Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Zwölfter Vortrag. Der Prophet in Galiläa.

Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Zwölfter Vortrag. Der Prophet in Galiläa.

Zum zweiten Mal geht Jesus von Jerusalem und Judäa nach Galiläa und zwar dieses Mal, um hier eine andauernde Wirksamkeit zu eröffnen. In diesen Zeitpunkt setzen nämlich die drei ersten Evangelisten, die sogenannten Synoptiker, mit ihrer Erzählung von dem öffentlichen Wirken Jesu ein. Diese nämlich haben ihre Geschichtsdarstellung so angelegt, daß die Thätigkeit Jesu in Galiläa den ganzen Rahmen ausfüllt und erst der letzte Ausgang seinen Schauplatz in Jerusalem hat. Allerdings werden wir diese Darstellung in sich selber, d. h. ohne Ergänzung des Johannesevangeliums zu verstehen suchen müssen, denn jedes Evangelium ist als ein Ganzes entworfen und den Gemeinden übergeben, muß also auch für sich verständlich sein. Um so mehr also wird jene Anlage der Erzählung, die in den drei ersten Evangelien gleichmäßig ist, eine richtige Uebersicht über den Gang der Geschichte Jesu gewähren müssen. Und ist es denn in der That nicht sehr begreiflich, daß Jesus, um eine Grundlage seines Werkes zu legen, seine Hauptthätigkeit auf Galiläa beschränkt, da sich am Ende seiner Geschichte zeigt, daß die Feindschaft in Jerusalem sofort den höchsten Grad erreichte, welcher Umstand natürlich auf die frühere Zeit der Verhältnisse in Jerusalem Licht verbreitet? Wenn Johannes also sich eigens über die Kämpfe Jesu in Jerusalem, die von seinem ersten öffentlichen Auftreten an daselbst beginnen, mit seiner Erzählung ausläßt, so wird damit ein Hintergrund der galiläischen Wirksamkeit beleuchtet, welchen vorauszusetzen man nach der synoptischen Geschichte eben so sehr berechtigt wie genöthigt ist. Genöthigt ist, sage ich, denn allerdings ist eine Kluft bemerklich, wenn wir nach dem ersten und dritten Evangelium den allerersten Anfang der Geschichte Jesu mit dem Charakter seines galiläischen Wirkens vergleichen. Die Erzählungen nämlich, welche sich auf die Geburt und auf die ersten Lebenstage Jesu beziehen, namentlich wie dieselben in dem Lukasevangelium lauten, stimmen alle darin überein, daß wir in Jesu den verheißenen und schließlichen König Israels erwarten müssen. Damit contrastirt es nun auffallend, daß das erste Auftreten Jesu in Galiläa und namentlich auch sein Sichfernhalten von Jerusalem von seiner königlichen Würde und Macht Nichts sehen läßt, sondern Alles nur auf einen prophetischen Beruf hinweist. Es leuchtet nicht sofort ein, wenn Einer, der als König auf die feierlichste Weise angekündigt ist, hinterher im öffentlichen Leben als Prophet auftritt. Die Erklärung dieses stillschweigenden Uebergangs aus einer Sphäre in die andere finden wir bei Matthäus angedeutet. Dieser schreibt nämlich: „nachdem Jesus hörte, daß Johannes überantwortet war, begab er sich nach Galiläa“ (s. 4,12), und mit dieser Motivirung leitet er die zusammenhängende Erzählung über die prophetische Thätigkeit Jesu in Galiläa ein. Diese kurze Andeutung läßt sich nicht wohl anders verstehen als so: nachdem Johannes der Täufer durch den Arm der Gewalt in seinem Wirken unterbrochen worden sei, habe Jesus diese seine Wirksamkeit aufgenommen und zwar habe er als Schauplatz dieser seiner Fortsetzung der johanneischen Thätigkeit Galiläa gewählt. Es wird diese Auffassung dadurch bestätigt, daß die galiläische Verkündigung, mit der Jesus auftritt, wörtlich mit der Bußpredigt des Täufers zusammenstimmt (s. Matth. 4, 17. 3, 2). Darin liegt nun weiter die stillschweigende Voraussetzung, daß Johannes mit seiner Wirksamkeit nicht zum Ziele gekommen ist. Wäre nämlich dies der Fall, so hätte seine Gefangenschaft keine Lücke bewirkt, in welche Jesus sich veranlaßt sehen konnte, einzutreten. Die Synoptiker konnten darauf rechnen, daß aufmerksame Leser aus ihren Berichten über die Wirksamkeit Jesu selber diesen Eindruck gewinnen mußten und also diese ihre Voraussetzung selber vollziehen würden. Es hat sich aber gezeigt, daß keineswegs alle Leser diese Aufmerksamkeit besitzen und deshalb jene Kluft entweder gar nicht beachten oder auch über dieselbe mit ihrer Zuversicht zu der Treue der evangelischen Erzählung zu Fall kommen. Das Erste ist fast nicht minder schlimm, wie das Zweite. Denn wenn man nicht die richtige Voraussetzung, auf welcher der synoptische Bericht über die galiläische Wirksamkeit Jesu beruht, wirklich vollzieht, so kann man unmöglich den Sinn dieses Berichtes richtig fassen, und es entgeht Einem der Einblick in den Gang und Zusammenhang der Geschichte Jesu, wobei dann schließlich nichts Anderes übrig bleibt, als eine Reihe von Einzelheiten, aus denen sich Niemand das heilige Bild des Lebens Jesu gestalten kann. Wir müssen es daher dem Johannes sehr Dank wissen, daß er die leise Andeutung und stillschweigende Voraussetzung der Synoptiker zur geschichtlichen Klarheit gebracht hat. Dieser vierte Evangelist ist es, der uns ausdrücklich berichtet, wie der allererste Eintritt Jesu in öffentliches Wirken mit den synoptischen Erzählungen von der Geburt und Kindheit Jesu in vollständigem Einklang steht, indem wir hier erfahren, daß Jesus damit anhebt, in dem Mittelpunkt des Landes und Volkes das Zeichen seiner königlichen Machtvollkommenheit vor Aller Augen zu offenbaren. Zugleich erfahren wir hier, daß dieses Zeichen nicht verstanden wird und Jesus darum in demselben Augenblick auf einen anderen Weg seines Lebens hinweist. Das Licht dieser großen Wendung beleuchtet jene angedeutete Kluft der Synoptiker vollständig. Ferner ist es der Evangelist Johannes, der es uns thatsächlich aufgewiesen hat, daß der Täufer mit seiner Vorbereitungsthätigkeit nicht zu Ende kommen kann und deshalb Jesus schon in Judäa begann, in dieses unvollendete Arbeitsfeld einzutreten. Schließlich erklärt uns die voraufgehende, von uns bereits beleuchtete Erzählung des vierten Evangeliums, warum Jesus für seine prophetische Wirksamkeit nicht Jerusalem und Judäa, sondern Galiläa erwählt hat. Da wir gefunden haben, daß der Hauptgrund der Feindschaft gegen Jesum in der fleischlichen Auffassung der heiligen Güter liegt, die Jehova Israel übergeben hat, so liegt es in der Natur der Sache, wie es auch die Erzählung des Johannes uns sehr anschaulich gemacht hat, daß Jerusalem der Hauptsitz dieser Feindschaft werden muß. In Jerusalem ist der Tempel die örtliche Zusammenfassung aller israelitischen Heiligthümer, hier ist der Sitz der bestellten Wächter über die heiligen Güter. Die Provinz Judäa aber steht in unmittelbarster Abhängigkeit von den Auctoritaten in Jerusalem. In diesem Bereich nun, wo die Macht des fleischlichen Hasses gegen Jesum so concentrirt ist, kommt der Gegensatz sofort immer auf das Aeußerste und es bleibt für Jesum kein Spielraum, sein ganzes Inneres zu entfalten. Dies ist uns aus den Berichten des Johannes über den zwiefachen Aufenthalt Jesu in Jerusalem und Judäa hinlänglich deutlich geworden. Galiläa nun und Kapernaum, wo der Herr während seiner galiläischen Thätigkeit vorzugsweise seinen Sitz nahm (s. Matth. 4, 13. 9, 1), bilden zu Judäa und Jerusalem in dieser Beziehung den vollen Gegensatz. Galiläa hat seinen Namen von den angrenzenden und in das nördliche Grenzgebiet des israelitischen Landes eindringenden Heiden, es heißt ursprünglich Kreis der Heiden (s. Jes. 8, 23). Hier ist am wenigsten Anhalt für jenen fleischlichen Hochmuth der Juden, hier leuchtet das Licht, welches von Jerusalem ausgeht, am schwächsten und ist die Dunkelheit, die hier herrscht, fast gleich zu achten der Finsterniß, welche die Heiden bedeckt. So hat bereits der Prophet Jesaja dieses Gebiet geschildert. Derselbe Prophet verheißt aber, daß eben über solches Dunkel das Licht zuerst aufgehen soll, und Matthäus findet dies erfüllt in der Verkündigung Jesu, welche am ersten und reichhaltigsten sich in Galiläa entfaltete (s. Matth. 4, 14-16). Als nämlich jenes Licht in Jerusalem immer mehr nicht sowohl zum Sehen, als vielmehr zur Verblendung gereichte, da gewährte die galiläische Nacht die Möglichkeit, daß sich hier der Anbruch eines neuen Tages vorbereiten könnte. Und was namentlich Kapernaum anlangt, so beruhte die ganze Bedeutung der Stadt auf der unmittelbaren Gegenwart. Während in Jerusalem die Erinnerung bis in die Tage Melchisedeks zurückgeht, wird Kapernaum in der alttestamentlichen Geschichte nicht einmal mit Namen genannt. In Jerusalem ist Alles heilige Geschichte, in Kapernaum Alles Gegenwart, nämlich Natur und Menschenverkehr. In einer Zeit, in welcher jedes heilige Denkmal für den fleischlichen Sinn zu einem Fallstrick der Verführung zu werden drohte, war eure solche Localität, wie Kapernaum, die so zu sagen einen lediglich weltlichen und profanen Charakter hatte, für die Thätigkeit Jesu geeigneter als jede andere.

Wenn wir also, wie wir gethan haben, ausgehen von dem Bericht der fünf ersten Capitel des vierten Evangeliums, so ist uns das galiläische Prophetenthum des Herrn durch den bisherigen Gang der Entwickelung hinlänglich motivirt. Ganz verständlich wird uns aber dieses Prophetenthum erst dann, wenn wir die Eigenthümlichkeit desselben in ihrem eigenen Lichte erforschen. Um nämlich den Hauptpunkt, auf den es hierbei vornehmlich ankommt, zu bezeichnen, so wird dieses Prophetenthum uns dann erst völlig begreiflich sein, wenn wir verstehen, daß in dem Uebergang Jesu von seinem königlichen Handeln zu seinem prophetischen Wirken nicht etwa ein Aufgeben, wenn auch nur ein einstweiliges, seiner königlichen Würde liegt, sondern sein prophetisches Wirken seinen vollen Anspruch auf die königliche Würde und Macht einschließt. Um dies zu verstehen, müssen wir vorab auf die alttestamentliche Geschichte zurückblicken. Das prophetische Amt tritt in seiner vollen Wirksamkeit ein, nachdem das priesterliche und königliche Amt sich als unfähig erwiesen hatte, die Aufgabe des Volkes Israel zu erfüllen. Seine Voraussetzung ist, daß, so unerfüllt diese Aufgabe ist, dieselbe unerledigt nicht bleiben darf und wird. Darum steht das Ziel, auf welches die göttliche Gründung und Berufung Israels angelegt ist, jedem Propheten als ein unzweifelhaft gewisses vor Augen. Je ferner nun die Gegenwart von diesem Ziele absteht, desto mehr wird das prophetische Wort ein weissagendes. Nur dürfen wir uns dieses weissagende Wort in keinem Sinn als ein von der Gegenwart losgelöstes denken, namentlich auch nicht in dem Sinn, als ob die Zukunft der Erfüllung lediglich als ein Werk Gottes ohne Zuthun und Vermittelung Israels verheißen werde; vielmehr ist alles prophetische Wort, auch das weissagende, sei es nun ein drohendes oder verheißendes, darauf gerichtet, das Volk zu heiligen und zuzubereiten, damit das schließliche Gotteswerk an ihm geschehen könne. Mit einem Wort, die Weissagung der Propheten Israels hat Nichts gemein mit fatalistischen Ideen und heidnischen Orakelsprüchen; sie ruht auf einer unantastbaren, durchaus ethischen Grundlage. Von diesem Gesichtspunkt aus ist das Prophetenthum die letzte heilige Macht der Zurichtung und Vorbereitung Israels für die Erreichung seines gottgesetzten Zieles, nachdem die beiden anderen Aemter an demselben Werke sich erfolglos versucht hatten. Mit dieser rein sittlichen und geistigen Natur des Prophetenthums hängt es zusammen, daß der prophetische Beruf an keine Abstammung weder innerhalb der Familie, wie der priesterliche und königliche Beruf, noch innerhalb des Stammes, wie der levitische, gebunden ist; die Propheten werden aus allen Stämmen, Ständen und Häusern berufen (s. Amos 2, 11). Dem entsprechend ist, daß ihnen eben so wenig äußerliche Machtmittel zu Gebote stehen. Ihre Macht beruht allein in ihrer Persönlichkeit, weshalb sie auch Männer Gottes heißen, mit welchem Ausdruck vor Allem die Einheit der Menschlichen Wesenheit, d. h. des Willens mit Gottes Willen bezeichnet werden soll. Die reinste und unmittelbarste Aeußerung der Persönlichkeit ist das Wort. Der Mann Gottes ist der Sprecher Gottes, welches der ursprüngliche Begriff des Propheten ist (s. 2 Mos. 7, 1), der Mann Gottes redet Gottes Wort. Das Wort ist die Macht und das Mittel des prophetischen Amtes. Daraus erklärt sich auch die Stellung, welche das prophetische Amt zu den beiden anderen hat. Die beiden anderen nämlich, so wie sie mit äußerlichen Mitteln wirken, haben auch äußerliche Voraussetzungen, an welche sie gebunden sind; das priesterliche Amt setzt den Bestand der gottesdienstlichen Ordnung und des Heiligthums voraus, das königliche Amt den Besitz des Landes und die Unabhängigkeit des Volkes. Als nun diese Bestände der Aeußerlichkeit mehr und mehr schadhaft wurden, da mußte die Macht des heilgen Amtes sich aus der Aeußerlichkeit herausziehen und in ihrem inneren Grunde zusammenfassen, es mußte einen Ruhepunkt gewinnen außerhalb der äußerlichen Sphäre, um von da aus die Schäden des äußerlichen Bestandes und Lebens innerlich heilen zu können. Diese innerliche Macht des heiligen Amtes ist eben das Prophetenthum.

Wir ersehen daraus nun zuvörderst, wie correct sich Jesus an diesen Vorgang des alttestamentlichen Prophetenthums anschließt. Gerade das war es ja, was sich in jener entscheidenden Stunde auf dem Tempelberge vor seinen Geistesaugen mit einer erfahrungsmäßigen Gewißheit offenbarte, daß es in dem gegenwärtigen Israel an jeglichem sicheren Anknüpfungspunkte für ein äußerliches Handeln fehlte. Und bei seiner zweiten Anwesenheit in Jerusalem hat er erfahren, daß was an äußerlichen Heiligthümern in Israel vorhanden ist, seines Inhaltes und Geistes entleert wird und somit weit mehr zu einem Hemmniß als zu einer Förderung des göttlichen Werkes wird. Da ihm nun somit die gesammte Aeußerlichkeit Israels verschlossen ist, da greift er zurück zu der Grundmacht alles göttlichen Wirkens, die auf sich selber ruht und keiner Stütze und Anlehnung benöthigt ist. So wird der König Israels der Prophet in Galiläa. Aber eben diese Gleichheit mit dem alttestamentlichen Prophetenthume zeigt uns zugleich am klarsten die Verschiedenheit und Eigenthümlichkeit Jesu in seinem prophetischen Amte und Berufe. Was wir früher bereits als eine allgemeine Thatsache der alttestamentlichen Geschichte hervorgehoben haben, das gilt natürlich auch von den Trägern des prophetischen Amtes, daß nämlich keine Amtsthätigkeit in der alttestamentlichen Zeit sich vollenden konnte, weil in allen Trägern des heiligen Amtes nicht bloß der Geist, sondern auch das Fleisch selbstthätig war. Wir erfahren es aus den sicheren Urkunden der alttestamentlichen Geschichte, daß es nicht bloß Jona, Elia, Jeremia, sondern auch Mose, dem größesten aller Propheten des alten Bundes, an der vollen und stetigen Gemeinschaft mit Jehova gefehlt hat, daß sie also nicht im vollen Sinne Männer Gottes gewesen sind. Ist nun dies der Fall, so kann auch das Wort ihres Mundes nur vermittelst einer besonderen Einwirkung, die wir Inspiration nennen, Wort Gottes sein; woraus denn schließlich erhellt, daß die Macht des prophetischen Amtes und Wortes während der Zeiten des alten Bundes doch noch nicht in den innersten Grund der Persönlichkeit und des Geistes eingegangen war und deshalb auch ihre volle Wirkung noch nicht erreichen konnte, was auch darin zum Vorschein kommt, daß das prophetische Wort in der alttestamentlichen Zeit, insoweit es noch nicht Macht hat, die Gegenwart zu beherrschen, der Schrift anvertraut werden muß.

Jesus ist der erste Prophet im vollen Sinne des Worts, weil in ihm Alles, worauf das prophetische Amt angelegt ist und woran es bis dahin noch gemangelt hat, erfüllt und vollendet ist. Jesus ist der Mann Gottes in vollem Maße, denn Christus ist Gottes, sagt Paulus (s. 1 Kor. 3,23. 1, 3). An ihm und in ihm ist Nichts außer Gott. Dieses ist er nämlich darum, weil er der Sohn Gottes ist. Steht, er nun mit Gott in einem solchen ursprünglichen wesenhaften und durchgreifenden Gemeinschaftsverhältniß, dann ist die Sprache seines Mundes Gottes Wort und die Dolmetschung des göttlichen Willens an die Menschen. Bei ihm bedarf es dazu keiner besonderen Inspiration, der Hauch seines Mundes ist der Odem des göttlichen Geistes. Darum ist das Reden des göttlichen Wortes bei ihm nicht gebunden an Zeit und Raum, oder sonst an äußere Bedingungen Weil das Wort Gottes ihm innewohnend ist, so schließt sich sein/ prophetische Rede ganz genau an das Leben an und folgt allen Lagen und Wendungen, die das Leben mit sich bringt. Die einzige Bedingung seiner Rede ist jedesmal, daß sich irgend welche Empfänglichkeit aufthun muß. Seine ganze Erscheinung ist von der Art, daß sie alle vorhandene Empfänglichkeit weckt und aufregt, und seinem Blicke, dem jede Aeußerlichkeit eines Menschen sofort durchsichtig und verständlich ist, entgeht auch nicht der leiseste Zug einer vorhandenen Empfänglichkeit. So kommt es, daß wir sein prophetisches Wort nicht bloß am Sabbat und in der Synagoge oder im Tempel, wobei er sich an die herrschende Sitte anschloß, nicht bloß vor den großen Versammlungen, die der Ruf seines Namens veranlaßt?, wie es die Gelegenheit mit sich brachte, auf dem Berge, an dem Ufer, auf dem Schiff vernehmen, sondern auch bei gelegentlichen Berührungen mit Menschen, wie wir es bei dem Gespräch mit der Samariterin gefunden, oder in geselligem Verkehr, wie in den lehrreichen Tischgesprächen. Seine prophetische Rede geht deshalb auch durch alle Tonarten hindurch, von dem leisen Hauch und Flüstern des vertraulichen Zwiegesprächs bis zu dem Donnerklang seiner Drohreden, vor denen die Welt zittern muß. Die einfache und unmittelbare Gedankenäußerung dieser Persönlichkeit auf allen Stufen des Lebens ist Wort Gottes. Wir, die wir jetzt mit dem Wort Gottes so zu sagen fast überhäuft und überschüttet werden, so daß wir nahe daran sind, mit demselben zu spielen, vergessen sehr leicht, was denn das Wort Gottes eigentlich in sich selber ist. Dessen müssen wir aber inne werden, wenn wir uns das göttliche Wort in diesem reinen und heiligen Organ des Mundes Jesu vergegenwärtigen. Hier tritt das Wort Gottes auf ohne alle fremde Beimischung und Trübung und daher muß es auch hier alle seine inwohnende Kraft bewähren. Das Wort Gottes ist aber von allem Anfang her das Wort, welches wirkt und schafft, was es aussagt. Diese Macht hat das Wort Gottes in Jesu Munde, darum ist seine Verkündigung des Himmelreichs die Eingründung und Stiftung des Himmelreichs selber. Auf dieser Ueberzeugung stehend, kann er in der Synagoge zu Nazareth sagen: „diese Schrift wird heute erfüllet vor euren Ohren“ (s. Luk. 4, 21). Die Schriftstelle aus dem Propheten Jesaja, welche Jesus in der Synagoge vorgelesen hatte, bezog sich nicht etwa auf die Verkündigung eines künftigen Heils, sondern sie kündigt das, große Befreiungsjahr für alle Elenden und Geschlagenen des Volkes Gottes als ein gegenwärtiges an, sie verheißt also recht eigentlich Erlösung Israels von allem Uebel. Wie kann nun der Herr sagen, diese Schrift werde heute erfüllet, da doch der äußere Zustand des Volkes ganz unverändert bleibt, wenn er nicht von der Anschauung ausgeht, daß sein Wort vom Himmelreich die selbstwirkende Macht ist, durch welche dieses Reich in seiner ganzen Herrlichkeit ausgestaltet wird, wobei die weitere Reflexion auf Zeit und Raum gänzlich ausgeschlossen ist? Dieses unmittelbare Selbstbewußtsein des Wortes ist es auch und nicht eine irgendwie sonst vermittelte Ueberzeugung, wenn er sagt: „Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte werden nicht vergehen“ (s. Matth. 24, 35). Der Bestand von Himmel und Erde ist der festeste, den es gibt, aber Himmel und Erde ist nicht durch sich selbst entstanden, sondern durch das Wort Gottes, dieses ist also die höhere Macht, welche Anfang und Ende der Welt schlechthin beherrscht und bestimmt. Deswegen nun, weil Jesus sein Wort Eins weiß mit diesem überweltlichen Gotteswort, kann er solchen Bestand seiner Reden behaupten. Und es fehlte auch nicht, daß diese göttliche Selbstmacht des Wortes Jesu sich fühlbar machte. Obgleich das stumpfsinnige und hartherzige Volk den vollen und bleibenden Eindruck der Rede Jesu nicht aufnehmen konnte, so gab es doch Momente, in denen es von der wunderbaren Gewalt seines Mundes überwältigt wurde. Selbst die ungläubigen Nazaretaner wunderten sich über die lieblichen Reden, welche dem Munde Jesu entströmten (s. Luk. 4, 32). Die große Versammlung, welche die Bergrede Jesu angehört, gerieth in Furcht und Entsetzen. Dem fügen die Evangelisten erklärend hinzu: „er redet als Einer, der Macht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten“ (s. Matth. 7, 28.29. Marc, 1, 22. Luk. 4, 32). Noch stärker und bestimmter drücken sich die Diener des hohen Rathes in Jerusalem aus, wenn sie sagen: „es hat nie jemals ein Mensch so geredet, wie dieser Mensch“ (s. Joh. 7, 26).

Auf der Zuversicht zu der göttlichen Selbstmacht seiner Worte beruht es auch, daß Jesus sein Wort nicht schreibt, wie so Manche unter den alttestamentlichen Propheten. Da die Worte Jesu wichtiger sind, als die irgend eines Anderen, und die Aufbewahrung darum hier nothwendiger, wie jemals sonst, so verlangt das Nichtschreiben Jesu eine genügende Erklärung. Die bezeichnete ist die einzig genügende. Nach der biblischen Anschauung ist Schrift immer Surrogat des Wortes, indem das Wort durch Schrift materialisirt wird, um entweder über eine Zeitferne oder eine Ortsferne getragen zu werden. Da Jesus zu keinen Anderen reden will, als die er mit seiner Stimme erreicht, so hat die Ortsferne für sein Wort kein Gewicht. Und was die Zeitferne anlangt, so ist zunächst der unmittelbare Eindruck seiner Persönlichkeit so mächtig, daß seine Worte denen, welche sie hören, im Gedächtniß haften bleiben müssen, und nachher ist er sicher des heiligen Geistes, welcher kommen wird und seine Vertrauten erinnern wird an Alles, was er gesagt hat (s. Joh. 14,26); ist aber dieses Letzte erst geschehen^ dann ist die Aufbewahrung seiner Worte für alle Zeiten und Räume gesichert. Bei manchen Worten Jesu haben wir auch sofort das unmittelbare Gefühl, daß wenn solche Worte erst einmal in die menschliche Welt hineingesprochen sind, sie nicht wieder können verloren gehen. Was wir nun in Bezug auf einige Worte bestimmt fühlen, das dürfen wir von all denen voraussetzen, in denen sich seine prophetische Thätigkeit irgendwie für alle Zeiten allgemein gültig offenbarte. Hier ist also die Zunge selbst der Griffel eines fertigen Schreibers (s. Ps. 45,2), und die Töne des Mundes graben sich tiefer in die Herzen, wie sonst Buchstaben mit Eisen in Stein (s. Hiob 19,23.24).

Obwohl nun alle Worte und Reden Jesu einen geschichtlichen Grund haben und darum auch ein geschichtliches Moment bilden, und demnach in unsere Aufgabe hineingehören, so ist dieser Stoff so umfangreich und zum Theil so schwierig, daß wir nicht daran denken können, dieses Gebiet bei unserem beschränkten Zeitmaß erschöpfen zu wollen. Wir müssen uns hier an einer übersichtlichen Betrachtung genügen lassen. Da wir nun die Reden, welche dem letzten Aufenthalte Jesu in Jerusalem angehören, später, soweit wir sie in unsere Geschichtsbetrachtung hineinziehen können, berücksichtigen werden, so wollen wir aus der galiläischen Wirksamkeit, mit der wir es hier zu thun haben, die beiden größeren zusammenhängenden Reden, die uns aus dieser Zeit aufbewahrt sind, nämlich die sogenannte Bergrede und die der galiläischen Periode angehörende Reihe von Gleichnißreden einer näheren Erwägung unterziehen.

Nach der Stellung, welche Matthäus der Bergrede gegeben hat, und nach dem zusammenfassenden Inhalte der Rede selbst wird die Ansicht, nach welcher wir sie für die feierliche Inauguration des galiläischen Prophetenthums Jesu vor dem versammelten Volke anzusehen haben, immer den Vorzug behalten und lassen sich die dieser Ansicht entgegenstehenden Schwierigkeiten nach meiner Ueberzeugung sehr wohl beseitigen. Es geschah bald nachdem Jesus in Galiläa lehrend und wirkend aufgetreten und der Ruf seines Wortes und Werkes aus allen Gegenden des Landes von Jerusalem bis an den Küstenstrich von Tyrus und Sidon viel Volks nach Kapernaum hingezogen hatte, daß Jesus eines Tages einen Berg bestieg, um über Nacht auf demselben im Gebete zuzubringen (s. Luk. 6, 12). Des anderen Morgens verweilt er noch auf dem Berge und sammelt seine Jünger um sich und inzwischen haben auch die herbeigeströmten Volkshaufen feinen Aufenthalt erfahren und umgeben ihn in weiteren Kreisen. Als er nun diese Volksmenge gewahrte, setzte er sich, und sein Auge zunächst auf seine ihn rings umgebenden Jünger gerichtet, that er seinen Mund auf(s. Matth. 5,1. 2) und hielt die große Rede auf dem Berge, um deren Verständniß sich alle Zeiten bemühen müssen, um es in der Endzeit vollständig zu gewinnen. Um so mehr als wir in dieser Bergrede die großartige Eröffnung des galiläischen Prophetenthums vor aller Welt erkennen, um so unwillkürlicher werden wir an die alttestamentlichen Bergreden erinnert, an die Bergrede vom Sinai (s. 2 Mos. 20) und vom Ebal (s. 5. Mos. 27, 13). Der Grundton der alttestamentlichen Bergreden ist der Donner des Gerichtes und des Fluches, Jesus dagegen hebt an mit den Seligpreisungen. Wie der Thau vom Hermon träuft und die Dürre erquickt, so träufeln diese Seligpreisungen von den Lippen Jesu und lassen sich erquickend nieder auf alle empfänglichen Seelen. Denn nicht wie Mose preist Jesus diejenigen selig, welche die Gebote des Gesetzes erfüllt haben, sondern diejenigen, welche sich in dem Zustande der Armuth, Traurigkeit, des Entsagens und des Verlangens finden, also alle diejenigen, welche unter der Last der nationalen und individuellen Noch seufzen und sich nach Erlösung und Befreiung sehnen. Diese vertröstet Jesus nicht etwa auf eine Zukunft auf Erden oder im Himmel, er sagt nicht, daß sie einst selig werden sollen, sondern das ist sein immer wiederkehrender Spruch: diese Alle sind schon selig. Was er ihnen verheißt, ist allerdings ein Zukünftiges, aber die Kraft dieser Verheißung hat eine gegenwärtige Wirklichkeit und diese gegenwärtige Wirklichkeit ist das Gefühl der vollen Befriedigung und Genüge, der Seligkeit. Wie ist dies nun aber möglich, daß eine und dieselbe Gegenwart der Gemüther zugleich die Stäte der Leerheit und die State der höchsten Befriedigung sein kann? Das ist nur dadurch möglich, daß in Jesu die überschwengliche Fülle des Lebens und der Seligkeit beschlossen ist und zur Verbreitung dieser Gottesfülle nichts Anderes erforderlich ist, als Empfänglichkeit. Nur Jesu ist es gegeben, das Gefühl der Armuth und der Entbehrung und das Gefühl der Seligkeit mit einem Schlage zu verknüpfen, weil er der ist, der allen Mangel stillt und sein Wort zugleich die Kraft ist, das zu thun, was das Wort besagt. Daß Jesus diese wesentliche Beziehung seines Wortes zu seiner Person stillschweigend und selbstverständlich voraussetzt, ergibt sich daraus, daß er von den Seliggepriesenen sagt, sie würden geschmähet „um seinetwillen“, was er ein ander Mal ausdrückt „um der Gerechtigkeit willen“ (s. Matth. 5,11.10). Auch kann er ja nur so, daß er eine feste persönliche Verbindung zwischen sich und den Seliggepriesenen voraussetzt, diese als das Salz der Erde, als das Licht der Welt und als die Stadt auf dem Berge bezeichnen. Uebrigens liegt auch in diesen Bezeichnungen, welche nicht bloß eine Gegenwart des Gefühls, sondern eine Gegenwart sittlicher Kraft ausdrücken, abermals eine Bestätigung, daß Jesus sein Wort als unmittelbar schaffende Macht anschaut.

Nachdem nun Jesus durch solche Einleitung alle empfänglichen Gemüther angezogen und in die Einheit seiner Lebensfülle aufgenommen, wendet er sich sodann in der eigentlichen Rede an die Kehrseite der Gegenwart. Die leitende Macht dieser Gegenwart hat nämlich einen ganz entgegengesetzten Charakter. Es gibt eine falsche Theorie und eine falsche Praxis und Beides steht in dem allerhöchsten Ansehen. Die falsche Theorie wird gestützt durch den heiligen Gesetzesbuchstaben und die falsche Praxis gilt als der höchste Grad der Heiligkeit und Frömmigkeit, und Beides wird getragen von der gefeiertsten Auctorität, die damals unter den Juden bestand, nämlich der Schriftgelehrten und Pharisäer. Dieser feindlichen Macht, die seinem Willen und Wirken gegenübersteht, erklärt Jesus hier sofort den Krieg auf Tod und Leben. Denn er ist davon durchdrungen, daß er die sich ihm Anschließenden nur dadurch weiter führen und zu dem hohen und heiligen Ziele der Bollendung bringen kann, wenn er von vornherein seine Stellung zu den falschen Machten, welche die ganze Gegenwart beherrschen, unumwunden ausspricht und seinen Jüngern sofort eröffnet, daß ihre Vollendung dadurch bedingt sei, daß sie ihm nach und mit ihm jene ungöttliche Gewalt besiegten und vernichteten. Daß Jesus hier von vornherein die Stellung der Seinen so scharf und bestimmt von dem Stande der Schriftgelehrten und Pharisäer scheidet (s. Matth. 5, 20), ist für uns daraus hinlänglich erklärt, weil wir gesehen haben, wie Jesus den Gegensatz der jüdischen Volksleiter gegen ihn in dem Mittelpunkte ihrer Macht selber erfahrungsmäßig hatte kennen gelernt. Nachdem er nun der falschen Theorie seine Rede (s. Matth. 5, 21-48) und der falschen Praxis seine Ermahnung entgegengesetzt hat (s. Matth. 6,1-7.23), bezeichnet er diese seine Rede als die entscheidende Krists für das ganze Volk. Wer diese seine Rede höret und thut, den vergleicht er einem Mann, der sein Haus auf Felsengrund bauet, wer sie aber höret und nicht thut, der bauet sein Haus in den Sand. Kommen wird aber der Regensturz und die Wasserfluthen und blasen werden die Winde und stoßen an jedes Haus; dann wird das Haus des Einen bestehen, das Haus des Anderen aber wird stürzen und einen großen Fall thun (s. Matth. 7, 24-27). Es steht also bevor, das ist die Aussicht, welche Christus eröffnet, ein Gericht, welches den Grund alles irdischen Bestandes antastet, und einen Halt, der gegen diese grundstürzende Macht aushielte, gibt es in dem Bisherigen nicht. Dieser Halt ist einzig und allein in der Rede Jesu gegeben. Wir ersehen daraus, daß Jesus seine Rede zum Anfang und Mittelpunkt einer neuen Weltordnung einsetzt. Er kann dies natürlich nur unter der Voraussetzung, die wir auch hier wieder vollziehen müssen, daß in seiner Rede seine Persönlichkeit enthalten ist und deshalb Niemand seine Rede von seiner Person trennen könne. Aber wenn nun Jesu Rede eine neue Weltordnung einsetzt, was wird dann aus der alten Welt? Ist das nicht ein schroffes Abbrechen alles Bisherigen, wobei der Zusammenhang mit der Geschichte aufgehoben würde? Allein in dem vollen Bewußtsein der schöpferischen Kraft, in welcher sein Wort ein neues Werde in die alte Welt, die wieder zum Chaos geworden ist, hineinruft, hat Jesus von vornherein dafür gesorgt, daß der Zusammenhang mit Allem, was göttlich ist in dem Alten, festgehalten werden soll. Darum sagt er, ehe er in seine eigentliche Rede eingeht: „ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz und die Propheten aufzulösen“ (s. Matth, 5, 17). Diesem möglichen Wahn setzt er entgegen eine so starke Behauptung von der Unverbrüchlichkeit und Unvergänglichkeit des ganzen geschriebenen Gesetzes, daß kein Rabbine und kein Masoret sich stärker darüber zu erklären vermag. Weder ein Jota, welches der kleinste Buchstabe ist, noch ein Häkchen, wodurch gewisse Buchstaben von anderen unterschieden werden, wird untergehen, also weder wird der kleinste Bestandtheil der Gesetzesschrift verloren gehen, noch die leiseste Verrückung der einzelnen Buchstaben eintreten, bis Himmel und Erde vergehen, bis der Bestand des jetzigen Weltalls sich auflöst. Und auch den Grund für diesen unwandelbaren Bestand des Gesetzes deutet er an, er fügt nämlich hinzu: „bis es Alles geschieht.“ Womit er ohne Zweifel sagen will, so lange das Gesetz bloß als Buchstabe existirt, steht es als eine leere Forderung da und harret seiner Erfüllung, nämlich seines Geschehens. Da nun das Gesetz göttlichen Ursprunges ist, so darf diese Forderung nicht leer bleiben, so muß das Gesetz zum Geschehen kommen; es kann demnach vom Buchstaben des Gesetzes Nichts fallen, ehe er durch Geschehen erfüllet ist, würde er vorher fallen, so wäre es bei der bloßen Forderung geblieben. Wenn nun Jesus sich selbst bezeichnet als den, der gekommen ist, das Gesetz und die Propheten zu erfüllen, und ferner im Nächstfolgenden auch für die neue Ordnung der Dinge, welche er stiftet, das Gesetz als bleibende Norm aufstellt (s. V. 19), so ist das Neue, was in ihm ist und was er mittheilt, wesentlich die Kraft, das Gesetz aus der Sphäre des Buchstabens in die Sphäre des Lebens, aus dem Gebiet der Forderung in das Gebiet des Geschehens und der Wirklichkeit zu setzen. So sehen wir denn ganz deutlich, daß er das Neue sehr wohl mit dem Alten zu verknüpfen weiß, nämlich so eng und fest, daß das Neue wesentlich die Kraft ist, das Alte zu vollenden.

Wir gehen nun über zu den Gleichnißreden, aber nicht um ihren unerschöpflich reichen Lehrstoff uns vorzuführen, auch nicht einmal, um sie nach ihrem Inhalt näher zu classificiren, dies Alles würde uns von dem uns gesetzten Ziele zu weit entfernen, sondern auf die formelle Seite dieser merkwürdigen Reden möchte ich Ihre Aufmerksamkeit hinlenken. Als der Gegenstand der Gleichnißreden Jesu wird bekanntlich häufig das Himmelreich genannt, dieser Gegenstand ist übrigens auch da zu verstehen, wo er nicht eigens genannt wird. Wie auch der Name des Himmelreiches besagt und wie es Daniel, der zuerst diesen Ausdruck in seiner vollen Bestimmtheit braucht, andeutet, besteht die Eigentümlichkeit dieses Reiches in seiner gänzlichen Verschiedenheit von Allem, was auf Erden ist, und namentlich was sich auf Erden reichsmäßig gestaltet hat. Zu den Reichen dieser Welt bildet das himmlische Reich den schärfsten Gegensatz. Das ist die Hauptlehre des Buches Daniels. Und doch ist dieses Reich nicht etwa für die Engel, sondern für den Menschen, und wiederum nicht etwa im Jenseits, sondern in dem Menschen des Diesseits, in den Schranken des Raumes und der Zeit muß dieses Reich gegründet werden, wenn es überall ein Jenseits für den Menschen geben soll. Die Schrift faßt nun den Menschen alles Ernstes nach seiner irdisch leiblichen Seite, sie hält die Seele nicht in abstracter Ferne ab von dem Leibe, wie die platonische Philosophie, das Verhältniß zwischen Seele und Leib ist nicht ein zufällig entstandenes, sondern nach der Schrift ist die Seele des Menschen Seele dieses Leibes und somit ist das ganze geistige Leben des Menschen in das Irdische und Leibliche verflochten. Mit einem Worte, die Anthropologie der heiligen Schrift ist lange nicht so spiritualistisch, wie die Anthropologie der Theologen, welche durch ihre unbiblische Vernachlässigung des Leiblichen dem gegenwärtigen Materialismus viel Vorschub gethan haben. Aber wenn wir hierin der Schrift folgen, wie wir müssen, wenn wir Jesu Wort verstehen wollen, so wird uns der Abstand zwischen dem Himmelreich und dem Menschen der Erde nur noch größer erscheinen. Indessen gerade diese Kluft müssen wir erst recht ins Auge fassen, wenn wir uns einen Begriff von dem Reden des Herrn in Gleichnissen machen wollen. Wie Jesus in dem Anfang der Bergrede verknüpft, was sonst weiter auseinander liegt, als die beiden Pole, den Mangel und die Seligkeit, so verknüpft er in den Gleichnissen das, was sonst überall durch eine unübersteigliche Kluft geschieden ist, nämlich das Himmlische und das Irdische; und wie dort die verknüpfende Kraft seine eigene Persönlichkeit war, so auch hier. Jesus ist der vom Himmel in die Welt Gekommene, worin Beides liegt, daß er sowohl dem Himmel als der irdischen Welt angehört, und mit beiden Beziehungen ist es so sehr Ernst, daß das Ineinander dieser Beziehungen die Eigentümlichkeit seiner gottmenschlichen Person ausmacht. Er selber ist also die lebendige und persönliche Verknüpfung des Himmlischen und Irdischen und auf dieser seiner Eigenthümlichkeit ruht das Gleichniß. Daraus erklärt sich nun, daß ihm für seine Gleichnißreden alles Sichtbare zu Gebote steht, nicht bloß die gesammte Natur, sondern das gesammte Menschenleben mit seinen Spielereien und mit seinem Ernst, mit seinen Licht- und seinen Schattenseiten. Es wäre verdienstlich, wenn sich Jemand einmal die Mühe geben wollte, um das Alles, was der Herr in ausführlicher Rede oder in kurzer Andeutung als Bild der himmlischen Dinge aufstellt, zu sammeln und zu ordnen. Man würde sich zur nicht geringen Ueberraschung überzeugen, daß er in das ganze Gebiet der Natur und des Menschenlebens hineingedrungen ist. In dem Kleinsten wie in dem Größesten, in dem Besten wie in dem Schlechtesten sieht er ein Bild des Himmlischen. Das ist freilich nur so möglich, daß die ganze Sichtbarkeit auf das Himmlische ursprünglich angelegt ist und diese Anlage so tief ist, daß selbst die Menschen in ihrer Thorheit und Verkehrtheit diese Spur der göttlichen Anlage nicht ganz vertilgen können. Aber vor dem gewöhnlichen Menschenblick ist dieser tiefste Grund der Welt verborgen, unser Blick ist durch das Ungöttliche in der Welt zu sehr getrübt und umnachtet, um die reine Spur des Göttlichen entdecken zu können. Es ist das reine Auge der Liebe Jesu, dem sich diese göttliche Spur der himmlischen Dinge in der ganzen Sichtbarkeit der irdischen Welt erschließt; dieses Auge dringt hindurch durch das Chaos, welches Sünde und Tod über die Erde verbreitet haben, und ruht nicht eher, als bis es überall die ursprüngliche göttliche Anlage wiedergefunden. Wer wollte es wagen, das Kommen Jesu mit dem Kommen des Diebes in der Nacht zu vergleichen, wer würde dieses Bild nicht für eine unwürdige Profanität erklären, wenn nicht Jesus selber dieses Bild zuerst gebraucht hätte? Deshalb aber darf man auch, um Dieses und Aehnliches zu erklären auf nichts Geringeres zurückgehen, als auf den Grund seiner göttlichen Liebe, die selbst auf den Wegen des Sünders die ursprünglichen göttlichen Neuordnungen zu entdecken weiß. Und weil die Gleichnisse aus einem so tiefen und geheimnißvollen Grunde entspringen, eben deshalb ist ihr Verständniß wesentlich abhängig von der Selbsthingebung an Jesu Persönlichkeit. Nur wer sich in diese himmlisch - irdische Natur, in diese göttliche Liebe versenkt, nur der kann an dieser Leiter in den Grund der irdischen Dinge hinabsteigen, um in dieser Tiefe das Bild der himmlischen Dinge sich spiegeln zu sehen. Darum wird auch der Abstand zwischen den Verstehenden und Nichtverstehenden niemals schärfer betont, wie bei den Gleichnißreden Jesu. Den Jüngern, die sich Jesu hingeben, ist es verliehen, das Geheimniß des himmlischen Reiches zu verstehen, und wenn sie es nicht gleich fassen, so führt Jesus selbst, wenn sie sich im Vertrauen an ihn wenden, sie weiter in das Verständniß hinein (s. Matth. 13, 10 - 12. 18-23). Wo aber diese Hingebung an Jesum fehlt, da bleibt die Verwirrung, diese hören die Reden von irdischen Dingen, weil ihnen aber die lebendige Brücke, der Glaube an Jesum fehlt, so bleiben sie in dem irdischen Bereich haften, und indem sie sich einbilden, auch vom Himmelreich Belehrung empfangen zu haben, ist ihr Sinn nur noch verwirrter und verschlossener geworden (s. Matth. 13, 13-15), und es erfüllt sich an ihnen das Wort: „wer nicht hat, von dem wird auch genommen, was er hat“ (s. Matth. 13,12).

Wir kommen demnach auch bei den Gleichnißreden darauf zurück, daß das Wort Jesu als reiner und voller Ausdruck seiner Persönlichkeit zu fassen und von dieser daher nicht getrennt werden darf. Wenn man desungeachtet doch oft versucht hat, die Trennung der Lehre Jesu von seiner Person zu vollziehen und sogar so weit gegangen ist, zu wähnen, der rechte Gewinn seiner Lehre werde erst dann anheben, wenn man seine Person ganz fallen lasse und von ihr völlig los sei, so ist das der völlige Untergang alles Verständnisses der Geschichte Jesu. Die Apostel haben die Sache völlig umgekehrt, was am deutlichsten aus dem einen großen Wort hervorgeht, mit welchem Johannes den Anfang des Lebens Jesu bezeichnet, ich meine die allbekannte Aussage: „das Wort ward Fleisch“ (s. Joh. 1,14). Wie Johannes zu dieser wunderbaren Aussage kommt, das deutet er selber an im Anfang seines ersten Briefes, wo er sein. Verhältniß zu Jesu als das einer sinnlichen Wahrnehmung, einer lastenden Berührung beschreibt und zugleich den Gegenstand dieser äußerlichen Wahrnehmung und Berührung als das bezeichnet, was vom Anfang gewesen, als das Wort des ewigen Lebens, als das ewige Leben selbst. Also die irdisch-leibliche Erscheinung Jesu hat Johannes erfahren als das lebendige redende Selbstzeugniß des göttlichen überweltlichen Grundes, welcher vor den Dingen war und ihnen ihr eigentliches Wesen und Leben gibt, in diesem Fleische ist nichts Stummes und Todtes, Alles in ihm und an ihm ist durchsichtig und redend, dieses Fleisch ist ihm das tönende Wort, durch welches ihm das Räthsel der Welt aufgeschlossen wird, durch welches er sich wiederum mit dem ganzen All in Einheit und Harmonie versetzt findet. Diese erfahrungsmäßige Gewißheit ist das Licht, in welchem er nunmehr die Schrift von dem Anfange der Dinge versteht, und auf dieser zwiefachen Grundlage, Erfahrung und Schrift, ruhend, bezeugt er, daß das Fleisch, als welches er Jesum gesehen, gehöret und betastet hat, nichts Anderes sei, als das Wort, welches im Anfang war und durch welches alle Dinge geworden sind und ohne welches Nichts geschaffen worden ist, was eistirt, indem dieses ewige Wort aus seiner ursprünglichen Sphäre in die Sphäre des Fleischeslebens ohne Vorbehalt eingegangen ist. Eben diese Identität des ewigen Wortes, des göttlichen Weltgrundes, mit der irdisch-leiblichen Erscheinung und Persönlichkeit Jesu ist der wahre Grund seines Prophetenthums und darum das rechte Verständniß seines Prophetenthums die sich selbst beweisende und bewährende Einsicht in das Geheimniß dieser Identität.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/b/baumgarten/baumgarten-die_geschichte_jesu/baumgarten_dgj_zwoelfter_vortrag.txt · Zuletzt geändert: von aj