Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Siebenzehnter Vortrag. Berührung mit den Heiden.

Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Siebenzehnter Vortrag. Berührung mit den Heiden.

„Ist denn Gott bloß der Juden Gott und nicht auch der Heiden? Ja auch der Heiden,“ schreibt der Apostel Paulus an die römische Gemeinde (s. Röm. 3, 29). Viele zwar sind der Meinung, daß sie dieses nicht erst von dem Apostel Paulus, oder überall aus der göttlichen Offenbarung zu lernen haben, sondern dieses, denken sie, verstehe sich ja ganz von selber. Eine andere Frage ist aber, ob diejenigen, welche so denken, überall wirklich einen lebendigen Gott kennen oder ob ihr Gott viel besser sei als die Götter der Heiden, von denen die Schrift sagt, daß sie Augen haben und nicht sehen. Der lebendige Gott hat sich der Menschheit geoffenbart auf die Weise, welche allein im Stande ist, das zwischen Gott und Mensch gestörte Verhältniß wiederherzustellen. Da nämlich der Mensch durch den ersten Schritt auf der Bahn seiner Entwickelung von Gott abgefallen ist und von da ab alles Folgende, wie in der Natur der Sache liegt, unter dem bedingenden Einfluß dieses ersten Anfanges steht, so kann sich Gott dem Menschen nur verständlich machen und ihn wieder in seine Gemeinschaft erheben, wenn er in die begonnene Entwickelungsreihe der Menschheit eintritt und also sich geschichtlich offenbart. Mit der Geschichtlichkeit der Offenbarung ist aber auch nothwendig die Besonderung der Offenbarung für ein einzelnes Volk gegeben. Der lebendige Gott hat sich dem Volke Israel geoffenbart und dieses Volk sodann zum Träger und Verbreiter seiner Offenbarung in der Welt, zum Propheten und Priester der Heiden ausersehen und zubereitet. Wer also den lebendigen Gott will erkennen, der muß innerhalb der Schranken dieser geschichtlichen Offenbarung in seinem Volke Israel den Zugang zu ihm suchen und finden, überall sonst, er mag sich in die Weite der Welt hinausbegeben oder sich in die Tiefen des Selbstbewußtseins versenken, findet er die Thür dieses Geheimnisses verschlossen. Die Beschränkung der geschichtlichen Offenbarung innerhalb der israelitischen Schranken gilt nämlich nicht bloß von der alttestamentlichen Zeit, sondern auch von der neutestamentlichen, was eigentlich Niemand leugnen kann, obwohl es in der Regel nicht bedacht wird, denn nicht bloß stammt der Heiland und Retter der Welt, in welchem als in seinem Eingeborenen der himmlische Vater sich der Menschheit mit aufgedecktem Angesicht geoffenbaret hat, aus dem Volke Israel und dem Hause Davids und ist seine Geburt unter jedem anderen Volke undenkbar, sondern wir überzeugen uns auch immer mehr, daß seine Geschichte nur im innigsten und umfassendsten Zusammenhang mit seinem Volke zu verstehen ist. Ebenso sind seine Apostel und selbst der Dreizehnte, der eigens zum Apostel der Völker berufen wurde, aus dem Volke Israel und die Grundformen ihrer ganzen Bildung sind und bleiben die israelitischen. Darüber kann nun zwar kein Streit sein, daß innerhalb der neutestamentlichen Zeit die Beschränkung der Offenbarung auf das auserwählte Volk ihr Ende erreicht, und je mehr sich die neutestamentliche Offenbarung ihrer Vollendung naht, auf ihrem eigenen Boden die Schranke zwischen Juden und Heiden mehr und mehr aufgehoben wird. Es kommt aber sehr viel darauf an, daß man diesen Vorgang richtig versteht und auffaßt. Wenn die Beschränkung nicht auf menschlicher Einbildung und Vorurtheil beruht, sondern auf geschichtlicher Grundlage, wie alle diejenigen zugeben, welche an die Thatsache der biblischen Offenbarung glauben, so sollte billigerweise gefolgert werden, daß auch die Entschränkung nur auf geschichtlichem Wege zu Stande kommt, was aber keineswegs jenen Gläubigen allen zum Bewußtsein kommt, indem nur die Wenigsten sich über diesen Weg Rechenschaft zu geben suchen. Das Versäumniß ist aber alt und die Folgen davon sind verhängnißvoll geworden.

Denn auf der richtigen Einsicht in das geschichtliche Verhältniß der göttlichen Offenbarung zu dem Volke Israel und in die geschichtliche Auflösung dieser Beschränkung beruht die rechte Erkenntniß der Kirche von dem Begriff des Volks und die richtige Behandlung des Nationalen. Nun dürfen wir uns aber die traurige und beschämende Wahrnehmung nicht verhehlen, daß die Kirche seit der Apostel Tagen bis hierher noch niemals und nirgends ihr Verhältniß zu dem nationalen Gebiet im Geiste der biblischen Klarheit und Weisheit angeschaut und behandelt hat. Allenthalben finden wir die Spuren theils von spiritualistischer Indifferenz der Kirche gegen das Nationale, theils von materialistischer Identificierung des Christlichen mit dem Nationalen. Während die römische Kirche durchgehends das Nationale entweder gleichgültig oder gar feindlich betrachtet und behandelt, finden wir die Vermischung des Christlichen mit dem Natürlichen nicht bloß in der russischen Nationalkirche, sondern auch in der schottischen Reformationskirche. Die Verwirrung wird auch hier noch dadurch gesteigert, daß jeder der beiden Seiten . des Gegensatzes gelegentlich auch das Entgegengesetzte beigemischt ist. So werden innerhalb der römischen Theorie und Praxis trotz des herrschenden Indifferentismus gegen das Nationale viele nationale und territoriale Dinge, ohne daß ihre Natur untersucht wäre, für kirchlich und christlich gehalten, nachdem sie mit dem Firniß eines verfälschten Chrisma, eines unächten Salböls versehen worden sind, und auf der anderen .Seite findet sich bei allem unklaren Enthusiasmus, der hier das Kirchliche charakterisiert, sehr vieles Nationale, was von der Kirche geheiligt werden kann und soll, gänzlich sich selbst überlassen und deshalb in dem Zustand der Verwilderung. Es ist ein oft ausgesprochener Gedanke, daß die tiefste Durchdringung des Christlichen und Nationalen in Deutschland erfolgt sei, und ich halte diesen Gedanken auch für richtig, aber ich sehe in dieser Thatsache weit mehr eine Aufgabe, als einen Ruhm, weit mehr eine Zukunft, als eine Vergangenheit. Ich finde nämlich darin vor Allem angedeutet, daß wir Deutsche den Beruf haben, die endliche Richtigstellung des Verhältnisses zwischen Christenthum und Nationalität, durch dessen Verfehlung von der Kirche so unendlich viel geschadet worden ist und zwar bis in die neuesten Zeiten hinein, durch Wort und That zu vollziehen. Das damit Aufgegebene muß man sich aber nicht vorstellen als das ausschließliche Werk der Mächtigen und Einflußreichen oder auch der großen und gelehrten Geister, vielmehr ist dann diese große und heilige Angelegenheit erst in der richtigen Bahn, wenn jeder Christ sich eben so sehr berechtigt wie verpflichtet hält, an diesem Werke mitzuarbeiten, was wir uns leicht veranschaulichen können, wenn wir nur daran denken, ein wie wichtiges Stück der Nationalität die Sprache ist und zugleich wie wichtig für jeden Christen auch den geringsten und zwar in christlicher Beziehung der Gebrauch der Sprache, an welchem Beispiel wir übrigens auch leicht abnehmen können, wie weit wir noch von einer erfolgreichen und wirksamen Anfassung jener großen Aufgabe entfernt sind.

Verfolgen können wir natürlich diese Sache hier nicht weiter, aber andeuten wollen wir, und das ist eben der Zweck dieser Vorbemerkungen, daß auch für dieses Gebiet des christlichen Denkens und Lebens Nichts so bildend und belebend wirkt, als die Vergegenwärtigung der heiligen Gestalt Jesu Christi. Lehrreich ist in der genannten Beziehung Jesu Berührung mit den Heiden, insofern sich dabei eben so sehr die Bedeutung als die Schranke der Nationalität herausstellt, und es bestätigt sich dabei, wie wir schon oben bemerkten, daß das Verhältniß des Christenthums zur Nationalität normiert werde durch die Bedeutung des nationalen Momentes in der Geschichte der Offenbarung.

Die Berührungen Jesu mit den Heiden, welche wir hier vornehmlich im Auge haben, sind, wie es der Gang unserer Betrachtung mit sich bringt, natürlich solche, bei denen wir, vorzugsweise das spontane Verhalten Jesu zu berücksichtigen haben. Es liegt in der Natur der Verhältnisse und gehört zu der israelitischen Nationalität des Herrn, daß Heiden nur so mit ihm in Beziehung kommen können, daß sie zu ihm herankommen, und nicht umgekehrt, denn das Zeichen des Propheten Jona, welches auf das Umgekehrte hinweist, bleibt während der irdischen Zeit Jesu eine Zukunft und wird erst in den Tagen des Apostel Paulus zur Gegenwart. Es gehört zu den Veranstaltungen der göttlichen Vorsehung, aus denen wir erkennen sollen, daß Jesus als der Retter und Heiland der Menschheit in die Welt kommt, als eben die Fülle der Zeit eingetreten war (s. Gal. 4, 4), daß am Anfang wie am Ende seiner irdischen Laufbahn Heiden auftreten, welche eigens nach ihm fragen und suchen. Die Heiden sind an das Ende ihrer Wege gekommen und dieses Ende ist das Offenbarwerden der Vergeblichkeit und Eitelkeit aller höheren und edleren Bestrebungen; freilich gereicht diese Wahrnehmung, die sich mehr oder minder klar allen Denkenden aufdrängte, den Einen zur Verzweifelung, den Anderen zum Leichtsinn, den Einen zum Aberglauben, den Anderen zum Unglauben, einzelne Wenige aber gab es, welche durch die Erkenntniß dieses Zustandes aufmerksam gemacht wurden auf das allenthalben zerstreute Volk Israel, welches sich auch darin von allen Heiden unterschied, daß es bei aller Hülflosigkeit seiner Gegenwart niemals die Hoffnung auf eine herrliche und heilige Zukunft fahren ließ. Das Wort dieser israelitischen Hoffnung fiel wie ein heiliges Samenkorn in jene aufgeschlossenen Gemüther der Heiden, Im fernen Morgenland, wo man die Lichtreligion Pflegte, das gute und böse Princip soweit unterschied, daß man sogar die Einheit des Seins darüber verlor, wo man sich vor Bilderdienst hütete, hatte man von den frühe dorthin verbreiteten Israeliten die Verheißung einer allgemeinen Erlösung durch den Sohn des königlichen Hauses Davids vernommen und im frommen Herzen bewahrt. Unter den für dieses israelitische Verheißungswort Empfänglichen gab es solche, welche ihren Sinn von der Niedrigkeit und Kleinheit der irdischen Dinge ablenkend sich in Betrachtung des Himmels und seiner Heere versenkten. Mit diesen Weisen des Morgenlandes redete Gott in Sternenschrift und gab ihnen das Zeichen, daß der verheißene und ersehnte König Israels geboren sei, und sie haben nun nichts Eiligeres und Ernsteres zu thun, als denselben aufzusuchen und anzubeten (s. Matth. 2, 1-12). Von der entgegengesetzten Seite der Welt kommen Hellenen gegen den Abend des Lebens Jesu und haben keinen dringenderen Wunsch, als ihn zu schauen (s. Joh. 12, 20 -22). Im Abendlande sind es vornehmlich die Hellenen, welche das Menschliche am reinsten ausgebildet haben, aber das Ende und das Höchste ist auch bei ihnen, daß sie sich mit einer Ahnung des unbekannten Gottes begnügen müssen und ihr höchstes Wissen also das Wissen von dem Nichtwissen Gottes ist (s. Apostelg. 17,23). Die Hellenen nun, welche in Jerusalem Jesum sehen wollen, sind wiederum solche, welche in der Unbefriedigtheit ihres nationalen Cultus sich an die Juden angeschlossen hatten, denn sie waren gekommen, wie Johannes erzählt, um in Jerusalem das Passafest Israels zu feiern. Es kommen also die Heiden vom Morgen und vom Abend, um den göttlichen und ewigen König Israels zu begrüßen beim Aufgang seiner Lebenssonne in Bethlehem, der Stadt Davids, bei Niedergang seines Tages auf dem Berge, wo Salomo der Sohn Davids den Tempel Jehovas errichtet hatte. Die Einen wie die Anderen waren die Erstlinge der Heidenwelt, sie standen auf der höchsten Höhe, zu welcher die Entwickelung der Menschheit aus der anerschaffenen Gabe und Kraft gelangen konnte. Den Einen wie den Anderen gegenüber verhielt sich Jesus lediglich leidend, die morgenländischen Weisen schauen ihn als Kind, die abendländischen Hellenen sehen ihn in seiner Zurüstung zu seinem letzten Werke, denn daß er sich weiter mit ihnen eingelassen hätte, wird nicht erzählt. Indessen so lieblich und heilverheißend diese Zeichen aus der Heidenwelt für uns als geborene Heiden immer sein und bleiben müssen, so ist doch darin ein Verhältniß angedeutet, welches zwar ursprünglich angelegt war, aber nach seiner Anlage nicht zur Verwirklichung gekommen ist. Diese Heiden kommen zu Jesu als dem König Israels mitten in seinem Lande und unter seinem Volke. Wenn Israel die ihm gestellte Aufgabe erfüllt und also, wie jetzt die Dinge liegen, sich mit seinem König zur Einheit des Reiches zusammenschließt, dann ist dieses Zeichen für alle Zeiten genügend. Nun erfolgt aber das Gegentheil, wie wir uns aus unserer bisherigen Betrachtung der Geschichte schon jetzt immer mehr überzeugen. Bleibt nun dabei der Beruf Jesu für die Errettung der Menschheit von Bestand, wie er es ohne Zweifel bleibt, so muß sich auch das Verhältniß Jesu zu den Heiden noch anders herausstellen, als wir es in jenen Zeichen gefunden haben.

Wir kommen damit zu den beiden Berührungen Jesu mit den Heiden, welche m die Periode seiner galiläischen Wirksamkeit fallen und bei welchen wir ihn selbstthätig auftreten finden. Hier tritt die Erzählung aus ihrer Allgemeinheit und Unbestimmtheit heraus, wir haben nicht mit Gruppen und geistigen Richtungen zu thun, sondern mit bestimmten, scharf markierten Individuen. Da Jesus hier handelnd auftritt, so fällt das hellste Licht seiner Weltanschauung auf die Scene und wir schauen die bestimmten Umrisse der vorgeführten Persönlichkeiten. Zwar werden wir auch hier von vornherein erwarten, daß es nicht beliebig und zufällig aus der Masse der Heidenwelt herausgerissene Individuen sind, mit denen sich Jesus einläßt. Es ist hinlänglich dafür gesorgt, daß wir auch in den beiden Heiden, die hier in Betracht kommen, repräsentative Menschen erkennen müssen, nämlich Solche, in denen sich eben innerhalb ihrer Individualität der Charakter einer allgemeinen geistigen Eigenthümlichkeit herausstellt. Freilich ist es eine andere Seite des Heidenthums, welche sich uns in den beiden Persönlichkeiten, die hier geschichtlich auftreten, es sind nämlich die bekannten unvergeßlichen Gestalten des kanaanäischen Weibes und des römischen Hauptmannes von Kapernaum, darstellen wird. Während die Weisen aus dem Morgenland und die Hellenen, aus dem Abendland uns diejenige Seite des Heidenthums zeigen, welche die nächste Berührung hat mit der Geschichte der Offenbarung, sehen wir hier diejenige Seite, an welcher das Heidenthum am meisten dem Göttlichen abgewandt ist, woraus uns dann sofort klar wird, daß sich ein neues Gesetz der Entwickelung offenbaren soll.

Jesus war auf seinen galiläischen Wanderungen bis in die Gegend von Tyrus und Sidon hinaufgegangen und hatte damit die äußerste Grenze des israelitischen Landes betreten. Zwar war nach der ursprünglichen Bestimmung die phönizische Küste dem Erbtheil Israels zugelegt (s, 1 M. 49,13. 5 M. 33,14. Jos. 19, 28); aber dieser Küstenstrich ist von Israel niemals erobert worden, sondern in den Händen der phönizischen Kanaaniter geblieben. Jesus, der wahre Sohn Davids, der eigentliche Josua, dessen Namen er verwirklicht, hat es nicht unterlassen, dieses wahre Grenzgebiet Israels, in welches weder Josua noch Salomo gekommen ist, zu betreten. Er hat hier die Kanaaniter nicht ausgerottet, wie dem Volke Israel als dem Knechte Jehovas zur Vollziehung des göttlichen Gerichtes über den verderbtesten Theil der Heidenwelt aufgetragen war. Er ist nicht gekommen, zu richten, weil sich gezeigt hat, daß das Gericht die Menschheit nicht mehr retten kann, sintemal das Volk Gottes selber, welches das Gericht an der Welt vollziehen soll, vor allen Völkern unter dem Zorne Gottes steht. Darum hat das Betreten der Gegend von Tyrus und Sidon von Seiten Jesu den gerade entgegengesetzten Erfolg; er rettet Seele und Leib einer Kanaaniterin und ihrer Tochter aus der Gewalt der Finsterniß. Während Jesus nämlich diese Gegend durchwandelt, kommt ein kanaanitisches Weib daher und ruft mit lauter Stimme: „erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids, meine Tochter wird von einem Dämon gemißhandelt“ (s. Matth. 15, 21. 22). Wir sehen aus diesem Worte, daß die Kanaaniterin auf Jesum, als den Sohn Davids, ihr Vertrauen setzt; sie hat demnach ihrem nationalen Heidenthum entsagt und ihre Hoffnung auf Israels Verheißung gesetzt. Wir könnten nun leicht auf den Gedanken kommen, daß dadurch zwischen Jesu und ihr jede Schranke gefallen sei, und Jesus, wie er in unzähligen Fällen gethan, der Bitte um Hülfe sofort mit der Gewährung entgegenkommen werde. Aber wie wir es bereits in dem Verkehr Jesu mit den Samaritern gefunden haben, so bestätigt es sich hier aufs Neue. Das Judenthum Jesu ist nicht etwa ein Kleid, in welches er seinen Heilandsberuf einfaßt, um denselben seinen Volksgenossen, die ihn anders nicht verstehen könnten, nahe zu bringen, welches er dann, sobald er mit Anderen zu thun hat, abgeworfen hätte, um seinen weltgeschichtlichen Beruf in seiner wahren und vollen Gestalt zu zeigen. Wie er sich der Samariterin gegenüber als vollen und ganzen Israeliten ausweist und eben auf dieser Grundlage seine Menschenfreundlichkeit gegen die Fremden erst ihren wahren Werth und ihr richtiges Verständniß gewinnt, gerade so ist es auch hier. Er offenbart sich hier als denjenigen, der sehr wohl weiß, daß die Schranke zwischen Israel und Kanaan nicht eine eingebildete ist, sondern auf uralter geschichtlicher Grundlage ruht. Er, der die Schrift kennt, ohne daß er sie in den Schulen der Schriftgelehrten gelernt hat (s. Joh. 7,15. Matth. 13, 54), weißes, daß von den Tagen Noahs her der Fluch auf Kanaan ruht (s. 1 M. 9, 25.26); er weiß es, daß die Kanaaniter deshalb dem göttlichen Gericht durch die Hand Josuas verfallen waren, weil sie das Maß der Sünden voll gemacht hatten vor allen Heiden (s. 1 M. 15. 16. 3 M. 18, 24.25), und daß, wenn dieses Gericht nicht zur Ausführung gekommen, die Schuld lediglich an der Trägheit und Feigheit der israelitischen Stämme lag (s. Jos. 10, 3. Richt. 1, 21.27. 2,1-23). Jesus weiß ferner, daß seitdem Nichts geschehen ist, welches den Fluch von Kanaan hinweggenommen hätte. Zwar ist ihm wohl bewußt, daß er selber gekommen ist, allen Fluch und auch diesen von der Erde hinwegzunehmen, aber nicht etwa so, daß er den Fluch für ein finsteres Vorurtheil der alten Welt erklären und somit im Grunde durch bloße Aufklärung des Verstandes die Macht der Finsterniß vertreiben sollte. Er wußte, daß der Fluch eine reale geschichtliche Macht ist und er deshalb nur durch eine überbietende reale und geschichtliche Macht könne gebrochen werden. Ihm steht es darnach fest, daß er nur so den Fluch wegnehmen kann, daß er selber in seine Macht eingeht, sie fühlt und trägt, und also den Fluch auf seinem eigenen Grund und Boden entwurzelt, ja es muß ihm immer unmittelbarer gewiß werden, daß er selber zum Fluch werden müsse, um die Macht des Fluches vollständig auszurotten (s, Gal. 3, 13). Dieses Eingehen Jesu in die Macht des Fluches wird sich verschieden und zwar je nach den Umständen und Verhältnissen gestalten. Hier äußert sich dieses Tragen des Fluches darin, daß Jesus die Kanaaniterin anschaut als Repräsentantin ihres Volkes und somit als einen Theil der von dem Hause Gottes entferntesten und in die Tiefe des Verderbens versunkensten Menschheit. Nur so läßt sich sein Schweigen auf die flehentliche Bitte der Mutter verstehen. Der Evangelist bemerkt nämlich, Jesus habe auf den jammervollen Hülferuf der Kanaaniterin nicht ein Wort erwidert. Es ist undenkbar, daß Jesus die vorgetragene Noth nicht sollte gefühlt haben, und noch weniger anzunehmen, daß er nicht sollte ein Ohr gehabt haben für das in der Anrufung liegende Glaubensmoment der armen Heidin. Nur daraus erklärt sich das Schweigen, daß das Bewußtsein des Abstandes zwischen ihm, dem König Israels und ihr, der Vergegenwärtigung des mit dem göttlichen Fluch belasteten Namens mächtiger war, als jenes Gefühl des Mitleidens mit ihrer Noth und des Eingehens in ihren Glauben. Das, was in Jesu stillschweigend vorgeht, erhält Ausdruck, als die Jünger für die Kanaaniterin Fürbitte einlegen. Diese Fürbitte selbst trägt übrigens gleichfalls den Charakter der nationalen Exclusivität. Als Juden fühlen sich die Jünger von der Heidin zumal kanaanitischen Stammes abgestoßen, aber da sie bemerken, daß das Weib ebenso beharrlich ist in ihren Bitten, wie Jesus in seinem Schweigen, verwenden sie sich für die Kanaaniterin bei ihrem Meister lediglich aus dem Grunde, um ihrer los zu werden. Es ist im Grunde ein egoistischer Trieb bei den Jüngern, der sie gutmüthiger und mitleidiger erscheinen läßt, als den Herrn selber; es ist die schwächliche Stimmung, in welcher so manche Hülfe geleistet wird, die ein bloßer Stoff ist, dem keine Seele innewohnt. Selbst um den Preis, daß er hart erscheinen sollte, läßt sich Jesus auf solche Stimmungen und Hülfen nicht ein. Er spricht jetzt aus, was ihn abhält, seine Hülfe zu leisten: „ich bin nicht gesandt denn nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel,“ antwortet er den Jüngern. Nicht um Heiden aufzusuchen, ist Jesus nach Sidon gegangen, sondern wie einst Elia (s. 1 Kön. 17, 9) will er hier versprengte und verlorene Schafe der Heerde Israels finden und sammeln, Freilich schließt sein israelitisches Königthum die Heiden und somit auch die Kanaaniter nicht aus, sondern es schließt sie alle ein (s. Ps. 2.8. 1 M. 12, 3), aber dieses Verhältniß ist ein geschichtlich geordnetes, indem der Segen Gottes, welcher durch ihn allen Fluch brechen soll, sich zuerst in Israel auswirken soll, um sodann durch Israel zu den Heiden zu gelangen. Da nun das Bewußtsein und die Kraft des israelitischen Königthums in ihm zu jeder Zeit ganz und voll gesetzt ist, so umfaßt er auch zu jeder Zeit seines Lebens die ganze Aufgabe desselben und sind ihm deshalb auch die Heiden niemals fremd und gleichgültig und kann deshalb seine Erklärung nicht so aufgefaßt werden, als ob er von der Noth des Weibes Nichts wissen wolle. Was aber das Hervortreten der Hülfe anlangt, so weiß sich Jesus in dieser Beziehung an die Entwickelung der Geschichte und an das Gesetz der Zeit gebunden und nimmt er es mit dem geschichtlichen Gesetz so strenge, daß er keinen Sprung oder Abbruch zu machen Willens ist. Wir werden also Recht daran thun, wenn wir annehmen, daß wie Jesus hier sein Verhältniß zu den Heiden und Kanaanitern in dem tiefen Grund feines Schweigens verbirgt, dieses sein Schweigen das innerliche Eingehen seiner Liebe in die Entfernung und Gottentfremdung ist, unter welcher die Heiden und insonderheit die Kanaaniter stehen. Um so weniger, als er nach dem Gesetz seiner Geschichtlichkeit äußerlich helfen kann, um desto mehr begibt er sich innerlich unter die Macht der Hemmung, damit das, was jetzt verborgenerweise begründet wird, dereinst äußerlich offenbar werden könne. Die Kanaaniterin, welcher vermuthlich die zwischen dem Herrn und den Jüngern gepflogene Unterhandlung nicht entgangen ist, und die jedenfalls merkt, daß dieser Zwischenfall keine Veränderung in Jesu bewirkt hat, tritt jetzt näher herzu und beharrt in ihrer Bitte: „Herr, hilf mir.“ Eine so kläglich eindringende Bitte finden wir kaum jemals wieder in der evangelischen Geschichte und dennoch erfolgt so wenig ein Eingehen des Herrn, daß die Bittende vielmehr eine sehr harte Rede zu hören bekommt. Das erste Wort, das der Herr ihr sagt, ist dieses: „es ist nicht fein, das Brod den Kindern zu nehmen und es den Hunden hinzuwerfen.“ Den Ernst dieser Worte hat man vielfach so unnatürlich gefunden, daß man gemeint, der Herr habe lediglich deshalb so geredet, weil er das Vertrauen der Kanaaniterin absichtlich auf eine harte Probe stellen wollte. In untergeordneten Fällen kommt es allerdings vor, daß der Herr den Sinn seiner Umgebung auf eine Probe stellt (s. Joh. 6, 6); aber hier ist die Sachlage eine zu ernsthafte, als daß wir zu einer solchen Annahme unsere Zuflucht nehmen dürften. In der That brauchen wir auch unseren bereits betretenen Weg nur weiter zu verfolgen, um den ganzen Ernst jener Worte Jesu zu verstehen und zu erkennen, daß die darin liegende Härte von Jesu nicht eher ausgesprochen wird, als bis er sie selber getragen und sie in sich selber überwunden hat. Die Vergleichung zwischen den Kindern und den Hunden schließt sich eng an das Verhältniß, welches die Schrift von Alters her zwischen den Gesegneten Jehovas und den zum gemeinsten Knechtsdienst verurtheilten Kanaanitern festgesetzt hat (s. 1 M. 9, 25. 26), und welches sogar bei den in das erschlichene Bündniß mit Israel aufgenommenen Gibeoniten einem kanaanitischen Stamm sich ausprägte (s. Jos. 9, 21-27). Hier spricht es Jesus ganz deutlich aus, was wir aus den Umständen ableiten mußten, daß er die Kanaaniterin als eine Repräsentantin ihres Volkes anschaut und dieses Volk in strenger Gemäßheit der heiligen Geschichte auffaßt. Wer nun meinen könnte, Jesus hätte diese harte Folge des über Kanaan verhängten Fluches mit bloß verstandesmäßiger Consequenz auf das arme Weib angewendet und mit logischer Kälte dieselbe ausgesprochen, wie wir Aehnliches in unseren Tagen von sogenannten Gläubigen nicht selten in Bezug auf die Juden hören müssen, der hätte Jesu noch niemals ins Herz geschaut, ihn überall noch nie gesehen und erkannt. Nein, zuvor hat er selber diesen Fluch der Knechtschaft in seinem Herzen gefühlt und getragen, ehe sein Mund das harte Wort dem Weibe zuruft, er hält es nicht zurück, weil er die ganze Wahrheit sagen muß, um die vollständige Hülfe bringen zu können. Daß dieser tiefe Liebesgrund der eigentliche Sinn des Wortes Jesu ist, beweist uns das Verhalten der Kanaaniterin selber, wenn wir es in seiner Bestimmtheit uns klar machen wollen. Sie erkennt die volle Wahrheit des harten Wortes ohne Vorbehalt an und unterstellt sich demselben mit voller Willigkeit und in solcher rückhaltslosen Hingabe an die Wahrheit gelingt es ihr, sich nicht etwa nur durch das harte Wort nicht zurückschrecken zu lassen, sondern eben in diesem Worte selber einen neuen Stützpunkt für ihre Bitte zu finden. Sie spricht: „ja, Herr, denn es essen ja die Hündlein von den Brosamen, die von dem Tische ihrer Herren abfallen.“ Mit Recht ist von jeher in der christlichen Kirche diese Wendung der Kanaaniterin Gegenstand der Bewunderung und Verehrung gewesen. Man hat darin immer die unnachahmliche Natursprache der mit unerschütterlicher Zuversicht verbundenen Demuth erkannt. Fragen wir aber, welches ist der letzte Grund dieser wunderbaren Erscheinung, so wollen wir zwar nicht übersehen den ganz außerordentlichen Grad der Empfänglichkeit, in welcher dieses heidnische Weib als ein Stern erster Größe für alle Zeiten und Geschlechter leuchtet, und wir werden finden, daß der Herr selber sie so für immer gezeichnet hat, aber was hat denn diese Empfänglichkeit geweckt und befruchtet? Dies ist doch schließlich nichts Anderes, als die Erscheinung Jesu selber. Von seiner Leutseligkeit und Barmherzigkeit, von seiner Hülfe und Wundermacht hat die Kanaaniterin in der Nacht ihrer Trübsal vernommen und sofort fällt der Strahl des Vertrauens auf diesen Retter in ihre Seele. Da sie von dem Sohne Davids weiß, so kennt sie auch die Kluft, welche sie von dem Volke Gottes trennt; aber der Eindruck, den sie von Jesu empfangen hat, zeigt ihr eine Liebe, welche auch über diese Kluft eine Brücke baut. In solchem Vertrauen macht sie sich auf und ihr sehnendes und hoffendes Auge schaut ihn und findet Alles überschwenglich bestätigt, was sie sich von ihm gedacht hatte. Sollte sie sich durch sein Schweigen und seine Strenge irre machen lassen? Sie versteht Beides sehr wohl, weil sie Beides in der Wahrheit begründet findet, und eben dadurch wird es möglich, in den verborgenen Grund, der Beides trägt, hineinzuschauen. Wenn der Herr ihren Glauben groß nennt und dann thut, was sie geglaubt hat, so übersieht man gewöhnlich, daß dies Wort weit über die Subjectivität der Kanaaniterin hinausweist und schließlich den tiefsten Grund in dem Verhalten des Herrn selber aufdeckt. Ein Glaube im Sinne Jesu kann durch nichts Geringeres entstanden sein, als durch den göttlichen Gegenstand, auf welchen er sich bezieht, ein großer Glaube kann daher auch nicht anders entstehen, als durch entsprechende Selbstbeweisung seines göttlichen Objects. Der große Glaube der Kanaaniterin kann demnach nichts Anderes sein, als der subjective Reflex der großen Liebe Jesu, welche sich auch der Heiden und selbst der Verfluchten erbarmt. Diese Liebe muß also dagewesen sein nicht nur als Jesus sein helfendes Wort sprach, sondern auch vorher, als das Weib ihren großen Glauben bewies; sie ist also dagewesen auch in der abschreckenden Hülle des Schweigens und der abweisenden harten Worte, womit eben bewiesen ist, was wir oben voraussetzten. Weil nun aber diese schweigende und verdeckte Gestalt der Liebe Jesu zu den Heiden sonst nicht verstanden und erkannt wird, so kann sie sich auch in der Regel nicht äußern und wirksam werden, sondern muß die Zeit abwarten, bis sie in ihrer offenbaren Gestalt auftreten kann, wie in der Predigt des Apostel Paulus. Hier ist aber eine Ausnahme, die Kanaaniterin dringt mit dem Auge ihres Glaubens durch diese finstere Decke hindurch und erfaßt die Liebe Jesu auch in dieser verhüllten Gestalt. Darum preist er auch ihren Glauben groß, was er sonst niemals gethan hat, während er die Kleingläubigkeit und den Unglauben der Apostel oft gescholten hat. Und dieser große Glaube des kanaanitischen Weibes wird demnach der Grund, daß der Herr auch in der Zeit, als sein äußerlicher Beruf nur noch auf Israel beschränkt war, der Kanaaniterin Hülfe gewährte.

Eine andere Seite des Heidenthums, aber eine entsprechende, repräsentiert der römische Hauptmann von Kapernaum. Das römische Weltreich ist nach dem Buche Daniels das letzte, in diesem also faßt sich die ganze Summe der menschlichen Verkehrtheit von Anfang bis zu Ende zusammen, welcher innere Charakter auch in den danielischen Bildern ausgedrückt ist. Während das erste Weltreich durch Gold dargestellt wird, tritt in dem vierten Weltreich Eisen und Thon an die Stelle des Goldes, ähnlich wie bei den Griechen die immer zunehmende Verschlechterung der Menschheit in der Stufenfolge der Weltalter versinnbildlicht wird. Und ebenso ist nach Daniel das Thier des vierten Weltreiches entsetzlicher, als die Thiere der vorausgehenden Reiche (s. Dan, 2, 32. 33. 7, 3-7). Der eiserne Charakter des vierten Weltreiches, der selbst in dem Bilde des vierten Thieres ausgedrückt ist, indem ihm eiserne Zähne beigelegt werden, weist hin auf die große Zerstörungskraft des römischen Reiches. Die Römer zerstörten die noch übrige Selbstständigkeit und Freiheit der Nationen, sie waren, wie der Brite Galgacus sagt, die Räuber des Weltrundes. Das Mittel, durch welches die Römer diese Gewalt .in der Welt übten, waren ihre Legionen. In dem römischen Soldaten ist demnach die schärfste Spitze des vierten Weltreiches und muß derselbe als ein besonderer Auswuchs heidnischer Corruption angesehen werden, wie auch die römische Kriegsgeschichte dafür Belege genug enthält. Während also die Kanaaniterin vorzugsweise die heidnische Vergräuelung repräsentiert, sollen wir in dem römischen Hauptmann einen Repräsentanten der heidnischen Gewaltthat und Ungerechtigkeit erkennen. Auch hier ist die Vermittelung zwischen den Heiden und Jesus das Volk Israels. Der römische Hauptmann hat offenbar schon längere Zeit in Kapernaum seine Station gehabt, wie aus dem Berichte des Lukas hervorgeht (s. Luk. 7, 1-10). Er hat ein sehr genaues Verhältniß zu den Aeltesten der jüdischen Gemeinde in Kapernaum, diese sind es, welche er zu Jesu entsendet und welche aus eigenem Triebe die Bitte des Hauptmannes an Jesum unterstützen, indem sie hinzufügen: „er ist es werth, daß du ihm solche Bitte gewährst, denn er liebt unser Volk und hat uns die Synagoge erbaut.“ Hier sehen wir das gewohnte Wesen eines römischen Kriegers in das gerade Gegentheil verwandelt, an der Stelle der Gewaltthat, Beraubung und Grausamkeit gegen die unterjochten Nationen ist hier Liebe und Pflege der höchsten Güter desjenigen Volkes, welches den Römern das verhaßteste war, welches ihre Dichter verspotten und einer ihrer besten Geschichtschreiber mit den gehässigsten Farben gezeichnet hat. Dazu kommt ein anderer Zug, der diesen Hauptmann gleichfalls von dem herrschenden Wesen eines vornehmen und wohlhabenden Römers sehr merklich unterscheidet. Die ganze Anstrengung und Bemühung um die Hülfe Jesu, welche für den Hauptmann keine geringe war, gilt der Sorge um einen kranken Knecht, den er werth hielt, schreibt Lukas. Ein Sklave ist nach den Begriffen des Alterthums nach dem Urtheil nicht etwa nur des vornehmen Pöbels, sondern der Gebildetsten und Edelsten ihrer Zeitgenossen nicht sowohl eine Person, als vielmehr nur eine Sache. Dieser Römer bemüht sich um seinen Knecht, als wäre es sein Sohn. Diese humane, wohlwollende und dem Volke Gottes zugewandte Gesinnung des Römers vollendet sich aber in seinem Verhalten gegen Jesum. Die Vermuthung liegt nahe, daß zur Zeit des Herodes Antipas in Kapernaum der galiläischen Stadt nur eine einzige römische Centurie lag, der Hauptmann demnach das höchste Commando an diesem Orte inne hatte, dann galt er ohne Zweifel als die vornehmste Person der Stadt. Dennoch geht er in seiner Herzensangelegenheit aus Bescheidenheit nicht selbst zu Jesu, sondern entsendet die Aeltesten der jüdischen Gemeinde aus dem Grunde, weil er sich selbst nicht für würdig hielt, sich unmittelbar an Jesum zu wenden (s. Luk. 7, 7). Und als Jesus sich aufmacht, ihn in seinem Hause aufzusuchen, sendet er ihm seine Freunde entgegen und verbittet sich diese Ehre, weil er sich nicht für würdig hielt, wie er erklären läßt, daß der Herr unter sein Dach komme. Wie er das versteht, ist aus den von ihm berichteten wenigen Zügen leicht zu entnehmen. In den allgemein verachteten Juden sieht und verehrt er das Volk Gottes und der heiligen Offenbarung Gottes in Israel gegenüber erscheint ihm sein Römerthum als unreines Heidenthum. Wenn er sich nun so zu den Juden stellt, wie tief muß er sich demüthigen vor dem, den er nach seiner Sinnesart aus dem von ihm vorhandenen Rufe bald als den göttlichen Propheten und König Israels erkannte! Seine Demuth besteht darin, daß er sich ohne Rückhalt in die Wahrheit seines Standes ergibt, gerade wie wir es bei der Kanaaniterin gefunden haben. Aber auch die andere Seite ist bei dem Hauptmann eben so rein ausgebildet, wie bei jenem heidnischen Weibe. Diese Demuth hat Nichts gemein mit gesinnungsloser Feigheit, mit niederträchtiger Haltlosigkeit. Die Kehrseite der Demuth ist der unerschütterliche Glaube an Jesu Macht und Liebe. Es bedarf nicht der leiblichen Gegenwart, läßt er Jesu sagen, er brauche nur ein Wort zu sprechen, dann werde der Knecht gesund, denn Jesu standen die Wunderkräfte ganz ebenso zu Gebote, wie dem Hauptmann seine Soldaten und Sklaven. Als Jesus das hörte, erzählt Lukas, da verwunderte er sich über diesen Menschen und wandte sich zu den Umstehenden und sagte: „einen solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.“ Jesus verwunderte sich über den Glauben des Hauptmannes, wie er sich verwunderte über den Unglauben der Nazaretaner (s, Marc. 6, 6). Diejenigen, deren erster und letzter Gedanke in der Christologie immer die göttliche Transscendenz und die immanente Trinität ist, können sich bei diesem Ausdruck nicht bloß gar Nichts denken, sondern sollten ihn billig, wenn sie anders consequent wären, geradezu für häretisch halten, denn nach ihrem Maßstab ist er nothwendig ebionitisch und rationalistisch. Wie kann Einer, dem die göttliche Allwissenheit und Ewigkeit innewohnt, sei es nun verborgener- oder offenbarerweise, wie kann ein Solcher sich über irgend Etwas wundern? Die Verwunderung kann schlechterdings nicht zu Stande kommen, wo nicht ein theilweises Nichtwissen mit dem Wissen verbunden ist. Da wir uns vor dieser scheinheiligen Ueberspanntheit und Ungeschichtlichkeit zu schützen gesucht haben, so werden wir an diesem evangelischen Ausdruck keinen Anstoß nehmen können, aber zum Stillestehen nöthigt er uns allerdings. Denn dazu ist er eben gerade gewählt. Wenn der, welcher weiß, was im Menschen ist (s. Joh. 2, 35), sich über einen Menschen verwundert, so ist das freilich noch etwas ganz Anderes, als wenn wir, weil wir so selten in dem göttlichen Lichte wandeln, und daher uns so leicht durch den Schein täuschen lassen, durch plötzlich hervortretendes Gutes oder Böses überrascht werden. Wenn Jesus sich wundert, so wird damit auf die verborgenste und verschlossenste Tiefe des Geheimnisses, welches im Menschen durch das Walten der geistigen Mächte, der guten oder der bösen, zu Stande kommt, hingewiesen. Als Jesus die Reinheit und Festigkeit des Glaubens vernimmt, der in diesem römischen Heiden durch seine Erscheinung gewirkt worden war, da schaut er in die geheimste Tiefe der menschlichen Empfänglichkeit für das Göttliche, welche auch da vorhanden ist, wo die ganze geschichtliche Entwickelung das Weltbewußtsein zur höchsten Höhe der Gottlosigkeit emporgetrieben hat. Da er nun sich dazu gekommen weiß, um alle in der menschlichen Natur liegende Empfänglichkeit für Gott zu erwecken und zu befriedigen, so wird er durch die Wahrnehmung dieses wunderbaren Glaubens in einem Heiden, der das letzte Ende der verlorenen Menschheit repräsentiert, im Geiste gehoben und schaut schon in die Zeit, in welcher die Heiden auch ohne Anschließung an das gegenwärtige Israel, welches vielmehr um seines Unglaubens willen ausgeschlossen werden wird, vom Morgen und Abend herankommen werden, um im Himmelreich mit den Urvätern zu Tische zu sitzen (s. Matth. 8, 12). Indem Jesus den Glauben der Heiden mit dem Glauben in Israel vergleicht, wird ihm klar, daß die bisherige Ordnung sich umkehren wird, daß nämlich die bisherige Gottesnähe Israels zum Hemmniß für das Himmelreich, die bisherige Gottesferne der Heiden dagegen zur Förderung des Glaubens gereichen wird, welche Umkehrung in den Tagen des Apostel Paulus als weltgeschichtliche Thatsache auftritt.

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