Bunyan, John - Die überschwängliche Gnade - VI. Kapitel. - Die Mittel zu seiner Erlösung und bleibenden Beruhigung.

Bunyan, John - Die überschwängliche Gnade - VI. Kapitel. - Die Mittel zu seiner Erlösung und bleibenden Beruhigung.

1653.

So ging's viele Wochen mit mir, manchmal hatte ich Trost, manchmal Qual. Zu Zeiten war meine Qual besonders schmerzlich; denn all die vorgenannten Stellen in dem Brief an die Hebräer pflegten sich mir als die einzigen Sprüche darzustellen, durch die ich aus dem Himmel ausgeschlossen wurde. Dann fing ich wieder an zu bereuen, daß jener Gedanke jemals in mir entstanden wäre. Ich dachte auch bei mir selbst: „Nun, wie viele Stellen der Schrift sind denn gegen mich? Es sind nur drei oder vier; und kann denn Gott die nicht übersehen, und mich trotz derselben selig machen?“ Wiederum dachte ich bisweilen: „O! wie könnte ich jetzt getröstet werden, wenn nur nicht diese drei oder vier Worte in der Bibel ständen!“ Und ich konnte mich manchmal kaum enthalten, sie aus der Bibel weg zu wünschen. Dann bedäuchte mich, ich sähe Petrus und Paulus, und Johannes und alle Verfasser der heiligen Schriften mit Entrüstung auf mich blicken und meiner spotten, als ob sie mir hätten sagen wollen: „Nu unsre Worte sind Wahrheit; eines so wichtig als das andere; nicht wir haben Dich ausgeschlossen, sondern Du hast Dich selbst verworfen. Keine von unsern Aussprüchen darfst Du festhalten, als nur diese: „Es ist unmöglich;“ „Es ist kein andres Opfer für Sünden mehr übrig.“ Hebr. 6 und 10. „Denn es wäre ihnen besser, daß sie den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt hätten, denn daß sie ihn erkennen und sich kehren von dem heiligen Gebot, das ihnen gegeben ist.“ 2 Petri 2,21. „Und die Schrift kann doch nicht gebrochen werden.“ Joh. 10,35. Diese waren mir wie die Aeltesten der Freistadt, die ich sah, und sollten Richter sein, beides über meine Sache und mich, während ich, mit dem Bluträcher hinter meinen Fersen, mit Zittern um Rettung anhaltend, vor ihrem Thore stand. Mit tausend Befürchtungen und Besorgnissen glaubte ich, daß sie mich für immer ausschließen würden. Jos. 20,3-4. So war ich verwirrt, wußte nicht, was ich thun, oder wie ich Auskunft über diese Frage erlangen sollte: Ob die Schrift zur Errettung meiner Seele mit sich selber übereinstimmen könne? Ich zitterte vor den Aposteln. Ich wußte, daß ihre Worte wahr sind, und für immer bestehen müssen.

Ich erinnere mich, als ich mich eines Tages in verschiedenen Herzensstellungen befand und bedachte, daß diese Stellungen nach der Natur der verschiedenen Schriftstellen waren, die in mein Gemüth kamen wenn die von der Gnade, dann war ich ruhig; wenn die von Esau, dann war ich gequält:- „Herr,“ dachte ich da, „wenn diese beiden Stellen auf einmal in meinem Herzen zusammentreffen würden, mich wundert, welche von ihnen die Oberhand über mich bekommen würde.“ So däuchte mir, ich hätte ein starkes Verlangen, daß sie mir beide zugleich kommen möchten; ja, ich begehrte es von Gott. Etwa zwei oder drei Tage nachher geschah es wirklich; sie kamen einmal plötzlich beide zugleich in mich, und arbeiteten und kämpften eine Weile wunderbarlich in mir. Zuletzt fing das von Esau's Erstgeburt an schwach zu werden, sich zurückzuziehen und zu verschwinden, und das von dem Genügen der Gnade blieb mir mit Frieden und Freude. Und während ich in tiefem Nachdenken darüber war, fiel mir dieses Schriftwort ein: „Die Barmherzigkeit rühmet sich wider das Gericht.“ Jac, 2,13, Dies wunderte mich; doch bin ich in Wahrheit geneigt, zu denken, daß es von Gott kam. Das Wort des Gesetzes und Zornes muß dem Worte des Lebens und der Gnade Play machen; denn obgleich das Wort der Verdammniß Klarheit hat, wie viel mehr das Wort des Lebens und der Erlösung. 2. Cor. 3,8-12. Moses und Elias müssen beide verschwinden und Christum und seine Heiligen allein auf dem Platz bleiben lassen. Marc. 9,1-8. Auch diese Schriftstelle besuchte meine Seele aufs Lieblichste: „Wer zu mir kommt, den will ich keineswegs hinausstoßen;“ Joh. 6,37. O, des Trostes, den ich von dem Worte hatte: „keineswegs“ als ob Er sagte: „durchaus nicht; um keiner Sünde willen, was er auch gethan haben mag.“ Aber der Satan arbeitete sehr, mir diese Verheißung zu entreißen, und sagte, daß Christus mich und Meinesgleichen hiermit nicht meine, sondern Sünder einer geringeren Klasse, die nicht so wie ich gethan hätten, Dagegen antwortete ich ihm aber: „Satan, in diesen Worten ist keine solche Ausnahme; sondern wer kommt, wer irgend zu mir kommt, den will ich keineswegs hinausstoßen.“ Und dieses, auch erinnere ich mich noch wohl, daß Satan bei allen Kunstgriffen, die er anwandte, diese Schrift mir zu entreißen, mir doch nie die Frage vorlegte: „Aber kommst Du auch auf die rechte Weise?“ Und ich habe gedacht, die Ursache sei gewesen, daß er gedacht habe, ich wisse ganz wohl, was es sei auf die rechte Weise kommen, denn ich sah, daß das rechte Kommen sei: zu kommen, wie ich war als ein schlechter, gottloser Sünder, und mich zu den Füßen der Barmherzigkeit zu werfen, mich selbst verdammend um meiner Sünden willen. Wenn der Satan und ich in meinem ganzen Leben je um ein Wort Gottes uns mit einander gerissen haben, dann war es um dieses gute Wort Christi; er am einen Ende und ich am andern, das war eine Arbeit! Es war um dies Wort im Evangelium Johannis, sage ich, daß wir uns zerrten und rissen; aber Gott sei gelobt, ich überwand ihn! Ich bekam süßen Trost aus diesem Worte.

Aber trotz all dieser Handreichungen und gesegneten Worte der Gnade verwundete doch das Wort von Esau's Verkauf seiner Erstgeburt noch zu Zeiten mein Gewissen. Denn obgleich ich eben noch auf's Süßeste getröstet sein konnte, so erregte doch dies Wort, wenn es mir in's Gemüth kam, immer wieder Befürchtungen. Ich konnte dieselben nicht ganz los werden; es pflegte mir jeden Tag zuzusetzen. Darum ging ich nun auf andere Weise zu Werk, nämlich ich fing an, die Natur dieses lästerlichen Gedankens zu betrachten; ich meine, wenn ich die Worte nach ihrem weitesten Umfang nahm und ihnen ihre natürliche Bedeutung und Stellung gab, ja, jedem Wort davon, so war dieses die Summe ihres Inhalts: Daß ich es dem Herrn Jesu Christo anheimgestellt hatte, ob er mein Heiland sein wollte oder nicht; denn die bösen Worte, die ich gesprochen hatte, waren: „laß Jesu gehen, wenn Er will.“ Dann erweckte folgende Schriftstelle wieder Hoffnung in mir: „Ich will Dich nicht verlassen, noch versäumen.“ Hebr. 13,5. „O Herr,“ sagte ich, „ich aber habe Dich verlassen.“ Da antwortete es mir: „Aber ich will Dich nicht verlassen!“ Für dieses dankte ich Gott auch. Dennoch war ich peinlich besorgt, Er werde mich doch verlassen, und es wurde mir sehr schwer, Ihm zu trauen, da ich einsah, daß ich Ihn so sehr beleidigt hatte. Ich wäre überaus froh gewesen, wenn mich dieser Gedanke nie überfallen hätte; denn dann hätte ich, wie ich dachte, mit mehr Leichtigkeit und großer Freiheit mich auf Seine Gnade verlassen können. Ich sah, es war mit mir, wie mit Joseph's Brüdern; die Schuld ihrer eignen Bosheit erfüllte sie oft mit Furcht, daß sie ihr Bruder zuletzt doch noch verstoßen würde. 1 Mose 50,15,16 u. f.

Doch von allen Schriftstellen, die mir einfielen, war mir die in Josua 20 am tröstlichsten, welche von dem Todtschläger handelt, der zur Freistadt fliehen sollte. „Und wenn der Bluträcher dem Todtschläger nachjagt, dann,“ hatte Moses gesagt, wollen die Aeltesten der Stadt den Todtschläger nicht in seine Hand übergeben, weil er unwissend seinen Nächsten erschlagen hat, und ist ihm zuvor nicht feind gewesen.“ O, gelobt sei Gott für dies Wort! Ich war überzeugt, daß ich der Todtschläger war; und daß mich der Bluträcher verfolgte, das fühlte ich mit großer Angst; nur blieb mir nun noch die Frage, ob ich ein Recht hätte, in die Freistadt zu kommen. Ich sah, daß der nicht hinein dürfe, „der auf Blut gelauert hatte.“ Es war nicht der absichtliche Mörder, sondern der es unwissentlich und unversehens gethan hatte; nicht aus Groll, oder Tücke, oder Bosheit, nein, der es unversehens gethan; eben er, „der seinem Nächsten zuvor nicht feind gewesen.“ Darum dachte ich, ich sei wahrlich der Mann, der hinein dürfe, weil ich meinen Nächsten „unwissentlich geschlagen hatte und ihm zuvor nicht feind gewesen war.“ Ich war Ihm zuvor nicht feind; nein, ich betete zu Ihm; war sorgsam, nicht gegen Ihn zu sündigen; ja, und hatte vorher gegen diese böse Versuchung zwölf Monate lang gekämpft; ja, und auch als das Wort durch mein Herz ging, geschah es trotz meines Widerstrebens. Darum dachte ich, ich hätte ein Recht, in die Freistadt zu gehen; und die Aeltesten, welches (jetzt) die Apostel seien, sollten mich nicht übergeben. Dies war mir darum ein großer Trost und gab mir viel Grund zur Hoffnung.

Dennoch, da ich sehr sorgfältig war, - denn meine bittre Erfahrung hatte mich dahin gebracht, daß ich nicht wußte, welcher Grund fest genug war, um mich tragen zu können - so hatte ich noch eine Frage, über die meine Seele sehr begehrte im Reinen zu sein, und das war die: Ob es wohl für irgend eine Seele, die die unverzeihliche Sünde begangen hätte, noch möglich wäre, darnach noch einen, wenn auch nur den geringsten geistlichen Trost von Gott durch Christum zu empfangen? Ich sah, nachdem ich sie viel erwogen hatte, daß die Antwort sei: Nein, sie kann es nicht, und zwar aus diesen Gründen: Erstens, weil die, welche diese Sünde begangen haben, ausgeschlossen sind und keinen Theil am Blute Christi haben, und sind sie davon ausgeschlossen, so müssen sie nothwendig leer sein von dem geringsten Grund der Hoffnung, und also auch des geistlichen Trostes ermangeln. Denn für solche „ist kein anderes Opfer für Sünden mehr übrig.“ Hebr. 10,26 und 27. Zweitens ist ihnen die Theilhabung an der Verheißung des Lebens abgesprochen, denn es wird ihnen „nicht vergeben, weder in dieser, noch in jener Welt.“ Matth. 12,32. Drittens schließt sie der Sohn Gottes von der Theilhabung an Seiner segensreichen Fürbitte aus, da er für immer Sich schämen wird, sie anzuerkennen, beides vor Seinem heiligen Vater und den heiligen Engeln im Himmel. Mark. 8.

Nachdem ich diese Sache mit viel Ueberlegung betrachtet hatte, und nicht anders schließen konnte, als daß mich der Herr getröstet hatte, getröstet nach dieser meiner bösen Sünde: da däuchte mir, ich dürfe mich nahe an diese furchtbarsten und schrecklichsten Schriftstellen wagen, von welchen ich während der ganzen Zeit so sehr geängstet worden war, und auf welche ich wirklich vorher kaum hatte meine Augen werfen dürfen. Ja, ich hatte wohl hundertmal viele Mühe, den Wunsch, daß sie ganz aus der Bibel entfernt sein möchten, zu unterdrücken, denn ich hatte gedacht, sie würden mich verderben; aber nun, sage ich, fing ich an, Muth zu schöpfen, sie zu lesen und zu betrachten, und ihren Inhalt wie ihre Tendenz zu erwägen. Indem ich dies that, war es, als ob ihr Aussehen verändert sei; denn sie sahen nicht so grimmig aus, wie es mir zuvor geschienen. Zuerst kam ich an Hebräer 6; (aber zitternd, denn ich fürchtete, ich möchte dadurch geschlagen werden;) da ich die Stelle betrachtete, sah ich, daß das Abfallen, das da behandelt wird, ein gänzliches Abfallen sei; das heißt, ein Abfallen vom Evangelium und eine absolute Verleugnung desselben d. h. des Evangeliums von der Vergebung der Sünden durch Jesum Christum; denn damit fängt der Apostel seinen Beweis an, Vers 1,2,3. Zweitens sah ich, daß dieser Abfall offenbar sein müsse, selbst vor den Augen der Welt, so daß sie Christum „zu Spott machen.“ Drittens sah ich, daß die, von denen er da handelt, für immer von Gott in Blindheit, Verhärtung und Unbußfertigkeit dahingegeben sind. „Denn es ist unmöglich, sie wiederum zu erneuern zur Buße.“ An all diesen Einzelheiten sah ich zu Gottes ewigem Preise, daß meine Sünde nicht die Sünde sei, von der an dieser Stelle gehandelt wird. Erstens bekannte ich), daß ich zwar gefallen, aber nicht abgefallen sei, das heißt, vom Glauben an Jesum zum ewigen Leben. Zweitens bekannte ich, daß ich durch meine Sünde Christum zu Spott gemacht hatte, aber nicht zu öffentlichem Spott. Ich verleugnete Ihn nicht vor den Menschen, noch verurtheilte ich Ihn als einen Unnützen vor der Welt. Drittens sah ich auch nicht ein, daß Gott mich dahingegeben, oder mich abgewiesen hätte, (obgleich es mir wirklich schwer fiel, in Reue und Schmerz zu Ihm zu kommen). Gelobt sei Gott für Seine unaussprechliche Gnade!

Dann betrachtete ich das Wort im Hebräer 10, und sah erstens, daß nicht jede Sünde die absichtliche Sünde ist, die da erwähnt wird; sondern die, welche Christum und Seine Gebote verwirft. Zweitens, daß diese auch öffentlich vor zwei oder drei Zeugen geschehen müsse, um der Sünde gegen das Gesetz gleich zu kommen. (Vers 28.) Diese Sünde kann nur mit großer Bosheit gegen den Geist der Gnade begangen werden, wo man beides, die Abmahnungen von der Sünde und die Anmahnungen zum Gegentheil verschmäht. Aber der Herr weiß, daß, obgleich meine Sünde teuflisch war, so war sie doch dieser nicht gleich.

Was ferner Esau's Verkauf seiner Erstgeburt in Hebräer 12 betrifft, (obgleich das es war, was mich in des Todes Staub legte und wie ein Spieß gegen mich gerichtet stand;) so sah ich doch jetzt: erstens, daß seine Sünde nicht ein plötzlicher Gedanke gegen das beständige Streben seines Gemüths war, sondern ein Gedanke, dem er zustimmte und den er ausführte, und zwar erst nach einiger Ueberlegung. 1 Mose 25. Zweitens war es eine sichtbare und öffentliche Handlung, die wenigstens vor seinem Bruder, wenn nicht vor vielen Anderen vorfiel. Dies machte seine Sünde viel schrecklicher, als sie sonst gewesen wäre. Drittens fuhr er fort, seine Erstgeburt zu verachten. „Er aß und trank, und stand auf, und ging davon. Also verachtete Esau seine Erstgeburt.“ (Vers 34.) Ja, zwanzig Jahre nachher, sieht man, verachtete er sie noch. Esau sprach: „Ich habe genug, mein Bruder; behalte, was Du hast.“ 1 Mose 33,9.

Was nun das angeht, daß „Esau Raum zur Buse suchte“, darüber dachte ich so: Erstens: Dies geschah nicht um der Erstgeburt, sondern um des Segens willen. Dies wird aus den Worten des Apostels klar, und wird auch von Esau selbst unterschieden: „Meine Erstgeburt hat er dahin;“ (das heißt, früher) „und siehe, nun nimmt er auch meinen Segen.“ 1 Mose 37,36. Zweitens: Nachdem ich dies erwogen, wandte ich mich wieder zum Apostel, um zu sehen, was wohl der Sinn Gottes (nach neutestamentlichem Sinn und Weise) über Esau's Sünde sein möchte; und soweit ich erkennen konnte, ist dies der Sinn Gottes: die Erstgeburt soll die Wiedergeburt, und der Segen das ewige Erbtheil vorstellen; denn so scheint es der Apostel anzudeuten. „Daß nicht Jemand sei ein Unheiliger, wie Esau, der um Einer Speise willen seine Erstgeburt verkaufte;“ als ob er sagen wollte: „Sehet zu, daß Niemand all die segensreichen Anfänge Gottes an ihm, die jetzt von einer neuen Geburt gemacht sind, wegstoße, damit sie nicht wie Esau nachher eben so verworfen werden, wenn sie den Segen ererben wollen.“ Denn es gibt Viele, welche in den Tagen der Gnade und Barmherzigkeit jene Dinge verachten, die wirklich das Geburtsrecht zum Himmel sind, und welche doch, wenn sich ihre Tage zum Ende neigen, so laut wie Esau rufen werden: „Herr, Herr, thue uns auf!“ Aber dann wird, so wenig als Isaak seinen Sinn ändern wollte, Gott der Vater es thun; sondern wird sagen: „Ich habe diese gesegnet; sie werden auch gesegnet bleiben; aber ihr, weichet alle von mir, ihr Uebelthäter.“ 1 Mose 27,32. Luc. 13,25,26,27.

Nachdem ich nun diese Stellen betrachtet und gesehen hatte, daß es nicht im Widerspruch mit andren Stellen, sondern in Uebereinstimmung mit denselben war, sie so zu verstehen, so vermehrte das meine Ermuthigung und meinen Trost, und gab dem Einwurfe, „daß die Schrift zur Rettung meiner Seele nicht mit sich selbst übereinstimmen könne“, einen harten Schlag. Und nun waren nur noch die Nachwehen des Unwetters geblieben; denn der Donner war an mir vorübergegangen; bloß einige Tropfen fielen noch dann und wann auf mich. Denn weil meine früheren Beängstigungen und Schrecken so sehr schmerzlich und tief gewesen waren, so überfiel es mich bisweilen noch, wie es die befällt, die von einer Feuersbrunst erschreckt worden sind; ich meinte, jede Stimme rufe Feuer! Feuer! Jede leichte Berührung that meinem zarten Gewissen wehe.

Aber eines Tages, als ich über Feld ging, und zwar etwas beunruhigt in meinem Gewissen, weil ich fürchtete, daß doch noch nicht alles in Ordnung sein möchte, da wurde plötzlich in meiner Seele der Ausspruch lebendig: „Deine Gerechtigkeit ist im Himmel.“ Und zugleich däuchte mir, ich sähe mit meinem inneren Auge den Herrn Jesum Christum zu Gottes rechter Hand als meine Gerechtigkeit, so daß, wo ich auch war, oder was ich auch that, Gott nicht hätte von mir sagen können: „Ihm fehlt meine Gerechtigkeit“; denn sie war grade da vor Ihm. Ich sah auch noch dazu, daß nicht meine bessere Gemüthsverfassung meine Gerechtigkeit verbessere; noch meine schlechtere Herzensstimmung sie verschlimmere; denn meine Gerechtigkeit war Jesus Christus selbst: „Derselbe, gestern und heute und in alle Ewigkeit.“ Hebr. 13,8. Nun fielen meine Ketten in der That von meinen Füßen. Ich war erlöst von meinen Trübsalen und von meinen eisernen Fesseln. Meine Versuchungen schwanden, so daß von der Zeit an diese schrecklichen Worte Gottes aufhörten, mich zu beunruhigen. Nun ging ich heim und freute mich über die Gnade und Liebe Gottes. Als ich nach Hause kam, sah ich nach, ob ich die Worte in der Bibel finden könnte: „Deine Gerechtigkeit ist im Himmel“; aber ich konnte keinen solchen Ausspruch finden. Darum fing mein Herz wieder an zu zagen; doch wurde ich erinnert an: 1 Cor. 1,30. „Welcher uns gemacht ist von Gott zur Weisheit, und zur Gerechtigkeit, und zur Heiligung, und zur Erlösung.“ In diesem Worte erkannte ich die Wahrheit des andern Wortes; denn durch dies Wort sah ich, daß der Mensch Christus Jesus, wie er in Hinsicht Seiner leiblichen Gegenwart von uns abgesondert, so unsere Gerechtigkeit und Heiligung vor Gott ist. So lebte ich für einige Zeit in sehr süßem Frieden mit Gott durch Christum. O, ich dachte: „Christus! Christus!“ Es war nichts als Christus vor meinen Augen. Es war mir nicht nur um das Anschauen dieser und jener besonderen Segnung von Christo zu thun, als etwa seines Blutes, Begräbnisses, oder Seiner Auferstehung; sondern ich schaute Ihn an als einen ganzen Christus! als Ihn, in Dem alle diese Tugenden, Beziehungen, Aemter und Wirkungen vereinigt waren, und Ihn „sitzend zur rechten Hand Gottes im Himmel.“ Es war herrlich für mich, Seine Erhöhung, und den Werth und die Ueberschwänglichkeit aller Seiner Segnungen zu sehen, und zwar weil ich jetzt von mir selbst ab und auf Ihn blicken und dafür halten konnte, daß all die Gnadengaben, die nun ganz neu an mir waren, nur den kleinen Münzen und Pfennigen zu vergleichen wären, die reiche Leute in ihren Taschen tragen, während ihr Gold daheim in ihren Kasten ist. O, ich sah, daß mein Gold daheim in meinem Kasten war! in Christo, meinem Herrn und Heilande! Nun war Christus mein Alles! all meine Weisheit, all meine Gerechtigkeit, all meine Heiligung und all meine Erlösung!

Ferner führte mich der Herr auch in das Geheimniß der Vereinigung mit dem Sohne Gottes ein, daß ich nämlich mit Ihm verbunden, Fleisch von Seinem Fleisch und Bein von Seinem Bein sei. Und nun war mir das in Eph. 5,30 gesagte ein süßes Wort. Durch dies wurde auch mein Glaube an Ihn, als meine Gerechtigkeit, mehr in mir befestigt; denn wenn Er und ich eins sind, so ist Seine Gerechtigkeit mein, sein Verdienst das meine und sein Sieg auch mein Sieg. Nun konnte ich mich selbst zu gleicher Zeit im Himmel und auf Erden sehen; im Himmel durch meinen Christus, durch mein Haupt, durch meine Gerechtigkeit und mein Leben, obgleich auf Erden dem Leibe oder der Person nach. Nun sah ich, daß Christus Jesus von Gott angesehen wird, und auch von uns angesehen werden soll als die gemeinsame oder öffentliche Person, in welcher der ganze Leib Seiner Erwählten betrachtet und gerechnet werden soll: daß wir durch Ihn das Gesetz erfüllt haben, durch Ihn gestorben, durch Ihn auferstanden sind, durch Ihn Sünde, Tod, Teufel und Hölle überwunden haben. Als Er starb, da starben wir. Und ebenso ist es mit Seiner Auferstehung. „Aber Deine Todten werden leben meine Leichname werden auferstehen,“ sagte er. Jes. 26, 19. Und wieder: „Er macht uns lebendig nach zweien Tagen; Er wird uns am dritten Tage aufrichten, daß wir vor Ihm leben werden.“ Hos. 6,2. Welches nun erfüllt ist durch das Sitzen des Menschensohnes zur Rechten der Majestät im Himmel; nach dem Wort an die Epheser: „Er hat uns miterwecket und mitgesegnet in das himmlische Wesen in Christo Jesu.“ Ephes. 2,6.

O, diese gesegneten Schriftworte und Betrachtungen und viele andere von gleicher Natur ließ er mir in jenen Tagen so in meine Augen leuchten, daß ich Ursache habe zu sagen: „Lobet Gott in Seinem Heiligthum; lobet Ihn in der Feste Seiner Macht. Lobet Ihn in Seinen gewaltigen Thaten; lobet Ihn in Seiner großen Herrlichkeit.“ Psalm 150,1,2.

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