keine Verlegung des Gottesbewusstseins enthalten sein darf, ebenso wenig darf es einen Widerwillen gegen die Menschlichkeit Jesu einschließen. Wir würden ihm dadurch im Widerspruch gegen ihn selber Gottheit zumessen. Der ganze Lebenslauf Jesu zeigt, dass er sich ohne Vorbehalt uns gleichgestellt hat bis zum Kreuz. Es bezeichnet die geistliche Höhe des Neuen Testaments, dass nirgends das Menschsein Jesu als Verdunklung oder gar Minderung seiner Einheit mit dem Vater behandelt wird. Das Johanneische Wort, dass es das Merkzeichen des von Gott gegebenen Geistes sei, sich zu dem im Fleisch gekommenen zu bekennen, 1 Joh. 4,2, ist hierfür sehr bezeichnend. Der Geist führt uns nach Johannes zur Fleischesgestalt Christi hin, nicht von ihr weg, nicht über sie empor. Unser Anteil am Geiste zeigt sich nicht darin, dass uns die irdische und menschliche Art Jesu gleichgültig wird, so dass wir sie als Hülle und Schale bei Seite legen. Vielmehr, dass wir in dem, der in derselben Weise wie wir das Fleisch an sich getragen hat, den erkennen, der von oben gekommen ist und vom Vater gesandt war, darin sieht Johannes die Gabe und das Merkzeichen des göttlichen Geists. Das erste, was wir von Jesus wissen, nicht nur durch natürliches Wissen, sondern nicht weniger in der Schule des heiligen Geists, ist somit dies, dass er war, was wir sind, und die Frage, vor die uns das Neue Testament stellt, ist die: ist an dieser menschlichen Persönlichkeit Gottheit offenbar? was nötigt uns an diesem Menschen, das Gottsein als sein Wesen zu bejahen? Diese Nötigung ist in all dem enthalten, was unser Glauben auf ihn hinwendet. Das Bekenntnis zur Gottheit Jesu ist in jeder auf ihn gerichteten Bewegung des Glaubens eingeschlossen, so einfach und kindlich sie sein mag, einerlei, wie weit wir uns dabei deutlich machen, was unserm gläubigen Begehren Recht und Wahrheit gibt, so wenig Einsicht in Gottes große Werke sich mit ihr verbinden mag. Sowie wir Jesus zum Ziel unseres Glaubens machen, stellen wir uns immer zu ihm als zu dem, dem Gottheit eigen ist. Es gibt kein auf Jesus gerichtetes Glauben, das nicht das Gottsein von ihm erwartete. In diesem Sinne, aber auch nur in diesem Sinne ist es völlig richtig, wenn man das Bekenntnis zur Gottheit Jesu einen „Glaubensgedanken“ heißt. Dies ist er in dem umfassenden Sinn, dass dieser Gedanke in jedem Jesus anrufenden Glauben enthalten ist. Jesus hat seine Gottheit dadurch offenbart und offenbart sie in derselben Weise immer neu, dass er die Leute zu dem auf ihn gerichteten Glauben bewogen hat und noch bewegt.

Weil dies von demjenigen Glauben gilt, der Jesu Güte anruft und um seine Gaben bittet, ist durch diesen Satz nicht verneint, dass es auch einen glaubenden Blick auf Gott geben kann, der das Bekenntnis zur Gottheit Jesu noch nicht in sich schließt. Schon das vorchristliche Israel erinnert uns daran, dass dem Menschen ein glaubendes Verhalten zu Gott nicht erst durch das Bekenntnis zur Gottheit Jesu möglich wird, vielmehr haftet an jedem Gottesbewusstsein, in welchem Maß es uns geschenkt sein mag, sofort der Antrieb zum Glauben. Jeder Blick auf Gott, durch was er veranlasst sein mag, zeigt uns in ihm Güte und Hilfe als uns zugewandt. Es kann dabei auch Jesus für unser Glauben bereits eine ernste Bedeutung erhalten. Wir können an ihm Gottes gewiss werden, Gottes Güte an ihm wahrnehmen und von ihm hören, was Gott uns gibt, so dass wir um seinetwillen glauben, durch ihn uns zum Glauben erwecken lassen und uns auf das stützen, was uns sein Leben zeigt. Und doch haben wir ihn bei solchem Glauben immer noch uns zur Seite, so dass sich die bewusste Ablehnung seiner Gottheit immer noch damit verbinden kann. Das Verhältnis zu ihm ist noch kein anderes als dasjenige, das Paulus zwischen sich und der Gemeinde hervorgehoben hat: „was sind wir? Diener, durch welche ihr gläubig worden seid“, 1 Kor. 3,5. Anders verhält es sich dagegen mit jeder Bewegung des Glaubens, die auf Jesus zielt und ihn anruft. Sowie das einfache und doch so große Wort gesprochen ist, das Paulus einst in einer wichtigen Stunde Petrus und Barnabas und der ganzen antiochenischen Kirche vorgehalten hat: auch wir, die wir nicht Sünder aus den Heiden sind, auch wir haben unser Glauben auf Christum gestellt, Gal. 2,16, so ist das Bekenntnis zur Gottheit Jesu da. Fassen wir z. B. das Glauben des Aussätzigen ins Auge, der an Jesus gesehen hat, dass er helfen will und ein Herz für die Elenden hat, nun aber vor der Frage steht, ob er auch helfen kann. Er hat diese Frage zu einem gläubigen Abschluss gebracht, da er ihm nicht ein ohnmächtiges Erbarmen zuschreiben will, nicht eine unterliegende Liebe, die ihr Ziel nicht zu erreichen vermag, sondern bedauernd vor der Not zurückweichen muss mit der Antwort: ich kann leider nicht. Vielmehr spricht er: „Wenn du willst, so kannst du.“ Allmächtige Liebe schreibt er ihm zu, und Jesus gibt ihm recht. Ist das etwa nicht Gottheit? Was ist sie denn noch, wenn sie nicht allmächtige Liebe ist? Wer je einmal auf Jesus blickte in der Gewissheit: wenn du willst, so kannst du mir helfen, der hat sich zur Gottheit Christi bekannt.

Oder erwägen wir den Glaubensstand jenes Hauptmanns, der von Jesus durch den für ihn nicht aufhebbaren Gegensatz zwischen Israel und den Heiden geschieden war. Er durfte Jesus nicht zu sich herabziehen, und dennoch ist seine Gabe sein, erlangbar für ihn; denn: sprich nur ein Wort! Sein Wort bringt die Hilfe; denn es ist Macht. Aber wie? „Er spricht, so geschieht es“; ist das nicht die Beschreibung Gottes? Als Jesus hungrig in der Wüste stand und der Hunger in ihm schrie: Brot, Brot! und der Versucher ihm sagte: mache dir's doch! da hat Jesus zum Vater emporgeblickt: sprich nur ein Wort, so bleibe ich lebendig. Er hat damit den Vater unzweifelhaft als Gott behandelt und sich zur Gottheit des Vaters bekannt. Jetzt steht der Hauptmann vor ihm, wie er vor dem Vater stand, und sagt zu ihm: sprich nur ein Wort, so sind wir lebendig. So hat er ihm Gottheit zuerkannt.

Als Jesus über den See fuhr, trat ihm in den Männern von Gadara der andre Glaube entgegen, der bebende Glaube, derjenige, der unselig macht. Jesus war dadurch vor die Frage gestellt, ob sein Vermögen da ein Ende habe, wo das Werk teuflischer Verderber beginne. Er steht in ruhiger Überlegenheit vor ihnen, wie er sie in jenem Wort beschreibt: niemand plündert die Habe des Starken, wenn er ihn nicht zuerst gebunden hat; wie einer, der nicht erst zum Kampf auszieht, sondern überwunden hat, so dass sein Wort sieghaftes Gebot, gültiges Urteil ist. Was ist aber Macht, die alle Tiefen des Todes und der Bosheit durchwaltet, anderes als Gottheit? Wer je einmal gebetet hat: Breit' aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm dein Küchlein ein; will Satan mich verschlingen, so lass die Engel singen: dies Kind soll unverletzet sein, - der hat sich zur Gottheit Jesu bekannt.

Jesu Sündenvergebung.

Als der Gichtbrüchige mit dem Kummer über seine Sünden vor ihm lag und ihm Jesus sagte: Deine Sünden werden dir verziehen: wer hat hier vergeben? Ohne Frage der Mensch Jesus. Er war es, der mit dem Gichtbrüchigen nicht von seiner Schuld sprach und ihm eine Freundlichkeit und Hilfe zuwandte, welche die Sünden des Kranken nicht in Rechnung zog. Aber vergibt hier nur er? Denken wir uns, der Gichtbrüchige antworte ihm: ich danke dir, dass dir meine Bosheit als erledigt und vergangen gilt; nur bleibt mir noch der Kummer, dass Gott sie mir vergelten wird! Wir wissen, was Jesus geantwortet hätte: du Kleingläubiger, alles ist möglich dem, der glaubt, und alles unmöglich dem, der nicht glaubt. Wenn Jesus sagt: der Sohn des Menschen hat auf Erden Vollmacht, Sünden zu vergeben, so ist seine Meinung die, dass sein Verzeihen Gottes Verzeihen ist, dass die Sünde, die für ihn nicht vorhanden ist, auch für Gott nicht vorhanden ist, dass da wo er nicht zürnt und vergilt, Gott nicht straft, da wo er gnädig ist und gibt, Gottes Gnade und Gabe ist. Das will sagen: er beschreibt seine Gemeinschaft mit uns als Gottes Gemeinschaft mit uns. Wer auf Jesus sieht mit der Gewissheit: durch dich bin ich meiner Schuld entledigt und mit Gott versöhnt, hat sich zu seiner Gottheit bekannt.

Bei seinem Abschied hat Jesus den Seinigen gesagt: ihr gleicht dem Diener, den der Herr über das Gesinde setzt, bis er wieder kommt, gleicht den Jungfrauen, die zum Empfang des Bräutigams ausgezogen sind, um, wenn er kommt, sein Fest mit ihm zu feiern, gleicht den Knechten, die das Vermögen ihres Herrn verwalten, bis er zurückkehrt und sie zu seiner Freude lädt. Seine Verheißung ist stets die: ihr werdet mich sehen und bei mir sein, und das soll euer ewiges Leben sein. Einen Menschen sehen soll ewiges Leben sein? „Sie werden Gott schauen“, das ist ewiges Leben; das ist Unerschöpflichkeit des Liebens, der Freude, der Erkenntnis, der Anbetung. Jesus hat aber das Hoffen der Jünger bestimmt auf sich selbst gerichtet und es zu ihrem Verlangen gemacht, ihn zu sehen, und heißt sie das für ihr ewiges Leben halten, dass sie bei ihm sind. Wer je einmal mit ernstem Willen, nicht bloß als Spiel, gebetet hat: Lasst mich gehn, dass ich Jesum möge sehen, der hat sich zu seiner Gottheit bekannt.

Diese Hoffnung hat die Zusage Jesu als ihre Ergänzung neben sich: „ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt“. Es ist offenkundig, dass Jesus mit derselben nach der Gottheit greift, die gegen Raum und Zeit frei sich zum Ort macht, in dem die Seinen sind. Mit wunderbarer Kraft erfüllt die Gewissheit der Gegenwart Jesu das ganze Neue Testament: er hat uns bei sich aufgenommen und in sich hineingestellt. Das ist der Glaubensstand des Paulus, den er nicht nur als seinen persönlichen Vorzug, sondern als den gemeinsamen Besitz der Christenheit beschreibt, dass sie nicht in sich selbst festgehalten und gefangen, sondern in Christus sei, woran sie vollkommene Errettung und Rechtfertigung besitzt, weil es für die, die in Christus sind, keine Verdammung gibt. Wer je auf Christum geblickt hat als auf den, der bei ihm ist, auf ihn blickt und ihn hält, zu dem auch er blicken und reden kann, mit einem Wort: wer je zu ihm gebetet hat, der hat sich zur Gottheit Jesu bekannt.

Jedes auf Christus gerichtete Glauben ist Bekenntnis zu seiner Gottheit. Die Frage, wie wir zu diesem kommen, ist mit der anderen eins: wie wir zu jenem kommen. Wie das Glauben an ihn entstanden ist und fort und fort entsteht, ist kein Geheimnis. Durch Geben wird Glauben begründet. Die Offenbarung der Gottheit Jesu bestand und besteht darin, dass er Göttliches gibt. Wer weiß, dass er das, was göttlich in seinem Denken und Leben ist, von Jesus empfangen hat, dem ist damit der Grund gegeben, in welchem die Nötigung zum Bekenntnis zur Gottheit Jesu enthalten ist. Wer sich dagegen leer und ledig von allem Göttlichen weiß, der freilich hat keinen Grund zu dem Wort: Gott wurde offenbar im Fleisch.

Unterschied zwischen Jesus und Paulus.

Es gilt freilich in gewissem Maß auch von anderen, z. B. von den Aposteln, auch von uns, dass wir Göttliches geben. Stellen wir Paulus neben Jesus. Auch Paulus kam sich in seiner Liebe nicht ohnmächtig vor, sondern sagt in seiner Weise auch: ich will und ich kann. Wenn er erwägt, dass er der Schuldner aller ist, so klagt er nicht, dass er seine Schuld nicht abtragen könne, weil er nichts habe und nichts vermöge und auf das verzichten müsse, was seiner Liebe als Ziel vorschwebt. Vielmehr sagt er vom Evangelium, das er bei sich hat: „es ist Gottes Macht zur Rettung für jeden Glaubenden“. Er ist mit Gottes Macht ausgerüstet, so dass er jedem helfen kann. Er steht auch mit der Vollmacht zu vergeben in der Gemeinde und ist dabei dessen gewiss, dass sein Vergeben von Gottes Vergeben begleitet ist. Nicht nur in seinen Augen, sondern vor Gott sind alle, Heiden und Juden, gerechtfertigt, die sein Wort gläubig aufnehmen; und nicht nur in seinen Augen, sondern vor Gott sind diejenigen gerichtet, die ihn verachten. Er ist ein Geruch des Lebens zum Leben, oder des Todes zum Tode, hat die Vollmacht zu binden so ist es im Himmel gebunden, zu lösen - und es ist im Himmel gelöst. Auch er betrachtet die Gemeinschaft, die sich zwischen ihm und den Empfängern seines Wortes stiftet, nicht als vergänglich und zeitlich. Die Liebe bleibt, und ob er auch dem Leibe nach. abwesend ist, so ist er doch dem Geiste nach anwesend und blickt auf die Gemeinde in der Gewissheit, dass sie zum ewigen Leben berufen ist, so dass er sich ihrer als seines Ruhmes auch am Tage Christi freuen wird.

Ohne Frage war er mächtig von der Gewissheit bewegt, Göttliches zu geben, und dennoch entsteht auch nicht für einen Augenblick der Schein, als sei seine Stellung derjenigen Jesu vergleichbar. Er gibt, jedoch nur so, wie der Bote gibt. Er ist nicht der Geber, sondern wird es für die anderen nur dadurch, dass er selbst der Empfänger ist. Dass er Göttliches geben kann, kommt aus seiner Gemeinschaft mit Christus, und bildet seine Ähnlichkeit mit ihm, die Christus auf ihn übertragen hat, so dass er eben dadurch offenbar macht, dass Christus das Göttliche gibt. Deshalb hat Paulus alles Glauben, das sich an ihn heftete, mit runder Entschiedenheit abgewehrt. Er sucht es beständig mit hingebendem Eifer, denn vom Glaubensverband, der sich zwischen ihm und seinen Hörern stiftet, ist der ganze Erfolg seiner Arbeit abhängig; aber das Glauben, das ihm erwiesen wird, soll durch ihn durchfahren auf Christum hin. Sowie es sich an ihn hängen will, schneidet er es ab: „Wir sind nicht die Herrn eures Glaubens; seid ihr auf Pauli Namen getauft? oder ist Paulus für euch gekreuzigt worden?“ Wie sein Geben im Geben Christi, so hat auch der ihm erwiesene Glaube im Glauben an Christus seinen Grund.

Nicht weniger nachdrücklich als Paulus bezeugt auch Jesus, dass er als Empfangender der Gebende sei. Neben dem Wort an die Jünger: „ihr könnt nichts tun“, steht das von ihm selbst geltende: „der Sohn kann nichts.“ Aber dort sagt er: ihr könnt nichts ohne mich; hier: der Sohn kann nichts ohne den Vater. Jesus empfängt alles, was er gibt, vom Vater. Darum ist er innerhalb der Menschheit der erste, anhebende Geber göttlicher Gaben, daher der Herr, der König im Reiche Gottes. Messianität und Gottheit sind nicht zu scheidende Prädikate. Es sind nicht zwei verschiedene Funktionen Jesu, dass ihm Gottheit eigen ist, und dass er das Herrschaftsrecht hat. Denn das Königtum ist ein Attribut der Person und haftet nicht an etwas Sachlichem, nicht an einem Gedanken, der ihm eigen wäre, oder an einem Besitz oder Vermögen, das er bloß an sich hätte, doch ohne dass es sein eigenes Leben, Wesen und Wollen wäre. Ist er der Herr, so hat er die Einzigkeit über allen und sein eigener Wille ist die gültige Macht, die die Entscheidung fällt über unser und aller Geschick, der Quell des Rechts, das uns zusteht, des Urteils, das unsere Stellung bemisst, des Gebots, das unsere Pflicht bestimmt, und dies nicht so, dass er Gott entthront und beschattet und in Passivität versetzt, sondern umgekehrt so, dass Gottes Regiment und Reich durch ihn aufgerichtet wird, Gottes Werk durch ihn vollendet wird. Ist er der König in Gottes Reich, so ist ihm nicht nur Göttliches beigelegt als Besitz und Gut, sondern das Gottsein. Sein Wollen, das Personhafte an ihm ist als das beschrieben, was Gott zum Organ und zur Offenbarung dient. Entweder blieb der messianische Thron leer oder es kam einer, der zu sprechen. berechtigt war: der Vater und ich sind eins. Indem Jesus den messianischen Namen an sich zieht als den für ihn bereiteten Besitz, tritt er vor die Welt als der, der Gottheit hat. Durch alles, womit er seine Messianität bezeugt, hat er seine Gottheit offenbart.

Ohne Glaube an Christi Gottheit keine Kirche.

Die Probe hierzu liegt darin, dass die Verneinung seiner Gottheit stets mit der Preisgabe seiner Messianität verbunden ist. Es mag noch manches für ihn übrig bleiben, da wir ihn noch mit Nikodemus den Lehrer nennen können, der von Gott gekommen sei, oder mit den Leuten in Galiläa einen Propheten mit einem reichen Maß der Inspiration, oder einen Helden oder Heros, dessen klarer und starker Wille sich hoch über das vulgäre Maß menschlichen Willens erhoben habe und eine Macht in der geistigen Geschichte geworden sei, als ein „Prinzip“, das einen großen Reichtum heilsamer und unzerstörbarer Folgen aus sich herausgesetzt habe. Aber das, was Jesus in den Kreuzesstunden vor Kaiphas und Pilatus bekannt hat und was oben an seinem Kreuzespfahl stand, dass er der Gesalbte, der Herr, der König der Gemeinde Gottes sei, das kann ihm niemand lassen, der ihn von der Gottheit abgelöst hat. Wer darum nicht zum Bekenntnis des Gekreuzigten sagen mag: es sei ein Wahn, sondern es dankbar bejaht: dein Bekenntnis soll mein Bekenntnis sein, der hat sich zur Gottheit Christi bekannt.

Da die Frage nach der Gottheit Christi mit den beiden. anderen Fragen identisch ist: 1. sollen wir an ihn glauben? und 2. sollen wir ihm dienen? oder: 1. begnadet uns Gott durch ihn? und 2. regiert uns Gott durch ihn? so ist das Bekenntnis zu derselben der konstitutive Faktor der Kirche. Wer es hat, steht in der Übereinstimmung mit dem apostolischen Wort und hat darin das Zeugnis seiner Gliedschaft in der Kirche Gottes, seiner Einfügung in den Bau, dessen Grundmauer die Apostel und Propheten und dessen Eckstein Christus ist, dies auch dann, wenn ihm im übrigen eine Theorie über die Einheit der Gottheit und Menschheit in Jesus fehlt. Theologie ist nicht jedermanns Ding, und Gottes Kirche ist nicht eine Gemeinschaft von Theologen, sondern die Gemeinschaft derer, die dem einen Herrn glauben und dienen und dadurch zu seiner Gottheit sich bekennen.

Bei der Wichtigkeit, die jedoch unserer Gedankenbildung für unser gesamtes geistiges Leben zukommt, sind wir derselben sorgfältige Pflege schuldig. Verwicklungen in derselben sind oft von großen Störungen begleitet. Auch das Bekenntnis zur Gottheit Jesu wird manchem durch die Furcht erschwert, dass es ihn intellektuell in unlösliche Schwierigkeiten verwickle und über sein Denken eine Art Ruin bringe. Ich meinerseits teile diese Angst vor dem christologischen Gedanken nicht. Da wir von der Gottheit sprechen, versteht es sich von selbst, dass wir uns mit einem Mysterium beschäftigen, doch nicht mit einem finsteren, quälenden Mysterium, das unser Denken verwirrte und verdunkelte, sondern mit einem lichten und erleuchtenden Mysterium, dessen Geheimnis darin besteht, dass es unendlich viel wahrer ist als alles, was uns als Mittel zu seiner Erkenntnis in unserem Vorstellen zu Gebote steht.

Die Worte: Gottheit und Messianität sagen, dass Jesus selbst mit seinem ganzen Wesen und Leben die Gabe Gottes sei. Die Einzigkeit und Ewigkeit des Christus beruhen nicht nur auf einer begrenzten, sondern auf einer totalen und unauflöslichen Einheit des Göttlichen und Menschlichen in ihm. Das wird durch Jesu ganzen Lebenslauf und durch das ganze apostolische Wort bezeugt. Man hat oft gesagt: „drei oder vier Stellen gibt es im Neuen Testament, die Jesus Gott nennen; das ist euer ganzer Beweis! Und an einen so losen Nagel wollt ihr die Wucht eines solchen Bekenntnisses hängen?“ Das ist keine verständige Einrede. Wo gibt es denn im Neuen Testament irgend eine Betrachtung Christi, die nicht alles, was er ist und tut, als göttlich wertete? Das Evangelium beginnt bekanntlich mit der Erklärung, dass schon der erste Anfang Jesu durch den Geist gewirkt worden sei, dass wir es hier mit einem Menschenleben zu tun hätten, das aus der schöpferischen Kraft des göttlichen Geistes entstanden sei, dass Jesus nach seinem ganzen Bestand, nach Leib und Seele, das Gebilde des Geistes sei. Wollen wir sagen, das sage ja nur Matthäus und Lukas? Ist es bei Johannes anders? Das Wort ward Fleisch! Was ist denn hier der produktive Faktor, der den Menschen Jesus erzeugt? Wer bildet ihn in seiner Fleischesgestalt? Sollen wir sagen: das Wort, aber nicht der Geist? Redet uns denn Johannes von einem geistlosen Wort Gottes oder Matthäus von einem Geist Gottes, der das göttliche Wort nicht in sich hat? Ist es bei Paulus anders? „Gott sandte seinen Sohn im Abbild des Fleisches der Sünde.“ Wer bringt hier Jesus zur Existenz und zwar in voller Gleichartigkeit mit uns? Wer macht ihn zum Abbild des sündlichen Fleisches? Sollen wir sagen: der Vater, aber nicht das Wort und nicht der Geist? Will uns Paulus einen Gott verkündigen, der des Geists entbehrt oder des Worts entbehrt? Tut es der Vater oder das Wort oder der Geist, wer tut es denn anders als der eine und selbige Gott? Gewiss hat es für die Weise, wie der Blick auf den dreieinigen Gott ins Denken gefasst wird, Bedeutung, ob das Band, das Jesus mit Gott eint, so oder anders bezeichnet wird. Aber das ist falsch, dass in denjenigen apostolischen Worten, die Jesu Wesen aus Gottes Geist ableiten, eine Verneinung oder auch nur Schmälerung der Gottheit Jesu vorhanden sei. Gottes Geist ist nicht minder göttlich, nicht minder ewig, nicht minder präexistent, nicht minder eins mit Gott, als Gottes Wort. Die abgewiesene Einrede beruht auf einem verkümmerten Geistbegriff und ist im Bestreben, die Apostel von einander zu unterscheiden, gegen die mächtige Einheit zwischen ihnen blind.

Die Furcht, die Menschheit Jesu werde deswegen, weil sie ihren Grund in Gott hat, verkürzt, ist unbegründet. Umgekehrt, da wo man den Menschen Jesus aus der Natur entstehen und aus sich selbst heranwachsen und dann erst in den fertigen Menschen in irgend welchem Maß Göttliches als Licht und Kraft hineinstrahlen lässt, da bleibt der Gedanke auf der doketischen1) Bahn. Denn hier wird das Menschliche neben das Göttliche gesetzt und dadurch gleichgültig, und das Göttliche neben das Menschliche und darum von ihm ferngehalten, so dass es nicht zu einer wirklichen Einheit kommt. Weil das ewige Wort die Fleischesgestalt Jesu erzeugt und der ewige Geist den Keim seines Lebens schafft, wird die Menschheit Jesu nicht entwertet und herabgesetzt, vielmehr als das Gebilde des Geists und das Produkt der Gottheit vollständig bejaht.

Das Ich Jesu stetig von seiner Gottheit gebildet und bewegt.

Die Gottheit und Messianität Jesu bestehen jedoch nicht bloß darin, dass sein Anfang durch das schöpferische Wollen und Wirken der Gottheit hervorgebracht ist, sondern darin, dass der ganze Verlauf seines Lebens von Gott gestaltet ist, so dass das „Ich“ Christi stetig von seiner Gottheit gebildet, erfüllt und bewegt ist. Wo sind denn die besonderen Worte Jesu, die er im Namen Gottes spräche, im Unterschied von anderen, die nur menschlich wären? wo die einzelnen Taten, in denen sein messianisches Werk bestände neben seinen sonstigen Erlebnissen? Es ist nicht erst Theologie der Apostel, sondern war Jesu eigene Meinung, dass sich die Gottheit in der Totalität seines Lebens offenbare. Da erhält auch das Kleine unermessliche Bedeutsamkeit und das Größte hat nicht für sich allein und isoliert die entscheidende Bedeutung; denn es ist von der einen, alles überragenden Tatsache überschattet: Gott sandte seinen Sohn.

Man hält uns den Christus vor, der in Gethsemane bis zum Tode betrübt war und am Kreuze klagte, Gott habe ihn verlassen, und fragt uns: das soll Gottheit sein? Gewiss; denn wie mächtig bringt Jesus gerade hier zum Ausdruck, dass er sich auch in seinem Schmerz durch den Vater gestaltet weiß. Wer betrübt seine Seele bis zum Tod? Diesen Kelch reicht ihm der Vater. Wer lässt ihn in der Nacht des Todes untergehen? Der Vater, der ihn verlassen hat. Gerade im Leiden Christi tritt seine Gewissheit wunderbar hervor, dass er alles, was in ihm ist, vom Vater empfange, auch die Tiefe des Schmerzes und des Sterbens mit eingeschlossen. Nicht durch Natur und Welt, durch Judas und Kaiphas, auch nicht durch den Teufel, sondern durch den Vater leidet er. Wenn später die Apostel vor der Kreuzesgestalt Christi stehen und sagen: hier wird die Gottheit offenbar, Gott hat seinen Sohn nicht geschont, so haben sie das von Jesus gelernt.

Das Gottsein kommt dem Nazarener zu.

Ich halte es für das Verständnis der Gottheit Jesu für wichtig, dass wir das, was von den Evangelien so stark hervorgehoben ist, beachten, nämlich, dass die Gottheit das gestaltende, bildende, schöpferische für die Menschheit Jesu ist. Wie sollte sie sonst an ihr offenbar werden? Gewiss ist das Gottsein im Menschsein verhüllt, aber doch nicht zu dem Zweck, damit es verborgen und unwirksam bleibe, sondern damit es sich am Menschsein offenbare. Das Wort hüllt sich in das Fleisch ein, damit es bei den Menschen wohne und sie seine Herrlichkeit sehen. Hier liegt nach meiner Meinung der Grund, warum die Formeln der griechischen Theologie und ihre Weiterbildung durch die älteren lutherischen und reformierten Lehrer, so richtig viele ihrer leitenden Gesichtspunkte gewesen sind, doch unbefriedigend bleiben und oft genug zum Grund des Anstoßes geworden sind. Sie erwecken den Schein einer äußerlichen Komposition, als lägen zwei ruhende Substanzen neben einander, da eine fertige Menschheit zu einer ihr gegenüber inaktiven Gottheit hinzugekommen sei. Im Gebiet der unpersönlichen Natur bei den Sachen und Dingen lässt sich schlechterdings keine Formel finden, die das Wunder in der Person Jesu erläutern könnte. Denn dasselbe ist das Wunder der pneumatischen Aktion Gottes auf ihrer höchsten Stufe. Um die Bildung der menschlichen Ichheit aus Gott handelt es sich, darum, dass Gott menschlichem Wollen und Denken, menschlicher Personalität zur Wurzel wird und sie samt ihrer Naturbasis schafft. Der Gedanke: dass die Gottheit ihre Eigenschaften auf die Menschheit übertragen habe, aber auch sein Gegner: dass der Endliche den Unendlichen nicht fassen könne, bewegten sich beide in verkehrter Richtung. Es war, wenn einmal das Raumbild verwendet werden sollte, zu sagen: der Unendliche fasst den Endlichen. Der ewige Sohn hat für den Menschen Raum in sich und macht sich zu seinem Ort. Der Geist erzeugt aus sich das menschliche Ich. Er gibt ihm nicht göttliche „Eigenschaften“, ein Gedanke, der bei ernster Behandlung die Menschheit Jesu zerstört; umgekehrt, er gibt ihm die volle Bestimmtheit des Menschen, ja eines einzelnen Menschen, eines palästinensischen Juden des ersten Jahrhunderts. Das Gottsein kommt dem Nazarener zu.

Das ist die „Entäußerung“ (Kenose), soweit sie die Gottheit übt, dass sie den Menschen Jesus will und macht als eins mit ihr, und dies als stetiger Wille im Zeugungsmoment und nicht minder im Kreuzesmoment und nicht minder auf Gottes Thron in ewiger Festigkeit. Es entsteht im ewigen Sohn Gottes nicht anders Raum für die Menschheit als dadurch, dass er selbst ihr Raum bei sich macht. Und zwar wird der Lebensstufe des sündigen Menschen in der Gottheit Raum gegeben. Nicht ein neuer Urmensch wird durch sie erzeugt, nicht eine Paradiesesgestalt, sondern einer, der das Maß der Gefallenen an sich hat und naturhaft und historisch an den Ort gesetzt ist, der ihm durch die sündige Geschichte der Menschheit und speziell der Judenschaft bereitet ist. Paulus hat die Kirche ernst hierauf aufmerksam gemacht: im Abbild des Fleisches, das von der Sünde gestaltet ist, hat Gott ihn gesandt, Röm. 8, 3, vom Weibe geboren und unter das Gesetz getan, das die Erkenntnis der Sünde schafft und den Zorn erregt. Das ist Gnade; der Akt der göttlichen Entäußerung ist nichts anderes als der gnädige Wille der Gottheit, der den Menschen in der Tiefe seines Falls erfasst.

Die Kenose der Gottheit stellt dem Sohne auch für seinen menschlichen Willen das Ziel und bemisst seine Pflicht. Sie lautet: mit klarem und beharrlichem Willen der Sohn des Menschen zu sein, „ein Abbild der Menschen, das sich in seiner Haltung wie ein Mensch erfinden ließ“, wie Paulus sagt, Phil. 2, 7. 8. Er durfte und wollte nicht nach der Gleichheit mit Gott greifen, sondern jeder natürlichen und geistigen Ordnung, die dem Menschen gegeben ist, untertan sein. Das ist der Wille Christi gewesen, nicht eine naturhafte Gebundenheit, nicht ein Geschick, das er bloß zu leiden hatte. Es war seine Tat, die eine große Tat, durch die er für eine Welt der schuldig gewordenen die Rechtfertigung geworden ist. Er hatte die Herrlichkeit Gottes, hatte das Gottsein, hatte aber durch sein Gottsein, nicht trotz desselben, den Willen, die Gestalt des Knechts zu tragen, obgleich er in der Gestalt Gottes war. Das gewinnt seinen vollen Sinn wiederum erst dadurch, dass es sich um die Gleichgestaltung mit den Sündern handelt, um die Enge, den Druck, die Umnachtung des Bewusstseins, die Armseligkeit des Denkens, die Begrenzung des Vermögens, die das Los der Sünderwelt sind, mit einem Wort, um unsere ganze intellektuelle, moralische und physische Impotenz. Auch er zog aus dem Vaterhause weg, nicht wie der verlorene Sohn seines Gleichnisses, weil er sein Erbe für sich begehrte, er stellte es umgekehrt ganz in des Vaters Hand, sondern nach dem Willen des Vaters zog er dem verlorenen Bruder nach, um ihn zu holen. Aber auch er war fern vom Vaterhause und hungerte, weil sein Bruder in der Ferne und im Elend war. Das ist Gnade. Jesu Beruf bestimmt sich dahin: im Menschsein die Gottheit zu offenbaren, weil er die Gnade offenbaren soll.

Die Gottheit verbirgt sich dadurch, weswegen man dazumal und heute leicht am Nazarener vorbeikommt; sie hat aber wiederum darin, dass sie sich in der Erniedrigung betätigt, einen Beweis bei sich, der überführende Macht besitzt. Jesu große Worte und Taten, in denen er die Koordination mit dem Vater vollzieht, haben bei ihm einen völlig anderen Effekt als den, der nach der sonstigen Beschaffenheit des Menschen erwartet werden müsste. Sie erzeugen nicht nur keine Hoffart, sondern überhaupt keine Bewegung in die Höhe, kein Bestreben, sich selbst zu behaupten und seinen Willen durchzusetzen, seine Macht zu gebrauchen und sich zu offenbaren. Jeder, der auch nur mit dem bescheidensten Glaubensmaß je sein eigenes Leben mit Gott in Beziehung gesetzt und göttliches als seinen Besitz bejaht hat, weiß, wie intensiv hierin für uns die Versuchung zur verteufelten Hoffart liegt. Dass Jesu schrankenlose Koordination mit Gott nicht nur stets ihren Grund in der totalen Subordination unter ihn behält, sondern ihn auch den Menschen und der Natur gegenüber beständig zum Diener macht und ihn in die Gleichheit mit uns herunterstellt, das ist das Siegel ihrer Echtheit. Eine Erhabenheit, die demütig macht, ist echt und wahr. Er hat nicht umsonst seine Einladung an alle damit begründet: „denn ich bin demütig und von Herzen sanftmütig“; das ist in der Tat ihr vollgültiger Beweis.

Die richtige Kenotik keine Verwandlungslehre.

Den Begriff der Entäußerung umzubilden in eine Verwandlungslehre, nach welcher die Gottheit in die Menschheit übergehen soll, kann ich nicht für ratsam halten. Sie bringt den Gottesgedanken in Gefahr. Wir dürfen, auch wenn wir von der Gottheit Christi reden, nicht vergessen, dass der Name Gottes lautet: ich bin, der ich bin. Er ist der seiner selbst mächtige. Das schließt eine Verwandlung Gottes in den Menschen aus. Das Wunder in Jesu Wesen scheint mir ein Wunder der Union, der willentlichen und dadurch wesentlichen Einigung, nicht der Naturverwandlung.

In der Entäußerung ist die Irrtumsfähigkeit und die Versuchlichkeit Jesu gesetzt. Nicht wir, die wir uns zur Gottheit Jesu bekennen, sind genötigt, den Menschen Jesus zu idealisieren, sondern die, welche sie leugnen, treiben hernach mit dem Menschen Jesus Heiligendienst und schrauben sich zu phantastischer Bewunderung seiner menschlichen Genialität und Liebenswürdigkeit hinauf. Nur den toten Christus muss man salben, damit er wenigstens noch dufte, nicht den in Gott lebenden. Wer in ihm die Gottheit schaut, hat keinen Anlass, für seine Menschheit mehr zu wünschen, als was wir an ihm sehen und hören. Nur eine Stelle gibt es, wo die Einigung, die in seinem Wesen vollzogen ist, bräche: das wäre die Bosheit, die Verneinung Gottes, die Untreue gegen das Gebot: Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen. Jesus hat es uns leicht gemacht, die unverletzte Herrlichkeit seines Gewissens wahrzunehmen und dessen gewiss zu werden, dass nichts zwischen ihm und Gott steht. Er hat mit der Tat buchstäblich alles Gott nachgesetzt. Auch das Leiden Christi hat in dieser Hinsicht ganz besondere Wichtigkeit, weil es die Reinheit seines Gewissens mächtig offenbart. Er hat sich nicht selbst den Kelch bitter gemacht, sondern der Vater hat ihm denselben eingeschenkt. Was in jedem anderen Munde gotteslästerlich wäre, war es im seinigen nicht. Ja, wenn er gestorben wäre mit der Klage: mein Gott, mein Gott, warum habe ich dich verlassen! Aber der Sohn hat nicht den Vater verlassen, sondern der Vater den Sohn, in jenem väterlichen Ernst, der auch dem Sohn das Leiden nicht erspart.

Bosheit ist unfähig, Gottheit zu offenbaren; dagegen hat sie für Unwissenheit Raum, aus demselben Grund und in derselben Weise, wie sie für Schwachheit und Leiden Raum hat. So wenig der aus Ermüdung bewusstlos dem Schlaf verfallende Christus dadurch aus dem Wohlgefallen Gottes fällt, so wenig ist die Gegenwart der Gottheit in ihm dadurch gehindert, dass auch sein waches Bewusstsein Grenzen hat, sowohl im geschichtlichen Rückblick als im prophetischen Vorblick. Wenn Gottes Regierung die weissagenden Worte Jesu nicht nur bestätigt, sondern auch berichtigt hat, so liegt darin für uns lediglich die Aufforderung, für beides dankbar zu sein, sowohl für die reiche Gabe, die in seiner Weissagung uns gegeben ist, als dafür, dass Gottes Werk noch größer als Jesu Weissagung gewesen ist.

Das Bekenntnis zu Christi Gottheit die eine Perle.

Darum ist auch die Furcht, dass wir mit dem Bekenntnis zur Gottheit Christi den kämpfenden Jesus verlören und das wertvollste in ihm tilgten, nämlich die eigene freie Zuwendung zu Gott, eine Einbildung. Sie entspringt lediglich daraus, dass man sich für die Einigung der Gottheit und der Menschheit in Jesus nichts anderes als Analogie denken kann als den naturhaften Zwang. In der pneumatischen Einigung wird der Wille nicht unterdrückt, sondern erzeugt. Da das Unvermögen Christi zum Bösen Bestimmtheit seines Willens ist, wird es in der Erprobung gewonnen und fixiert. Darum bleibt er auch nicht bloß zum Schein, sondern in tiefem Ernst der Bittende. Denn die Bitte ist die willentliche Bejahung der göttlichen Güte, die zu neuer Erfahrung derselben führt. Indem der Vater seine Gabe vom Bitten Jesu abhängig macht, behandelt er ihn nicht als Ding, sondern als Person, ehrt seinen Willen als unverletzlich, verleiht ihm eigenen Wert und die Würde einer wirksamen Kausalität. Mit seinem Bitten hat Jesus ans Licht gebracht, wie voll personhaft Gottes Verhältnis zur Menschheit ist. Es handelt sich nicht nur um göttliche Machtwirkungen auf ein Stück Natur, sondern um eine Güte, die auf unser Herz zielt, unsern eigenen Willen sucht und Verkehr stiftet, der in der Wechselrede zwischen dem Ich und Du, in der Wechselwirkung unsres bittenden und seines erhörenden Willens sich vollzieht.

Unsere Betrachtung hat uns noch einmal nach Gethsemane zum bittenden Christus geführt. Ich schließe sie gerne an dieser Stelle. Es tritt hier auch ohne jedes weitere Wort ans Licht, warum das Bekenntnis zur Gottheit Christi die eine Perle ist, deren Wert alles überragt. Wer sich zum bittenden Christus der Passionsnacht zu bekennen vermag als zum ewigen Gottessohn, der Gottheit hat, der fährt mit Paulus fort: Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit sich selbst. Und was bedürfen wir noch mehr? Um deswillen sagen auch wir mit dem Psalmisten: uns mangelt nichts.

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auf dem Anschein beruhend. Der Doketismus ist eine Lehre, der die Auffassung zugrunde liegt, dass die Materie niedrig und böse sei, und die Christus nur einen Scheinleib zuerkennt.
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autoren/s/schlatter_a/heilige_anliegen/schlatter-heilige_anliegen-gottheit_christi.txt · Zuletzt geändert: von aj
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