Baur, Gustav - Was gehört zu einer rechtschaffenen Buße?

Baur, Gustav - Was gehört zu einer rechtschaffenen Buße?

Am Bußtage.

Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. Denn ich erkenne meine Missethat und meine Sünde ist immer vor mir, Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, gewissen Geist. Verwirf mich nicht vor deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Tröste mich wieder mit deiner Hülfe, und der freudige Geist enthalte mich! Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten! - Amen.

Mit diesem Gebete, in dem Herrn geliebte Gemeinde, laßt uns an dem heutigen Bußtage vor das Angesicht unseres Gottes treten! Mit dem aufrichtigen Bekenntniß unserer Sünde und Missethat, durch welche wir uns gegen ihn vergangen haben, und mit der herzlichen Bitte, daß er uns den Trost seiner Barmherzigkeit nicht vorenthalten und daß er durch die Kraft seines heiligen Geistes unser sündiges Herz erneuern wolle. Und ein jedes Gebet muß ja von rechtswegen, wenn nicht ausdrücklich, doch stillschweigend das Bekenntniß unserer Sünde einschließen. Denn wie könnten wir vor das Angesicht des Allheiligen und Allwissenden treten, ohne schmerzlich zu empfinden, wie weit unsere Sünde von seiner Heiligkeit uns trennt, ohne auch der verborgenen Sünden zu gedenken, die nicht bloß dem Auge der Welt, die auch unserer unvollkommenen Selbsterkenntniß sich entziehen, vor dem Auge des Allwissenden aber alle, alle offen da liegen? Es ist früher Sitte gewesen in den Hauptgottesdiensten auch unserer evangelischen Gemeinden, daß sie alle eröffnet wurden mit einem Sündenbekenntnisse, welches der Geistliche vor dem Altar im Namen der ganzen Gemeinde ablegte. Und das war eine gute Sitte, meine lieben Freunde, von welcher man wünschen muß, daß sie in unsere Gottesdienste wieder zurückkehre. Denn wozu kommen wir denn zusammen im Hause unseres Gottes? Wozu anders, als daß wir hier den Trost und die Kraft der Erlösung von der Sünde und der Versöhnung mit unserem Gott suchen, welche der Vater im Himmel nach seiner großen Barmherzigkeit in seinem eingeborenen Sohne uns aufgerichtet hat? Und wie könnten wir von der Sünde erlöst werden, wenn wir nicht den Druck und die Schmach ihrer Knechtschaft im tiefsten Herzen empfinden und nach Befreiung herzlich verlangen? Wie könnten wir mit Gott versöhnt werden, wenn wir nicht fühlen, wie die Sünde uns zu Feinden Gottes macht, und wenn wir nicht nach der Wiedervereinigung mit ihm, dem wahren Freund unserer Seelen, uns sehnen, damit wir in seiner Liebe ruhen? Weil aber unser schwaches Herz lieber die Verkündigung der Gnade Gottes hört, als daß es für seine Sünde sich strafen läßt, und weil unser eitles Herz, zumal im Sonnenschein äußeren Glückes, von dem täuschenden Schein einer äußerlichen Rechtschaffenheit das tiefe Verderben seiner Sünde sich verhüllen läßt, darum, meine liebe Gemeinde, ist auch das eine gute Sitte, daß ein bestimmter Tag verordnet ist, damit wir an ihm in aufrichtigem, demüthigem Bekenntniß unserer Sünde Buße thun vor unserm Gott. Und die Gemeinde scheint ja auch die Zweckmäßigkeit dieser Sitte selbst anzuerkennen, indem sie gerade an diesem Tage besonders zahlreich im Hause Gottes sich zu versammeln pflegt.

Ja, meine lieben Brüder und Schwestern, wer heute das Gotteshaus betritt, der legt schon damit das Bekenntniß ab: „Ich bin ein Sünder!“ Und laßt es uns doch mit diesem Bekenntnisse recht ernst und genau nehmen! Laßt uns nicht genügen ein allgemeines Sündenbekenntniß; sondern laßt uns uns selbst und unserem Gott gestehen - denn was hülfe es uns, wenn wir vor ihm unsere Sünde beschönigen wollten! - daß wir heute und gestern, daß wir durch den Trotz und durch die Verzagtheit, durch die Trägheit und durch die wilde Leidenschaft und durch die böse Lust unseres argen Herzens, daß wir durch Gedanken, Worte und Thaten uns mannichfaltig gegen seine heiligen Gebote vergangen haben. Nur wenn wir so selbst ein strenges Gericht über uns halten, werden wir dem strengern Gerichte des ewigen Richters entgehen. Nur wenn durch solche Buße der Boden des Herzens bereitet ist, kann der Same des Wortes von der Gnade unsers Gottes in ihm aufgehn und zum seligmachenden Glauben erwachsen. Und wenn so das scharfe Messer der Buße erst an den inneren Schaden unserer Sünde gelegt ist, dann finden auch alle Schäden, die uns im äußeren Leben bedrängen, am sichersten ihre Heilung. Möge denn der heutige Tag mit Gottes Hülfe uns allen ein rechter Bußtag werden!

Lied: 302, 2.
Zwar meine Schuld ist übergroß;
Doch reut sie mich von Herzen.
Erbarme dich und sprich mich los
Durch deines Todes Schmerzen!
Nimmst du dich meiner hülfreich an:
Wer ist, der mich verdammen kann?
Dann werd' ich los der Sündenlast.
Mein Glaube faßt,
Herr, was du mir versprochen hast.

Text: Klagelieder 3, 39-42.
Wie murren denn die Leute im Leben also? Ein Jeglicher murre wider seine Sünde! Und laßt uns forschen und suchen unser Wesen, und uns zum Herrn bekehren! Laßt uns unser Herz sammt den Händen aufheben zu Gott im Himmel! Wir, wir haben gesündiget und sind ungehorsam gewesen. Darum hast Du billig nicht verschonet.

Diejenigen, welche am letztverflossenen Sonntage hier versammelt gewesen sind, haben aus unserem damaligen Evangelium vernommen, was zu dem Glauben an Christum gehört. Unser heutiger Bußtagstext aus den Klageliedern des Propheten Jeremia sagt uns, was zu einer rechtschaffenen Buße gehört, die ja die Vorbedingung ist des rechtschaffenen Glaubens an Christum. Unsere heutige Bußtagsfrage also lautet: Was gehört zu einer rechtschaffenen Buße? Und der Prophet antwortet uns auf diese Frage: Es gehört dazu erstens eine unumwundene Selbstanklage, zweitens eine gründliche Selbsterkenntniß und drittens ein aufrichtiges und demüthiges Bekenntniß unserer Sünde und eine herzliche Bekehrung zu unserem Gott.

I.

Die Bußpredigt unseres Propheten beginnt mit den Worten: „Wie murren denn die Leute im Leben also? Ein jeglicher murre wider seine Sünde!“ und damit fordert er uns auf zu einer unumwundenen Selbstanklage. - Es war eine traurige, eine schreckliche Zeit, in welcher Jeremia gesprochen hat. Zidekia, der letzte König von Juda, hatte durch eine verrätherische Verbindung mit Aegypten den Zorn und die Rache seines Oberherrn, des chaldäischen Königs Nebukadnezar, heraufbeschworen, und die heilige Stadt Jerusalem war von diesem grausam zerstört, die besten im Volke waren nach Babylonien in die Verbannung hinweggeführt worden; Zidekia selbst hatte zuletzt noch sehen müssen, wie seine Kinder vor seinen Augen erwürgt wurden, dann waren ihm seine Augen ausgestochen und er selbst war mit hingeschleppt worden in die babylonische Gefangenschaft. Da ließ denn der Prophet über die blutigen Trümmer der Gottesstadt und ihres Tempels den Ruf des Jammers erschallen, mit welchem seine Klagelieder anfangen: „Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volkes war! Sie ist wie eine Wittwe: die eine Fürstin unter den Heiden und eine Königin in den Ländern war, muß nun dienen. Sie weinet des Nachts, daß ihr die Thränen über die Backen laufen; es ist Niemand unter allen ihren Freunden, der sie tröste.“ Andere aber ließen es nicht bei der Klage; sie murreten auch. Und zwar murreten sie, wie es die Eitelkeit und Trägheit des menschlichen Herzens mit sich bringt, alle nur über andere, als über die Urheber solchen Verderbens. Die chaldäische Partei murrete wider die ägyptische, daß sie die Rache des Chaldäers über das unglückliche Land gebracht; die ägyptische Partei murrete wider die chaldäische, daß sie sich nicht kräftiger aufgerafft habe, um das Joch des Unterdrückers abzuschütteln; und viele murreten wider den gerechten und allmächtigen Gott selber, daß er seinem auserwählten Volke sein Wort nicht gehalten, sondern es den Heiden habe zur Beute werden lassen. Was sagt aber der Prophet? Er sagt: „Ein jeglicher murre wider seine Sünde!“ Und er hatte ein Recht, so zu sagen, Geliebte. Vierzig Jahre lang war er, von den Königen und Großen verfolgt, und von dem Volke verhöhnt, nicht müde geworden zu predigen, daß, wenn das Volk nicht ablasse von seinem gottlosen Wesen, es so kommen müsse, wie es jetzt gekommen war. „Es steht greulich und scheußlich im Lande, so hatte seine bittere Klage gelautet (Jer. 5, 30. 31). Die Propheten lehren falsch, und die Priester herrschen in ihrem Amte, und mein Volk hat's gerne also; wie will es euch zuletzt darob gehen?“ Auch war Jeremia nicht der Erste, welcher Gottes Strafgerichte dem entarteten Volke verkündete. Hundert Jahre vor ihm hatte der Prophet Micha, welcher der heutigen Nachmittagspredigt ihren Text geben wird, ein ernst strafendes und mahnendes Wort gesprochen, dessen im Buche Jeremias ausdrücklich gedacht wird (Mich. 3, 9-12 ff. Jer. 9, 11. 26, 18): „Höret doch dieß, ihr Häupter im Hause Jacob und ihr Fürsten im Hause Israel, die ihr das Recht verschmähet und Alles, was aufrichtig ist, verkehret; die ihr Zion mit Blut bauet und Jerusalem mit Unrecht! Ihre Häupter richten um Geschenke, ihre Priester lehren um Lohn, und ihre Propheten wahrsagen um Geld. Darum wird Zion um euretwillen wie ein Feld gepflüget und Jerusalem zum Steinhaufen und der Berg des Tempels zu einer wilden Höhe.“ Und nun war es durch die Sünde des Volkes so gekommen, wie die Propheten ihnen vorhergesagt hatten: hatte nicht Jeremia das vollste Recht, den Murrenden zuzurufen: „Wie murren denn die Leute im Leben also? Ein Jeglicher murre wider seine Sünde?“ - Aber auch euch, die ihr heute vor dem Angesichte Gottes zur Buße versammelt seid, ruft er dieses Wort zu. Ach, Geliebte, es gibt ja auch in unserer Zeit auch bei uns viel zu klagen und zu murren Wenn wir nur nicht immer über Andere murren, sondern uns selbst anklagen und murren wollten wider unsere eigne Sünde! Unser deutsches Vaterland ist - Dank sei der Langmuth unseres Gottes! - noch nicht gefallen, wie damals Juda gefallen war; ja es ist durch Gottes Gnade und Allmacht vor einem halben Jahrhundert erst herrlich wieder auferstanden von einem schweren Fall. Aber daß Manches faul ist im Staate, wer wollte das läugnen? Gilt nicht auch unserer Zeit der Vorwurf des Propheten Micha, daß die Großen das Recht verschmähen und Alles, was aufrichtig ist, verkehren; daß sie die Macht des Volkes mit Blut bauen wollen und das Gebäude des Staates mit Unrecht. Und wenn nun der Sinn für Recht und Gerechtigkeit in dem Volke so sehr erstorben ist, daß man mit Jeremia sprechen kann: „Mein Volk hat es gerne also“: wider wen hat es zu murren, als wider seine eigne Sünde.„ Und wenn viele darüber klagen, daß es greulich und scheußlich stehet im Lande, weil die wilden und unreinen Wogen selbstsüchtiger Parteileidenschaft das Schiff des Staates umtoben und hin- und hertreiben; sie legen aber selbst ihre Hände in den Schooß und versäumen die Bürger- und Mannespflicht, ihre bessere Ueberzeugung mit Muth und Freimuth geltend zu machen: wen haben sie wiederum anzuklagen, als ihre eigne Sünde? Auch unsere Gotteshäuser sind noch nicht zerstört, wie es damals der Tempel zu Jerusalem war; ja die Sorge für sie ist wieder gewachsen, und man sucht sie herzustellen in aller Stattlichkeit und sie zu schmücken mit dem würdigsten äußeren Schmuck. Aber wenn dennoch geklagt werden muß über den Verfall des kirchlichen Lebens, weil ihnen der schönste Schmuck allzusehr fehlt, die Menge der Gläubigen im Hause Gottes und an dem Tische des Herrn; wenn unsere evangelische Kirche dem planvollen und ausdauernden Vordringen der römischen Kirche gegenüber sich vielfach so ohnmächtig zeigt, weil wir vergessen, welcher Segen uns in dem reinen Worte des Evangeliums ist wiedergegeben worden, und weil wir die kräftige Einigkeit im Geist durch mancherlei Parteiungen selber stören: wer ist denn anders schuld an solchem Verfall und an solcher Ohnmacht, als unsere eigne Sünde? Auch unsere Häuser stehen noch, ja sie haben aus Flammen und Schutt sich herrlicher wieder erhoben, denn je zuvor, und von Tag zu Tag mehret sich ihre Zahl. Aber man hört viel Klagen und Murren darüber, daß viele nicht besser seien, denn ein übertünchtes Grab, weil aus ihnen die alte Tüchtigkeit und die alte Treue, die gute Zucht und die fromme Sitte der alten Zeit verschwunden sei. Wie nun, meine lieben Brüder und Schwestern, wollen wir in Bezug auf diese Klage uns selbst rechtfertigen, indem wir nur über Andere murren? Sollen wir nicht vielmehr murren wider unsere eigene Sünde, daß uns die Sorge für das zeitliche Glück unserer Kinder mehr am Herzen liegt, als die Sorge für ihre ewige Glückseligkeit? Daß wir vergessen den großen Erziehungsgrundsatz des Gotteswortes: Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang, und Christum lieb haben ist viel besser, denn alles Wissen? Daß wir die rechte Zucht heiliger Liebe versäumen und nicht eingedenk sind der Mahnung des Apostels (Eph. 6.8, Kol. 3, 21): „Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht zum Zorn, auf daß sie nicht scheu werden, sondern ziehet sie auf in der Zucht und Vermahnung zum Herrn!“ - Und daß nur in allen Stücken unsere Selbstanklage eine recht unumwundene fei! - nicht eingehüllt in die beschönigenden Redensarten, die immer, wie demüthig sie auch lauten mögen, am Ende doch nur auf Selbstrechtfertigung hinaus laufen: Es ist freilich wahr und ich will es nicht läugnen, daß ich nicht ohne Schuld bin; aber die Hauptschuld, die tragen doch Andere. So nicht, meine lieben Freunde! Das sind gefährliche Redensarten, mit welchen wir uns selbst betrügen. Sondern nur gegen die eigene Sünde richtet ein wahrhaft bußfertiges Herz seine Anklage, Nicht so sollen wir sprechen: Hätten Andere ihre Schuldigkeit gethan, so würde es auch an mir nicht gefehlt haben; sondern umkehren sollen wir's: Erfüllte ich nur, was mir obliegt, mit rechter Treue; es würde auch mit der Pflichterfüllung derjenigen besser stehen, mit welchen und an welchen ich zu arbeiten habe.

II.

Und eine solche unumwundene Selbstanklage, die führt dann sicher auch zu dem zweiten Erforderniß einer rechtschaffenen Buße, zu einer gründlichen Selbsterkenntniß, die uns überzeugen muß, daß wir durch die strengste Selbstanklage uns wahrlich selbst kein Unrecht thun. Der Prophet fordert uns zu solcher Selbstprüfung anfinden weiteren Worten: „Und lasset uns forschen und suchen unser Wesen und uns zum Herrn bekehren.“ - Es giebt eine Selbstprüfung von sehr oberflächlicher und äußerlicher Art, und diese Art von Selbstprüfung fehlt freilich wohl bei keinem von uns, es gibt wohl keinen Menschen, der vollkommen gedankenlos in den Tag hineinlebt, ohne sich nur einmal zu fragen, wohin denn sein Thun und Treiben am Ende führen wird. Aber gewöhnlich betrachten wir uns bei unserer Selbstprüfung nur mit dem Auge, mit welchem andere kurzsichtige Menschen unser Thun und unseren Wandel ansehen. Was werden die Leute dazu sagen? - das ist die erste, wenn nicht die einzige Frage, nach welcher wir unser Verhalten einrichten. Scheint keine Gefahr vorhanden zu sein, daß es in den Augen der Welt mißfällig ist, dürfen wir sogar hoffen, daß es die Billigung der Welt finden werde, so meinen wir genug gethan zu haben. Oder wir beurtheilen unser Thun uns Treiben nach bestimmten äußeren Zwecken, die wir verfolgen. Bringt es uns äußeren Vortheil und Gewinn, ohne daß die Ahndung des weltlichen Richters uns treffen kann, so meinen wir, wenn nicht recht, doch richtig gehandelt zu haben: und ob wir nicht durch unser Verhalten die ewigen Gesetze der Wahrhaftigkeit und Redlichkeit, der Gerechtigkeit und Billigkeit verletzt haben, ob wir damit auch vor dem ewigen Richter bestehen können, darnach wird nicht gefragt. Von einer solchen Selbstprüfung aber spricht unser Bußtext nicht, sein Ruf zur Buße soll vielmehr von dieser schlechten und verderblichen Selbstprüfung unser Herz reinigen. Der Prophet stellt ja als die Frucht der Selbstprüfung und Selbsterkenntniß, welche er fordert, dar, daß wir uns bekehren zu dem Herrn. Das also soll unser Forschen in uns zu entdecken suchen, was dem heiligen Willen Gottes widerspricht und unsere Bekehrung aus dem Dienste der Welt zur Gemeinschaft mit Gott hindert. Nicht mit dem Hinblick auf das kurzsichtige Auge und auf das täuschende Urtheil anderer Menschen soll unsere Selbstprüfung beginnen, sondern mit dem Aufblick zu dem ansehenden Auge und dem gerechten Gerichte des allwissenden und heiligen Gottes. Wie der Psalmist sollen wir sie anfangen mit dem Gebete (139, 1-4): „Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe, so weißest du es- du verstehest meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehest alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht alles wissest.“ - Dann, meine lieben Freunde, werden wir nicht bloß unseren äußeren Wandel erforschen, sondern auch unser innerstes Wesen. Denn so will es ja unser Text: „Lasset uns forschen und suchen unser Wesen.“ Und so will es auch unser Herr Jesus Christus, wenn er in seiner Bergpredigt das rechte Verständniß der heiligen Gebote Gottes uns aufschließt: Es ist den Alten gesagt, du sollst nicht tödten! Ich aber sage euch: Wer seinem Bruder zürnet, der ist ein Todtschläger. Wiederum ist den Alten gesagt: Du sollst nicht ehebrechen! Ich aber sage euch: Wer seines Bruders Weib anstehet, ihrer zu begehren, der hat die Ehe mit ihr gebrochen. Nicht mit der täuschenden äußerlichen Rechtschaffenheit also sollst du dich begnügen, sondern bis in die verborgensten Gedanken des Herzens hinein sollst du mit der Leuchte des Gesetzes deine Sünde verfolgen. Mußt du dann nicht bekennen, daß, wenn du auch seinen Buchstaben befolgst mit der äußeren That, doch die Trägheit und die böse Lust deines Herzens in beständigem Kampfe liegt mit dem Geiste des Gesetzes? Und wenn die Menschen unser Wirken rühmend anerkennen - o wie würden sie anders urtheilen, wenn sie in unser Herz hineinsehen könnten und wenn sie wahrnähmen, wie nicht Gottesfurcht, sondern Menschenfurcht und Menschengefälligkeit die Triebfeder unseres Handelns ist, und wie wir ganz anders wuchern könnten mit dem Pfunde, welches Gott uns gegeben hat; und wie urtheilt der anders, welcher das Alles sieht und wahrnimmt! Wie ist doch die Arbeit in unserem Berufe so oft nichts anderes, als ein elender Miethlingsdienst, von dem man nur so leicht und so rasch wie möglich los zu kommen sucht, um in träger Selbstsucht dem Genusse des Lebens sich wieder hingeben zu können, und in dem nichts zu spüren ist von der freudigen Thätigkeit des freien Gehorsams heiliger Liebe! Und wie mischt doch in Alles, was wir denken, wollen und thun unsere Sünde ihr verunreinigendes und verderbliches Gift hinein! - Weiter aber, meine Lieben, laßt uns nicht vergessen, wie auch das zu unserem Wesen gehört, daß wir nicht allein stehen, sondern daß wir alle Glieder sind einer Gemeinschaft, des Hauses, des bürgerlichen und kirchlichen Lebens. Wenn aber Ein Glied leidet, sagt der Apostel, so leiden alle andern Glieder mit. Unsere Sünde beschränkt ihre verderbliche Wirkung nicht auf uns selbst; sie dehnt sie auch über die aus, welche mit uns in Verbindung stehen. Es ist ein Wort von tiefer und erschreckender Wahrheit, wenn der Dichter sagt: „Das eben ist der Fluch der bösen That, daß sie fortzeugend Böses muß gebären.“ Die Lässigkeit der Eltern in der Erfüllung ihrer Pflicht, ihre Trägheit und leidenschaftliche Gereiztheit, ihre Eitelkeit und Lüsternheit - das alles fällt in die Herzen der Kinder wie ein böser Samen: sollen wir uns wundern, wenn wir da keinen Waizen erndten können, wo wir Unkraut gesäet haben? Sollen die Väter nicht ihre eigene Sünde wiedererkennen in der Sünde ihrer Kinder? So steckt auch jede Pflichtvergessenheit bei der Arbeit unseres Berufes die an, welche mit uns, und namentlich die. welche unter uns zu arbeiten haben, und die Unsicherheit und Halbheit, womit wir in Wort und That für Wahrheit und Recht einstehen, drängt auch in Anderen den Muth der Wahrheit und ein rechtschaffenes Streben zurück. Wie wir aber mit unserer Sünde verderblich auf Andere einwirken, so nehmen auch wir die verderbliche Einwirkung ihrer Sünde auf. Wir finden uns verflochten in einen wüsten Knäuel gottlosen Wesens, aus welchem wir uns nicht loszuwinden vermögen. Wir müssen bekennen mit dem Apostel, der es nicht verschmäht hat, sich selbst den größten der Sünder zu nennen (Röm. 3, 12): „Sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig geworden, da ist nicht der Gutes thue, auch nicht Einer!“ Und wer in bußfertigem Herzen zu gründlicher Selbsterkenntniß gekommen ist, der muß fragen, ähnlich, wie einst Jeremia gefragt hat (8, 22): Ist denn keine Salbe in Gilead, oder ist kein Arzt da, der mich und die Meinen und mein Volk heilen könnte von der Todeskrankheit unserer Sünde?

III.

Und dem barmherzigen Gott sei Dank, der nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre von seinem Wesen und lebe: es ist ja ein solcher Arzt da. Die sich gesund Dünkenden freilich glauben seine Hülfe entbehren zu können. Aber wer am Bußtage das Angesicht Gottes sucht, der rechnet sich ja nicht zu den Gesunden, der kommt, weil er sich krank fühlt, und darum nach Hülfe und Heilung herzlich verlangt. Und so fordert euch denn die Bußpredigt des Propheten schließlich auf, diese Hülfe zu suchen, indem ihr in aufrichtigem Sündenbekenntniß und herzlicher Bekehrung zu Gott eure Buße vollendet. „Lasset uns zum Herrn uns bekehren, so schließt unser Text, lasset uns unser Herz sammt den Händen aufheben zu Gott im Himmel. Wir, wir haben gesündigt und sind ungehorsam gewesen, darum hast du billig nicht verschonet.“ - Wer mit diesem aufrichtigen Bekenntniß vor seinen Gott tritt, der hat es aufgegeben, immer nur zu klagen über die äußere Noth dieses Lebens und über Andere zu murren, welchen er alle Schuld davon aufbürden möchte; der hat vor Allem wider seine eigene Sünde murren gelernt. Es wird uns ein solches Bekenntniß freilich nicht leicht. Wie es dem Wüstling schwer wird, seine Krankheit, die er durch seine Sünde sich zugezogen, dem Arzte zu gestehn; so wird es unserem trotzigen und hochmüthigen Herzen schwer, unserem Gott offen zu bekennen: „Wir, wir haben gesündigt und sind ungehorsam gewesen, darum hast du billig nicht verschont.“ Aber es hilft doch nichts, Geliebte: auch der himmlische Arzt kann uns nicht helfen, wenn wir nicht unsere Krankheit ersannt und sie ihm bekannt haben. „Wer seine Missethat läugnet, so mahnet es schon im alten Bunde (Sprüche 28, 13), dem wird es nicht gelingen; wer sie aber bekennet und lässet, der wird Barmherzigkeit erlangen.“ Und die Freundlichkeit des Seelenarztes, welcher den neuen Bund gegründet hat, um die Sünder zur Buße zu rufen und selig zu machen, die verloren sind, das liebreiche Wort, welches er durch den Mund des Apostels Johannes uns zuruft (1. Joh. 1,9): „So wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünde vergibt und reiniget uns von aller Untugend“ - das sollte uns doch Muth machen zu aufrichtigem Bekenntniß. Es liegt aber in einem solchen Bekenntnisse schon ein gar großer Segen, Denn zunächst gibt es ohne aufrichtiges Bekenntniß auch keine rechte Erkenntniß der Sünde. So lange wir noch nicht dazu gekommen sind, offen und bestimmt unsere Sünde zu bekennen, so lange leuchtet die Sündenerkenntniß wohl einmal in das Dunkel unseres Wesens hinein wie ein aufblitzendes Licht, aber es wird bald wieder ausgelöscht von den Stürmen des Weltlebens, von welchen unser unbeständiges Herz sich wägen und wiegen läßt. Haben wir aber unsere Sünde bekannt, so tritt sie uns in bestimmter und fester Gestalt vor die Seele, und wir erkennen deutlich den Feind, gegen den wir unser wahres Leben zu schützen haben. Und obgleich so durch das Bekenntniß erst das Verderben der Sünde uns recht klar wird, so wird es uns dabei doch zugleich leicht um's Herz. Der Bann, welchen der Trotz und die Eitelkeit unseres Herzens und eine falsche Scham auf uns gelegt hatte, ist gelöst; und die Schranke, welche uns von unserem Gott getrennt hat, ist gefallen. Wir fühlendem büßenden David sein Wort nach (Ps. 32, 3-4): „Da ichs wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine. Denn deine Hand war Tag und Nacht schwer auf mir, daß mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird. Darum bekenne ich dir meine Sünde, und verhehle meine Missethat nicht.“ Wir fühlen, daß mit dem Bekenntniß unserer Sünde und Schuld auch der alles vermögenden Hülfe unseres Gottes der Weg zu uns aufgeschlossen ist. - Wenn wir es nur auch an der herzlichen Bekehrung zu unserem Gott nicht fehlen lassen! Bekehrung ist Umkehr von dem Wege der Sünde; Umkehr auf Grund der klaren Erkenntniß, daß dieser Weg zum Verderben hinabführt; Umkehr im tiefen Gefühl des Elendes und der Schmach eines Lebens, das im Dienste der Sünde verbracht wird. Der sich Bekehrende wendet sich mit Schrecken und Abscheu hinweg von der Nacht und dem Tod der Sünde und wendet dem Licht und Leben in Gott mit herzlichem Verlangen sich zu. Aber er fühlt, daß er in sich selbst die Kraft nicht hat, in diesem Licht zu wandeln. Und darum thut er, wie unser Text sagt: er hebt sein Herz sammt den Händen auf zu Gott im Himmel in heißem Gebet um den Beistand seiner Gnade. Und ein solches Gebet, das hervorgeboren ist aus den Schmerzen aufrichtiger und herzlicher Buße, das läßt der Vater im Himmel zu seinem lieben, theuer erkauften Kinde nicht leer zurück kommen. Er läßt aus dem dunkeln Grunde der Buße die liebliche, herzerquickende Frucht des seligmachenden Glaubens hervorwachsen. Er erfüllt dich mit dem alles überwindenden Troste, daß sein Sohn Jesus Christus auch für dich gestorben ist, damit sein heiliges Blut auch dich reinige von aller Sünde. Er zieht dich an mit der Kraft aus der Höhe, damit du den guten Kampf des Glaubens gegen die Sünde kämpfen und dem Ziele nachringen kannst, welches dir vorhält die himmlische Berufung Gottes in Christo Jesu.

Ja, du heiliger und barmherziger Gott, brich den Hochmuth unserer Herzen, damit wir den Muth gewinnen uns selbst anzuklagen um unserer Sünde willen. Nimm die Decke der Eitelkeit von unseren Augen hinweg, daß wir unsere Sünde gründlich erkennen. Tilge alle falsche Scham aus unserem Herzen aus, damit wir mit dem aufrichtigen Bekenntniß unserer Sünde heut vor dein heiliges Angesicht treten. Und zieh selbst uns zu dir hin, damit wir uns bekehren von dem Irrthum unseres Weges zu dir, unserem Herrn und Gott! Dann dürfen wir auch mit guter Zuversicht zu dir sprechen:

Ob bei uns ist der Sünden viel,
Bei dir ist viel mehr Gnade.
Dein Arm zu helfen hat kein Ziel,
Wie groß auch sei der Schade.
Du bist allein der gute Hirt,
Der uns, dein Volk, erlösen wird
Von allen Sünden. - Amen.

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